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| Aberglaube |
AberglaubeDer Begriff Aberglaube wird meist abwertend für einen Glaubenssatz oder ein Glaubensgebilde gebraucht, das – dem eigenen gegenübergestellt – als irrational, unvernünftig, nutzlos (manchmal auch unmenschlich), und deswegen als unterlegen betrachtet wird. Häufig wird er im Zusammenhang mit mangelnder Bildung, dem Mittelalter (Aufklärung), oder auch nicht-monotheistischen Religionen und Kulten gebraucht. Für einen Atheisten oder Marxisten kann jedoch auch etwa der christliche Glaube Aberglauben darstellen. Aberglaube ist demnach die Summe alles Nicht-Rationalen.
In der Psychologie ist Aberglaube eng verwandt mit Begriffen wie Magisches Denken, Selbsterfüllende Prophezeiung, Mythos der eigenen Unverletzbarkeit (siehe Arbeitssicherheit), Glaube an das "todsichere System" beim Glücksspiel (siehe Wahrscheinlichkeit). Er entsteht z.B. bei nichtdeterministischen Experimenten (z.B. die abergläubische Ratte, Belohnungssysteme, die der Lernkurve folgen, siehe Paul Watzlawick). Aberglaube und magische Praktiken sind auch entwicklungspsychologisch relevant, da Kinder in einer so genannten Phase des Egozentrismus sich einem magisch-abergläubischen Weltbild zuwenden können.
Außerdem können (Wander-)Sagen zum Aberglauben beitragen, wenn sie uns glaubwürdige Ereignisse schildern und wir damit deren Eintrittswahrscheinlichkeit überschätzen.
Verwendung
Meist besitzt ein als abergläubisch bezeichnetes Weltbild eine weniger in sich geschlossene logische Struktur, als sie beispielsweise von den Scholastikern für die katholische Kirche aufgebaut wurde. Es gibt starke regionale Unterschiede – die aber durch moderne Medien und die neueren Möglichkeiten der Kommunikation immer mehr verwischen – und die einzelnen Spielarten grenzen sich gegeneinander weniger stark ab, als dies bei den Weltreligionen der Fall ist. Dies bedeutet aber nicht unbedingt, dass zwischen konkurrierenden Formen des Aberglaubens unbedingt eine größere Toleranz bestehen muss.
Der Grund für das fehlende Grundgerüst ist häufig in der Christianisierung des ursprünglichen Volksglaubens zu sehen, wodurch der Unterbau verloren ging und nur Rituale wie das Silvesterschießen oder einzelne Zeremonien z.B. bei Totenfeiern erhalten blieben oder sich als katholisch gebilligter Heiligenglauben versteckten.
Geschichte
Der Begriff Aberglaube taucht in der christlichen Religion am Ende des Mittelalters auf, er sollte Abweichungen von der geltenden Kirchenlehre anprangern und ins Abseits stellen.
Die Bekehrung der Heiden war in Europa zwar abgeschlossen, doch die lokalen Volksglauben lebten in gewissen Grenzen weiter. Zauber, Amulette, Böser Blick, heilige Bäume und heilige Haine, nichts sollte die Christen von dem wahren Glauben und der Heilsbotschaft ablenken, kein anderes Heil sollte der einzig gültigen Religion konkurrieren dürfen. Die Gnade, den Ablass der Sünden und die Erlösung sollte es nur innerhalb der einzig gültigen Kirche geben.
Andererseits wollte man mit der Bezeichnung Aberglaube auch all den neuen, vorreformatorischen und sektiererischen Einflüssen entgegenwirken. Alle Kirchenkritiker und Abweichler, die Ketzer, sollten damit in die gleiche Position wie die Hexen und Zauberer gebracht werden. Und auch auf sie wartete die Inquisition.
Die meisten Kulturen außerhalb Europas, besonders diejenigen, die nicht mit monotheistischen Religionen leben, kennen auch den Begriff "Aberglaube" nicht. Da wird meistens die Vorstellung der Andersgläubigen als gleichwertig betrachtet, auch wenn man sich ihr selbst nicht anschließen möchte. Die Infragestellung konventionsabhängiger Glaubensinhalte durch 'Outcasts' wird hingegen oft als Bestätigung der Rechtmäßigkeit ihrer Ausgrenzung betrachtet.
Aberglaube liefert aufgrund der narrativen Einbettung seiner Inhalte noch heute viele Hinweise auf das sozio-kulturelle Vorwissen alter Kulturen und ist Objekt zahlreicher volkskundlicher Forschungsarbeiten. Aus volkskundlicher Sicht kann man sagen, dass der Glaube dann zum Aberglauben wird, wenn er mit der sozio-kulturellen Entwicklung nicht mehr Schritt halten kann.
Beispiele
Heutzutage finden sich noch Reste in europäischen Kulturkreisen,
wie etwa die Zahlenmystik, der Glaube, dass schwarze Katzen
beim Vorübergehen aus einer bestimmten Richtung Pech bringen,
oder dass es unvorteilhaft für das Lebensglück ist, unter einer
Leiter hindurch zu gehen. Gleichzeitig vermittelt ein 4-blättriges
Kleeblatt Glück (evtl. allein nur es gefunden zu haben), genauso
wie sich der Ruß eines Schornsteinfegers zum persönlichen Glück wendet.
Daneben finden sich noch eine Unzahl Bauernregeln, die besonders auf
die bäuerliche Wetterprognose sowie auf Tätigkeiten rund um Haus und Hof (germanischer Stabreim) beziehen. Daran angelehnt kann man
den so genannten Mondkalender sehen, wie er auch heute noch zur
optimalen Bestimmung von Pflanz-, Gieß- und Erntetätigkeiten, aber
auch zur persönlichen Hygiene wieder vermehrte Verbreitung in den
Massen erfährt.
Häufig entsteht auch ein persönlicher Aberglaube wie zum Beispiel die "Glückssocke", die ihrem Träger zu bestimmten Anlässen beisteht, wenn er sie nur trägt. Diese Art Aberglaube entsteht durch die falsche Zuordnung von Ursache und Wirkung und ist eine der häufigsten Arten des nicht-religiösen Aberglaubens. Seltener entspringt Aberglaube einem überlieferten Handlungswissen, für das sich bislang keine Erklärung fand.
Aber auch eine Vielzahl der Angebote auf dem Esoterik-Markt stellen nichts anderes als Aberglauben dar.
Bewahrheiteter Aberglaube
Für bäuerlichen Aberglauben hielt man z.B. die Auffassung, dass dort, wo Berberitzen wachsen, die Getreide-Krankheit Schwarzrost auftritt, bis man wissenschaftlich nachweisen konnte, dass die Berberitze Zwischenwirt des Pilzes ist, der die Krankheit auslöst.
Siehe auch: Gewitterkerze, Glückskatze, Holunder, Schluckbildchen, Glückshaube, Hubertusschlüssel
Literatur
- Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bände. De Gruyter, Berlin und Leipzig 1929-1942 (unveränderter Nachdruck 2000: ISBN 3-11-016860-X)
Weblinks
- [http://www.eurasien.net/antworten/?aktion=antwort&text=idole Aberglaube im Buddhismus]
- http://www.zum.de/Faecher/kR/BW/wagner/abergl1.htm
- http://members.aon.at/konrad.unger/chronik/aberglaube.htm
Kategorie:Religion
Kategorie:Volksglaube
ja:迷信
ko:미신
th:ความเชื่อโชคลาง
Glauben
Etymologie
Das Wort „glauben“ ist die Übersetzung des griechischen „pisteuein“ mit vergleichbarem Wortsinn. Im Judentum dagegen wird meist die Vokabel „aman“ verwendet: Sich an etwas festmachen. Ursprünglich gemeint war also nicht das unbestimmte „ich weiß nicht“, sondern im Gegenteil: „ich verlasse mich auf, ich binde meine Existenz an“. Es geht also zentral nicht um einen Gegenpol zum Wissen, sondern um Vertrauen, Gehorsam und Lebensübergabe. (Vergleiche: Geloben.)
Zur Etymologie des Wortes „Glauben“ sei verwiesen auf: [http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GG17590 Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971, Artikel: "Glauben"]
Das lateinische Wort credere (vgl. Credo) ist direkt verwandt mit der altindischen Wurzel śraddhā- „glauben“ und stellt eine sehr alte (indogermanische) Verbalkomposition dar. Die Bestandteile bedeuten: „Herz“ und „setzen, stellen, legen“, zusammen also etwa: „sein Herz (auf etwas) setzen“.
Glaube erklärt durch die hebräische Grammatik.
Diese Vokabel „aman“ mit der Schreibung „Aleph-Mem-Nun“ wird nur in der Stammesmodifikation des „Hif'il“ (Aussprache „hä'ämin“) im Deutschen mit dem Wort „glauben“ übersetzt. Diese Stammesmodifikation drückt im allgemeinen einen kausativen Aspekt der Grundbedeutung aus. Die Grundbedeutung der Buchstabenfolge (Wurzel) „Aleph-Mem-Nun“, die auch im ursprünglich hebräischen Wort Amen erscheint, ist „fest“ oder „unerschütterlich“, die Bedeutung im Hifil ist also „jemanden fest sein lassen“ oder „jemanden sich als fest und unerschütterlich beweisen lassen“. Und dies ist genau der Glaube, den sowohl das alte als auch das neue Testament meint.
Dem Glauben zugrunde liegt eine Anlage des Menschen, sich an etwas festzumachen, an einer Hoffnung, einem (Welt- oder Menschen- oder Gottes-)bild. Ohne diese Grundausrichtung wäre ein Mensch haltlos und nicht überlebensfähig.
Unabhängig davon ist, woran speziell sich ein Mensch festmacht. Hier können rein innerweltliche Dinge (z. B. die eigene Kraft, das Volk/eine Gemeinschaft oder Beziehung, die Familie) das Objekt des Glaubens bieten oder auch Lebensstrategien, Weltprinzipien bis hin zum Glauben an über- oder außerweltliche Kräfte und Personen (Götter oder Gott).
:... Glauben heißt angeblich nicht wissen, ... doch Wissen ist auch nicht mehr, als das zu glauben, was jemand weiß ...
:Auch wer sich tief auf den Zweifel eingelassen und vielleicht sogar die Verzweiflung erfahren hat, findet sich schließlich, wenn er weiterlebt, derselben Welt gegenüber, die ihm als natürlichem Menschen gegeben war. Er wird nun an vielen Stellen Vorsicht und relativen Zweifel gelernt haben, vielleicht ist ihm der schwebende Charakter aller Erkenntnis deutlich geworden, die Möglichkeit, alles anzuzweifeln. Aber indem er lebt, läßt er die Welt gelten. ... Man kann dies kaum deutlicher sagen als Faust in dem Augenblick, in dem er aus der Verzweiflung zurückkehrt: „Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder.“ Die Träne ist das Wirkliche, das er schlicht gelten läßt, und mit ihr die Welt, denn weinen heißt leben.
:Wer überhaupt aus der wirklichen Verzweiflung zurückkehrt, wird dabei wohl immer eine Erfahrung des Bereichs gemacht haben, den man den religiösen nennt. Die Möglichkeit des Weiterlebens wird für ihn meist mit dieser Erfahrung zusammenhängen. Sein weiteres Leben wird also ein Verhalten sein, das mit der Wirklichkeit, die sich ihm in dieser Erfahrung gezeigt hat, in der Weise des Glaubens rechnet, auch wenn diese Wirklichkeit sich nicht oder nicht mehr unmittelbar zeigt. Der religiöse Glaube, wo er echt ist, ist also in besonderer Weise nicht ein bloßes Fürwahrhalten, sondern eine Art des Lebens. Es ist aber nicht ein bloßes Geltenlassen eines sich ohnehin Zeigenden, sondern ein aktives ständiges Ansprechen oder Anrufen eines sich nicht ohne weiteres Zeigenden.
Carl Friedrich von Weizsäcker, Zeit und Wissen
Bedeutungen im Alltagsgebrauch
Glauben als meinen bzw. für wahr halten
Glaube beschreibt im Alltagssprachgebrauch die im Rahmen von Unsicherheit festgestellte Erwartung bezüglich irgendwelcher Tatsachen oder Zusammenhänge. Etwa: „Ich glaube, dass morgen die Sonne scheinen wird“ oder „Ich glaube, es geht hier entlang und nicht dort.“
In solchem Glauben drückt sich die Meinung aus: „Vielleicht ist es wahr bzw. wird es wahr, vielleicht auch nicht.“ Dann bedeutet glauben „meinen, vermuten“.
Der Glaube kann dabei sehr stark und gut begründet sein, zum Beispiel „Ich glaube daran, dass ich kein Gehirn in einem Glas bin und dass die Umwelt, die ich sehe, real ist.“
In aller Regel bedeutet glauben etwas für wahrhalten auf Grund eines glaubwürdigen Zeugen. In diesem Sinn ist der mit Abstand größte Teil unseres Wissens Glaubenswissen.
