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| Auslautverhärtung |
AuslautverhärtungUnter Auslautverhärtung versteht man das Stimmloswerden stimmhafter Obstruenten im Silbenauslaut.
Auslautverhärtung tritt beispielsweise im Deutschen auf (das Wort Rad wird wegen der Auslautverhärtung gleich ausgesprochen wird wie das Wort Rat), im Polnischen, im Russischen, Türkischen, im Niederländischen oder im Altfranzösischen.
Deutsch
Die Auslautverhärtung betrifft im Deutschen folgende Konsonantenphoneme: die Plosive //, die Frikative // sowie die Affrikate //.
Beispiele:
- reiben [] vs. rieb []
- Süden [] vs. Süd(ost) []
- schweigen [] vs. schwieg []
- Lose [] vs. Los []
- brave [] vs. brav []
Dabei handelt es sich um eine kontextabhängige Neutralisation einer phonologischen Opposition, denn die Phoneme // und // stehen im Deutschen ansonsten in Opposition zueinander, wie sich an Minimalpaaren zeigen lässt:
- Bulle : Pulle
- Dorf : Torf
- geil : Keil
- weise : weiße
- Wall : Fall
Weil in den südlichen Varietäten des Deutschen die Lenis-Phoneme // stimmlos sind, lässt sich die deutsche Auslautverhärtung besser als eine Aufhebung der Opposition zwischen Lenis und Fortis beschreiben als zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten.
Die Auslautverhärtung ist im Deutschen eine grundlegende und produktive phonologische Regel, vergleichbar z.B. mit der Aspiration stimmloser Plosive im Deutschen (Pardon! wird z.B. "automatisch" mit behauchtem p gesprochen, auch dann, wenn sonst die französische Aussprache mit Nasalvokal beibehalten wird). Das heißt, dass die Auslautverhärtung (und die partielle regressive Assimilation) selbstverständlich auch für neue Wörter und Phoneme gilt (z.B. bei der Fremdwortintegration: Klub, Grog, jogg!, Trend, Standard, Blues, brav, kurv!, oder bei der Verwendung regionalsprachlicher Wörter im Hochdeutschen: z.B. stow!). Auch wenn neue Obstruenten-Phoneme aus anderen Sprachen ins deutsche Phonemsystem integriert werden, sind sie der Auslautverhärtung (und der partiellen regressiven Assimilation) unterworfen (so beim stimmhaften sch-Laut // und der Affrikate //: orange, orangefarben, manag(e)!, gemanagt, die jedoch in vielen Varietäten der deutschen Standardsprache sowieso immer stimmlos sind).
Die Auslautverhärtung dürfte in der Zeit des Übergangs vom Alt- zum Mittelhochdeutschen eingesetzt haben. Sie ist heute in den meisten deutschen Dialekten anzufinden, mit Ausnahme der hoch- und höchstalemannischen sowie der südbairischen. Im Gebiet der binnenhochdeutschen Konsonantenschwächung verschwindet die Opposition von Fortis und Lenis nicht nur im Auslaut, sondern auch im Anlaut oder in jeder Position.
Die heutige Orthographie des Deutschen spiegelt die Auslautverhärtung nicht wieder (vgl. die Beispiele oben), sie bevorzugt das sogenannte Stammprinzip (ein Wortstamm wird, soweit es geht, immer gleich geschrieben, vgl. auch Rechtschreibreform von 1996). Im Mittelhochdeutschen dagegen war es noch üblich, der Auslautverhärtung in der Schrift Rechnung zu tragen, so finden sich Schreibweisen wie <tac> vs. <tages> ("Tag"), <nît> vs. <nîdes> ("Neid") usw.
Ein vergleichbares Phänomen findet sich synchron im dem Deutschen verwandten Niederländischen, nicht aber im ebenfalls verwandten Englischen. Deutsche Muttersprachler werden deshalb beim Sprechen fremder Sprachen leicht durch ihren dadurch verursachten typisch deutschen Akzent identifiziert, wenn sie also die Auslautverhärtung auch in den Sprachen praktizieren, wo sie nicht vorkommt. Siehe: Muttersprachliche Interferenz.
Altfranzösisch
Im Altfranzösischen existierte eine Auslautverhärtung. Diese ist zum Teil heute noch sichtbar, z. B. in:
- neuf [] 'neu (m.)' vs. neuve [] 'neu (f.)'; bœuf [] "Rind; Ochse" und nef [] "Kirchenschiff" aus lat. novum, bovem bzw. navem;
- nur noch graphisch ist dieselbe Verhärtung auch bei anderen franz. Wörtern auf (heute in der Aussprache verstummtes) -f vorhanden, vgl. clef "Schlüssel"; cerf "Hirsch"; nerf "Nerv" aus lat. clavem, cervum bzw. nervum.
- grand "groß" (aus lat. grandem) wurde im Altfranzösischen noch <grant> geschrieben, dann aber in der Schrift zu <grand> relatinisiert; die stimmlose Aussprache hat sich bei Zusammensetzungen gehalten, vgl. un grand homme [] "ein großer Mann" bzw. grand-oncle [] "Großonkel".
Türkisch
historisch:
- Arabisch: Ahmad --> türkisch: Ahmet
- Arabisch: Muhammad --> türkisch: Mehmet
synchron: orthografisch wird die Auslautverhärtung wiedergegeben, z.B.
