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Übersetzung (Sprache)

Übersetzung (Sprache)

Unter Übersetzung versteht man in der Sprachwissenschaft: # die Übertragung eines schriftlichen Textes von einer Ausgangssprache in eine Zielsprache; sie wird auch als Übersetzen bezeichnet # das Ergebnis dieses Vorgangs Die Übersetzung fällt gemeinsam mit dem Dolmetschen unter den Begriff Sprachmittlung. Ein maßgeblicher Unterschied liegt darin, dass beim Übersetzen schriftlich und beim Dolmetschen mündlich gearbeitet wird.

Problemstellungen

Idealerweise wählt der Übersetzer jene Ausdruckweise in der Zielsprache, die ein Muttersprachler in derselben Kommunikationssituation gebrauchen würde. Nicht immer kann ein Wort in der Ausgangssprache durch ein Wort in der Zielsprache 1:1 ersetzt werden (wie z.B. bei Farben oder Zahlen), oft müssen größere Sinneinheiten als Ganzes übertragen werden (z.B. Sprichwörter, Höflichkeitsfloskeln u. Ä.) Die Wahl der richtigen Übersetzungseinheit ist also eine der Techniken, die sich Übersetzer aneignen müssen. Zwei Sprachen unterscheiden sich aber auch auf formaler Ebene. Oft gibt es in der Ausgangssprache Wörter, die in der Zielsprache fehlen. So gibt es im Schwedischen keinen Oberbegriff "Großvater", sondern nur "Großvater mütterlicherseits" (morfar) und "Großvater väterlicherseits" (farfar) und im Französischen oder Englischen gibt es keinen Ausdruck für "Betriebsblindheit". Aber auch beim Satzbau oder dem bevorzugten Gebrauch von Zeitwort- oder Hauptwortkonstruktionen gibt es Unterschiede. Wenn der Übersetzer die Strukturen der Ausgangssprache stur in die Zielsprache überträgt, wirkt die Übersetzung unter Umständen gekünstelt und unidiomatisch. Die englische Formulierung "it's nice and warm" würde zum Beispiel wörtlich übertragen mit "es ist schön und warm" ziemlich "undeutsch" klingen. Idiomatisch wäre dagegen "es ist schön warm". Ebenso ist "bread and butter" ein "Butterbrot" und nicht "Brot und Butter". Bei der Übersetzung müssen daher auch Fragen der Stilistik berücksichtigt werden. Oberster Grundsatz ist dabei: "So wörtlich wie möglich, aber so frei wie nötig übersetzen". Neben den sprachlichen Unterschieden muss auch die Textsorte und die Zielgruppe der Übersetzung berücksichtigt werden, denn eine wissenschaftliche Abhandlung wird anders formuliert als eine Zeitungskolumne. Manchmal kann der Grundsatz, die Übersetzung soll eine Ausdruckweise enthalten, die ein Muttersprachler gebrauchen würde, nicht verwirklicht werden, z.B. bei Eigennamen und Sachverhalten, die es in der Zielsprache nicht gibt. Dann stellt sich die Frage, ob die Ausgangskultur durchscheinen soll? Wie übersetze ich Rhythmik und Ausstrahlung eines Textes? Eine weitere Frage ist, wie man mit Fehlern in den Quelltexten umgeht. So legt die technische Übersetzung beispielsweise Wert auf das Muttersprachen- und Ziellandprinzip, wogegen es für die Übersetzung von Romanen in der Regel sinnvoll ist, den kulturellen Hintergrund der Ausgangssprache soweit möglich zu bewahren.

Philosophische Implikationen

Die Übersetzung ist seit jeher ein Thema der Hermeneutik, der Sprachphilosophie und der Erkenntnistheorie. Die Hermeneutik thematisiert das Phänomen der Übersetzung als Erfahrung von Distanz und Andersartigkeit (Alterität). Auch der für die Hermeneutik so wichtige Umgang mit Überlieferung und Tradition schließt oft die Notwendigkeit der Übersetzung ein. Dabei haben verschiedene Philosophen darauf aufmerksam gemacht, dass der Übersetzer stets in seinem eigenen Horizont steht, in den er das Produkt seiner übersetzerischen Bemühungen einordnen muss. Ein bloßes Übertragen des Textinhaltes von der Quell- in die Zielsprache ist daher nicht möglich. Der Übersetzer muss sich entscheiden, ob er den notwendigerweise fremdartigen Text an die eigene Sprache angleicht und dessen Fremdartigkeit so zu verdecken versucht, oder ob er diese Fremdartigkeit gerade mit den Mitteln der eigenen Sprache nachbilden möchte. Beide Verfahren sind legitim, eine Entscheidung, welche Version "näher" am Original ist, lässt sich nicht allein durch Verweis auf die Textgrundlage fällen. Ein Beispiel wäre die Übersetzung von Sprichwörtern, für die man entweder ein Pendant der eigenen Sprache suchen kann, oder das man wörtlich überträgt, um die Andersartigkeit der Sprichwortbildung der fremden Sprache zu demonstrieren. Dabei ist das hier beschriebene Phänomen nur eine von vielen Ausprägungen desselben Phänomens: dem Umgang mit Distanz und Überlieferung. In der Sprachphilosophie ist das Problem der Übersetzung von Interesse aufgrund der These, dass gerade im Übergang von einer Sprache in die andere sich das Wesen von Sprache, Bedeutung und Sinn ergründen lässt.

Übersetzungswerkzeuge

Die Maschinelle Übersetzung (MT) ist der Versuch, ohne "menschliche" Mithilfe mittels eines Computerprogrammes Übersetzungen automatisch durchzuführen. Die Textqualität solcher computererzeugten Übersetzungen reicht aber an Humanübersetzungen nicht heran. Lediglich stark normierte Texte wie z.B. Wettervorhersagen lassen sich gut maschinell übersetzen (das wird im zweisprachigen Kanada praktiziert). Als Zwischenlösung verstehen sich maschinelle Übersetzungssysteme, die vor der Übersetzung eine Analyse der zu übersetzenden Texte durchführen um dann einen menschlichen Operator die Möglichkeit zu geben unklare oder mehrdeutige Quelltexte zu modifizieren. Bei diesen Systemen ist der menschliche Anteile am Ergebnis der Übersetzung relativ hoch. Bei der maschinellen Übersetzung wird dann zusätzlich noch auf umfangreiche Terminologiedatenbanken und auf Translation Memories zurückgegriffen, so dass das Ergebnis eine durchaus vertretbare Übersetzungsqualität erreicht. Der Fortschritt beim menschlichen Übersetzen besteht in der Entwicklung von Übersetzungshilfen: Terminologiedatenbanken und Übersetzungsspeicher (Translation Memories), die in einem zu übersetzenden Text Formulierungen automatisch erkennen, die schon einmal übersetzt und gespeichert wurden, und die die gespeicherte Übersetzung dann zur Übernahme vorschlagen. Auch das Internet hat zur Verbesserung der Übersetzungsqualität beigetragen, da ein Übersetzer dort überprüfen kann, ob eine Formlierung in der Zielsprache möglich und/oder in der jeweiligen Textsorte üblich ist. In der MAHT (Machine-Aided Human Translation) oder auch CAT (Computer Aided Translation) benutzt ein professioneller Übersetzer ein Translation Memory, in dem bereits übersetzte Sätze gespeichert sind. Für den erfolgreichen Einsatz von Translation Memories ist das übersetzungsgerechte Schreiben des zu übersetzenden Textes ein besonders wichtiger Aspekt. Das Produkt einer Translation (Übersetzung) wird als Translat bezeichnet. Gängige Vorurteile gegenüber Übersetzungen sind:
- Es sind neutrale Übertragungen objektiver Informationen.
- Jeder mit Kenntnis einer Fremdsprache kann die Qualität beurteilen.
- Übersetzungen von Poesie lassen sich nicht anfertigen, denn sie weichen zu sehr vom Original ab. Richtig ist:
- Eine Übersetzung ist eine hochkomplexe "Schreibkunst", die übergreifendes Fachwissen aus unterschiedlichen Bereichen erfordert.
- Zur Qualitätskontrolle muss man die Konstruktionsprinzipien der Sprachen und der Kommunikation verstanden haben.
- Zur Übersetzung muss man den Inhalt des Ursprungstextes in seinen verschiedenen Kontexten verstanden haben. Einen guten Einblick in die Übersetzungspraxis mit Übersetzungsbeispielen gibt anhand von Herman Melvilles "Moby Dick" ein Artikel von [http://literaturbeilage.zeit.de/show_article?ausgabe_id=2&artikel_id=200147_LB-L-Moby-Dick-2&rubrik_id=124 Dieter E. Zimmer]

Projekte

Zu diesem Thema förderte die DFG an der Uni Göttingen den SFB 309 "Die Literarische Übersetzung (abgeschlossen 1996).

Siehe auch

Falsche Freunde, AAMT, Terminologie, Software-Lokalisierung, Bibelübersetzung, Schematransformation und -integration

Weblinks


- [http://translation.wikicities.com/ Das Übersetzungs-Wiki] - bei Wikicities - leer und nicht hilfreich
- [http://dict.tu-chemnitz.de/ Deutsch<->Englisch TU Chemnitz] - gutes und schnelles OnlineWöBu für erste Recherchen, über 1.000.000 PV/Tag
- [http://dict.leo.org/ LEO Dictionary] - deutlich grösseres und informatives OnlineWöBu
- [https://sourceforge.net/projects/sitetranslator/ Internationale Webseiten erstellen (PHP)]
- [http://www.interscript.info/gloss Glossar zu Begriffen aus dem Bereich der Übersetzung]
- [http://www.bdue.de/ Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V.]
- [http://www.kosmolingua.de/ Wortübersetzung von 200 Sprachen in 200 Sprachen]
- [http://www.monabaker.com/tsresources/links.htm Links für Übersetzer und Linguisten, Akademiker] - große Linksammlung rund um Übersetzungswissenschaften
- [http://europa.eu.int/eurodicautom/Controller EuroDicAutom] hochqualitative multilinguale Datenbank der EU-Kommission
- [http://www.schnelluebersetzer.de] hochqualitative multilinguale Uebersetzungen

Übersetzungsbranche und Informationen


- [http://uepo.de UePo - Nachrichten Portal] wenige, unregelmäßige Nachrichten, Übersetzerverzeichnis betrieben von Übersetzungagentur
- [http://www.babelport.de/ babelport Informations- und Projektportal DE/EN] - DE/EN wenig Projekte aber täglich informative Nachrichten und Artikel zu CAT, Standards, Branche, Stipendien etc.
- [http://www.xlatio.de XLATIO - Tor zur Welt des Übersetzens und Dolmetschens] - Informationsportal der Leipziger Translationswissenschaft , leider nicht mehr aktualisiert
- [http://www.translationdirectory.com translationdirectory - Artikelsammlungen und Datenbanken von Übersetzern und Agenturen] kommerziell, aber informative und reiche Artikelsammlung freizugänglich
- [http://www.commonsenseadvisory.com/en/research/market_data.htm Die 20 grössten Sprachdienstleister der Welt] - Common Sense Advisory Studie in Englisch (Ranking of Top 20 Translation Companies) (Registrierung erforderlich) - Artikel auch veröffentlicht: [http://www.babelport.com/articles/60 Die 20 grössten Sprachdienstleister der Welt] und [http://www.translationdirectory.com/article523.htm Die 20 grössten Sprachdienstleister der Welt]

Verbände


- [http://www.fit-ift.org/ Internationaler Übersetzerverband (FIT)]
- [http://www.bdue.de Bund deutscher Übersetzer und Dolmetscher e.V. (BDÜ)]
- [http://www.aticom.de Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher e.V. (ATICOM)]
- [http://www.adue-nord.de Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland e.V (ADÜ)]
- [http://www.literaturuebersetzer.de Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ) - Bundessparte Übersetzer im Verband deutscher Schriftsteller (VS) in Ver.di]
- [http://www.dgud.de/ Deutsche Gesellschaft für Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft]
- [http://www.universitas.org/ Österreichischer Übersetzerverband Universitas]

Literatur


- Judith Macheiner, Übersetzen, Ein Vademecum, ISBN 3-492-23846-7 Kategorie:Übersetzung !bersetzung (Sprache) ja:翻訳 ko:번역 ms:Terjemahan simple:Translation

Sprachwissenschaft

Sprachwissenschaft ist ein Sammelbegriff für alle Wissenschaften die in irgendeiner Form Sprache untersuchen. Sie ist ein Teilgebiet der Semiotik. Die Bezeichnung Linguistik wird vielfach synonym verwendet, im strengen Sinne ist Linguistik jedoch die Allgemeine Linguistik, und nur ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft.

