Home About us Products Services Contact us Bookmark
:: wikimiki.org ::
Anarchie

Anarchie

Der Begriff Anarchie leitet sich aus dem Griechischen (αναρχία "Führerlosigkeit") ab und bedeutet ursprünglich Abwesenheit von Herrschaft durch Einzelne ("Führer"). Im heutigen Gebrauch des Wortes streitet man sich in dem, wie "Führerlosigkeit" auszulegen ist. Die klassischen Anarchisten in der Tradition von Bakunin, Kropotkin und Proudhon verstehen auch institutionelle oder strukturelle Gewalt als so etwas wie Herrschaft. In der Wortbedeutung ist aber nur von Führern, also Personen die Rede. Weiter kann man sich darüber streiten, was ein Führer ist. Ist ein Stammesoberhaupt, ein Familienoberhaupt, ein Richter, ein Gelehrter usw. ein Führer? Darüber mag man geteilter Meinung sein. Eine Auslegung wäre, Anarchie mit staatenloser Gesellschaft oder dem Fehlen des staatlichen Gewaltmonopols gleichzusetzen. In diesem Sinne ist Herrschaft, wie wir sie kennen, keine zeitlose Institution. Neben und vor allem vor dem welthistorischen Beginn der Herrschaft moderner Staaten hat es logischerweise und tatsächlich Anarchie gegeben. Noch bei manchen rezenten Naturvölkern kann von Herrschaft Einzelner keine Rede sein. Die Mbuti etwa lebten ohne Macht von Führern, mithin in einer Anarchie. Die Abwesenheit von Gesetzgebern und Gesetzen kennzeichnet das Leben der Mbuti auch als 'gesetzlos'. Aber ohne Ordnung war ihr Leben deshalb mitnichten. Neben den sozusagen natürlichen Formen der Anarchie außerhalb der Zeiten und Territorien der Einzelherrschaft gibt es die bewusst gewählten Formen der Anarchie innerhalb etablierter Herrschaftsräume. Siehe auch: Anarchismus.

Bedeutungen


- ursprünglich, in der griechischen Antike: Abwesenheit des Alleinherrschers
- Bezeichnung für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, das heißt Abschaffung von Machtstrukturen wie Regierungen und Gerichten, aber auch wirtschaftlichen Zwängen (zum Beispiel Lohnarbeit und Schulden)
- Das Modell einer Gesellschaftsform, der Anarchismus

Verfehlte Verwendungen


- Anarchie wird als Synonym zu politischem und gesellschaftlichem, aber umgangssprachlich zu verstehendem Chaos oder der Gesetzlosigkeit verwendet. Dabei heißt dieser Zustand korrekterweise Anomie.
- Schimpfwort, um politische Gegner zu diskreditieren.

Literatur


- Achim von Borries/Ingeborg Weber-Brandies (Hg.): "ANARCHISMUS - Theorie, Kritik, Utopie" Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim, Winter 2005. ISBN 3-939045-00-4.
- Hans Jürgen Degen: "Tu was Du willst. Anarchismus - Grundlagentexte zur Theorie und Praxis". Verlag Schwarzer Nachtschatten, Berlin 1987. ISBN 3-89041-005-7. (Sehr gute Textsammlung der anarchistischen Klassiker!)
- Nicolas Walter: "Betrifft: Anarchismus. Leitfaden in die Herrschaftslosigkeit". (mit Bibliogaphie anarchistischer Literatur) Libertad Verlag, Berlin (jetzt: Potsdam) 1984. ISBN 3-922226-03-5.
- "Was ist eigentlich Anarchie? - Einführung in Theorie und Geschichte des Anarchismus" -. Kramer Verlag, Berlin 2003. ISBN 3-87956-700-X.
- Horst Stowasser: "Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft." ([http://sutters-welt.de/stowasser1.htm Auszüge]) Eichborn Verlag, Frankfurt (Main) 1995. ISBN 3821804483 Diefenbacher, Hans (Hrsg.): Anarchismus. Zur Geschichte und Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft, Verlag Primus, Darmstadt:1996. ISBN 3-89678-013-1 (leider wird keine Frau behandelt; weder Golman, noch Michel, etc.pp.)

Zitate

Diefenbacher, Hans (Hrsg.): Anarchismus. Zur Geschichte und Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft, Verlag Primus, Darmstadt:1996. ISBN 3-89678-013-1 (leider wird keine Frau behandelt; weder Goldman, noch Michel, etc.pp.)

Siehe auch


- Anarchismus
- Anarchosyndikalismus
- Nationalanarchismus
- Anarchokapitalismus
- Anarcho-Zeichen
- Panokratie
- Parecon

Weblinks


- [http://deu.Anarchopedia.org Anarchopedia]
- [http://Anarchismus.de Anarchismus.de]
- [http://www.graswurzel.net/ Graswurzelrevolution]
- [http://www.free.de/asti/historischesueberdenanarchismus/anarchiewort.htm Definition Anarchie]
- [http://www.fau.org/ FAU]
- [http://www.anarchismus.at/ anarchismus.at]
- [http://polit-city.de/index.php?pc_empire The Anarchy Empire]
- [http://www.anarchie.net.tf Anarchismus] Kategorie:Anarchismus Kategorie:Gesellschaftsform Kategorie:Politischer Begriff simple:Anarchy

Griechische Sprache

Griechisch (griechisch ελληνικά) ist eine indogermanische Sprache, die einen eigenen Zweig dieser Sprachfamilie darstellt. Eine nähere Verwandtschaft scheint nur zur antiken makedonischen Sprache bestanden zu haben. Griechisch wird von ca. 16 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen, von denen ca. 10,5 Millionen in Griechenland leben, wo es Amtssprache ist. Die anderen Muttersprachler sind auf 35 andere Staaten verteilt. Auf Zypern ist Griechisch ebenfalls Amtssprache, offiziell neben dem Türkischen. Außerdem ist in einigen südalbanischen und süditalienischen Gemeinden, in denen Angehörige der griechischen Minderheit leben, das Griechische als lokale Amts- und Schulsprache zugelassen. Siehe: Griko in Italien Eine Vielzahl von altgriechischen Wörtern werden darüber hinaus auch in diversen Fachsprachen verwendet und haben Eingang in viele moderne Sprachen gefunden. Die Sprachcodes nach ISO 639 für Neugriechisch (ab 1453) sind el bzw. ell oder gre und für Altgriechisch (bis 1453) grc.

Geschichte

1453 Die ältesten schriftlichen Zeugnisse der Sprache sind in Linearschrift B geschrieben. Sie begegnen ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. - also in mykenischer Zeit - als sehr kurze Texte auf Transportamphoren, wo sie den Inhalt bezeichnen. Längere Texte auf zahlreichen Tontäfelchen, ebenfalls rein praktischer Natur, wurden in den Archiven einiger mykenischer Paläste gefunden. Sie stammen aus dem Beginn des 12. Jahrhundert v. Chr.. Nach Zerstörung der meisten bisher bekannten mykenischen Paläste im 12. Jh. ging die Linearschrift B und damit die Schriftlichkeit der ägäischen Welt nach herrschender Meinung verloren. Zumindest gibt es bisher keine Schriftfunde aus der Zeit der dunklen Jahrhunderte. Gegen Ende der dunklen Jahrhunderte, vermutlich um 800 v.Chr., übernehmen die Griechen das phönizische Schriftsystem, das sie im Grunde auch heute noch benutzen. Eines der bekanntesten frühen Beispiele der neuen alphabetischen Schrift zeigt der sog. Nestor-Becher. In klassischer Zeit ist eine Vielzahl von Dialekten feststellbar, zu den wichtigsten zählen das (noch heute in den Schulen als Altgriechisch gelehrte) Attische, das Ionische, das Dorisch-Nordwestgriechische, das Aeolische und das Arkadisch-Kyprische. Die am Anfang der schriftlichen Überlieferung stehenden homerischen Epen, die Ilias und die Odyssee, sind zum Beispiel in einer künstlerischen Sprachform verfasst, die Worte aus verschiedenen Dialekten benutzte, oft nach den Anforderungen des Metrums, im ganzen jedoch Ionisch mit äolischer Prägung ist. Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Vormachtstellung Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. machte den dort gesprochenen attischen Dialekt zur Grundlage einer überregionalen Gemeinsprache (Koiné, griechisch κοινή, die Gemeinsame oder Allgemeine), die durch die Eroberungen Alexanders des Großen im 4. Jahrhundert v. Chr. zur Weltsprache und lingua franca aufstieg. Auch im Römischen Reich blieb Griechisch neben Latein Amtssprache, dies auch aufgrund der kulturellen Abhängigkeit der Römer von den Griechen. In der Osthälfte des Reiches war Griechisch bereits seit dem Hellenismus die dominierende Sprache. Der Einfluss fremder Sprachen und der fortbestehenden Dialekte führte immer wieder, insbesondere im 2. Jahrhundert, zu Bemühungen um eine Reinigung der griechischen Sprache unter Rückgriff auf das klassische Attisch. Eine solche bereinigte Form des Altgriechischen wurde nach der Teilung des Römischen Reiches (395) zur Amts- und Literatursprache des oströmischen Reiches, das nach der Abschaffung der lateinischen Amtssprache um 630 endgültig vom römischen zum byzantinischen Reich wurde. Spätestens zu diesem Zeitpunkt versiegt die Produktion literarischer Werke auf Altgriechisch; die Sprache des byzantinischen Reiches weist da schon deutliche Unterschiede in Grammatik und Aussprache auf. Nach der arabischen Eroberung Syriens und Ägyptens blieb Griechisch dort zunächst noch für einige Jahrzehnte Amtssprache, bevor es diese Funktion ab etwa 700 an das Arabische verliert. Während der Besetzung Griechenlands durch das osmanische Reich war der Unterricht in griechischer Sprache offiziell verboten. Jedoch lebte sie im Alltag der Griechen (und vielfach von Priestern heimlich gelehrt) fort, veränderte sich aber aufgrund geringer Schriftkenntnis und mangelnder Gelehrsamkeit relativ stark. Nach der modernen Staatsgründung wurde die so genannte Katharévousa (griechisch καθαρεύουσα, Reinsprache; die Grundlagen wurden von Korais geschaffen) offizielle Unterrichts- und Amtssprache, eine „künstlich“ geschaffene Standardsprache, die den Wortschatz der am klassischen Attisch orientierten Koiné abermals künstlich konservierte, jedoch innerhalb weitgehend neugriechisch geprägter Aussprache- und Grammatikstrukturen. Erst 1976 wurde die Volkssprache (Dimotikí, griechisch δημοτική) endgültig zur Sprache der staatlichen Verwaltung und der Wissenschaft; allerdings sind viele Katharévousa-Worte im Laufe der Zeit wieder in die Dimotikí zurück übernommen worden. Im Verlauf der Jahrtausende hat sich die griechische Sprache vielfach in der Aussprache geändert, die Orthographie blieb jedoch dank vielerlei Bemühungen um eine Reinhaltung der Sprache weitgehend konstant. Die in hellenistischer Zeit in die griechische Schriftsprache eingeführten Akzente und Symbole für Hauchlaute wurden noch bis vor kurzem verwendet. Durch Erlass Nr. 297 des griechischen Präsidenten vom 29. April 1982 wurden der Akzent Gravis, der Akzent Zirkumflex sowie die Hauchzeichen Spiritus asper und Spiritus lenis abgeschafft. Es gibt seitdem in der griechischen Schriftsprache nur noch den Akzent Akut, der die betonte Silbe anzeigt. Die griechische Sprache und Schrift hatte auf die Entwicklung Europas immensen Einfluss: Sowohl das lateinische als auch das kyrillische Alphabet wurde auf der Basis des griechischen Alphabets entwickelt. Die Rückbesinnung auf das im Westen fast vergessene Griechisch, ausgelöst unter anderem durch die Flucht vieler Byzantiner in den Westen nach dem Fall Konstantinopels 1453, war eine der Hauptquellen der Renaissance und des Humanismus (siehe hierzu auch: Philhellenismus). Noch heute werden wissenschaftliche Fachbegriffe gerne unter Rückgriff auf griechische (und lateinische) Wörter geprägt. Das Neue Testament wurde ursprünglich in hellenistischem Griechisch geschrieben und das erste Mal von Erasmus von Rotterdam gedruckt.