Glauben als Vertrauen
Glauben findet sich im alltäglichen Sprachgebrauch aber auch in einer ganz anderen Bedeutung als »meinen«, »vermuten«, beispielsweise in folgenden Sätzen: „Ich glaube dir.“, „Ich glaube an die Liebe zwischen uns.“, „Ich glaube an den Erfolg meines Engagements.“
Ein solches Glauben ist nicht so sehr ein Vermuten über Sachverhalte, sondern primär eine personale Beziehung, in der sich eine Person vom Geglaubten her bestimmen lässt. Und dann bedeutet dieses Glauben „vertrauen“.
»Glaube« in diesem rein menschlichen Sinn bezeichnet den Bewusstseins-Akt des Vertrauens (Vertrauensglaube) mit dem dazugehörenden vertrauenden Handlungs-Akt (Tatglaube), dass das Geglaubte eine Möglichkeit ist, die Realität werden kann, oder eine noch nicht erfahrbare Realität ist, so dass so gehandelt wird, dass das Geglaubte Realität werden kann oder als ob das Geglaubte schon erfahrbare Realität sei, denn andernfalls wäre der Glaube nur ein Pseudo-Glaube bzw. das Vertrauen nur ein Pseudo-Vertrauen.
Bedeutungen im christlich-religiösen Gebrauch
Religiös christlich unterscheidet man drei Qualitäten des Glaubens:
(Credere deum:) Fürwahrhalten, dass Gott existiert
Dieses Glauben bedeutet die weltanschauliche Annahme, dass es ein höheres Wesen gibt. Dieses Glaubens-Vermuten wirkt sich nicht unbedingt auf das Handlungsbewusstseins des Glaubenden aus.
(Credere deo:) Fürwahrhalten der christlichen Glaubenslehren
Dieses Glauben bedeutet i. a. die sogenannte Sonntagsgläubigkeit, also bloße Lippenbekenntnisse über den christlichen Glauben, ein toter Glaube. Bei diesem Glauben ist nicht erfasst, dass es sich beim christlichen Glauben in erster Linie um ein neues Handlungsbewusstsein handelt, das sich in der Liebe zum Nächsten und zum Feind ausdrückt und ein bedingungsloses Verzeihen und eine grenzenlose Güte beinhaltet, die aus dem Verstehen und dem Sich-In-Gott-Geborgenwissen resultieren.
(Credere in deum:) So vom Geborgensein in Gott her leben, dass Liebe sich ereignet
Dieses Glauben beinhaltet ein neues Selbstverständnis (Handlungsbewusstsein, neues Menschsein), bei dem der Mensch nicht mehr aus Angst um sich selbst handelt, weil er sich absolut in Gott geborgen weiß. Dieser Glaube ist ein von der Liebe durchformter Glaube, also ein Glauben, das sich im Handeln als Liebe ausdrückt, ein lebendiger Glaube. Dieses neue Selbstverständnis beinhaltet eine Abkehr vom personalen Gottesbild und letztlich auch die Verwirklichung eines neuen Bewusstseins, dass nicht auf Trennung (von Gott, der Natur, den Menschen, usw.) basiert.
Damit kann man den christlichen Glauben so definieren: »Glaube« im christlichen Sinn bezeichnet das Bewusstsein, sich so wie Jesus absolut in Gott geborgen zu wissen (mit dem Römerbrief 8. 38 ausgedrückt: weder Tod noch Leben kann uns scheiden von der Liebe Gottes), so dass man nicht mehr aus Angst um sich selbst handeln muss und in Liebe und Gelassenheit leben kann.
Definition "Glauben, christlich"
Glaube=Geloben=Verloben
Glaube ist eine Beziehung zwischen Mensch und Gott. Jesus hat durch sein Menschwerden-Leiden und Sterben das menschliche Leiden erfahren und kann sie dadurch verstehen. (Jesu Beziehung zum Vater war vollkommen, vgl. Joh 17, 21: Ich und der Vater sind eins.) Seine Auferstehung und Himmelfahrt bedeutet für einen Christen, dass er selbst teil hat an der Auferstehung. Darum ist es wichtig, mit Gott zu reden und eine innige Beziehung zu haben. Denn Christen sind Gottes Kinder und Gottes Hausgenossen, vgl. Eph. 2. Aus einem Verwandschaftsverhältniss gibt es kein Aussteigen.
Theologische Ausfaltung des christlichen Gläubigseins
Der christliche Glaube besteht nicht aus einer Ansammlung unterschiedlicher einzelner Glaubensinhalte, die nicht weiter zu vereinheitlichen (zu reduzieren) wären, sondern die Glaubensinhalte des christlichen Glaubens (formuliert etwa im frühkirchlichen sogenannten Apostolischen Glaubensbekenntnis als einer Zusammenstellung von biblischen Aussagen) sind eine Ausfaltung der recht einfachen Lehre Jesu, wie sie in den Evangelien weitergegeben wurde.
Die Lehre Jesu lässt sich so zusammenfassen:
- Glaubt, dass ihr absolut in Gott geborgen seid. Die letzten Wirklichkeiten über unser Leben sind nicht Tod, Schuld und Ungerechtigkeit sondern die Erlösung davon; bildlich ausgedrückt: tiefer als in die Hand Gottes kann man nicht fallen;
- glaubt, dass das Reich Gottes möglich (bzw. nahe) ist und handelt dementsprechend, und
- ihr müsst euer Tun vor euch verantworten, was bedeutet, dass ihr von anderen und vor allem von mir (Jesus) gefragt werdet, wie ihr denn euer Handeln rechtfertigen wollt, und dem könnt ihr nicht ausweichen.
Deswegen lässt sich der Begriff Glaube so definieren: »Glaube« im christlichen Sinn bezeichnet das Bewusstsein, sich so wie Jesus absolut in Gott geborgen zu wissen, so dass man nicht mehr aus Angst um sich selbst handeln muss und in Liebe und Gelassenheit leben kann. Siehe hierzu auch Artikel „Angst“
Dieser Glaube stellt sich theologisch dreifach dar als Glaube an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Denn es geht im christlichen Glauben darum, sich absolut in Gott geborgen zu wissen (Glaube an den Vater), was bedeutet, dass man glaubt, dass Gott einen in sich so aufgenommen hat (in sich hineingeschaffen hat), dass weder Tod noch irgendeine Schuld, einen von der Gemeinschaft mit Gott trennen kann.
Sodann geht es darum, sich genau so wie Jesus in Gott geborgen zu wissen, so dass man auch wie Jesus erfüllt sein könnte vom Heiligen Geist. „An den Heiligen Geist glauben“ bedeutet also, sich so wie Jesus in Gott geborgen zu wissen, um so liebend und befreiend wie Jesus handeln zu können. „An Jesus als den (eingeborenen) Sohn glauben“ bedeutet, zu wissen, wem man diesen Glauben verdankt, weil Jesus diesen Glauben unüberbietbar vorgelebt hat. (Näheres unter den Links Dreifaltigkeit, Menschwerdung Gottes und Präexistenz des Sohnes) Im Glaubensbekenntnis wird die Gottessohnschaft Jesu noch durch die Sätze „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ ergänzt. Hierzu Näheres unter dem Link Jungfrauengeburt Jesu. Auch wird die Gottessohnschaft Jesu durch einen anderen Glaubenstitel flankiert: Glaube an Jesus Christus.
Der Glaube an die Auferstehung Jesu ist identisch mit dem Glauben an die Lehren Jesu, denn auch von Jesus wird geglaubt, dass er völlig in Gott geborgen ist, was eben sein ewiges Leben beinhaltet.
Der Glaubensartikel „aufgefahren in den Himmel“ ist ein anderes Bild für das Bildwort „Auferstehung“, das eben den theologischen Sachverhalt ausdrückt, dass Jesus absolut in Gott geborgen ist. (Näheres hierzu unter dem Link Himmelfahrt Jesu.)
Der Glaubensartikel „dass Jesus richtet“ meint, dass vor einem selbst und somit vor Gott und den Menschen das Handeln verantwortet werden muss, dass also Menschen nicht auf ewig ihrem Tun ausweichen und ihr Handeln verdrängen können.
Die Glaubensartikel „Vergebung der Sünden“, „Auferstehung der Toten“ und „ewiges Leben“ sind eine Entfaltung des Glaubens, absolut in Gott geborgen zu sein (Glaube an den Vater).
Der Glaube, dass die Kirche heilig und allgemein (katholisch) ist, ist eine Entfaltung der Lehre Jesu, dass jeder glauben könne und solle, so dass eine Gemeinschaft von Heiligen entsteht, die allgemein möglich ist und es auch gibt, wie verborgen auch immer.
Der Glaubensartikel „Gemeinschaft der Heiligen“ spezifiziert, dass man die Kirche als heilig und allgemein glaubt.
Die christlichen Glaubensinhalte sind, wie eben gezeigt, eine Ausfaltung des einfachen Glaubens Jesu, in Gott absolut geborgen zu sein, hin auf verschiedene Lebensaspekte und Wirklichkeitsdimensionen. Dabei lässt sich dieser Glaube dreifach darstellen als Glaube an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Das sind aber keine drei verschiedenen Gründe bzw. Wurzeln des Glaubens, sondern ein Grund, der sich dreifach darstellen lässt: ein sich dreifach darstellender Grund, eine sich dreifach darstellende Wurzel als der Glaube an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.
Bedeutung in der Philosophie
Im philosophischen und speziell erkenntnistheoretischen Sinn bedeutet Glauben ein Fürwahrhalten. Dieses Fürwahrhalten bedarf nicht zwingend objektiver Begründung und kann ganz subjektiv sein.
Glaube und Vernunft
Unter dem Titel „Glaube und Vernunft“ wird in Theologie und Philosophie die Frage behandelt, ob und wie man den Glauben vernünftig rechtfertigen kann. Die Frage ist, ob es vernünftige Gründe gibt, an Gott zu glauben, oder ob die vorgebrachten Gründe doch nicht so stichhaltig sind, dass man sie vernünftig nennen könnte. Das Thema „Glaube und Vernunft“ ist also ein philosophisches Thema, das dementsprechend in der philosophischen Teildisziplin Natürliche Theologie, jedoch auch in der Theologie verhandelt wird, und zwar im Fach „Fundamentaltheologie#Glaube und Vernunft“.
Ein wichtiges Kennzeichen für vernünftige Aussagen ist, dass sie von jedem prinzipiell akzeptiert werden können, denn Vernunft besagt in erster Linie Allgemeingültigkeit und die Bereitschaft, das bessere Argument gelten zu lassen. Vernunft ist also möglich, aber aufgrund von Missverständnissen, Wissensmangel oder emotional verursachten Einengungen dann doch oft nicht herstellbar und erreichbar.
Wichtig für den Vernunft-Begriff ist auch zu wissen, dass „Vernunft“ nicht mit „Wahrheit“ gleichgesetzt werden darf. Denn vernünftige Aussagen müssen noch längst nicht wahr sein, sie können wahr sein, sie können aber auch falsch sein. Beispiel: Die Aussage „Die Welt hört auf zu existieren, wenn die durch den Urknall ausgelöste Fluchtbewegung der Galaxien durch die Gravitation der Galaxien zum Stehen kommt und sich alles wieder so weit zusammenzieht, wie es kurz nach dem Urknall war“ ist vernünftig, denn sie ist eine theoretische Annahme auf dem Hintergrund bestimmter physikalischer Beobachtungen. Aber diese Aussage ist nicht wahr zu nennen, da es sich auch anders verhalten könnte: Unser Universum könnte sich immer weiter ausdehnen, wenn die Explosionskraft des Urknalls die Gravitationskräfte der Galaxien bei weitem überstiege. Bis heute können die Physiker keine Beobachtung nennen, die die eine Theorie widerlegte und die andere als theoretisch besser einstufte. Aber als wahr könnte dann auch diese Aussage noch nicht gelten, weil keiner wissen kann, ob nicht irgendwann eine Beobachtung gemacht werden wird, die auch diese Aussage widerlegte und zu ganz anderen Annahmen über das Ende der Welt zwänge. Denn es könnte sein, dass ein punktähnliches Ende unseres zusammengezogenen Universums als reines Energiefeld ohne materielle Strukturen nur der Anfang ist eines sich wieder ausdehnenden Universums. Aber vielleicht ist es auch so, dass die Schwarzen Löcher in den Galaxien alles in sich hineinziehen, so dass nur noch Schwarze Löcher übrig blieben.
In der Theologie und mehr noch der Philosophie wurden gute Argumente vorgebracht, Gott zu beweisen, trotzdem gelten die Gottesbeweise als umstritten.
Viele Theologen halten den Glauben dadurch für vernünftig begründet, dass sie zeigen können, wie der Glaube sehr gut zu einem moralischen krisen- und konfliktlösenden Handeln befähigen kann. Solche Glaubensbegründungen nennt man „postulatorische Glaubensbegründungen“. Zu ihrem wissenschaftsmethodologischen Mangel ebendort.
