Home About us Products Services Contact us Bookmark
:: wikimiki.org ::
Animus

Animus

Anima (von lat. anima = Seele) und Animus (von lat. animus = Geist) sind Begriffe aus der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs. Es handelt sich hierbei um zwei der wichtigsten Archetypen, also im kollektiven Unbewussten angelegte, von individueller Erfahrung unabhängige Urbilder, die sich u.a. in religiösen Überlieferungen, Mythen, Träumen etc. niederschlagen.

Anima

Die Anima, für Jung der "Archetyp des Lebens" schlechthin, ist eine Qualität im Unbewussten des Mannes, eine "weibliche Seite" in seinem psychischen Apparat. "Jeder Mann trägt das Bild der Frau von jeher in sich, nicht das Bild dieser bestimmten Frau, sondern einer bestimmten Frau. Dieses Bild ist im Grunde genommen eine unbewusste, von Urzeiten herkommende und dem lebenden System eingegrabene Erbmasse" (Jung). Die Projektion der Anima nach außen, auf eine andere Person, ist es hiernach, die dem Mann die Aufnahme von Beziehungen zum anderen Geschlecht ermöglicht. Soweit Ausprägungen der Anima in Träumen auftreten, tun sie dies oft als Vermittler zwischen dem Unbewussten und dem Ich. Bei Jungen wird die Anima regelmäßig vom Mutterarchetyp überlagert. Die Herauslösung der Anima aus diesem stellt einen zentralen Entwicklungsschritt dar.

Animus

Das Gegenstück zur Anima ist der Animus (von lat. animus = Geist), eine Sammlung von unbewussten maskulinen Attributen und Potentialen im Unbewussten der Frau, auf die die oben genannten Eigenschaften jeweils mit umgekehrtem Vorzeichen zutreffen.

Literatur


- Carl Gustav Jung, Archetypen, München 1990, ISBN 342335125X
- Anthony Stevens, Jung, Freiburg, ISBN 3926642327 Kategorie:Psychoanalyse Kategorie:Tiefenpsychologie

Latein

Als Latein bzw. Lateinisch (lat. lingua Latina: „lateinische Sprache“) bezeichnet man die Sprache, die ursprünglich vom Volksstamm der Latiner gesprochen wurde, der Bewohner von Latium mit Rom als Zentrum. Innerhalb der indogermanischen Sprachen gehört Latein zur Gruppe der italischen Sprachen. Es bildete die Grundlage für alle heutigen romanischen Sprachen.

Entwicklung

romanischen Sprachen Ursprünglich in Rom und dem umliegenden Gebiet (Latium) gesprochen, wurde Latein später an humanistischen Gymnasien unterrichtet. Neben Griechisch war Latein die Amtssprache des römischen Reiches. Wegen der kulturellen Überlegenheit des Ostens verlor es dabei zeitweise in Nordafrika und selbst in Rom seine Vorrangstellung. So war die Liturgiesprache der römischen Christen bis um 300 das Griechische. In dieser Zeit drangen viele griechische Lehnwörter ins Lateinische ein. Während der Spätantike begannen sich verschiedene Volkssprachen, aus denen im Mittelalter die romanischen Sprachen entstehen sollten, phonetisch und grammatikalisch von der lateinischen Hochsprache wegzuentwickeln. Doch noch im 6. Jahrhundert entstanden hochsprachliche lateinische Werke. Im Oströmischen Reich war Latein bis ins frühe 7. Jahrhundert neben Griechisch eine der beiden Amtssprachen. Im Westen übernahmen die Germanen mit den Grundelementen der spätrömischen Verwaltung auch die lateinische Sprache, die in der Administration bis in die frühe Neuzeit vorherrschend blieb. Seit der Völkerwanderung und der Christianisierung der (zunächst zumeist arianischen) Germanenvölker wurde Latein im Westen des früheren Römischen Reiches und in den römisch-katholischen Folgestaaten die Sprache des Klerus (Kirchenlatein), der Rechtswissenschaft (Glossatoren) und der sich bildenden Hochschulen (studia generalia). Es bildete somit die Schriftsprache, vor allem für das kirchliche und weltliche Urkundenwesen (Diplomatik) im frühen Europa. In völkerrechtlichen Verträgen (z. B. im Westfälischen Frieden von 1648) dominierte Latein bis in das 17. Jahrhundert hinein. Es bildet noch bis ins 20. Jahrhundert den Affixvorrat für die Fachterminologie in den Wissenschaften und verliert durch die fortschreitende Absorption in die englische und andere Sprachen lediglich an direkter, nicht jedoch an indirekter Bedeutung. Es wird noch an vielen Schulen unterrichtet.

Antike

Antike Schreibweise

Die lateinische Sprache wurde ursprünglich als scriptio continua, d. h. als zusammenhängender Fluss von Zeichen ohne Zwischenräume geschrieben. Auch Satzzeichen und Kleinbuchstaben wurden in der Antike nicht verwendet. Auf Wachstafeln war nämlich wenig Platz zum Schreiben, und Papyrus war teuer. Die antiken lateinischen Texte sind für uns heute daher schwer zu lesen. Vergleiche folgendes Beispiel: Alte Schreibweise: AVREAPRIMASATAESTAETASQVAEVINDICENVLLO SPONTESVASINELEGEFIDEMRECTVMQVECOLEBAT POENAMETVSQVEABERANTNECVERBAMINANTIAFIXO AERELEGEBANTVRNECSVPPLEXTVRBATIMEBAT IVDICISORASVISEDERANTSINEVINDICETVTI NONDVMCAESASVISPEREGRINVMVTVISERETORBEM MONTIBVSINLIQVIDASPINVSDESCENDERATVNDAS NVLLAQVEMORTALESPRAETERSVALITORANORANT NONDVMPRAECIPITESCINGEBANTOPPIDAFOSSAE NONTVBADIRECTINONAERISCORNVAFLEXI NONGALEAENONENSISERANTSINEMILITISVSV MOLLIASECVRAEPERAGEBANTOTIAGENTES Heutige Schreibweise: Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo, sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat. poena metusque aberant nec verba minantia fixo aere legebantur, nec supplex turba timebat iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti. nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem, montibus in liquidas pinus descenderat undas, nullaque mortales praeter sua litora norant. nondum praecipites cingebant oppida fossae, non tuba directi, non aeris cornua flexi, non galeae, non ensis erant: sine militis usu mollia securae peragebant otia gentes. Auszug aus Ovids Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter) Details zu den verwendeten Buchstaben finden sich in dem Artikel Lateinisches Alphabet. Siehe zu diesem Thema auch: Paläografie (dort Lateinische Paläografie), Capitalis, Versalschrift und Majuskel.

Antike Aussprache

Auf die antike Aussprache der lateinischen Sprache wird im Artikel Lateinische Aussprache eingegangen.

Literatur

Mit Antiker Literatur des Lateinischen beschäftigt sich u. a. der Artikel Lateinische Literatur.

Gegenwart

Auch heute ist Latein noch an vielen Gymnasien aller Fachrichtungen zu finden. Etwa ein Drittel aller Gymnasiasten im deutschen Sprachraum lernt Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. An humanistischen Gymnasien wird dem Lateinischen, neben dem Griechischen, noch eine herausgehobene Bedeutung zugemessen, was früher auf eine aktive Beherrschung des Lateinischen zielte. Tatsächlich werden auch heute noch für zahlreiche Studiengänge das Latinum oder Lateinkenntnisse gefordert, insbesondere in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fächern. Das Latinum ist als Studienvoraussetzung für die Fächer Medizin und Jura weitestgehend abgeschafft, häufig aber nicht in Fächern wie Anglistik, Philosophie oder sogar Musikwissenschaften. Unabhängig von den Studienanforderungen wird von Befürwortern des Lateins betont, dass das Erlernen der lateinischen Sprache weiterhin Basis für die korrekte Verwendung von Fremdwörtern sei, das Erlernen anderer romanischer Sprachen wesentlich erleichtere und erhebliche Transfer-Effekte für die Denkschulung aufträten. Das Übersetzen lateinischer Texte fördere auf Grund der erheblichen Komplexität vieler lateinischer Sätze auch das logische Denken. Von den Gegnern ist hingegen zu hören, dass die Auseinandersetzung mit jeder Art von Grammatik, egal welcher Sprache, das strukturierte Denken fördere, und dass das Erlernen moderner romanischer Sprachen, welche im Gegensatz zu Latein noch gebraucht werden, mindestens ebenso gut dazu geeignet sei, die zahlreichen lateinischen Lehnwörter im Deutschen korrekt zu verwenden und andere romanische Sprachen zu erlernen. In der Tat sind viele gesamtromanische, also in allen romanischen Sprachen auftretende Wörter nicht im klassischen Latein vorhanden und müssen dann neu gelernt werden: guerra „Krieg“, testa „Kopf“, cavallo „Pferd“, mangiare/manger „essen“, andare
-
„gehen“ , boc(c)a/bouche „Mund“, blanco/blanc „weiß“, die Himmelsrichtungen etc. Viele dieser Wörter erklären sich nämlich aus dem umgangssprachlichen oder dem späten Latein oder stammen aus der Soldatensprache, also aus Varietäten, die nicht in der Schule gelehrt werden. Aus deutschen und US-amerikanischen Untersuchungen geht hervor, dass zwischen absolviertem Lateinunterricht und der Beherrschung der englischen Sprache in Schrift und vor allem Wort eine signifikante Korrelation besteht. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht nachgewiesen worden – möglicherweise macht eine hohe sprachliche Begabung eines Kindes die Wahl des als schwierig geltenden Latein wahrscheinlicher. Da auch im modernen Lateinunterricht die Sprachproduktion eindeutig der Rezeption (Leseverstehen) untergeordnet ist, glauben viele, Latein falle Menschen mit ausgeprägter Begabung für Mathematik und formelle Denkvorgänge generell leichter als andere Fremdsprachen, wohingegen Menschen mit ausgeprägter Begabung für intuitives Erlernen von Sprachen andere Fremdsprachen leichter fänden. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nicht häufig verifizieren: Die Erfahrung zeigt, dass die Schülerleistungen in Latein überwiegend Hand in Hand mit denen in der Muttersprache und anderen Fremdsprachen gehen.

Modernes Latein

Auch heute werden deutsch-lateinische Lexika aufgrund neulateinischen Wortgutes herausgegeben, z. B. das „lexicon auxiliare“ oder das vom Vatikan herausgegebene „lexicon recentis latinitatis“, welches erst im Jahre 2004 eine Neubearbeitung erfuhr. Der finnische Rundfunksender YLE (Yleisradio) verbreitet Wochennachrichten in neulateinischer Sprache. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig die Nuntii Latini in schriftlicher und gesprochener Version. Seit April 2004 veröffentlicht auch die deutschsprachige Redaktion bei Radio Vatikan Nachrichten auf Lateinisch. Dabei handelt es sich um ursprünglich deutsche Meldungen. Gero P. Weishaupt übersetzt sie für die Redaktion ins Lateinische. Sehr beliebt ist auch die lateinische Fassung der Asterix-Comics, die der deutsche Altphilologe Graf v. Rothenburg (Rubricastellanus) verfasst hat. Der Autor Nikolaus Groß, beruflich seit zehn Jahren Deutsch-Lektor in der südkoreanischen Hauptstadt, hat 2004 eine komplett latinisierte Übertragung von Patrick Süskinds Das Parfum im Brüsseler Verlag der Fundatio Melissa, einem überregionalen Verein zur Pflege des gesprochenen Lateins, veröffentlicht. Dem Buch ist mit dem „Glossarium Fragrantiae“ eine größere Liste aktualisierter Neuschöpfungen beigegeben. Vom selben Wortartisten existiert des weiteren ein Buch über den Baron Mynchusanus (Münchhausen). 2003 erschien bereits der erste Teil der Harry Potter-Bücher von J. K. Rowling auf Latein (Harrius Potter et Philosophi Lapis). Daneben gibt es noch viele weitere Übersetzungen „klassischer“ Werke ins Lateinische, so zum Beispiel Karl Mays Winnetou III, oder Der kleine Prinz (Regulus) von St. Exupéry. Durch das Internet ist die Verfügbarkeit alter lateinischer Texte sowie das Entstehen neuer lateinischer Texte erheblich begünstigt worden. Inzwischen gibt es sogar lateinische Fassungen von Popsongs. Daneben entstehen auch neue Popsongs in lateinischer Sprache, etwa Cursum Perficio, gesungen von Enya, Liberatio, eines von vielen lateinischen Musikstücken der Gruppe „Krypteria“, oder bei Gruppen der Dark Wave bzw. Gothic (Jugendkultur). Roma Ryan hat neben Cursum Perficio für Enya noch weitere Songs in lateinischer Sprache verfasst. In Internetforen wie Grex Latine Loquentium kommunizieren Teilnehmer aus vielen Ländern ausschließlich in Latein. In der klassischen beziehungsweise neoklassischen Musik findet Latein ebenfalls Verwendung. So hat etwa der niederländische Komponist Nicholas Lens auf seinem Werk Flamma Flamma ein lateinisches Libretto vertont, für sein Werk Terra Terra hat Lens selbst ein Libretto in lateinischer Sprache verfasst. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Vertonungen lateinischer Gedichte wie z. B. von Jan Novák. Carl Orff unterlegte mehreren seiner Vokal-Kompositionen Texte in Latein oder Griechisch. Igor Strawinski ließ das nach Sophokles von Jean Cocteau in französischen Versen verfasste Libretto zu Ödipus Rex“ von Jean Daniélou ins Lateinische übersetzen. Das Lehrbuch Lingua Latina per se illustrata des dänischen Autors Hans H. Ørberg hat die bisher hauptsächlich für den Unterricht in modernen Sprachen eingesetzte einsprachige Lehrmethode auf den altsprachlichen Unterricht übertragen. Das Lehrbuch erfreut sich in verschiedenen Ländern einer steigenden Beliebtheit.

