:: wikimiki.org ::
| Antisemitismus |
Antisemitismus
Antisemitismus ist ein künstlich von Judengegnern geschaffener Begriff, der Diskriminierung und Verfolgung von Juden als Gruppe begründen und rechtfertigen sollte. Er stützte sich historisch auf rassistische Vorurteile und untermauerte damit einen völkisch, nationalistisch und sozialdarwinistisch begründeten Judenhass.
Diese Ideologie formte sich nach 1789 in verschiedenen europäischen Staaten als Säkularisierung des mittelalterlichen religiösen Antijudaismus. In fast allen Ländern Europas und den USA lassen sich bis 1945 und auch danach antisemitische Tendenzen feststellen.
Besonders im deutschen Kaiserreich und in Österreich formierte sich der Antisemitismus als politische Bewegung, die im Lauf des 19. Jahrhunderts zunehmend aggressiv judenfeindliche Ziele propagierte und verfolgte. Darauf konnte der Nationalsozialismus seine Judenverfolgung aufbauen, die schließlich zum Holocaust führte.
Dieser Artikel konzentriert sich auf die Entwicklung der antisemitischen Ideologie von 1789 bis 1933. Die Rolle des Antisemitismus im „Dritten Reich" behandeln ausführlich die Artikel Holocaust und Zeit des Nationalsozialismus.
Seit 1945 ist Antisemitismus in Europa keine staatlich propagierte und praktizierte Ideologie mehr. Es existieren jedoch nach wie vor antisemitische Vorurteilsstrukturen und aggressive Tendenzen gegen Juden. Diese werden in den Artikeln Antisemitismus nach 1945 und Antisemitismusdebatte beschrieben. Ihre wissenschaftliche Erforschung in Vergangenheit und Gegenwart behandelt der Artikel Antisemitismusforschung.
Offene antisemitische Äußerungen und Handlungen gelten in der Bundesrepublik Deutschland und in der Republik Österreich nach den Erfahrungen der NS-Zeit als Straftaten: Sie können z.B. als
- Volksverhetzung,
- bei entsprechendem Material als Verbreitung von Propaganda verfassungsfeindlicher verbotener Organisationen oder Parteien oder
- bei besonderen, schwerwiegenden Bedrohungen oder Tätlichkeiten als Landfriedensbruch bestraft werden.
Überblick
Der neuzeitliche Antisemitismus definiert Juden nach ihrer Abstammung, nicht ihrer Religionszugehörigkeit. Das unterscheidet ihn vom Antijudaismus: Diese christliche Judenfeindschaft begann mit der Entstehung der Kirche seit 70 n. Chr., prägte das Mittelalter und trat nach der Aufklärung in Mitteleuropa zurück. Doch sie beeinflusste und begleitete die Entstehung des Antisemitismus, so dass sich beide Phänomene kaum voneinander trennen lassen.
Der Begriff wurde 1873 vom Journalisten Wilhelm Marr als Synonym für Judenhass eingeführt. Er richtet sich scheinbar gegen alle zur Sprachfamilie der Semiten gehörenden Völker, wurde aber nicht gegen Araber verwendet, sondern gezielt nur gegen die als „völkische Rasse" betrachteten Juden. Er wurde und wird oft dazu benutzt, eine prinzipielle, auf Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung zielende Judenablehnung zu verschleiern.
Seit dem Holocaust bezeichnet „Antisemitismus" im weiteren Sinn alle judenfeindlichen Tendenzen, die in Verbindung mit typischen, stets wiederkehrenden Klischees auftreten. Die Mechanismen, durch die pauschale Judenbilder und damit die Voraussetzung für Judenhass immer wieder entstehen, gelten als Beispiel für Bildung von Vorurteilen und politische Instrumentalisierung daraus konstruierter Feindbilder (Wolfgang Benz).
Aber während Rassismus sonst eher eine Minderwertigkeit der verachteten Gruppe behauptet, wird „den Juden" dagegen übergroßer Einfluss, Gefährlichkeit und Machtstreben bis hin zur Weltherrschaft unterstellt. Um dies zu bestätigen, verallgemeinern Antisemiten stets vermeintlich oder tatsächlich problematische Handlungen aller Art, von einzelnen Juden, jüdischen Organisationen oder Nichtjuden. Die stereotype Struktur dieses Weltbilds immunisiert sich dabei gegen außenstehende Korrektive - ein Merkmal aller klassischen Verschwörungstheorien.
Ein eigenständiges Phänomen ist jedoch, dass Antisemitismus oft „antimoderne" Bewegungen begleitet. Er lastet negative Begleitumstände von komplexen gesellschaftlichen Vorgängen wie Industrialisierung, Urbanisierung, Globalisierung etc. gern „den Juden" an und verbindet sich dabei mit anderen Ideologien wie Antikapitalismus oder Antikommunismus - bis hin zum gegenwärtigen Islamismus.
Antisemitisches Gedankengut ist in verschiedenen Ausformungen bis heute wirksam. Zur Sündenbock-Funktion trat seit 1945 ein „sekundärer" Antisemitismus, der unbewältigte sozialpolitische Defizite und unverarbeitete Schuldgefühle wieder auf die Nachkommen der Opfer zurückprojiziert. Dieses Muster existiert selbst dort, wo keine persönlichen Beziehungen zu Juden mehr existieren und nicht das Judentum, sondern ihm zugeschriebene Eigenschaften abgelehnt werden. Dann spricht man von einem „strukturellen" Antisemitismus.
Ein Arabischer Antisemitismus formierte sich schon seit 1918. Er verstärkte sich 1948 seit der Entstehung des Staates Israel und 1967 seit der Zuspitzung des Nahostkonflikts nochmals.
Die verschiedenen Zusammenhänge, übergreifenden Zeiträume und Arten des Phänomens illustrieren die Irrationalität antisemitischer Feindbilder, die sich gleichwohl über die Jahrhunderte als außergewöhnlich stabil und wandlungsfähig erwiesen haben.
Nahostkonflikt
Vorgeschichte
Die kirchliche Unterdrückung hatte das Judentum Jahrhunderte lang in ganz Europa isoliert. Zudem wurden Juden gezielt ausgegrenzt und sogar an Pogrome ausgeliefert. Erste Judengesetze, die in den folgenden Jahrhunderten ähnlich übernommen wurden, erließ Justinian 564 mit dem corpore juris. Seit dem 9. Jahrhundert schlossen christliche Zünfte die Juden von allen „ehrenwerten" Berufen aus. Seit dem 4. Laterankonzil 1215 wurden sie auch offiziell in Ghettos gezwängt.
Martin Luther sammelte in seiner Schrift Von den juden und iren lügen (Originaltitel) 1543 alle mittelalterlichen Vorurteile gegen Juden und überlieferte sie der Neuzeit. Die Reformation verstärkte die Tendenz zur Nationalreligion durch die Konfessionalisierung der Länder und die Interessengegensätze der Fürsten. Im politisch zersplitterten deutschen Sprachraum waren die Juden bis etwa 1670 aus den meisten Städten verbannt worden, konnten aber in ländlichen Regionen, Vorstädten oder als privilegierte „Hofjuden" überleben. Die Herrscher Preußens begrenzten den Zuzug jüdischer Familien streng auf die Reichsten, denen sie hohe Abgaben auferlegten. So blieben Juden in Europa zu Beginn des 18. Jahrhunderts weithin vom normalen bürgerlichen Leben ausgegrenzt.
Naturwissenschaftlicher Fortschritt und Humanismus veränderten seit dem Westfälischen Frieden von 1648 allmählich die Einstellung zur jüdischen Minderheit. Der religiös motivierte Antijudaismus erschien den Gebildeten nun als affektiver Aberglaube ohne rationales Fundament. Ihn gelte es ebenso zu überwinden wie den religiösen Judaismus.
In dieser Tradition bekämpften schon die englischen Deisten im 17. Jahrhundert das Judentum wegen seines angeblich irrationalen Offenbarungs- und Wunderglaubens, um damit zugleich das orthodoxe Christentum zu unterhöhlen. So drängte das aufstrebende Bürgertum den kirchlichen Einfluss auf die Gesellschaft zurück, übernahm aber zugleich einen Großteil der tradierten antijüdischen Denk- und Verhaltensmuster.
Indem aufgeklärte Philosophie die allgemeine Vernunft gegen den christlichen Konfessionalismus und Dogmatismus stellte, kritisierten einige Denker des frühen 18. Jahrhunderts nun auch die Haltung zum Judentum als menschenunwürdiges Unrecht. John Toland (1670-1722), englischer Freidenker, sprach sich als Erster für eine Emanzipation der Juden aus. Vor allem Moses Mendelssohn (1729-1786) kämpfte für ihre rechtliche Gleichstellung und kulturelle Integration, auch durch innere Liberalisierung der jüdischen Religion. Sein Freund Gotthold Ephraim Lessing (1729-1782) rief 1749 in seinem Lustspiel Die Juden zur Aufgabe der anachronistischen Vorurteile gegen sie auf. In seinem Drama Nathan der Weise (1779) forderte er die Toleranz der Religionen. Die Hauptfigur trug Mendelssohns Züge und setzte diesem ein Denkmal. Lessing glaubte an die Aufhebung jedes religiösen Aberglaubens durch humanen Fortschritt und die pädagogische Erziehung des Menschengeschlechts (1781); auch den „jüdischen Kinderglauben" an Tora und Talmud wollte er damit „überwinden".
Voltaire (1694-1778) führte das Christentum auf seinen jüdischen Ursprung zurück und lehnte beide Religionen von Grund auf ab. In seinem Werk finden sich wiederholt Ausfälle gegen Juden als „betrügerische Wucherer", „diebische Geldverleiher", den „Abschaum der Menschheit" usw.. Voltaire hielt diese Züge gar für angeborene, unveränderliche Eigenschaften der Juden. Trotzdem verteidigte er auch ihre Gewissensfreiheit und protestierte gegen damalige religiöse Verfolgungen.
Diderot (1713-1784) dagegen glaubte an die soziale Bedingtheit aller religiösen Erfahrung und damit an ihre Veränderbarkeit. Mit seinem Enzyklopädie-Projekt wollte er indirekt auch einen Beitrag zur Überwindung des jüdisch-christlichen religiösen „Wahns" leisten.
Ähnlich wie Voltaire urteilte der Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) über „den Juden": Er sei ...ein unersättlicher, habgieriger Betrüger, besessen von einem skrupellosen Handels- und Schachergeist..., amoralisch, gerissen, hinterhältig und schmarotzerhaft. Er halte sich für viel zu intelligent, sei ausgesprochen anpassungsfähig, nutzlos und schädlich für die Umwelt, ein Paradigma des Bösen und eine Identifikation des Minderwertigen. So verglich er die Juden in seinen Sudelbüchern öfter mit Sperlingen, die damals als schlimme Flurschädlinge galten und massenhaft bekämpft wurden.
Sogar Immanuel Kant (1724-1804), der wie Goethe jüdische Mitbürger zu seinen besten Freunden zählte und in seinem Sittengesetz biblische Grundgedanken vernunftgemäß entfaltete, nannte Juden „Vampyre der Gesellschaft" und meinte 1798:
:Die unter uns lebenden Palästinenser sind durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges... gekommen.
Er kannte wenig vom Judentum, grenzte es aber scharf gegen das überlegene Christentum ab. Er forderte von den Juden die Abkehr von ihren Ritualgesetzen und ein öffentliches Bekenntnis zu einem ethischen Gottesglauben, also zu seiner Vernunftreligion. Erst dann könnten sie Anteil an „alle(n) Rechte(n) des bürgerlichen Zustandes" erhalten.
Auch Johann Gottfried Herder (1744-1803) hielt die Juden für „verdorben", „ehrlos" und „amoralisch". Er glaubte, dass nur Erziehung sie bessern könne, und forderte kaum verhohlen die Selbstaufgabe des Judentums als Voraussetzung für seine nationale und kulturelle Integration in die jeweilige Nation. Von den wichtigen Theoretikern der Aufklärung war nur Montesquieu bereit, das Judentum in seiner Eigenart anzuerkennen.
In den verbreiteten Vorurteilen spiegelt sich die Wirkung der jahrhundertelangen kirchlichen Ausgrenzungspolitik: Sie hatte die Isolation der jüdischen Gemeinden und damit Unkenntnis und Verachtung ihrer tradierten Glaubensweisen gefördert. Zudem durften Juden lange nur die von Christen verachteten Berufe etwa im Handel und Kreditwesen ausüben.