- Dativ: kebaba (gebratenes Fleisch) - Nominativ: kebap; selbstverständlich auch in Fremdwörtern: klübe - klüp (Klub)
- gidece - git
- Genitiv: birliği - Nominativ: birlik
Jedoch ohne Verhärtung des v [] zu f oder des z [] zu s []:
- eve (nach hause) - ev (Haus)
Literatur
- Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft, Stuttgart ³2002.
- Paul/Schröbler/Wiehl/Grosse: Mittelhochdeutsche Grammatik, 24. Aufl., Tübingen 1998.
- Duden, Die deutsche Rechtschreibung, 23. Aufl., Mannheim 2004.
- Duden, Das Aussprachewörterbuch, 4. Aufl., Mannheim 2000.
Kategorie:Phonologie
StimmlosigkeitStimmlos ist ein Begriff der Phonetik und beschreibt, welche Rolle die Stimmlippen bei der Aussprache eines Lautes spielen. Stimmlos bedeutet, dass die Stimmlippen so weit auseinander liegen, dass der Phonationsstrom ungehindert durch die Stimmritze fließen kann und sie nicht schwingen. Stimmlos ist das Gegenteil von stimmhaft. Ein stimmloser Laut ist beispielsweise [] aus Fass. Stimmhafte Laute, insbesondere Sonoranten, sind durch den Klang der Stimme geprägt, während bei stimmlosen Lauten wie etwa Frikativen Geräusche vorwiegen.
Im Spektrogramm zeigt die Abwesenheit einer periodischen Komponente einen stimmlosen Laut an. In diesem Zusammenhang ist die unter der Bezeichnung VOT
(engl. Abkürzung für Voiced Onset Time) bekannte Charakteristik des Stimmtoneinsatzes wichtig. Mit VOT bezeichnet man den zeitlichen Abstand zwischen dem Beginn der Stimmlippenschwingung und dem Einsatz des Geräusches durch die Verschlusslösung eines Plosivs. Setzt der Stimmton nach dem Geräuscheinsatz ein, so handelt es sich um einen positiven VOT und der Laut wird als stimmlos eingeschätzt.
Bei isolierten stimmlosen Plosiven ist der Moment der Stille entscheidend.
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Siehe auch: Stimmhaftigkeit, Fortis, Lenis
Kategorie:Phonetik
ja:無声音
ko:무성음
StimmhaftigkeitStimmhaft ist ein Begriff der Phonetik und beschreibt, welche Rolle die Stimmbänder bei der Aussprache eines Lautes spielen. Stimmhaft bedeutet, dass die Stimmlippen sich fast verschließen, sodass sie schwingen. Stimmhaft ist das Gegenteil von stimmlos.
Stimmhafte Laute sind in den meisten Sprachen die Sonoranten: Vokale sowie Nasale ([, , ]), Liquiden ([, ]) und Approximanten ([, , ]). In vielen Sprachen gibt es auch stimmhafte Obstruenten ([, , , , , ]).
Im Deutschen kommen stimmhafte Obstruenten nur in den mittleren und nördlichen Varietäten vor, während in den südlichen Varietäten alle Obstruenten stimmlos sind. Daher spricht man beim Deutschen oft nicht von stimmhaften und stimmlosen Obstruenten, sondern von Lenis und Fortis.
Wenn man beim Sprechen eines stimmhaften Lauts die Hand an den Kehlkopf hält (beispielsweise beim Mau im Wort Maus), dann verspürt man eine Vibration, und wenn man sich die Ohren zuhält, dann hört man ein Dröhngeräusch. Beim stimmlosen s im Wort Maus ist beides nicht der Fall.
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Siehe auch: Stimmlosigkeit, Lenis, Fortis
Kategorie:Phonetik
ja:有声音
ko:유성음
ObstruentAls Obstruent werden Sprachlaute bezeichnet, bei denen eine Verengung gebildet wird, die den Phonationsstrom durch Nase oder Mund behindert.
Zur Klasse der Obstruenten gehören Plosive, Affrikaten und Frikative.
Obstruenten zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht sonorant sind.
Kategorie:Artikulationsart
SilbeDie Silbe (v. lat.: syllaba, griech.: συλλαβή zu einer Einheit zusammengefasste Laute) ist ein grammatischer beziehungsweise linguistischer Begriff, der eine Einheit aus einem oder mehreren aufeinanderfolgenden Lauten (Phonemen) bezeichnet, die sich in einem Zug aussprechen lassen (Sprecheinheit). Sie stellt die kleinste Lautgruppe im natürlichen Sprechfluss dar. Sie ist eine phonetische und keine Sinneinheit. Das bedeutet, dass die Einteilung in Silben oft nicht mit der Einteilung in bedeutungstragende Einheiten (Morpheme) übereinstimmt.
Jedes phonologische Wort lässt sich in Silben unterteilen - diese Unterteilung dient als Basis für ihre Trennung am Zeilenende (Silbentrennung) und wird durch einen Trennstrich gekennzeichnet (beispielsweise Faul-heit, Weis-heit, Sil-be, lus-tig, Lü-cke, wa-rum, Chi-rurg). In der Lyrik und jeder anderen Versdichtung konstituiert der Wechsel aus betonten und unbetonten Silben das Metrum. In diesem Zusammenhang wird eine vom Metrum geforderte betonte Silbe als Hebung, eine unbetonte als Senkung bezeichnet.