Latein in den Wissenschaften

In der Biologie erfolgt die Namensbildung der wissenschaftlichen Namen lateinisch und griechisch, wobei neuere Vorschläge vorsehen, die Regeln nur aus der lateinischen Sprache zu entnehmen. In der Medizin sind die anatomischen Fachbegriffe lateinisch, für die einzelnen Organe wird zusätzlich auch latinisiertes Griechisch verwendet. Die Krankheitsbezeichnungen leiten sich aus dem Griechischen ab. Zahlreiche Sprichwörter haben einen lateinischen Ursprung und sind teilweise auch in der deutschen Übersetzung zu geflügelten Worten geworden. In den Rechtswissenschaften existieren verschiedene lateinische Lehrsätze und Fachbegriffe (Latein im Recht). Auch in der Geschichtswissenschaft spielt vor allem Latein weiterhin eine große Rolle. In der Meteorologie werden lateinische Begriffe in der Wolkenklassifikation eingesetzt.

Latein in der katholischen Kirche

Latein ist neben Italienisch die Amtssprache des Vatikanstaats. Die katholische Kirche veröffentlicht alle amtlichen Texte von weltkirchlicher Bedeutung in Latein. Das gilt für die liturgischen Bücher, den Katechismus, den Codex des kanonischen Rechts sowie die päpstlichen Rechtsvorschriften (canones, decretales) und Rundschreiben (Enzykliken). Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war Latein die offizielle Gottesdienstsprache und ist dies (laut Sacrosanctum Concilium) offiziell noch heute, wobei andere Sprachen jedoch gleichfalls erlaubt sind. Tatsächlich werden nur noch sehr wenige Gottesdienste in Latein gehalten. Der gegenwärtig amtierende Papst Benedikt XVI. bevorzugt bei seinen Messen aber das Lateinische vor dem Italienischen. Siehe auch: Lateinische Kirche

Referenzlisten


- Lateinische Präpositionen
- Liste lateinischer Ortsnamen
- Liste lateinischer Präfixe
- Liste lateinischer Redewendungen
- Liste lateinischer Suffixe
- Liste von lateinischen Palindromen
- Lateinische Zahlwörter

Siehe auch


- Grammatik des Lateinischen
- Lateinische Aussprache
- Lateinische Sprichwörter
- Küchenlatein
- Vulgärlatein
- Mittellatein
- Lateinische Literatur
- Sprachen im Römischen Reich
- Jägerlatein
- Panlatinismus

Weblinks


- [http://www.commtec.de/wb/ Wörterbuch Latein-Deutsch-Latein auxilium online (mit Download-Möglichkeit)]
- [http://www.latein-pagina.de/iexplorer/stil.htm Lateinische Stilblüten]
- [http://www.thelatinlibrary.com/ The Latin Library – klassische Texte im Original]
- [http://www.albertmartin.de/latein/ Latein-Deutsch-, Deutsch-Latein-Wörterbuch mit hilfreichen Extras]
- [http://www.radiobremen.de/online/latein/ Nuntii latini bei Radio Bremen]
- [http://www.latein-pagina.de/ Latein-Pagina]
- [http://www.antikeundeuropa.de/Alte_Sprachen_heute/alte_sprachen_heute.html Alte Sprachen heute]
- [http://www.fh-augsburg.de/~harsch/a_chron.html Sammlung lateinischer Texte/bibliotheca Augustana]
- [http://www.music.indiana.edu/tml/ Lateinische Musiktraktate im Original]
- [http://www.lateinservice.de/index.htm Die deutsche Latein-Seite]
- [http://www.alcuinus.net/GLL/ Grex Latine Loquentium (Internetforum in lateinischer Sprache)]
- [http://www.kreienbuehl.ch/lat/ Latein und Altgriechisch Site]
- [http://www.latein24.de/ Übersetzungen vieler klassischer lateinischer Texte bei Latein24.de] Kategorie:Einzelsprache
-
als:Latein ja:ラテン語 ko:라틴어 simple:Latin language th:ภาษาละติน zh-min-nan:Latin-gí

Latein

Als Latein bzw. Lateinisch (lat. lingua Latina: „lateinische Sprache“) bezeichnet man die Sprache, die ursprünglich vom Volksstamm der Latiner gesprochen wurde, der Bewohner von Latium mit Rom als Zentrum. Innerhalb der indogermanischen Sprachen gehört Latein zur Gruppe der italischen Sprachen. Es bildete die Grundlage für alle heutigen romanischen Sprachen.

Entwicklung

romanischen Sprachen Ursprünglich in Rom und dem umliegenden Gebiet (Latium) gesprochen, wurde Latein später an humanistischen Gymnasien unterrichtet. Neben Griechisch war Latein die Amtssprache des römischen Reiches. Wegen der kulturellen Überlegenheit des Ostens verlor es dabei zeitweise in Nordafrika und selbst in Rom seine Vorrangstellung. So war die Liturgiesprache der römischen Christen bis um 300 das Griechische. In dieser Zeit drangen viele griechische Lehnwörter ins Lateinische ein. Während der Spätantike begannen sich verschiedene Volkssprachen, aus denen im Mittelalter die romanischen Sprachen entstehen sollten, phonetisch und grammatikalisch von der lateinischen Hochsprache wegzuentwickeln. Doch noch im 6. Jahrhundert entstanden hochsprachliche lateinische Werke. Im Oströmischen Reich war Latein bis ins frühe 7. Jahrhundert neben Griechisch eine der beiden Amtssprachen. Im Westen übernahmen die Germanen mit den Grundelementen der spätrömischen Verwaltung auch die lateinische Sprache, die in der Administration bis in die frühe Neuzeit vorherrschend blieb. Seit der Völkerwanderung und der Christianisierung der (zunächst zumeist arianischen) Germanenvölker wurde Latein im Westen des früheren Römischen Reiches und in den römisch-katholischen Folgestaaten die Sprache des Klerus (Kirchenlatein), der Rechtswissenschaft (Glossatoren) und der sich bildenden Hochschulen (studia generalia). Es bildete somit die Schriftsprache, vor allem für das kirchliche und weltliche Urkundenwesen (Diplomatik) im frühen Europa. In völkerrechtlichen Verträgen (z. B. im Westfälischen Frieden von 1648) dominierte Latein bis in das 17. Jahrhundert hinein. Es bildet noch bis ins 20. Jahrhundert den Affixvorrat für die Fachterminologie in den Wissenschaften und verliert durch die fortschreitende Absorption in die englische und andere Sprachen lediglich an direkter, nicht jedoch an indirekter Bedeutung. Es wird noch an vielen Schulen unterrichtet.

Antike

Antike Schreibweise

Die lateinische Sprache wurde ursprünglich als scriptio continua, d. h. als zusammenhängender Fluss von Zeichen ohne Zwischenräume geschrieben. Auch Satzzeichen und Kleinbuchstaben wurden in der Antike nicht verwendet. Auf Wachstafeln war nämlich wenig Platz zum Schreiben, und Papyrus war teuer. Die antiken lateinischen Texte sind für uns heute daher schwer zu lesen. Vergleiche folgendes Beispiel: Alte Schreibweise: AVREAPRIMASATAESTAETASQVAEVINDICENVLLO SPONTESVASINELEGEFIDEMRECTVMQVECOLEBAT POENAMETVSQVEABERANTNECVERBAMINANTIAFIXO AERELEGEBANTVRNECSVPPLEXTVRBATIMEBAT IVDICISORASVISEDERANTSINEVINDICETVTI NONDVMCAESASVISPEREGRINVMVTVISERETORBEM MONTIBVSINLIQVIDASPINVSDESCENDERATVNDAS NVLLAQVEMORTALESPRAETERSVALITORANORANT NONDVMPRAECIPITESCINGEBANTOPPIDAFOSSAE NONTVBADIRECTINONAERISCORNVAFLEXI NONGALEAENONENSISERANTSINEMILITISVSV MOLLIASECVRAEPERAGEBANTOTIAGENTES Heutige Schreibweise: Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo, sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat. poena metusque aberant nec verba minantia fixo aere legebantur, nec supplex turba timebat iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti. nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem, montibus in liquidas pinus descenderat undas, nullaque mortales praeter sua litora norant. nondum praecipites cingebant oppida fossae, non tuba directi, non aeris cornua flexi, non galeae, non ensis erant: sine militis usu mollia securae peragebant otia gentes. Auszug aus Ovids Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter) Details zu den verwendeten Buchstaben finden sich in dem Artikel Lateinisches Alphabet. Siehe zu diesem Thema auch: Paläografie (dort Lateinische Paläografie), Capitalis, Versalschrift und Majuskel.

Antike Aussprache

Auf die antike Aussprache der lateinischen Sprache wird im Artikel Lateinische Aussprache eingegangen.

Literatur

Mit Antiker Literatur des Lateinischen beschäftigt sich u. a. der Artikel Lateinische Literatur.

Gegenwart

Auch heute ist Latein noch an vielen Gymnasien aller Fachrichtungen zu finden. Etwa ein Drittel aller Gymnasiasten im deutschen Sprachraum lernt Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. An humanistischen Gymnasien wird dem Lateinischen, neben dem Griechischen, noch eine herausgehobene Bedeutung zugemessen, was früher auf eine aktive Beherrschung des Lateinischen zielte. Tatsächlich werden auch heute noch für zahlreiche Studiengänge das Latinum oder Lateinkenntnisse gefordert, insbesondere in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fächern. Das Latinum ist als Studienvoraussetzung für die Fächer Medizin und Jura weitestgehend abgeschafft, häufig aber nicht in Fächern wie Anglistik, Philosophie oder sogar Musikwissenschaften. Unabhängig von den Studienanforderungen wird von Befürwortern des Lateins betont, dass das Erlernen der lateinischen Sprache weiterhin Basis für die korrekte Verwendung von Fremdwörtern sei, das Erlernen anderer romanischer Sprachen wesentlich erleichtere und erhebliche Transfer-Effekte für die Denkschulung aufträten. Das Übersetzen lateinischer Texte fördere auf Grund der erheblichen Komplexität vieler lateinischer Sätze auch das logische Denken. Von den Gegnern ist hingegen zu hören, dass die Auseinandersetzung mit jeder Art von Grammatik, egal welcher Sprache, das strukturierte Denken fördere, und dass das Erlernen moderner romanischer Sprachen, welche im Gegensatz zu Latein noch gebraucht werden, mindestens ebenso gut dazu geeignet sei, die zahlreichen lateinischen Lehnwörter im Deutschen korrekt zu verwenden und andere romanische Sprachen zu erlernen. In der Tat sind viele gesamtromanische, also in allen romanischen Sprachen auftretende Wörter nicht im klassischen Latein vorhanden und müssen dann neu gelernt werden: guerra „Krieg“, testa „Kopf“, cavallo „Pferd“, mangiare/manger „essen“, andare
-
„gehen“ , boc(c)a/bouche „Mund“, blanco/blanc „weiß“, die Himmelsrichtungen etc. Viele dieser Wörter erklären sich nämlich aus dem umgangssprachlichen oder dem späten Latein oder stammen aus der Soldatensprache, also aus Varietäten, die nicht in der Schule gelehrt werden. Aus deutschen und US-amerikanischen Untersuchungen geht hervor, dass zwischen absolviertem Lateinunterricht und der Beherrschung der englischen Sprache in Schrift und vor allem Wort eine signifikante Korrelation besteht. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht nachgewiesen worden – möglicherweise macht eine hohe sprachliche Begabung eines Kindes die Wahl des als schwierig geltenden Latein wahrscheinlicher. Da auch im modernen Lateinunterricht die Sprachproduktion eindeutig der Rezeption (Leseverstehen) untergeordnet ist, glauben viele, Latein falle Menschen mit ausgeprägter Begabung für Mathematik und formelle Denkvorgänge generell leichter als andere Fremdsprachen, wohingegen Menschen mit ausgeprägter Begabung für intuitives Erlernen von Sprachen andere Fremdsprachen leichter fänden. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nicht häufig verifizieren: Die Erfahrung zeigt, dass die Schülerleistungen in Latein überwiegend Hand in Hand mit denen in der Muttersprache und anderen Fremdsprachen gehen.