Für die Pariser Revolutionäre von 1789 galt die Masse des Volkes, der „Dritte Stand“ im Unterschied zu Adel, Klerus und Königtum als Nation. Diese demokratische Sicht wurde außerhalb Frankreichs, besonders in Deutschland, bald von einer völkischen Definition überlagert: „Nation“ bezeichnete nicht den Rechtsstatus einer Mehrheit, sondern eine gemeinsame „Abstammung" aller. Der Begriff grenzte sich nicht gegen die eigenen oberen Stände, sondern gegen Napoleons Eroberungen und die französischen Besatzer ab.
Das richtete sich in vielen Ländern Europas dann gegen die Angehörigen aller als fremd oder feindselig empfundenen Völker. Nationalisten verbanden eine Reihe besonderer positiver und negativer Eigenschaften mit diesen und behaupteten damit einen angeblichen Nationalcharakter. Da Napoleons Herrschaft die Lage der Juden unbestreitbar verbessert hatte, entstand nun ein neues Klischee: Die Juden galten als Urheber, Drahtzieher und Gewinner der französischen Revolution. Eng damit verbunden war das Stereotyp der jüdischen Weltverschwörung und der heimatlosen „Parasiten".
1781 hatte der preußische Beamte Christian Wilhelm von Dohm eine Debatte Über die bürgerliche Verbesserung der Juden eröffnet, indem er das volle Bürgerrecht für sie forderte. Kaiser Joseph II. erließ daraufhin ein „Judenpatent", um die Juden Österreichs zu „nützlichen Staatsbürgern" zu machen.
1791 stellte die französische Nationalversammlung die Juden allen Bürgern gleich, hob damit aber auch ihre bisherigen Sonderrechte - vor allem Gemeindeautonomie und Wehrdienstbefreiung - auf. Das zwang sie zur Assimilation. In Berlin sorgte ein Gutachten Friedrich Schleiermachers 1810 dafür, dass der preußische Staat weiterhin den christlich-konfessionellen Religionsunterricht verbindlich machte. Ohne Teilnahme daran erhielten Juden keine Zugangsberechtigung zu Universitäten, so dass ihr sozialer Aufstieg weiterhin erheblich erschwert wurde. Zwar gewährte das preußische Judenedikt von 1812 ihnen einige Bürgerrechte - freie Niederlassung, Grunderwerb, Militärdienst -, schützte aber nicht ihre Religionsausübung und schloss sie weiterhin von allen Staatsämtern aus. Es galt zudem nur für die schon eingebürgerten Juden, nicht für Neuankömmlinge.
Doch 1814/15 erlaubte der Wiener Kongress jedem Staat des Deutschen Bundes, den Juden ihre von Napoleon verfügten Rechte wieder zu nehmen. Dies geschah vielfach auch. So sahen intellektuelle und assimilierte Juden nun häufiger nur noch in der christlichen Taufe das „Entreebillet zur europäischen Kultur" (Heinrich Heine), den Zugang zu akademischer Bildung und gesicherter Existenz. Juda Löw Baruch aus Frankfurt z.B. verlor 1815 seine Stellung als Verwaltungsbeamter und ließ sich 1818 auf den Namen Ludwig Börne taufen; ebenso die jüdische Autorin Rahel Varnhagen von Ense. Brendel Mendelssohn heiratete Friedrich Schlegel und wurde erst protestantisch, dann mit ihrem Gemahl katholisch.
Ab 1830 wurde die „bürgerliche Verbesserung" der Juden wie der Bauern - ihre Gleichheit vor dem Staatsgesetz und soziale Integration - auch von deutschen liberalen Demokraten gefordert, die die Ständegesellschaft abschaffen wollten. Jüdische Patrioten wie Gabriel Riesser stellten sich gegen Konversion und Emigration und kämpften stattdessen für die volle Gleichberechtigung. Er sorgte dafür, dass die Frankfurter Nationalversammlung 1848 in die Grundrechte des deutschen Volkes einen Passus zur Religionsfreiheit aufnahm:
:Durch das religiöse Bekenntnis wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt.
Diese Erfolge machte die anschließende Periode der Reaktion erneut zunichte. Erst 1869 hob ein Gesetz des Norddeutschen Bundes den Ausschluss der Juden von Staatsämtern auf. Es wurde 1871 zum Reichsgesetz des Deutschen Reichs.
Intellektuelle deutsche Idealisten und Romantiker wie Friedrich von Schlegel und Friedrich Schleiermacher waren zwar oft Demokraten und Förderer der Allgemeinbildung, zugleich aber auch glühende anti-aufklärerische Patrioten und Judengegner. Auch Johann Gottlieb Fichte äußerte 1793 in seinem später viel zitierten "Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution":
:Juden Bürgerrecht zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel als das, in einer Nacht ihnen alle die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken.
Selbst der umfassend gebildete Georg Wilhelm Friedrich Hegel widersprach zwar der volkstümelnden Romantik, sah Juden aber auch nur als Verkörperung der Entzweiung und materiellen Knechtschaft im Gegensatz zur griechisch-platonischen Freiheit des Geistes. Von ihm stammt der Satz:
:Der Löwe hat nicht Raum in einer Nuss, der unendliche Geist nicht Raum in dem Kerker einer Judenseele.
In der "Phänomenologie des Geistes" schrieb Hegel:
:Das Schicksal des jüdischen Volkes ist das Schicksal Macbeths, der aus der Natur selbst trat, sich an fremde Wesen hing und so in ihrem Dienste alles Heilige der menschlichen Natur zertreten und ermordet, von seinen Göttern endlich verlassen und an seinem Glauben selbst zerschmettert werden musste.
1811 brachte Clemens Brentano seine antijudaistische Haltung u.a. durch den Beitrag Der Philister vor, in und nach der Geschichte für die Berliner Christlich-deutsche Tischgesellschaft zum Ausdruck:
:Die Juden, als von welchen noch viele Exemplare in persona vorrätig, die von jeder ihren zwölf Stämmen für die Kreuzigung des Herrrn anhängenden Schmach Zeugnis geben können, will ich gar nicht berühren, da jeder der sich ein Kabinett zu sammeln begierig, nicht weit nach ihnen zu botanisieren braucht; er kann diese von den ägyptischen Plagen übriggebliebenen Fliegen in seiner Kammer mit alten Kleidern, an seinem Teetische mit Theaterzetteln, und ästhetischem Geschwätz, auf der Börse mit Pfandbriefen und überall mit Ekel und Humanität und Aufklärung, Hasenpelzen und Weißfischen genugsam einfangen.
Auch der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi, der „Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn und der Völkerkundler Ernst Moritz Arndt waren bekennende Judenfeinde. Sie begründeten jene Volkstums-Ideen, auf die rassistische Antisemiten später zurückgriffen. Arndt schrieb z.B. im Kontext der Zuwanderung russischer und polnischer Juden nach Westeuropa (zitiert nach Weltgeschichte im Aufriss Bd. 2, Diesterweg, Frankfurt/Main 1978, S. 191):
:...Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, daß sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden. Ich will es aber auch deswegen nicht, weil sie ein durchaus fremdes Volk sind und weil ich den germanischen Stamm so sehr als möglich von fremdartigen Bestandteilen rein zu erhalten wünsche. [...] Ein gütiger und gerechter Herrscher fürchtet das Fremde und Entartete, welches durch unaufhörlichen Zufluß und Beimischung die reinen und herrlichen Keime seines edlen Volkes vergiften und verderben kann. Da nun aus allen Gegenden Europas die bedrängten Juden zu dem Mittelpunkt desselben, zu Deutschland, hinströmen und es mit ihrem Schmutz und ihrer Pest zu überschwemmen drohen, da diese verderbliche Überschwemmung vorzüglich von Osten her nämlich aus Polen droht, so ergeht das unwiderrufliche Gesetz, daß unter keinem Vorwande und mit keiner Ausnahme fremde Juden je in Deutschland aufgenommen werden dürfen, und wenn sie beweisen können, daß sie Millionenschätze bringen.
Antijüdische Krawalle nach 1812
Die Reaktionen im Volk auf bürgerliche Emanzipation und intellektuelle Juden-Aversion ließen nicht lange auf sich warten. Besonders unter manchen Burschenschaften grassierten nationalistische und antijüdische Reflexe. Dies wurde schon 1817 auf dem Wartburgfest sichtbar. Jakob Friedrich Fries, Philosophieprofessor in Jena, hetzte seine Studenten zu einer Bücherverbrennung auf. Dabei wurde auch eine jüdische Schrift, die "Germanomanie" von Saul Asher mit dem Ruf Wehe über die Juden! ins Feuer geworfen. Dies veranlasste Heinrich Heine 1819 zu der weitsichtigen Vorhersage:
:Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.
Im selben Jahr im August breitete sich eine Serie von Krawallen von deutschen Großstädten bis Kopenhagen und Amsterdam aus. Politisch und ökonomisch unzufriedene Handwerker, Bauern und Studenten gaben die Schuld an den Problemen der frühkapitalistischen Industrialisierung den Juden. Sie plünderten und zerstörten deren Häuser und Geschäfte, steckten Synagogen in Brand, misshandelten und ermordeten Juden mit dem Kampfruf:
:Nun auf zur Rache! Unser Kampfgeschrei sei Hep, Hep, Hep! Allen Juden Tod und Verderben, ihr müsst fliehen oder sterben!
„Hep" war ein alter Kreuzfahrer-Ruf und stand für Hierosolyma est perdita (Latein: „Jerusalem ist verloren"), das auf die Massaker der Kreuzzüge anspielte. In den Flugblättern und Parolen der Krawallanten wurden Juden als „Gottesmörder" angegriffen. Hier kam die langanhaltende kirchliche Indoktrination zum Vorschein. Die Aufklärung hatte also nur eine schmale Schicht von Gebildeten erreicht, von denen auch nur wenige das Judentum und seine Emanzipation vorbehaltlos akzeptierten. Sie wurden nicht von der Masse der Bevölkerung getragen.
Die Tradition antijüdischer Hetzschriften setzte sich auch im kirchenfernen Bürgertum fort: 1821 veröffentlichte Hartwig von Hundt-Radowsky den Judenspiegel. Darin propagierte er u.a. den Verkauf jüdischer Kinder als Sklaven an die Engländer, um weitere jüdische Nachkommen zu verhindern, und schließlich unverhohlen die Vertilgung und Vertreibung aller Juden. Solche Ziele waren also schon Jahrzehnte im öffentlichen Gespräch, bevor der "Rasse"-Begriff für das Judentum aufkam.
Geschichte
Volkstums-Ideologie
Der Begriff „Semiten“ bezeichnete in der historischen Theologie des 18. Jahrhunderts die Nachfahren von Sem, des ältesten der drei Söhne Noachs (Gen. 9, 18). Eine „Völkertafel“ der Bibel (Gen. 10) erklärt eine Reihe damals bekannter Stämme und Ethnien als Nachfahren dieser Söhne. Sie teilt sie nach Herkunft und geografischen, aber nicht nach sprachlichen oder gar rassischen Merkmalen ein. Faktisch waren die auf Sem zurückgeführten Völker weder sprachlich noch ethnisch alle verwandt.
Die junge Sprachwissenschaft übernahm den Begriff für eine Sprachfamilie (Aramäisch-Hebräisch-Arabisch). In diesem Sinn benutzte ihn der deutsche Historiker Ludwig Schlötzer 1781 das erste Mal. 1816 bewies Franz Bopp die Verwandtschaft der Indogermanischen Sprachen, die er vom „Semitischen" unterschied. Kurz darauf stellte die Völkerkunde „Semiten“ und „Arier“ einander als Volksgruppen gegenüber und hob sie von anderen Volksgruppen ab.
Von da aus gingen diese Begriffe in die Terminologie der Geisteswissenschaften ein. Bald wurde Andersartigkeit verschieden gewertet. Alle positiv verstandenen Werte wurden „Ariern“ zugeschrieben, „Semiten“ wurden dagegen nur negativ charakterisiert. Aus dem vermeintlich ethnischen wurde ein welthistorischer Gegensatz konstruiert: „Arier“ galten als zur künftigen Weltherrschaft berufene Bevölkerungsgruppe, „Semiten“ als ihre zur Unterlegenheit bestimmten Konkurrenten. Obwohl letztere anfangs auch Araber mit verwandten Sprachen umfassten, meinten deutsche Antisemiten damit stets nur Juden gegenüber „Germanen“.