Grammatik

Altgriechisch

Die ersten Grammatiken des Abendlandes wurden zu hellenistischer Zeit in der philologischen Schule von Alexandria abgefasst. Aristarch von Samotrake schrieb eine tékhne grammatiké des Griechischen. Die vermutlich erste autonome grammatische Schrift ist die tékhne grammatiké des Dionysios Thrax (2. Jh. v.Ch.), welche die Phonologie und Morphologie einschließlich der Wortarten umfasst. Die Syntax ist Gegenstand eines sehr systematischen Werks des zweiten bedeutenden griechischen Grammatikers, des Apollonios Dyskolos (2. Jh. n.Ch.). Angeblich im Jahre 169/8 "importierten" die Römer die griechische Grammatik und adaptierten sie. Die Grammatik des Altgriechischen ist auf den ersten Blick recht ähnlich zum Lateinischen, was Partizipialkonstruktionen und sonstige grammatische Phänomene (AcI etc.) anbelangt, so dass Lateinkenntnisse beim Erlernen des Altgriechischen sehr hilfreich sind – und umgekehrt. Gutes Verständnis der deutschen Grammatik hilft allerdings auch; in vielen Fällen ist das Altgriechische dem Deutschen strukturell ähnlicher als dem Lateinischen, beispielsweise sind die bestimmten Artikel im Griechischen vorhanden, während sie im Lateinischen fehlen. Es gibt auch Fälle, in denen die Ähnlichkeit mit dem Lateinischen eher oberflächlicher Art ist und mehr Verwirrung stiftet als hilft – beispielsweise werden die Zeitformen der Verben im Griechischen oft anders verwendet als im Lateinischen. Im Westen und auch in diesem Artikel werden gewöhnlich lateinische Begriffe (wie Substantiv, Dativ, Aktiv, Person … ) zur Bezeichnung von altgriechischen grammatischen und semantischen Kategorien verwendet, die direkte Übersetzungen der griechischen Definitionen darstellen. In Griechenland werden dagegen bis heute die griechischen Originalbegriffe aus der tékhne grammatiké des Dionysios Thrax verwendet.

Nominale Wörter

Hierzu zählen die Wortarten Substantiv, Adjektiv und Pronomen, die alle dekliniert werden. Auch Partizipien, Verbaladjektive und Infinitive werden dekliniert, sie gelten aber als Zwischenformen (sogenannte Nominalformen des Verbs). Hinsichtlich der Deklination ist folgendes zu benennen:
Numeri

- Singular
- Plural
- Dual (als Schwundform)
Genera

- (allgemeine) Regeln:
  - Maskulinum: bei Bezeichnungen für männliche Wesen, Winde, Flüsse und Monate
  - Femininum: bei Bezeichnungen für weibliche Wesen, Länder, Inseln und Städte
  - Neutrum: dient unter anderem zur Verkleinerung oder Verächtlichmachung von Wörtern männlichen und weiblichen Geschlechts.
- Für den sonstigen Gebrauch lassen sich keine eindeutigen Regeln aufstellen.
- Besonderheit des Neutrums: Bei Neutrum-Subjekten steht das Verb, auch wenn das Subjekt im Plural steht, in der 3. Person Singular. Diese Besonderheit besteht deswegen, weil das Griechische im Fall des Neutrums einen echten Plural nicht gebildet hat. Der Plural des Neutrums ist eigentlich ein aus dem Indogermanischen ererbter "kollektiver Singular", d.h. ein Sammelbegriff, der formal ein Singular ist, von der Funktion her aber einem Plural entspricht (wie im Deutschen: der Busch, das Gebüsch). Ferner haben im Neutrum – wie in allen indogermanischen Sprachen – Akkusativ und Nominativ identische Formen. Im Griechischen tritt noch die Form des Vokativs den beiden anderen Kasus als identisch hinzu.
Kasussystem
Von den acht Kasus des Indogermanischen haben sich im Griechischen fünf erhalten: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ und Vokativ. Die Funktionen der nicht erhaltenen Kasus des Indogermanischen haben sich im Griechischen auf den Dativ und den Genitiv verteilt. Die Aufteilung ähnelt der der deutschen Sprache. Grundfunktionen der Kasus:
- Akkusativ
  - echter Akkusativ (direktes Objekt)
  - adverbial: Lativ (Richtung, Ausdehnung, Dauer)
- Genitiv
  - echter Genitiv (Bereich)
  - Separativ (Herkunft)
- Dativ
  - echter Dativ (indirektes Objekt)
  - Soziativ (Gemeinschaft)
  - Instrumental (Mittel)
  - Lokativ (Ort, Zeit)

Verben

Tempussystem
Es gibt im Altgriechischen vier Tempusstämme: Präsensstamm, Aoriststamm, Perfektstamm, Futurstamm; wovon die ersten drei ein System bilden. Das Altgriechische besitzt aber kein ausgebildetes Tempussystem. Die Tempusstämme drücken Aspekte aus; – die subjektive Betrachtungsweise, das heißt die Art, wie der Sprechende den Verbalinhalt auffasst. Deswegen ist der Begriff Tempusstamm genaugenommen nicht richtig; besser zu sagen wäre Aspektstamm. Der Aspekt des Präsensstamms ist durativ (linear, iterativ oder konativ). Das bedeutet, es wird mit diesem Aspekt der Verlauf oder das Andauern einer Handlung ausgedrückt. Beispiele:
- νοσειν = (krank sein = ) krank darniederliegen
- (απο)θνησκειν = sterben ( = im Sterben liegen) Der Aspekt des Aoriststamms ist punktuell. Das bedeutet, es wird der bloße Vollzug einer Handlung vermeldet. (Die Bezeichnung punktuell wird benutzt, um den Gegensatz zum linearen Präsensstamm auszudrücken. Der Aoriststamm ist die Normalform und benennt eine Handlung oder ein Ereignis, ohne ausdrücken zu wollen, ob diese Handlung in Wirklichkeit punktuell oder linear war/ist.) Bei diesem Aspekt wird in der Sprachpraxis gern ein bestimmter Punkt des Verbalbegriffs ins Auge gefasst, nämlich der Abschluss (effektiv) oder der Beginn (ingressiv) einer Handlung. Beispiele:
- ingressiv: νοσησαι = krank werden oder erkranken
- effektiv: (απο)θανειν = sterben (als Moment des Dahinscheidens) Der Aspekt des Perfektstamms ist resultativ. Das bedeutet, es wird mit diesem Aspekt ein (erreichter) Zustand oder einfach ohne jede nähere Bestimmung die Qualität einer Sache ausgedrückt. Beispiele:
- τεθνηκεναι (τεθναναι) = (gestorben und nun) tot sein
- πεποιθεναι = vertrauen Mit der Handhabung dieser drei Aspekte stellt der Griechischsprechende aber die zeitlichen Bezüge her, die von den Aspekten selbst nicht ausgedrückt werden. Die Aspekte gelten nun generell, während es eine direkt zeitliche Bedeutung nur im Indikativ gibt (bis auf das Futur. siehe unten). Die Vergangenheit wird mit Hilfe der Nebentempora, die nur im Indikativ auftauchen, gebildet. Das sind im Präsensstamm das Imperfekt, im Perfektstamm das Plusquamperfekt und im Aoriststamm der Aorist. (Der Aoriststamm ist der älteste Tempusstamm und hat ein Haupttempus im Indikativ nie ausgebildet.) Der vierte Tempusstamm des Altgriechischen, der Futurstamm, ist eine jüngere Entwicklung und hat in der Tat in allen Modi zeitliche Bedeutung. Übersicht über die Tempusformen im Indikativ:
Modussystem
Es gibt im Altgriechischen vier Modi: Indikativ, Optativ, Konjunktiv, Imperativ. Die Funktionen, die diese Formen syntaktisch erfüllen, sind sehr vielfältig. Hier kann nur eine grundsätzliche Bestimmung ihrer Bedeutung vorgenommen werden. Der Modus bringt die geistige Einstellung des Sprechenden gegenüber dem Verbalinhalt zu Ausdruck. Mit dem Indikativ drückt der Sprecher aus, dass ihm ein Vorgang oder Zustand als wirklich (real) erscheint. In den anderen Modi drückt der Sprecher aus, dass ihm der Vorgang oder Zustand nur als vorgestellt gilt. Der Imperativ drückt einen Befehl aus. Der Konjunktiv drückt einen Willen (Voluntativ) oder eine Erwartung (Prospektiv) aus. (Er hat also leicht futurische Bedeutung, was umgekehrt für das Futur in Bezug auf den Konjunktiv auch gilt). Der Optativ drückt einen Wunsch (Kupitiv) oder eine Möglichkeit (Potentialis) aus.
Genera Verbi (eigentlich und für das Griechische besser: Diathese)
Von den drei Genera Verbi sind zwei (Aktiv und Medium) aus dem Indogermanischen geerbt. Das Passiv ist eine jüngere Entwicklung. Das Aktiv drückt einfach eine Tätigkeit aus. Das Medium drückt aus, dass das Subjekt an der Handlung beteiligt ist, oder an ihr interessiert ist, dass also eine nähere Beziehung zwischen Subjekt und Handlung besteht (transitives Medium). Ferner kann es ausdrücken, dass das Subjekt von seiner eigenen Handlung betroffen ist (intransitives Medium). Der Begriff Medium soll in etwa ausdrücken, dass diese Form zwischen Aktiv und Passiv stehe. Das ist jedoch weder sprachgeschichtlich, noch morphologisch richtig. Das Passiv ist im Griechischen der Grenzfall des Mediums, denn: Das Passiv drückt die Wirkung einer Handlung auf das Subjekt aus, die nicht von ihm ausgeht. Insofern die Handlung nur noch auf das Subjekt wirkt, ohne von ihm auszugehen, bildet es den Grenzfall des Mediums. (Außerhalb des Futur- und Aoriststamms hat das Passiv keine eigenständige Form. Formal übernimmt dort das Medium neben der eigenen Funktion auch die des Passivs, was nur aus dem syntaktischen Zusammenhang, oder bei genauer Kenntnis der Beschaffenheit des entsprechenden Verbums zu unterscheiden ist.) Beispiele: Aktiv: er löst (etwas) transitives Medium: er löst (etwas) für sich intransitives Medium: er löst sich, er lässt sich lösen Passiv: er wird gelöst (von jdm.)
Numeri

- Singular
- Plural
- Dual (als Schwundform)
Personen
Erste Person (ich / wir), zweite Person (du / ihr), dritte Person (er, sie, es, Substantiv im Singular / sie, Substantiv im Plural). Die Personalpronomen des Nominativ werden wie in vielen anderen indogermanischen Sprachen meist ausgelassen, wenn sie nicht besonders betont werden sollen. Es muss also nicht zwangsläufig ein das Subjekt ausdrücklich nennendes Bezugswort (Pronomen oder Substantiv) beim Verb stehen – die Endung reicht aus, um die Person und damit das Subjekt zu identifizieren.