Wichtig für Christen im Hinblick auf das Thema „Glaube und Vernunft“ ist zu wissen, dass Jesus es für das Christsein nicht vorschrieb, dass jeder kompetent Auskunft geben könne über das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Jesus war kein Theologe im herkömmlichen Sinne, weil er keiner sein wollte. Jesus hielt folgendes jedoch für völlig unverzichtbar für das Christsein: kleide Nackte, besuche Gefangene, gib Hungrigen zu essen, richte keinen, sondern verzeihe vielmehr jedem alles so weit du nur kannst. Andererseits heißt es bei Paulus ganz eindeutig, dass Christen bereit sein sollen, Rechenschaft über ihre (begründete) Hoffnung bzw. ihren Glauben abzulegen.
Lange Zeit nahm man an, dass gerechtfertigter wahrer Glaube Wissen sei (GWG-Behauptung). Gettier gab dazu Gegenbeispiele an, die zeigten, dass zum Wissen gerechtfertigter wahrer Glaube nicht ausreicht (Gettier-Problem).
Glaube und Aberglaube
Der Begriff Aberglaube wird meist abwertend für einen Glaubenssatz oder ein Glaubensgebilde gebraucht, das - dem eigenen gegenübergestellt - als irrational, unvernünftig, nutzlos (manchmal auch unmenschlich), und deswegen als unterlegen betrachtet wird.
Implikationen des Glaubens
Kurz gesagt hat der Begriff Glaube nicht nur im religiösen Sinne 3 Eigenschaften:
1. etwas für richtig und wahr halten
Carl Friedrich von Weizsäcker meint dazu in „Zeit und Wissen“:
:Glaube ist kein intellektueller Akt, sondern eine Weise zu leben. An etwas glauben heißt, sich in jeder Lage so zu verhalten, wie man sich verhalten muß, wenn es das, woran man glaubt, wirklich gibt. Das Fürwahrhalten ist nur die der Reflexion zugängliche intellektuelle Spitze des glaubenden Verhaltens. Um es in einem Gleichnis auszudrücken: Der Fußballspieler muß den Ball ab und zu einem anderen Spieler seiner Mannschaft zuspielen. Das ist nur sinnvoll, wenn er damit rechnen kann, daß der Partner den Ball übernimmt und gegebenenfalls zurückspielt. Gewißheit hierfür gibt es nicht, denn der andere könnte durch den Gegner gehindert sein oder den Ball verfehlen. Trotzdem muß man ihm zuspielen. Dies mit dem Gegenüber trotz der Ungewißheit rechnende Zuspielen und Zurückerwarten des Balls ist Glauben...
:Es wäre wiederum ein aus der Reflexion stammendes Mißverständnis, wenn man versuchen wollte, nun einen „berechtigten Glaubensinhalt“ zu formulieren. Könnte man die „Berechtigung“ eines Glaubensinhaltes erweisen, so würde man wohl besser von Wissen reden.
2. etwas für wertvoll halten
:Ich habe versucht, einige Weisen des Glaubens zu beschreiben. Ich habe nicht versucht, über ihren Wert zu argumentieren, denn das kann man nur, indem man selbst glaubt, also nicht von einem Ort jenseits der in jedem bewußten Glauben liegenden Entscheidung. (C.F. von Weizsäcker, Zeit und Wissen)
3. sich jemandem oder einer Lehre anvertrauen
Aber: Buddha lehrte: Wenn Deine Einsicht meiner Lehre widerspricht, musst du Deiner Einsicht folgen. Jesus Christus sprach: Wer Gottes Willen tut, wird erfahren, ob meine Lehre von Gott ist (Joh. 7,17)
Zitate
- Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor. 13,13 zitiert nach der Lutherbibel 1984. Auf diesem Text basieren verschiedene kirchliche Kunstwerke.)
- Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. (Hebräer 11,1 zitiert nach der Bibelübersetzung Martin Luthers, überarbeitet 1984)
- Glaube denen, die die Wahrheit suchen und zweifle an denen, die sie gefunden haben. André Gide
- Wo Glaube ist, ist Hoffnung, und wo Hoffnung ist, geschehen Wunder. (Werbespruch für eine Gesichtscreme gegen Falten)
- Zu Glauben ist schwierig. Nichts zu glauben ist aber unmöglich! (Victor Hugo)
- Der Glaube kann Berge versetzen. (Alte Volksweisheit-biblisches Wort Christi)
Literatur
- Tom Bisset: Warum? jemand nicht mehr glauben kann, Bielefeld, 2005 (ISBN 3-89397-971-9) ([http://clv.dyndns.info/pdf/255971.pdf PDF-Download])
- Arthur Ernest Wilder-Smith: Wer denkt, muss glauben, Bielefeld (ISBN 3-89397-798-8)
- Carl Friedrich von Weizsäcker: Zeit und Wissen, München 1992 (ISBN 3-446-16367-0)
Siehe auch
- Portal:Religion, Portal:Bibel
- Bibelstudium
- Atheismus, Bigotterie, Scheinheiligkeit
- Religionsphilosophie
Weblinks
- [http://www.luckysoul.de Religion, Glauben und Lebenswege - sehr umfangreiche und neutrale Informationsseite]
- [http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20746/1.html Warum der Mensch glaubt (Telepolisartikel)]
- [http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21126/1.html Sind religiöse Gesellschaften "besser"?]
Kategorie:Theologie
Kategorie:Religion
Kategorie:Esoterik
Mittelalter]]
Das Mittelalter bezeichnet eine Epoche in der europäischen Geschichte
zwischen der Antike und der Neuzeit, die christliche, antike und
keltische, germanische und slawische Entwicklungen zusammenführt.
Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform ist der Feudalismus.
Grundzüge des Mittelalters sind die nach Ständen geordnete Gesellschaft, die gläubig christliche Geisteshaltung in Literatur, Kunst und Wissenschaft, Latein oder Griechisch als gemeinsame Kultur- und Bildungssprache, die Idee der Einheit der christlichen Kirche (die aber faktisch nach dem großen Schisma mit der Ostkirche nicht mehr bestand) und ein recht einheitliches Weltbild.
Zeitliche Festlegung
Im Groben ordnet man das Mittelalter in die Zeit von 500 bzw. 600 n. Chr. bis 1500 n. Chr. ein. Wesentlich genauer sind jedoch folgende Merkmale:
Das Mittelalter erstreckt sich ungefähr vom Ende der Völkerwanderung (375-568) bzw. vom Untergang des weströmischen Kaisertums 476 bis zum Zeitalter der Renaissance seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bzw. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Bezüglich der Problematik der Datierung des Beginns des Mittelalters siehe Spätantike.
Die Datierungen sind nicht immer einheitlich, es kommt oft darauf an, welche Aspekte der Entwicklung bevorzugt werden und von welchem Land man ausgeht. Stellt man zum Beispiel den Einfluss des Islam in den Vordergrund, kann man Mohammeds Hidschra (622) oder den Beginn der arabischen Expansion ab 632 als Beginn sehen. Ebenso gibt es unterschiedliche Datierungsmöglichkeiten für das Ende des Mittelalters, beispielsweise die Erfindung des Buchdrucks (um 1450) oder auch die Reformation (1517).
Fokussiert man einzelne Länder, kann man auch zu verschiedenen Eckdaten kommen. So endete die Antike am Rhein oder in Britannien sicher früher als etwa in Syrien. Und so war zum Beispiel um 1420 in Italien bereits das Zeitalter der Renaissance angebrochen, während man zur gleichen Zeit in England mit gutem Grund noch vom Mittelalter spricht.
Mittelalter bezieht sich in erster Linie auf die Geschichte des christlichen Abendlands vor der Reformation - der Begriff wird kaum im Zusammenhang mit außereuropäischen Kulturen verwendet.
Die Einteilung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter
Man kann das Mittelalter grob in 3 Phasen gliedern:
- Frühmittelalter (Mitte 6. Jahrhundert bis Anfang 11. Jahrhundert)
- Hochmittelalter (Anfang 11. Jahrhundert bis ca. 1250)
- Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500)
Frühmittelalter
In das Frühmittelalter fällt unter anderem auch die Zeit der Völkerwanderung, wobei die Forschung aber mittlerweile dazu tendiert, diese aus dem Mittelalter herauszunehmen, sie als Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter zu sehen und der Spätantike zuzurechnen.
Weitere einschneidende Entwicklungen sind die weitgehende Christianisierung Europas, der Aufstieg des Fränkischen Reiches, der Einfall der Wikinger, der Beginn des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Kämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum. Außerdem wirkt der Aufstieg des Islam und sein schnelles Ausgreifen bis nach Europa prägend.
Wirtschaftlich stellt das Frühmittelalter eine Zeit der Naturalwirtschaft dar, wobei besonders das System der Grundherrschaft herauszustellen ist.
Wesentliche Kulturträger sind das Byzantinische Reich, die Klöster, insbesondere die des Benediktinerordens, sowie die Gelehrten des arabisch-muslimischen Kulturkreises.
Siehe auch Hauptartikel: Frühmittelalter.
Hochmittelalter
Das Hochmittelalter ist die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen Kaiserreichs, des Lehnswesens und des Minnesangs. Es ist auch die Epoche der Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Macht im Investiturstreit, welcher die Einsetzung mehrerer Gegenpäpste zur Folge hatte. Innerhalb der Scholastik wird Aristoteles zur wichtigsten nicht-christlichen Autorität. Der Einfluss der Kirche zeigt sich vor allem an den Kreuzzügen gegen den Islam, denen auch Juden zum Opfer fallen. Im Zuge der Kreuzzüge entwickelt sich ein Fernhandel mit der Levante, von dem insbesondere die italienischen Stadtstaaten profitieren. Die Geldwirtschaft gewinnt gegenüber der Naturalwirtschaft immer stärker an Bedeutung. Die wichtigsten Orden des Hochmittelalters sind neben den Zisterziensern die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner. Im Hochmittelalter entsteht das Zunftwesen, das die sozialen und wirtschaftlichen Vorgänge in den Städten stark prägt.
Siehe auch Hauptartikel: Hochmittelalter.
Spätmittelalter
Hochmittelalter]]
Das Spätmittelalter ist die Zeit des aufsteigenden Bürgertums der Städte und der Geldwirtschaft. In dieser Zeit steigt die Hanse zur Handelsmacht auf. Seit etwa 1280 bis einige Jahrzehnte nach der "Großen Pest" (Schwarzer Tod) in der Zeit von 1349 bis 1351 macht die europäische Geschichte einige krisenhafte Entwicklungen, die zu einem starken Bevölkerungsrückgang (Wüstung, Pest) führen, aber auch zu starken Veränderungen der Gesellschaftstruktur, die allmählich zur Neuzeit überleiten (siehe auch: Krise des 14. Jahrhunderts).
Siehe auch Hauptartikel: Spätmittelalter.
Ende des Mittelalters
Als wesentlich für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit betrachtet man im Allgemeinen die Zeit der Renaissance (je nach Land spätes 14. Jahrhundert bis 16. Jahrhundert), die Entdeckung insbesondere der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus 1492, die Erfindung des Buchdrucks 1450 und die damit beschleunigte Verschriftlichung des Wissens, den Verlust des Einflusses der institutionalisierten katholischen Kirche und den Beginn der Reformation. Diese Ereignisse sind alle rund um die Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert anzusiedeln.
Auch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) wird als ein Ereignis genannt, das das Ende des Mittelalters markiert. Dies ist nicht nur eine zeitlich passende Vereinfachung, sondern hat einige Berechtigung, weil mit dem Untergang des Byzantinischen Reiches das letzte lebendige Überbleibsel der Antike unterging. Des Weiteren war der dadurch ausgelöste Strom byzantinischer Flüchtlinge und Gelehrter nach Italien hauptverantwortlich für den Beginn der Renaissance. Darüber hinaus wurden die Handelsrouten nach Asien durch die Ausbreitung des Osmanischen Reiches blockiert, so dass westeuropäische Seefahrer neue Wege erkundeten. Dabei wurde unter anderem Amerika entdeckt – zumindest war es das erste Mal, dass die Existenz Amerikas innerhalb weniger Jahre in ganz Europa bekannt wurde.
Auf musikalischem Gebiet ist das Ende des Mittelalters am besten mit der Umstellung von Quint-Oktavklängen zu terzhaltigen Harmonien zu bestimmen. Die englischen Komponisten waren hier sehr früh (Anonymus 4 spricht bei dieser Entwicklung auf dem Kontinent sogar direkt von englischem Einfluss); vor allem Dunstable ist hier zu nennen. Ab ca. 1430 lässt sich dieser Wandel in Italien dingfest machen, wobei terzhaltige Klänge nicht sofort die reinen Intervalle als Ruhepole der Komposition ablösten und vor allem am Schluss einer Komposition das ganze 15. Jahrhundert hindurch noch der Klang ohne Terz bevorzugt wurde.