1860 verwendete der jüdische Gelehrte Moritz Steinschneider, der zusammen mit Leopold Zunz die Wissenschaft des Judentums begründete, erstmals den Begriff „Antisemitismus", als er den französischen Historiker und Philologen Ernest Renan wegen seiner „antisemitischen Vorurteile“ zur Rede stellte. Dieses Adjektiv nannte auch das preußische Staatslexikon von 1865, um eine dem „typisch“ Jüdischen entgegengesetzte Haltung zu kennzeichnen.
Rassismus und Vulgärdarwinismus
1853 veröffentlichte Arthur de Gobineau den Aufsatz Die Ungleichheit der Rassen, der die Theorie des Rassismus begründete. 1858 erschien die deutsche Übersetzung der Evolutionstheorie von Charles Darwin: Über die Entstehung der Arten.
Nun entstand der eigentliche Antisemitismus: Um ihren Judenhass zu untermauern und die „Judenfrage“ als Rassenproblem zu propagieren, beriefen sich Antisemiten zunehmend auf pseudo-biologische Argumentationsketten. Mit Berufung auf die moderne Genetik bezeichneten sie Semiten und Arier seit etwa 1860 immer häufiger als biologische Abstammungseinheiten. Sie definierten das Judentum nicht mehr als Religionsgemeinschaft, sondern als eigenständiges „Volk" mit eigener „Rasse“.
Das verschloss Juden jede Möglichkeit, sich durch Übertritt zum Christentum sozial anzupassen. Die freiwillige Taufe hatte sie früher meist vor weiterer Verfolgung geschützt; bei Zwangstaufen behielten andere Christen Vorbehalte gegen sie. Doch nun definierte man jeden als Juden, der von Juden - Vorfahren mit jüdischer Religion - abstammte: egal ob und wie lange er oder seine Vorfahren schon Christen waren. Damit war die Religionszugehörigkeit für Antisemiten nur noch indirekt wichtig: als pseudobiologisches Merkmal, das Judesein zum unentrinnbaren Schicksal machte. Die Juden zugeordneten negativen Eigenschaften erschienen als „Erbgut", das keinerlei Erziehung, Bildung, Integration und Emanzipation verändern könne. So wurden sie als nicht integrierbarer Fremdkörper in den europäischen Nationen dargestellt. - Darwin selbst distanzierte sich 1880 davon.
Der Rassismus verschärfte auch die allgemeine Fremdenfeindlichkeit: Er untermauerte die Ablehnung anderer Völker nach außen und ethnischer oder anderer Minderheiten nach innen. Völkisch definierte „Fremde" konnten nun als „Artfremde" eingestuft werden. So wuchs parallel zum Antisemitismus in ganz Europa z.B. die Ablehnung der Sinti und Roma oder - im Rahmen des Antislawismus - der Sorben.
Sorben
Politischer Antisemitismus im Kaiserreich
Mit der gewaltsamen nationalen Einigung von 1871 erhielt der Patriotismus die Rolle, die zerrissene bürgerlich-liberale Gesellschaft zu einen. Minderheiten, vor allem den Juden, wurde oft ein Mangel an „wahrem Deutschtum“ unterstellt. Politisch-soziale Widersprüche und ökonomische Krisen im Einigungsprozess wurden ihnen angelastet.
Auf den Börsenkrach 1870 folgte 1873 im Gefolge einer weltweiten Depression ein Gründerkrach. Während viele Kaufleute, Bauern und Bürger ihre Ersparnisse verloren und ihre Firmen aufgeben mussten, konnten Großindustrielle und Bankiers Verluste besser auffangen. Da sich unter ihnen relativ viele Juden befanden, machte der abstiegsbedrohte Mittelstand alle Juden für die Pleitewelle verantwortlich. In diesem Kontext ergriff der Antisemitismus breite Bevölkerungsschichten. Eine Fülle verschiedener sich neu bildender Vereinigungen machte diesen nun zu ihrem Programm. Sie setzten den angeblichen „Materialismus" des Judentums mit den bürgerlichen Ideen der französischen Revolution und dem Kapitalismus gleich.
Im selben Jahr verwendete der Journalist Wilhelm Marr (1819-1904) erstmals den Begriff „Antisemitismus" anstelle von „Judenhass“, um seine Ablehnung der Juden pseudowissenschaftlich zu untermauern. Damit übernahm er indirekt Gobineaus säkular-rassistische Ideen, jedoch nur zur Kennzeichnung einer strikt antijüdischen Grundhaltung: Er wollte die Juden als besondere „Rasse“ brandmarken, um sie ideologisch besser ins Visier nehmen zu können. Dabei konnte er auf schon lange bestehende kirchliche, dann auch aufgeklärte und völkisch-nationale Ablehnungsmuster zurückgreifen.
Marrs Bücher verbreiteten diese antisemitische Propaganda und fanden reißenden Absatz. Sein rassistisches Buch Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum von 1879 wurde besonders populär und erreichte 11 Auflagen. Daraufhin gründete er im selben Jahr die „Antisemiten-Liga“ als erste deutsche Gruppe, die sich dem Kampf gegen eine angebliche jüdische Bedrohung verschrieb. Ihr erklärtes Ziel war die Vertreibung der Juden aus Deutschland. Zudem gründete er das antisemitische Blatt Deutsche Wacht, das regelmäßig zweimal monatlich erschien.
Ab 1885 tauchte auch „Semitismus" in Marrs regelmäßigen Zwanglosen Antisemitischen Heften als feststehender Begriff auf. Er wurde nun zunehmend auf alle bürgerlich-liberalen Prinzipien und Erscheinungsformen bezogen. Diese zu bekämpfen wurde zum Ausdruck für patriotische Gesinnung: Wer „national" war, lehnte Demokratie und Kapitalismus (oft Manchesterliberalismus genannt) fundamental ab. Wer sie ablehnte, war damit fundamental gegen „Semitismus" - und meinte damit konkret die Juden. Sie galten als Urheber alles „Modernen" und „Schädlichen": von Aufklärung, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, Kulturaustausch, individuellem Glücksstreben.
Bis 1890 erschienen im Kaiserreich an die 500 Schriften, die sich in diesem Sinne mit der „Judenfrage“ befassten. Hinzu kamen mindestens 120 antisemitisch ausgerichtete Tageszeitungen, Monatsblätter und Vereins-Publikationen. Sie bestätigten so oder so, dass die Mehrheit der Nation mit den zugehörigen Juden ein Problem hatte.
Stärker ökonomisch argumentierte dagegen Otto Glagau (1834-1892), dessen Schriften Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin (1875) und Der Bankerott des Nationalliberalismus und die 'Reaktion' (1878) sich vor allem an die ruinierten Mittelständler wandten.
Gegen liberale Emanzipationsbemühungen kam es 1879/80 zum monatelangen Antisemitismusstreit: Der lutherische Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909) forderte in Berlin eine Begrenzung des vermeintlichen jüdischen Einflusses auf die Politik und gründete dazu die religiös-antisemitische Christlichsoziale Partei. Der Historiker Heinrich von Treitschke (1834-1896) griff dies öffentlich auf und prägte den verhängnisvollen Satz, den die Nationalsozialisten später übernahmen:
:Die Juden sind unser Unglück.
Dem widersprach vor allem sein angesehener Kollege Theodor Mommsen (1817-1903), der sich scharf gegen die allgemeine Judenfeindschaft wandte. Treitschke blieb danach an der Humboldt-Universität isoliert, und die meisten Gelehrten distanzierten sich von Marrs Liga. Doch nun war das Thema „wissenschaftlich" etabliert.
Die Antisemitenliga nutzte den öffentlichen Aufschwung ihres Themas 1881 für eine „Antisemiten-Petition", die 250.000 Bürger unterzeichneten. Sie forderte u.a. eine separate Besteuerung von Juden, ihren Ausschluss von allen Regierungsämtern, vom öffentlichen Dienst und Bildungswesen sowie ein Verbot jüdischer Einwanderung nach Deutschland. Der Initiator war der hochdekorierte Veteran des deutsch-französischen Krieges Max Liebermann von Sonnenberg (1848-1911). Er brachte die Petition in den Reichstag ein.
Im selben Jahr gründete er zusammen mit dem Lehrer Bernhard Förster (1853-1889) - einem Schwager von Friedrich Nietzsche - den patriotisch-konservativen Deutschen Volksverein sowie die Deutsche Volkszeitung. Diese half, das Schlagwort „Antisemitismus" im ganzen Deutschen Reich zu verbreiten.
Ein glühender Rassenantisemit war auch Dr. Ernst Henrici (1854-1915), der 1880 reichsweit antijüdische Hetzreden an die Landbevölkerung hielt und damit Wähler für seine Soziale Reichspartei zu gewinnen suchte. Ebenso agitierte der Lehrer Hermann Ahlwardt landesweit gegen „Junker und Juden". 1890 behauptete er in seinem Buch Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum, alle Berufe und Stände seien vom jüdischen Wucher beherrscht, belegte dies aber nur mit seinen privaten Finanzproblemen. Der als „Judenschläger" bekannte schlesische Graf Pückler rief die Bauern seiner Region auf, Juden totzuprügeln.
Ein weiterer Antisemit war der Nationalökonom Eugen Dühring (1833-1921). Sein 1881 erschienenes populäres Buch Die Judenfrage als Racen, Sitten und Kulturfrage erklärte die Kluft zwischen Ariern und Semiten für unüberbrückbar und forderte, die Juden wieder in Ghettos zu zwingen. Es zeigt auch die antikapitalistische Komponente des deutschnationalen Antisemitismus. Wie Sonnenberg sah er die Juden als „Drahtzieher" der Krisenphänomene und sozialen Missstände der Industrialisierung, wandte sich gegen ihren angeblich übermäßigen öffentlichen Einfluss und begründete dies rassistisch.
Auf dem „Antisemitischen Kongress" von 1882 versuchten diese Vertreter und etwa 400 ihrer Anhänger gemeinsame Ziele zu finden. Sie blieben jedoch untereinander zerstritten, so dass das abschließende Manifest an die Regierungen und Völker der durch das Judenthum gefährdeten christlichen Staaten keine konkreten politischen Forderungen erhob. Der zweite, von Dühring dominierte radikalere Kongress von 1886 hatte nur noch 40 Teilnehmer.
Antisemitismus gewann jedoch nun parteipolitische Brisanz: 1886 gründete Otto Böckel (1859-1923) seine Deutsche Reformpartei, die sich im selben Jahr mit weiteren Gruppen zur Deutschen antisemitischen Vereinigung zusammenschloss. Böckel saß seit 1887 im Reichstag und trug sich dort stolz als erster „Antisemit" ein. 1889 schlossen sich Stoeckers und Sonnenbergs Anhänger zur neuen Deutschsozialen Partei zusammen, Böckel gründete mit weiteren Gruppen 1890 die Antisemitische Volkspartei. Beide neuen Parteien forderten die Aufhebung der Emanzipationsgesetze, verhöhnten liberale Gleichstellungsparteien im Wahlkampf als „Judenschutztruppe“ und errangen bei den Reichstagswahlen von desselben Jahres knapp 3 Prozent der Stimmen. 1893 stellten sie zusammen 18 Abgeordnete; auch Sonnenberg erhielt nun bis 1911 ein Reichtagsmandat.
1894 vereinigten sich beide Antisemitenparteien unter Führung Böckels zur Deutschsozialen Reformpartei. Ihr Programm forderte die Aufhebung der rechtlichen Gleichberechtigung der in Deutschland lebenden Juden. Es baute auch auf den Rassentheorien von Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) auf und redete erstmals von der „Endlösung der Judenfrage". 1899 hieß es darin:
:Dank der Entwicklung unserer modernen Verkehrsmittel dürfte die Judenfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Weltfrage werden und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und endgültig durch völlige Absonderung und (wenn die Notwehr es gebietet) schließliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden.
Ihr Stimmenanteil blieb unbedeutend: Bei der Reichstagswahl 1903 errangen die Vereinigten Antisemitenparteien zusammen nur 3,5 Prozent (11 Mandate). 1907 stellten sie noch 7 Abgeordnete. Keines ihrer Ziele wurde im Kaiserreich erreicht.