Neugriechisch (Dimotiki)

Die neugriechische Sprache hat einen Großteil der altgriechischen Grammatik vereinfacht, ist aber immer noch eine stark flektierende Sprache. Sie ist eine der wenigen indogermanischen Sprachen, die eine synthetische (also nicht mit Hilfsverben konstruierte) Diathese behalten hat. Der Dativ ist bis auf wenige Formen wie εν τάξει (en táxei //) ("in Ordnung") verloren gegangen und wird meist durch die Konstruktion eis (eigentl. in... hinein) + Akkusativ ersetzt. Andere wichtige Änderungen der Grammatik sind der Verlust des Optativs (wird durch den Konjunktiv ersetzt), des Infinitivs (wird durch Nebensätze ersetzt "Ich will kaufen" -> "Ich will, dass ich kaufe") und des Duals (wird durch den Plural ersetzt), die Verkleinerung der Anzahl von Deklinationen und der verschiedenen Formen in jeder Deklinaton, der neue Modalpartikel θα (aus θέλω να ("ich will, dass...") > θε' να > θα) für das Futur und Konditional, die Einführung von Hilfsverben, die Reduzierung der Partizipien auf zwei, ein aktives und ein passives, die Erweiterung des Futurs auf die Aspektunterscheidung zwischen Präsens/Imperfekt und Aorist, der Verlust der dritten Person Imperativ, außer in Archaismen wie ζήτω! ('Lang lebe!'); neue Pronomen für die 2. Person Plural, da die alten wegen der Lautveränderung akustisch nicht mehr von denen der 1. Person Plural zu unterscheiden waren; und der Vereinfachung des Systems der Präfixe, wie bei der Augmentation und Reduplikation. Das Phonemsystem der neugriechischen Sprache: Vokale geschlossen halbgeschlossen offen Alle Vokale werden kurz ausgesprochen. laut IPA Konsonanten p t k b d g v δ z γ f θ s χ m n l r

Siehe auch


- Griechisches Alphabet
- Liste griechischer Präfixe
- Liste griechischer Suffixe
- griechische Präpositionen
- Liste griechischer Magischer Quadrate
- Namenforschung
- Griechische Zahlen
- griechische Zahlwörter
- Griechische Phrasen und Redewendungen

Literatur


- Geschichte:
  - Francisco R. Adrados: Geschichte der griechischen Sprache von den Anfängen bis heute. Tübingen/Basel 2002
  - Hans Eideneier: Von Rhapsodie zu Rap. Aspekte der griechischen Sprachgeschichte von Homer bis heute. Tübingen 1999
- etymologische Wörterbücher (altgriechisch):
  - Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque : histoire des mots. 4 Bände. Paris 1968-80 (Neuauflage 1999)
  - Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch. 3 Bände. Heidelberg 1973
  - Alois Vanicek: Griechisch-lateinisches etymologisches Wörterbuch. Leipzig 1877 (Nachdruck 1972)
- Wörterbücher (altgriechisch):
  - Wilhelm Gemoll: Griechisch–Deutsches Schul- und Handwörterbuch bei Oldenburg Schulbuchverlag. ISBN 3-486-13401-9
  - Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache in 4 Bänden. Braunschweig 1842 ff. (3. Aufl. 1880; Nachdruck 1954)
- Grammatiken (altgriechisch):
  - Eduard Bornemann (u. Mitw. v. Ernst Risch): Griechische Grammatik. Frankfurt a.M. 1978
  - Adolf Kaegi: Kurzgefasste griechische Schulgrammatik. Berlin 1884 (seither ständig nachgedruckt), ISBN 3-615-70100-3
- Historische Grammatik:
  - Helmut Rix: Historische Grammatik des Griechischen. Laut- und Formlehre. Darmstadt 1992

Weblinks


- [http://www.geocities.com/kurogr/ Wörterbuch Mykenisches Griechisch - klassisches Altgriechisch - Englisch (PDF)]
- [http://www.fh-augsburg.de/~harsch/graeca/Auctores/g_alpha.html griechische Texte in der Bibliotheca Augustana]
- [http://info.uibk.ac.at/c/c6/c604/pdf/Hajnal/Griech.Dial.pdf Die Vorgeschichte der griechischen Dialekte] - Ein Aufsatz über Entstehen und Geschichte der altgriechischen Dialekte.
- [http://kypros.org/LearnGreek/ Online-Kurs vom zypriotischen Rundfunk CyBC, 105 Lektionen à 30 Min., engl., Real Audio]
- [http://www.kreienbuehl.ch/lat/ Latein und Altgriechisch Site]
- [http://www.chairete.de/ Materialen zum Altgriechischen, Autoren]
- [http://www.altesprachen.de/heureka/heureka.htm Altesprachen.de]
- [http://www.geocities.com/Athens/Agora/6594/inhalt.html Altgriechisch] (Ziemlich umfangreicher Einstiegskurs)
- [http://www.combib.de/infoseiten/griechisch/griechisch.html Aussprachehilfe zum neutestamentlichen Griechisch] (Deutsche Schulaussprache, nicht Originalaussprache!)
- [http://www.gottwein.de/grueb/gr000.htm Altgriechischer Online-Sprachkurs]
- [http://www.gottwein.de/ Navicula Bacchi] (exzellente Seite rund um die Klassische Philologie mit sehr vielen Unterrichtsmaterialien)
- [http://www.archiv-vegelahn.de/nachschlagwerke_griechisch.html Bibliographie - Griechisch]
-
Kategorie:Indogermanisch Kategorie:Einzelsprache als:Griechische Sprache ja:ギリシア語 ko:그리스어 ms:Bahasa Greek simple:Greek language th:ภาษากรีก

Michail Alexandrowitsch Bakunin

Michail Alexandrowitsch Bakunin (russisch Михаил Александрович Бакунин, wiss. Transliteration Michail Alexandrovič Bakunin;
- 30. Mai 1814 in Prjamuchino; † 1. Juli 1876 in Bern) war einer der berühmtesten russischen Anarchisten und Sozialrevolutionäre, als solcher auch über die russischen Grenzen hinaus aktiv. Sozialrevolutionäre)]]

Leben

Bakunins Familie gehörte zum unteren Landadel. Mit 15 Jahren wurde Michail Bakunin auf die Artillerieschule nach St. Petersburg geschickt und begann eine Offizierslaufbahn. Auf seine militärische Karriere verzichtete Bakunin jedoch und studierte ab 1838 in Moskau Philosophie. Insbesondere die deutschen Philosophen Fichte, Hegel und Schelling beeindruckten ihn. Im Sommer 1840 ging Bakunin nach Berlin, um dort weiter zu studieren. In Berlin wurde er mit den Ideen Ludwig Feuerbachs und der "Junghegelianer" bekannt und schloss sich ihnen an. Er wurde Materialist und entwickelte revolutionäre Ideen. Kurze Zeit später zog Bakunin nach Dresden, wo er 1842 unter dem Pseudonym "Jules Elysad" den Aufsatz "Die Reaktion in Deutschland" veröffentlichte. Anfang 1843 kam er nach Zürich, ein Jahr später zog er nach Paris. In Paris traf er Karl Marx und Pierre Joseph Proudhon, den Begründer des Syndikalismus. Aus Paris wurde Bakunin 1847 ausgewiesen, weil er sich für die Befreiung Polens einsetzte. Polen war zu der Zeit seit dem Wiener Kongress in eine russische, österreichische und preußische Provinz aufgeteilt (vgl. Kongresspolen). In fast regelmäßigen Abständen kam es in diesen Provinzen im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu verschiedenen Aufständen gegen die jeweilige Fremdherrschaft. Bakunin kehrte jedoch bereits im Februar 1848 nach Ausbruch der Februarrevolution, die zum Sturz des Bürgerkönigs Louis Philippe von Orléans und zur Ausrufung der zweiten französischen Republik führte, über Brüssel nach Paris zurück. Im Verlauf der sich an diese Revolution anschließenden Märzrevolution in weiteren Staaten Zentraleuropas war Bakunin an verschiedenen revolutionären Aktivitäten und Aufständen in unterschiedlichen Regionen beteiligt, teilweise auch in entscheidender Position. 1849 nahm er als einziger Russe am "Panslawistischen Kongress" in Prag teil, in dessen Gefolge es zum Aufstand der Böhmen gegen die österreichische Fremdherrschaft kam. Sein "Appell an die Slawen" erschien. In dieser Schrift betonte Bakunin, dass die so genannte nationale Frage untrennbar mit der sozialen Frage verbunden sei. Im Mai 1849 beteiligte er sich gemeinsam mit Richard Wagner und anderen Revolutionären im Zuge der späten Märzrevolution an führender Stelle am Aufstand in Dresden zur Durchsetzung einer sächsischen Republik, dem so genannten Dresdner Maiaufstand. Nach dessen Niederschlagung konnte er zunächst entkommen, wurde aber wenig später in Chemnitz verhaftet und zunächst in Deutschland, nach seiner Auslieferung an Österreich auch dort zum Tode verurteilt. 1851 wurde Bakunin zu lebenslänglicher Kerkerhaft begnadigt und nach Russland ausgeliefert. Zunächst saß er in der Peter-und-Paul-Festung ein. 1857 wurde er nach Tomsk, später nach Irkutsk in Sibirien deportiert. In Sibirien lernte er seine Frau Antonia kennen. Mitte 1861 konnte Bakunin über den Fluss Amur fliehen (Er schrieb, formuliert als Wortspiel an seine Freunde: "L'Amour m'a sauvé" - übersetzt: "Der Amur/Die Liebe hat mich gerettet"). Es gelang Bakunin, nach Nikolajewsk und von dort über Japan weiter nach New York und schließlich nach London zu kommen. Bakunin blieb auch über seine weitere Lebenszeit ein unruhiger Charakter im Dienst der sozialen Revolution und des Anarchismus: Er ging von London nach Italien, als er von der Revolutionsbereitschaft der Italiener (vgl. Risorgimento) hörte. Dort gründete er 1864 die erste "Fraternité Internationale" (übersetzt: "Internationale Brüderlichkeit"). In Neapel verfasste Bakunin den "Revolutionären Katechismus", eine Zusammenfassung seiner sozialistischen und sozialrevolutionären Ideen. 1867 ging er wieder nach Genf, wo er die "Internationale Arbeiter Allianz" bzw. auch die so genannte internationale "Liga für Friede und Freiheit" gründete, die später der Internationalen Arbeiterassoziation ("Erste Internationale") beitrat. Bakunin selbst wurde jedoch 1872 nach einer Auseinandersetzung mit Marx wegen seiner anarchistischen Ansichten ausgeschlossen. Er ging darauf in den Jura, beteiligte sich an der Jura-Föderation und gründete die "Anti-autoritäre Internationale". Bakunin ließ sich kurz vor seinem Tod im Tessin nieder. Zu dieser Zeit war er von einer schweren Krankheit gezeichnet und resigniert, da sich seine Erwartung der nahen Revolution nicht erfüllte. Bakunin ist im Berner Bremgartenfriedhof begraben. Auf seinem Grab steht: "Erinnert euch an den, der sein ganzes Leben eures verbessern wollte."

Wirken und Ideen

Die Hauptbedeutung von Bakunin liegt wohl in folgenden Punkten: # Bakunin gilt als Begründer des kollektivistischen Anarchismus, im Gegensatz zu individualistischen Konzepten wie etwa William Godwin oder Max Stirner und dem Mutualismus von Pierre-Joseph Proudhon. # Mit Bakunin wurde der Anarchismus zu einer international organisierten, sozialrevolutionären Bewegung # Bakunin war Repräsentant des antiautoritären Sozialismus Bakunin trat für die Abschaffung der Ehe, des Erbrechts, des Rechts auf Privateigentum und als Atheist gegen die Religion ein. In seinen Schriften setzte er sich wiederholt mit dem Nationalismus und der sozialen Frage auseinander.