Der Begriff Mittelalter
Der Begriff Mittelalter, erstmals im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten benutzt, hatte schon von Beginn an eine negative Bedeutung, weil sie das Mittelalter als „dunkle“ Epoche zwischen der Antike und ihrer Zeit ansahen, in der antike Traditionen wiedergeboren wurden. Aber erst im 17. Jahrhundert wurde diese Einteilung endgültig vorgenommen. Demnach begann das Mittelalter mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahre 476 und endete mit der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch die Osmanen.
Im Englischen spricht man für den Zeitraum nach Ende der römischen Besatzung bis etwa zur Zeit König Alfreds von Wessex, also für die Zeit der Einwanderung der Angeln, Sachsen und Jüten, aufgrund der mangelhaften schriftlichen Quellen von „The Dark Ages“.
Noch heute bezeichnen wir eine Denkweise als „mittelalterlich“, wenn wir sie als starr und veraltet kritisieren wollen. Auch die umgangssprachliche Wendung „Rückkehr ins Mittelalter“ ist negativ besetzt. In der Romantik wurde das Mittelalter allerdings auch wieder positiver gesehen, teilweise auch systematisch verklärt. In der modernen Forschung werden die originären Leistungen des Mittelalters und die wenigstens teilweise vorhandene Kontinuität der antiken Kultur betont. Der bekannte und angesehene französische Mediävist Jacques Le Goff betonte erst jüngst die Geburt Europas im Mittelalter.
Sonstiges
In der japanischen Geschichte wird die Zeit von ca. 1200 bis ca. 1600 als Mittelalter bezeichnet. Diese Epoche zeichnete sich durch eine starke Dominanz des Buddhismus und des Feudalismus aus.
Siehe auch
- Portal:Mittelalter
Literatur
Wichtige Quellen sind im großen Umfang gesammelt in der Monumenta Germaniae Historica. Siehe auch die dt.-latein. Ausgaben der Freiherr-vom-Stein Gedächtnisausgabe (FSGA). Wichtige Quellen stellen u.a. neben der Geschichtsschreibung auch Constitutionen und andere Aktenquellen sowie Regesten dar.
Eine hervorragende Bibliographie findet sich [http://www.histsem.uni-bonn.de/proseminar/lsma15.htm hier (erstellt vom Historischen Seminar der Uni. Bonn)] sowie [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/tutorium/literatur/literatur.htm hier (Uni. Tübingen; umfangreiche Liste mit Quellen- und Literaturangaben)]. Ansonsten sei auf die Angaben im Lexikon des Mittelalters oder den Bibliographien der unten aufgeführten Werke verwiesen.
Nachschlagewerke
- The New Cambridge Medieval History, Cambridge 1995 ff. Noch im Entstehen begriffen, mit hervorragender Bibliographie.
- Lexikon des Mittelalters, 9 Bde., Ausgabe des dtv-Verlags, München 2002 (in Hardcover München-Zürich 1980-1998). Grundlegendes Werk
Sekundärliteratur
- Hartmut Boockmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters, mehrere Neuauflagen, München 2001. Wohl die beste strukturelle Einführung ins Mittelalter, mit guten bibliographischen Angaben.
- Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt/M., Berlin 1988 ISBN 3-548-34004-0
- Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten: Welten des Mittelalters, München 1988 ISBN 3-492-03152-8
- Fischer Weltgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit (4 Bände) ISBN 3596507324
- Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter, Verlag C. H. Beck, München 1987 ISBN 3-406-32052-X
- Horst Fuhrmann: Überall ist Mittelalter : von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, Verlag C. H. Beck, München 1996 ISBN 3-406-40518-5
- Friedrich Heer: Mittelalter. Von 1100 bis 1350, Zürich 1964
Weblinks
- [http://www.erlangerhistorikerseite.de/ma_resso.html Virtuelle Bibliothek – Geschichte / Mittelalterliche Geschichte (Internet-Ressourcen der Erlanger Historikerseite)]
- [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/indexstart.htm Historisches Seminar der Universität Tübingen, Abteilung für Mittelalterliche Geschichte (zahlreiche Links und Materialsammlungen)]
- [http://netzwerk.wisis.de/text/42.htm Mittelalter - SUSAS Netzwerk für Wissensweitergabe - Ausführliche Texte und zahlreiche Erklärungen zu Wirtschaft, Gesellschaft und Ereignisgeschichte]
- [http://www.genealogie-mittelalter.de/ Genealogie Mittelalter] Mittelalterliche Genealogie im Deutschen Reich bis zum Ende der Staufer
- DER SPIEGEL: [http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltraum/0,1518,381627,00.html Wie die Erde zur Scheibe wurde] - das Bild vom rückständigen Mittelalter als moderner Mythos
!Mittelalter
Kategorie:Zeitalter
ja:中世
simple:Middle Ages
AufklärungAls Aufklärung werden bezeichnet:
- die sexuelle Aufklärung, auch Sexualaufklärung
- die militärische Aufklärung (vgl. Aufklärer), militärische Geheimdienste
- die ärztliche Aufklärung: Information eines Patienten über eine Erkrankung und geplante Therapiemaßnahmen
- das Zeitalter der Aufklärung, einen durch fortschreitende Erkenntnis geprägten gesellschaftlichen Emanzipationsprozess; im engeren Sinne der Aufklärungsprozess des 17. und 18. Jahrhunderts
- die Klärung eines Sachverhalts, insbesondere eines Verbrechens
- die Belehrung, Information über gesellschaftliche oder politische Fragen
- im weiteren Sinn die Fortschritte des menschlichen Geistes in der gesamten Geschichte der Menschheit, die evolutionäre Überwindung von Wahn und Gewalt, gleich Menschwerdung im umfassendsten Wortsinn
- der Himmel klärt sich auf (wird klar; frei von Wolken)
AtheismusAls Atheismus wird die weltanschauliche Grundhaltung des Nichtglaubens bzw. des Fehlens eines Glaubens an einen Gott bezeichnet („glauben“ im Sinne von „annehmen, für wahr halten“). Atheismus kann mit der ausdrücklichen Verneinung der Existenz eines Gottes (oder mehrerer Götter) und allgemein transzendentaler Wesen einhergehen.
Der Begriff "Atheismus" leitet sich vom altgriechischen Adjektiv átheos (άθεος) ab und bedeutet wörtlich: ohne Gott. In seiner latinisierten Form tauchte der Begriff wohl erstmals bei Cicero auf. Im deutschen Schrifttum erschien das Wort in lateinischer Form ab Ende des 16. Jahrhunderts, ab Beginn des 18. Jahrhunderts gilt es als eingedeutscht.
Die Bezeichnung átheos war lange Zeit ein Kampfbegriff, der von den Nicht-Gläubigen zunächst nicht übernommen wurde. Es handelte sich um eine abwertende Wortschöpfung, die von den sich als rechtgläubig Bezeichnenden gegen angeblich oder wirklich Ungläubige benutzt wurde. Atheismus wurde im Sinne von "gottlos" auf Anschauungen angewendet, die im Konflikt mit den etablierten Religionen standen. Vielfach wurden religiöse Strömungen mit eigenen neuen Gottesvorstellungen als atheistisch bezeichnet, beispielsweise wurden die ersten Vertreter der großen monotheistischen Religionen des Christentums, des Islams und des Judentums teilweise von ihren polytheistischen Gegnern als Atheisten qualifiziert.
Heute wird die Bezeichnung "Atheismus" tendenziell weniger pejorativ verwendet. Im wissenschaftlichen Diskurs ist "Atheismus" ein wertneutraler Begriff. Sein direkter Gegenpart ist der Theismus.
Systematik des Begriffs
Es gibt verschiedene, sich teilweise überschneidende und widersprechende Einordnungen und Systematisierungen des Begriffs "Atheismus".
Weithin gebräuchlich ist die Dreigliederung in den Glauben an Gott bzw. Götter (insbesondere Theismus und Deismus), das Nichtswissen über Gott bzw. Götter (Agnostizismus), sowie das Fehlen des Glaubens an Gott oder Götter (Atheismus).
Insbesondere im angelsächsischen Raum ist hingegen die Unterscheidung in "starken" (bzw. "positiven") und "schwachen" (bzw. "negativen") Atheismus verbreitet, indem auch der Agnostizismus als Form des schwachen Atheismus gesehen wird.
Nach letzterer Systematik kann der Atheismus nach verschiedenen Kriterien hin systematisch geordnet werden.
# Unterscheidung nach dem Umfang der Ablehnung von Theismen:
## Atheismus als Ablehnung des Theismus (= Atheismus im engeren Sinne): Atheismus kann als Gegenentwurf zu allen Theismen (Monotheismus und Polytheismus) angesehen werden. Dann ist ein Atheist jemand, der den Glauben oder die Existenz an einen oder mehrere Götter ablehnt. Dieser Definition nach sind Buddhisten Atheisten, da diese an keine Götter glauben.
## Atheismus als Ablehnung aller Transzendentalsysteme (= Atheismus im weiteren Sinne): Atheismus kann auch als Gegenentwurf zu allen Transzendentalsystemen angesehen werden, also Überzeugungssystemen, die für die Existenz übernatürlicher Wesen, Wirkkräfte oder Mächte – seien es Götter oder nicht – argumentieren. Ein Atheist in diesem weiteren Sinne lehnt auch den Glauben oder die Existenz aller sinnlicher Erfahrung übersteigenden Dinge (Wesen, Mächten, Kräften etc.) ab. Abgelehnt werden damit u.a.:
## - alle Theismen im obigen Sinne
## - spirituelle Lehren
## - animistische Lehren
## - magische Lehren
## - Mystizismus
# Unterscheidung nach dem Grad der Ablehnung theistischer Inhalte: Eine gute Unterscheidung gilt hier allgemein die zwischen schwachem (negativem, implizitem) und starkem (positivem, explizitem) Atheismus. Die Unterscheidung liegt im Unterschied der logischen Form der beiden Sätze: Ich bin nicht überzeugt, dass es Götter gibt (= schwacher Atheismus) Ich bin überzeugt, dass es keine Götter gibt (= starker Atheismus)
## Der Schwache Atheismus: Der schwache Atheismus kommt ohne den Glauben an Götter aus, behauptet jedoch nicht, dass es keine Götter gäbe, bestreitet also nicht oder leugnet nicht direkt die Existenz von Göttern. Dabei gibt es verschiedene Spielarten:
### Pragmatischer Atheismus: Dieser behauptet, dass eine Erklärung der Welt auch ohne Annahme von Göttern auskomme. Die Existenz von Göttern wird zwar nicht bestritten, aber als unnötig oder unnütz bezeichnet. Ein Pragmatiker (Alltagsbegriff) und Pragmatist (Philosophie) ist jemand, der die Wahrheit von Dingen nach ihrer praktischen Bewährung und ihrem Nutzen für die Praxis beurteilt. Gott oder Götter sind für viele Pragmatiker und Pragmatisten (wenn auch nicht für alle) unnütz, weil sie bei der Beurteilung und Erklärung der Welt aus ihrer Sicht keinen Nutzen bieten.
### Nominalistischer Atheismus: Begriffsnominalisten vertreten die Auffassung, dass nur Einzeldingen Wirklichkeit und damit Existenz zukomme, während Allgemeinbegriffe wie Gott nur Namen (=Nomen) seien. Unter Maßgabe der Einfachheit der Erkenntnisse (Simplizitätskriterium), sei die Annahme von Gott oder Göttern als eigenständig und unabhängig existierenden Wesen überflüssig (siehe auch Ockhams Rasiermesser).
### Agnostizismus: Dieser behauptet, dass Götter mit den Mitteln menschlicher Vernunft nicht erkennbar seien (intelligibler Agnostizismus) oder dass für die Annahme von Göttern nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten die Beweise/Belege fehlten (szientistischer Agnostizismus). Im intelligiblen Agnostizismus kann man wieder unterscheiden zwischen stark und schwach: Der schwache Agnostizismus behauptet nur, dass Götter möglicherweise nicht, oder noch nicht erkennbar seien, der starke hingegen, dass Götter mit den Mitteln der menschlichen Vernunft prinzipiell nicht erkennbar seien (siehe hierzu weiter unten Rationalistischer Atheismus). Die Zuordnung des Agnostizismus zum Atheismus ist umstritten, er kann auch als eigenständige weltanschauliche Grundhaltung angesehen werden.
### Szientistischer Atheismus (siehe Kapitel Analytische Philosophie) hält die Rede über Götter für Unsinn, weil Sätze, in den diese Begriffe vorkommen, nicht wahrheitsfähig seien. Der szientistische Atheismus behauptet jedoch nicht - genauso wenig wie der schwache Atheismus - dass es keine Götter gäbe. Für ihn ist der Satz "Es gibt keine Götter" genauso inhaltsleer wie "Es gibt keine Elfen".