Aber Antisemitismus war nicht an bestimmte Parteien gebunden. Viele Vereine und Verbände blieben fortan antisemitisch eingestellt: u.a. der Bund der Landwirte, der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband für Angestellte, die Deutsche Turnerschaft, viele Studentenverbindungen, Alldeutscher Verband, Reichskammerbund, das angesehene Offizierskorps. Über andere Themen wie etwa die Flottenaufrüstung oder Schutzzölle gegen englische Importe konnte sich das Bild der „jüdischen Ausbeuter" und ihrer „zersetzenden" Demokratie-Ideen in breiten Bevölkerungsschichten festsetzen.
Jüdische Reaktionen
1879 erklärte der jüdische Historiker Harry Breßlau, „Juden" und „Semiten" seien nicht identisch. Er werde das Wort „Jude" weiterhin verwenden, aber nur für die Herkunft, nicht die Religionszugehörigkeit von Juden:
:Um jedes Missverständnis auszuschließen, bemerke ich, dass ich diejenigen im Sinne dieser Erörterungen als Juden betrachte, deren beide Eltern als Juden geboren sind.
Damit reduzierte er Judesein seinerseits auf die Abstammung und trennte diese von der Religionszugehörigkeit. Doch diese Säkularisierung der Begriffe begünstigte nur die Gleichsetzung von Juden mit einer angeblichen „semitischen Rasse". 1895 definierte der Brockhaus „Semitismus“ als Bezeichnung für das ausschließlich vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtete Judentum.
Der jüdische Arzt Leo Pinsker bereiste unter dem Eindruck der Pogrome in Russland von 1881 ganz Europa. Er sah in dem Umsichgreifen des Rassenwahns eine „Judäophobie“, die er als eine Geisteskrankheit beschrieb: Ihm war das Erscheinungsbild vertraut, wonach sich gegenseitig verstärkende „Gewissheiten“ eine mentale Störung anzeigten. Er folgerte in seinem Aufsatz „Autoemanzipation“ 1882 daraus die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Landes und wurde damit ein Pionier des Zionismus.
Auf die vermehrte Propaganda und Parteienbildung der Antisemiten reagierten religiöse Juden und judenfreundliche Christen 1891 mit der Gegengründung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. 1893 bildeten Kreise des liberalen Bürgertums in Berlin den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Doch diese hatten auf die generelle Entwicklung kaum Einfluss und suggerierten ihren Mitgliedern nur, doch irgendwie zur bürgerlichen Gesellschaft zu hören.
Unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre in Frankreich schrieb Theodor Herzl 1896 sein Buch Der Judenstaat, das den politischen Zionismus begründete. Ein Jahr darauf berief er den 1. Zionistenkongress nach Basel ein. Doch die meisten Juden rangen weiterhin um Anerkennung und Gleichberechtigung im Kaiserreich. Folglich meldeten sich viele freiwillig zur Front, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Sie wurden oft für besondere Tapferkeit ausgezeichnet und glaubten, dass ihre Eisernen Kreuze sie vor weiteren Verfolgungen schützen könnten.
Vom Antisemitismus zum Nationalsozialismus
Eisernen Kreuze]]
Noch 1880 belegte der Begriff „Antisemitismus“ vor allem eine parteipolitische Zielsetzung gegen einen vermeintlich übergroßen jüdischen Einfluss. Nach Darwins Tod 1882 wurden dessen Theorien jedoch immer stärker rassistisch umgedeutet. So forderte z.B. Paul de Lagarde die Einheit von „Rasse und Volk“ unter Ausschluss des Judentums. Man redete nun nicht mehr von dessen negativen sozialen Einflüssen, sondern von der „Zersetzungskraft jüdischen Blutes“. Man argumentierte nun also gegen die „Vermischung“ der „Rassen“ und legte damit gedanklich eine Radikallösung nahe. Nun wurden auch „Halb“- oder „Viertel“-Juden zum Judentum gezählt, während die „arische Rasse“ immer stärker zur einheitsstiftenden Idee wurde.
1899 forderte der Brite Houston Stewart Chamberlain - ein Schwiegersohn Richard Wagners - in seinem Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts als Erster die „Reinheit der arischen Rasse“ gegen „Vermischung“. Das Buch las Kaiser Wilhelm II. persönlich seinen Kindern vor und empfahl es als Lehrstoff für die Kadettenschulen. - 1914 gingen die beiden Antisemiten-Parteien in der Deutschvölkischen Partei (DVP) des Kaiserreichs auf. Deren Hamburger Programm forderte die „völlige Absonderung“ und zuletzt die unabwendbare „Vernichtung“ der Juden als „Weltfrage“ des 20. Jahrhunderts. Diese ideologische Zuspitzung bereitete dem Nationalsozialismus den Boden.
Zunächst überlagerte der Erste Weltkrieg die innenpolitischen Fronten und band alle Deutschen in vermeintlich patriotische Pflichten ein. Dies schmälerte die Popularität judenfeindlicher Propaganda nicht: Arthur Dinter schrieb 1917 den Bestseller Die Sünde wider das Blut. Darin zeigte er, wie sehr antisemitische Stereotypen auch mit körperlichen Zuschreibungen verbunden waren. 1927 gründete er die antisemitische Geistchristliche Religionsgemeinschaft, für die er ein „judenreines" Neues Testament herausgab. Damit wurde er zum Ideengeber der späteren Deutschen Christen.
Als die Novemberrevolution 1918 das Kriegsende und die Flucht des Kaiser erzwang, traten die ungelösten sozialen Gegensätze offen hervor: Der Krieg hatte sie nur verschärft. In der Nachkriegsnot nahm der Antisemitismus neuen Aufschwung. Reaktionäre Offiziere und große Teile des Bürgertums lasteten ihre Niederlage und die Auflagen des Versailler Vertrags den „jüdischen“ Führern der Arbeiterbewegung an. Republikfeindliche Antisemiten fand man seit 1919 in mehreren rechtsextremen und bürgerlich-konservativen Parteien, vor allem in der DNVP wieder. Der gestürzte Wilhelm II. selbst forderte die „Ausrottung“ der Juden.
Ein österreichischer Weltkriegsgefreiter hatte zugehört und setzte dies 20 Jahre später in die Tat um. Adolf Hitler übernahm den Antisemitismus nach eigener Aussage vom Wiener Bürgermeister und Publizisten Karl Lueger. In einem Brief vom 16. September 1919 schrieb er seine Haltung zur „Judenfrage" nieder:
:Der Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen wird seinen letzten Audruck finden in der Form von Progromen. Der Antisemitismus der Vernunft jedoch muß führen zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte der Juden, die er zum Unterschied der anderen zwischen uns lebenden Fremden besitzt (Fremdengesetzgebung). Sein letztes Ziel aber muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.
Hitlers „Schlüsselerlebnis“ war die Revolution 1918, die er wie die meisten Nationalisten als „Dolchstoß“ von „jüdischen Verrätern“ empfand. Sein Putschversuch in München 1923 reagierte ausdrücklich auf den dortigen Versuch der Räterepublik 1918/19. 1924 schrieb er in der Festungshaft seine Autobiographie Mein Kampf: Darin bekannte er sich offen zum Programm des Antisemitismus und kündete seine Strategie an, es politisch und militärisch durchzusetzen, um die Vernichtung aller Juden zu erreichen.
Für diese Ziele fand sich jedoch längst vor der Gründung der NSDAP ein aufnahmebereites Umfeld: Große Teile der deutschen Studenten- und Akademikerschaft huldigten ungebrochen dem Antisemitismus der Kaiserzeit. Die Deutsche Burschenschaft z.B. beschloss 1921 die Ausgrenzung ihrer jüdischen Mitglieder. Mit der Propagierung der „nationalen Revolution" wurden viele Studentenverbindungen zum Steigbügelhalter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds (NSDStB). Mit diesem Schlagwort fanden preußische Konservative, bürgerliche Monarchisten, faschistische Staatsbegeisterte und Volkstumsverehrer ihren gemeinsamen reaktionären Nenner.
Nach dem verheerend schlechten Ergebnis der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1928, als sie sich mit nur 2,6 Prozent der Stimmen begnügen musste, erging die Weisung an alle Parteigliederungen, in ihrer Propaganda den Antisemitismus zurückzuschrauben, der vor allem in bürgerlichen Kreisen abschreckend wirkte. Stattdessen setzte die Partei in der Endphase der Weimarer Republik vor allem auf außenpolitische Themen wie den Young-Plan und die sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise. Sofort nach ihrer Machtergreifung verfolgten die Nationalsozialisten unter ihrem Regime ab Januar 1933 aber ihr altes antisemitisches Programm, die Juden aus der deutschen Gesellschaft zu verdrängen: In nie zuvor gekannter Schärfe und Konsequenz führten ihre Maßnahmen über Geschäftsboykotte, Emigrationsdruck, die Nürnberger Rassengesetze, Berufsverbote, die „Reichskristallnacht“, Enteignung („Arisierung"), Ghettoisierung bis zur Planung und Durchführung der „Endlösung der Judenfrage“ (Holocaust). Allein diese industriell organisierte Vernichtung des europäischen Judentums – im jüdischen Selbstverständnis Shoa („Unheil, Katastrophe“) genannt – forderte um die 6 Millionen Opfer.
Shoa
Zwar wandten sich die Nationalsozialisten im Mai 1943 per Dekret offiziell vom Begriff „Antisemitismus“ ab. Der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg gab eine neue Sprachregelung vor, um den neugewonnenen arabischen Verbündeten gegenüber nicht den Eindruck zu erwecken, man „werfe Araber mit den Juden in einen Topf“. Doch dies spielte keine Rolle für die geschaffenen Tatsachen: Der Judenmord ging unvermindert weiter und wurde sogar noch intensiviert, als mit der verlorenen Schlacht um Stalingrad und dem Kriegseintritt der USA die Kriegsniederlage feststand.
Die nationalsozialistische Ideologie und Politik zielte von Anfang bis Ende auf die
DiskriminierungDer Begriff Diskriminierung (v. lat.: discriminare = trennen) bezeichnet:
- in der Technik die Abgrenzung von Messwerten oder Einstellungen (z. B. in der Funktechnik)
- in den Wirtschaftswissenschaften die Differenzierung der Preise für verschiedene Kundengruppen (siehe Preisdiskriminierung)
- im Allgemeinen die benachteiligende Behandlung bestimmter Gruppen innerhalb eines Ganzen.
Diskriminierung in der Technik
Insbesondere in der Mess- und Elektrotechnik werden Diskriminatoren verwendet, um Signale (meist Spannungen) ober- oder unterhalb eines festgelegten Schwellenwertes zu unterdrücken. Dies ist z. B. nützlich, um Rauschen vom Nutzsignal zu trennen.
Soziale Diskriminierung
Im engeren Sinne versteht man unter Diskriminierung die Benachteiligung von Menschen oder Gruppen (zumeist Minderheiten) aufgrund von Merkmalen wie Herkunft, ethnischer, politischer oder religiöser Zugehörigkeit, sozialen Gewohnheiten, sexuellen Neigungen, Sprachen, Geschlecht, Behinderung oder äußerlichen Merkmalen wie Haut- oder Augenfarbe.
Sie steht dem Grundsatz der Gleichheit der Rechte aller Menschen entgegen und kann als ein Ausdruck von Intoleranz und dem Vorherrschen von Vorurteilen betrachtet werden.
Diese Benachteiligung kann in Einschränkungen in jeglichen Ebenen des Lebens stehen, insbesondere in Einschränkungen an der Teilnahme am öffentlichen Leben, Einschränkung der Freizügigkeit, Einschränkungen bei Ausbildung, Berufsausübung oder Entgelt.
Im Interessenkonflikt zwischen deutlich unterscheidbaren Gruppen (z. B. Rauchern und Nichtrauchern) ist die Grenze zwischen einer diskriminierenden (schlechterstellenden) Einschränkung der Selbstbestimmung und dem Schutz der Allgemeinheit eine Frage der Abwägung, die einer kontinuierlichen Neubewertung unterliegt.
Es besteht auch ein Konflikt zwischen Religionsfreiheit, staatlicher Schulpflicht und der Einschränkung der freien Religionsausübung in der Schule.