Konflikt mit Marx

Bakunin war 1868 in die erste Internationale eingetreten. Dort traf er wieder auf Karl Marx. Karl Marx war eine Schlüsselfigur der Kommunisten, Bakunin eine der Anarchisten. Der Streit der beiden begründet sich in den Differenzen beider Theorien. Sowohl Anarchie als auch Kommunismus haben die gleichen Ziele: die Abschaffung des Kapitalismus sowie Abschaffung der Herrschaft der Privilegierten über die weniger Privilegierten. Die Theorien unterscheiden sich in der Art, wie die Ziele erreicht werden sollen: Die Kommunisten sind der Ansicht, der Staatsapparat müsse übernommen werden, um den Kapitalismus Stück für Stück abzuschaffen - "Diktatur des Proletariats". Die Anarchisten glauben, dass Macht grundsätzlich korrumpiert, jede Art von Staat zu Sklaverei führt. Daher lehnen sie den marxistischen Ansatz ab. Aus dieser Verschiedenheit der Theorien erwuchs der Konflikt Karl Marx - Bakunin. Zur ersten offenen Auseinandersetzung der beiden kam es dann auf dem Basler Kongress der ersten Internationalen im September 1869 bei der Frage des Erbrechts. Die Anarchisten wollten die Abschaffung, die Marxisten votierten dagegen und verloren. Das aber wollte Marx nicht auf sich sitzen lassen. Er berief 1871 eine private Konferenz nach London ein, an der Bakunin nicht teilnehmen konnte. Dort verabschiedeten die Kommunisten eine Resolution, dass eine politische Partei gegründet werden sollte. Dies lief der anarchistischen Theorie zuwider. Um die Position der Kommunisten weiter zu stärken, fand der nächste Kongress der Internationalen in Den Haag statt, wo Bakunin wieder nicht teilnehmen konnte, da er in ganz Europa außer der Schweiz steckbrieflich gesucht wurde.

Siehe auch


- Boris Akunin (Pseudonym B.Akunin)

Werke


- Gott und der Staat. ISBN 3-92220943-2
- Staatlichkeit und Anarchie (Государственность и анархия (Gosudarstvennost i anarchija)), 1873. Neuauflage Berlin 1999: ISBN 3-87956-233-4
- Gesammelte Werke. Band 1/3. Berlin 1975
- Ausgewählte Schriften. Band 2:"Barrikadenwetter" und "Revolutionshimmel". Artikel aus der "Dresdner Zeitung", Berlin 1995, ISBN 3-87956223-7
- Brief aus dem Gefängnis, die "Beichte", ISBN 3-87956197-4
- Solidarity in Liberty
- Die revolutionäre Frage. Föderalismus, Sozialismus, Antitheologismus. ISBN 3-928300-85

Literatur


- Fritz Brupbacher, Marx und Bakunin ; Ein Beitrag z. Gesch. d. Internat. Arbeiterassoziation, Berlin-Wilmersdorf: Die Aktion, 1922, Nachdruck: Berlin: Inst. f. Praxis u. Theorie d. Rätekommunismus, 1969 :Brupbachers Werk war ein wichtiger Beitrag, um die festgefahrene Diskussion über den Konflikt zwischen Marx und Bakunin neu zu durchdenken. Später hat die Situationistische Internationale versucht diesen Gegensatz zu überwinden.
- Wolfgang Eckhardt: Michail A. Bakunin (1814-1876). Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur in deutscher Sprache. Libertad Verlag, Berlin/Köln 1994, ISBN 3-922226-20-5
- Wolfgang Eckhardt: Von der Dresdner Mairevolution zur Ersten Internationalen Untersuchungen zu Leben und Werk Michail Bakunins, Verlag Edition AV, Lich 2005 ISBN 3-936049-53-X
- Ricarda Huch: Michail Bakunin und die Anarchie. Suhrkamp, ISBN 3-518-37993-3
- Madeleine Grawitz : Bakunin. Ein Leben für die Freiheit. Edition Nautilus, 1999, ISBN 3-89401-339-7 (Ausführliche und detaillierte Lebensbeschreibung, wenig zum Werk)

Weblinks


-
- [http://s2.enemy.org/~jojoo/scp/bakunin.pdf Biographie und Auszüge aus seinen Werken (PDF-Datei)]
- [http://www.bakunin.de/ Biografie] Bakunin, Michail Alexandrowitsch Bakunin, Michail Alexandrowitsch Bakunin, Michail Alexandrowitsch Bakunin, Michail Alexandrowitsch Bakunin Bakunin ja:ミハイル・バクーニン ko:미하일 바쿠닌 th:มีฮาอิล บาคูนิน

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin

Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (russisch Пётр Алексеевич Кропоткин, wiss. Transliteration Pёtr Alekseevič Kropotkin) (
- 9. Dezember 1842 in Moskau; † 8. Februar 1921 in Dmitrow) war ein russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller. Aufgrund seiner Abkunft aus dem russischen Hochadel und da er einer der prominentesten Anarchisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war, war er bei denen, die ihn kannten, als der anarchistische Fürst bekannt. Er hinterließ viele Schriften, darunter die revolutionäre Schrift Die Eroberung des Brotes und sein wissenschaftliches Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier und Pflanzenwelt. Als gelernter Naturwissenschaftler versuchte Kropotkin eine systematische und wissenschaftlichen Kriterien standhaltende Theorie des Anarchismus zu entwerfen. Er gilt dabei auch als einer der Mitbegründer des Anarchistischen Kommunismus. Er kämpfte für eine anarchistisch-kollektivistische Gesellschaft, die frei wäre von einer potenziell diktatorischen Regierung.

Biographie

Pjotr Kropotkin wurde als Sohn von Prinz Alexei Petrowitsch Kropotkin in Moskau geboren. Er war somit einer der Nachkommen der berühmten Rjurikiden. Seine Mutter, Tochter eines Generals in der russischen Armee, hatte für ihre Zeit ebenso bemerkenswert liberale Ansichten wie ein ausgesprochenes Interesse an Literatur. Sie starb jedoch an Tuberkulose, als Kropotkin gerade 4 Jahre alt war, und seine Kindheit war im weiteren geprägt durch den autoritären Vater und die Stiefmutter, die ihren Stiefkindern keine Gefühle entgegenbringen kostnnte. Liebe bekamen Pjotr und sein ein Jahr älterer Bruder Sascha (Alexander) nur von den Leibeigenen der Kropotkins. 1857 im Alter von fünfzehn Jahren trat Pjotr Kropotkin in die St. Petersburger Kadettenschule ein. Die Schule galt als Ausbildungsort, an dem der russische Hochadel seine Kinder auf zukünftige Karrieren in Militär und Verwaltung vorbereitete. Im Jahre 1862 beendete Kropotkin als einer der ersten seines Jahrgangs die Ausbildung. Bis zum Verlassen der Schule 1862 folgte Kropotkin größtenteils seinen eigenen Interessen. Er beschäftigte sich intensiv mit den französischen Enzyklopädisten und französischer Geschichte, insbesondere mit der französischen Revolution. Die liberalen und republikanischen Tendenzen, die in jener Zeit in der russischen Oberschicht aufkamen, entgingen ihm ebensowenig. Auch vertiefte sich sein Interesse am Leben der russischen Landbewohner in dieser Zeit. Nach seinem Eintritt in die russische Armee ließ sich Kropotkin, ungewöhnlich für seine gesellschaftliche Klasse, in ein sibirisches Kosakenregiment in der neu eroberten Amur-Region versetzen. Im Dienst unter dem liberalen General B.K. Kugel hatte Kropotkin die Möglichkeit sich mit weiterer sozialistischer Literatur auseinander zu setzen. B.K. Kugel verfügte über die komplette Sammlung der Werke A.I. Herzen. Außerdem nutzte Kropotkin die dort ziemlich ereignislose Zeit, um ausgedehnte geographische Forschungen anzustellen, die seinen Ruf als Naturwissenschaftler begründeten. Auch durch die gescheiterten Versuche, wirkliche Veränderungen der sibirischen Verwaltung durchzusetzen, kam Kropotkin zu der Überzeugung, dass wirkliche politische Veränderung innerhalb des oder durch den Staatsapparat nicht möglich wäre. 1867 kehrte Kropotkin nach St. Petersburg zurück. Er schrieb sich an der Universität St. Petersburg ein. Gleichzeitig wurde er Sekretär der Sektion für physikalische Geographie in der Russischen Geographischen Gesellschaft. In den darauf folgenden Jahren publizierte er wichtige Arbeiten über das Amur-Gebiet und über Gletscher-Ablagerungen in Finnland und Schweden. Als ihm jedoch die Russische Geographische Gesellschaft den Posten ihres Sekretär anbot, war in Kropotkin schon die Überzeugung gereift, dass es eher seine Pflicht wäre sein Wissen einzusetzen um dem leidenden Volk zu helfen. Er schloß sich lieber revolutionären Kreisen an. 1872 reiste Kropotkin in die Schweiz und wurde Mitglied der libertären Juraföderation in Neuchâtel. Dort nahm er endgültig seine anarchistischen Überzeugungen an und nach seiner Rückkehr nach Russland betätigte er sich intensiv an anarchistischer und nihilistischer Propaganda. 1874 wurde er verhaftet, konnte aber zwei Jahre später aus der Pjotr und Paul Festung in St. Petersburg fliehen. Nach unruhigen Zeiten zwischen London, Paris und der Schweiz wählte er 1878 seinen Wohnsitz in der Schweiz, wo er die Zeitung La Révolté der Jura-Föderation betreute und eigene Schriften veröffentlichte. In den folgenden Jahren wurde er auf russischen Druck aus der Schweiz ausgewiesen und in Frankreich zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Öffentlicher Druck erreichte seine Freilassung und ermöglichte es Kropotkin sich in London niederzulassen. Dort veröffentliche er 1902 sein Buch Gegenseitige Hilfe, das eine Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit aufstellte. Anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte versuchte er nachzuweisen, dass die erfolgsreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf dem Überleben des Stärksten beruhte. Sein Fazit im Buch lautete: In der Betätigung gegenseitiger Hilfe, die wir bis an die ersten Anfänge der Entwicklung verfolgen können, finden wir also den positiven und unzweifelhaften Ursprung unserer Moralvorstellungen; und wir können behaupten, dass in dem ethischen Fortschritt des Menschen der gegenseitige Beistand - nicht gegenseitiger Kampf - den Hauptanteil gehabt hat. In seiner umfassenden Betätigung - auch in unserer Zeit - erblicken wir die beste Bürgschaft für eine noch stolzere Entwicklung des Menschengeschlechts. 1917 kehrte Kropotkin nach der Februarrevolution nach Russland zurück. Die Bolschewisten versuchten nach ihrem Machtantritt, den Einfluss des Freiheitsdenkers zu reduzieren; aufgrund seiner Popularität in der Arbeiterbewegung konnte er jedoch ein relativ freies Leben führen. Seine von mehreren zehntausend Menschen besuchte Beerdigung 1921 war die letzte Massenveranstaltung oppositioneller Kräfte in der Sowjetunion bis 1990. Viele Teilnehmer wurden extra für dieses Ereignis vorübergehend aus der Haft entlassen. Kropotkin wurde für sein weites Wissen und die Güte seines Charakters von Freund und Feind gelobt. Er galt als Autorität über russische Naturkunde und hat viele Beiträge (darunter den über Anarchismus) für die Encyclopedia Britannica verfasst. Trotz seines stetigen Wirkens musste er aber auch ansehen, wie die Idee einer anarchistischen Revolution in seiner Zeit immer mehr an Bedeutung verlor. Siehe auch: Utopischer Sozialismus