Teilgebiete


- Allgemeine Linguistik, die Untersuchung von Sprache als abstraktes System
- Graphemik, die wissenschaftliche Untersuchung von Schrift als Sprachsystem
- Lexikologie, die Lehre von den Strukturierungen im Wortschatz
- Dialektologie, die Lehre von Dialekten
- Philologie, die sprach-, literatur- und kulturwissenschaftliche Untersuchung einzelner Sprachen
- Interlinguistik, die Untersuchung der internationalen Kommunikation, Sprachpolitik und den Plansprachen
- Paläolinguistik, die Untersuchung der Entstehung menschlicher Sprache
- Sprachphilosophie, die philosophische Betrachtung von Sprache und ihrer Verwendung
- Vergleichende Sprachwissenschaft, die vergleichende Untersuchung von Sprachen
  - Kontrastive Linguistik, die synchron-vergleichende Untersuchung von Sprachen
  - Historische Linguistik, die diachron-vergleichende Untersuchung von Sprachen
- Korpuslinguistik

Verwandte Wissenschaften


- Medienwissenschaft
- Kommunikationswissenschaft

Bekannte Sprachwissenschaftler (Auswahl)


- Ivar Aasen, begründete die neunorwegische Schriftsprache Landsmål (heute Nynorsk)
- Karl Bühler
- August Ferdinand Bernhardi
- Jacob Grimm & Wilhelm Grimm sind die Begründer der Deutschen Philologie
- Gustave Guillaume
- Wilhelm von Humboldt hat die Vergleichende Sprachwissenschaft begründet
- Antoine Meillet beschäftigte sich mit den indoeuropäischen Sprachen
- Ferdinand de Saussure gilt als Begründer des Strukturalismus und prägte den zweiseitigen Zeichenbegriff
- August Schleicher gilt als Begründer der Stammbaumtheorie in der vergleichenden Sprachforschung
- Johannes Schmidt gilt als Begründer der Wellentheorie

Weiterführende Angaben

Siehe auch

Portal:Sprache, Kommunikationswissenschaft, Relator, Sprachphilosophie, Konkomitanz

Weblinks


- [http://www.uni-duisburg-essen.de/germanistik/ E-Learning und Germanistik] (Webangebot der Germanistik der Universität Duisburg-Essen mit zahlreichen E-Learning-Kursen. Hier ist u.a. auch das Webangebot von Linse (Linguistik Server Essen) angesiedelt.)
- [http://www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/771860 Es werde Wort – und zwar schnell!] Ein Bericht über die „rasante Entwicklung von Sprache"
- [http://www.wissenschaft.de/wissen/news/249202.html Mathe ist sprachlos – Zum Erfassen mathematischer Prinzipien ist Sprache nicht notwendig.] Bericht in www.wissenschaft.de über eine Publikation im PNAS

Literatur


- Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart, ISBN 3-520-45202-2.
- Csaba Földes: Interkulturelle Linguistik. Vorüberlegungen zu Konzepten, Problemen und Desiderata. Veszprém: Universitätsverlag/Wien: Ed. Praesens 2003 (Studia Germanica Universitatis Vesprimiensis, Supplement; 1). ISBN 3-7069-0230-3 und ISBN 963-9495-20-4.
- Ludger Hoffmann: Sprachwissenschaft: Ein Reader. de Gruyter, 2000. ISBN 3-11-016896-0.
- George Yule: The study of language. Cambridge University Press, 1996. ISBN 0-521-56851-X.
- Peter Koch: Wozu Linguistik? In: Florian Keisinger u. a. (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte, Frankfurt a. M./New York 2003 Kategorie:Semiotik Kategorie:Sprache ! fiu-vro:Keeletiidüs ja:言語学 ko:언어학 th:ภาษาศาสตร์ zh-min-nan:Gí-giân-ha̍k

Dolmetscher

Als Dolmetscher (früher Tolmetsch; ung. Tolmács, türkisch "dilmaç", poln. Tłumacz, türk. Tercüman, ar. ترجمان) wird eine Person bezeichnet, die im Gegensatz zum Übersetzer gesprochenen Text (geringfügig zeitversetzt) mündlich oder mittels Gebärdensprache (s. Gebärdendolmetscher) von einer Sprache in eine andere überträgt (meist der Muttersprache des Dolmetschers). Im Gegensatz zum Übersetzen, ist das Dolmetschen zum einen durch die Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes, zum anderen durch „non verbale“ Faktoren beim Redner, wie Gestik, Mimik und dessen allgemeine Körpersprache, aber v. a. auch Redegeschwindigkeit und -verständlichkeit geprägt. Diese Faktoren sind beim Dolmetschen zu berücksichtigen.

Dolmetsch-Arten und Geschichte

Zum ersten Mal in größerem Umfang wurden (Simultan-)Dolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen eingesetzt. Man kann folgende Dolmetsch-Arten unterscheiden:

Konferenzdolmetschen

Konferenzdolmetscher arbeiten simultan oder konsekutiv bei Fachkongressen oder in der Politik. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Die Ausbildung (4-6 Jahre Diplom oder 2 Jahre M.A. postgradual nach abgeschlossenem Erststudium in BWL, Jura, IngWiss oder Medizin) umfasst unter anderem die benötigte spezielle inhaltsbasierte Notizentechnik für das Konsekutivdolmetschen sowie wissenschaftlich fundierte Entwicklung von Strategien für das Simultandolmetschen.

Flüsterdolmetschen

Flüsterdolmetschen, auch „Chuchotage“ (von frz. „chuchoter“, „flüstern“) genannt, ähnelt zwar dem Simultandolmetschen (s.u.), läuft jedoch im Gegensatz zu diesem ohne jegliche technische Hilfsmittel ab. Die Verdolmetschung findet im Flüsterton und meist nur für ein oder zwei Personen statt.

Konsekutivdolmetschen

Beim Konsekutivdolmetschen erfolgt die Verdolmetschung ohne Dolmetschanlage direkt vor den Zuhörern. Es handelt sich um die klassische Form des Dolmetschens im Anschluss („konsekutiv“). Der Dolmetscher macht sich während des Vortrags in einer (nach Matyssek oder Rozan entwickelten, nach den persönlichen Anforderungen angepassten) Notizentechnik, die nicht mit Stenografie zu verwechseln ist, Notizen, die er dann in der Zielsprache vorträgt. Die zu dolmetschende Rede wird im Anschluß vollständig (bis zu 30 Minuten) bis in kleinste Nuancen getreu wiedergegeben. Dies ist nicht zu verwechseln mit dem Gesprächs- oder Satz-für-Satz Dolmetschen, das auch von ausgebildeten Übersetzern ausgeführt werden kann und bei dem meist nach ein paar Sätzen unterbrochen wird, um die Verdolmetschung zu ermöglichen. Da Konsekutivdolmetschen aufgrund des „Wechselspiels“ Redner – Dolmetscher – Redner – Dolmetscher … sehr zeitaufwändig ist, wird es heute nur noch selten auf Konferenzen genutzt, dafür umso häufiger bei Autorenlesungen oder Publikumsgesprächen auf Festivals o. Ä.

Simultandolmetschen

Beim Simultandolmetschen hört der Dolmetscher den Redner über Kopfhörer in einer speziellen Kabine (Dolmetscherkabine) und dolmetscht über Mikrophon etwas zeitversetzt, aber für den Laien scheinbar zeitgleich („simultan“) in die Zielsprache. Diese Art des Dolmetschens ist psychisch wie physisch sehr anstrengend, da es eine ausgefeilte Dolmetschtechnik- und -kompetenz voraussetzt. Aus diesem Grunde bestehen Dolmetscher-Teams beim Simultandolmetschen fast immer aus zwei, bei Fachkongressen aus drei Personen, die sich alle 20 bis 30 Minuten abwechseln.

Verhandlungs- bzw. Gesprächsdolmetschen

Diese Art des Dolmetschens wird hauptsächlich in kleinerem Kreis bei bilateralen (geschäftlichen oder politischen) Verhandlungen eingesetzt. Hierbei werden Gesprächsabschnitte nach einander ohne Einsatz einer Dolmetschanlage übertragen. Diese Tätikeit wird häufig von Übersetzern übernommen, da eine spezielle Ausbildung im Simultan- und Konsekutivdolmetschen nicht zwingend notwendig ist.

Sonstige Formen

In jüngster Vergangenheit sind mit neuen Unterhaltungs- und Informationstechnologien sowie der Zunahme von Live-Auftritten im Kulturbereich (Festivals, Galas usw.) weitere Arten des Dolmetschens entstanden. Beim „Mediendolmetschen“ in Hörfunk und Fernsehen soll möglichst zeitnah gedolmetscht werden, damit kein Sendeloch entsteht. Mediendolmetscher haben eine besonders geschulte Stimme, um neben den anderen professionellen Sprechern bestehen zu können. Für Dolmetschsituationen vor Publikum werden verstärkt „Bühnendolmetscher“ eingesetzt, die darüber hinaus oft eine Ausbildung als Moderator oder Journalist absolviert haben. Eine sehr wichtige Rolle spielen öffentlich bestellte Dolmetscher (neben ebensolchen Übersetzern) im Gerichtswesen, die in Deutschland zuvor allgemein beeidigt werden und meist staatlich geprüft werden müssen. Dennoch werden von den Gerichten gelegentlich auch ungeprüfte Dolmetscher herangezogen. Dieser Umstand kann die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit verletzen. Das Grundgesetz garantiert jedem Menschen, der die Gerichtssprache nicht versteht, die Beiordnung eines Dolmetschers bzw. Übersetzers. Wenn nicht qualifizierte Personen als Gerichtsdolmetscher herangezogen werden, kann dies die richterliche Unabhängigkeit beeinträchtigen. Hierzu siehe http://www.vbdu.de/information.html

Gebärdendolmetschen

Eine Sonderform des Dolmetschens stellt das Gebärdendolmetschen dar, bei den ein speziell ausgebildeter Gebärdendolmetscher gesprochene Sprache in Gebärdensprache wiedergibt.