Altersdiskriminierung ist eine Diskriminierung auf Grund des Lebensalters. Während sie in der Bundesrepublik Deutschland erlaubt ist, ist sie in vielen anderen Ländern verboten. Die Altersdiskriminierung zeigt sich zum Beispiel darin, dass in der Bundesrepublik Deutschland in 41% der Betriebe niemand beschäftigt wird, der älter als 50 Jahre ist. (Quelle: Altenbericht, nach "Sächsische Zeitung" vom 31.8.2005, S.2)
Es gab in der Geschichte mehrere "große" Diskriminierungen, wie zum Beispiel der Genozid an Juden im nationalsozialistischen Regime oder der Rassismus von "weißen" gegenüber "schwarzen" Menschen in der ehemaligen Sklavenhaltergesellschaft der USA und dem ehemaligen Apartheidsregime in Südafrika.
Diskriminierende Sprache
Oft zeigt sich Diskriminierung in der Sprache, indem abwertende oder nicht neutrale Formulierungen verwendet werden. Viele versuchen, eine politisch korrekte Sprache zu verwenden. Oft genügen einfache Änderungen, um einen tatsächlich oder scheinbar diskriminierenden Gebrauch von Sprache zu vermeiden. So kann man in bestimmten Zusammenhängen Studentinnen und Studenten geschlechtsneutral zusammenfassen als Studierende. Einen feinen semantischen Unterschied macht es, ob man von „Behinderten“ spricht oder von „Menschen mit Behinderungen“. Problematisch ist dabei, dass es nicht gelingen kann, Diskriminierung durch sprachliche Änderungen zu beseitigen, solange die Ursachen nicht beseitigt sind. Neue Bezeichnungen nehmen den Charakter der alten an, wenn der alte Sachverhalt erhalten bleibt (Euphemismus-Tretmühle). Es hilft also kaum, lediglich die Bezeichnungen zu ändern. Man kann durch entsprechenden Sprachgebrauch Diskriminierung verschlimmern und verschleiern.
Typische Merkmale diskriminierenden Sprachgebrauchs sind:
- Betonung von Unterschieden
- Stereotypisierung
- abfällige und aufgezwungene Bezeichnungen
Positive Diskriminierung
Unter positiver Diskriminierung (engl. affirmative action) versteht man eine bewusste Bevorzugung von Mitgliedern einer Gruppe zum Ausgleich von behaupteten oder tatsächlichen Nachteilen
(Nachteilsausgleich: z.B. Quotenregelungen für Frauen und Menschen mit Behinderung, Erleichtern des Zuganges zu Universitäten für Schwarze in den USA). Diese positive Form der Diskriminierung ist umstritten, da sie mindestens eine formale Benachteiligung der Menschen, die das entsprechende Merkmal nicht aufweisen, umfasst.
Ein anderes Beispiel ist der Haushaltstag, der in der Bundesrepublik Deutschland nur Frauen gewährt wurde. Als Männer gegen die entsprechende Diskriminierung klagten und Gleichbehandlung einforderten, wurde der Haushalttag abgeschafft und (scheinbare) Gleichbehandlung erreicht. Eine andere Lösung wäre, dass in einer Familie die Familie selbst wählen kann, wer den Haushalttag nimmt, wie es z.B. in der DDR praktiziert wurde.
Rolle des Staates
In den meisten Staaten der Neuzeit wird es als eine der Grundaufgaben des Staates betrachtet, seine Bürger beziehungsweise Einwohner vor Diskriminierung zu schützen, weswegen Gesetze zur Vermeidung von Diskriminierung bestehen. Auf der Grundlage relativ weit gehender entsprechender europarechtlicher Vorgaben (vgl. unten: WEB-Link), die allerdings bislang nicht vollständig in deutsches Recht umgesetzt sind, bestehen in der Bundesrepublik Deutschland vor allem im Bereich des Arbeitsrechts verschiedene Anti-Diskriminierungsbestimmungen (vor allem bei Benachteiligungen wegen des Geschlechts und wegen bestehender Behinderung).
Dennoch kommt Diskriminierung in allen Staaten in den unterschiedlichsten Formen vor.
In zahlreichen Staaten wird eine systematische Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen staatlich organisiert und mittels der Gesetzgebung festgeschrieben. In diesen Fälle erhofft sich zumeist eine herrschende Gesellschaftsgruppe Vorteile von einer solchen Diskriminierung, oder sie nimmt die Nachteile für die Minderheiten billigend in Kauf.
Die Diskriminierung kann aktiv geschehen z. B.:
- Rassengesetze im Dritten Reich,
- Apartheid in Südafrika,
- Rassentrennung in den Südstaaten der USA.
Eine mögliche Maßnahme gegen Diskriminierung ist die aktive Integration (soviel wie Einbeziehung), bei der Benachteiligungen für ausgegrenzte Personen oder Personengruppen durch gezielte Erleichterungen bei der Teilnahme am öffentlichen Leben (Ausbildung, Arbeit, Kultur, ...) verringert oder verhindert werden sollen. z. B.:
- Integrationsklassen für behinderte Kinder an "normalen" Schulen.
- Staatliche Zuschüsse zur Einrichtung von Behindertenarbeitsplätzen.
- Anlegen von behindertengerechten Parkplätzen, Toiletten, Gebäudezugängen, Sitzplätzen, Einstiegmöglichkeiten in Busse u.v.m.
- Beschriftungen von öffentlichen Anlagen in Brailleschrift.
- Markierung von Gefahrstellen wie z. B. Kreuzungen und Haltestellen für Sehbehinderte durch wechselnde (meist gerippte) Bodenbeläge.
Siehe auch
- Altersdiskriminierung
- Antidiskriminierungsgesetz
- Besonderungsprinzip
- Diskriminierungsverbot
- Diversity Management
- Emanzipation
- Gleichberechtigung
- Intoleranz
- Kinderrechtskonvention
- Klassismus
- Menschenrechte
- Othering
- Rassismus
- Rassentrennung
- Religionsfreiheit
- Repression
- Schwerbehindertenrecht (Deutschland)
- Sexismus
- Speziesismus
- Vorurteil
Weblinks
- [http://europa.eu.int/eur-lex/pri/de/oj/dat/2000/l_303/l_30320001202de00160022.pdf Antidiskrimierungsrichtlinie 2000/78 EG als pdf-Datei]
- http://www.hilfsorganisationen.de/MENUE/Unterdrueckung/ - [Unterkategorie des Portals]
Kategorie:Arbeitsrecht
!
Kategorie:Politik
Kategorie:Rassismus
Kategorie:Soziales Handeln
Kategorie:Macht
ja:差別
Rassismus
Als Rassismus wird ein Vorurteil, extremer: eine Ideologie bezeichnet, die die Menschheit auf Grund realer körperlicher (wie Hautfarbe, Gesichtszüge) oder zugeschriebener Merkmale (wie vermeintliche Mentalität) in "Rassen" zu teilen versucht und unterschiedlich bewertet. Der Begriff wird als Beschreibung für eine aus dieser Überzeugung resultierende Abwertung von Personen gebraucht, die einer bestimmten "Rasse" angehören. Gegen ihn wendet sich politisch der Antirassismus.
Biologisch ist Rassismus wissenschaftlich nicht haltbar, weil die genetischen Unterschiede zwischen Menschen innerhalb einer "Rasse" im Durchschnitt quantitativ größer als die genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen "Rassen" sind.
Begriffliche Dimensionen
Im Umfeld der "Critical Theory" wird Rassismus unter den Stichworten "New Racism" und "Cultural Racism" weitgehend von der Verknüpfung an "Rassen"-Konstruktionen gelöst und als "komplexer Diskriminierung]szusammenhang" auch auf Klasse, Geschlecht, Nation, Kultur und Religion angewendet. Entsprechend wurde der Kampfbegriff "Antirassismus" vielenorts verwandt.
In der aktuellen Rassismusdiskussion besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass die kategoriale Verknüpfung von Rassismus und Rasse nicht unabdingbar ist und dass Rassismus in einem komplexen Diskriminierungszusammenhang zum Ausdruck kommt, in dem sich die Kategorien Rasse, Klasse, Geschlecht, Nation und Kultur verbinden.
Laut Albert Memmi ist Rassismus "die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden des Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen." Er betont damit einerseits den sozialen und andererseits den ideologischen Charakter rassistischer Diskriminierung. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass "die rassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied'e abstelle und das "biologische Merkmal" manchmal nur "undeutlich ausgeprägt" sei oder sogar "fehlt". Damit wird deutlich gemacht, dass der auf angeblich natürliche und körperlich sichtbare Rassenunterschiede abzielende moderne Rassismus nur eine Variante gezielter Diskriminierung darstellt.
Robert Miles hingegen versteht unter Rassismus einen "Prozess der Konstruktion von Bedeutungen", durch den "bestimmten phänotypischen und/oder genetischen Eigenschaften von Menschen Bedeutungen dergestalt zugeschrieben werden, dass daraus ein System von Kategorisierungen entsteht", in dem den Betroffenen "zusätzliche (negativ bewertete) Eigenschaften zugeordnet werden". Auch diese Definition betont den ideologischen Aspekt des Rassismus. Gleichzeitig verknüpft sie ihn aber eng mit dem "Prozess der Rassenkonstruktion" und beschränkt ihn so auf seine moderne Variante. Um letztlich unproduktiven idealtypischen Begriffsstreiterein zu entgehen, ist deswegen von Stuart Hall und anderen vorgeschlagen worden, generell von Rassismen zu sprechen und ihre jeweiligen Erscheinungsformen verstärkt konkreten historischen Analysen zu unterziehen.
Neuer Rassismus und Rasse
Seit Martin Barker den new racism untersuchte, haben sich Vorstellungen eines differentialistischen oder kulturalistischen Rassismus ohne Rassen durchgesetzt und sind von Autoren wie Etienne Balibar, Pierre-André Taguieff u. a. theoretisch weiter entwickelt worden. Damit sind rassistische Argumentationen gemeint, die auf den Rassenbegriff verzichten und statt dessen angeblich fundamentale und unüberbrückbare kulturelle Differenzen zwischen verschiedenen Menschengruppen betonen. Ihre Untersuchung hat die Erkenntnis vertieft, dass die Menschenrassen selbst keine Produkte der Natur, sondern soziale Konstruktionen sind. Das heißt nicht, dass sie reine Erfindungen wären, sondern verlangt, sie als soziale Tatsachen zu verstehen, die sich aus unterschiedlichen Elementen wie tatsächlichen oder imaginierten körperlichen Eigenschaften, unterstellten kulturellen Fähigkeiten oder zugeschriebenen ästhetischen Merkmalen zusammensetzen.
Selbst die bis heute verbreitete Einteilung der Menschen in Schwarze, Weiße, Rote und Gelbe ist eine solche Konstruktion. So zeigte Walter Demel, wie die Chinesen 'gelb' gemacht wurden, beschrieb Alden T. Vaughan die Verwandlung der Indianer in 'Rothäute' oder verfolgte Wulf D. Hund die Entwicklung des europäischen Afrikanerbildes vom 'Äthiopier' der Antike über den 'Mohren' des Mittelalters zum 'Neger' der Neuzeit. John Solomos und viele andere haben daraus den Schluss gezogen, dass "schwarz und weiß [...] keine essentialistischen Kategorien [sind], sondern [...] durch historische und politische Kämpfe um ihre Bedeutung definiert" werden und deswegen "Rasse" ein "Produkt des Rassismus ist und nicht umgekehrt".
Rasse, Klasse, Geschlecht, usw.
In der Encyclopedia of Race and Ethnic Studies heißt es unter dem Stichwort Other: "The main axis of difference is the Big Three of race, class, and gender. Representations of racial (ethnic, national) others often overlap with those of women and lower-class people". Damit wird auf die ideologischen Verbindungen verschiedener Kategorien sozialer Diskriminierung verwiesen. Der moderne Rassismus hat die von ihm konstruierten Rassen nicht nur biologisch qualifiziert, sondern auch anderen sozialen Differenzierungen unterzogen: Der vermeintlich spärliche Bartwuchs der Indianer wurde als Beweis für ihren weiblichen Charakter genommen; der europäische Kolonialismus und Imperialismus wurde zur 'Last des weißen Mannes' (white man's burden, Rudyard Kipling) stilisiert, der sich den Mühen unterziehen müsste, die angeblich unbändigen farbigen Rassen zu zivilisieren; Juden wurden zum Staat im Staate und damit zu "Fremdkörpern" in völkisch begriffenen Nationen erklärt, um ihre staatsbürgerliche Gleichstellung zu hintertreiben oder in Frage zu stellen; usw.