Zwar hat jede Sprache eigene Regeln für den Aufbau ihrer Silben, aber einige davon gelten universell: Eine Silbe muss immer genau einen Silbengipfel enthalten. Das ist meistens ein Vokal oder Doppelvokal (Diphthong). Zusätzlich kann sie einen oder mehrere Konsonanten aufweisen. Manche Sprachen (z.B. Deutsch) erlauben in unbetonten Silben auch sonore Konsonanten wie Nasale oder Liquiden als Silbengipfel.
Als silbisch bezeichnet man einen Konsonanten, wenn er in einem Wort Silbenträger ist. Beispiel ist das Wort "Laden" [] mit silbischem /n/
Die Sprache mit den wenigsten möglichen Silben der Welt (162) ist die Hawaiianische Sprache.
Kategorie:Phonetik
Kategorie:Grammatik
ja:音節
ko:음절
simple:Syllable
Polnische Sprache
Die Polnische Sprache (Polnisch, poln. język polski) zählt zur lechitischen Gruppe der westslawischen Sprachen, einer Untergruppe der indogermanischen Sprachfamilie.
Sie ist eng verwandt mit dem Kaschubischen, dem Tschechischen, dem Slowakischen und dem Sorbischen (das von einer in Deutschland lebenden Minderheit gesprochen wird).
Polnisch ist die Landessprache Polens. Weltweit weist sie fast 46 Millionen Sprechern auf. Bedeutende polnische Minderheiten gibt es in Litauen, Weißrussland und der Ukraine. Zudem ist Polnisch die Muttersprache von etwa zehn Millionen Sprechern in den USA, ferner in Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aber auch in Kanada, Deutschland und Frankreich.
Dialekte
Zu den polnischen Dialekten gehören Kleinpolnisch (Südostpolen mit Krakau), Schlesisch (im Südwesten), Masowisch (Nordostpolen mit Warschau) und Großpolnisch (im Norden und Westen). Das Kaschubische (im Norden) ist eine eigenständige westslawische Sprache, aber insbesondere in der polnischen Literatur auch als polnischer Dialekt zu finden. Das Góralische ist ein Übergangsdialekt vom Polnischen zum Slowakischen, der im äußersten Süden Kleinpolens und in Teilen des slowakischen Gebiets Orava gesprochen wird.
Geschichte
Die ältesten, heute bekannten polnischen Schriftzeugnisse sind Namen und Glossen in lateinischen Schriftstücken, insbesondere in der Bulle von Gnesen des Papstes Innozenz II. von 1136, in der fast 400 einzelne polnische Namen der Ortschaften und Personen auftauchen. Den ersten geschriebenen vollständigen Satz fand man dagegen in der Chronik des Zisterzienserklosters in Henryków bei Wrocław. Unter den Einträgen des Jahres 1270 lesen wir die Aufforderung eines Mannes zu seiner mahlenden Frau. "Daj, ać ja pobruszę, a ty poczywaj", was in der Übersetzung lautet: "Lass mich jetzt mahlen, und du ruh dich aus."
Zu den frühesten Denkmälern der polnischen Sprache gehören die "Bogurodzica" – die erste polnische Hymne, die "Heilig-Kreuz-Predigten", der "Florianer Psalter" und die "Gnesener Predigten". Später wurden auch religiöse Texte aus dem Lateinischen ins Polnische übertragen, beispielsweise der Psałterz Floriański ("Florianer Psalter") aus dem 14. Jahrhundert. Im 15. Jahrhundert wurde der zunächst bestehende Einfluss des Tschechischen zurückgedrängt, und das Schriftpolnische emanzipierte sich vom Lateinischen. Nachdem Polnisch bis zum 16. Jahrhundert überwiegend von Geistlichen geschrieben wurde, verbreitete es sich in der Folgezeit auch bei Adel und Bürgertum.
Die moderne polnische Literatursprache entwickelte sich im 16. Jahrhundert auf der Grundlage von Dialekten, die in der Gegend von Poznań (Posen) im Westen Polens gesprochen wurden. Aus dieser Zeit stammen die Eulenspiegelliteratur sowie die Chronikliteratur von Marcin Bielski und die Prosaschriften von Mikołaj Rej. Ihr hohes sprachliches Niveau lässt auf eine lange gesprochene Tradition des Polnischen auf dem Königshof, in der staatlichen Verwaltung wie auch in der weltlichen und kirchlichen Rhetorik schließen. Im 16. Jahrhundert erreichte die polnische Sprache einen Stand, der sie wegen ihres Reichtums und ihrer Geschmeidigkeit zu den wichtigsten Sprachen Mitteleuropas aufsteigen lies. Die Gebildeten der Renaissance kämpften um die weitere Entwicklung des Polnischen und seine Durchsetzung gegenüber dem Latein. "Gesagt sei´s allen Völkern außerhalb, der Lache (Pole) ist keine Gans, auch er hat seine eigene Sprache!" lautete die berühmte Maxime des als Vater der polnischen Literatur geltenden Mikołaj Rej aus dem Jahre 1562.
Im Polnischen gibt es eine Reihe von Lehnwörtern aus dem Alttschechischen und Mittelhochdeutschen sowie aus dem Lateinischen; in jüngerer Zeit gingen Einflüsse auf die polnische Sprache insbesondere vom Weißrussischen, Ukrainischen, Deutschen, Französischen und Englischen aus.
Alphabet
Polnisch wird von Anfang an mit dem lateinischen Alphabet geschrieben (vgl. andere slawische Sprachen) und benutzt zur Wiedergabe der polnischen Laute diakritische Zeichen.