Werke


- Gegenseitige Hilfe (Mutual Aid: A Factor of Evolution.). 1902, ISBN 3-922209-32-7
- Die Eroberung des Brotes (La conquête du pain). 1892, ISBN 3-922209-08-4
- Die französische Revolution. Trotzdem Verlag, Grafenau 1999, ISBN 3-931786-13-7
- Memoiren eines Revolutionärs. Bd. I. Unrast Verlag, ISBN 3-89771-901-0
- Memoiren eines Revolutionärs. Bd. II. Unrast Verlag, ISBN 3-89771-902-9

Literatur


- Nicht Narren, nicht Heilige. Erinnerungen russischer Volkstümler; Leipzig; Goes, Gudrun (Hrsg.); Verlag Philipp Reclam jun. 1984

Weblinks


-
- Kropotkins Artikel über "Anarchismus" aus der Encyclopædia Britannica, 1910 (auf englisch): bei [http://www.blackcrayon.com/page.jsp/library/britt1910.html Blackcrayon.Com] und bei [http://dwardmac.pitzer.edu/Anarchist_Archives/kropotkin/britanniaanarchy.html Pitzer.Edu]
- Umfangreiche Seite über Kropotkin: [http://www.kropotkin.de www.kropotkin.de]
- Kropotkins Biographie in russischer Sprache: [http://www.hrono.ru/biograf/kropotkin.html] Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Pjotr Alejejewitsch Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch ja:ピョートル・クロポトキン

Pierre-Joseph Proudhon

Pierre Joseph Proudhon [] (
- 15. Januar 1809 in Besançon, Frankreich; † 19. Januar 1865 in Passy bei Paris) war ein französischer Ökonom, Soziologe und Anarchist. Er vertrat die Abschaffung von Geld und Zinsen.

Leben

Proudhon wurde in der Region Franche-Comté geboren. Wie das Schweizer Jura jenseits der Berge, war sie eine Hochburg der anarchistischen Bewegung. Victor Hugo, Charles Fourier und Gustave Courbet wurden hier geboren, Peter Kropotkin und Michail Bakunin besuchten sie regelmäßig. Der Sohn eines Küfers und einer Küchenmagd arbeitete bis zu seinem zwölften Geburtstag als Ochsenhirt. Durch ein Stipendium wurde ihm der Schulbesuch ermöglicht, er musste diesen aufgrund Geldmangels aber trotzdem frühzeitig beenden. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers und bildete sich als Autodidakt weiter. Als er nach Paris ging, wurde er zum soziologischen und politischen Denker und Autor. Er stellte seine eigene Unabhängigkeit und seine moralischen Grundsätze vor andere Erwägungen. Obwohl den größten Teil seines Lebens in Armut verbringend, lehnte er mehrfach Angebote für gut bezahlte Stellen als Publizist ab, um seine geistige Unabhängigkeit nicht zu gefährden. In der Februarrevolution von 1848 trifft er Michail Bakunin und er entwickelt als Abgeordneter der französischen Nationalversammlung ein Arbeitsprogramm. Er erstrebt eine Entwicklung zum Sozialismus ohne Gewalt, getragen von der freien Entscheidung der Arbeiter. Proudhon lehnt jede staatliche Gewalt ab und prägt die Überzeugung der Anarchisten, wonach die unbegrenzte Freiheit der Menschen die Grundvoraussetzung für eine sozialistische Ordnung ist. Proudhon sah in der Revolution eine starke Tendenz zu staatssozialistischen Vorstellungen, die er insbesondere in der Person des "regierungswütigen Louis Blancs" bekämpfte. Louis Blanc 1849 will Proudhon mit der Gründung einer "Volksbank", die kostenlose Kredite vergibt, seine gesellschaftlichen Vorstellungen in die Praxis umsetzen. Nach einem halben Jahr muss Proudhon diese Volksbank jedoch wieder schließen, da er verhaftet und wegen seiner Beteiligung an der Revolution für drei Jahre inhaftiert wird. Aufgrund dessen, dass der rhetorisch wesentlich gewandtere Louis Blanc in der Bevölkerung bald mehr Anhänger genoß, griff Proudhon auch zu für einen Sozialisten ungewöhnlichen Methoden. Er versuchte Napoleon III. zur Unterstützung seiner Pläne zu gewinnen, dieser brachte ihm jedoch vor allem Misstrauen entgegen. Proudhon hoffte, dass Napoleon III. ein "Repräsentant der Revolution wider Willen" würde. Pierre Joseph Proudhon starb am 19. Januar 1865 in Passy bei Paris und wurde auf dem Cimetière Montparnasse beigesetzt.

Werk

Proudhon war einer der ersten, der den Begriff Anarchie positiv besetzte. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß Proudhon mit diesem zu seiner Zeit durchgängig negativ besetzten politischen Schlagwort 'Anarchist' anfänglich nur seine politischen Gegner provozieren wollte. Die Anarchie selbst definierte Proudhon ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes als "Abwesenheit jedes Herrschers, jedes Souveräns" - und er gab dem Begriff zugleich eine historische Dynamik, indem er hinzufügte - "das ist die Regierungsform, der wir uns täglich mehr nähern (...) wie der Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in der Anarchie." Proudhon fasste die Wissenschaft der Politik stets als die Wissenschaft der Freiheit auf. Er schrieb: Die Politik ist die Wissenschaft von der Freiheit: die Beherrschung des Menschen durch den Menschen, gleichviel hinter welchem Namen sie sich verbergen mag, ist Unterdrückung, die höchste Vollkommenheit der Gesellschaft findet sich in der Vereinigung von Ordnung und Anarchie. In seiner 1840 veröffentlichten Schrift "Qu'est-ce que la propriété?" kommt er zu dem Schluss: Eigentum ist Diebstahl. (Gemeint ist Privateigentum.) Man dürfe außer den persönlichen Arbeitsmitteln lediglich diejenigen Güter besitzen, die man durch eigene oder kollektive Arbeit hergestellt oder im Tausch dagegen erworben hat. Erbschaft oder Ausbeutung der Arbeitskraft anderer gehöre unterbunden, um die Kapitalanhäufung und die daraus resultierende Machtkonzentration zu verhindern. Die Gesellschaft soll sich auf dem freiwilligen Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten ("fédéralisme"), also einem herrschaftsfreien System ("Anarchie") ohne Staat und großen Institutionen wie beispielsweise der Kirche, gründen. Proudhons Schriften beeinflussten zahlreiche Intellektuelle der Zeit, vor allem aber die entstehende Gewerkschaftsbewegung in Frankreich, die lange anarchistisch orientiert blieb. Ökonomische Denker verurteilten Proudhon oft wegen der Unzulänglichkeit seiner Werke, eher politisch Interessierte schätzten ihn oft als normativen Denker.

Die Auseinandersetzung mit Karl Marx

Karl Marx schätzt zunächst den Menschen Proudhon, den er 1844/45 mehrfach in Paris trifft. Er lobt das "scharfsinnige Werk Proudhons" (Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung) und in der Heiligen Familie dessen Angriffe auf das Eigentum (Qu'est-ce que la propriété) als einen die Nationalökonomie umwälzenden Fortschritt. In der Zeit des Kommunistischen Korrespondenzbüros bittet Marx Proudhon gar um Mitarbeit (Brief vom 5. Mai 1846), dieser lehnt jedoch in seinem Antwortschreiben vom 17. Mai ab. Einerseits wendet sich Proudhon gegen den möglichen Einsatz revolutionärer Gewalt, andererseits warnt er auch vor sich abzeichnenden autoritären Tendenzen beim jungen Marx: :"Lassen Sie uns gemeinsam, wenn Sie es wünschen, die Gesetze der Gesellschaft ergründen, die Art und Weise, wie diese Gesetze sich durchsetzen, die Methode, mit der wir sie entdecken können; aber nachdem wir alle Dogmen zertrümmert haben, lassen Sie uns um Gottes Willen nicht dazu verleiten, die Menschen unsererseits zu indoktrinieren; lassen Sie uns nicht den gleichen Fehler begehen, wie Ihr Landsmann Martin Luther, der, nachdem er die katholische Theologie stürzte, an deren Stelle eine protestantische Theologie mit Exkommunikation und Bannfluch setzte. Die letzten drei Jahrhunderte war Deutschland hauptsächlich damit beschäftigt, Luthers Pfuscherei rückgängig zu machen; lassen Sie uns nicht die Menschheit mit einer ähnlichen Sauerei zurücklassen. Ich appelliere an Sie aus vollem Herzen, alle Ihre Ansichten auszusprechen; lassen Sie uns kollegial streiten und der Welt ein Beispiel unserer erlernten und weitsichtigen Toleranz geben. Lassen Sie uns nicht, weil wir an der Spitze einer Bewegung sind, zu den Führern eitler neuer Intoleranz machen und nicht als Apostel einer neuen Religion auftreten, selbst wenn diese Religion die Religion der Logik, die Religion der Vernunft wäre. Lassen Sie uns alle Einwände annehmen und ermutigen, und jede Ausschließlichkeit, jede Mystik entmutigen. Lassen Sie uns niemals eine Frage als veraltet betrachten, und wenn uns die Argumente ausgehen, lassen Sie uns nötigenfalls von vorne beginnen – mit Eloquenz und Ironie. Unter dieser Bedingung werde ich gerne ihrem Verein beitreten. Ansonsten – nein!" Seit dieser Absage wendet sich Marx entschieden gegen Proudhon. Er kritisiert als Studierter die philosophische Unzulänglichkeit des Autodidakten, zum anderen ist ihm der starke moralische Impetus von Proudhons Werken zuwider. Auf dessen im Oktober 1846 erschienene Contradictions économiques (Untertitel: Philosophie des Elends) antwortet Marx 1847 mit dem Elend der Philosophie, in dem er Proudhon als kleinbürgerlichen Ideologen brandmarkt. Zugleich fungiert diese zunächst nur auf französisch erschienene Schrift sowohl als Analyse der kapitalistischen Gesellschaft wie als Programm einer Partei, deren Chef Marx ist (so Engels in einem Brief an Marx). Der Bruch zwischen Marx und Proudhon markiert die Spaltung der Arbeiterbewegung so in zweifacher Weise: Einerseits scheiden die Anhänger der direkten Aktion, des revolutionären Streiks (also neben Anhängern Blanquis und Marx' auch viele Anarchisten) von den Anhängern einer allmählichen Erneuerung der Gesellschaft durch die Selbstorganisation des Proletariats und eine Kollektivbewegung; andererseits in Anarchisten und (vermeintliche) Etatisten.

Siehe auch

Anarchismus, Anarchosyndikalismus, Mutualismus (Ökonomie), Proudhonismus

Literatur


- Johannes Hilmer; Lutz Roemheld (Hrsg.): Proudhon-Bibliographie. Lang, Frankfurt am Main; Bern [u. a.] 1989, ISBN 3-631-41561-3
- Pierre-Joseph Proudhon: System der ökonomischen Widersprüche oder: Philosophie des Elends / Pierre-Joseph Proudhon. Hrsg. Lutz Roemheld und Gerhard Senft. Berlin: Kramer-Verlag, 2003. ISBN 3879562814

Weblinks


-
- [http://dwardmac.pitzer.edu/anarchist_archives/proudhon/Proudhonarchive.html Proudhon-Archiv]
- [http://deu.anarchopedia.org/Pierre_Joseph_Proudhon Anarchopedia]
- [http://systemfehler.de/antimarx.htm#mehrwert Wer hat recht: Marx oder Proudhon?]
- [http://www.twokmi-kimali.de/texte/proudhon_was_ist_eigentum.htm J.P.Proudhon Was ist das Eigentum. Erste Denkschrift.Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft (1840)] Proudhon, Pierre Joseph Proudhon, Pierre Joseph Proudhon, Pierre Joseph Proudhon, Pierre Joseph Proudhon, Pierre Joseph ja:ピエール・ジョゼフ・プルードン

Institution

Institution (lat. institutio – Einrichtung) ist in der Soziologie eine mit Handlungs-Rechten, Handlungs-Pflichten oder normativer Geltung belegte soziale Wirklichkeit, durch die Gruppen und Gemeinschaften nach innen und nach außen hin verbindlich (geltend) wirken oder handeln. Umgangssprachlich wird unter einer Institution auch eine Organisation (s. dort) verstanden.