Weblinks

Ausbildung


- [http://www.ciuti.org/ CIUTI - Internationale Konferenz der Universitätsinstitute für Dolmetscher und Übersetzer]
- [http://www.iued.uni-heidelberg.de Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg]
- [http://www.fh-koeln.de/ Institut für Translation und Mehrsprachige Kommunikation der Fachhochschule Köln]
- [http://www.uni-leipzig.de/~ialt/ Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie der Universität Leipzig]
- [http://www.fask.uni-mainz.de/ Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz (Germersheim)]
- [http://fr46.uni-saarland.de/ Fachrichtung 4.6 Angewandte Sprachwissenschaft sowie Übersetzen und Dolmetschen der Universität des Saarlandes]

Verbände


- [http://www.aiic.net/ AIIC - Internationaler Konferenzdolmetscherverband]
- [http://www.bdue.de/ BDÜ - Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V.]
- [http://www.vkd.bdue.de/ VKD - Verband der Konferenzdolmetscher im BDÜ]
- [http://www.vbdu.de/ VbDÜ - Verein öffentlich bestellter und beeidigter Dolmetscher und Übersetzer Bayern e.V.]
- [http://www.gerichtsdolmetscher.at/index.html Österreichischer Verband der Gerichtsdolmetscher]

Dolmetscherdienste


- [http://europa.eu.int/comm/scic/index_de.htm SCIC - Gemeinsamer Dolmetscher- und Konferenzdienst der Europäischen Kommission]
- [http://www.europarl.eu.int/interp/public/default_de.htm Dolmetschen im Europäischen Parlament]
- [http://curia.eu.int/de/instit/services/interpretation/interpretation.htm Dolmetschen beim Europäischen Gerichtshof] Kategorie:Freie Berufe Kategorie:Dienstleistungsberuf ja:通訳

Übersetzer

Ein Übersetzer nimmt die Übersetzung von Texten von einer Ausgangssprache (AS-Text) in eine andere Sprache, die Zielsprache (ZS-Text), vor.

Spezialisierungen bei Übersetzern

Fachübersetzer spezialisieren sich auf eine oder mehrere Textsorten bestimmter Fachgebiete, z. B. Finanzwesen, Elektrotechnik, Handbücher und Betriebsanleitungen. Literaturübersetzer übertragen Literatur wie Romane, Gedichte oder Comics, aber auch Sachbücher oder Zeitschriftenartikel in die Zielsprache. Literarische Übersetzungen unterliegen in gleicher Weise wie der ursprüngliche Text dem Urheberrecht und sind somit urheberrechtlich geschützt. Ermächtigte Übersetzer werden in Deutschland von den Landgerichten „ermächtigt“ bzw. „bestellt“, schriftliche Übersetzungen von Verträgen oder Urkunden zu erstellen und deren korrekte Übertragung in die Zielsprache zu bescheinigen. Diese „beglaubigten Übersetzungen“ werden beispielsweise bei der Heirat eines Ausländers benötigt. In anderen Staaten z. B. Polen werden diese Übersetzer von vergleichbaren Gerichtsinstanzen vereidigt und erhalten neben einer Vereidigungsurkunde ein persönliches amtliches Dienstsiegel. Dolmetscher arbeiten in der mündlichen Kommunikation. Als vereidigte Dolmetscher arbeiten sie für Behörden wie die Polizei (etwa bei Vernehmungen) oder bei Gerichtsverhandlungen. Im Gegensatz dazu steht das Konferenzdolmetschen, beispielsweise bei internationalen Konferenzen, Podiumsdiskussionen oder Vorträgen für das eine spezielle Ausbildung im Simultan- oder Konsekutivdolmetschen benötigt wird (siehe dazu auch die Information bei den Ausbildungsinstituten unten). Die Berufsbezeichnung Konferenzdolmetscher ist nicht geschützt und wird auch von Anbietern ohne einschlägige Qualifikation geführt. Terminologen erstellen und pflegen Terminologie-Datenbanken, vor allem bei großen Unternehmen und Behörden. Eine Terminologie-Datenbank enthält alle für die Arbeit eines Unternehmens oder einer Behörde notwendigen und spezifischen Fachbegriffe. Software-Lokalisierer passen Software, teilweise auch Online-Hilfen und Handbücher an einen regionalen Markt an. Dabei wird nicht nur der Textanteil der Software übersetzt, sondern es werden auch andere Anpassungen vorgenommen. So können beispielsweise Angaben für das Datum, die Schreibrichtung, das Verständnis für Farben und Symbole von Kulturregion zu Kulturregion variieren. Will der Software-Hersteller einen neuen Markt erschließen, so muss sein Produkt lokalisiert werden.

Ausbildung und berufliche Praxis

Die Ausbildung zum Übersetzer ist nicht gesetzlich geregelt, obwohl es seit einigen Jahren in Deutschland den Studiengang Diplom-Übersetzer, Diplom-Fachübersetzer bzw. Diplom-Dolmetscher gibt, beispielsweise an folgenden Universitäten:
- Humboldt-Universität zu Berlin
- Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
- Universität Leipzig
- Johannes-Gutenberg-Universität Mainz mit dem Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaften in Germersheim An der Universität Düsseldorf existiert der Diplom-Studiengang „Literatur übersetzen“. In Bayern gibt es keine akademische Ausbildung, die zu einem Diplomtitel führt. Die Ausbildung erfolgt vielmehr an Fachakademien mit dem Ausbildungsziel Staatlich geprüfte/r Übersetzer/-in und Dolmetscher/-in. Es existieren fünf derartige Fachakademien:
- Fremdspracheninstitut der Landeshauptstadt München (FIM) [http://www.fim.musin.de/], München
- Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde (IFA) [http://www.ifa.uni-erlangen.de/], Erlangen
- Institut für Fremdsprachenberufe (IFB) [http://www.ifb-kempten.de/home.htm], Kempten
- Sprachen & Dolmetscher Institut München (SDI) [http://www.sdi-muenchen.de/], München. Das SDI bietet daneben auch Aufbaustudiengänge für Software-Lokalisierung und Fach- sowie Konferenzdolmetschen.
- Würzburger Dolmetscherschule (WDS) [http://www.wuerzburger-dolmetscherschule.de/], Würzburg Trotzdem ist die Berufsbezeichnung „Übersetzer“ bzw. „Dolmetscher“ in Deutschland rechtlich nicht geschützt. Daher darf sich jeder als Übersetzer/Dolmetscher bezeichnen – auch wenn er/sie vielleicht gar nicht über die erforderlichen fachlichen und sprachlichen Fähigkeiten verfügt. Viele Übersetzer sind nicht fest angestellt, sondern freiberuflich tätig. Sie erhalten ihre Aufträge entweder von eigenen Kunden oder durch Agenturen, die einen Teil des Honorars für die Vermittlung zwischen Kunde und Übersetzer einbehalten.

Schwierigkeit

Die Problematik für alle Übersetzer ist die natürliche Unschärfe der Sprache und der mit ihr verbundenen Kommunikation. Sprache ist kein Code und bildet auch keine exakte Welt ab, da sie historisch und kulturell gewachsen ist. Übersetzer müssen nicht nur die Sprache beherrschen, sondern auch Kultur und Geschichte der Kommunikation kennen und verstehen. Professionelle Übersetzer bieten häufig eine umfassende Textberatung für Ausgangstexte an, so dass später weniger Qualitätsprobleme bei der Verwendung von Fremdwörtern, bei der Bezeichnung „typischer Dinge“ sowie z. B. bei Werbeaussagen in Superlativen entstehen. Bezahlt werden Übersetzer von Texten anhand der Anzahl der Normseiten, Normzeilen, Wörter oder Zeichen, die sie übersetzen. Gegebenenfalls spielen auch spezifische Gegebenheiten eine Rolle, wie Textart, Textmenge, Textformatierung, Textwiederholungen, freiberuflich oder angestellt usw. Dabei wird oft unterschieden zwischen einer Abrechnung in der Ausgangssprache, der Zielsprache und im Zeitrahmen.

Auszeichnung

Für besonders gelungene literarische Übersetzungen werden Preise verliehen, zum Beispiel :Kurd-Laßwitz-Preis :Christoph-Martin-Wieland-Preis :Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW

Siehe auch


- Liste bekannter Übersetzer
- Übersetzungsdienstleister
- [http://www.uebersetzerportal.de Übersetzerportal]
- [http://www.tw-h.de TechWriter's Home Portal]
- [http://www.onurb.ch/mailinglists-de.html Mailinglisten für Übersetzer]

Weblinks


- [http://www.fit-ift.org FIT (International Federation of Translators)]
- [http://www.aiic.net International Association of Conference Interpreters]
- [http://www.literaturuebersetzer.de/ Verband der Literaturübersetzer]
- [http://www.universitas.org Österreichischer Übersetzer- und Dolmetscherverband]
- [http://www.gerichtsdolmetscher.at Österreichischer Gerichtsdolmetscherverband]
- [http://nzz.ch/2004/09/11/fe/page-article9UMRE.html Kampf um Geld und Geltung 50 Jahre Verband der Literaturübersetzer]
- [http://www.entwuerfe.ch/entwuerfe37/text3.html Zwischen Hammer und Amboss: Übersetzen, und erst noch aus dem Arabischen, Essay von Hartmut Fähndrich] Kategorie:Freie Berufe ! Kategorie:Beruf