### Postulatorischer Atheismus: Dieser meist von Wissenschaftlern selbst vertetene Atheismus geht davon aus, zunächst einmal Götter aus dem System der Erkenntnisse (ergo Wissenschaft) herauszulassen, also keine Götter zu postulieren im Gegensatz zur Theologie. Theistische Annahmen können jedoch später an Grenzbereichen der Wissenschaft oder in unerforschten oder als unerforschbar angesehenen Teilen wieder zugelassen werden (Beispiel: Stephen Hawking Pre-Big-Bang God). Diese Spielart des Atheismus wird oft in Verbindung mit der oben als Pragmatischer Atheismus bzw. Nominalistischer Atheismus bezeichneten Auffassung vertreten.
## Der Starke Atheismus: Anhänger des Starken Atheismus sind davon überzeugt, dass es keine Götter gibt. Sie leugnen also direkt die Existenz von Göttern. Hierfür findet sich gelegentlich auch der Begriff Antitheismus.
### Rationalistischer Atheismus: Dieser geht von der zusätzlichen Annahme aus, dass nur das existieren könne, was auch durch menschliche Vernunft prinzipiell erkennbar ist (ontologischer Epistemologismus). Und weil Götter nicht prinzipiell erkennbar seien, könnten sie auch nicht existieren.
### Radikal-szientistischer Atheismus: Während für normal-szientistische Atheisten nur die Rede über Götter unsinnig ist, darf für deren radikale Vertreter nur das als existierend angenommen werden, was nach intersubjektiv überprüfbaren Verfahren wissenschaftlich beweisbar ist. Da dies für Götter und andere transzendentale Ideen nicht gelte, können sie nach dieser Überzeugung nicht existieren.
### Theodizee-Atheismus: Dieser behauptet, dass es aufgrund der Leidens und der Ungerechtigkeit auf der Welt keine(n) (allgütigen oder allmächtigen) Gott oder Götter geben könne. In seiner weniger radikalen Form kann der Theodizee-Atheismus auch als schwacher konditionaler Atheismus auftreten: "Wenn Gott existiert, dann kann er angesichts des Übels auf Erden nicht allmächtig oder nicht allgütig sein". Die Existenz Gottes wird dabei zwar nicht bestritten, jedoch in seinen Eigenschaften begrenzt. Es ist dann eine theologische Frage, ob ein solches Wesen noch als Gott bezeichnet werden kann.
### Logischer Atheismus: Besitzt Ähnlichkeit mit dem Rationalistischen Atheismus. Während der Rationalismus sagt, dass es irgendwelche spezifischen – bis in seine biologische Struktur reichenden – Eigenschaften des menschlichen Verstands seien, die die Erkenntnis von Göttern verhinderten, besagt der logische Atheismus zunächst nur, dass alle Gottesbeweise sich in Widersprüche (Antinomien) verwickelten. Unter der Prämisse, dass etwas Widersprüchliches nicht existieren könne, werden Götter als eigenständige Wesen abgelehnt.
## Weitere Spielarten dem Grade nach: Daneben gibt es auch noch Spielarten des Atheismus, die den eigenständigen ontologischen Status von Gott oder Göttern einschränken oder bestreiten. Im anthropozentrischen Atheismus (Ludwig Andreas Feuerbach etwa) ist Gott kein echtes übernatürliches Wesen, sondern ein Produkt menschlicher Einbildungskraft. Bei Kant ist Gott nur eine regulative Idee der Vernunft. Und im Pantheismus eines Spinoza wird die Idee der personalen Einheit Gottes vollkommen aufgegeben und Gott nur noch als in der Schöpfung als Ganzes wirkende göttliche Substanz aufgefasst.
Geschichte des Atheismus im Okzident
Der Atheismus war in Antike und Mittelalter ein Phänomen, das sich auf eine kleine Minderheit zumeist Intellektueller beschränkte. In der Regel war sowohl das private, als auch das öffentliche Leben von religiösen Vorstellungen durchdrungen. Während sich die kritischen Auseinandersetzungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche im späten Mittelalter verstärkten und in der Reformation einen vorläufigen Höhepunkt fanden, wurde der Atheismus in der Zeit der Aufklärung in Frankreich erstmals zur Staatsdoktrin erhoben, später wurden die meisten Staaten laizisiert. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden verschiedenste atheistische Positionen mit breitem theoretischen Fundament entwickelt (Marxismus, Existentialismus, analytische Philosophie). Heute ist der methodische Atheismus in den Wissenschaften - vor allem den Naturwissenschaften - quasi 'Standard'. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich der (praktische) Atheismus im Okzident zu einer Mehrheitsposition entwickelt.
Griechische und römische Antike
Im Okzident finden sich die frühesten Fragmente atheistischer Philosophie bei den griechischen Vorsokratikern.
Die ideengeschichtliche Leistung der vorsokratischen Naturphilosophen besteht darin, dass sie sich nicht mehr mit einer Erklärung der Welt durch Mythen zufrieden gaben, sondern nach einem (stofflichen) Urgrund, einer Ursache (lateinisch: principium) für die Entstehung der Welt und ihrer beobachtbaren Phänomene (wie z.B. der Bewegung) fragten (vgl. causa prima). Dieses Hinterfragen wird zu Recht als Beginn der westlichen Philosophie gesehen.
Kritias d.J. ( - 460; † 403 v. Chr.) sah die Religion als menschliche Erfindung, die der Aufrecherhaltung der moralischen Ordnung dienen sollte. Der gleichen Auffassung war Demokrit ( - 460; † 371 v. Chr.), einer der Begründer der Lehre der Atomistik. Diese erklärt die Welt auf rein materialistische Weise, das heißt ohne spirituelle, mystische oder religiöse Elemente, mit Hilfe kleinster, unzerstörbarer, ewig bestehender Atome und deren Bewegung.
In den philosphischen Systemen des Hellenismus wird die Existenz von Göttern zwar oft nicht explizit geleugnet, sie spielen aber keinerlei Rolle für das menschliche Leben.
Die atomistische Lehre Demokrits wurde insbesondere von Epikur wieder aufgenommen und weiterentwickelt (Epikureismus). Epikur sah die Vermeidung von Leid und das Erstreben von Freude als Ziel und Sinn des Lebens. Auch er suchte also das Heil auf Erden, im Diesseits. Den Tod, der nicht zu fürchten sei, sah er als Ende des Lebens. Götter existierten zwar, sie interessierten sich aber nicht für das menschliche Leben.
Epikurs Lehre wurde später zum Hedonismus vergröbert und verfälscht. Dies und zahlreiche unzutreffende Unterstellungen seiner Gegner führten dazu, dass Epikur bis in die Neuzeit verpönt war. In christlicher Zeit galt er als der Antichrist schlechthin. Noch Dante Alighieri lässt Epikur in seiner "Göttlichen Komödie" (1307-1321) als "Erzketzer" in der tiefsten Hölle brennen. Heute ist die Forschung bemüht, das verfälschte Bild Epikurs vom historischen Epikur zu trennen.
Auch der Kynismus, deren berühmtester Vertreter Diogenes von Sinope ( - ca. 400; † 325 v. Chr.) war, kann als atheistische Philosophie verstanden werden. Die Kyniker lehnten alle gültigen staatlichen, moralischen und religiösen Vorschriften ab und strebten durch Bedürfnislosigkeit zur Rückkehr zu einem natürlichen, 'animalischen' Leben.
In der römischen Antike wurden einige dieser griechischen Denktraditionen aufgenommen und teilweise weiterentwickelt, ohne dass radikal neue atheistische Konzepte entstanden wären. Die Zuordnung eines Denkers zum Atheismus ist aufgrund des oft dünnen Quellenmaterials häufig unsicher. Zudem trifft man häufig auf Denker, die zwar ein materialistisches Weltbild vertreten, gleichzeitig aber an die Existenz von Göttern glauben.
Bis ins 2. Jahrhundert war der Epikureismus von großem Einfluss. Vertreter waren unter anderem Lukrez und Horaz. Auch dem von der Stoa beeinflussten Kaiser Mark Aurel, sowie dem Stoiker Seneca wird gelegentlich ein atheistische Haltung zugeschrieben.
Mittelalter
Im christlichen Mittelalter scheint es keinen theoretisch ausformulierten Atheismus gegeben zu haben. Allenfalls pantheistisch anmutende Weltanschauungen kleinerer Glaubensgemeinschaften wie die der Brüder und Schwestern des freien Geistes oder die Äußerungen einzelner 'Häretiker' werden bisweilen mit dem Atheismus in Verbindung gebracht. Zu beobachten ist jedoch seit dem 13. Jahrhundert eine zunehmende Kritik christlich-katholischer Glaubensinhalte. So wendeten sich beispielsweise Anhänger des Averroismus gegen die christliche Schöpfungs- und Seelenlehre.
Reformation
Die Reformation brachte zunächst keine Abkehr vom (christlichen) Glauben. Dennoch ist sie ein wichtiger Wendepunkt nicht nur in der Geschichte der Religion, sondern auch in der des Atheismus.
Durch die Reformation konnten sich mit den protestantischen Konfessionen erstmals Kirchen neben der katholischen etablieren, die zu stark waren, um dauerhaft unterdrückt werden zu können. Auf Dauer waren beide Seiten zur religiösen Toleranz gezwungen. Diese Entwicklung hin zur Toleranz sollte später auch Atheisten zugute kommen.
Durch die auf die Reformation folgende Religionskriege diskreditierten sich die sich bekriegenden Kirchen in den Augen vieler selbst. Deutlich trat der Widerspruch zwischen öffentlich gepredigter christlicher Nächstenliebe und tatsächlichem Handeln der damaligen Kirchen beispielsweise in der offenkundigen Barbarei der Hugenottenkriege zutage. Bedeutsam ist auch, dass die katholische Kirche ihr bis dahin beinahe unantastbares Deutungsmonopol für die Auslegung der Bibel und damit beträchtlich an Autorität auch auf geistigem Gebiet verlor.
Politisch trug die Reformation entscheidend zur Emanzipation der Staaten aus der Bevormundung durch die Kirche bei, die sich nun vielfach ihrerseits im Landesherrentum und Absolutismus den Staaten unterordnen musste. Diese Umkehr der Machtverhältnisse war eine zwingende Voraussetzung, um letztlich die Trennung von Kirche und Staat zu ermöglichen. Die dadurch garantierte Glaubensfreiheit weitete sich, auch wenn der Weg dorthin keineswegs ohne Repressionen verlief, schließlich auch zur Respektierung des Rechts auf Glaubenslosigkeit aus.
Aufklärung
Das Zeitalter der Aufklärung brachte den ersten theoretisch ausformulierten Atheismus der Neuzeit mit sich.
Aufklärung in Frankreich
Berühmt geworden sind die "Pensées et sentiments" des französischen, katholischen Pfarrers Jean Meslier (1664-1729). Meslier hatte seine Gedanken in Form eines Testaments in nur drei Exemplaren hinterlassen. Er polemisiert darin gegen Kirche und Krone, die er als Ausbeuter und Unterdrücker der Armen sieht. Später wurde sein Werk vervielfältigt und im Geheimen unter anderen von Baron d'Holbach und Voltaire gelesen, welcher Mesliers Werk 1762 erneut veröffentlichte.
Eine frühe öffentliche Leugnung der Existenz Gottes in der Neuzeit findet sich bei Baron d'Holbach (1723-1789) in seinem 1770 entstandenen Werk "Système de la nature". Baron d'Holbach sah in der Religion die größte Feindin der natürlichen Moral.
1782 verfasste der britische Physiker Matthew Turner (eventuell als Co-Autor) unter einem Pseudonym das atheistische Pamphlet „Answer to Dr Priestley's Letters to a Philosophical Unbeliever“
Auch Denis Diderot (1713–1784), einer der bekanntesten Philosophen der Aufklärung, vertrat in seinen kirchen- und religionskritischen Werken "Pensées philosophiques" (1746) und dem "Lettre sur les aveugles à l'usage de ceux qui voient" (1749) zunächst eine deistische, dann eine atheistische Position. Letzteres Werk brachte Diderot eine Haftstrafe ein. Diderot war Herausgeber der Encyclopédie, die einen wichtigen Beitrag zur Europäischen Aufklärung lieferte.
Voltaire übte an den institutionellen Formen der Religion seiner Zeit pointierte Kritik, z.B. veröffentlichte er unter dem Pseudonym Corbera ein Pamphlet Epître aux Romains, das praktisch einen Aufruf zur Revolution gegen den Papst darstellt. Voltaire wandte sich aber nicht nur gegen die Kirche und den Klerus, in zahllosen Schriften und Briefen griff er die christliche Religion, teils mit scharfsinnigem Spott, teils mit feinsinniger Ironie an. Allerdings ließ er bei allem, was er schrieb nie einen Rest an Vorsicht außer acht (Die Zeit, in der Häretiker auf dem Scheiterhaufen landeten, war noch nicht lange vorbei). Sein Bekenntnis zum englischen Deismus und seine gelegentlichen Attacken gegen den Atheismus können auch hierin ihren Grund finden. In dem Artikel Athéisme schrieb er unter anderem: Der Atheismus ist der Fehler einiger Leute von Geist, der Aberglaube ist der Fehler der Dummköpfe; und Lumpen sind Lumpen. Wenn sich Voltaire auch häufig zum englischen Deismus bekannte, wirkte er auf seine Zeitgenossen durch seinen Stil und die Art, wie er seinen Deismus vortrug, durchaus wie ein Atheist. Fritz Mauthner bezeichnete Voltaire als "den Feldherrn und Staatsmann der französischen und europäischen Freidenker".