Begriffsgeschichte

Die Betrachtung politischer Institutionen geht mindestens auf Jean-Jacques Rousseau zurück. Die frühen politischen Theorien sahen politische Institutionen jedoch lediglich als Arenen in denen politische Handlungen statt finden, die jedoch von fundamentaleren Kräften bestimmt wurden. In der vergleichenden Regierungslehre befasste man sich mit der institutionellen Grundlage der verfassungsmäßigen Ordnung, insbesondere der westlichen Welt. Es ging also um formalen Institutionen. Seit Mitte der 1970er Jahren begann sich ein neuer Institutionalismus zu entwickeln. Hierbei handelte es sich um eine Gegenbewegung zu herkömmlichen behaviouristischen Theorieansätzen und zu rational choice Ansätzen, die weitgehend als institutionenblind anzusehen sind. Im Neo-Institutionalismus werden, in Abgrenzung zum klassischen Institutionalismus, neben den formalen Institutionen auch nicht-formale betrachtet. Wie weit im einzelnen der Begriff Institution zu fassen ist, bleibt strittig. Wirtschaftswissenschaftlich inspirierte Wissenschaftler definieren den Begriff enger, als soziologisch inspirierte Wissenschaftler, die auch kognitive Regeln des menschlichen Handelns als Institution begreifen. Als kleinster gemeinsamer Nenner kann gelten, dass eine Institution ein Regelsystem ist, dass eine bestimmte soziale Ordnung hervorruft.

Abgrenzung zum Organisationsbegriff

Der Begriff wird in der Volkswirtschaftslehre für die Erklärung der Bildung von Unternehmen und Unternehmensgrenzen verwendet – oft aus Unzufriedenheit mit dem dort (und in der Betriebswirtschaftslehre) vielfach entfalteten Organisationsbegriff. Der Brockhaus definiert die Institution als eine "gesellschaftliche, staatliche oder kirchliche Einrichtung, in der bestimmte Aufgaben, meist in gesetzlich geregelter Form, wahrgenommen werden." (Brockhaus Enzyklopädie Bd. 10 1989, S. 544) Die jüngere Soziologie vermied es gern, komplexe Sachverhalte wie Familie oder Bundestag als "Institution" zu bezeichnen, da sie sowohl Aspekte der Institution als auch der Organisation umfassen und organisationssoziologisch weniger Grundlagenprobleme aufzuwerfen scheinen. (Die Institution der Ehe ist derart genommen eine Organisation, deren Mitglieder die jeweilige Ehefrau und der jeweilige Ehemann sind.) Jedoch hat z.B. 2003 Michael Wildt den "Institutions"-Begriff wieder fruchtbar aufgenommen, um das Reichssicherheitshauptamt in der Zeit des Nationalsozialismus zu erklären.

Beispiele

Beispiele für Institutionen sind jegliche Regeln und Normen, Verfassung, Kartellrecht, Strafrecht, Verträge (allgemein), StVO, DIN-/ISO Norm, Unternehmensleitsätze, Landessprache, Benimmregeln, Sitten und Bräuche. Auf die oft mit parallelen sozialen Prozessen befasste soziologische Debatte zum Ritual ist zu verweisen.

Ziele

Institutionen leiten das Handeln von Menschen, beschränken die Willkür (den Kürwillen) des individuellen Handelns, definieren den gemeinsamen Handlungsrahmen und mit ihm verbundene Verpflichtungen. Zu diesem Regelsatz bilden sich zugehörige Legitimierungsstrategien und Sanktionsmechanismen heraus. Damit üben Institutionen eine entlastende Funktion aus, indem sie eine kollektiv organisierte Bedürfnisbefriedigung sicherstellen und den einzelnen von elementaren Vollzügen freisetzen. Andererseits schützen sie die Gesellschaft vor individuell willkürlichen und chaotisch gegeneinander laufenden Handlungen und überführen sie in gesellschaftlich wohlgeordnete Abläufe. Nach dem philosophischen Anthropologen Gehlen ersetzen Institutionen dem Menschen, was dem Tier als Instinkt verfügbar ist; Dieter Claessens hat dies biosoziologisch kritisiert und differenziert (Konzept der „Instinktstümpfe“). Sie sind nach Gehlen notwendigerweise undurchschaubar und entfremdet, bieten aber damit die Möglichkeit für eine "höhere" Freiheit des Handelns. Institutionen regeln für das Individuum und die Gesellschaft elementare Bereiche wie: Reproduktion, (Familie, Verwandtschaft), Erziehung, Bildung und Ausbildung, Nahrungsbeschaffung, Warenproduktion und Verteilung (Wirtschaft) und die Aufrechterhaltung einer gesellschaftlichen Ordnung (Recht, Politik), sowie der Kultur (siehe Bernhard Schäfers 1995 S. 134-137). Sie sind "bewährte Problemlösungen" für den Alltag - welche man sich auch als Komplex von Handlungs- und Beziehungsmustern vorstellen kann. Institutionen können ihr Abbild in Organisationen finden, sind aber davon deutlich zu unterscheiden. Während Institutionen handlungsleitende Regeln zur Verfügung stellen, definieren Organisationen formell Ziele, Mitgliedschaft und Organisationsabläufe. Wichtig ist hierbei, dass Institutionen beachtet sein müssen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Hierarchie

Insitutionen werden häufig in eine hierarchische Ordnung nach dem Grad der Einschränkung von Gestaltungsfreiräumen gebracht. Je weiter unten die Ebene, desto spezifischer ist die zugehörige Institution. Die erste Ebene stellt hierbei die soziale Verankerung dar. In dieser Ebene sind insbesondere informelle Institutionen wie Tradition, Weltanschauung und Kultur von Bedeutung. Die Institutionen dieser Ebene entwickeln sich nur sehr langsam über eine evolutionäre Veränderung. Die theoretische Basis wird durch die Soziologie gegeben. Die zweite Ebene wird durch grundsätzliche formelle Spielregeln dargestellt, etwa eine Verfassung und Regeln des Rechts. Die theoretische Basis wird durch die Theorie der Verfügungsrechte gegeben. Die dritte Ebene ist das Steuerungs- und Anreizsystem. Grundlage sind private Verträge. Die theoretische Basis wird durch die Transaktionskostenökonomik gegeben. Die vierte Ebene betrifft schließlich die Ressourcenallokation. Die theoretische Basis wird durch die Prinzipal-Agent-Theorie gegeben.

Risiken und Chancen durch Institutionen

Totale Institutionen wie Gefängnisse, Psychiatrische Anstalten, Schiffsbesatzungen, Klöster oder Internate kontrollieren alle Lebensäußerungen ihrer Mitglieder, können also den Freiraum des Individuums überaus stark einschränken und soziale Entwicklungen verhindern. Sie weisen folgende Merkmale auf (nach Goffman): #Totale Institutionen sind allumfassend. Das Leben aller Mitglieder findet nur an dieser einzigen Stelle statt und sie sind einer einzigen zentralen Autorität unterworfen. #Die Mitglieder der Institution führen ihre alltägliche Arbeit in unmittelbarer (formeller) Gesellschaft und [informaler] Gemeinschaft ihrer Schicksalsgefährten aus. #Alle Tätigkeiten und sonstigen Lebensäußerungen sind exakt geplant und ihre Abfolge wird durch explizite Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben. #Die verschiedenen Tätigkeiten und Lebensäußerungen sind in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen. Auf der anderen Seite bergen Prozesse der Deinstitutionalisierung, z. B. in gesellschaftlichen Wandlungsphasen, Risiken des Rückfalls in riskantes, rücksichtsloses und nur auf Durchsetzung der Eigenwünsche bedachtes Verhalten. Siehe auch: Institutionsvertrauen

Wirkungsmechanismus

Institutionen entfalten ihre Wirkung über Anreize, hierbei insbesondere inhaltliche Vorgaben und Sanktionen. Auf diese Weise lassen sich Erwartungen, Entscheidungen und Handlungen der Individuen beeinflussen. Letztlich hat dies Einfluss auf kollektive, also etwa gesamtwirtschaftliche, Ergebnisse.

Literatur


- Hartmut Esser, Soziologie. Spezielle Grundlagen'#. Band 5: Institutionen. Frankfurt a. M./New York: Campus 2000
- Arnold Gehlen,
Der Mensch, Wiesbaden: UTB 1995
- Arnold Gehlen,
Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung, Gesamtausgabe Bd. 4, Frankfurt a. M. 1983
- Erving Goffman,
Asyle, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972 (zu Totalen Institutionen)
- Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie. Opladen: Leske + Budrich, 4.Auflage 1995
- o.V.: Brockhaus Enzyklopädie Bd. 10, 1989, S. 544

Siehe auch

Ritual, Organisation, Sitte, Brauch Kategorie:Soziologie Kategorie:Körperschaft Kategorie:Volkswirtschaftslehre ja:制度 ko:기관 (조직)


Naturvolk

Mit dem nicht ganz scharfen Begriff Naturvolk werden Völker bezeichnet, die isoliert von der industrialisierten Zivilisation den unveränderten Naturraum bewohnen und diesen weitgehend frei von Technologie nutzen. Sie kennen keine Städte, und ihre Gesellschaft ist nur gering hierarchisch. Spezialisierung in verschiedene Berufsgruppen ist ebenfalls kaum vorhanden. Das Individuum bei Naturvölkern sieht sich als Glied in der Kette der Generationen. Individuelles Denken und Handeln ist damit nur sehr begrenzt entwickelt, was allerdings unter dieser Vorstellung keineswegs als Einschränkung der Freiheit angesehen wird. Dagegen spielt die soziale und vor allem die verwandtschaftliche Bindung eine große Bedeutung, sehr viel mehr als unter den "Zivilisierten". Auch der Eigentumsbegriff an materiellem Eigentum oder gar Land ist in dieser Vorstellungswelt nicht vorhanden und auch gar nicht definierbar. Die wildbeutenden Waldvaganten, wie Jäger und Sammler (Vaganten werden häufig irreführenderweise als Nomaden bezeichnet), stellen die wohl reinste Form der Naturvölker dar. Ackerbauern, selbst auf primitiven Niveau, sind eigentlich keine Naturvölker, weil sie Kulturpflanzen anbauen und den Naturraum verändern. Bei manchen Naturvölkern, wie den Einwohnern Papua-Neuguineas oder Borneos, ist der Ackerbau allerdings im Vergleich zum Jagen und Sammeln von so untergeordneter Bedeutung, dass man sie im weiteren Sinne als Naturvölker werten kann. Deswegen wird diese Art der Wirtschaft zum Bodenbau gezählt. Zumeist handelt es sich bei Naturvölkern um relativ kleine Volksgruppen in abgelegenen Regionen der Welt, z. B. in den Savannen Afrikas oder im Regenwald Südamerikas. Viele Naturvölker sind durch das Vordringen der "Zivilisation" in ihrer eigenen Kultur oder gar in ihrer Existenz bedroht. Bewahrungshilfe leistet u. a. die Organisation [http://www.naturvoelker.org Freunde der Naturvölker e.V.]. In der etablierten Ethnologie ist das Wort "Naturvölker" umstritten. Ebenfalls negativ belegt ist im üblichen Sprachgebrauch das Wort "Primitivvölker". Dieses Wort ist synonym für das Wort Naturvölker, wie es auch die Übersetzungen ins Englische ("primitive peoples") und Französische ("peoples primitives") zeigen. Der Begriff "Naturvolk" beruhte ursprünglich auf der Deutung der Begriffe Natur und Kultur als Gegensatzpaar. Natur definierte sich danach als Abwesenheit von Kultur/von menschlichen Eingriffen, während Kultur als Überwindung der Natur verstanden wurde. Heute werden die beiden Begriffspaare an die Nutzung von Technologie gekoppelt, d.h. ob die angewandte Technologie Natur- schonend (primitiv) oder –ausbeutend (technisiert) ist und nicht auf kulturelle und soziale Leistungen.