Das polnische Alphabet besteht aus 32 Buchstaben und lautet vollständig:
A, Ą, B, C, Ć, D, E, Ę, F, G, H, I, J, K, L, Ł, M, N, Ń, O, Ó, P, R, S, Ś, T, U, W, Y, Z, Ź, Ż.
Ą, Ę, Ń und Y kommen nie am Wortanfang vor, deshalb sind die entsprechenden Großbuchstaben sehr selten und werden nur dann verwendet, wenn das ganze Wort in Großbuchstaben geschrieben wird. Q, V und X werden nur bei Fremdwörtern benutzt, die noch nicht polonisiert wurden.
Im Lauf seiner Entwicklung ging im Polnischen die Unterscheidung von langen und kurzen Vokalen verloren, und der Wortakzent festigte sich auf der vorletzten Silbe.
Zur Aussprache von h und ł:
In einigen Regionen ist eine abweichende Aussprache anzutreffen:
- ł - apico dental (ähnlich der Aussprache von л im Russischen)
- h - als stimmhaftes pharyngales Frikativ [] - allerdings artikuliert im Larynx .
Diese Aussprache gilt als korrekt, wird auch vereinzelt von (älteren) Schauspielern verwendet.
Noch im 19. Jahrhundert galt diese Aussprache als einzig korrekte.
r wird als „gerollter“ Zungenspitzlaut [] also (alveolarer Vibrant), ein Zäpfchen-R [] (uvularer Vibrant), wie auch ein Zungenseitenlaut, gilt streng genommen als (häufiger) Aussprachefehler.
Grammatik
Das Polnische hat eine sehr freie Wortstellung, tendiert jedoch langsam zur Verbzweitstellung.
Es gibt zwei Numeri:
- Singular
- Plural
- Dual.
Es gibt fünf Genera:
- Personalmaskulinum (beschränkt auf männliche Personen)
- belebtes Maskulinum
- unbelebtes Maskulinum
- Femininum
- Neutrum
Polnisch verfügt über ein gut ausgebautes Formensystem und hat das altslawische Kasussystem bewahrt: sechs Kasus für Nomen, Pronomen und Adjektive und ein siebter Kasus, der Vokativ, für Nomen und Pronomen, der in der direkten Anrede gebraucht wird.
Im Polnischen werden Substantive – im Gegensatz zum Deutschen – grundsätzlich klein geschrieben, Ausnahmen sind Eigennamen und Satzanfänge. Es werden wahrnehmbare und nicht wahrnehmbare (abstrakte Objekte oder Eigenschaften) sowie belebte (personale) und unbelebte (nichtpersonale) Substantive unterschieden. Dies ist für die Deklination sehr wichtig.
Fast alle Adjektive werden nach einem Grundmuster dekliniert. Es gibt zwei Arten von Adjektiven:
- weichstämmige, die auf einen weichen Konsonanten oder auf k bzw. g auslauten, haben die Endung -i
- hartstämmige (alle anderen) haben die Endung -y
Verben werden nach Person, Numerus und Genus flektiert. Das Tempussystem hat eine Vereinfachung erfahren, indem drei alte Tempora (Aorist, Imperfekt und Plusquamperfekt) aufgegeben wurden. Das Präteritum ist die einzige Vergangenheitsform, die in der Alltagssprache gebraucht wird. Sehr selten vor allem in der Schriftsprache wird noch Plusquamperfekt verwendet - und ist schon mehr oder weniger veraltet.
Präpositionen sind unveränderlich und bilden zusammen mit einem Substantiv oder einem Pronomen eine Sinneseinheit.
Mehr über polnische Grammatik gibt es in den Wikibooks
Wie jede lebendige Sprache unterliegt auch das Polnische im Laufe der Zeit normalen Entwicklungen und Veränderungen, sowohl in der Grammatik wie auch im Wortschatz. Manche Änderungen werden tief in die Sprache verwurzelt, andere wiederum haben kaum einen Einfluss oder geraten in Vergessenheit.
Änderungen
in der Dialektstruktur
Die Dialekte der polnischen Sprache vereinheitlichen sich im Zusammenhang mit der Umsiedlung der Bevölkerung nach dem zweiten Weltkrieg, der Verstädterung, den Einflüssen der Massenmedien und der Bildung, die im allgemeinen Dialekt durchgeführt wird, immer mehr. Die Dialekte sind in der jüngeren Generation kaum ausgeprägt, davon ausgenommen sind jedoch der gorallische und der schlesische Dialekt, denen im Augenblick das Aussterben nicht droht, doch die Allgemeinheit spricht im gemeinsamen Dialekt.
in der Grammatik
Eine gegenwärtig zu beobachtende Veränderung besteht darin, dass die maskuline unbelebte Sachform durch die maskuline belebte Sachform ersetzt wird. Viele Wörter, die bisher als eindeutig unbelebt betrachtet wurden, werden umgangssprachlich, vor allem in der Jugendsprache, als belebt angesehen. Es äußert sich dadurch, dass der Akkusativ dem Genitiv gleicht, und nicht wie bisher, dem Nominativ. Sehr oft (noch in der Umgangssprache) anzutreffende Formen sind „mieć pomysła“ (eine Idee haben) oder „obejrzeć filma“ (einen Film ansehen). Doch die meisten Neologismen und Fremdwörter, die sich auf nichtmaterielle oder nichtwahrnehmbare Begriffe beziehen, nehmen auch in der offiziellen Sprache die maskuline belebte Sachform an. Beispiel: „dostać e-maila/SMSa” (eine E-Mail/SMS bekommen).