Modernes Latein

Auch heute werden deutsch-lateinische Lexika aufgrund neulateinischen Wortgutes herausgegeben, z. B. das „lexicon auxiliare“ oder das vom Vatikan herausgegebene „lexicon recentis latinitatis“, welches erst im Jahre 2004 eine Neubearbeitung erfuhr. Der finnische Rundfunksender YLE (Yleisradio) verbreitet Wochennachrichten in neulateinischer Sprache. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig die Nuntii Latini in schriftlicher und gesprochener Version. Seit April 2004 veröffentlicht auch die deutschsprachige Redaktion bei Radio Vatikan Nachrichten auf Lateinisch. Dabei handelt es sich um ursprünglich deutsche Meldungen. Gero P. Weishaupt übersetzt sie für die Redaktion ins Lateinische. Sehr beliebt ist auch die lateinische Fassung der Asterix-Comics, die der deutsche Altphilologe Graf v. Rothenburg (Rubricastellanus) verfasst hat. Der Autor Nikolaus Groß, beruflich seit zehn Jahren Deutsch-Lektor in der südkoreanischen Hauptstadt, hat 2004 eine komplett latinisierte Übertragung von Patrick Süskinds Das Parfum im Brüsseler Verlag der Fundatio Melissa, einem überregionalen Verein zur Pflege des gesprochenen Lateins, veröffentlicht. Dem Buch ist mit dem „Glossarium Fragrantiae“ eine größere Liste aktualisierter Neuschöpfungen beigegeben. Vom selben Wortartisten existiert des weiteren ein Buch über den Baron Mynchusanus (Münchhausen). 2003 erschien bereits der erste Teil der Harry Potter-Bücher von J. K. Rowling auf Latein (Harrius Potter et Philosophi Lapis). Daneben gibt es noch viele weitere Übersetzungen „klassischer“ Werke ins Lateinische, so zum Beispiel Karl Mays Winnetou III, oder Der kleine Prinz (Regulus) von St. Exupéry. Durch das Internet ist die Verfügbarkeit alter lateinischer Texte sowie das Entstehen neuer lateinischer Texte erheblich begünstigt worden. Inzwischen gibt es sogar lateinische Fassungen von Popsongs. Daneben entstehen auch neue Popsongs in lateinischer Sprache, etwa Cursum Perficio, gesungen von Enya, Liberatio, eines von vielen lateinischen Musikstücken der Gruppe „Krypteria“, oder bei Gruppen der Dark Wave bzw. Gothic (Jugendkultur). Roma Ryan hat neben Cursum Perficio für Enya noch weitere Songs in lateinischer Sprache verfasst. In Internetforen wie Grex Latine Loquentium kommunizieren Teilnehmer aus vielen Ländern ausschließlich in Latein. In der klassischen beziehungsweise neoklassischen Musik findet Latein ebenfalls Verwendung. So hat etwa der niederländische Komponist Nicholas Lens auf seinem Werk Flamma Flamma ein lateinisches Libretto vertont, für sein Werk Terra Terra hat Lens selbst ein Libretto in lateinischer Sprache verfasst. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Vertonungen lateinischer Gedichte wie z. B. von Jan Novák. Carl Orff unterlegte mehreren seiner Vokal-Kompositionen Texte in Latein oder Griechisch. Igor Strawinski ließ das nach Sophokles von Jean Cocteau in französischen Versen verfasste Libretto zu Ödipus Rex“ von Jean Daniélou ins Lateinische übersetzen. Das Lehrbuch Lingua Latina per se illustrata des dänischen Autors Hans H. Ørberg hat die bisher hauptsächlich für den Unterricht in modernen Sprachen eingesetzte einsprachige Lehrmethode auf den altsprachlichen Unterricht übertragen. Das Lehrbuch erfreut sich in verschiedenen Ländern einer steigenden Beliebtheit.

Latein in den Wissenschaften

In der Biologie erfolgt die Namensbildung der wissenschaftlichen Namen lateinisch und griechisch, wobei neuere Vorschläge vorsehen, die Regeln nur aus der lateinischen Sprache zu entnehmen. In der Medizin sind die anatomischen Fachbegriffe lateinisch, für die einzelnen Organe wird zusätzlich auch latinisiertes Griechisch verwendet. Die Krankheitsbezeichnungen leiten sich aus dem Griechischen ab. Zahlreiche Sprichwörter haben einen lateinischen Ursprung und sind teilweise auch in der deutschen Übersetzung zu geflügelten Worten geworden. In den Rechtswissenschaften existieren verschiedene lateinische Lehrsätze und Fachbegriffe (Latein im Recht). Auch in der Geschichtswissenschaft spielt vor allem Latein weiterhin eine große Rolle. In der Meteorologie werden lateinische Begriffe in der Wolkenklassifikation eingesetzt.

Latein in der katholischen Kirche

Latein ist neben Italienisch die Amtssprache des Vatikanstaats. Die katholische Kirche veröffentlicht alle amtlichen Texte von weltkirchlicher Bedeutung in Latein. Das gilt für die liturgischen Bücher, den Katechismus, den Codex des kanonischen Rechts sowie die päpstlichen Rechtsvorschriften (canones, decretales) und Rundschreiben (Enzykliken). Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war Latein die offizielle Gottesdienstsprache und ist dies (laut Sacrosanctum Concilium) offiziell noch heute, wobei andere Sprachen jedoch gleichfalls erlaubt sind. Tatsächlich werden nur noch sehr wenige Gottesdienste in Latein gehalten. Der gegenwärtig amtierende Papst Benedikt XVI. bevorzugt bei seinen Messen aber das Lateinische vor dem Italienischen. Siehe auch: Lateinische Kirche

Referenzlisten


- Lateinische Präpositionen
- Liste lateinischer Ortsnamen
- Liste lateinischer Präfixe
- Liste lateinischer Redewendungen
- Liste lateinischer Suffixe
- Liste von lateinischen Palindromen
- Lateinische Zahlwörter

Siehe auch


- Grammatik des Lateinischen
- Lateinische Aussprache
- Lateinische Sprichwörter
- Küchenlatein
- Vulgärlatein
- Mittellatein
- Lateinische Literatur
- Sprachen im Römischen Reich
- Jägerlatein
- Panlatinismus

Weblinks


- [http://www.commtec.de/wb/ Wörterbuch Latein-Deutsch-Latein auxilium online (mit Download-Möglichkeit)]
- [http://www.latein-pagina.de/iexplorer/stil.htm Lateinische Stilblüten]
- [http://www.thelatinlibrary.com/ The Latin Library – klassische Texte im Original]
- [http://www.albertmartin.de/latein/ Latein-Deutsch-, Deutsch-Latein-Wörterbuch mit hilfreichen Extras]
- [http://www.radiobremen.de/online/latein/ Nuntii latini bei Radio Bremen]
- [http://www.latein-pagina.de/ Latein-Pagina]
- [http://www.antikeundeuropa.de/Alte_Sprachen_heute/alte_sprachen_heute.html Alte Sprachen heute]
- [http://www.fh-augsburg.de/~harsch/a_chron.html Sammlung lateinischer Texte/bibliotheca Augustana]
- [http://www.music.indiana.edu/tml/ Lateinische Musiktraktate im Original]
- [http://www.lateinservice.de/index.htm Die deutsche Latein-Seite]
- [http://www.alcuinus.net/GLL/ Grex Latine Loquentium (Internetforum in lateinischer Sprache)]
- [http://www.kreienbuehl.ch/lat/ Latein und Altgriechisch Site]
- [http://www.latein24.de/ Übersetzungen vieler klassischer lateinischer Texte bei Latein24.de] Kategorie:Einzelsprache
-
als:Latein ja:ラテン語 ko:라틴어 simple:Latin language th:ภาษาละติน zh-min-nan:Latin-gí

Analytische Psychologie

Analytische Psychologie (A. P.) oder auch Komplexe Psychologie ist eine psychotherapeutische und psychologische Schule, die von Carl Gustav Jung nach dem Bruch mit Sigmund Freud (1913) gegründet wurde. In Deutschland wird sie vertreten durch die Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychologie (DGAP) und die C. G. Jung-Gesellschaft, international durch die International Association for Analytical Psychology (IAFAP). In Deutschland vertreten durch Institute in Stuttgart, Berlin und München. Die A. P. wurde aus der Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs weiterentwickelt und wird bei leichten und schweren psychischen Erkrankungen angewendet. Eine Therapie bei einem A. P. Therapeuten kann in Deutschland über die Krankenkasse finanziert werden. Als tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie kann sie 50 bis 100 Std. mit 1 bis 2 Std. pro Woche umfassen. Als analytisch orientierte Therapie wird sie im Umfang von 80 - 300 Stunden im Rahmen der gesetzlichen Krankenkassen finanziert. In begründeten Einzelfällen kann das Volumen diese Zahl auch überschreiten. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass Patienten die Therapie auch nach der Finanzierung durch die Krankenkasse fortführen, um Ziele der persönlichen Entwicklung, der Individuation, zu verwirklichen. Die analytische Therapie gilt als anerkannte und bewährte Therapieform, weshalb die Kosten einer Behandlung auch in anderen Ländern von den Krankenkassen übernommen werden.

Einordnung

Die A. P. gehört zu den so genannten Einsichtstherapien, die darauf ausgelegt sind, dem Kranken die Einsicht in sein psychisches Leiden zu vermitteln und durch diese Einsicht Veränderungen im Handeln und Erleben zu ermögichen (Heilen). Wenn auch der Bedeutung der Einsicht dabei eine große Rolle zukommt oder zugeschrieben wird, so kommt doch der im Verlauf der Therapie entstehenden Beziehung sowie deren Analyse eine wichtige Bedeutung zu, um den Prozess der Auseinandersetzung sowohl einzuleiten als auch im Sinne des Patienten voranzutreiben. Eine der Grundannahmen der analytischen Psychologie ist, dass psychische Störungen, ähnlich wie in der Psychoanalyse und der Individualpsychologie, durch einen Konflikt zwischen Erfüllung und Abwehr des Triebes (Freud) sowie der Überkompensation von Minderwertigkeitsgefühlen entsteht (Adler). Somit setzt auch die A. P. den Beginn einer psychischen Störung hauptsächlich in der Kindheit an. Darüber hinaus kann der Beginn auch in der Mitte des Lebens liegen, wo im Zuge des fortschreitenden Individuationsprozesses neue Lebensziele zu Konflikten führen. Die A. P. sieht sich als prospektiv ausgerichtete Therapie, d. h., die Symptome einer psychischen Krankheit sind nicht nur schädliche Warnzeichen, sondern enthalten auch ein Streben auf etwas Positives hin. Daraus leiten sich auch die Methoden ab, die zur Heilung einer psychischen Erkrankung führen sollen.

Methodik

In der AP geht man in verschiedenen sog. settings vor. Dabei wird einmal unterschieden, ob eine einzelne Person oder eine Gruppe behandelt oder analysiert wird. In der Gruppe ist dass übliche Setting, dass sich alle Beteiligten in einen Kreis setzten. Das Setting der Einzeltherapie ist unterschiedlich. Manchmal wird der Analysand auf einer Couch liegen, und der Analytiker wird sich, ihm sichtbar gegenübersetzen. Dies ist ein Unterschied zur klassischen Psychoanalyse, in der sich der Analytiker stets ausserhalb des Gesichtskreises des Analysanden setzt. Das wohl üblichste "setting" in der AP Behandlung ist, dass sich Analysand und Analytiker gegenübersitzen. In der Therapie von Kindern und Jugendlichen ist es häufig so, dass der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut auch mit den Kindern und Jugendlichen spiele spielt. Der Therapeut gewährt den Raum, dass dem Patienten durch Traumanalyse, die Auseinandersetzung mit den Phänomenen von Übertragung/Gegenübertragung sowie aktive Imagination verdrängte oder aus anderen Gründen unbewusste Persönlichkeitsteile bewusst werden können. Die nachfolgende Auseinandersetzung kann dazu führen, dass die Patienten diese in ihre Gesamtpersönlichkeit integrieren und in der Folge neue Handlungs- und Erlebensmöglichkeiten sehen und entwickeln. Die Beziehung zwischen Patient und Analytiker ist vor allem durch den Passus der Dialektik und der Synthese geprägt. Die Analytische Psychologie versteht darunter die vermehrte Beteiligung des Patienten an der Analyse. Der Analytiker bezieht den Patienten vermehrt ein, und versucht mit ihm eine Beziehung aufzubauen, die eine Begegnung ermöglicht ohne die Unterschiede in den Realitäten der Beziehung (Patient/Arzt etc.) zu verleugnen. Dies steht im Gegensatz zu den Methoden der Psychoanalyse, welche (in der klassischen Ausprägung) eine distanzierte Beziehung als Ideal der Behandlung ansieht.