Formen des Rassismus
- Rassistische Vorurteile: Vorgefertigte Meinungen über Personen aufgrund ihrer Zuordnung zu einer "Rasse". Beispiel: Person A denkt, dass Person B die Eigenschaft X hat, weil sie zur "Rasse" Y gehört.
- Rassistische Diskriminierung: Die unterschiedliche Behandlung von Menschen auf Grund äußerlicher Merkmale, wie z.B. der Hautfarbe. Beispiel: Person A weigert sich, Person B einzustellen, weil Person B zur "Rasse" Y gehört.
- Institutioneller Rassismus (strukturelle Diskriminierung): Ungleichbehandlung durch öffentliche Stellen und große Organisationen aufgrund der "Rassenzugehörigkeit".
- Pseudowissenschaftliche Rassentheorien: Im Interesse politischer Kräfte entwickelte scheinwissenschaftliche Theorien, die die Überlegenheit bestimmter Rassen über andere untermauern sollen, z.B. die Hamitentheorie des Afrikanisten Carl Meinhof oder die Rassenlehre des Nationalsozialismus.
- Kultureller Rassismus: Der moderne Rassismus bedient sich oftmals des Begriffs verschiedener "Kulturen", nachdem der klassische Rassismus als unwissenschaftlich entlarvt wurde. Beispiele: "Polnische Wirtschaft" (für "großes Durcheinander"), "Araber sind Machos", "Afrikaner stinken" - der französische Philosoph Étienne Balibar nennt dieses Phänomen "Rassismus ohne Rassen". Zu diesem Rassimuskonzept gehört auch der Ethnopluralismus der Neuen Rechten um Alain de Benoist.
- Alltagsrassismus ist die Übernahme von Rassismus in alltägliche Situationen durch Denk- und Handlungsformen, die die dahinter liegenden Machtstrukturen stabilisieren und rechtfertigen. In dieser Form wird Rassismus nicht mehr hinterfragt, sondern von herrschenden Gruppen als "normal" hingenommen.
Allgemein
Diese Form der Unterdrückung und Ausbeutung ist besonders seit Beginn der Neuzeit dokumentiert, historisch aber durchaus älter. Der moderne Rassismus bildete sich in der Folge der Aufklärung im 18ten Jahrhundert heraus. Führende Theoretiker der westlichen Welt versuchten, die rassischen Unterschiede wissenschaftlich zu erklären. Ausgehend von der generellen Annahme, dass die menschlichen Rassen feststehende und unveränderbare Merkmale aufweisen würden, wie dies etwa Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel postulierten, entwickelte sich der moderne Rassismus, der bestimmten Rassen ihre Vollwertigkeit als Menschen absprach. Einer anderen Gruppe von Menschen wird damit abgesprochen, auf derselben Stufe zu stehen wie man selbst, und es wird ihr zudem abgesprochen, diese Stufe verlassen zu können.
Der Rassismus ist gegen den Begriff der Intoleranz abzugrenzen: verschiedene Formen kultureller oder religiöser Intoleranz führen zwar auch zu Ablehnung und Unterdrückung, anders als beim Rassismus aber wird die Differenz aber nicht als erblich und unveränderbar betrachtet. Durch die religiöse Konversion oder die Annahme einer anderen kulturellen Identität sei eine Integration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen möglich.
Rassismus ist ein weltumspannendes Phänomen, dass u.a. mit der Hybris von Menschen auf der einen, und mit der Gehorsamkeit von Menschen auf der anderen Seite zu tun hat. Stereotype Vorurteile, Illusionen und Klischees begleiten in der Regel diese Attitüden. Es ist deshalb zuwenig, dieses Phänomen nur auf "Exoten" anzuwenden. Rassismus betrifft generell das Verhältnis gegenüber dem "Anderen" und "Fremden". Mobbing gehört gewissermaßen in dieselbe Kategorie. Wobei es immer um eigene existentielle Ängste geht, die man verdrängt, indem man scheinbar oder offensichtlich Schwächere mehr oder weniger drangsaliert. Man sucht sich, wie schon die biblische Metapher von Kain und Abel zeigt, sogenannte Prügelknaben oder Sündenböcke zur Bewältigung des eigenen Alltags. Es geht also nicht nur um Menschengruppen, sondern auch um Aggression und Ausgrenzung gegenüber dem Einzelnen.
Die willkürliche Einteilung von Menschen in besondere Gruppen, die sich abgrenzen, ist uralt. Aber erst die Neuzeit hat versucht, Rassismus wissenschaftlich zu begründen. Die moderne Biologie und Genetik im Gefolge von Charles Darwin schien dazu Anhaltspunkte zu liefern. Die biologische Ableitung von Rassen ist jedoch gerade durch Darwins Entdeckungen gescheitert. (Ausstellung: "Alle verwandt, alle verschieden" von Ninian Hubertus van Blyenburgh). Allerdings gibt es auch heute Wissenschaftler, die einen Zusammenhang von Vererbung und Intelligenz bejahen (vgl. Volkmar Weiss: Die IQ-Falle. Intelligenz, Sozialstruktur und Politik, Graz: Leopold Stocker, 2000; der Autor ist Leiter der Deutschen Zentralstelle für Genealogie des Sächsischen Staatsarchivs und noch einige mehr: vgl. http://www.nazis-raus.de/index.php?xid=news&view=1046 oder http://www.vaybee.de/servlets/NetCommunityPersonalize?nick=&nh=0&path=/deutsch/channel/news/news_76522.html).
Die faschistischen Aufregungen darum genügten allesamt keinen wissenschaftlichen Kriterien. Seit 1995 (Unesco, Deklaration von Schlaining) wird nicht nur jede genetische, sondern auch jede soziologische Ableitung der Kategorie "Rasse" nachvollziehbar in Frage gestellt:
- Kriterien, anhand derer Rassen definiert werden, sind beliebig wählbar.
- Die genetischen Unterschiede zwischen Menschen innerhalb einer "Rasse" sind im Durchschnitt quantitativ größer als die genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen "Rassen".
- Von ausgeprägten Körpereigenschaften wie der Hautfarbe ist kein Schluss auf andere Eigenschaften und keine Bewertung derselben möglich.
Würde man die Welt auf den Spuren der Urmenschen ("Out of Africa-Theorie") erwandern, könnte man selbst leicht feststellen, dass es keine sprunghaften, also "rassenkonforme" Veränderungen gibt, sondern, dass die Übergänge bei Hautfarbe, Physiognomie und Habitus, genauso wie auch die Kulturen, fließend sind. Michael Stanzer
Die Verknüpfung von Körpermerkmalen mit Charaktertypen und deren Rangordnung ist also eine völlig willkürliche Wertung. Rassismus ist damit als unwissenschaftliche Ideologie anzusehen. Diese ist interessengeleitet und dient der Ab- und Ausgrenzung von anderen Menschen.
Nach 1945 trat offener Rassismus in der Wissenschaft zurück. Er wurde aber dennoch sozialpolitisch weiter vertreten und fälschlicherweise als Sozialdarwinismus verharmlost. Der kulturalistische "Neorassismus" versucht, die "Kultur" als gruppenspezifisch geprägten menschlichen Umgang mit der Umwelt zum natürlichen, unveränderlich der Person anhaftenden Merkmal zu erklären.
Diverse sozialwissenschaftliche Studien haben jedoch gezeigt, dass auch diese Neuauflage des Rassismus wissenschaftlich unhaltbar ist: Personen können neue Umgangsformen entwickeln, ihr Umfeld wechseln oder ihren Umgang damit verändern (siehe Migration, Integration, Multikulturalismus).
Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie im Grunde rassistisch denken und handeln.
Sie sind u.a. deshalb für eine empirische Überprüfung ihrer Annahmen meist unzugänglich, was den wahren "Clash of Cultures" bedeutet. Denn sie verallgemeinern und verabsolutieren reale oder fiktive Unterschiede zu Werturteilen, um soziale Privilegien zu rechtfertigen. Dahinter stehen oft irrationale unbewusste Ängste vor "Überfremdung", Prestige- und Machtverlust. Diese werden in Form von Aggression gegen Andere kompensiert und abzubauen versucht. Deshalb gefährdet Rassismus das menschliche Zusammenleben in jeder Gesellschaftsform.
Noch gefährlicher ist allerdings die Instrumentalisierung dieser Ängste zum Erlangen und Ausüben von Herrschaft. Solche Absichten geben dem Rassismus oft erst das soziale Umfeld, in dem er gedeihen kann. Sie tarnen sich selbst als "tolerant" und vermeiden rassistisches Vokabular zu Gunsten von unverfänglicheren Begriffen wie "Kulturunterschieden" (Rassismus ohne Rassen). So werden rassistische Verhaltensmuster verharmlost und zu "berechtigten Anliegen" aufgewertet, um eigene politische Zwecke zu tarnen.
Geschichte 1 (international)
Obschon rassistische Praktiken und der Kampf gegen sie recht alt sind, ist der Begriff Rassismus selbst relativ jung. Er wurde im Bezug auf die NS-Rassenlehre bzw. die politische Auseinandersetzung mit völkischen Theorien im Deutschland der 20er und 30er Jahre geprägt. Erstmals wurde der Begriff vom Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in einer im englischen Exil publizierten Schrift verwendet. Die erste Definition stammt von der Amerikanerin Ruth Benedikt, deren Buch "Rassismus" 1946 erstmalig in deutscher Sprache erschien.
Seither hat es zahlreiche Versuche der Neudefinition gegeben, denen eine Tendenz gemeinsam ist: Je moderner eine Definition ist, desto weniger spielt die Existenz von Rassen im biologischen Sinne eine Rolle. Ist in den ersten Definitionen noch die Existenz von Menschenrassen unumstritten und Rassismus eine Form der Verfolgung oder Selbstbeweihräucherung tatsächlicher biologisch gedachter Gruppen, so verschwindet die Bedeutung der Biologie in modernen Definitionen nahezu.
Im 20. Jahrhundert haben sich in vielen Ländern ausgeprägte Formen des modernen Rassismus herausgebildet, die zum Teil zu offiziellen Ideologien der jeweiligen Staaten wurden - Beispiele sind:
- die systematische Vertreibung und der Völkermord an der indigenen Bevölkerung Amerikas
- die Zeit der Rassendiskriminierung in den Südstaaten der USA, die zwischen 1890 und 1960 ihren Höhepunkt erreichte
- der rassistisch motivierte Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich
- die Rassengesetze der Nationalsozialisten in Deutschland und in anderen europäischen Staaten zwischen 1933 und 1945
- das Apartheid-Regime in Südafrika, das nach 1948 seine extremste Entwicklung nahm
- die Politik der australischen Regierung gegenüber den Aborigines
Die Frage, ob es im alten Griechenland und im alten Rom Rassismus gegeben hätte, wird unterschiedlich beantwortet. Auffällig ist im klassischen Griechenland, dass die Griechen die "Barbaren" gerade nicht rassistisch verabscheuten (siehe Homer, Herodot, Aischylos, Xenophon u.a.). Autoren wie David Theo Goldberg oder George M. Fredrickson verneinen Rassismus mit dem Hinweis, die Antike hätte keinen Rassenbegriff gekannt und deshalb auch keinen Rassismus hervorbringen können. Autoren wie Christian Delacampagne oder Benjamin Isaac sind anderer Auffassung und betonen, dass 1) dem Rassenbegriff analoge ideologische Konstruktionen existiert hätten und 2) Rassismus ohnehin im Kern kulturalistisch argumentieren würde. Beide verweisen ausführlich auf Aristoteles' Konstruktion des Barbaren und die mit ihr betriebene Legitimation der Sklaverei. Barbaren wurde ein minderes Menschsein zugeschrieben, weil sie nur bedingt über Vernunft verfügten.
"Proto-Rassismus" meint nach Isaac Rassismus in dem Sinne, dass Menschen oder Menschengruppen auf Grund von äußeren Umständen, die sie nicht beeinflussen können, bestimmte Charaktereigenschaften - meist Mut bzw. Feigheit im Kampf gegen äußere Feinde oder innere Unterdrücker - zugeschrieben wurden. Was dabei dem modernen Rassismus gegenüber fehlt, ist eine konsequente Theorie der Vererbbarkeit angeblich an körperliche Merkmale gekoppelter Charaktereigenschaften.