im Wortschatz
Es werden immer mehr Wörter aus dem Englischen entliehen. Gleichzeitig verschwinden viele französische und russische Fremdwörter. Eine interessante Erscheinung ist die Änderung mancher französischer Fremdwörter von der französischen in die englische Aussprache, z. B. wird image wie im Englischen imidż ausgesprochen und nicht wie im Französischen imaż.
in der Phonetik
Da immer mehr Wörter aus dem Englischen mit seiner unterschiedlichen Sprachstruktur entliehen werden, verbreiten sich in diesem Zusammenhang immer mehr bisher selten anzutreffende Lautverbindungen. Es erscheint z. B. i nach alveolaren Lauten t, d, s, z, r (didżej, tir, ring).
in der Vulgarität
In den letzten Jahren flossen sehr viele vulgäre Ausdrücke in die Umgangssprache hinein (z. B. das Adjektiv zajebiste, lässt sich mit der heutigen Bedeutung von geil vergleichen, bedeutet ursprünglich aber etwas völlig anderes als die damalige deutsche Bedeutung). Viele andere Wörter, welche weiterhin vulgär sind, verloren ihre Stärke und werden oft in Situationen gebraucht, die früher undenkbar waren (das Wort kurwa, polnisch für Nutte, wird z. B. von vielen Polen in der Umgangssprache als Interjektion verwendet und entspricht damit in etwa dem fuck in der englischen Sprache).
Auf der anderen Seite werden im Rahmen der politischen Korrektheit manche Wörter als stärker beleidigend empfunden als früher. Zum Beispiel gehört es sich heutzutage nicht das Wort pedał (hier: schwul) zu benutzen (außer in der Bedeutung Pedal), das englische Wort gej oder homoseksualista (Homosexueller) haben es ersetzt.
Fremdwörter aus dem Polnischen
Es sind nur relativ wenige polnische Wörter aus dem Polnischen ins Deutsche übernommen.
Gurke - mittelgriechisch αγγούριον „Gurke“ (pl. ogórek), das möglicherweise vom altgriechischen αωρος „grün, unreif“ stammt. Das griechische Wort wurde wahrscheinlich aus dem Polnischen ins Deutsche übernommen. Auch das Wort Grenze (pl. granica) sowie einige Vogelarten (z.B. Stieglitz) kamen aus dem Polnischen ins Deutsche.
Weblinks
- [http://www.dep.pl DeP - Deutsch-Polnisch-Online-Wörterbuch]
- [http://portalwiedzy.onet.pl/tlumacz.html?tr=nie-auto Onet - Deutsch-Polnisch Wörterbuch]
- [http://www.ponsline.de/cgi-bin/wb/w.pl Pons - Deutsch-Polnisch Wörterbuch]
- [http://www.deutsches-polen-institut.de/ Deutsches Polen-Institut]
- [http://www.pol-institut.de/int/woert.htm Polnische Wörterbücher]
Kategorie:Einzelsprache
Kategorie:Slawische Sprache
ja:ポーランド語
ko:폴란드어
Türkische Sprache
Die türkische Sprache (Eigenbezeichnung: Türk dili) oder kurz: Türkisch (Türkçe) ist die Amtssprache in der Türkei und gehört zu den Turksprachen. Als Alternativbezeichnung ist auch aus der Turkologie Türkiye Türkçesi (Türkeitürkisch) bekannt.
Türkisch enthält zahlreiche Mundarten, wobei heute die Istanbuler Mundart die türkische Hochsprache bildet. Weitere Mundarten innerhalb der Türkei werden in der Schwarzmeerregion sowie in Ostanatolien und der Ägäis gesprochen.
Das moderne Türkisch gehört zu den südlichen Turksprachen.
Verbreitung
südlichen Turksprachen
Das heutige Türkisch ist die Muttersprache von rund 65 Millionen Menschen in der Türkei oder von gut 90 % der dortigen Bevölkerung (1987).
845.550 Menschen benutzen Türkisch in Bulgarien (1986), 37.000 in Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Aserbaidschan (Schätzungen 1979).
Für 180.000 Menschen ist Türkisch die Muttersprache auf Zypern und für 128.380 in Griechenland (1976).
63.600 Sprecher leben 1984 in Belgien, etwa 170.000 in Österreich (2000) und rund 2 Millionen in Deutschland (2003). Ferner sprachen 1982 in Rumänien noch 14.000 und auf dem Gebiet von Ex-Jugoslawien, insbesondere Mazedonien 250.000 türkisch.
1990 war Türkisch im Irak noch für rund 3.000 und im Iran für 2.570 Menschen die Muttersprache.
In den USA lebten 1970 24.123 Sprecher des Türkischen, und für Kanada wurden 1974 8.863 türkische Muttlersprachler angegeben.
In Frankreich gaben 1984 rund 135.000 und in den Niederlanden knapp 150.000 Menschen Türkisch als Muttersprache an.
1988 wurden in Schweden rund 5.000 Türkischsprachige registriert.
Zurzeit (2004) sprechen ungefähr 80 Millionen Menschen Türkisch.
Geschichte
Die heutige türkische Sprache geht direkt auf das Oghusische zurück, die Sprache der östlichen Turk-Stämme, die einst in Zentralasien siedelten und ab dem 8./10. Jahrhundert von den anderen konkurrierenden uyghurisch-türkischen Stämmen in den Westen verdrängt wurden.