Das Therapiekonzept der Analytischen Psychologie

Das zentrale jungsche Konzept der jungschen Psychologie und Psychotherapie ist: Psychotherapie ist ein interpersoneller Prozess zwischen zwei Subjekten, die sich sehr subjektiv in diesen Prozess hineinbegeben. Es findet eine wechselseitige Beeinflussung der beiden Beteiligten statt, bei dem beide, wenn es gut läuft, verändert aus diesem Prozess wieder heraustreten. "Die Seele erscheint daher als ein Inbegriff von Beziehung" (JUNG,GW16) In der AP Behandlung steht vor allem die Traumarbeit oder die Arbeit mit Phantasien im Vordergrund. Im Gegensatz zur Psychoanalyse in der die freie Assoziation des Analysanden (Patienten) sowie die Arbeit mit Träumen im Vordergrund steht. Auch in einer AP Behandlung deutet der Analytiker aufgrund der theoretischen Ausrichtung die Äußerungen der AnalysandInn. Allerdings wird hier, vermehrt Wert auf die 'Passung' der Deutung gelegt. Das bedeutet, dass eine Deutung, der der Analysand wiederspricht, nicht so zwingend wie in der klassischen Psychoanalyse, auf einen Abwehrmechanismus schließen lässt. Dabei wird der AP eher die Richtigkeit seiner Deutung hinterfragen. Aber auch dass Konzept der Abwehrmechanismen ist in die Theorie der AP eingegangen. Die Übertragung spielt in der AP eine weniger wichtige Rolle als in der Psychoanalyse. Hier ist vor allem entscheidend, welcher theoretischen Strömung die AnalytikerInn nachgeht. Auch die Übertragung wird je nach dem wie stark sie ausgeprägt ist ähnlich wie in der Psychoanalyse bearbeitet. Hier gilt aber, dass eine starke Übertragung nicht notwendigerweise eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Analyse ist. Psychisches Leben , inklusive psychotherapeutische oder psychosoziale oder ärztliche oder pädagogische Arbeit, ereignet sich immer in mindestens einem Zwei-Personen-Prozess. Dabei geht es eher um die "Chemie" zwischen zwei Menschen, die stimmt oder nicht stimmt, was man beispielsweise an "Dialogen", die flüssig laufen oder stocken, usw. sehen kann. Jungsche Therapie wird daher manchmal auch dialogische Therapie genannt - im Unterscheid zu der klassischen freudianischen Auffassung von Therapie /Analyse, in der der Patient einen Monolog hält, bei dem der Analytiker zuhört und maximal Deutungen gibt - einer allerdings auch unter 'modernen' Freudianer weitgehend veralteten Auffassung. Im psychotherapeutischen Bereich geht es dabei immer darum , die Introspektion zu fördern, d.h. das Hineinschauen in die eigene Seele zu ermöglichen, zu vertiefen, zu erweitern. Diese Innenschau findet in ganz gewöhnlichen Alltagssituationen statt. Was passiert in dieser zwischenmenschlichen Beziehung, die zum Zwecke der Untersuchung einer Psyche eingegangen wird? Was passiert bei folgenden Konstellationen: Untersuchung der Psyche eines Anderen in meiner Psyche. Untersuchung meiner Psyche in der Psyche eines Anderen. Hereinlassen der Psyche eines Anderen in meine eigene Psyche, um sie betrachten zu können. Benutzung meiner eigenen Psyche, um herauszufinden, wie es ist, jemand anders zu sein. Es geht also einerseits um interpersonelle Zusammmenhänge, um Verbundenheit zweier Körper und Seelen als auch um die inneren Bilder dieser zwei Personen, die sich mit einander mischen, verbinden, also Körper - inneres Bild - Beziehung , Interpersonelles und Intrapersonelles. Wer krank ist, sucht Heilung außerhalb seiner selbst, bei einer anderen Person, die ihn heilen kann, der eigenen Krankheitsgeschichte zuhört und hilft. Zwischen beiden besteht ein Gefälle: wenn ich krank bin, bin ich schwach, hilfsbedürftig, verletzt, leidend, unwissend, und phantasiere den Anderen als stark, gesund, hilfsbereit und kompetent und fähig. Als Patient bin ich ohnmächtig, hilflos der Krankheit ausgeliefert, während mein Arzt/Therapeut im Besitz von Macht und Hilfsmitteln ist. Gesundheit wird dabei heutzutage oft wie eine Ware erlebt, die im Dienstleistungsgeschäft des Gesundheitswesens weitergegeben wird: als Patient bin ich ein Habenichts, während der Arzt/Therapeut der Reiche und Mächtige zu sein scheint. Nicht nur die Gesundheit habe ich verloren, mir fehlen auch das Wissen, die Heilmethoden und die Heilmittel, über welche die gesunden, sogenannten Experten verfügen. Unter dieser interpersonellen Spaltung gibt es aber auch eine intrapersonelle Spaltung: Der Patient und zunächst mal auch der Arzt ist von seinem Unbewussten in der Regel abgeschnitten. Das individuelle Abgeschnittensein vom Unbewussten bedeutet, dass der Patient nicht die eigene Heilerseite und der Arzt nicht die eigene Verwundungsseite spürt (Beispiel O.Sacks). "Nur wo der Arzt selber getroffen ist, wirkt er. Nur der Verwundete heilt. Wo aber der Arzt einen Persona-Panzer hat, wirkt er nicht."(JUNG 1962) Unter dem Aspekt des konstellierten Heiler-Archetyps bedeuten diese Spaltungen eine Aufteilung: der Therapeut, Analytiker , Arzt erscheint als allmächtig, stark, gesund und kräftig, der Patient dagegen als passiv, abhängig, hilflos und zur Unterwürfigkeit neigend. Tatsächlich bestehen diese interpersonellen Spaltungen aber auch intrapsychisch, d.h. in jedem der Beiden. Wenn der Analytiker oder Therapeut innere Wunden hat - und zweifellos hat er solche - dann trennt man sich von einem Teil der inneren Welt ab, wenn man sich als völlig gesund oder mehr oder weniger gesund präsentiert ( was wiederum notwendig ist für die Konstellierung des Archetyps des Heilers). Wenn der Patient dementsprechend ausschließlich als krank betrachtet wird, schneidet man ihn von seinem inneren Heiler oder der Fähigkeit, sich selbst zu heilen ab. Tatsächlich hat der Patient das ja schon getan, sonst käme er ja gar nicht zum Therapeuten/Heiler. Sobald jemand krank ist, tritt dieses innere Bild des Gegensatzpaares Heiler-Verwundeter in Aktion. Um die Behandlung in Gang zu bringen, wird der Heiler anfänglich auf den Analytiker/Arzt projiziert. Im Folgenden geht es dann darum, dass der Patient diese Projektion zurücknimmt, damit die eigenen gesunden Fähigkeiten eingesetzt werden. Umgekehrt projiziert auch der Analytiker zu Beginn seine verwundete Seite auf den Patienten, damit er Sympathie und Verständnis empfinden kann und so zu helfen bereit wird. Er muss ebenfalls diese Projektionen zurücknehmen, um die Fähigkeit des Patienten, gesund zu werden, freizusetzen. Das impliziert, dass der Analytiker/Arzt mit seiner inneren Verwundung, seinen inneren Verletzungen in Berührung bleibt. Dieser Prozess kann sich im Laufe einer Analyse/Behandlung immer aufs Neue wiederholen. Die persona medici dient vor allem - neben den narzisstischen Gratifikationen des "Gottes in weiß" - dazu, die Induktion oder Infektion durch den Patienten und dessen Krankheit vermeiden zu wollen. Induktion/Infektion -verwandte Begriffe bei JUNG bzw. ähnliche Begriffe: Induktion, Infektion , Affiziertsein, Einfühlung, projektive Identifikation, participation mystique, unbewusste Identität, archaische Identität. Diese Induktion konstelliert die analytische oder therapeutische Beziehung zwischen Patient und Therapeut, d.h. durch dieses Affiziertsein des Einen durch den Anderen entsteht eine Beziehung zwischen Menschen, die der Erforschung des Inneren dient - und zwar des Inneren der beiden Beteiligten. Jung ist auf die geniale Idee gekommen, die Alchemie und ihre Metaphern für ein Verständnis des Zusammenspiels interpersoneller Verbundenheit und innerpsychischer Aktivität zu verwenden. Die Psychologie der Alchemie beschreibt sowohl einen Zwei-Personen-Prozess (keineswegs nur den innerhalb einer Analyse, sondern allgemeingültig für alle intensiven zwischenmenschliche Begegnungsformen) und einen Individuationsprozess innerhalb eines Menschen. Wenn man so will, kann man die Alchemie sowohl objektstufig als auch subjektstufig betrachten. Das beinhaltet auch die Notwendigkeit, Inhaltsanalyse und Prozessanalyse gleichzeitig und gleichwertig im Auge zu haben. Allerdings spricht die Alchemie in verklausulierter Sprache, in einer Sprache, in der die Alchemisten ihnen unbewusste Denkvorgänge in die Materie und die Prozeduren der Bearbeitung dieser Materie hineinprojezierten. Es handelt sich somit auch um damals unbewusste, heute entschlüsselte Imaginationen interpersoneller Verbundenheit und innerpsychischer Aktivität. Daher haben die Bilder der Alchemie eine Verbindung zum mundus imaginalis, oder wie auch gesagt wird, handelt es sich um den Bereich des feinstofflichen Körpers, des sogenannten dritten Bereichs. Für Jung war die Alchemie deshalb so faszinierend, weil sie die "merkwürdige Verwandlungsfähigkeit der menschlichen Seele ausdrückt". Er fand in ihr einen Vorläufer seines eigenen Individuationskonzepts und er bemerkte, daß die Alchemie in der Metapher der conjunctio ein Konzept für Übertragungsvorgänge besaß. Was machten die Alchemisten? ( siehe "opus magnum" im Lexikon der Alchemie). Der Alchemist arbeitete gleichzeitig an der Seele in der Materie und an den Materien in seiner Seele; dabei wurde vermutet, dass die Seele aus dem materiellen Gefängnis freigesetzt werden muss, in das die Natur sie eingeschlossen hat. Die ganze Prozedur ist subversiv, d.h. ein Werk gegen die Natur, ein opus contra naturam, eine Freisetzung des Sinns aus der materiellen und körperlichen Welt. Nichts anderes geschieht in einer Analyse auch, wenn Therapeut und Patient an das Werk gehen, die Ursache und den Sinn einer Neurose zu entdecken, und herauszufinden, was und wie das darin eingesperrte seelische Wachstum freisetzen könnte. "Was der moderne Therapeut im Menschen sieht, sahen die Alchemisten in metallischer Form"(Samuels) Betrachten wir die alchemistische Metapher angewendet auf Therapie und Analyse : Der zentrale Begriff ist die conjunctio, der sich darauf bezieht, dass sich im vas hermeticum die unterschiedlichen Elemente paaren und vermischen. Dazu wurden die Elemente am Anfang, die massa confusa oder prima materia entsprechend ihrer Kombinationsmöglichkeit ausgewählt, die man sich als Gegensätze vorstellte, deren Vermischung ein neues, drittes Produkt hervorbringen würde: das ist die conjunctio. Diese Elemente wurden häufig als männliche oder weibliche Figuren dargestellt, deren sexuelle Vereinigung die conjunctio repräsentieren sollte. In der Analyse finden wir diese Metapher wieder: 1. Die Interaktion des Analytikers mit seinem analytischen Gegenteil,dem Patienten und umgekehrt. 2. Trennung und Verbindung der miteinander in Konflikt liegenden Elemente innerhalb der beiden Psychen. 3. Die conjunctio dieser beider Psychen: persönliches Bezogensein und innerpsychische Prozesse. 4. Integration der unbewussten Anteile der Psyche in das Ich des Patienten und des gleichen Prozesses beim Analytiker. 5. Das alles findet im analytischen Gefäß, Rahmen, Setting, in der analytischen Beziehung, im Laboratorium (Oratorium) des Analytikers statt. Vas hermeticum ist die beste Metapher für den vollständig geschlossenen Raum der analytischen Beziehung, in die nichts Fremdes und Drittes hineinkommen sollte (Idealtypischerweise). 6. Die Conjunctio der sinnlichen, gegenständlichen, körperlichen Welt mit der geistigen Dimension ( siehe z.B. Psychisierung körperlicher Symptome, die ja meistens die Patienten in die Therapie bringen). Ein weiterer wichtiger Gedanke ist die Wandelbarkeit der Elemente. In der Alchemie arbeitet der Adept oft mit einer anderen realen oder geistigen Person zusammen, seiner soror mystica. Hat das nicht viel Ähnlichkeit mit der Vorstellung einer anima, die als Beziehungsfunktion zwischen Ich und Unbewussten beim Analytiker entwickelt sein sollte, mit der er aber keineswegs identifiziert sein sollte? Die Stufen des alchemistischen Prozesses lassen sich auch in analytischen Prozessen wiederfinden: nigredo - albedo - rubedo nigredo kann sich beispielsweise in einem dunklen, schweren Traum zeigen, mit dem der Träumer anfangs nichts anzufangen weiß, oder der ihn in depressive Stimmungen, ja, in Verzweiflung und Aussichtslosigkeit stürzen kann. Oft geht einer inneren Wandlung eine Depression voraus. Oder das Ende der Flitterwochen zu Beginn einer Analyse wird durch eine Einschwärzung der hochfliegenden Gefühle bei Analytiker oder /und Patient angezeigt. Die albedo ist die Weißung, d.h. die Bewußtwerdung unbewusster Inhalte. Analyse ist somit gekennzeichnet als ein dialektischer Prozess, der sich im Hin und Her von Polaritäten, Widersprüchen, Konflikten intra- und interpsychischer Art vollzieht.