Klima-Theorie:
Antiker (Proto-)Rassismus i.w.S. zeigte sich insbesondere in Form der sog. „Klimatheorie“, die unterschiedlichen nichtgriechischen Völkern negative Eigenschaften zuschreibt. Sie spiegelt sich erstmals in der pseudo-hippokratischen Schrift „Über die Umwelt“ (lateinisch „De aeribus“, Abk.: „aer.“) und teilweise bei Herodot (beide 5. Jh. v. Chr.) Herodot macht bes. im 2. Buch, das v.a. Ägypten behandelt und oft als eigenständiges Frühwerk des Verfassers angesehen wird, klimatheoretische Aussagen, um z.B. unterschiedlicher Längenmaße der Völker zu erklären. Wahrscheinlich gab es eine ursprüngliche Klimatheorie, die von beiden Schriften rezipiert wurde; eine solche könnte etwa aus der Jh.-Mitte stammen. Im Hinblick auf die sog. „Makrokephalen“, eines mythischen Volkes, das in aer. aber als historisch beschrieben wird, wird klimatheoretischer Proto-Rassismus mit der Vorstellung der Vererbbarkeit solcher Merkmale vermengt, diese Vorstellung bleibt jedoch inkonsequent, sicher nicht zuletzt wg. des unzureichenden Wissens damaliger Zeit hinsichtlich der Erbbiologie. Der Klimatheorie ist in aer. immer die Theorie der Inferiorität von Fremdvölkern aufgrund ihrer politischen Verfassung (Despotie) beigeordnet. Welcher Faktor letztentscheidend sein soll, bleibt aufgrund einer sophistisch geprägten Rhetorik, die möglichst Anhänger beider Theorien für sich gewinnen möchte, unentschieden. Diodotus' Paradox and the Mytilene Debate, RhM 143 (2000) 161 - 178 [RhM = „Rheinisches Museum,“ eine Zeitschrift, der Artikel ist z.B. über Subito erhältlich.] >
Hautfarben - Rassismus, Haarfarben - Rassismus:
Gegen die Annahme der Existenz eines Hautfarbenrassismus in der Antike wendet sich seit den 80er Jahren Frank Snowden.
Vincent Rosivach hat 1999 betont, dass das (meist) rote und blonde Haar der Thraker und anderer Völker nördlich von Griechenland als Kennzeichen von Sklaven und von als mit solchen verbunden gedachten minderwertigen Charakterzeichen galt: Thraker bildeten die erste ethnisch geschlossene Gruppe von Sklaven im Athen archaischer Zeit, schon im frühen 6. Jh. sind sie unter Solon angekauft worden; so traten Menschen mit diesem Phänotyp in Athen fast ausschließlich als Sklaven auf; entsprechende Assoziationen seitens der restlichen Bevölkerung mussten sich einstellen. So wurden als eine offensichtliche Folge Komödienmasken mit rotem Haar ausschließlich für die Charaktere von Sklaven verwendet. „Rot-“ bzw. „Blondschopf“ waren typische Sklavennamen.
Ein bekannteres Beispiel für solche ethnisch einheitliche „cattle - slavery“ (Rosivach) ist aus klassischer Zeit die Institution der skythischen Staatssklaven (Polizeiaufgaben) seit ca. 480/70 v. Chr.; vgl. deren Bild bei Aristophanes, z.B. gegen Ende der „Themophoriazousen“ und in der „Lysistrata“ (skythische Staatssklaven mehr an Weinschänken als an Polizeiaufgaben interessiert).
Weil Sklaven in Griechenland (anders als im Orient: vgl. z.B. Ex. = 2. Mos 21,20) der Willkür ihrer Besitzer ohne rechtliche Einschränkung ausgeliefert waren, mussten sie ein Verhalten an den Tag legen, das Freien leicht als „feige“ gelten konnte < dazu: Egon Flaig, den Untermenschen konstruieren. Wie die griechische Klassik den Sklaven von Natur erfand, in: Chr. Ralf von der Hoft und Stefan Schmidt (Hrssg.), Konstruktionen von Wirklichkeit. Bilder im Griechenland des 5. u. 4. Jh. v. Chr., Stuttgart 2001, 27 - 49.>
Dichotome und graduelle Abwertung, Gender
Tendenziell galt in Athen alles, was nicht männlicher Athener war, als minderwertig. Diese dichotome Sichtweise (ugs. sehr treffend: „Schwarz - Weiß - Malerei“) wertete also Frauen und Fremde, wenigstens Nichtgriechen (panhellenischer Gedanke bes. seit Philosophie des frühen 4. Jh. nach dem Desaster des Peloponnesischen Kriegs) en bloc ab. So ist z.B. fraglich, ob versklavte Griechinnen (wie z.B. die Melierinnen nach 427) überhaupt noch als Griechinnen angesehen wurden, wenn Griechen aus Sicht ihrer eigenen Ideologie heraus überhaupt nicht unfrei sein konnten. Wenn sie also doch unfrei wurden, konnten sie womöglich nicht mehr als Griechinnen gelten, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Bei Platon gab es neben dieser dichotomen Sichtweise, die alles Unathenische als weibisch (bzw. weiblich), fremd, feige, verlogen, standpunktlos, primitiv oder dekadent abtat, einige „Argumentationshilfen“, die eine unterschiedliche Bewertung der verschiedenen Fremdvölker aus griechischer Sicht als damalige attische oder griechische communis opinio als Basis nahelegt. So setzt er in seiner „Politeia“ die drei Seelenteile in Beziehung zu den einzelnen Fremdvölkern zugewiesenen Charaktereigenschaften; ihm gelten Perser und Karthager als kriegerisch, Phönizier und Ägypter als erwerbsstrebig (Plat. pol. 435e - 436 a). Sein Schüler Aristoteles nennt die gleichen Beispiele kriegerischer Völker (Aristot. pol. 1324b 10-20). Thraker und Skythen, die beiden Fremdvölker im Norden (Thyrrener spielten merkwürdigerweise offenbar keine Rolle) werden also von beiden als kriegerisch benannt, als zum Herrschen bzw. zur besten Herrschaft geeignet nennen beide ausschließlich das eigene Volk.
Aristoteles (4. Jh.) fasst die Klimatheorie des 5. Jhs. derart zusammen, dass die Griechen aufgrund ihrer Mittellage zwischen zwei (vermeintlichen) Klima - Extremen zwischen mutigen aber stumpfsinnigen Barbaren im Nordens einerseits (erwähnte Thraker und Skythen) und feinsinnigen aber feigen Barbaren im Südostens andererseits (bes. Lyder, Phryger, Perser) beide positiven Eigenschaften hätten integrieren können, so dass sie als einziges Volk in der Lage seien, dieses Namens werte „politische“ Gemeinwesen („Polis“ = „Stadtstaat“) zu bilden. Bedeutend für den Wert der Polis ist darin, dass das Denkfähigste über das weniger Denkfähige herrsche, d.i. der Grieche über seine Frau, seine Kinder und, am Ende der Skala, seine Fremdvölker - Sklaven. Der Krieg gegen Fremdvölker sei letztlich kein Krieg - solchen könne man nur gegen Griechen führen - sondern nichts anderes als eine Jagd wie auf wilde Tiere, um diese teils zu töten, teils zu zähmen (= zu versklaven; Aristot 1255b 35-40).
Eine einfachere Differenzierung als Platon nimmt Aristoteles vor, wenn er ein Europa - Asien - Gefälle unter den nichtgriechischen Völkern postuliert: die kleinasistischen seien „sklavischer“ (Komparativ auch im grie. Orig.! Aristot. pol. 1285a 15-25).
Hinsichtlich der Körperlichkeit meinte Aristoteles, dass auf die Natur leider kein Verlass wäre. Sie gäbe sich zwar Mühe, die Körper von Freien und Sklaven verschiedenen zu gestalten, doch hätte sie damit oft keinen Erfolg. Die ihnen zugeschriebene Minderwertigkeit konnte man den Barbaren also nicht unbedingt ansehen.
China, Indien, Japan
In Asien gibt es ebenfalls weit zurückreichende Formen rassistischer Diskriminierung, die klassenbezogene und kulturbezogene Grundlagen hatten und ohne Rassenbegriff funktionierten. Die Chinesen entwickelten schon Jahrhunderte vor den Griechen kulturalistische Vorstellungen von Barbaren. Nachdem sie ursprünglich davon ausgingen, dass diese durch den Kontakt mit der chinesischen Kultur zivilisiert werden könnten, wurden sie schließlich mit Tieren verglichen, die kulturell grundsätzlich defizitär wären. Frank Dikötter hat darauf hingewiesen, dass es im Kaiserreich China eine langwährende eigene rassistische Tradition gab, ehe man dort mit dem europäischen Rassedenken in Kontakt kam.
Das gilt auch für Indien, wo Kastenschema und Unberührbarkeit mit Hilfe von organischen Metaphern (siehe Purusha) und Vermischungsverboten legitimiert wurden. Diese Biologisierung sozialer Unterschiede war durchaus nicht einzigartig. Sie wurde im Zuge der durch den europäischen Imperialismus importierten Rassentypologie und mit Hilfe des auf sie gestützten arischen Mythos einer völkischen Interpretation unterzogen, die behauptete, das Kastenschema wäre das Produkt hellhäutiger arischer Einwanderer, die die dunkelhäutige Urbevölkerung unterworfen hätten. Gail Omvedt schreibt dazu: "Punjabi Brahmans and Punjabi Untouchables were ethnically the same, and Tamil Brahmans and Tamil Untouchables were not racially different" (siehe http://wcar.alrc.net/mainfile.php/For+the+affirmative/16/).
Sozial begründete Kastendifferenzen gab es auch in Japan. Die rassistische Diskriminierung der Buraku, einer mit niederen und als unrein geltenden Tätigkeiten beschäftigten Kaste, reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Neben diesem nach innen gerichteten Rassismus gab es auch die nach außen gerichtete rassistische Diskriminerung der Ainu. Sowohl auf die Buraku als auch auf die Ainu wurde später der von den Europäern entlehnte Rassenbegriff angewandt und so, wie Richard Siddle, Michael Weiner und andere gezeigt haben, deren auf Kastendenken und Kulturchauvinismus gesützte Diskriminierung rassisiert. In allen Fällen wird deutlich, dass Rassismus ohne Rassen funktioniert und im Kern kulturalistisch bestimmt ist.
Frühes Christentum
Bereits bei den Kirchenvätern wird die Schöpfungsgeschichte als Erzählung von der gemeinsamen Herkunft aller Menschen mit Überlegungen kombiniert, die die Menschheit in sündige und gläubige Gruppen zu unterteilen trachten. Die dabei dokumentierte Feindschaft gegenüber Frauen und Juden enthält zahlreiche Elemente rassistischer Diskriminierung.
Frauen werden als den Männern nachgeordnete und ihnen gegenüber minderwertige Wesen dargestellt. Ihre Schönheit wird als äußerer Schein bezeichnet, der ein ekelhaftes Inneres verhüllte. Der Grad ihres Menschseins wird ausführlich diskutiert. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellt ein in dieser Tradition stehender Autor die Frage "Ob die Weiber Menschen seyn". (Allerdings bewiesen viele Autoren des Humanismus die grundsätzliche Gleichheit von Mann und Frau, so z. B. in Baldassare Castigliones "Il Cortegiano": Wie ein "Stein" nicht vollkommener "Stein" sein kann als ein anderer Stein, kann ein Mensch (Mann oder Frau) nicht vollkommener "Mensch" sein als ein anderer.) Die Juden werden als Gehilfen des Teufels, dauerhaft Verdammte und zur Sklaverei Verurteilte betrachtet. Sie werden mit Tieren verglichen und man schreibt ihnen einen unangenehmen Geruch zu. Ihre Synagogen werden als Bordelle und Orte des Wahnsinns bezeichnet, die in Brand gesteckt werden sollten.
Mittelalter
Der Rassismus des europäischen Mittelalters lässt sich an verschiedenen Indikatoren aufzeigen. Einmal ist es die Zeit eines umkämpften Bildes vom Afrikaner, zu dem Peter Martin Material zusammengetragen hat, das auf widersprüchliche Konzeptionen verweist, die zwischen Wolfram von Eschenbachs schöner schwarzer Königin Belakane und den schwarzen moslemischen Teufeln des Rolandsliedes schwanken. Ferner wird der Teufelsglaube zur Grundlage der Hexenverfolgungen gemacht, die Wolfgang Wippermann in einen inhaltlichen Zusammenhang mit dem späteren Rassenwahn zu bringen versucht. Schließlich stehen am Ende dieser Entwicklung mit den antisemitischen Pogromen während des ersten Kreuzzuges und der großen Pest Ideologien und Praktiken der Ausgrenzung und Vernichtung, die für Léon Poliakov und andere zur Geschichte des Antisemitismus und Rassismus gehören.