Problematik des "Naturvolk"-Begriffs

Der Begriff "Naturvolk" beruhte ursprünglich auf der Deutung der Begriffe Natur und Kultur als Gegensatzpaar. Natur definierte sich danach als Abwesenheit von Kultur/von menschlichen Eingriffen, während Kultur als Überwindung der Natur verstanden wurde. Nach diesem Schema haben abendländische Philosophen seit der Antike fremde Völker als Gegenbild zur eigenen Zivilisation/Kultur aufgebaut. Dabei wurden die - oft imaginären - Anderen, je nach Bedürfnis und Fragestellung entweder als Edle Wilde der eigenen Verderbtheit und Dekadenz gegenübergestellt oder repräsentierten als Barbaren die Schrecken der Unzivilisiertheit. Naturvolk steht in dieser Tradition, wobei es an die positiv vorgestellten Edlen Wilden anknüpft. Naturvolk ist ein Antonym zu Kulturvolk, ein Begriff, mit dem v.a. deutsche Denker die eigene Nation gerne bedachten und das die eigene moralisch-kulturelle Überlegenheit gegenüber den "kulturlosen" anderen (Osteuropäer, Afrikaner, Asiaten etc.) postuliert. Naturvolk wiederum ist zwar positiv bewertet, beruht aber auf denselben rassistischen Grundannahmen. Der Begriff, wie oben definiert, erkennt den als "Naturvölker" Kategorisierten die Existenz kultureller Leistungen ab. Je mehr Kultur, desto weniger Natur ist seine Grundannahme. Dies ist jedoch nicht haltbar. Auch egalitäre, wenig technisierte und schwach arbeitsteilige indigene Völker haben kulturelle Leistungen hervorgebracht - Dichtkunst, Mythologie, soziale Institutionen, Rechtssysteme, Wissen über die Biodiversität und deren Nutzung, medizinisches Wissen etc., da dies eine grundlegende Erscheinung menschlicher Gesellschaft und Produktion ist. Gleichzeitig sind auch Angehörige selbsternannter Kulturvölker durch die eigene Körperlichkeit den Bedingungen der Natur unterworfen. Außer im Skandinavischen (siehe :sv:Naturfolk) kennt der Begriff international keine Entsprechung, scheint also ein Produkt der deutschen Nationalromantik zu sein. Siehe auch: Indigene Völker - aber weder sind diese notwendigerweise Naturvölker, noch umgekehrt. Kategorie:Ethnologie

Anarchismus

Der Anarchismus ist eine Weltanschauung, die annimmt, dass die Herrschaft von Menschen über Menschen (Chefs, Führer, Autoritäten, staatliche Herrschaft, jede Form von Hierarchie) nicht gerechtfertigt, unnötig, repressiv und gewaltsam ist, eine Unterdrückung darstellt, und somit aufgehoben werden muss. Im Mittelpunkt stehen Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbstverwaltung der Individuen, die Ausübung von Zwang wird zurückgewiesen. Der Begriff der Anarchie (griechisch αναρχία - Führerlosigkeit) bezeichnet die Idee einer herrschaftsfreien und gewaltlosen Gesellschaft, in der Menschen ohne politischen Zwang (Macht) und Herrschaft gleichberechtigt und ohne Standesunterschiede miteinander leben und sich so frei entfalten können. Ein Mensch, der nach diesen Idealen lebt oder einer, der eine herrschaftsfreie Gesellschaft anstrebt, wird als Anarchist bezeichnet. Die daraus resultierenden politischen Denkansätze, die die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des Staates und des staatlichen Gewaltmonopols bestreiten, bezeichnet man als Anarchistische Theorien. Bisweilen wird das Adjektiv libertär synonym für "anarchistisch" verwendet. Diese Terminologie ist jedoch unpräzise.

Definitionsgeschichte

Ursprünglich bedeutet 'anarchia' einfach die Negation von militärischer Ordnung durch Führertum. Homer und Herodot (490 bis etwa 420/425 v. u. Z.) verwendeten den Begriff zur Beschreibung eines Zustandes "ohne Anführer" oder "ohne Heerführer", und Euripides (480 bis 407 v. u. Z.) bezeichnet mit 'anarchia' "führerlose Seeleute". Aristoteles (384 bis 322 v. u. Z.) definierte die Anarchie als einen "Zustand der Sklaven ohne Herren". Die Bedeutung von "politischer Herrschaftslosigkeit" erlangte der Anarchiebegriff offensichtlich erstmals bei Xenophon (um 580 bis 480 v. u. Z.), für den die anarchia das Jahr war, in dem es keinen archon (Herrscher) gab. Bei den Stoikern, Hedonisten und Kynikern finden sich Ideen, die ein 'herrschaftsfreies Gemeinwesen' befürworten, auch wenn sie selber noch nicht von Anarchie reden. Besonders radikal wurden diese libertären Anschauungen von Zenon von Kition (336 bis 364 v. u. Z.), dem Begründer der Stoischen Schule, vertreten. Gegenüber den autoritären theokratischen Ideen Platons nahm Zenon vom Individuum ausgehend eine – aus heutiger Sicht – durchaus als libertär zu verstehende Gegenposition ein. Auch Aristippos (um 435 bis 366 v. u. Z.), der Sokrates-Schüler und Begründer des Hedonismus, scheint ein herrschaftsfreies Gemeinwesen befürwortet zu haben. Er dachte dabei, wohl ebenso wie Zenon, eher an eine "Anarchie" der Weisen. 1796 bezeichnete der Kulturphilosoph und Schriftsteller der Romantik, Friedrich von Schlegel (1772 bis 1829), in seinem "Versuch über den Republikanismus" die Anarchie als "absolute Freiheit", d. h. als ein im Gegensatz zur Despotie verstandenes Ideal, das "durch Annäherung erreicht werden kann". Drei Jahre zuvor hatte Johann Gottlieb Fichte (1762 bis 1814) in seinem "Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution", ohne den Ausdruck Anarchie explizit zu gebrauchen, die libertäre These vertreten, dass der Staat die Aufgabe habe, sich selbst überflüssig zu machen, und ausdrücklich betont, dass die Menschheit sich diesem Ziel der Staatenlosigkeit immer mehr nähert. 1808 charakterisiert Johann Wolfgang von Goethe die Anarchie als notwendiges Ferment des kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritts: "Ob wir gleich, was Wissenschaft und Kunst betrifft, in der seltsamen Anarchie leben, die uns von jedem erwünschten Zweck immer mehr zu entfernen scheint, so ist es doch eben diese Anarchie, die uns nach und nach aus der Weite ins Enge, aus der Zerstreuung zur Vereinigung treiben muß." Und 1821 dichtet er in den "Zahmen Xenien": "Warum mir aber in neuester Welt / Anarchie gar so gut gefällt ? – / Ein jeder lebt nach seinem Sinn, / Das ist nun also auch mein Gewinn. / Ich lass einem jeden sein Bestreben, / Um auch nach meinem Sinne zu leben." Ludwig Börne (1786 bis 1837), neben Heinrich Heine einer der geistigen Gründerväter der literarischen Erneuerungsbewegung des "Jungen Deutschland", war vermutlich der erste, der sich in Deutschland auch in einem politischen Sinn offen für die Anarchie aussprach. In seiner Kritik eines 1825 in Paris veröffentlichten Buches, den "nouvelles lettres provinciales", befürwortet er sie folgendermaßen: :"Nicht darauf kommt es an, daß die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muß vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen. Die Herrschaft kann nur beschränkt werden, wenn sie herrenlos – Freiheit geht nur aus Anarchie hervor. Von dieser Notwendigkeit der Revolution dürfen wir das Gesicht nicht abwenden, weil sie so traurig ist. Wir müssen als Männer der Gefahr fest ins Auge blicken und dürfen nicht zittern vor dem Messer des Wundarztes. Freiheit geht nur aus Anarchie hervor – das ist unsere Meinung, so haben wir die Lehren der Geschichte verstanden." Liberale Vorstellungen lassen sich auch bei Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) finden, wie zum Beispiel in seiner Schrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", welches er nach eigenem Zeugnis mit der Intention verfasste, "der Sucht zu regieren entgegenzuarbeiten". In der Schrift "Die Philosophie der Tat", die 1843 als Artikelserie in der von Georg Herwegh herausgegebenen Zeitschrift Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz erschien, definierte Moses Hess (1812 bis 1875) Atheismus und Kommunismus als analoge Erscheinungsformen der Anarchie: :"Die Anarchie, auf welche sich die beiden Erscheinungsformen, Atheismus und Kommunismus zurückführen lassen, die Negation aller Herrschaft, im geistigen wie im sozialen Leben, erscheint zunächst als schlechthinige Vernichtung aller Bestimmung, mithin aller Wirklichkeit. Aber es ist in der Tat nur das äußerliche Bestimmtwerden, die Herrschaft des einen über den anderen, was die Anarchie aufhebt. Die Selbstbestimmung wird hier so wenig negiert, daß vielmehr deren Negation (die durch 'das Bestimmtwerden von außen' gesetzt (wird)) wieder aufgehoben wird. Die durch den Geist geschaffene Anarchie ist nur eine Negation der Beschränktheit, nicht der Freiheit. Nicht Schranken, welche der Geist sich selbst setzt, bilden den Inhalt seiner freien Tätigkeit – also dieses Sichsetzen, Sichbestimmen oder Sichbeschränken ist es nicht, was vom freien Geist negiert werden kann, sondern das Beschränktwerden von außen." Unüberhörbar ist auch das individualanarchistische Credo in den von Moses Hess zu dieser Zeit veröffentlichten Schriften. Noch vor Max Stirner propagierte er die Autonomie des Individuums: :"Der Wert der Anarchie besteht darin, daß das Individuum wieder auf sich selbst angewiesen wird, von sich ausgehen muß ... Wenn ich an eine Macht außer oder über meinem Ich glaube, so bin ich von Außen beschränkt ... Ebenso kann ich im sozialen Leben mich selber bestimmen, in dieser oder jener bestimmten Weise tätig sein, ohne eine äußere Schranke meiner Tätigkeit anzuerkennen – ohne einem Anderen das Recht einzuräumen, mich zu beschränken." Umgangssprachlich und von seinen politischen Gegnern wird der Begriff Anarchie jedoch oft mit Unordnung, Zerstörung und Chaos gleichgesetzt. Als politisch diffamierendes Schlagwort gegen andere ist der vom Begriff Anarchie abgeleitete Ausdruck Anarchist erst seit der französischen Revolution bekannt. Allem Anschein nach war es der Girondist Jacques Pierre Brissot, der den Begriff 'Anarchist' in einer Wahlrede vom 23. Mai 1793 als erster zur Diskreditierung des politischen Gegners benutzte. In den 1970er Jahren wurden die deutsche Rote Armee Fraktion (RAF) und andere als terroristisch geltende Gruppierungen wegen ihrer extremen Militanz, mit der sie bis zur tödlichen Konsequenz für andere und sich selbst gegen Symbolfiguren der herrschenden Staatsgewalt aus Politik, Wirtschaft und Justiz vorging, fälschlich als anarchistisch bezeichnet und angesehen; dabei waren sie nachweislich revolutionär-sozialistisch und nicht anarchistisch ausgerichtet. Vor allem die Berichterstattung über die RAF in den meisten öffentlichen Medien führte zu einer "negativen Besetzung" der Begriffe Anarchie und Anarchismus in der Bundesrepublik Deutschland.