Immanuel Kant
Gemäß Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft) gibt es keinen Beweis für oder gegen die Existenz eines höchsten Wesens, der auf reiner Anwendung der menschlichen Vernunft beruht. Wie Kant in der Dialektik, dem zweiten Hauptteil der Kritik der reinen Vernunft zu zeigen versucht, führen alle Gottesbeweise zu Antinomien (unauflösbaren Widersprüchen).
Damit ist Kant vielleicht das prominenteste Beispiel eines Agnostikers im engen Sinne des Wortes: Kant bestreitet die Erkennbarkeit Gottes.
Gott wie andere Ideen, die über die Erfahrung hinausgehen, nennt Kant transzendentale Ideen. Dagegen erkennt er den sog. regulativen Charakter dieser transzendentalen Ideen an:
Ich behaupte demnach: die transzendentalen Idee sind niemals von konstitutivem Gebrauche, so, daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände gegeben würden, und in dem Falle, daß man sie so versteht, sind es bloß vernünftelnde (dialektische) Begriffe. Dagegen aber haben sie einen vortrefflichen und unentbehrlichnotwendigen regulativen Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten, in Aussicht auf welches die Richtungslinien aller seiner Regeln in einem Punkt zusammenlaufen, der, ob er zwar nur eine Idee (focus imaginarius), di.i ein Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen, indem er ganz außerhalb deb Grenzen möglicher Erfahrung liegt, dennoch dazu dient, ihnen größte Einheit neben der größten Ausbreitung zu verschaffen. (Kant, KdrV, A 644)
Vereinfacht gesagt bedeutet dies nach Kant: alle Grenzen möglicher menschlicher Erfahrung überschreitenden Dinge (Gott, Unsterblichkeit, Unendlichkeit) seien zwar nicht durch reine Vernunft erkennbar, heißt beweisbar, geben dem Verstand aber eine gewisse Einheit. Anders gesagt: sie bezeichnen genau die Grenzlinien zwischen spekulativem und reinen Vernunftgebrauch. Regulativ sind sie deswegen, weil sie ein Ziel abstecken, an dem der Verstand sich orientieren kann.
Beschäftigt sich Kant in der Kritik der reinen Vernunft mit der theoretischen Seite der Vernunft ("Was kann ich wissen?"), so behandelt die Kritik der praktischen Vernunft deren praktische Seite ("Was soll ich tun?"). Gott wird hier als eine Art Postulat eingeführt: Die Imperative (kategorischer, hypothetischer) setzen das Faktum eines moralischen Gesetzes voraus. Das moralische Gesetz verpflichtet jeden Menschen zur Sittlichkeit (und letzten Endes zur Befolgung des Kategorischen Imperativs). Das Problem für Kant besteht nun darin zu zeigen, ob und wie die Befolgung des moralischen Gesetzes auch zu einem für alle Menschen befriedigenden Gesamtzustand führt. Diesen Zustand nennt Kant Glückseligkeit. Glückseligkeit ist sozusagen das resultative, soziale und äußerliche Pendant zur individuellen Sittlichkeit, das, was die innere Sittlichkeit auch zu einem für alle Menschen wünschbaren Ziel macht. Die Frage ist nämlich: Wenn ich sittlich handeln soll, ist dann auch sicher gestellt, dass ich glücklich werde? Die Instanz nun, die genau sicher stellt, dass sittliches Verhalten auch zu Glückseligkeit führt, ist Gott. Jetzt wird auch klar, warum Gott im System der Vernunfterkenntnisse für Kant eine regulative Idee ist. Gott sei zwar nicht erkennbar (intelligibel), jedoch wird er als Postulat (nicht weiter begründbare Voraussetzung) benötigt, um gewisse moralische Gesetze zu rechtfertigen.
In der Nachfolge blieb Kants theistischer Skeptizismus oder partieller Agnostizismus weitgehend unbeachtet. Der Deutsche Idealismus (Fichte, Schelling, Hölderlin, Hegel) redete zwar von Gott als dem absoluten Weltgeist oder einem absoluten Ich, kümmerte sich hingegen wenig um die Antinomien der Vernunft. Aus heutiger Sicht wird Kants Postulierung eines Gotts als 'missing link' zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit eher als Mangel seiner Theorie gesehen. Kants individualistische Theorie fehlt schlicht der gesellschaftliche Horizont von Sittlichkeit. In seiner Rechtsphilosophie kommt Hegel hingegen ohne ein solches ad-hoc-Postulat zur Begründung der Sittlichkeit aus. Statt dessen steht der absolute Weltgeist (=Gott) für Hegel theoretisch wie historisch am Anfang seines dialektischen Systems. Dabei macht Hegel sozusagen aus der antinomischen Misere der Dialektik eine neue Tugend, indem das dialektische Prinzip der Selbstwidersprüchlichkeit zu einer eigenen Methode ausbaut.
19. und 20. Jahrhundert
Materialistischer Atheismus (Marx, Engels, Feuerbach)
Marx gilt wohl nach wie vor als einer der prominentesten Vertreter des Atheismus, wird doch Marxismus noch heute mit dem Konzept einer radikalen Religionskritik verbunden. Im strengen Sinne der weiter oben gemachten Definition des Begriffes von Atheismus (im Sinne eines Götterverleugnenden oder Nicht-an-Götter-Glaubenden) ist Marx kein Atheist, da sich für ihn das ganze Problem erst im Rahmen der Klärung der gesellschaftlichen Funktion von Religion stellt. Anders gesagt: für Marx ist die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, erst einmal keine epistemische (Frage des Wissens oder Wissen-Könnens) und auch keine ontologische (Frage der Existenz), sondern - modern gesprochen - eine soziologische oder gesellschaftliche Frage.
Dazu das Zitat (Zweite These über Feuerbach):
Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, das heißt die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit eines Denkens, das sich von der Praxis isoliert, ist eine rein scholastische Frage.
Wegweisender Überblick:
Marx' Religionskritik findet sich vor allem in zwei einschlägigen Werken/Texten. Sie sind gleichzeitig Grundlage dieser Darstellung:
- [http://gutenberg.spiegel.de/marx/heglrech/me01_000.htm Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie] (1843/44)
- [http://gutenberg.spiegel.de/marx/feuerbac/me03_005.htm Thesen über Feuerbach] von 1845 (1888 von Engels in redigierter Fassung veröffentlicht)
Weitere Stellen bei Marx (und Engels) sind zu finden in:
- Kapital an verschiedenen Stellen, jedoch nie systematisch behandelt (gut hier die Stelle über den Warenfetischismus)
- Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (zit. mit "Anti-Dühring") von Friedrich Engels aus dem Jahr 1878
Bezugspunkte für Marxens Religionskritik sind vor allem die Theorien von:
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und sein Werk Grundlinien der Philosophie des Rechts von 1821
- Ludwig Feuerbach (1804-1872) und sein Hauptwerk Das Wesen des Christentums von 1841
Feuerbachs religionskritische Grundlagen: Materialistischer Anthropozentrismus
Grundlage der marxschen Religionskritik ist Feuerbachs Das Wesen des Christentums, in dem dieser zwei wesentlich neuartige, und zumindest gegenüber Hegel an Klarheit überlegenere Thesen aufstellt:
# Religion ist nicht (nur) eine historische oder transzendente Tatsache, sondern (vor allem) eine Leistung des menschlichen Bewusstseins (Einbildungskraft, Phantasie)
# alle Religionen unterscheiden sich nur ihrer Form nach, haben aber Eines gemeinsam: sie spiegeln die unerfüllten Bedürfnisse der menschlichen Natur wieder. Gott und alle religiösen Inhalte sind nichts anders als psychologische Projektionen, die ihre materiellen Ursachen in der Natur des Menschen besitzen.
Feuerbachs Ausgangspunkt zur Herleitung seiner Thesen ist die Natur des Menschen. Wesentlich für Feurbach ist, dass Menschen Bedürfnisse und Wünsche besitzen und diese in bestimmter Hinsicht unerfüllt bleiben, weil der Mensch - so würden wir heute sagen - ein Mängelwesen ist. Das ist sein anthropologischer Kern, den Marx weitgehend übernehmen wird. Von Hegel übernimmt Feuerbach die idealistische Auffassung, dass es das Bewusstsein und seine Leistungen sind, die seine Praxis bestimmen. Im Zentrum steht für Feuerbach dabei die menschliche Einbildungkraft. Es seien nun die unerfüllbaren und andauernd unerfüllten Bedürfnisse, die der Mensch mit Hilfe seiner Einbildungskraft in ein religiöses Reich projiziert. Die religiösen Gehalte verweisen nach Feuerbach auf die unerfüllten Bedürfnisse des Menschen und damit auf die als unvollkommen erlebte Natur des Menschen. In seinem Hauptwerk versucht er dies mit den Begriffen Liebe, Endlichkeit, Sterblichkeit, Ungerechtigkeit: Die religiöse Vorstellung Unsterblichkeit der Seele sei ein Reflex auf die unvollkomene Natur des Menschen als sterbliches Wesen, die Allgüte Gottes ist ein Reflex auf die Unmöglichkeit alle Menschen gleichermaßen zu lieben usw.
Feuerbachs Theorie der Religionskritik wurde später und wird heute in Verbindung mit dem Begriff feuerbachscher religiöser Anthropomorphismus bzw. Anthropozentrismus oder unter dem Schlagwort Projektionstheorie diskutiert. Schlagwortartig mag man sie unter folgenden Mottos zusammenfassen:
Nicht Gott hat die Menschen, sondern die Menschen haben Gott geschaffen.
oder
"Homo Homini Deus!" (der Mensch ist des Menschen Gott)
Der Begriff von Religion hat also - nach Feuerbach - vom Menschen auszugehen, sie aus ihm herzuleiten und sie wieder auf ihn zu beziehen:
der Mensch ist der Anfang der Religion, der Mensch der Mittelpunkt der Religion, der Mensch das Ende der Religion (Das Wesen des Christentums, Teil I)
Marx' Kritik an Feuerbach als Radikalisierung seiner Religionskritik
Kurzdarstellung:
Marx übernimmt die Projektionstheorie Feuerbachs. Auch für ihn ist die Welt der Religion keine ontologische Kategorie, sondern gehört in den Bereich menschlicher Tätigkeiten. Auch für ihn refelektiert Religion ein Bedürfnis und auch für ihn ist Religion die Widerspiegelung einer Wirklichkeit und nichts Transzendentes.
1.) Marx kritisiert erstens jedoch einen wesentlichen Mangel an Feuerbachs Religionskritik: Feuerbach tue so, als ob jeder Mensch als Individuum oder als abstraktes Wesen seine Religion produziere, wohingegen der Mensch - so Marx - vor allem als konkret-praktisches und damit schon immer vergesellschaftetes (gesellschaftliches) Wesen zu begreifen sei.
Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.
(Thesen über Feuerbach, These 6)
Und genau deswegen spiegele Religion auch nicht irgendwelche abstrakten, indidviduellen Bedürfnisse, sondern konkrete gesellschaftliche Bedürfnisse der Menschen wider.
2.) Neben dieser Theorie der vergesellschafteten Religiösität kritisiert Marx zweitens an Feuerbach, dass es mit der neuen anthropozentrischen Interpretation von Religion noch nicht getan sei:
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern. (These 11)
Diese - immer wieder zitierte und leider meist falsch verstandene - These soll besagen, dass unter dem Blickwinkel der Praxis - und dies ist nach Marx die "gegenständliche Tätigkeit" (= Arbeit als verändernde Aneignung von Natur) - Feuerbachs Theorie die Welt nur noch einmal in eine religiöse Welt verdoppelt und damit Religion zwar erklärt, jedoch sich nicht fragt, was dies praktisch für die gläubigen Menschen und die gesellschaftlichen Verhältnisse bedeutet. Und genau hier besitzt Religion ihre praktische Aufgabe: Sie verhindert verändernde Praxis, weil sie die Menschen mit einem vom Erdenreich abgelösten und unabhängigen, vollkommenem Himmelreich tröstet und umnebelt. Darauf bezieht auch Marxens Schlachtruf, wonach Religion "Opium des Volkes" sei (in: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).