Daher zählte einst auch die Sprache der Göktürken, Seldschuken und der späteren Osmanen zu den westlichen Turksprachen.
Das Türkische ist stark vom Arabischen und zu einem geringeren Teil auch vom Persischen beeinflusst. Dieser Einfluß war in der Vergangenheit jedoch wesentlich größer.
Liste arabischer und persischer Fremdwörter im heutigen Türkisch
Nach der Gründung der Türkischen Republik 1923 begann man in den 1930er Jahren, die fremden Lehnwörter durch türkische Wörter zu ersetzen. Dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen, so dass sich immer noch viele Wörter persisch-arabischen Ursprungs finden. Im 20. Jahrhundert kamen weitere Begriffe aus europäischen Sprachen hinzu, vor allem aus dem Französischen.
Die Türk Dil Kurumu, die „Gesellschaft der türkischen Sprache“, ist eine staatliche Einrichtung, die 1932 zur Returkisierung und Modernisierung der türkischen Sprache gegründet wurde.
Als die engsten Verwandten der türkischen Sprache gelten heute das Aserbaidschanische und das Turkmenische. Im weitesten Sinne zählt auch der balkantürkische Dialekt der Gagausen im heutigen Moldawien zu den engeren Verwandten des Türkischen.
- Siehe auch: Vergleichende Betrachtung der Turksprachen
Alphabete
Hauptartikel: Neues türkisches Alphabet
Die alten Osttürken oder Oghusen waren ein bedeutendes Kulturvolk, sie besaßen in der türkischen Runenschrift ein bescheidenes alttürkisches Schrifttum.
Ab dem 10. Jahrhundert galten die Oghusen als islamisiert, und sie übernahmen die arabische Schrift, die um persische Zusatzzeichen ergänzt war. Allerdings war dieses Alphabet für die lautreiche türkische Sprache sehr ungeeignet.
Anfang 1926 nahm Kemal Atatürk im aserbaidschanischen Baku an einem Kongress der Turkologen teil, bei dem u. a. die Schaffung einer Lateinschrift für die Turkvölker gefordert wurde. (Aserbaidschan hatte schon seit 1922 eine lateinisch-basierte Schrift: das einheitliche türkische Alphabet.)
Seit 1928 wird das Türkische durch eine von Kemal Atatürk mitentwickelte Variante der lateinischen Schrift wiedergegeben. Atatürk nannte dieses neue Schriftsytem Neues türkisches Alphabet. Grundlage für die Neuschreibung der Wörter (wie für die allgemeine Sprachreform) war die Istanbuler Mundart. Bei den Schreib- und Ausspracheregeln existieren keine Ausnahmen.
Das türkische Alphabet umfasst 29 Buchstaben, wobei jedem Laut ein Buchstabe zugeordnet ist:
a b c ç d e f g ğ h ı i j k l m n o ö p r s ş t u ü v y z
Besonderheiten bei der Aussprache
Die übrigen Laute werden wie im Deutschen ausgesprochen.
Die Buchstaben ä, q, w, x und ß werden im Türkischen nicht verwendet; j steht meist in Fremdwörtern.
Grammatik
Das Türkische ist eine agglutinierende Sprache und unterscheidet sich somit wesentlich von den indogermanischen Sprachen. Das bedeutet, dass alle grammatischen Formen durch eine (eindeutige) Endung angezeigt werden. Dabei können mehrere Endungen aufeinander folgen, wobei die Reihenfolge festgelegt ist.
Beispiel:
Uçurtmayı vurmasınlar. – „Sie sollen den Drachen nicht runterschießen.“ (Filmtitel)
Man könnte den Satz wie folgt zerlegen: Uçurtma-yı vur-ma-sın-lar. – „Drachen-den runterschießen-nicht-sollen-sie.“ Die Endung -yı zeigt den bestimmten Akkusativ an; -ma steht für die Verneinung; -sın steht für den Imperativ, -lar für die 3. Person Mehrzahl.
Bei der Suffigierung, also beim Anhängen der Endungen, spielt die Vokalharmonie eine große Rolle: die Vokale der Endungen richten sich nach dem letzten Vokal des Stammwortes bzw. der vorhergehenden Endung. Man unterscheidet hierbei die große Vokalharmonie, bei der ein Endungsvokal zu ı, i, u oder ü werden kann, und die kleine Vokalharmonie, die a und e als Alternativen kennt.
Ein Beispiel für die kleine Vokalharmonie ist die Endung -da/-de für die Ortbestimmung:
bahçede (im Garten), aber: lokantada (im Restaurant).
Als Beispiel für die große Vokalharmonie dient die Endung -li/-lı/-lu/-lü; („aus ... stammend“):
Berlinli (aus Berlin), aber: Ankaralı, Bonnlu, Kölnlü.
Es kommt vor, dass infolge der Vokalharmonie mehrere Endungen mit dem gleichen Vokal aufeinander folgen (z. B. huzursuzsunuz: „ihr seid unruhig“). Da dies auch beim für deutsche Ohren offenbar lustig anmutenden ü der Fall ist (z. B. üzgünsünüz: „ihr seid traurig, es tut euch leid“), wird das Türkische in Deutschland manchmal als „ü-Sprache“ bezeichnet.