Sprachphilosophie

Die Sprachphilosophie beschäftigt sich mit folgenden Fragen:
- Worauf gründet Sprache?
- Welche Funktionen hat Sprache?
- Wie ist Sprache auf Wirklichkeit bezogen?
- In welcher Beziehung stehen Sprache und Denken - und
- in welcher Beziehung Sprache und Erkenntnis? Schon Platon und Aristoteles haben sich mit sprachphilosophischen Themen beschäftigt, ebenso wie die Stoiker, viele Philosophen des Mittelalters und dann später auch bedeutende moderne Philosophen wie Giambattista Vico, Leibniz, Jean Jacques Rousseau, Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Im 20. Jahrhundert ist "Sprache" in den unterschiedlichsten Traditionen zu einem zentralen Thema der Philosophie geworden. Dazu zählen:
- Philosophen, die Sprache im Rahmen einer Philosophie der symbolischen Formen reflektieren (Ernst Cassirer, Oswald Schwemmer)
- Philosophen, die an die Humboldtsche Tradition anknüpfen (Walter Benjamin, Martin Heidegger)
- Marxistische Sprachtheoretiker (Volosinov, Rossi-Landi)
- Poststrukturalistische Theoretiker (Michel Foucault, Jacques Derrida)
- Feministische Theoretikerinnen (Hélène Cixous, Julia Kristeva, Judith Butler)
- Literaturtheoretiker, deren Werk auch philosophische Bedeutung hat (Michail Bachtin, Maurice Blanchot, Paul de Man)
- Philosophisch orientierte Semiotiker im Anschluss an Charles S. Peirce (Umberto Eco)
- Sprachkritische Wissenschaftstheoretiker mit methodisch-rekonstruktivem Ansatz (Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen mit ihren Schülern Kuno Lorenz, Jürgen Mittelstraß, Peter Janich, Dirk Hartmann u.a.)
- In den angelsächsischen Ländern dominierte die Analytische Philosophie. Als "Begründer" dieser Tradition sind vor allem Gottlob Frege, George Edward Moore und Bertrand Russell zu nennen. Zusammen mit dem frühen Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap (aus dem Wiener Kreis) sind sie auch gleichzeitig Vertreter einer "idealsprachlichen Schule" (Ideal Language Philosophy), welche eine von Unreinheiten (d.h. Mehrdeutigkeiten etc.) befreite Sprache mit Hilfe der Logik konstruieren wollten. Demgegenüber bildete sich später die "normalsprachliche Schule" (Ordinary Language Philosophy), deren prominenteste Vertreter neben Ludwig Wittgenstein Gilbert Ryle, John Langshaw Austin, Peter F. Strawson und John Rogers Searle sind. Auch Paul Grice lieferte wichtige Beiträge im Kontext ihrer Betrachtungen. Die strikte Unterscheidung zwischen diesen beiden Schulen ist allerdings heute weder nützlich noch haltbar, Philosophen wie Willard Van Orman Quine, Hilary Putnam, Donald Davidson, oder Michael Dummett lassen sich nicht einfach einer der beiden Richtungen zuordnen. - In der weiteren Entwicklung ist es - angeregt vor allem durch Noam Avram Chomsky und Jerry Alan Fodor - dann allerdings zu einer als "mentalistisch" oder "kognitiv" genannten Wende gekommen mit ihrer Konsequenz der Entwicklung einer Kognitionswissenschaft, als die Beziehung von Sprache und Denken wieder mehr in den Mittelpunkt der Reflexionen gerückt wurde: sie hat zur Entwicklung einer die Ergebnisse der modernen Hirnforschung mit berücksichtigenden breiten Diskussion geführt, die unter der Bezeichnung Philosophie des Geistes bekannt geworden ist. Sprachforscher, die in ihren Werken sprachphilosophische Themen behandelt haben: Wilhelm von Humboldt, Richard Fester, Benjamin Whorf. siehe auch: Philosophische Grammatik, Sprachphilosophie bei J.G. Herder und J.N. Tetens, linguistic turn

Literatur

Zum Einstieg geeignet sind:
- Blume, Thomas & Christoph Demmerling: Grundprobleme der analytischen Sprachphilosophie: Von Frege zu Dummett. Schöningh, Paderborn 1998. (UTB 2052)
- Borsche, Tilman (Hrsg.): Klassiker der Sprachphilosophie: von Platon bis Noam Chomsky. Beck, München 1996
- Kanterian, Edward: Analytische Philosophie. Campus, Frankfurt/New York 2004 (Reihe "campus Einführung")
- Runggaldier, Edmund: Analytische Sprachphilosophie. Kohlhammer, Stuttgart 1990. (Grundkurs Philosophie; Urban-Taschenbücher Bd 395) Eine grundlegende Auseinandersetzung stammt von:
- Lorenz, Kuno: Elemente der Sprachkritik'. Eine Alternative zum Dogmatismus und Skeptizismus in der Analytischen Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt 1970 (Reihe Theorie) Kategorie:Sprache ! ja:言語哲学 ko:언어철학

Distanz

Distanz ist:
- allgemein der Abstand, die Entfernung oder die Strecke zwischen zwei Gegenständen oder das Wegbewegen
- in der Genetik bei Alignments die durchschnittliche Änderung pro Position.
- in der Sozio- und Ethnologie eine soziale Distanz

Überlieferung

Mündliche Überlieferung bezeichnet die erzählende Weitergabe von geschichtlichen, gesellschaftlichen und religiösen Informationen - insbesondere in Form von Geschichten, Sagen, Legenden und Traditionen. Sie spielt in allen Kulturkreisen eine große Rolle, insbesondere in jenen, die keine oder erst eine späte schriftliche Überlieferung kennen.

Formen und Zeitdauer

Meist versteht man unter mündlicher Überlieferung Vorgänge von längerer Zeitdauer, deren Inhalte von Generation zu Generation weitererzählt werden und teilweise erst in jüngerer Zeit niedergeschrieben wurden. Bis heute sind sie von besonderer Wichtigkeit im Orient und in Gesellschaften mit ausgeprägter Erzählkultur, wie sie auch in Europa bis ins 19. Jahrhundert bestand. In der gesellschaftlichen Unterschicht, die nicht schreiben konnte, oder in schriftlosen Kulturen bilde(te)n mündliche Überlieferungen einen großen Teil der Geschichte. Auch bei vielen Gebräuchen ist die mündliche Weitergabe vorherrschend. Um sicherzustellen, dass mündliche Formen der Überlieferung die Zeiten überdauern, kann man verschiedene Methoden verwenden. Oft werden wichtige Erzählungen in Rituale eingebaut, die sich dann wegen ihrer nonverbalen Inhalte den Beteiligten besonders ins Gedächtnis einprägen. Ein bekanntes Beispiel ist die jährliche Verlesung der Weihnachtsgeschichte in vielen Familien und im Gottesdienst - und ihre Verstärkung durch das Nachspielen der Kinder - die sich auch in "Hirtenspielen" oder in unzähligen Volksliedern dokumentiert.
Hilfreich für eine dauerhafte Überlieferung ist auch die Gedichtform, weil Reim und Versmaß verhindern, dass einzelne Wörter leicht vergessen und verändert werden können. Allerdings werden gerade Gedichte aktuellen Bedürfnissen bewusst angepasst. Er gilt als gesichert, dass große Teile des Alten Testamentes mündlich überliefert wurden, bevor man sie aufschrieb. Auch die Evangelien des Neuen Testaments wurden über einige Jahrzehnte mündlich überliefert, bevor ihre Form von einigen Zeitzeugen schriftlich niedergelegt wurde. In der deutschen Romantik entstanden die beiden wichtigsten Sammlungen mündlich überlieferter Texte: Die Märchen der Brüder Grimm ("Kinder- und Hausmärchen") und "Des Knaben Wunderhorn" von Achim von Arnim und Brentano. Bei beiden Werken ist allerdings zu beachten, dass die Herausgeber ihre Quellen nach ihren Bedürfnissen bearbeiteten. In den 60er Jahren gab Peter Rühmkorf seine Sammlung Über das Volksvermögen heraus, in dem er mündlich überlieferte Aphorismen, Gedichte und Abzählreime sammelte. Rühmkorf betonte dabei die derbe, brutale und sexuelle Seite dieser Überlieferung. In der Geschichtswissenschaft kann mündliche Überlieferung die wichtigste Quelle für Zeiten und Kulturen sein, in denen es keine schriftliche Überlieferung gibt oder sie (etwa durch Kriegseinwirkungen) verloren ging. Dann muss der Historiker versuchen, den "wahren Kern" in Sagen und Legenden zu finden. Viele Wissenschafter haben auf diesem Wege dazu beigetragen, in Form methodischer Textkritik auch manche schriftliche Überlieferung ihrer Urfassung näher zu bringen.

Oral History

Der englische Ausdruck für mündliche Überlieferung "oral history" bezeichnet eine bestimmte Methode der Geschichtswissenschaft, die seit den 1960er Jahren auch in Bundesrepublik Deutschland angewendet wird. Seit damals erforschen Historiker auch die Alltagsgeschichte von Personen aus der Unterschicht. Über diese Menschen gibt es zwar auch schriftliche Quellen, wie Akten von Musterungen oder der Finanz, Kirchenbücher, Wanderbücher von Gesellen, Prozessakten und andere amtliche Dokumente, die aber nur zu besonderen Gelegenheiten entstehen. Durch mündliche Befragung von Betroffenen und sogenannten Zeitzeugen hoffen die Historiker - und auch mancher Leiter eines Bezirksmuseums - Aufschluss über den Alltag in der Vergangenheit zu erhalten. Durch Interviews wollen sie erfahren, was die Menschen persönlich und jenseits des politischen Geschehens bewegte. Diese Art der Geschichtsforschung muss sehr sorgfältig eingesetzt werden, da die Ergebnisse immer im Zusammenhang mit der Wahrnehmung gedeutet werden müssen. Bereits im Vorfeld sollte geklärt werden, welche Erkenntnisse gewonnen werden können. Konkrete Namen und Daten sind häufig mit Fehlern behaftet oder unterliegen verschiedenen Schreibweisen. Sehr gut können mit diesen Methoden hingegen Stimmungen, Meinungen, Gefühle oder der Informationsstand von Personengruppen ermittelt werden. (Streitfall: Kenntnis über den Holocaust) Ein Pionierwerk der oral history ist die von Lutz Niethammer herausgegebene Studie über "Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet" (Niethammer, Lutz. "Die Jahre weiß man nicht wo man die heute hinsetzen soll." Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet. Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960, Band 1).

Weblink


- [http://www.phil.uni-erlangen.de/~p1ges/geschichtsdidaktik/bibliographien/body_bibliographien.html#orhi Literaturangaben]
- [http://www.dhs.ch/externe/protect/textes/d/D27838.html Artikel Oral history] im Historischen Lexikon der Schweiz Kategorie:Geschichtswissenschaft Kategorie:Oralität Kategorie:Volkskunde simple:Oral history

Tradition

Tradition bezeichnet die Überlieferung des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche in einer Kultur oder einer Gruppe. Der Gebrauch des Wortes ist allerdings nicht einheitlich. Unter Tradition versteht man unter anderem
- das Überlieferte, die Überlieferung selbst (traditum)
- das Überliefern, die Weitergabe (tradendum)
- Gepflogenheiten, Konventionen, Brauchtum

Begriff

Allgemein

Tradition stammt von lateinisch traditio („Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“). Das Substantiv leitet sich wiederum her vom Verb tradere (aus „trans-“ 'hinüber-' und -dare 'geben'). Die Wortbedeutung entspricht weitgehend dem altgriechischen Wort paradosis. Insgesamt lassen sich zwei Hauptbedeutungen unterscheiden: 1. Tradition als kulturelles Erbe und 2. Tradition als Tradierung. Forschungen zum Begriff und zum Verhältnis der beiden Hauptbedeutungen fallen in den Bereich der Traditionstheorie.

Tradition als kulturelles Erbe

Unter Tradition wird in der Regel die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden. Tradition ist in dieser Hinsicht das kulturelle Erbe, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wissenschaftliches Wissen und handwerkliche Kunst gehören ebenso dazu, wie Rituale, moralische Regeln und Speiseregeln. Neben diesen hochkulturellen Inhalten werden zuweilen auch nur temporär gültige Üblichkeiten als Tradition bezeichnet. In diesem Sinne wird der Ausdruck traditionell gebraucht; es ist das Übliche und Gewohnte. Der eher bildungssprachliche Ausdruck traditional wird dagegen auf die hochkulturellen Inhalte bezogen.

Tradition als Tradierung

Seltener bezeichnet Tradition die Tradierung, also den Prozess der Überlieferung selbst, auch wenn in systematischer Hinsicht der Traditionsprozess die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe bildet.