Analyse als archetypischer Prozess: Der Weg

Es gibt viele Möglichkeiten, Therapiegeschehen zu beschreiben: tiefenpsychologische, ethnologische, soziologische, philosophische und sprachwissenschaftliche Zugänge bieten vielfältige Beobachtungs- und Beschreibungskategorien. Ich möchte hier zunächst Psychotherapie/Analyse als Verlebendigung und Inkarnieren eines Archetyps beschreiben, nämlich des Archetyps des Weges. In der Urgeschichte tauchte der Archetyp des Weges zum erstenmal beim Eiszeitmenschen auf. In einem weitgehend noch unbewußten Ritual führte der Weg in Höhlen von Bergen, in deren verborgenem und schwer erreichbarem Inneren Heiligtümer mit Tierbildern angelegt wurden, von deren Erlegung ihre Existenz abhing. Diese Bilder sowie die Höhlen hatten magisch-sakrale Bedeutung. Der schwere und gefährliche Weg zu diesen Heiligtümer gehörte mit zu der rituellen Wirklichkeit der Bergtempel. Auf späterer Kulturstufe und bei entwickelterem Bewußtsein wird dieser Archetyp des Weges zum bewußten Ritual-Weg, der zum Beispiel in der Anlage von Tempeln den Verehrenden zwingt, einen rituellen Weg von der Peripherie bis zum Zentrum des Heiligtums zu gehen, und so das Weg - Ritual zu vollziehen. Prozessionen gehen auch heute noch diesen Kollektivweg des Rituals zum Heiligtum. Der Leidens-Weg Christi ist eine weitere und andere Form dieses Archetyps. In ihm wird der Schicksalsweg zu dem der Erlösung und mit seinem bewussten Ausspruch „Ich bin der Weg“ erreicht diese Ausprägung des Weg-Archetyps eine neue, nun schon ganz innerliche und symbolische Stufe. Die Imitatio Christi beinhaltet die Nachfolge - Haltungen, in denen der christlich innere Weg nachgegangen wird. Der Schicksalsweg des Oedipus ( übrigens wunderbar nachvollzogen in Pasolinis Oedipus-Film) ist dagegen ein Weg des Scheiterns, wenn man vom Ende des Weges des Oedipus (er wird entrückt in Begleitung von Theseus) absieht. Den Signaturen des Archetyps des Weges begegnen wir auf Schritt und Tritt. So sprechen wir von einem „inneren Weg der Entwicklung“, von Begleitsymbolen wie „Orientierung“ und „Orientierungslosigkeit“, in Politik oder Kunst sprechen wir von „Richtungen“.(nach NEUMANN). In der jungschen Psychologie sprechen wie bevorzugt vom Individuationsweg eines Menschen und haben damit eine Metapher, ein Bild zur Verfügung, das jeder Mensch erfährt. Um das ganz deutlich zu sagen: jeder Mensch ist auf einem Individuationsweg, nicht nur, wie das manchmal bei einer elitären Auffassung aussieht, Auserwählte oder Eingeweihte oder besonders Begabte. Dieser Gedanke ist sehr wichtig, da er eine unabdingbare Grundhaltung des Analytikers/in kennzeichnet: die möglichst vollständigste Achtung des Patienten und seiner Wege, die er gegangen ist, auch wenn diese Wege in neurotische oder krankmachende Konflikte geführt haben. Die Frage ist immer nur, mit wieviel Bewusstheit ein Mensch seinen Individuationsweg geht. Einteilung von Phasen: 1. Initialphase 2. Latenz-/Erprobungsphase, Empfängnisraum / Konstellierung der Grundkonflikte 3. Phase der negativen und/oder positiven Regression 4. Individuationsphase 1. Die Initialphase Wenn ein „Wegsuchender“ sich zum/r AnalytikerIn begibt, ist der Archetyp des Weges konstelliert. Dabei kann diese Konstellation in unterschiedlichem Maße bewusst sein. Ein Patient, der von einem Arzt geschickt wird, verfügt möglicherweise über wenig Einsicht in seine „Wegsuche“, möglicherweise nimmt er nur Symptome wahr. Krankheitseinsicht bedeutet also Bewusstsein über die Notwendigkeit einer Wegfindung, einer Wegsuche, bedeutet das Eingeständnis der Orientierungslosigkeit und ist der Ruf nach einem Wegbegleiter, oft nach einem Wegführer. Diese Anfangssituation legt fast zwingend bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen bei Wegsuchendem und Wegbegleiter nahe. So wird man sich erstmal umschauen: an welchem Ort steht der Wegsuchende? Ist es eine Sackgasse? Teilt sich der Weg ? Gibt es Licht oder herrscht Dunkelheit? Ist der Weg frei und fürchtet sich der Wegsuchende vor dieser Freiheit? Ist der Weg versperrt - vielleicht durch andere oder durch äußere Bedingungen? Ist der Wegsuchende erschöpft, weil er zu lange mit dicken Lehmklumpen an den Füßen gelaufen ist? Was ist mit seinen Füßen, seiner Erdung Wohin geht sein Blick, in welche Richtung schreitet er aus? Hat er eine Karte? Ist ihm ein sein Plan bewusst? Also das, was man aktuellen Befund nennt. Woher kommt der Wegsuchende? Welchen Weg ist er bisher gegangen? Wo ist er ins Stolpern geraten? Blieben Teile von ihm irgendwo, wo er gestürzt ist (Traumata), liegen? Hat er einen Rucksack dabei, in dem Verborgenes, Unentwickeltes steckt? Wem ist er auf seinem Weg bisher begegnet ? Eltern, Geschwister, Lehrer, Freunde, Freundinnen, Kollegen usw.? Also Anamnese. Die Betrachtung des Analyseanfangs als Anfang eines Weges bewirkt unter günstigen Umständen, dass die beiden Dialogpartner zunächst einmal stehen bleiben, sich dieses Stehenbleiben auch gönnen und nicht rastlos und hektisch hin und herlaufen, sondern innehalten und sich umschauen. Ein solcher Umgang mit dieser Anfangssituation kann das Klima und die Atmosphäre in einer Analyse auf förderliche Bahnen lenken. Von einem energetischen Standpunkt aus begreift JUNG eine Neurose als eine Stockung des Lebensflusses und sieht das Ziel in einem erneuten Strömen der Libido, des Lebensflusses. Aufgrund dieser Stockung besteht zu Beginn das, was JUNG dem alchemistischen Verständnis von Wandlungsprozessen abgelauscht hat: die „nigredo“, oder „massa confusa“, „chaos“ (Gott des Anfangs) oder „prima materia“. Jeder dieser Begriffe legt einen anderen Akzent auf die Anfangssituation. „Nigredo“ bedeutet vor allem Schwärze, Dunkelheit, Unbewusstheit. „massa confusa“ weist auf Verwirrtheit hin, auf Verbindungen und Verknüpfungen im Bewußtsein des Wegsuchenden, bei denen man als Gegenüber das Gefühl hat, dass irgendwas nicht stimmt, also dass man mit der Komplexsicht des Patienten konfrontiert ist. „Chaos“ ist in der griechischen Mythologie der Gott des Anfangs. Chaos ist der klaffende, leere Raum; bei Hesiod gehen aus dem Chaos Erebos(die Unterwelt)und Nyx (die Nacht)hervor (während man später in naturphiosophischer Spekulation in Eros den alles gestaltenden Gott sah, der aus dem Chaos den Kosmos schuf). So wird die Angst vor den Gefahren des Weges vielleicht verständlicher sein, wenn man sich die dahinterstehende Mächte deutlich macht. „Prima materia“ legt dagegen den Akzent auf das (psychische) Material, in dem alles, das Ganze und das Eine, die schwer erreichbare Kostbarkeit, etc., von Anbeginn enthalten ist. Diese „prima materia“ muss in ein Gefäß, in das vas hermeticum, das abgeschlossene Gefäß, das wir in moderner Sprache den analytischen Rahmen nennen. Dieses Gefäß muss nach außen abgeschlossen sein, damit die materia darinnen gekocht werden kann. Der Umgang des Patienten mit diesem Gefäß kann uns dabei wichtige Aufschlüsse über seinen Stand, seine Entwicklung geben. Benutzt er es als Abfalleimer, in den er all sein Chaos hineinstopft, um es loszuwerden und macht er den Analytker dadurch zum Container für seine abgespaltenen, unverdaulichen Anteile? Benutzt er es als einen Ofen oder Topf, in den er sorgsam auswählend die Zutaten hineinbegibt? Benutzt er es/ihn als Kloschüssel zum Vollscheißen? Krümelt er nur spärlich ab und zu etwas hinein? Wirft er das Meiste daneben? Die Assoziationen und Bilder, die einem dazu einfallen, stehen alle in Verbindung mit dem Zentralsymbol des Mutterarchetyps, dem Gefäß: einerseits wird der Umgang des Patienten mit diesem Gefäß zu Beginn der Analyse vom Wiederholungszwng der frühen Muttererfahrung bestimmt; andererseits zeigt sich in diesem Umgang auch das Defizit, der Mangel des Patienten an mütterlicher Symbiose. Beim Eintritt des Patienten in den analytischen Raum gerät der Patient oft in eine Krise und sieht sich gezwungen, seine Gründe für den Eintritt in diesen Raum zu überprüfen. Nicht selten entsteht der intensive Wunsch zu fliehen. Daher sind hier die haltenden, schützenden mutterspezifischen Haltungen des Analytikers gefragt und konstellieren sich meistens auch automatisch. Unter dieser Bedingung fühlt sich der Patient dann auch oft stark genug, sich der „Zerstückelung“ in der Analyse auszusetzen. Der Beginn einer Analyse scheint daher oft durch den Elementarcharakter des Weiblichen geprägt zu sein, der überall da evident wird, wo wir es noch mit einem kleinen, schwachen Ich zu tun haben und das Unbewusste dominiert (Neumann). Der negative Elementarcharkater des Weiblichen zeigt sich dabei oft in Form des Wiederholungszwanges in der Symptomatik des Patienten, in der die dynamischen Kräfte des Patienten immer wieder in den eigenen Kreis ewiger Wiederholung zurückgebogen werden. Natürlich hängt das Ausmaß der Dominanz der Großen Mutter vom Reifegrad des Ichs des jeweiligen Patienten ab. Wenn wir von Initialphase sprechen, liegt es nahe, den Beginn einer Analyse als Initiationsritus zu betrachten. Nach Arnold van Gennep und Victor Turner, den beiden bedeutendsten Forschern über Rituale, bestehen Rituale aus heiligen, kulturellen, nicht profanen (Sprech)Handlungen, die einen Orts-, Zustands-, Positions- und Altersgruppenwechsel rituell begleiten. Genau dies soll ja in einer Analyse geschehen: der innere Ort des Patienten und damit seine Perspektive auf seine innere Landschaft soll sich positionell verändern, der Zustand der blockierten oder festgehaltenen Libido soll aufgelöst werden. Er soll sich altersmäßig fortentwickeln, aus infantiler oder adoleszenter Zugehörigkeit oder gegebenenfalls in seiner Altersgruppe ankommen (z.B. die Leugnung der Lebensmitte). Die Analyse ist ein Übergangsritus. Dieser weist drei Phasen auf: die Trennungsphase die Schwellenphase die (Wieder)Angliederungsphase. Wenn ein Patient in die Hütte des Schamanen/Analytikers kommt, separiert er sich räumlich, zeitlich und sozial. Er verläßt sozusagen sein „Dorf“, seine Angehörigen, verbringt neue Zeit in einem gänzlich andersartig strukturiertem Dialograum, er löst sich von den bisherigen kulturellen Sprechgewohnheiten. Ein dabei häufiger auftretendes Phänomen ist bei Patienten mit mangelnden triadischen Beziehungsfähigkeiten, dass sie sich von einem Partner trennen oder - in der Projektion auf einen idealisierten Analytiker Elternbilder mit einem Schlage rauswerfen (siehe auch Psychoszene- Kontaktverbot mit Eltern u.