Das Türkische kennt fünf Fälle (Nominativ, Dativ, Akkusativ, Ablativ und Lokativ, mitunter wird der Genitiv als sechster Fall genannt). Als Zeitformen sind im Wesentlichen zu nennen: (bestimmtes) Präsens, Aorist, Optativ, (bestimmtes) Präteritum, Narrativ, Dubitativ sowie zusammengesetzte Zeitformen, hinzu kommen Passiv und Konditional. Nebensätze werden meist durch sogenannte Konverben ausgedrückt.
Weiterhin kennt das Türkische keinen Artikel und kein grammatisches Geschlecht.
Wortschatz
Einige Beispiele für Lehnwörter aus anderen Sprachen:
aus dem Arabischen: fikir (Idee), hediye (Geschenk), resim (Bild), alkol (Alkohol), saat (Uhr, Stunde)
aus dem Persischen: pencere (Fenster), şehir (Stadt), hafta (Woche)
aus dem Französischen: lüks (Luxus), kuzen (Cousin), pantolon (Hose), kuaför (Friseur), hoparlör (Lautsprecher), kamyon (Lastwagen), sürpriz (Überraschung)
aus dem Griechischen: liman (Hafen), kutu (Schachtel)
aus dem Italienischen: kamyon (Lastwagen)
aus anderen Sprachen: pikap (Plattenspieler), şalter ([Licht-]Schalter), tişört (T-Shirt)
Siehe auch
- Türkischsprachige Kultur in Deutschland
- [http://www.turan.tc/restur/index.htm Türkische Völker heute (Fotogalerie)]
Der Language Code ist tr bzw. tur (nach ISO 639).
Weblinks
- [http://www.omniglot.com/writing/turkish.htm Verschiedene türkische Alphabete und Sprachbeispiele]
- [http://www.weberberg.de/infoport/tuerkisch/ Ein mit vielen Fotos illustrierter Online-Türkischkurs mit Übungen]
- [http://www.goereme.net/tuerkce.htm Grundwortschatz 50]
- [http://www.wdr5.de/funkhauseuropa/dossiers/detail.phtml?dossier_id=58 Aussprache des Türkischen, Sendereihe zum Online-Hören vom WDR, Real Audio und MP3]
- [http://cali.arizona.edu/maxnet/tur Online-Kurs (englisch) mit Soundausgabe, 10 Lektionen]
Kategorie:Turksprachen
ja:トルコ語
Niederländische Sprache
Die Niederländische Sprache (Nederlandse taal), auch Niederländisch (ursprgl.: duits der nederen landen bzw. de duitse taal der nederen landen/ die deutsche Sprache der niederen Lande, auch: Nederduits/ Niederdeutsch), fälschlich Holländisch, nach der niederländischen Region Holland benannt, aus deren Dialekten sich die niederländische Schriftsprache (niederdeutsche Hochsprache) im Wesentlichen entwickelte, gehört wie das Hochdeutsche zum germanischen Zweig der indogermanischen Sprachen.
Herkunft
Das Niederländische ist eine westgermanische Sprache. Es leitet sich vom Niederfränkischen ab, einem Zweig des Niederdeutschen, der sich in den "niederen Landen des Frankenreichs" - nordwestlich der Benrather Linie - weiterentwickelt hat. Die indogermanische Sprachwissenschaft/Germanistik stellt das Niederländische als westlichen Zweig des Niederdeutschen neben den Niedersächsischen und den Ostniederdeutschen Zweig der deutschen Sprache. Wer niederdeutsche (plattdeutsche) Dialekte spricht oder versteht, kann in der Regel auch Niederländisch (größtenteils) verstehen. Ursprünglich und überwiegend wird Niederländisch in den Niederlanden, im flämischen Gebiet Belgiens, in Brüssel sowie in angrenzenden Regionen Frankreichs und Deutschlands gesprochen. An der Grenze zum Hochdeutschen gehen die Mundarten des Niederländischen beziehungsweise Niederfränkischen fließend ins Westmitteldeutsche über, das ebenfalls fränkischen Ursprungs ist.
Das Niederländische beruht auf der Niederdeutschen Schriftsprache des 17. Jahrhunderts, die allmählich aus Mundartausdrücken der Provinzen Brabant und Holland angereichert wurde. Eine ältere Version war die überregionale Sprache der Hanse, die insbesondere in Antwerpen, Brügge und kurz darauf auch in Holland Verbreitung als Handels- und Gelehrtensprache fand. Lehnwörter kommen aus dem Französischen und in neuerer Zeit überwiegend aus dem Englischen. Was den Wortschatz betrifft, so bewahrt das Niederländische mehr als das moderne (Hoch-)Deutsche den altdeutschen Wortbestand. Sprachliche Weiterentwicklungen und Neuformungen der heutigen Deutschen Sprache fanden nie Eingang in das Niederländische, im (Hoch-)Deutschen bereits verschwundene Begriffe leben im Niederländischen fort (z.B. Oorlog, lenen, kiezen, verbazen). Anders als im Hochdeutschen sind die Wörter lautlich unverschoben = "platt", haben die hochdeutsche Lautverschiebung also nicht mitgemacht. Beispiele sind:
genoot/Genosse, wetenschap/Wissenschaft, paard/Pferd, koopman/Kaufmann, verbeteren/verbessern, koninkrijk/Königreich.
Daneben finden sich im Niederländischen sehr viele niederfränkische Mundartausdrücke, die allerdings schon jahrhundertelang zum Standardvokabular gehören.
Die Sprachstruktur des Niederländischen geht insgesamt, trotz grammatischer Vereinfachungen, auf das Niederdeutsche der frühen Neuzeit zurück. Der Satzbau hat sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert.