Traditionstheorie

Traditionstheorien gibt es in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: In der Ethnologie, der Soziologie, der Philosophie, der Theologie, der Literaturwissenschaft und der Rechtswissenschaft. Dabei konzentrieren sich die einzelnen Wissenschaften jeweils auf Teilaspekte des Phänomens Tradition. Bislang liegt kein Ansatz für eine systematisch entwickelte Traditionstheorie vor. Vor allem die Soziologie hat sich dem Phänomen Tradition zugewandt: Max Weber zählt die Orientierung an Tradition zu einem der vier Grundtypen sozialen Handelns. Edward Shils und Shmuel N. Eisenstadt haben der Entwicklung der Traditionstheorie für die Soziologie große Bedeutung beigemessen und ihre Überlegungen dazu monographisch dargelegt. Auch der Philosoph Karl Popper sah die Entwicklung einer Traditionstheorie vor allem als Aufgabe der Soziologie. Auf philosophischer Seite haben sich insbesondere Josef Pieper, die so genannte Ritter-Schule und Alasdair MacInytre mit traditionstheoretischen Fragen befasst: Pieper hat vor allem die Verbindung von mittelalterlicher Philosophie und Katholizismus in den Blick genommen. Die Ritter-Schule hat Tradition vor allem wegen der geschichtlichen Einbettung allen kulturellen Lebens diskutiert. MacIntyre hat als Kommunitarist auf die Notwendigkeit traditionaler und regional gültiger Maßstäbe für die gegenwärtige Ethik und Politik verwiesen.

Traditionskritik

Traditionskritik ist zum einen der Name einer Methode in der historisch-kritischen Textforschung, zum anderen eine Bezeichnung der Kritik an Tradition und den tradierten Inhalten selbst.

Historisch-kritische Methode

Traditionskritik als historisch-kritische Methode dient dazu, in verschriftlichten Texten die zugrundeliegenden mündlich verbreiteten Fassungen zu rekonstruieren (beispielsweise bei biblischen Texten, Lehrmärchen, Gebetssammlungen, Mythen).
Die Traditionskritik steht im Verbund mit anderen historisch-kritischen Methoden, zum Beispiel der Textkritik und der Formkritik, und lässt sich aus dem Forschungszusammenhang nicht als eigenstänige Methode herauslösen.

Kritik der Tradition

Traditionskritik meint auch Kritik an Tradition als dem überlieferten, kulturellen Bestand. Tradition wird dann problematisch, wenn Formen sich verselbstständigen, deren ursprünglicher Sinn verloren ging: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“ (Goethe).
In Europa begann mit der Reformation, später mit Rationalismus und Aufklärung, ein kritisches Infragestellen überlieferter Formen des Wissens, Glaubens und der Moral. Mit der Betonung des Vernunftprinzips (das an die Stelle des reformatorischen Schriftprinzips trat) wurde die Gültigkeit jedes Traditionsprinzips in Frage gestellt. Darauf reagierte schon frühzeitig der Französische Traditionalismus, Ausdruck der konservativen Reaktion. Das Kräftemessen von Tradition und Vernunft hält bis in die Gegenwart an. Zusammen mit der Eigendynamik eines rationalisierenden Kapitalismus und den Folgen kultureller und ökonomischer Globalisierung ist derzeit eine weltweite Revision überkommener Werte und Überlieferungen zu beobachten. Als Gegenreaktion sind ebenfalls weltweit fundamentalistische Tendenzen zu verzeichnen. Wie schon der Französische Traditionalismus ist die konservative Reaktion in der Gegenwart häufig religiös legitimiert und gewaltbereit.

Tradition in den Kultur- und Geisteswissenschaften

Ethnologie

Geschichtswissenschaft

Auch die Geschichtswissenschaft versteht unter dem Begriff Tradition alles, was von Begebenheiten in irgendeiner Form überliefert worden ist und durch menschliche Auffassung hindurchgegangen und wiedergegeben ist. In den vergangenen Jahren sind so genannte „erfundene Traditionen“ (invented traditions, vergleiche Eric Hobsbawm), die zur Legitimierung bestimmter Dinge und Handlungsweisen dienen sollen, zunehmend ins Blickfeld der Historiker gekommen.

Rechtswissenschaft

In der antiken Rechtssprache (römisches Recht) war Tradition (traditio) der Übergabeakt einer (beweglichen) Sache zum Beispiel bei der Vererbung und beim Kauf. Daher auch die noch heute manchmal begegnende Verwendung von Tradition als Auslieferung (vergleiche englisch: trade). In der modernen Rechtswissenschaft bezeichnet Traditionstheorie einen bestimmten Ansatz zur Abgrenzung des öffentlichen Rechts vom Privatrecht. Die Traditionstheorie bezeichnet danach die Auffassung, dass bestimmte Rechtsgebiete traditionell dem öffentlichen Recht zugeordnet werden. Dazu gehören zum Beispiel Rechtsstreitigkeiten innerhalb des Polizei-, des Ordnungs- und des Verwaltungsrechtes.
Neben der Traditionstheorie gibt es als weitere Abgrenzungstheorien die Interessentheorie, die Subordinationstheorie (auch: Subjektstheorie) und die Sonderrechtstheorie (auch: modifizierte Subjektstheorie]].

Tradition und Religion

Tradition im Judentum

Tradition ist im Judentum immer im Zusammenhang von Tradierung, Lehre und Erinnerung gesehen worden. In Deuteronomium 6 (5. Mose 6) findet sich die Anweisung, das jüdische Glaubensbekenntnis als Summe des (göttlichen) Gesetzes an den Sohn weiter zu geben, dass dieser es an seinen Sohn weiter gebe. Außerdem soll die Erinnerung an die Geschichte des eigenen Volkes, seine Entstehung und an den mit Gott am Berge Sinai geschlossenen Bund tradiert werden. Kern des jüdischen Traditionsverständnisses ist das Gesetz, die Tora. Bei der Überlieferung der Tora wird unterschieden zwischen der schriftlichen Tora (die so genannten fünf Bücher Mose) und der mündlichen Tora, der (zunächst) mündlich überlieferten Auslegung der schriftlichen Tora. Diese ist wiederum zum Teil verschriftlicht im Talmud. Einen eigenen Begriff für solche Tradition gibt es im Tanach nicht. Es gibt wohl das Wort magan, das überliefern im Sinne von ausliefern meint, nicht aber im hier behandelten Sinn. Ein solches Wort entwickelt sich erst später aus dem Wort masorät (das Verpflichtende, Bindende). Daraus leiten sich die Bezeichnung Masoreten ab, die im speziellen für eine jüdische Gelehrtengruppe des Mittelalters gebraucht wird. Die Masoreten bemühten sich um eine möglichst genaue schriftliche Überlieferung der Tora. Sie erstellten unter hinzufügen der Masora, einem umfangreichen textkritischen Apparat, den sogenannten Masoretischen Text. Masora gilt heute als Kernbegriff des jüdischen Überlieferungsverständnisses.

Tradition im Christentum

Katholizismus

In der römisch-katholischen Kirche wird unter Tradition die neben der Bibel stehende, aber genauso verbindliche Glaubenslehre seit den Aposteln und Kirchenvätern verstanden. Als Traditionsprinzip dient diese Glaubenslehre in der römisch-katholischen Exegese zur Auslegung der christlichen Heiligen Schrift; nach römisch-katholischer Auffassung kann die wahre Aussage christlich-biblischer Texte nur durch die Auslegungstradition der Kirche verstanden werden. Das Traditionsprinzip ergänzt demnach das Schriftprinzip.

Christliche Orthodoxie

Der Begriff der Orthodoxie verweist bereits auf die beiden wesentlichen Aspekte des orthodoxen Traditionsverständnisses: Orthodoxie heißt zugleich „richtiger Glaube“ und „ richtiger Lobpreis“. Die „Rechtgläubigkeit“ bezieht sich vor allem auf die biblische Überlieferung. Für den orthodoxen Glauben ist wichtig, sich dem Ursprünglichen zuzuwenden und diesem Ursprünglichen treu zu bleiben. Der biblische Text gilt als Garant, Herzstück und Kern der Tradition. An diesem Punkt unterschiedet sich die Orthodoxie wesentlich vom römischen Katholizismus, der die kirchliche Lehrtradition eher gleichberechtigt neben die Bibel stellt. In den Anfängen der Reformation sahen die ersten Reformatoren in den orthodoxen Kirchen mögliche Verbündete. Erste Kontaktaufnahmen bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts blieben am Ende aber folgenlos. Der „rechte Lobpreis“ bezieht sich auf den liturgischen Gottesdienst. Die sogenannte „Göttliche Liturgie“ geht im Kern auf jüdische und frühestchristliche Formen zurück; seit gut 1000 Jahren wird sie in unveränderter Form gefeiert. Allerdings haben sich unterschiedliche Varianten dieser Liturgie entwickelt. Die bekannteste Form geht auf die Liturgie aus Konstantinopel zurück und ist in allen Orthodoxen Kirchen in Gebrauch. Diese liturgische Tradition, zu der neben den Texten auch Melodien, Handlungsabläufe, Gewänder, liturgische Geräte, der Kirchenbau selbst, Ikonen etc. gehören, hat eine ebenso große Bedeutung wie die biblische Lehre und wird auch oft zur Auslegung der Bibel herangezogen.

Protestantismus

Seit der Reformationszeit, in der das römisch-katholische Traditionsverständnis kritisiert wurde, entwickelte sich der Begriffsgegensatz von christlicher Heiliger Schrift und Tradition. Das Traditionsprinzip wurde zugunsten des Schriftprinzips als notwendiges Element des wahren Schriftverständnisses aufgegeben; nach evangelischer Lehre ist die heilige Schrift selbsterklärend und deshalb allein die Schrift verbindlich für Fragen des Glaubens (vergleiche sola scriptura). In einer gewissen Spannung hierzu stehen die neuen Traditionen, die sich in den einzelnen evangelischen Konfessionen herausgebildet haben. Die neuzeitliche Traditionskritik der Aufklärung verdankt sich wesentlich des traditionskritischen Impulses der Reformation, ging aber auch wesentlich darüber hinaus, indem sie auch die Bibel selbst als zu kritisierende Tradition verstand.

Tradition im Islam

Im Kern des islamischen Traditionsverständnisses steht der Begriff der Sunna (arabisch für „Tradition, Überlieferung“). Weil im Koran als dem geoffenbarten Gotteswort nicht für alle Lebensbereiche Regeln niedergeschrieben waren, hat sich nach dem Tod Mohammeds ein Lehr- und Rechtssystem entwickelt, das verschiedene säkulare Rechts- und Brauchtumstraditionen aufnahm und in Verbindung mit Mohammed religiös fundierte. Nach zunächst mündlicher Überlieferung in vier verschiedenen Rechtsschulen, die auf verschiedene Imame als Nachfolger Mohammeds zurückgehen, wurde die Sunna gut 200 Jahre nach Mohammeds Tod in mehreren Büchern verschriftlicht.
Die überlieferten Rechtssammlungen gelten nicht in allen islamischen Glaubensrichtungen. Die Sunniten halten alle vier Rechtsschulen für orthodox und akzeptieren die gesamte Sunna. Die Schiiten halten nur die Rechtstradition jener Gelehrten für orthodox, die sich zu Ali ibn Abi Talib als einzig legitimen Nachfolger Mohammeds bekennen.