Folgende Absätze werden noch überarbeitet:
Ausgangspunkt ist hier die Theorie der Selbstentfremdung. Entfremdung bezeichnet man allgemein all das, worüber der Mensch, obwohl durch ihn bewirkt und in unmittelbarar Anschauung vertraut, keinen Einfluss, keine Verfügungsgewalt mehr besitzt, so dass es ihm als etwas Unabhängiges, Fremdes gegenübertritt. Ein von seiner Arbeit entfremdeter Lohnarbeiter besitzt - nach Marx - keinen Einfluss mehr auf das Endprodukt und Arbeitsprozess, obwohl er andauernd darin arbeitet. Deswegen tritt ihm der Arbeitsprozess wie das Arbeitsprodukt als etwas Fremdes gegenüber (siehe Marx: Frühschriften). In der religiösen Selbstentfremdung nun erlebt der Mensch seine Bedürnisse einmal als erfüllbare und erfüllte Dinge, zum anderen bzw. andrerseits auch als prinzipiell oder manchmal unerfüllbar/unerfüllt. Die Religion wird für den Menschen nach und nach etwas Selbstständiges, Unabhängiges und ihm Fremdes. Und genau dies ist mit der religiösen Selbstentfremdung gemeint: in der Religion verselbstständigen sich die unerfüllten Bedürfnisse, indem letztere ein Eigenleben führen.
Marxens Ideologiekritik. Denn in der Religion spiegelten nicht nur unerfüllte abstrakte Bedürfnisse, sondern das konkrete sich durch die gesamte menschliche Geschichte ziehende gesellschaftliche Elend und Unrecht wieder. Dies tun sie jedoch - nach Marx - in einer falschen Weise: Diese falsche Weise besteht zum einen in der Verkehrung/Verdrehung wirklicher Verhältnisse (Gott der Allgerechte, Allmächtige und Allgütige in einer Welt ungleicher Verteilung von Macht, Gütern und Liebe) und zum anderen in einer völlig abstrakten Art, die dazu führe, dass die Menschen sich in eine "Nebelregion" flüchteten
Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche (1844-1900) wird oft als der Atheist schlechthin gesehen, was insbesondere an markanten Zitaten wie "Gott ist tot" liegt. Auch bezeichnete Nietzsche Gott als "eine viel zu extreme Hypothese" (Fragment „Der europäische Nihilismus“ (KSA 12, 5[71]). Die christliche Gottesvorstellung hielt er für widerlegt und überholt.
Insgesamt hat Nietzsche die Kritik an der (christlichen) Moral seiner Zeit priorisiert, er sah die "christliche Sklavenmoral" als hinderlich für die Erhebung des Menschen zu neuer Größe an.
Sigmund Freud
Sowohl Sigmund Freud (1856-1939), als auch andere Psychoanalytiker, versuchten in einer naturgeschichtlichen Deutung die Entstehung von Religionen (und vieler andere Erscheinungen) als die Erfüllung unbewusster, auch unterdrückter Wünsche des Menschen zu erklären. Als Beleg dienten Freud die Ähnlichkeiten zwischen kultisch - religiösen Handlungen und den Handlungsabläufen neurotischer Besessenheit. In seinem Buch kommt er zu der Schlussfolgerung: Illusionen, Erfüllungen der ältesten und stärksten , dringendsten Wünsche der Menschheit seien eben die Religionsvorstellungen. Die Herleitungen, in denen sowohl die Darwinsche Urhorde als auch der Ödipuskomplex herangezogen werden, gelten als spekulativ. In einer verallgemeinerten Form, nämlich dass Religionen sehr wohl vorgeben, starke, bewusste wie auch unbewusste Wünsche und Sehnsüchte der Menschen zu erfüllen, gilt Freuds These als unbestritten. Wenn Freuds Schlussfolgerungen auch nicht direkt den Theismus widerlegen, bieten sie doch einigen die Ansatzpunkte, religiöse Phänomene durch psychische Vorgänge zu erklären und die Notwendigkeit der Annahme übernatürlicher Krafte zu verneinen.
Existenzialistischer Atheismus
Einen existenzialistischen Atheismus im eigentlichen Sinne gibt es nicht, da der Existenzialismus kein geschlossenes Lehrgebäude darstellt und unter diesem Begriff sehr disparate weltanschauliche, philosophische, ja auch theologische Konzepte versammelt werden. Sie reichen von Stirner, über Schopenhauer, Kierkegaard, Heidegger, Camus bis Sartre und Jaspers.
Nimmt man als Referenzpunkt den französischen Existenzialismus, so ergibt sich folgende atheistische Auffassung. Der wichtigste existenzialistische Grundsatz Sartres findet sich in seinem bekannten Satz wieder, wonach die (menschliche) Existenz der Essenz (dem Wesen) vorausgehe. Es gibt kein Wesen (hier sowohl personal als Gott verstanden als auch abstrakt als Natur des Menschen), wonach und wodurch der Mensch konzipiert wurde. Da der Mensch zu Beginn "Nichts" ist und sich ständig selbst entwirft, bedeute Gott als jemand, der so etwas wie eine menschliche Natur konzipiert hat, eine Beschränkung dieses konstitutiven Selbstentwurfs. Statt dessen ist nach Auffassung der Existenzialisten der Mensch von Beginn an zur absoluten Freiheit verdammt. Für die Neoexistenzialisten der Sartre-Schule ist Gott zunächst also das, was die absolute Freiheit des Menschen beschränkt.
"Wenn Gott nicht existierte, wäre alles erlaubt", schreibt Dostojewski und ganz existenzialistisch könnte man hinzusetzen: "Und weil er nicht existiert, ist der Mensch zur Verantwortung verdammt". Wie ist das zu verstehen? Wenn Gott existierte, gibt es etwas, was der menschlichen Existenz vorausgeht, auf die er sich als Grund seines Handelns berufen kann. Fällt dieser Grund weg, ist der Mensch absolut verlassen und muss die Gründe seines Handelns vollständig aus sich selbst schöpfen. Erst jetzt, wo prinzipiell alles erlaubt ist, ist er als Individuum voll verantwortlich für sein Handeln. Für Neoexsitenzialisten ermöglicht erst eine Welt, genauer Existenz, ohne Gott die wahre Verantwortung des Menschen.
Die neoexistenzialistische Auffassung (Sartre, Camus) übernimmt Heideggers Daseinsbegriff (Sein und Zeit) für die Existenz. Demnach seien drei Dinge für die menschliche Existenz chrakateristisch: die Geworfenheit, der Entwurf und die Verfallenheit. Wesentlich für die atheistische Grundhaltung der Neoexistenzialisten ist die Geworfenheit: der Mensch ist kein Abbild einer Idee oder eines Vorbilds oder Bauplans, sondern er wird als tabula rasa auf die Welt geworfen.
Im Atheismuskonzept des Neoexistenzialismus geht es nicht allein um die Zurückweisung eines personalen Gottes, dem die Menschen sich zu verantworten haben, sondern auch aller Konzepte, die als Theorien Natur des Menschen auftreten. Sei es die Gesellschaft (der Mensch als soziales Wesen), sei die Ökonomie (der homo oekonomicus) oder sei es die anthropolgischen Konzepte (der Mensch als des Menschen Wolf, als Egoist), alle werden sie vom Existenzialismus zurückgewiesen mit dem Verweis, sie betrieben nur die Ent-Verantwortung des Menschen, weil der Mensch damit auf ihm äußere, sachliche Zwänge hinweisen würde. Damit kann der Existenzialistische Atheismus auch als Versuch verstanden werden, gegen die angeblichen Sachzwänge moderner Gesellschaften aufzubegehren (was die Neoexistenzialisten, vor allem Sartre, im Verlauf der Studentenrevolten 1968 in Frankreich auch tat).
Analytische Philosophie
In der im 20. Jahrhundert entwickelten Analytischen Philosophie wurden Fragen nach der Existenz oder Nichtexistenz von Göttern sowie metaphysische Fragen anfänglich als unsinnig, nicht behandelbar oder gar als irrelevant angesehen. Die zeitgenössische Analytische Philosophie beschäftigt sich indessen wieder ausführlich mit metaphysischen und, speziell, religionsphilosophischen Themen. Die Vertreter des positiven Atheismus glauben, im Gegensatz zu den Befürwortern des nur negativen Atheismus, nicht nur nicht, dass ein oder mehrere Götter existieren, sondern überdies, dass kein Gott existiert, welche rationale Überzeugung sich auf eine Reihe atheologischer Argumente stützt, die jeweils in die Schlussfolgerung der Nichtexistenz von Göttern münden. Anders gesagt reicht es für die Vertreter des negativen Atheismus aus, wenn keine Beweise für die Existenz eines Gottes existieren, oder propagierte Beweise widerlegt werden können, während die positiven Atheisten mit Hilfe der formalen Logik aktiv die Möglichkeit der Existenz Gottes auszuschließen versuchen. Wenn sich beispielsweise zeigen lässt, dass die dem Gott der drei monotheistischen Weltreligionen zugeschriebenen Eigenschaften semantisch widersinnig oder logisch widersprüchlich sind, dann kann es jenen Gott nicht geben, da logisch Unmögliches nicht wirklich sein kann. Der entscheidende Punkt ist nämlich, dass man zwar in modallogisch gültiger Weise von bloßer logischer Unmöglichkeit auf Unwirklichkeit schließen kann (z.B.: Wenn es unmöglich ist, dass es regnet, dann regnet es auch nicht.), aber nicht von bloßer logischer Möglichkeit auf Wirklichkeit (z.B.: Wenn es möglich ist, dass es regnet, dann heißt dies nicht unbedingt, dass es regnet.).
Die oft zu lesende Behauptung, man könne die Existenz von Göttern prinzipiell nicht rational behandeln, wird in der heutigen analytischen Philosophie nicht mehr uneingeschränkt vertreten. Demnach wäre der Versuch, die Möglichkeit der Existenz von Göttern rein apriorischen auszuschließen, nur dann definitv zum Scheitern verurteilt, wenn es gelänge, eine konsistente und kongruente Charakterisierung des göttlichen Wesens darzulegen.
Es wurde auch der Versuch unternommen, die Existenz eines Gottes zu widerlegen, indem zwischen empirischen Aussagen über die Welt und den dem jeweiligen Gott zugeschriebenen Eigenschaften Widersprüche aufgezeigt werden. So griff beispielsweise J. L. Mackie das Theodizee-Problem im Rahmen der Analytische Philosoph auf und schlussfolgerte, dass die Existenz eine Gottes zwar nicht ganz auszuschliessen, aber doch sehr unwahrscheinlich sei. Beim Theodizee-Problem geht es um den (scheinbaren) Widerspruch zwischen dem "Übel in der Welt" und dem Wesen Gottes, speziell der Allmacht, Allwissenheit und Allgüte sei. Das Problem wurde bereits vor mehr als 2000 Jahren erkannt und formuliert, es gilt als starkes atheistisches Argument. Die durch den Theismus vorgebrachten Lösungen verweisen insbesondere auf die Notwendigkeit der Unterscheidung von Übel und Bösem sowie die entscheidende Bedeutung der geschöpflichen Freiheit, deren Auswirkungen auch über Genarationen hinweg gehen können. Außerdem verweist der Theismus darauf, dass das irdische Leben zwar ein sehr hohes, aber eben nicht das höchste Gut des Menschen ist.
Atheismus in verschiedenen Erscheinungsformen
Heute stellt sich im westlichen Kulturkreis der Atheismus in einer Vielzahl von Ausrichtungen dar: Beispielsweise sind die Freidenkerbewegung, der Humanismus und der Existenzialismus eng mit dem Atheismus verbunden.
Sozialismus , Kommunismus und Anarchismus sind zum großen Teil atheistisch geprägte Weltanschauungen. Philosphische Erscheinungsformen des Atheismus sind Materialismus und philosophischer Naturalismus. Auch der Nichtglaube infolge von Naivität kann dem schwachen Atheismus zugerechnet werden. "Naiv" bezeichnet hierbei Menschen, die noch nie etwas von Gott oder Göttern gehört haben.
Atheismus und Politik
Da die Trennung von Kirche und Staat sowie der Laizismus erst relativ neue Phänomene sind, kamen Atheisten in der Geschichte immer wieder auch mit den politischen Autoritäten in Konflikt. Auf Atheismus stand in vielen Staaten gar die Todesstrafe. So galt in der Antike die Leugnung der jeweiligen Staatsgötter und die oftmals damit einhergehende Weigerung, ihnen zu opfern als direkt gegen den Staat gerichteter Akt und wurde dementsprechend geahndet. Selbst heutige Strafgesetzbücher enthalten den Gotteslästerungsparagraphen.
Um sich vor Anfeindungen zu schützen, gaben Atheisten daher nicht selten vor, Deisten bzw. Pantheisten zu sein.
Auf der anderen Seite konnte der Atheismus seit dem 20. Jahrhundert, zumindest in seiner marxistischen Ausprägung, aber auch selbst zur Staatsdoktrin werden.
In Albanien wurde 1967 ein totales Religionsverbot ausgerufen und das Land bezeichnete sich als ersten "atheistischen Staat". Auch im sogenannten Ostblock wurde der Atheismus befördert, während Religiösität zumeist zumindest argwöhnisch betrachtet wurde, oft auch mit Nachteilen verbunden war.
Eine staatliche atheistische Politik ist hierbei vom Laizismus zu unterscheiden, welcher der Religion neutral, nicht aber feindlich gegenüber steht.