ä.) Dies sind Anzeichen für frühe Störungsanteile und Spaltungstendenzen. Andererseits kann diese Trennungsphase von starken Widerständen begleitet sein, in denen der Patient auf seiner bisherigen Sichtweise bestehen bleibt. Er weigert sich , das rituelle Subjekt zu werden und haftet an den vertrauten Bahnen seiner Neurose(besonders häufig und auffällig bei Zwangsneurosen). Eine sehr große Rolle beim Beginn einer Analyse spielen der Initialtraum bzw. die Initialträume des Patienten. Im Initialtraum zeigt sich, ob das Unbewusste des Patienten auf das analytische Angebot anspricht, ob das Unbewusste sozusagen bereit ist, sich in das angebotene vas hermeticum hineinzubegeben. Der Initialtraum gibt - Hinweise auf die Diagnose der psychischen Störung bzw. auf die zugrundeliegende Komplexkonstellation - Hinweise auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Patenten und erlaubt so prospektive und prognostische Einschätzungen - Hinweise an den Therapeuten: womit beginnen? Wünsche des Patienten an die Therapie und den Therapeuten, auch von der unbewussten Seite des Patienten her. - Insgesamt bilden die Initialträume eine "Orientierungs- oder Landkarte" (Adam) für die geplante Therapie oder für den ersten Abschnitt einer Therapie. Im weiteren Verlauf einer Therapie kann es zu weiteren Initialträumen kommen, wenn eine neue Phase, ein neuer Komplex, eine neue Übertragungssituation engeleitet werden soll. Wie bereits erwähnt, sollte der therapeutische Prozess auch als Ritual betrachtet werden. Dieses Verständnis unterscheidet die jungsche Therapie sehr von der freudschen Variante, wo an dieser Stelle von "Arbeitsbündnis" und "Grundregel" (freies Assoziieren) die Rede ist. Natürlich gibt es auch Jungianer, die am Beginn einer Therapie allerlei Regeln einführen. Eine der beliebtesten Regeln ist, daß der Patient seine Träume aufschreiben und eine Kopie dem Therapeuten geben soll. Wichtig scheint mir hier zu sein, dass jeder Analytiker gemäß seinen Möglichkeiten, aber auch unter Beachtung des archetypischen Hintergrundes Regeln aufstellen kann. Ich persönlich halte es damit, sowenig wie möglich an Regelung vorzugeben, d.h. ich teile nur mit, daß eine Stunde 50 Minuten dauert und teile meine Urlaubszeiten mit, an die der Patient sich halten soll, aber nicht muss. Mir ist daran gelegen, die Verantwortung des Patienten für seine Analyse zu stärken, zu fordern und zu fördern. 2. Latenz-/Erprobungsphase/ Konstellierung der Grundkonflikte Ist die Initialphase häufig dramatisch und gibt erste tiefe Einblicke in die Individuationssituation des Patienten, so verläuft die 2. Phase einer Therapie häufig ruhiger, leiser. Die oft überraschende Tiefendimension der Initialphase erfährt nun in der zweiten Phase eine Ebenenverschiebung hin zu den wichtigen Beziehungsfragen, die der Patient testend an den Therapeuten stellt: Wer bist du? Wie bist du? Was ist hier anders? Das Ich des Patienten versucht sich im bewussten Kontaktbereich zu sichern und den Therapeuten auf seine Tragfähigkeit hin zu überprüfen. Dabei lassen sich sehr unterschiedliche Beziehungssituationen charakterisieren; einige Beispiele/Aspekte. Ø Bei Patienten mit stärkeren Selbstwertstörungen, insbesondere auch bei starken Minderwertigkeitskomplexen dauert diese Erprobungszeit oft länger; sie können die Wertschätzung des Therapeuten - so sie denn vorhanden ist - lange nicht glauben und nicht annehmen. Ø Beziehungsangst kann zu einem stetigen Rückzug des Patienten führen, bei dem der Patient nur auf einen Anlass wartet, die Therapie abzubrechen, bevor sie richtig beginnt. Ø Bei Patienten mit einm schwachen Ich und bei Patienten mit schweren Traumatisierungen kann es zu Überflutungen aus dem Unbewussten kommen, sodass die Gefahr besteht, dass das analytische Gefäß überkocht, oder es überfüllt wird und zu zerbrechen droht. Wichtig ist hier die richtige Dosierung des Feuers unter dem analytischen Gefäß. Ø Zwanghafte Patienten stellen große Anforderungen an die Geduld des Therapeuten, da sie nur äußerst spärlich sich in die Beziehung hineinbegeben. Ø Verführungen aller Art werden in dieser Zeit inszeniert, um die Festigkeit oder Manipulierbarkeit des Therapeuten zu prüfen. Ø In dieser Testphase werden die sog. Widerstandsphänomene sichtbar und bearbeitbar: flüchtet der Patient oder wendet er sich seinen Konflikten und Komplexen zu? Engt der Patient sich angstvoll ein oder kann er sich im Schutze der tragenden therapeutischen Beziehung öffnen? Welcher Art sind die Abwehrmechanismen? Dabei ist immer zu beachten, daß Widerstand gegen die Bewusstmachung unbewusster Inhalte meistens nicht nur ein bequeme Abneigung gegen Veränderung ist, sondern eine tiefe Angst den Widerstand bedingt. Die Angst und der dazugehörige Widerstand haben die wichtige Funktion, das meist schwache Ich vor der Bedrohung oder Überwältigung durch unbewußte Inhalte zu schützen. Ø Ein häufiges Widerstandsphänomen ist die einseitige und oft auch gegenseitige Idealisierung von Patient und Therapeut, die dahinterliegende Aggression oder Neid abwehren soll. Die bewusste Idealisierung wird dabei häufig durch Entwertungen im Unbewussten, z.B. in Träumen, aber auch durch Agieren (z.B. zu spätkommen, nicht abmelden o.ä.) kompensiert. Ø Auf die Schwierigkeiten der Triangulierung habe ich schon hingewiesen. Die Intensivierung der Beziehung zum Therapeuten wird häufig und bei Therapeuten, die selbst schlecht triangulieren können, dadurch erkauft, dass andere Bezugspersonen des Patienten aus dessen Beziehungsgeflecht herausgeworfen werden (Trennung von Partner, Kontaktabbruch mit Eltern o.ä.) In dieser Erprobungsphase pendelt sich auch das Nähe-Distanzverhältnis von Patient und Therapeut ein. Die flexible analytische Nähe- und Distanzregulierung ist gleichzeitig auch ein Modell der Nähe- und Distanzregulierung zwischen dem Ich-Komplex/bzw.Bewusstsein und dem Unbewussten. Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Patient und Therapeut wird zum Modell für die Beziehungen des Subjekts, des Patienten in sich selbst. Dies ist auch eine Voraussetzung dafür, daß der Patient auch nach der Analyse ein solch flexibles, kommunikationsförderndes Modell bewahrt, das ihn befähigt, nach Abschluss der Analyse die Beziehung zu seinem Unbewussten aufrechtzuerhalten, und sich weder von den daraus aufsteigenden Inhalten überfluten zu lassen, noch in die Situation einer Gegnerschaft oder Isolation dem Unbewussten gegenüber zu geraten. In der analytischen Therapie mit Kindern, aber auch mit Erwachsenen kann man die Erprobungsphase auch als Empfängnisraum charakterisieren. Nicht selten treten Geburtsbilder, Schwangerschaftssymbolik, Urelemente u.ä. in der symbolischen Traumarbeit auf und vermitteln beiden, Patient wie Analytiker ein Gefühl der Zeugung oder der Empfängnis. Der geistige Temenos der Behandlung ist befruchtet. Ich halte es für wichtig, diese Empfängnissituation , wenn nicht unbedingt nötig, nicht zu thematisieren. Das Geheimnis der Schwangerschaft besteht in dem averbalen Kontakt. Nicht selten tauchen Bilder des Ankommens auf, um das Ende der Testphase und das gelingende Vertrauenfassen anzuzeigen. Schließlich konstellieren sich im Zusammenhang mit der beginnenden Übertragung in dieser Phase die zentralen, negativ dominierten Komplexe des Patienten, die zugleich auch immer das Thema der Aggression in allen seinen Schattierungen mit sich bringt. Denn in der Regel leidet der Patient - sofern es sich nicht um eine narzisstische Störung oder eine Verwöhnungsdepression handelt - unter den negativen, destruktiven Wirkungen persönlicher Mutter- oder Vaterkomplexwirkungen. 3. Phase der negativen und/oder positiven Regression Im Schutze der haltenden, gesicherten Patient/Therapeut-Beziehung entwickelt sich - ausgehend von der Belebung der persönlichen Komplexebene (Vater/Mutterkomplex) - die archetypische Dynamik insbesondere der negativen archetypischen Wirkfelder. Die negative Regression ist dabei verbunden mit der Energetisierung der Schattenbereiche des Patienten. Der Sinn der negativen Regressionsprozesse besteht darin, zu den beschädigten Strukturen vorzudringen, um eine Enantiodromie, d.h. ein Umschlagen von den negativen zu den positiven Elementen des archetypischen Wirkfeldes zu ermöglichen. Entsprechend dem zentralen Polaritätsprinzip ereignet sich in der Regression immer wieder das Hervorbringen der Ganzheit. Daher finden sich in den tiefsten Phasen der Regression auch immer wieder Bilder des Selbst und der Gegensatzvereinigung, die den Auftakt zur Progression und zur Rückkehr aus der Nachtmeerfahrt bilden. Dabei werden die konstellierten und energetisch aufgeladenen positiven Elemente des Archetyps mitgenommen. Anstelle des verschlingenden oder festhaltenden matriarchalen Aspektes zeigen sich nun Andeutungen des gebärenden, freigebenden und wachstumsfördernden Aspekts des Mutterarchetyps. An Stelle des kastrierend und destruktiv Übermächtigen des negativen Vater-Archetyps entwickelt sich ein kreativ ordnendes Prinzip. Eine ganz zentrale Rolle in diesem Regressions/Progressionsprozess spielt die transzendente Funktion als Mittel der Selbstregulation der Psyche. Der Analytiker hat in diesem Regressionsprozess eine Reihe von Aufgaben und Haltungen zur Verfügung zu stellen, die in der Praxis nicht leicht zu bewerkstelligen sind: Ø Er muss die Festigkeit des vas hermeticum sicherstellen. Dies ist keine in erster Linie technische Frage, sondern beinhaltet, dass der Therapeut einen guten Ausgang des Unternehmens innerlich spürt, für möglich hält und den Patienten tatsächlich nicht im Stich lässt. Entscheidend ist, ob der Therapeut selbst genügend Erfahrung mit seinen eigenen Abgründen hat. Ein alter Spruch dazu ist, dass der Patient nur soweit kommt, wie der Therapeut selbst gekommen ist. Ø Die Begleitung des Patienten durch den Therapeuten kann sehr verschiedene Formen annehmen. Eine der wichtigsten ist sicherlich die Deutung des unbewussten Materials. Darüber ließe sich vieles sagen, beispielsweise über das richtige Timing von Deutungen, über den Differenziertheit der Deutung, über die Vollständigkeit von Deutungen usw.. Besonders wichtig ist, dass der Therapeut die via Gegenübertragung gewonnenen kognitiven und emotionalen Informationen über den Patienten verwendet. Erst durch eine lange Zeit der Erlebens und des Sich-Bewusstmachens der Gegenübertragung ist genügend Einfühlung möglich, die auch eine Deutung erlaubt, die nicht emotionslos vom Therapeuten kommt. Emotionslose Deutungen bewirken m.E. nämlich gar nichts, sondern sind eine intellektuelle Verkürzung. Erst wenn die innere Beteiligung des Therapeuten in der Deutung mitschwingt, auch mitschwingen darf, entsteht eine Resonanz im Patienten, die eine Deutung eventuell als evident erleben läßt. Ø Deutungen finden auf verschiedenen Ebenen statt: - Deutung auf der Objekt/Subjektstufe - Prospektive/reduktive Deutung - Übertragungs/Gegenübertragungsdeutung 4. Individuationsphase Zum Schluss unserer Betrachtung des Prozessverlauf von Therapien müsste nun auf die Abschlussphase zu sprechen kommen. Offen gesagt - oft ist unklar, wann eine Analyse beendet ist. Natürlich gibt es klare Fälle, insbesondere dort, wo es um die reduktive Auflösung neurotischer Stockungen, die durch negative Elternkomplexe bedingt waren, ging und der Patient von sich aus klar sagen kann: Ich gehe jetzt alleine weiter. Bei Patienten der ersten Lebenshälfte geht es ja oft darum, dass diese Menschen beruflich und privat ihren Platz in der Gesellschaft finden. Unter dem Aspekt der zunehmenden Medizinalisierung des therapeutischen Geschehens und der sog. therapeutischen Professionalisierung spielt die Frage der Effektivität und damit auch das Entwickeln von Normen und Kriterien einer sogenannten gesunden Entwicklung eine wichtige Rolle. Wir kommen hier in die Wertediskussion, in der Psychotherapie in einem gesellschaftlichen Umfeld stattfindet und sich danach richten kann - oder auch nicht. Anders ausgedrückt: möglicherweise stehen wir vor einer kulurellen Zwiespaltung. Auf der einen Seite könnte erfolgreiche Therapie darin bestehen, dem Patienten zu einer ichstarken, "männlichen" Persönlichkeitsentwicklung zu verhelfen, die ihm Realitätsbewältigung und freundliche Objektbeziehungen ermöglichen. Auf der anderen Seite - und auf dieser Seite befinden sich wohl die meisten Jungianer - könnte es um die Fähigkeiten des Patienten gehen, mit seinen inneren Teilpersönlichkeit im Dialog zu sein, prinzipiell offen zu sein für die Impulse aus dem Unbewußten. Ziel ist die innere Lebendigkeit, der intrapsychische Reichtum, der u.U. aber die für die Alltagsroutine notwendige Stabilität vermissen läßt.