Weiteres

Literatur


- Aleida Assmann: Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der Dauer (1999) ISBN 3-412-03798-2
- Karsten Dittmann: Tradition und Verfahren (2004) ISBN 3-8334-0945-2
- Samuel N. Eisenstadt: Tradition, Wandel und Modernität (1973; dt. 1979) ISBN 3-518-57901-0
- Josef Pieper: Über den Begriff der Tradition (1958)
- Leonhard Reinisch (Hrsg.): Vom Sinn der Tradition (1970) ISBN 3-406-02468-8
- Edward Shils: Tradition (1981) ISBN 0-226-75325-5

Siehe auch


- Folklorismus
- Historizismus
- Kultur
- philosophia perennis

Weblinks


- [http://www.holmespeare.de/tradition/ Texte, Zitate und Links zum Thema Tradition]
- [http://www.theologie-systematisch.de/erkenntnislehre/8schrift-tradition.htm Aktuelle Literatur zur theologischen Bedeutung der Tradition] Kategorie:Ethnologie Kategorie:Feste & Brauchtum Kategorie:Geschichtswissenschaft Kategorie:Religionswissenschaft Kategorie:Kultur Kategorie:Wertvorstellung Kategorie:Volkskunde

Horizont

Der Horizont (griechisch ορίζοντας - der Gesichtskreis) ist die Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel. Im mathematischen Sinn ist es die Schnittlinie der Himmelskugel mit einer Ebene, die im Beobachtungsort senkrecht zur Lotrichtung steht. Der Begriff Horizont wurde von Philipp von Zesen durch den Ausdruck Gesichtskreis eingedeutscht.

Genauer betrachtet

sind einige Bedeutungen zu unterscheiden:
- (Mathematischer) Horizont: ein Großkreis im o.e. Sinn, der in der Astronomie zwei Bezugspunkte kennt:
  - Wahrer Horizont: die horizontale Ebene geht durch den Erdmittelpunkt
  - Scheinbarer Horizont (häufiger verwendet): durch einen Ort an der Erdoberfläche. Der Unterschied im Höhenwinkel eines Gestirns entspricht der Parallaxe, während die Azimute dieselben sind.
- Natürlicher Horizont oder Landschaftshorizont: die Grenzlinie zwischen Himmel und Erde, wie sie von den örtlichen Bedingungen abhängt.
  - Einen weiten Horizont hat man auf einem Gipfel oder auf einer Ebene, im Gegensatz zu einem Gebirgstal. Oft dienen Berggipfel als Zeitmarken, z.B. bei der berühmten Sextener Sonnenuhr.
- Der Radiohorizont bezeichnet die theoretische Reichweite von VHF und UHF Radiowellen, welche durch Brechung in der Troposphäre über den visuellen Horizont reichen. Für eine Annäherungsrechnung wird ein um ein Drittel vergrößerter Erdradius angenommen.
- Nautischer Horizont, Kimmung, Kimmlinie: der natürliche Horizont am Meer, siehe unten.
- Künstlicher Horizont: eine genau horizontale, spiegelnde Fläche (Quecksilber, Glasscheibe oder Öl), die als Hilfmittel zur Messung der Lotrichtung dient.
  - Mit K.H. wird auch ein Kreiselinstrument der Navigation bezeichnet.
- Horizont im übertragenen Sinn, v.a. geistigen Sinn: siehe unten.

Horizont in Mathematik, Astronomie und Geodäsie

Der Horizont im mathematischen Sinn ist ein Großkreis, der die Sphäre oder Himmelskugel in zwei gleiche Hälften teilt und dessen "Pol" der Zenit ist. Er ist die Basis des Horizontsystems - ein Koordinatensystem, in dem Gestirne und terrestrische Messpunkte durch Richtung (Azimut, Kurs) und Höhenwinkel angegeben werden. Senkrecht zum Horizont - also durch den Zenit - verlaufen die Vertikalkreise, von denen der Meridian genau in Nord-Süd-Richtung liegt. In der Theorie über Schwarze Löcher existiert der Begriff des Ereignishorizontes - eigentlich eine Sphäre um die Singularität herum, welche "schwarz" bleibt, aus welcher klassischerweise keine Information mehr nach außen dringen kann, da aufgrund der starken Gravitation die Fluchtgeschwindigkeit die Lichtgeschwindigkeit übertrifft und so selbst masselose Teilchen wie Lichtquanten eine so große Rotverschiebung erfahren, dass ihre Energie gleich Null wird (und sie damit faktisch ebenfalls von der Schwerkraft "festgehalten" werden).

Horizont in der Nautik, Kimmlinie

Die Kimm ist auf freiem Ozean die Grenzlinie zwischen Himmel und Wasser. Genauer handelt es sich um jene kreisähnliche Linie, von der tangential von der Erdoberfläche abgehende Lichtstrahlen ins Auge des Beobachters fallen. Die Entfernung der Kimm hängt von dem Standpunkt des Beobachters ab. Vernachlässigt man Lichtablenkungen in der Atmosphäre und idealisiert die Erde als perfekte Kugel, so ist die Entfernung zum Horizont näherungsweise gegeben durch :d_\mathrm = 3570\,\mathrm\cdot\sqrt = 1927\,\mathrm\ \cdot\sqrt , wobei H die Höhe in Meter über dem Meer ist, genähert über NN. Ferner ist 1 sm = 1,852 km. Unter durchschnittlichen atmosphärischen Bedingungen ist die Horizontentfernung ein wenig größer: :d_\mathrm = 3843\,\mathrm\cdot\sqrt = 2075\,\mathrm\cdot\sqrt Der mathematische Hintergrund ist unter Kimm näher beschrieben. Als ungefähre Entfernung des Horizonts lässt sich abschätzen: am Meer stehende Kinder, 1.00 m Augenhöhe: 3.5 km am Meer stehende Erwachsene, 1.70 m Augenhöhe: 4.7 km aus 5 m von einer Düne: 8.0 km aus 10 m des Hotelzimmerfensters: 11.3 km Mastkorb auf einem Schiff, 30 m: 19.6 km aus 100 m: 35.7 km Kölner Dom, 157 m: 44.7 km Ulmer Münster, 162 m (höchster Kirchturm der Erde): 45.4 km aus 500 m: 79.8 km aus 1000 m: 112.9 km und folgende rein theoretische Werte (zunehmendes Problem der Erdkrümmung) Zugspitze, 2962 m: 194 km Montblanc, 4807 m: 247 km Mount Everest, 8872.47 m: 336 km Flughöhe 11 000 m: 374 km

Andere Bedeutungen (Perspektive,Geologie, Bodenkunde, im geistigen Sinn)


- In der Perspektive bzw. in Bildern: die Schnittgerade der Zeichen- bzw. Bildebene mit der Horizontalebene (dem o.e. mathematischen Horizont)
- In der Geologie: die kleinste Schichteinheit bei Sedimenten; bzw. zeitlich die kleinste Zeiteinheit.
- In der Bodenkunde werden Horizonte meist an einem 1,30m tiefen Bodenprofil(Querschnitt) benannt. Sie entstehen durch Umverteilung und Ablegerungen von mineralischen und organischen Stoffen im Boden
- In der Archäologie die Schichtabfolge von Siedlungsspuren.
- Im geistigen Sinn: der Gesichtskreis, das geistige Fassungsvermögen einer Person. Siehe auch: Himmelsrichtung, Höhe Null, Waage, Zenit, Dämmerung, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang Kategorie:Astrometrie

Sprache

Sprache hat zwei eng mit einander verwandte Verwendungen, die Sprache (ohne Plural) oder eine Sprache/Sprachen. Die Sprache bezeichnet die wichtigste Kommunikationsform des Menschen. Sie wird akustisch durch Schallwellen (Lautketten) oder visuell-räumlich durch Gebärden (vgl. Gebärdensprache) oder Schrift (vgl. Schriftsprache) realisiert. Die Wissenschaft von Sprache als System heißt Allgemeine Sprachwissenschaft. Exemplarisch sei die Definition von Edward Sapir (1921) zitiert: :"Sprache ist eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen." (zitiert nach John Lyons, 4. Auflage, 1992, S. 13) Ferdinand de Saussure hat - einer Tradition folgend - Sprache als Zeichensystem konzipiert und das Sprachzeichen als Verbindung von Lautbild und Vorstellung, also als etwas Mentales gefasst. Karl Bühler sieht Sprache als "geformtes Gerät", als Medium des Verständigungshandelns mit den Grundfunktionen der Darstellung (Bezug auf die Wirklichkeit), des Ausdrucks (Befindlichkeit des Sprechers) und des Appells (Beeinflussung des Hörers). Damit wird die Auffassung von Sprache als Zeichensystem fraglich, denn nur symbolische Ausdrücke lassen sich als Zeichen im eigentlichen Sinn ("etwas steht für etwas") auffassen. Wofür steht der Artikel der, die Abtönungspartikel halt, das Zeigwort da, die Interjektion hm? Für die Pragmatik ist Sprache ein zweckorientiertes Handlungssystem, das mental verankert ist. Für manche Linguisten ist Sprache ein menschentypisches biologisches Organ (Noam Chomsky), für andere das Medium der Gedankenbildung schlechthin (W.v. Humboldt). Eine Sprache ist jedes einzelne Kommunikationssystem, das der Verständigung dient, also menschliche Einzelsprachen (beispielsweise Deutsch), Fachsprachen (beispielsweise Mathematik und Rechtssprache), Computersprachen (beispielsweise Prolog) etc. (siehe nachstehende Unterkapitel). Die Wissenschaften einzelner Sprachen sind beispielsweise die Philologien (Anglistik, Germanistik). Die Linguistik dagegen beschäftigt sich mit einzelnen Sprachen lediglich als "Beleg" für Theorien über die Sprache im Allgemeinen, die universellen Eigenschaften menschlicher Sprache und die Haupttypen der Sprachen der Welt (Sprachtypologie).

Entwicklung von Sprache

Das Verstehen und das Bilden bedeutungsvoller Lautketten in Echtzeit stellt große Anforderungen an die Planung wie an die auditive beziehungsweise visuelle Verarbeitung im Gehirn. Bei Legasthenikern oder Polterern kann diese Planung gestört sein.

Linguistik

Die Linguistik untersucht die menschliche Sprache. Die vergleichende Sprachwissenschaft und die Sprachtypologie befassen sich mit der genetischen Verwandtschaft von Sprachen, die in Sprachfamilien geordnet werden können. Die meisten Sprachwissenschaftler behandeln Einzelsprachen oder Sprachfamilien. So befasst sich beispielsweise die Indogermanistik mit der indogermanischen Sprachfamilie. Annahmen über eine (Ursprache) der Menschheit sind vorwiegend spekulativ, hiermit befasst sich die Paläolinguistik. Die Struktur und Verwendung von Sprachen wird in Grammatiken, der Wortschatz und Wortgebrauch in Wörterbüchern beschrieben. Die Etymologie ist eine Forschungsrichtung, die sich mit dem Ursprung und der Geschichte der Worte und Namen befasst. Formale Sprachen sind mit Mitteln von Logik und Mengenlehre beschreibbar (aufzählbare Menge der Basisausdrücke, Regeln der Komposition, wohlgeformte Ausdrücke). Die Beschreibungsprinzipien der formalen Logik werden auch auf die natürliche Sprache angewendet; Pionierarbeit hat dazu der amerikanische Logiker Richard Montague geleistet. Eine vollständige Rekonstruktion ist allerdings nicht möglich. Denn auch die Logik ist aus der natürlichen Sprache abgeleitet. Letztlich müssen wir alles in der natürlichen Sprache austragen (Wittgenstein). Zu den Disziplinen, die sich besonders intensiv mit Sprache auseinandersetzen, gehören auch die Rhetorik, die Literaturwissenschaft, die Sprachphilosophie und die Ethnologie.