Türkengefahr
Angesichts der politischen und militärischen Stärke des Osmanischen Reiches diente die Angst vor der sogenannten Türkengefahr als wichtiges Element zur Formulierung der Einheit des Christentums und der Ausbildung der europäischen Identität. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 entstand ein umfangreiches Schrifttum, worin unter anderem behauptet wurde, die Türken wären unwissende Barbaren und es fehlte ihnen wie den Tieren an Vernunft. Um diese These angesichts ihrer kulturellen Errungenschaften begründen zu können, bedienten sich Autoren wie Georg von Ungarn, der von 1438 bis 1459 als Gefangener im Osmanischen Reich gelebt hatte, einer Rhetorik der Täuschung. Georg würdigte zunächst verschiedene Elemente der dortigen Kultur, um anschließend zu behaupten, sie wären bloßer Schein, "deliramenta et illusiones diaboli", "Wahngebilde und Vorspiegelungen des Teufels". Rassismus ließ sich auf diese Weise auch gegenüber Menschen formulieren, die als mächtiger und höherstehend empfunden wurden.
(Nach dem Niedergang des osmanischen Einflusses im 19. Jahrhundert erklärten die europäischen Orientalisten, die türkische Kultur könnte durchaus gewürdigt werden, denn sie wäre das Werk gefangener und zwangsbekehrter christlicher Arier gewesen. Als der junge türkische Nationalstaat im 20. Jahrhundert eine eigene rassische Identität aufzubauen versuchte, wurden die türkische Geschichtsthese und die Sonnensprachtheorie entwickelt. Sie besagten, dass die Türken Arier wären, die wertvollsten Elemente der weißen Rasse darstellten und für die kulturellen Errungenschaften nicht nur Ägyptens und Griechenlands, sondern auch Indiens, Chinas und selbst Mittelamerikas verantwortlich wären).
Reconquista und Conquista
Das Jahr 1492 steht mit dem Fall von Granada, der Vertreibung der Juden aus Spanien und der sogenannten Entdeckung Amerikas für eine Vermengung und Überlagerung unterschiedlicher praktischer und ideologischer Formen rassistischer Diskriminierung.
Norman Roth und andere haben eindrucksvoll gezeigt, wie der Antisemitismus in der Politik der Blutsreinheit (limpieza de sangre) gegenüber den Juden anfing, seine moderne Form anzunehmen. Zielgruppe dieser Politik waren konvertierte Neuchristen oder deren Nachkommen. Ihnen gegenüber wurde mit der Frage nach der Blutsreinheit ihre Herkunft geltend gemacht und nach bis zu einem sechzehnntel Anteil angeblich jüdischen Blutes gefahndet. Es galt sogar als gefährlich, christliche Kinder von Ammen aus konvertierten Familien stillen zu lassen, weil sich deren Milch angeblich schädlich auswirken könnte.
Die Eroberung Amerikas hatte mit dem Genozid an den Indianern und der anschließenden Verschleppung afrikanischer Sklaven gleich zwei rassistische Dimensionen. In der Auseinandersetzung zwischen Bartolomé de Las Casas und Juan Gines de Sepulveda über die Frage, ob die eingeborenen des späteren Amerika Menschen wären und wie sie behandelt werden müssten, wurde einerseits nach wie vor auf den von Aristoteles geprägten Begriff des Barbaren zurückgegriffen. Andererseits fing sich aufgrund der Herausbildung einer vielfältig gemischten Gesellschaft ein an Hautfarben orientiertes Kastensystem zu entwickeln an, das zahlreiche Blutskombinationen und Abschattierungen kannte. Imanuel Geiss hat eine der gängigen Unterteilungen dokumentiert: "Aus Spanier und Indianerin entsteht Mestize. Aus Spanier und Mestizin entsteht Kastize. Aus Kastize und Spanierin entsteht Spanier. Aus Spanier und Negerin entsteht Mulatte. Aus Spanier und Mulattin entsteht Morisco. Aus Spanier und Morisca entshet Albino. Aus Spanier und Albina entsteht Torna Atras. Aus Indianer und Negerin entsteht Lobo. Aus Indianer und Mestizin entsteht Coyote. Aus Lobo und Indianerin entsteht Chino. Aus Chino und Negerin entsteht Cambuxo. Aus Cambuxo und Indianerin entsteht Tente en el aire. Aus Tente en el aire und Mulattin entsteht Albarasado. Aus Albarasado und Indianerin entsteht Varsino. Ais Varsino und Cambuxa entsteht Campamulatte".
Amerika
Im Zuge der Eroberung Amerikas kam der Rassismus auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck: als Genozid an den Indianern, als transatlantische Sklaverei und als Errichtung eines Systems weißer Vorherrschaft.
Genozid
Der europäisch-amerikanische Kontakt hatte für die Amerikaner genozidale Folgen. Über seine erste Phase in Mittelamerika und Südamerika schreibt David E. Stannard: "By the time the sixteenth century had ended perhaps 200 000 Spaniards had moved their lives to the Indies, to Mexico, to Central America, and points further to the south. In contrast, by the time, somewhere between 60 000 000 and 80 000 000 natives from those lands were dead". Über Nordamerika schreibt Ward Churchill: "From the time Juan Ponce de León arrived in North America in 1513, [...] until the turn of the twentieth century, up to 99 percent of the continent's indiginous population was eradicated". Was das in absoluten Zahlen bedeutet, hängt natürlich von Schätzungen der ursprünglichen Bevölkerung ab. Churchill zeigt in diesem Zusammenhang, dass selbst die Statistik der Gegenwart rassistische Dimensionen hat und häufig dazu neigt, die Zahl der potentiellen Opfer herunterzurechnen. Er selbst hält es für realistisch, von ursprünglich 15 000 000 Nordamerikanern auszugehen.
Colin Tatz hat "genocide as the ultimative form of racism" bezeichnet. Das amerikanische Beispiel macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass Rassismus ohne Rassen kein neues, sondern ein altes, dem am Rassenbegriff orientierten Rassismus vorausgehendes Konzept ist. Den europäischen Völkermördern in Amerika stand der Rassenbegriff noch nicht zur Verfügung. Sie bedienten sich zur Legitimation ihres Vorgehens der überkommenen kulturalistischen Vorstellung von Barbaren als minderwertiger Menschen.
Sklaverei
Die transatlantische Sklaverei war nicht nur ökonomisch ein Dreiecksverhältnis, in dem Billigwaren, Schnaps und Waffen aus Europa gegen Sklaven aus Afrika und diese gegen amerikanische Kolonialwaren eingetauscht wurden. Sie war auch ein von der Geschichtsschreibung häufig vernachlässigtes soziokulturelles Verhältnis, in dem die Afrikaner nicht nur Opfer waren. Dieser Sachverhalt wird in jüngster Zeit unter dem durch Paul Gilroy populär gemachten Stichwort Black Atlantic verstärkt diskutiert.
Trotzdem war die transatlantische Sklaverei ein System, das, wie Orlando Patterson formuliert hat, neben ihrem ökonomischen Kalkül den "sozialen Tod" der Sklaven bezweckte. Seine Analyse macht deutlich, dass der Kern rassistischer Diskriminierung in der Zerstörung der sozialen und kulturellen Identität derer liegt, die ihr unterworfen werden. Schätzungen über die Anzahl der Betroffenen schwanken zwischen 11 000 000 und 15 000 000. Die wichtigsten Betreiber dieser Gewinn und Entmenschlichung verbindenden Politik waren im 18. Jahrhundert nach von Albert Wirz wiedergegebenen Zahlen: "1. England mit einem Anteil von 41,3 %, 2. Portugal (29, 3 %), 3. Frankreich (19,2 %), 4. Holland (5,7 %), 5. Brit. Nordamerika/USA (3,2 %), 6. Dänemark (1,2 %), 7. Schweden und Brandenburg (0,1 %)".
Weiße Vorherrschaft
Das System der white supremacy nahm in Amerika unterschiedliche Formen an, die jeweils Weißheit als zentrale Norm der Teilhabe an politischen Rechten und sozialen Entfaltungsmöglichkeiten setzten. In Brasilien schlug sie sich unter anderem in der Politik des branqueamento nieder, mit der die 'weißen' Brasilianer die 'brasilianische Rasse' verbessern und durch Zumischung von mit Hilfe von europäischen Einwanderen importierten 'weißen Blutes' das 'schwarze Element' in der brasilianischen Bewölkerung bis zum Jahre 2012 zum Verschwinden bringen wollten. In den USA kam sie nicht nur in der Politik der Rassentrennung zum Ausdruck, sondern äußerte sich auch als Verdacht ungenügender 'Weißheit' gegenüber verschiedenen europäischen Einwanderergruppen, die nur, wie Karen Brodkin für die Juden und Noel Ignatiev für die Iren beschrieben haben, in langwierigen und schmerzhaften Prozessen 'weiß werden' konnten.
In beiden Fällen zeigte sich besonders deutlich, was in der Rassismusdiskussion die soziale Konstruktion von Rasse genannt wird. Wo irische und afrikanische Amerikaner in den USA zunächst in nachbarschaftlichen Verhältnissen gut miteinander auskamen und die Vorurteile ihnen gegenüber häufiger sogar davon ausgingen, dass der "Southern Cuffee seems of a higher social grade than Northern Paddy", mussten sie ihre 'Weiße' in einem rassistischen Qualifikationsprozess, d. h. durch ebenso gewalttätige wie gehässige Absetzbewegungen von ihren ehemaligen Leidensgenossen, überhaupt erst erringen. Wo die Zuweisung von Hautfarben sich mit sozialem Erfolg änderte (wie es in Brasilien bis heute der Fall ist), konnte jemand im Verlauf seines Lebens ohne Hauttransplantation in unterschiedliche Farbklassen eingeordnet werden und demonstrierte damit, dass Rasse keine feste und natürliche Eigenschaft der Körper, sondern eine ihnen zugeschriebene soziale Qualität ist.
Imperialismus
Im Zeitalter des Imperialismus betrachteten sich die Europäer nach Victor Kiernans Worten als "the lords of humankind" und handelten auch so. An der Aufteilung der Welt beteiligten sich alle Stände, vom freigelassenen Sträfling über den bäuerlichen Siedler, vom bürgerlichen Wissenschaftler bis zum Missionar, vom adligen Offizier bis zum König. Eines der brutalsten Regime ließ Leopold von Belgien im Kongo errichten. In Australien führte der Rassismus der Arbeiterbewegung zur exklusiven 'weißen' Staatsgründung. In Ostasien fiel das europäische Vorbild auf fruchtbaren Boden und ließ sich Japan als Hoffnung der farbigen Rassen präsentieren, in den USA wurde die Ideologie des "manifest destiny" auf imperiale Politik übertragen und als Zivilisationsmission ausgegeben.
Theoretisch begleitet wurde diese Politik von der Theorie der Lebensunfähigkeit der primitiven Rassen. Nach der sozialdarwinistischen Doktrin waren sie dem Kampf ums Dasein nicht gewachsen und zum Untergang verurteilt. Viele Europäer waren überzeugt, dass die Welt binnen kurzem nur noch von ihnen bevölkert sein würde.
Die belgischen Verbrechen im Kongo ("Kongogräuel") spielten sich unter den Augen der gesamten sogenannten Zivilisation ab. Sie dienten der Ausplünderung eines riesigen Gebietes und der privaten Aneignung der mit Kautschuk, Elfenbein und Palmöl gemachten Gewinne. Die einheimische Bevölkerung wurde mit Terror zur Zwangsarbeit gepresst. Unmenschliche Arbeitbedingungen und gewalttätige Willkür forderten eine gewaltige Zahl an Opfern. Die Politik der Entmenschlichung wurde mit der Behauptung legitimiert, dass die Afrikaner, wenn nicht halbe Tiere, so doch völlig kulturlose Wesen wären, die mit Gewalt zur Arbeit gezwungen werden müssten. Der britische Journalist und Abenteurer Henry Morton Stanley lobte in diesem Zusammenhang das Maschinengewehr als Werkzeug der Zivilisation. In Joseph Conrads Erzählung | | |