C. G. Jung

Eine besondere Rolle in der Analytischen Psychologie spielen die aus der Persönlichkeitstheorie von C. G. Jung abgeleiteten Strukturen der Seele. Das Ich ist das Zentrum des Bewusstseins und interagiert mit den oft im Unbewussten liegenden sonstigen Komplexen. Komplexe sind Konstellationen, welche die bewusste Einstellung stören können und sich zumeist um einen bestimmten Kern bilden, z. B. eigene Minderwertigkeit. Archetypen des kollektiven Unbewussten sind ererbte Möglichkeiten der Wahrnehmung, des Denkens und des Fühlens. Sie können durch individuelle Erfahrungen aktiviert werden. Beispiel: Ein bestimmter Archetyp ruht im Unbewussten und wird mit dem äußeren Bild aktualisiert. Dieses äußere Bild entspricht einer seit Menschengedenken immer wiederkehrenden Situation wie die der Mutter für das neugeborene Kind. Der Säugling ist somit kein unbeschriebenes Blatt Papier. Er erwartet eine bestimmte Person, die ihn umsorgt. Da Bilder, wie das der Mutter, nicht vererbt werden können, nimmt die AP an, dass es bestimmte grundlegende Strukturen im Unbewußten gibt, welche z. B. den Neugeborenen erwarten lassen, dass eine Person für ihn da ist, ihn umsorgt und an die er sich bindet, um so die ersten und wichtigsten Dinge zu lernen. Dieses erprobte "evolutionäre" Konzept (Säugling - Bezugsperson) hat eine recht komplexe interaktion zwischen Mutter und Kind zufolge. Ein weiteres Beispiel für einen Archetypus ist der des gegengeschlechtlichen Sexualpartners. Dieser spezielle Archetyp wird, wie zu erwarten, ab der Pubertät wichtig. Er enthält nun sowohl die ererbten als auch die durch "reale" Erfahrungen geprägten Vostellungen, von dem was man am Gegengeschlecht leiden mag oder nicht. Daraus entsteht ein dynamisches Bild von einem Geschlechtspartner, welches Liebe und sexuelle Lust erregt, und sich durchaus von dem bewussten Vorstellungen von einem idealen Partner unterscheiden kann. Meist besteht dieser Archetyp auch aus unbewussten gegengeschlechtlichen Anteilen und spielt eine besondere Bedeutung für die psychische Entwicklung des Individuums. Die Archetypen bilden in der theoretischen Fundierung der P.A. auch die Grundlage für unsere Interaktion mit anderen Menschen. Da die archetypischen Grundstrukturen äußeren Bildern eine "archetypische" (allgemeinmenschliche) Bedeutung geben, kann man sie am besten in Träumen und Symptomen sowie in bestimmten Handlungen untersuchen. Diese können mit Berichten von Märchen, Mythen und religiösen Schriften aus allen Jahrhunderten verglichen werden, um so auf die spezielle Bedeutung des einzelnen, symbolischen Traumes zu gelangen, und somit eine Vostellung von dem dahinterliegenden archetypischen Strukturen geben.

Gegenwart

In den letzten Jahren gab es vermehrt Forschung auf dem Gebiet der Übertragung, Gegenübertragung und Widerstände sowie der Entwicklungspsychologie. Die Erkenntnisse der bildgebenden Neurologie (Magnetresonanztomografie) scheinen manche tiefenpsychologie Konzepte der Persönlichkeit zu bestätigen.

Wirksamkeit

Zur Wirksamkeit der AP und anderer Verfahren siehe: Psychotherapie

Kritik

Kritisiert wurde die Analytische Psychologie vor allem von S. Freud und seiner Schule, der Psychoanalyse. Die Kritik, richtet sich vor allem an die Auffassung des Unbewussten, dass in der A. P. sehr weitgefasst ist. So bezweifeln die meisten Psychoanalytiker, dass bestimmte Bahnungen von Vorstellung im Sinne der Archetypenlehre vorgefunden werden können. Die Psychoanalyse sieht die Inhalte des Unbewussten lediglich aus der persönlichen Vergangenheit determiniert. Obwohl sich die beiden Schulen der Tiefenpsychologie in vielem gleichen, haben viele spezielle Annahmen in der Vergangenheit und Gegenwart zu Zerwürfnissen geführt, die sich erst jetzt langsam annähern (siehe hierzu: A. Samuels, „Jung und seine Nachfolger“ Klett Kotta, Stuttgart 1989). Darüber hinaus wird die Tiefenpsychologie auch aus den Reihen der sog. Akademischen Psychologie kritisiert, insbesondere dass die Theorien und Modelle der Tiefenpsychologie durch „unwissenschaftliche“ Methoden gefunden worden seien. Die sog. Akademische Psychologie gründet sich auf der Bewusstseins- und Verhaltenspsychologie. D. H., dass die Grundannahmen der Akademischen Psychologie, einige spezielle Methoden und Ansichten und auch ihre Ergebnisse empirisch, statistisch nachweisbar sind. Zwar gründet sich die A. P. und die Psychoanalyse ebenfalls auf empirischen Methoden allerdings werden diese bezweifelt, da sie nur schwer oder über Umwege nachzuweisen sind. Des Weiteren bedient sich die Tiefenpsychologie auch anderer wissenschaftlicher Methoden, die den Geisteswissenschaften zuzuordnen sind, vor allem der Hermeneutik, des Konstruktivismus', der Systemtheorie (Psyche als System) sowie der Phänomenologie. Zwar lässt sich heute das Unbewusste, welches zumeist der Stein des Anstoßes ist, statistisch nachweisen, und auch die moderne Bewusstseinspsychologie (Kognitivismus) nimmt an, dass es ein Unbewusstes gibt. Aber viele sehr spezielle Aussagen der Tiefenpsychologie hinsichtlich der Inhalte und der Struktur des Unbewussten werden als unwissenschaftlich, weil tautologisch, betrachtet. Auch hier haben sich die Tiefenpsychologie und die sog. Akademische Psychologie angenähert. Es finden allerdings zur Zeit vermehrt Debatten über die Wissenschaftlichkeit statt. Diese werden von den verschiedenen Schulen der Psychotherapie geführt, welche den Nutzen der jeweils anderen Schule leugnen soll.

Bedeutende Vertreter

Carl Gustav Jung; Erich Neumann; Marie-Louise von Franz; Verena Kast; H. Dieckmann; Mario Jacoby; James Hillmann; Andrew Samuels; M. Fordham; C. A. Maier; Aniela Jaffé; G. Adler; Lopez-Pedraza; M. Stein; J. Jacobi; Eb. Jung; E. Jung zum Portal:Psychotherapie Kategorie:Tiefenpsychologie ja:分析心理学

Archetyp

__TOC__

Der Archetypus in der Psychologie

Einen Archetypus oder Archetyp (griechisch: Urbild, Mehrzahl: Archetypen) nennt man in der Psychologie eine psychische Strukturdominante, die unbewusst ist und als Wirkfaktor das Bewusstsein beeinflusst, zum Beispiel indem sie dieses präfiguriert und strukturiert. Das psychologische Konzept geht zurück auf den Schweizer Psychiater und Psychologen Carl Gustav Jung, der die analytische Psychologie entwickelte. Ein Archetyp als solcher ist unanschaulich, eben unbewusst, ist in seiner Wirkung aber in symbolischen Bildern erfahrbar, wie beispielsweise in Träumen, Visionen, künstlerischen Erzeugnissen, Märchen und Mythen. C.G. Jung leitete das Vorkommen von Archetypen aus Astrologie, vergleichender Religionswissenschaft, Träumen, Märchen, Sagen und Mythen ab. Es gibt eine begrenzte Anzahl von Archetypen, aber eine unbegrenzte Anzahl von archetypischen Bildern, die als Symbole erscheinen. Ein archetypisches Symbol zeichnet sich dadurch aus, dass es ein mehrdeutiges Gebilde ist, welches Assoziationen zu geistigen Ideen auslöst. Hierbei gibt es Grundassoziationen, die sich in vielen Kulturen stark ähneln und das kollektive Element des archetypischen Symbols ausmachen (das von vielen oder allen Menschen unbewusst mit einer Idee oder einem Prinzip assoziiert wird). Ein Kreis zum Beispiel wird in den meisten Kulturkreisen als Symbol der Geschlossenheit, der Ganzheit und Vollständigkeit stehen oder ein Kreuz wird mit den vier Himmelsrichtungen oder vier Elementen und somit mit einer strukturierten Ganzheit, aber auch einem Mittelpunkt assoziiert. Da der Kreis mit den Erscheinungen der Himmelskörper verbunden ist, während das Kreuz mit der Orientierung im Raum zusammenhängt, wird in den meisten Kulturen der Kreis als himmlisch und das Kreuz beziehungsweise Quadrat als irdisch angesehen. Der Kreis ist als Mandala in vielen Kulturkreisen zu finden, beispielsweise in China, Indien, Tibet, aber auch in neolithischen Kulturen, bei den Platonikern, im christlichen Europa und in der Alchemie. Die Mythologie der unterschiedlichen Kulturkreise weist immer wieder ähnliche oder gleiche Muster, Strukturen oder symbolische Bilder auf, was als Beleg für das Vorhandensein archetypischer Strukturen in der menschlichen Psyche angesehen wird. Beispiele wären hierfür das weltweite Vorkommen von Mythen über die große Mutter oder große Göttin (sog. Mutterarchetyp), über Helden und deren Widersacher (Schattenarchetyp), aber auch über spezielle Bilder wie den Baum des Lebens (Kabbala, Christentum) oder den Weltenbaum, die bei fast allen Völkern vorkommen, beispielsweise Yggdrasil in der germanischen Mythologie, der Yaxche-Baum der Maya, der Baum mit den Früchten der Unsterblichkeit (in China) oder heilige Bäume wie die Eiche der Druiden, die Sykomore als Sitz der Göttin Hathor bei den Ägyptern und der Bodhibaum im Buddhismus. Archetypen beruhen auf einer Instinktgrundlage und stellen eine Art von "arttypischen Programmen" dar. Sie haben sich evolutionär entwickelt, in dem Sinne, dass instinktives Verhalten die Kultur und Bewusstseinsentwicklung des Menschen prägte und dass bestimmte psychische Strukturelemente für das Überleben der Art von Vorteil waren, die dann als archetypische Strukturen über Jahrtausende sich entwickelten und vererbt wurden. Beispiele für ein solches instinktgeprägtes Verhalten sind verschiedene Lebensphasen wie Kindheit und Jugend oder zwischenmenschliche Beziehungen wie das Mutter-Kind-Verhältnis oder die Partnerwahl, jedoch auch das Erforschen der Umwelt, Erlernen der Sprache, Teilnahme am wirtschaftlichen Leben, Verhältnis zur Religion und die Übernahme von sozialer Verantwortlichkeit. In vielen wissenschaftlichen Disziplinen wurde mittlerweile erforscht, inwiefern die menschliche Spezies von arttypischen unbewussten Strukturen geprägt wird. Anzuführen wären hier unter anderen die Ethologie, die Anthropologie, die Linguistik, die Gehirnforschung, die Soziobiologie, die Psychiatrie, die Kognitionspsychologie, die Evolutionspsychologie und die experimentelle Traumforschung. In diesen Bereichen entstanden für archetypische Strukturen Ausdrücke wie 'angeborene Auslösemechanismen, Verhaltenssysteme, Tiefenstrukturen, psychobiologische Reaktionsmuster, tief homologe neurale Strukturen, epigenetische Regeln und Darwinsche Algorithmen'. In der analytischen Psychologie wird das Konzept der Archetypen kollektives Unbewusstes genannt. Wenn ein archetypisches Verhalten unterdrückt wird, so manifestiert sich dieses Verhalten einseitig in einem Schatten. Jung erkannte in Träumen vier Hauptkategorien von archetypischen Symbolen: den Schatten, welcher der Ich-Sphäre zuzurechnen ist und unterdrückte oder verdrängte Persönlichkeitsanteile enthält, Anima und Animus, die eigenen gegengeschlechtlichen psychischen Anteile, den alten Weisen oder die alte Weise, die Weisheitsschicht der Psyche, und den Archetyp des Selbst, welcher sowohl Ich als auch Unbewusstes umfasst, Zentrum und Umfang der Gesamtpsyche darstellt und die zentrale Selbststeuerungs- und Entwicklungsinstanz der Psyche ist. Siehe auch: Traumdeutung, Prototyp

Der Archetypus in der Philosophie

Der Begriff (lat. archetypum, gebildet zu griech. archetypon - Übersetzung: Urbild; Urform) verweist in der philosophischen Verwendung zuerst auf Platon und seinen Begriff der Idee, der damit die metaphysische Wesenheit meint, die den Dingen innewohnt. Archetypus wurde als Terminus von René Descartes und John Locke in die Philosophie eingeführt. Die Urbilder (Archetypi) sind die Grundlage für Vorstellungen. Bei Locke existieren die Urbilder auch außerhalb des erkennenden Subjekts (in: Versuch über den menschlichen Verstand). Der subjektive Idealist George Berkeley dagegen erkennt den Achetypus außerhalb des erkennenden Subjekts nicht an. Immanuel Kant verwendete den Begriff Archetypus im Zusammenhang mit „natura archetypa“. Er bezeichnete damit die urbildliche Natur, die der Mensch bloß in der Vernunft erkennt und deren Gegenbild in der Sinnenwelt die nachgebildete (natura ectypa) darstelle (in: Kritik der praktischen Vernunft).