Einzelsprache

Im speziellen Sinn bezeichnet Sprache eine bestimmte Einzelsprache wie Deutsch oder Japanisch. Die gesprochenen Sprachen der Menschheit werden in Sprachfamilien eingeteilt; anhand der Language Codes (nach ISO 639-1 beziehungsweise 639-2) können Sprachen international eindeutig identifiziert werden. Von den heute etwa 6500 auf der Welt gesprochenen Sprachen sind mehr als die Hälfte vom Aussterben bedroht, da sie kaum noch oder gar nicht mehr an Kinder weitergegeben werden. Von einigen Sprachen gibt es nur noch eine kleine Gruppe oft alter Muttersprachler. Dies wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass in den nächsten 100 Jahren Tausende von Sprachen verschwinden werden. Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen unterstützt die Beschäftigung mit und die Dokumentation solcher Sprachen, die zum Erbe der Menschheit zählen und sich zum Teil durch ganz besondere Eigenschaften auszeichnen, die nur an ihnen zu studieren sind. Eine Sprache ist etwas Lebendiges, das entsteht, sich dauernd verändert und wieder vergeht - jedoch nicht im biologischen, sondern im übertragenen Sinne; Lebendigkeit steht hier für eine Vielfalt von Funktionen. Nicht mehr gebrauchte, auch tote Sprachen genannt, hinterlassen oftmals Spuren in Nachfolgesprachen; beispielsweise Latein in den romanischen Sprachen (Italienisch, Französisch etc.), aber auch in der englischen und deutschen Sprache sowie den anderen germanischen Sprachen.

Nichtmenschliche Sprachen

Sprachen bei Tieren, beispielsweise die Bienensprache, aber auch die Lautsprachen bei Vögeln, Delfinen oder Primaten unterscheiden sich grundsätzlich von denen des Menschen. Während in den Signalsystemen der Tiere jeder Laut eine feste Bedeutung hat, ist die Sprache des Menschen doppelt (beziehungsweise dreifach) gegliedert. Das heißt, Menschen können aus bedeutungsunterscheidenden, selbst nichts bedeutenden Lauten (erste Gliederungsebene) bedeutungstragende Einheiten (Morpheme, Wortformen) bilden (zweite Gliederungsebene). Aus Wortformen können Wortgruppen (Phrasen) und Sätze aufgebaut werden (dritte Ebene). Wenn ein Tier zwanzig Laute bilden kann, so kann es zwanzig Dinge ausdrücken. In der Sprache des Menschen gibt es durch die Ebenen unbegrenzte Kombinationsmöglichkeiten mit begrenzten Mitteln, so schon Wilhelm von Humboldt. Der Mensch kann verstehen, was er zuvor nie gehört hat.

Formale Sprachen

Auch in der Informatik wird von Sprachen gesprochen. Diese Sprachen, Formale Sprachen genannt, sind mathematische Modelle von Sprachen, die besonders in der theoretischen Informatik, insbesondere bei Berechenbarkeitstheorie und dem Compilerbau Anwendung finden. Bestrebungen eine eindeutige und methodisch korrekte Sprache aufzubauen, haben zum Projekt der Orthosprache geführt.

Sprache als Medium

Viele Medientheorien – vor allem die technischen – fassen Sprache nicht als Medium, sondern als Kommunikationsinstrument auf, d.h. als neutrale Ermöglichungsbedingung für die eigentlichen Medien. Sprache dient solchen Auffassungen nach lediglich der Repräsentation oder auch Übermittlung mentaler Entitäten (Konzepte, Begriffe), wobei letztere als unabhängig von der Sprache gedacht werden. Man spricht deshalb von Repräsentationsmitteln. Die radikalste Form dieser „Sprachvergessenheit der Medientheorie“, wie Ludwig Jäger (2000) formuliert, findet sich im so genannten Diskurs über „postsymbolic communication“, der davon ausgeht, dass die menschliche Kognition und Kommunikation zukünftig nicht mehr auf Sprachzeichen angewiesen seien, weil diese aufgrund der technischen Entwicklungen im Bereich der Forschungen zur Künstlichen Intelligenz obsolet werden. Jäger (2000) zufolge bleiben Debatten über die Wirkungsmacht von „neuen Medien“, wie etwa Computer und Internet, jedoch leer, wenn Sprache nicht als entscheidendes Rahmenmedium erkannt wird. Er plädiert deshalb dafür, den nicht-technischen (anthropologischen) Medienbegriff stärker in den Diskurs über technische Medien einzubeziehen und so die schlichte Dichotomie zwischen „neuen Medien“ und „Sprache“ aufzuweichen. Jäger (2000/2002) formuliert eine erkenntnistheoretische Medienauffassung, deren Kernaussage lautet, dass Mentalität erst durch die Medialität ermöglicht wird. Das heißt die menschliche Mentalität wird in ihrem heutigen Umfang erst durch Zeichenhandlungsprozesse, die sowohl ein Welt- als auch Ich-Bewusstsein konstituieren, ermöglicht. Die Sprache nimmt hierbei eine konstitutive Rolle ein. Wird also Sprache als Medium begriffen, ist schon die menschliche Mentalität medial geprägt. Es ist daher stets von der Sprache her zu beurteilen, wie sich neue Medien auf den Menschen auswirken können (vgl. Jäger 2000/2002). Diese Konzeption kann durch die Überlegungen Sibylle Krämers (2000) unterstrichen werden. Krämer meint, dass eine Botschaft, die in einem Medium vermittelt wird, die Spur seiner formalen Konstitution bewahrt – in diesem Fall besitzt die Mentalität des Menschen die Spur seiner semiologischen Performanzen. D.h.: Wird eine Äußerung getätigt, findet keine Reinvermittlung mentaler Konzepte statt, da diese durch die jeweilige Einzelsprache geprägt sind. Weiter stellt Krämer (1998) Medien als Apparate zur künstlichen Erzeugung neuer Welten dar (d.h.: neue Formen der Erfahrung, Vorstellungen), die es ohne das entsprechende Medium nicht geben würde. Die Sprache ermöglicht dem homo sapiens sapiens so gesehen nichts Minderes als die komplexere Erfahrbarmachung der tatsächlichen Welt in der uns heute geläufigen Weise.

Sprache im weiteren Sinne

Manche Leute bezeichnen die Musik als universelle Sprache, da sie von Menschen unterschiedlichster Herkunft verstanden wird. Hierbei dient die Sprache vor allem als Kommunikationsmittel für Gefühle. So werden die meisten Filme mit Musik untermalt, weil dadurch unterschwellig die Gefühlslage der Situation bzw. der Figuren kommuniziert wird. In indischen Filmen geht das sogar soweit, dass die Handlung stehen bleibt und die Gefühle in Liedern ausgedrückt werden, was man bei uns nur aus dem Musical-Genre kennt. Hier stößt auf eine weitere Ebene der Sprache: Filme, Theaterstücke, Operetten usw. bedienen sich ebenfalls einer bestimmten Sprache. Die hier eingesetzten sprachlichen Mittel findet man im übertragenen Sinne auch in den Laut- und Schriftsprachen wieder.

Siehe auch

Abstandsprache, Amtssprache, analytische Philosophie, Ausbausprache, Babysprache, Dachsprache, Dialekt, Dichtersprache, Etymologie, Europäisches Jahr der Sprachen, Fachsprache, falsche Freunde, Geheimsprache, Gruppensprache, Halsbandsittich in vielen Sprachen, Hochsprache, inklusive Sprache, Jargon, Konstruierte Sprache, Lautsprache, Liste von Sprachen, Liturgiesprache, Mathematik, Medien, Medientheorie, Muttersprache, Neusprech, Orthosprache, Plansprache, Programmiersprache, Seemannssprache, Semiotik, Signalsprachen, Soziolekt, Spiegelneuronen, Standardsprache, Terminologie, Umgangssprache, Universal-Grammatik, Verkehrssprache, Weltsprache, Zeichen, Zungenbrecher, Sprachreisen, Sprachbildung

Literatur


- Ludwig Börne, "Bemerkungen über Sprache und Stil.", 1826, Sämtliche Schriften, Bd. II, Düsseldorf 1964.
- Karl Bühler (1934), Sprachtheorie, Stuttgart: G. Fischer
- Geoffrey Sampson: "Schools of Linguistics." Hutchinson, London (1980), ISBN 0804710848
- David Crystal: "Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache." Campus Verlag, Frankfurt/Main (1995), ISBN 3880599548
- Wilhelm von Humboldt: "Grundzüge des allgemeinen Sprachtypus", 2004, Berlin: Philo, ISBN 3-8257-0068-2
- John Lyons: "Die Sprache." C.H. Beck, München (1992; 4. Auflage) ISBN 3406094007
- Steven Pinker: "Words and Rules: The Ingredients of Language." (1999) (dt. Worte und Regeln: Die Natur der Sprache.), ISBN 3827402972)
- Ludger Hoffmann (Hg.)(2000/2) Sprachwissenschaft. Ein Reader. Berlin, New York: de Gruyter.
- Jäger, Ludwig (2000), „Die Sprachvergessenheit der Medientheorie. Ein Plädoyer für das Medium der Sprache.“ In: Kallmeyer, Werner (Hg.): Sprache und neue Medien. Berlin, New York: De Gruyter, 9-30
- Jäger, Ludwig (2002): Medialität und Mentalität. Die Sprache als Medium des Geistes. In: Krämer, Sybille, König, Ekkehard (Hgg.): Gibt es eine Sprache hinter dem Sprechen? Frankfurt am Main: Suhrkamp, 45-76
- Krämer, Sybille (²2000): „Das Medium als Spur und als Apparat.“ In: dies. (Hg.): Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und neue Medien. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 9-26

Weblinks


- [http://www.rosettaproject.org/ Rosetta-Projekt: Informationen zu Sprachen der Welt] (englisch)
- [http://www.ethnologue.com/ Ethnologue: Informationen zu Sprachen der Welt] (englisch)
- [http://www.vistawide.com/ Sprachen und Kulturen der Welt] (englisch)
- [http://portal.unesco.org/ UNESCO-Projekt:] "Intangible Heritage - [http://portal.unesco.org/culture/admin/ev.php?URL_ID=8270&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201 Endangered Languages]"
- [http://www.tooyoo.l.u-tokyo.ac.jp/Redbook/index.html UNESCO Red Book of Endangered Languages]
- [http://www.georgetown.edu/faculty/ballc/animals/animals.html Tierlaute in verschiedenen Sprachen] (englisch)
- [http://www.netz-tipp.de/sprachen.html Statistik: Verbreitung der Sprachen im Internet]
- [http://home.edo.uni-dortmund.de/~hoffmann/Gruende/10Gruende.html 10 Gründe, Sprachwissenschaft zu studieren]
- [http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/wte/sprache.html Sprache als Gefängnis:] Vortrag im Rahmen der Reihe Wissenschaft, Technik und Ethik an der TU Clausthal
- [http://www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/771860 Es werde Wort - und zwar schnell!] Ein Bericht über die "rasante Entwicklung von Sprache"
- [http://www.bair-sprache-chiemgau.de/texte/pressetexte.htm#1 Etwa 90% aller Sprachen werden bis 2050 wahrscheinlich verschwunden sein] ([http://www.guardian.co.uk/uk_news/story/0,3604,721955,00.html Original auf Englisch]) ! ja:言語 ko:언어 ms:Bahasa simple:Language th:Hol zh-cn:语言 zh-tw:語言