Anarchie als Ideal

Eine Denkrichtung sieht die Anarchie lediglich als eine Idealvorstellung, der man sich nur annähern kann. Aus der Betrachtung, dass Anarchie das Ideal sein würde, wäre ein aufkommender Staat nichts anderes als eine kriminelle Organisation, die anarchistische Menschen unterjocht und deren Eigentum entwendet. Insofern unterscheidet sich ein Staat nicht von einer Mafia oder anderen Kriminellen, welche es auch in einer Anarchie geben würde. Der Unterschied ist nur, was man dabei unter einem "Staat" versteht. Die übliche Vorstellung von Staat ist, dass es sich um eine legitime Einrichtung handle. Dies ist aber aus der Sicht von Anarchisten eben nicht der Fall. Die historische Definition von Franz Oppenheimer in "Der Staat" ist dazu: "die Organisation legitimierter Plünderei". Wenn man also einen Staat gedanklich gar nicht anerkennt - und das tun Anarchisten ja auch nicht, dann lebten wir bereits in "Anarchie" - nur, dass sich diese Vorstellung wiederum aus der reinen Definition von Herrschaftlosigkeit verbieten würde.

Anarchie als Lebenshaltung

Zunächst war die anarchistische Idee ein Gedankenmodell für das gesellschaftliche Leben ohne politische Ausrichtung. Aufgrund der - seit Jahrtausenden in vielen Kulturen bestehenden - auf Autorität beruhenden Organisation des Zusammenlebens war jedoch ein revolutionäres, politisches Element im Anarchismus schon immer latent vertreten. Der Anarchismus ist dennoch eher als philosophische denn als politische Strömung zu sehen, und viele Anarchisten lehnen auch heute noch eine Beteiligung am politischen System oder anderen konkreten Aktionen kategorisch ab. Sie sind der Meinung, der Zustand der Herrschaftslosigkeit könne den Menschen nicht aufgezwungen werden, da dies ein klassisches Paradoxon sei. Vielmehr müsse sich die Gesellschaft von innen heraus einem Zustand der Anarchie immer weiter nähern. Das ist auch der Grund, warum Anarchisten im Laufe der Geschichte immer wieder an Revolutionen beteiligt waren: sie wollten die Gesellschaft verbessern, um so ihrem Ziel näher zu kommen. Es war jedoch nicht ihre Absicht, den Zustand der Anarchie zu erzwingen. Praktisch war der bewaffnete revolutionäre Kampf oftmals Mittel der Selbsterhaltung. Siehe auch: Anarchopazifismus

Aktionsformen

Der Anarchismus hat stets versucht direkt politisch zu handeln. Aus diesem Ansatz leiten sich verschiedene Aktionsformen ab, wie z.B. der in der Regel gewaltlose, auch von bürgerlichen Protestbewegungen angewandte zivile Ungehorsam oder die auch militante Aktionen beinhaltende Direkte Aktion.

Historische Richtungen des 20. Jahrhunderts

Im zwanzigsten Jahrhundert bildeten sich aber auch politische Strömungen heraus, deren Selbstverständnis es ist, Anarchisten zu sein, obwohl man sie mit dem klassischen Anarchismus nur noch schwer in Verbindung bringen kann. Hier gibt es nun im Wesentlichen zwei Richtungen: Der so genannte Anarchokapitalismus spricht sich bewusst gegen den Staat aus, da die Teilnahme am Staat erzwungen ist. Der "Links"-Anarchismus hatte dagegen nicht nur den Zwang des Staates im Auge, sondern auch strukturelle Ziele, die für sich genommen gegebenenfalls auch herrschaftliche Instrumente verlangten, um sie überhaupt durchsetzen zu können. Der "linke", kommunistische Anarchismus strebt dagegen eine Gesellschaft an, dessen politische Entscheidungen von der Basis ausgehen. Dazu wird Selbstorganisation von den Vertretern dieses Anarchismus als Mittel angesehen. Das Leben solle auf kleinstmöglicher politischer Ebene geregelt werden. Als wichtigste politische Einheit gelten demnach Stadtteilorganisationen, in denen lokale Angelegenheiten gemeinsam zu entscheiden sind. Demnach solle der Mensch die ihn betreffenden Entscheidungen selbst gemeinsam mit anderen fällen dürfen, weshalb sich diese Anarchisten auch immer gegen den Staat wenden, da er gewaltgesetzt ist und in der bürgerlichen Demokratie die Politik immer nur von einer kleinen Machtgruppe (Politiker/Konzern/Parteien), d. h. oligarchisch entschieden werde. Zu einer gerechten Gesellschaft gehöre eine gerechte Wirtschaft, weshalb Anarchisten autoritäre Wirtschaftsordnungen, wie die von einigen Marxisten gefordert, ablehnen, und eine selbstorganisierte Wirtschaft anstreben. Wenn jedoch ein selbstorganisierter reicher Bereich des Gemeinwesens mit einem selbstorganisierten armen Bereich die Lasten angemessen zu teilen nicht bereit ist, ist dies nach linkem Verständnis aber erst recht ungerecht. Dies ist das Problem, wenn Teile des gesellschaftlichen Besitzes einer Minderheit gehören.

Richtungen

Grundformen


- Mutualismus – soziale Symbiose in einem herrschaftsfreien System (siehe auch: Proudhon und Proudhonismus)
- Kollektivistischer Anarchismus – begründet von Michail Bakunin, demzufolge die revolutionäre Arbeiterklasse den entscheidenden Faktor als Triebkraft für die anarchistische Revolution ausmacht.
- Anarchokommunismus, ursprünglich eigentlich die Theorie des Anarchistischen Kommunismus - begründet von Kropotkin
- Individualistischer Anarchismus - in wesentlichen Teilen im Widerspruch zu den vorgenannten (Diskussion Individualismus/„Egoismus“ versus Kollektivismus/„Altruismus“) – Das Individuum und seine Interessen als einzig ausschlaggebender Faktor der Gesellschaft. vor allem: Benjamin Tucker. Individualistische Anarchisten sehen sich häufig in der Tradition Max Stirners.

Anarchistische Richtungen mit Grundlagen im 19. Jahrhundert (einschließlich der Mischformen)


- Anarchistischer Föderalismus - begründet von Pierre Joseph Proudhon, baut er auf die Vernetzung kommunaler Strukturen
- AnarchosyndikalismusGewerkschaften als Basis (vgl. unter anderem auch Confederación Nacional del Trabajo (CNT), die mit fast 2 Millionen Mitgliedern bislang größte anarchosyndkalistische Gewerkschaft im Spanien der 1930er Jahre)
- Primitivismus - Rückkehr zu überwundenen Formen des Wirtschaftens (vorindustriell)
- Anarchopazifismus - Gewaltfreie Umsetzung

Andere, neuere oder in der Definition teilweise umstrittene Formen des Anarchismus


- Libertarismus - Freiheit des Individuums steht im Vordergrund (Mischform zwischen individualistischem Anarchismus und kapitalistischem Liberalismus)
- Anarchokapitalismus - Kapitalistisch orientierter Anarchismus - Eigentum als zentrale Idee, der Staat wird abgelehnt.
- Anarchafeminismus - Angesichts einer Vorherrschaft der Männer, die zu bekämpfen sei, wird der Anarchismus als Möglichkeit der Emanzipation gesehen
- Postanarchismus
- Situationismus - die französische Variante von 1968 (Studentenbewegung, Mai-Unruhen), Forderungen u.a. Abschaffung der Ware, der Arbeit, der Hierarchien, Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Leben
- Pogo-Anarchismus, siehe APPD (Dieser ist meistens nicht ernsthaft gemeint)

Geschichte

16. Jahrhundert

Zu den Vorläufern des Anarchismus wird Étienne de La Boétie gezählt, der im Alter von 18 Jahren das grundlegende Werk "Von der freiwilligen Knechtschaft" schrieb. La Boétie nahm damit ein Thema vorweg, das im 20. Jahrhundert Antonio Gramsci und Wilhelm Reich wieder aufgriffen. Die Diktaturen stützen sich keineswegs nur auf Repression, häufig können sie sich der Zustimmung der Massen ziemlich sicher sein. Warum?

18. Jahrhundert

Bereits 1793 formuliert William Godwin in seinem Werk Enquiry concerning political justice, dass jedwede obrigkeitliche Gewalt als ein Eingriff in die private Urteilskraft anzusehen ist. Seine Ideen wurden jedoch lange Zeit nicht aufgenommen. Erst Pierre Joseph Proudhon stellt die wesentlichen Elemente des Anarchismus in seinem Werk Qu'est-ce que la propriété? ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement (1840) (Was ist Eigentum? oder Forschungsarbeiten zum Grundsatz des Rechts und der Regierung) zusammen und formuliert: "Eigentum ist Diebstahl."

19. Jahrhundert

Terrorismus - Die "Schwarze Internationale"

Später, im 19. Jahrhundert, waren es Revolutionäre wie Michail Bakunin, die eine Notwendigkeit von politisch motivierter Gewalt zur Verteidigung der Arbeiterklasse gegen Unterdrückung durch die herrschende Klasse darlegten. Klasse Bakunin war schon während der Märzrevolution von 1848/1849 auch an führender Stelle bei regionalen Aufständen beteiligt, beispielsweise im Mai 1849 im Königreich Sachsen am Dresdner Maiaufstand, der die Anerkennung der vom König und weiteren führenden Fürsten des Deutschen Bundes abgelehnten Paulskirchenverfassung und die Durchsetzung einer demokratischen Republik in Sachsen (vgl. Reichsverfassungskampagne) zum Ziel hatte, aber von sächsischem und preußischen Militär niedergeschlagen wurde. Einige der frühen Anarchisten unterstützten politische Gewalt durch Bombenattentate oder die Ermordung von Staatsoberhäuptern wie Zar Alexander II. von Russland (1881). Diese Aktionen, von Peter Kropotkin anlässlich eines internationalen revolutionären Kongresses 1881 in London als Propaganda der Tat bezeichnet, wurden aber von anderen als kontraproduktiv oder ineffektiv angesehen. Schon einige Jahre zuvor hatten symbolträchtige Anschläge auf Kaiser Wilhelm I. und die Könige von Spanien und Italien stattgefunden. Am 24. Juni 1894 aber tötete der junge italienische Einwanderer Sante Jeronimo Caserio, der dem anarchistischen Umfeld zuzurechnen war, den französischen Präsidenten Sadi Carnot. Dies war der Höhepunkt einer ganzen Serie von anarchistisch motivierten terroristischen Anschlägen in Frankreich. Weiterhin zu erwähnen ist der Anarchist Leon Czolgosz, der am 6.September 1901 in Buffalo (New York) auf den Präsidenten William McKinley schoss. McKinley starb acht Tage später. Die Attentate führten dazu, dass die gesamte internationale Gemeinschaft sich bedroht fühlte. Es war nicht allein Frankreich von solchen Attentaten betroffen. Die 1890er-Jahre wurden als ein "Jahrzehnt der Bomben" bezeichnet. Anschläge mit Dynamit - einer ganz neuen Erfindung - in rascher Fol