Literatur


- Carl Gustav Jung, Lorenz Jung: Archetypen ISBN 3-423-35175-6
- Jolande Jacobi: Die Psychologie von C. G. Jung ISBN 3-596-26365-4
- Erich Neumann: Die große Mutter ISBN 3-530-60862-9
- Anthony Stevens: Vom Traum und vom Träumen ISBN 3-463-40293-9 Kategorie:Tiefenpsychologie Kategorie:Ontologie Kategorie:Erkenntnistheorie ja:元型

Kollektives Unbewusstes

Das Kollektive Unbewusste ist ein von Carl Gustav Jung geprägter Begriff aus dem Konzept seiner Analytischen Psychologie. Jung übernahm zwar aus der Psychoanalyse die Begriffe Bewusstsein und Unbewusstes, differenzierte aber letzteres in das persönliche und das kollektive Unbewusste. Das kollektive Unbewusste wird als Lagerstätte des psychischen Erbes der Menschheitsgeschichte postuliert, welches sich analog dem Körper durch die Evolution entwickelt hat und geprägt wurde. Alles was irgendwann einmal von der individuellen Psyche eines Menschen ausgedrückt wurde, ist ein Ausdruck der psychischen Grundkonstitution des Menschen, des kollektiven Unbewussten. Besonders häufige, weil immer wiederkehrende psychische Muster, formten sich zu Grundmotiven (Archetypen), die strukturierend auf die kollektive und individuelle Psyche wirkten. Sie entwickelten eine bedeutende, unwillkürliche Kraft (Numinosum), der sich keine individuelle Psyche auf Dauer entziehen kann. Dem Bewusstsein erscheinen die Archetypen als typische, häufig zu beobachtende Verhaltensmotive, die sich objektiv als kulturelle Gegenstände und/oder Rituale manifestieren. Die Motive verschiedener Märchen, Mythen und ihr Auftreten in der Kunst und im Traum in verschiedenen Epochen, Sprachen und Kulturen werden von Jung als Beweis für die Existenz dieser Archetypen herangeführt. siehe Kollektivseele und Morphisches Feld Kategorie:Tiefenpsychologie

Religion

Als Religion wird oftmals ein in größeren Bevölkerungsgruppen verankertes System von Vorstellungen über die Existenz von Gegebenheiten jenseits des sinnlich Erfahrbaren, bezeichnet. Diese in langen Traditionen entstandene Welterklärung bzw. Anleitung zur Lebensbewältigung wird in der westlichen Welt aufgrund christlicher Traditionen häufig mit der Kurzformel "Glaube" zusammengefasst. Hierbei handelt es sich um den zumeist institutionalisierten und organisierten Glauben an eine oder mehrere persönliche oder auch unpersönliche transzendente Wesenheiten, z.B. eine Gottheit, Geister und Ahnen) und/oder Prinzipien (z.B. Dao, Dhamma) und/oder andere Vorstellungen, wie z.B. Nirvana und Jenseits.

Nähere Bestimmung

Allerdings erfasst dieser westliche Ansatz einer Definition mit Hilfe des Begriffs "Glauben" nicht alle Religionen, da dieser Terminus in einigen Religionen nicht oder kaum existiert und damit nicht das eigentliche Merkmal dieser Religion sein kann. Ein weiteres Problem stellt die Bestimmung einer Gemeinschaft als Religion dar. Einige Religionen beruhen auf philosophischen Systemen, bei anderen ist die politische Orientierung oder die Spiritualität sehr ausgeprägt. Eine klare Abgrenzung ist kaum möglich, Überschneidungen finden sich in nahezu allen Religionen und insbesondere bei der Rezeption durch einzelne Menschen. Den meisten Religionen sind Heilslehren, Symbolsysteme und Rituale zu eigen. Auf diesem Hintergund werden populäre Einteilungen vorgenommen. Religiöse Vorstellungsbilder weiterzugeben und damit zu vergesellschaften, ist an die Sprachfähigkeit des Menschen gekoppelt und daher so alt wie das Sprachvermögen der Hominiden. Als Hochreligionen werden meist Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus, Daoismus, Sikhismus, Konfuzianismus, Baha'i und Shinto verstanden (siehe auch Liste der Religionen der Welt). Mit der wissenschaftlichen Erforschung von Religionen befassen sich insbesondere die Religionswissenschaft/Religionsgeschichte, die Religionssoziologie, die Religionsphänomenologie und die Religionsphilosophie.

Begriff und Etymologie

religio hatte im Lateinischen die unterschiedlichsten Bedeutungen: "Gottesfurcht", "Frömmigkeit", "Heiligkeit", aber auch "Rücksicht", "Bedenken", "Skrupel", "Gewissenhaftigkeit" oder "Aberglaube". Die weitere Etymologie des Begriffs ist nicht mit Sicherheit geklärt. religare bedeutet im Lateinischen "anbinden, zurückbinden" und auch "festhalten, an etwas festmachen". Der Begriff religio ist kein Terminus altrömischer Religion. Die frühesten Belege finden sich vielmehr erst in den Komödien des Plautus (ca. 250-184 v. Chr.) und in den politischen Reden des Cato (234-149 v. Chr.). Nach Cicero (De Natura Deorum 2, 72) geht religio zurück auf relegere, was wörtlich "wieder aufwickeln", im übertragenen Sinn "bedenken, Acht geben" bedeutet. Cicero dachte dabei an den Tempelkult, den es sorgsam zu beachten galt. Lactantius (Divinae Institutiones 4, 28) führt das Wort zurück auf religare: "an-, zurückbinden". Mögliche ursprüngliche Bedeutungen von "Religion" sind demnach "frommes Bedenken" oder die "Rückbindung" an einen von Gläubigen an- bzw. wahrgenommenen universellen göttlichen Ursprung oder an sonstiges Höheres.

Religion und Religiosität

Der Begriff religio bzw. religiosus wurde im Mittelalter vor allem für den Ordensstand benutzt. Diese Bedeutung hat der Begriff bis heute im römisch-katholischen Kirchenrecht. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren für das Wort "Religion" die Bezeichnungen fides (Glaube), lex (Gesetz) und secta (Richtung, Partei) gebräuchlich. Der heutige Begriff "Religion" wurde erst nach der Reformation eingeführt. Darunter verstand man zunächst Lehren, die je nach Auffassung, entweder richtig oder falsch sein sollten. In der Aufklärung entwickelte sich dann ein abstrakterer Religionsbegriff, auf den die gegenwärtigen Definitionsansätze zurückgehen. Im Deutschen sind die Begriffe Religion und Religiosität zu unterscheiden. Der Begriff Religiosität wird seit Ende des 18. Jh. verwendet. Religion bezeichnet demgemäß ein System - also das Äußerliche, Strukturelle, Gemeinschaftliche -, während Religiosität auf das Subjektiv-Individuelle bezogen ist, insbesondere auf das Erleben des Einzelnen.

Begriffliche Problematik

Religiosität Wichtig bei der Betrachtung der Herkunft des Wortes ist die kritische Beobachtung seiner (ideologischen) Verwendung. Abgesehen von diesen etymologischen Unsicherheiten ist der Terminus auch heute noch problematisch. Mit der europäischen "Entdeckung" bisher in der so genannten Alten Welt unbekannter Kulturen wurde der Begriff auf Sachverhalte angewendet, die zwar Ähnlichkeiten mit dem europäischen Religionskonzept haben (zum Beispiel die Gottesverehrung), in mancher Hinsicht aber auch sehr gegensätzlich sind (zum Beispiel der Ausschließlichkeitsanspruch). Diese Differenz besteht auch zu den östlichen Religionen, was z.B. an den Übersetzungen des Wortes Religion in der jeweiligen Sprache zu erkennen ist. Eine Folge ist, dass heute zwar viele verschiedene Religionen und Religionsformen bekannt und erforscht sind, jedoch eine auf alle Religionsgemeinschaften und -formen anzuwendende Definition aussteht und wahrscheinlich - wegen der heterogenen Theoriesysteme - auch in Zukunft nicht existieren wird.

Wissenschaftliche Ansätze zur Definition von Religion

Die Religionssoziologie und Religionswissenschaft untersuchen seit ca. 100 Jahren auf empirischer und theoretischer Grundlage Religionen als gesellschaftliche Phänomene. Dabei gibt es unterschiedliche Auffassungen über Definition und Funktion von Religion. In beiden Wissenschaften konnte man sich bisher auf eine wissenschaftliche Definition, die beschreibt, was Erkennungsmerkmale von Religionen sind und wann eine Weltanschauung als Religion bezeichnet wird, nicht einigen. Dennoch gab es vielversprechende Ansätze, an die die weitere Forschung anknüpfen kann. Religionswissenschaft Nach Karl Marx u. a. sind Religionen ursprünglich an eine unilaterale gesellschaftliche Praxis gekoppelt. Demnach sind Jäger-, Nomaden- und Ackerbauernreligionen (als Basalreligionen) zu unterscheiden. Nur die Nachfolger der beiden letzteren, mit dem Neolithikum entstandenen Religionen hatten noch wesentlichen Einfluß auf die heutigen Religionen Europas. Erich Fromm bildete eine weite, sozialpsychologische Definition von Religion als jedes von einer Gruppe geteilte System des Denkens und Handelns, das dem einzelnen einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet.

Religionssoziologische Ansätze


- Nach Émile Durkheim, Begründer der Soziologie, trägt Religion zur Festigung sozialer Strukturen aber auch zur Stabilisierung des Einzelnen bei. Sein Religionsbegriff ist somit ein funktionalistischer. Gemäß Durkheim ist die Religion ein solidarisches System, das sich auf Überzeugungen und Praktiken bezieht, die heilige Dinge beinhalten und in einer moralischen Gemeinschaft wie beispielsweise der Kirche, alle vereinen, die dieser angehören. Daraus ergeben sich drei Aspekte von Religion, die Glaubensüberzeugungen (Mythen), die Praktiken (Riten) und die Gemeinschaft, auf die diese bezogen sind. Durkheim bezeichnet unter anderen Faktoren den Glauben als ein Element der Macht, die die Gesellschaft über ihre Mitglieder ausübt.
- Ferdinand Tönnies unterscheidet Ende des 19. Jh. zwischen 'Gesellschaft' und 'Gemeinschaft'. Er betont die sinnstiftende Funktion von Religion als typisch "gemeinschaftlich" und erforscht ihre Symbolsysteme. Religiöse Gemeinschaften - wie andere traditionelle Gemeinschaften - dienen demnach der kulturellen Bindung des Individuums. Sie verlieren zugunsten der Prägung durch die Gesellschaft in der Moderne an Bedeutung für den Einzelnen. Als Kirche, das heißt als Institution, behalten sie jedoch hohen gesellschaftlichen Einfluss. Laut Tönnies ("Geist der Neuzeit") folgt gegenwärtig einem Zeitalter der Gemeinschaft ein Zeitalter der Gesellschaft. Die Funktion der Religion im ersteren werde nunmehr von der öffentlichen Meinung mehr und mehr übernommen.
- Max Weber, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts ausführlich mit dem Phänomen "Religion" aus soziologischer Sicht befasste, unterschied zwischen Religion und Magie. Unter Religion versteht er ein dauerhaftes, ethisch fundiertes System mit hauptamtlichen Funktionären, die eine geregelte Lehre vertreten, einer organisierten Gemeinschaft vorstehen und gesellschaftlichen Einfluss anstreben. Magie dagegen ist nach Weber lediglich kurzfristig wirksam, gebunden an einzelne Magier oder Zauberer, die als charismatische Persönlichkeiten vermeintlich Naturgewalten bezwingen und eigene moralische Vorstellungen entwickeln. Diese Abgrenzung versteht Weber als idealtypisch. Reinformen sind selten, Überschneidungen und Übergänge werden konstatiert.

Religionswissenschaftliche Ansätze


- Nach Clifford Geertz (1973) ist Religion ein kulturell-geschaffenes Symbolsystem, das versucht, dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen zu schaffen, indem es eine allgemeine Seinsordnung formuliert. Diese geschaffenen Vorstellungen werden mit einer solch überzeugenden Wirkung ("Aura von Faktizität") umgeben, dass diese Stimmungen und Motivationen real erscheinen. Solche "heiligen" Symbolsysteme haben die Funktion, das Ethos - das heißt das moralische Selbstbewusstsein einer Kultur - mit dem Bild, das diese Kultur von der Realität hat, mit ihren Ordnungsvorstellungen zu verbinden. Die Vorstellung von der Welt wird zum Abbild der tätsächlichen Gegebenheiten einer Lebensform. Die religiösen Symbolsysteme bewirken eine Übereinstimmung zwischen einem bestimmten Lebensstil und einer bestimmten Metaphysik, die einander stützen. Religion stimmt demnach menschliche Handlungen auf eine vorgestellte kosmische Ordnung ab. Die ethischen und ästhetischen Präferenzen der Kultur werden dadurch objektiviert und erscheinen als Notwendigkeit, die von einer bestimmten Struktur der Welt erzeugt wird. Die Glaubensvorstellungen der Religionen bleiben demgemäß nicht auf ihre metaphysischen Zusammenhänge beschränkt, sondern erzeugen Systeme allgemeiner Ideen, mit denen intellektuelle, emotionale oder moralische Erfahrungen sinnvoll ausgedrückt werden können. Da somit eine Übertragbarkeit