Sinn

Sinn bezeichnet physiologisch
- die menschlichen Wahrnehmungskanäle, siehe Sinn (Wahrnehmung) philosophisch
- das Ziel, den Zweck, den Wert, siehe Sinn (Metaphysik)
- in Philosophie oder Religion der Sinn des Lebens
- den Sinn eines Satzes, siehe Sinn (Semantik) geografisch
- einen Fluss in Hessen, siehe Sinn (Fluss)
- eine Gemeinde im Lahn-Dill-Kreis in Hessen, siehe Sinn (Hessen) mathematisch/physikalisch
- die Drehrichtung als Name
- Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des Ifo Institut für Wirtschaftsforschung e. V.
- eine Uhrenmanufaktur in Frankfurt am Main, siehe Sinn (Uhrenmarke)

Maschinelle Übersetzung

Maschinelle Übersetzung (MÜ oder MT für engl. machine translation), auch automatische Übersetzung, bezeichnet die Übersetzung von Texten zwischen zwei Sprachen mit Hilfe eines Computerprogrammes. MÜ ist ein Teilbereich der künstlichen Intelligenz. Während die menschliche Übersetzung Gegenstand der angewandten Sprachwissenschaft ist, wird MÜ vor allem in der Informatik und Computerlinguistik erforscht. Schon für die ersten Computer Ende der 40er Jahre wurden MÜ-Anwendungen geschrieben. MÜ gilt als die Königsdisziplin der Computerlinguistik.

Menschheitstraum

Das Verstehen einer Sprache, ohne sie gelernt zu haben, ist ein alter Menschheitstraum (Turmbau zu Babel, J. Bechers numerische Interlingua, Babelfisch, Pfingstwunder, Science Fiction-Geschichten). Die Erfindung der Computer in Kombination mit der Beschäftigung mit dem Phänomen Sprache als wissenschaftlicher Disziplin (Sprachwissenschaft) haben zum ersten Mal einen konkreten Weg zur Erfüllung dieses Traums geöffnet.

Geschichte

Bis zum heutigen Tag hat das militärische Interesse den Weg der MÜ entscheidend geprägt. Eines der frühesten Projekte war ein Russisch-Englisch-Übersetzungsprogramm für das US-Militär. Trotz seiner anekdotenhaft schlechten Qualität (Englisch: "der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" wurde angeblich zu Russisch: "der Wodka ist gut, aber das Steak ist schlecht") genoss das Programm hohe Popularität unter US-Militärs, die sich zum ersten Mal ohne den Umweg über Dritte (Dolmetscher und Übersetzer) selbst zumindest eine Idee vom Inhalt russischer Dokumente verschaffen konnten. Der 1966 für das Pentagon erstellte "ALPAC"-Bericht bescheinigte der MÜ grundsätzliche Unrealisierbarkeit und brachte mit einem Schlag die Forschung für fast 20 Jahre praktisch ganz zum Erliegen. Erst in den 80er Jahren begannen Elektrokonzerne wie die Siemens AG ("Metal"-Projekt) erneut mit der Forschung. In der gleichen Zeit initiierte die japanische Regierung das Fünfte-Generation-Projekt, bei dem MÜ von Englisch in Japanisch zunächst auf der Basis der Programmiersprache Prolog implementiert wurde. Die enge Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Elektrokonzernen und Regierung führte zu den weltweit ersten kommerziellen MÜ-Programmen für PCs und hat Japan in die Führungsposition der MÜ-Forschung weltweit gebracht. Der Crash der dotcom-Firmen 2000-2001 hat auch viele kleinere MÜ-Firmen in den Ruin getrieben. Heutzutage sind in der MÜ-Software-Industrie weltweit schätzungsweise nur 10-20 Firmen aktiv (viele Programme sind lizenziert, so dass der falsche Eindruck einer größeren Vielfalt entsteht), so dass sich die Entwicklung großenteils an den Universitäten abspielt. Derzeit wird weltweit nur etwa 1 % des gesamten Umsatzes auf dem Übersetzungs-Markt mit MÜ-Anwendungen erzielt. Dennoch gibt es mehrere Gründe für einen ansteigenden Bedarf an MÜ-Anwendungen:
- Viele Texte sind heute digital verfügbar (also leicht für den Computer zu verarbeiten).
- Die Globalisierung erfordert die Übertragung von immer mehr Texten in immer mehr Sprachen (der Markt für Übersetzung verdoppelt sich alle vier Jahre), während die Popularität des Berufs des Übersetzers/Dolmetschers stagniert.
- Gerade von nur wenigen Westeuropäern/Amerikanern gesprochene beziehungsweise für diese schwierig zu erlernende Sprachen aus Regionen, deren Bewohner ihrerseits kaum westliche Sprachen sprechen, werden immer wichtiger:
  - kommerziell wichtig: die ostasiatischen Sprachen Chinesisch, Koreanisch und Japanisch; sowie Thai.
  - militärisch wichtig: Sprachen der internationalen Konfliktregionen, vor allem mit Beteiligung des US-Militärs. 2003 haben gleich mehrere US-Software-Firmen Übersetzungsprogramme für Arabisch und sogar Paschtu (Sprache in Afghanistan) herausgebracht. Ebenfalls 2003 hat die DARPA einen Blind-Wettbewerb für eine unbekannte Ausgangssprache durchgeführt.

Übersetzungs-Methoden

Alle MÜ-Systeme benutzen (in Datei-Form vorliegende) zweisprachige Wörterbücher und haben Module zumindest für grundsätzliche Grammatikregeln. Die einzelnen Methoden unterscheiden sich dennoch erheblich. Die wichtigsten Methoden/Herangehensweisen der MÜ sind:
- direkte MÜ. Die Wörter des Quelltextes werden mit dem Wörterbuch Wort für Wort und in der gleichen Reihenfolge in die Zielsprache übertragen. Anschließend werden Satzstellung und Flexion nach den Regeln der Zielsprache angepasst. Dies ist die älteste und einfachste MÜ-Methode, die beispielsweise auch obigem Russisch-Englisch-System zugrundelag.
- Transfer. Die Transfer-Methode ist die klassische MÜ-Methode mit drei Schritten: Analyse, Transfer, Generation. Der zweite Schritt hat der ganzen Methode den Namen gegeben. Zunächst wird die grammatische Struktur des Quelltextes analysiert, oft in einer Baumstruktur. Dann werden in zwei getrennten Prozessen Wörter einerseits und grammatische Regeln andererseits in die Zielsprache übertragen (=transferiert). Schließlich werden in der Zielsprache die Wörter in die Regeln eingesetzt und so der Zieltext erzeugt (=generiert).
- Interlingua. Die grammatische Information des Quelltextes wird zunächst in einer neutralen "Zwischensprache" (=Interlingua) ausgedrückt. Die grammatische Information in der Zielsprache wird aus dieser Zwischensprache erzeugt. Die Interlingua-Methode ist hilfreich bei komplexen Ausdrücken. So kann man deutsch "Wenn ich arbeiten würde, würde ich mir ein Auto kaufen." nicht mit einer Transfer-Regel würde-->would übersetzen. "
- If I would work, I would buy a car.", weil auf Englisch if-Sätze would nicht erlauben. In der Interlingua würde die würde-Information abstrakt als "Irreales Konditional" weitergegeben und im Englischen je nach dem Satzkontext mit oder ohne would realisiert.
- EBMT (steht für Example-Based Machine Translation, beispielbasierte MÜ). Das Kernstück eines EBMT-System ist ein Translation Memory, in dem häufig wiederkehrende Sätze oder Redewendungen mit ihren jeweiligen Übersetzungen gespeichert werden. Statistisch wird (mit Information-Retrieval-Methoden) berechnet, wie ähnlich alle Einträge des Translation Memory jeweils einem Satz des Quelltextes sind. Aus der Kombination der Übersetzung der ähnlichsten Sätze wird die Übersetzung generiert.
- SBMT (steht für Statistics-Based Machine Translation, statistische MÜ). Vor der eigentlichen Übersetzung analysiert ein Programm ein möglichst großes und breitgefächertes Corpus von zweisprachigen Texten (oft zum Beispiel die Bibel). Dabei werden Wörter und grammatische Formen aufgrund ihrer Häufigkeit und Nähe im Text einander zugeordnet und somit ein Wörterbuch sowie Grammatikübertragungsregeln extrahiert. Auf dieser Basis werden nun Texte übersetzt. Die SBMT ist in letzter Zeit sehr populär, weil sie keinerlei Kenntnis der beteiligten Sprachen voraussetzt. Aus dem gleichen Grund ist die Übersetzungsqualität auch meist sehr schlecht. Das Computerprogramm erledigt die Extraktion von Wörtern und Regeln automatisch, vorausgesetzt man füttert ihn mit einem großen Corpus. SBMT wird beispielsweise vom Pentagon für die Sprachen favorisiert, für die man schnell ein MÜ-System braucht, ohne Zeit für das Zusammentragen von Regeln durch Menschen zu haben.
- HAMT (steht für Human-Aided Machine Translation, MÜ mit menschlicher Hilfe). Anstatt die Übersetzung 100 % dem Computer zu überlassen, wird der menschliche Benutzer gebeten, mehrdeutige oder schwierig zu übersetzende Konstruktionen selbst zu übersetzen oder zu vermeiden (so genannte "Kontrollierte Sprache"). Dies kann im voraus geschehen, indem der Benutzer beispielsweise lange Sätze in kurze Sätze unterteilt, oder in Interaktion, zum Beispiel indem das Programm den Benutzer bittet, die gewünschte Bedeutung eines Wortes auszuwählen. Die meisten Systeme in der Praxis sind eine Mischung aus mehreren Methoden (oft Dominanz des Transfersystems mit Interlingua und EBMT-Elementen).

Warum ist die Qualität oft so miserabel?

Ergebnisse von MÜ-Programmen sind in vielen Fällen falsch und darüber hinaus oft unbeabsichtigt erheiternd. Um diesen Effekt zu sehen, genügt es praktisch, irgendeinen willkürlich ausgewählten Text einer Fremdsprache von einer kostenlosen Übersetzungsmaschine wie bei Google in die eigene Muttersprache übersetzen zu lassen.

Wie bewertet man MÜ-Qualität? (Evaluation)

Anstatt des intuitiven und wenig aussagekräftigen Eindrucks "diese Übersetzung ist miserabel" benutzt die MÜ-Forschung die Evaluation, die skalierte Bewertung der Übersetzungsqualität. MÜ-Übersetzungen werden zunächst pro Satz bewertet; die normalisierte Summe der Sätze ist die Qualität des ganzen Textes. In den meisten Fällen wird