Atheismus und Religion
Atheistische Züge in östlichen 'Religionen'
Die frühesten Formen des Atheismus finden sich in einigen Religionen Indiens und Chinas. Diese können jedoch teilweise aufgrund ihrer stark philosophisch geprägten Grundlagen auch als philosophische Systeme gesehen werden. Die Vorstellung eines Gottes macht in diesen Systemen nicht den Kern der religiösen Überlieferung aus, dennoch sind Vorstellungen von Göttern in den genannten Systemen nicht unbekannt.
Diesen atheistischen Formen von 'Religion' sind zwei der ältesten philosophischen Systeme indischen Denkens zuzurechnen, der Jainismus, sowie der Samkhya (beide entstanden ca. im 6. Jh. v. Chr.).
Auch die ursprünglichen mündliche Lehre Buddhas, die vielleicht am getreuesten von der buddhistischen Schule des Hinayana übernommen wurde, trägt agnostische oder atheistische Züge.
Sie kennt kein Jenseits und erklärt die Welt auf materialistische Weise ohne spirituelle oder mystische Elemente. Götter werden zwar erwähnt, jedoch sind sie weder für die Schöpfung der Welt, noch für eine mögliche Erlösung verantwortlich und zudem dem irdischen Kreislauf unterworfen. Diese Form des Buddhismus beschäftigt sich beinahe ausschließlich mit dem Weg zur Erlösung aus dem Kreislauf aus Leben und Tod (Samsara). Sie kann daher mit dem französischen Autor Louis de la Vallée-Poussin eher als philosophische Disziplin denn als Religion bezeichnet werden. Andere Schulen des Buddhismus, wie der heute weit verbreitete Mahayana-Buddhismus, ergänzten den ursprünglichen Buddhismus später mit zahlreichen religiösen Vorstellungen, so dass die atheistische Ausrichtung, rein äußerlich betrachtet, abgeschwächt wurde, im Kern der Lehren aber erhalten geblieben ist.
Der Daoismus, der im 4. Jh. v. Chr. in China entstand, negiert die Existenz einer Schöpfergottheit.
Pantheismus
Im pantheistischen (griechisch: Allgottlehre) Gotteskonzept nimmt die Alleinheit des Universums die Schöpferrolle ein. Gott und Natur sind demnach gewissermaßen identisch. Da es im Pantheismus keinen persönlichen Gott gibt, wurde und wird der Pantheismus, sowohl von Theisten als auch von Atheisten, manchmal als ein hinter einer religiösen Sprache versteckter Atheismus betrachtet.
Der Pantheismus hingegen betrachet sich selbst als religionsphilosophische Lehre und rechnet sich nicht zum Atheismus.
Christlicher Atheismus
In den 1960ern bildete sich in den USA eine Gruppe von radikalen Theologen, welche unter dem Satz "Gott ist tot" einen christlichen Atheismus proklamierte. Vertreter dieser Richtung sind der Theologe Thomas J. Altizer (The Gospel of christian atheism, 1966)), William Hamilton (Radical Theology and the Death of God, 1966), Paul van Buren (The secular meaning of the Gospel,1963) oder Gabriel Vahanian (The death of God, 1961).
Der "Tod Gottes", also die vermeintliche Unmöglichkeit, in der modernen Welt rational an einen Gott zu glauben, sei, so beispielsweise J. Altizer, eine gute Nachricht, da sie den Menschen von einem transzedenten Tyrannen befreit habe. Die säkulare Botschaft der Evangelien beziehe sich gemäß Paul van Buren allein auf den "Befreier" Jesus von Nazareth. Während der Glaube an einen (jenseitigen) Gott abgelehnt wird, steht bei den „christlichen Atheisten“ die ethisch-moralische Botschaft Jesu, die rein auf das Diesseits bezogen wird, im Mittelpunkt.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich auch eine Verknüpfung von Atheistismus und Christentums entwickelt, die sich explizit auf das Schweigen Gottes zur Vernichtung von Millionen von Juden durch deutsche Nationalsozialisten bezieht. Die deutsche Theologin Dorothee Sölle ist die bekannteste Vertreterin dieser Richtung.
Atheismus und Wissenschaft
In der wissenschaftlichen Erforschung der Welt stellte sich schon frühzeitig ein Dilemma heraus: Die Theorie, A folgt aus B und B folgt aus nichts, weil B von Gott gemacht wurde, brachte bezüglich B keinen Erkenntnisgewinn. Im Gegenteil, man mußte sich neben den Gedanken zu B nun auch noch Gedanken zu Gott machen. Man hatte also de facto eine zusätzliche Unbekannte in der Rechnung. Die Alternativen, den Forschungsprozess abzubrechen und auf weitere Erkenntnisse bezüglich B zu verzichten, oder die Existenz Gottes in Frage zu stellen, waren je nach historischem Hintergrund beide unangenehm. Die Lösung: Unabhängig von der Religiösität oder Areligiösität der beteiligten Wissenschaftler wird unterstellt, dass die "Gotteshypothese" kein zulässiges Explanans, d.h. kein legitimer Faktor bei der ursächlichen Erklärung naturwissenschaftlicher Phänomene sei. Diese forschungspraktische Grundhaltung wird als methodologischer oder pragmatischer Atheismus bezeichnet und ist etablierte wissenschaftliche Praxis.
Praktischer Atheismus
In den Industrieländern des Westens gehören heutzutage viele Menschen nominell und auch organisatorisch zu den Kirchen ("Namenschristen"), glauben aber weder an die zentralen Glaubensinhalte des Christentums (sofern überhaupt bekannt), noch richten sie ihr Leben danach aus. Sie sind also in ihrer Lebenspraxis Atheisten. In Abgrenzung zum theoretisch-philosophisch reflektierten Atheismus wird diese Lebensweise oft als praktischer Atheismus bezeichnet.
Der praktische Atheismus beschränkt sich nicht auf westliche Länder. So bezeichnet sich beispielsweise China als atheistischer Staat. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ein großer Teil, wenn nicht die Mehrheit der atheistischen Bevölkerung Chinas Religionen nicht aus theoretischen Erwägungen ablehnt, sondern dass Religion für sie aus historischen Gründen keine Rolle spielt.
Die tatsächliche Zahl der praktischen Atheisten ist schwer abzuschätzen. Geht man aber davon aus, dass beispielsweise in Deutschland die Besuchsrate katholischer Gottesdienste bei ca. 15 % der Gläubigen liegt (Stand 2003), liegt es nahe, dass ein großer Teil der Getauften Deutschlands heute praktische Atheisten sind.
Atheismus und Moral
Den Anhängern des Atheismus wird, oft auch subliminal, unterstellt, dass mit dem Fehlen des Glaubens an Gott auch die Verneinung moralischer Werte einhergehe. Dem ist jedoch nicht notwendigerweise so. Davon abgesehen, dass es keine wissenschaftlichen Untersuchungen darüber gibt, die diese Hypothese bestätigen würden, können moralische Prinzipien durchaus objektiv geltende Vorschriften darstellen, die von der menschlichen Vernunft entdeckt oder aufgestellt werden und nicht von göttlichem Wollen abhängen, wie etwa Kant darzulegen suchte.
Eine noch konsequentere Trennung von Moral und Theismus stellt die Auffassung dar, die John Leslie Mackie in seinem Buch Ethik ausführt, nämlich dass Moral an den Prozess der biologischen Evolution gekoppelt und ein Ergebnis des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses sei. Hieraus würde folgen, dass die menschliche Moral auch dann Bestand hätte, wenn Religionen in Verfall geraten.
Statistisches
Nimmt man die religiöse Selbsteinschätzung der Bürger in Umfragen als Maßstab, so liegt in den Ländern der Europäischen Union der Anteil "überzeugter Atheisten" bei ca. 5%. Besonders hoch ist die Rate überzeugter Atheisten in Frankreich (14,6%), und den neuen Bundesländern Deutschlands (21,7%). In den USA liegt die Zahl überzeugter Atheisten bei 1,2% (Stand hier: 1990)
(Quelle: [http://www.europeanvalues.nl European Values Study von 1999/2000])
Kritik am Atheismus
Eine grundsätzliche Kritik am Atheismus übt (auch heute noch) die Philosophische bzw. Natürliche Theologie. Diese argumentiert, dass aus dem Bedingten (Zufälligen, Nicht-Notwendigen, Kontingenten) mit wissenschaftlicher Gewissheit auf die Existenz des Unbedingten bzw. Absoluten, d.h. die Existenz Gottes geschlossen werden kann.
Literatur
Nachschlagewerke
- Gordon Stein (Ed.): The encyclopaedia of unbelief. (Vols. 1-2). Prometheus, New York 1985, ISBN 0-87975-307-2. DAS Nachschlagewerk zum Thema
Literatur zu Atheismus und Religionskritik
- Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben (Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann). 2. Auflage. Alibri.: Aschaffenburg 2004. (Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gott der Bibel.)
- Karlheinz Deschner: Abermals krähte der Hahn; Eine kritische Kirchengeschichte . 4.Auflage. btb im Goldmann Verlag, o.O. 1996, ISBN 3-442-72025-7.
- Heinz Fastenrath: Abiturwissen: Religionskritik. Klett Verlag, Stuttgart 1993. (Ein Abriss atheistischer Grundpositionen. Feuerbach, Marx, Nietzsche, Sartre.)
- Ludwig Feuerbach: Das Wesen der Religion. Hegner-Bücherei: o.O. 1965
- http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Feuerbach/feu_ch01.html
- Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse: Die Zukunft einer Illusion. Fischer (Tb.): Frankfurt 1993. (Religion als Zwangsneurose?)
- [http://www.madeasy.de/1/illusio1.htm Orginaltext „Die Zukunft einer Illusion“]
- Sigmund Freud: Totem und Tabu. Fischer (Tb.): Frankfurt 1991. ISBN 3-596-10451-3. (Erklärungsversuch des Ursprungs von Reli
Marxismus
Marxismus ist eine philosophische, historisch-politische und
ökonomische Gesellschaftstheorie mit wissenschaftlichem Anspruch. Sie bezieht sich auf die Schriften von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) und versucht, deren Ideen in ein schlüssiges Gesamtkonzept zu integrieren, das dem Aufbau einer sozialistischen und darauf aufbauend einer kommunistischen Gesellschaftsordnung dient.
Seit ihrer Entstehung hat die marxistische Theorie verschiedene Richtungen entwickelt, die jeweils das Erbe der "Klassiker" beanspruchten und sich voneinander abgrenzten. Die bekanntesten davon sind die Sozialdemokratie, der Marxismus-Leninismus und verschiedene Formen des Neomarxismus: darunter der Austromarxismus, der Postmarxismus oder die Frankfurter Schule.
Der Terminus Marxismus wurde zunächst von politischen Gegnern pejorativ verwendet. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde er von Anhängern dieser Weltanschauung selbst verwendet.
Überblick
Die Grundgedanken von Marx wurden erst nach seinem Tod systematisiert. Ihre Einordnung in eine konsistente Theorie steht unter einem doppelten Vorbehalt: 1. Marx verstand sein Werk zunächst als ständig überprüf- und revidierbare Analyse der jeweiligen Verhältnisse und als eine daraus abgeleitete Zukunftsprognose. 2. Engels wollte die Theorie in allgemeinverständlicher Form verbreiten und trug damit - nach Auffassung seiner Kritiker - zu ihrer Schematisierung und Vulgarisierung bei. Andererseits erhoben beide spätestens seit dem "Kommunistischen Manifest" von 1848 Anspruch auf eine allgemeingültige, wissenschaftliche Geschichtserklärung und politische Perspektive, sodass man den "Marxismus" als theoretisches und praxisorientieres System und damit als Weltanschauung betrachten kann.
Marx bevorzugte für seine Theorie den Begriff „Wissenschaftlicher Sozialismus“. Damit grenzte er sich von anderen Staats- und Gesellschaftsentwürfen ab, die er dem Utopischen Sozialismus oder dem Anarchismus zuordnete. Er warf diesen Vorläufern und Zeitgenossen vor, eine gerechte und den Idealen der Französischen Revolution verpflichtete Gesellschaft nur zu „erträumen“, ohne die Bedingungen für ihre Verwirklichung wissenschaftlich zu erforschen und sie mit praktikablen Erfolgsaussichten anzustreben.
Die marxistische Theorie unterscheidet verschiedene Kernbereiche, welche die Entwicklung der Ideen von Marx und Engels widerspiegeln:
- Die umfassende Abgrenzung von der herkömmlichen Philosophie und deren "Aufhebung" im dialektischen Materialismus. Ausgangspunkt hierfür waren die Religionskritik und die Ideologiekritik der Marxschen Frühschriften, die sich vor allem auf den deutschen Idealismus von Hegel und den Materialismus von Ludwig Feuerbach beziehen. Marx drückte das Ergebnis seiner Studien folgendermaßen aus, er habe die dialektische Methode weiter entwickelt und dabei den Idealismus "vom Kopf auf die Füße" gestellt. Kerngedanke seines Materialismus war der Satz: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
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