Die alten niederfränkischen Dialekte sind in den Niederlanden mittlerweile stark zurückgedrängt worden. Nur das Limburgische genießt heute den Rang einer Regionalsprache. Die in den Niederlanden ebenfalls verbreiteten friesischen und niedersächsischen Mundarten werden noch stärker gepflegt. Sie beeinflussten die niederländische Standardsprache jedoch kaum.
Als "Niederfränkisch" bezeichnet man die Mehrzahl der in den Niederlanden gesprochenen niederdeutschen Dialekte. Sie sind fränkischen Ursprungs und substanziell eng mit mit den rheinischen und moselfränkischen Mundarten des deutschen Sprachraums verwandt. Gemeinsam mit dem Niedersächsischen (einschl. Westfälisch) bilden sie den westlichen (alten) Zweig des Niederdeutschen (das Ostmitteldeutsche entstand erst durch die Siedlungsbewegungen im 12./13. Jahrhundert). Das Niederfränkische geht auf die altfränkischen (salischen) Mundarten zurück, denen auch das Deutsche zugrunde liegt. Im Gefolge der Lautverschiebung entwickelten sie sich allmählich unter dem Einfluss anderer Stammesmundarten (Alemannisch, Bairisch) zum Althochdeutschen. Dessen Grundgepräge jedoch blieb fränkisch.
Früh schon durchdrang das Fränkische auch das Altsächsische (das heutige Niedersächsische) und machte es dadurch zu einer deutschen Mundart. Gerade durch diese innige Verwobenheit standen sich Niederfränkisch und Niedersächsisch schon im frühen Mittelalter morphologisch sehr nahe, ungeachtet der Tatsache, dass beide dem deutschen Sprachverband angehörten. So kann es nicht verwundern, dass im späten Mittelalter eine einheitliche Schriftsprache entstand (Mittelniederdeutsch), deren Verfestigung durch den regen Schriftverkehr innerhalb des Hansebundes nach und nach gefördert wurde.
Zudem fand zwischen dem Niederdeutschen und den hochdeutschen Kanzleisprachen ein ständiger Sprachaustausch statt; es gab einen gemeinsamen Wortschatz, sogar Sprichwörter und Redewendungen waren gleich. Trotz der lautlichen Besonderheiten war das Niederdeutsche stets Teil der deutschen Kultursprache. Dies erkennt man auch an den frappanten Übereinstimmungen des heutigen Niederländischen mit dem Frühneuhochdeutschen.
Der ganz überwiegende Teil des niederländischen Wortschatzes stammt aus dem Mittelniederdeutschen, einer schriftsprachlichen Version des Niedersächsischen, die bis ins 17./18. Jahrhundert im gesamten norddeutschen Raum verbindliche Verkehrssprache war. Das Niederdeutsche verfügte auch über einen mundartlich bedingten Sonderwortschatz, der heute vollständig im Niederländischen erscheint (siehe weiter unten). Auch die niederländische Grammatik beruht auf der mittelniederdeutschen, wurde jedoch im Laufe der Zeit erheblich vereinfacht (stark eingeschränkte Beugung von Substantiv und Adjektiv).
Das niederfränkische Element setzte sich, dem örtlichen Sprachgebrauch folgend, in der Aussprache durch (Phonetik).
Zum Wortschatz lässt sich folgendes sagen:
1) Die breite Masse der Wörter wird ähnlich oder gleich geschrieben wie im Deutschen (unter Berücksichtigung der Lautverschiebung) und hat weitgehend die gleiche Bedeutung
z.B.: recht, beledigen, gevaar, verwant, kaal, verbergen, ergernis (=Ärgernis), geduld, angst, brief, schuld, geld, jagen, kind, nacht, morgen, arbeid, aanvangen, begeleiden, burgemeester, handel, bericht, niemand, liefde (= Liebe), bescheiden, gerucht (Gerücht), bewegen, krijgsgevangen, verdrag, geheim, verraad, dienst ...
2) Einige Wörter werden ähnlich oder gleich geschrieben, haben jedoch eine im Deutschen veraltete Bedeutung:
z.B.: aandacht - Aufmerksamkeit; aanleiding - Anlass; beloven - versprechen (= geloben); vuilnis - Abfall, Müll ("Fäulnis"); openbaar - öffentlich;
3) Viele Wörter sind niederdeutschen Ursprungs und existieren sonst nur im Plattdeutschen:
z.B.: achter - hinter; maat - Kollege, Partner; dwars - quer; steunen - stützen; laag - niedrig; prettig - schön, angenehm; vaak - häufig, öfters; trekken - ziehen (auch mitteldeutsch); heel - ganz; klaar - fertig, bereit (deutsch halbmundartl. "startklar"); kwaad - schlimm, unangenehm, böse, spijten - bedauern; waarschuwen - warnen (norddt. "wahrschauen"); vergleiche auch krug = Gaststätte, Schenke (Dorfkrug)
4) Eine Anzahl von Wörtern ist im Deutschen weitgehend veraltet:
z.B.: minne - Liebe; verbazen - sich wundern, erstaunt sein; kiezen - (er)wählen; oorlog - Krieg, "Orlog"; lenen - leihen, entlehnen; eeuw - Jahrhundert (Ära); oogst - Ernte, Erntemonat (August); lente - Lenz, Frühling; aanbevelen - empfehlen, eisen - fordern, verlangen (heischen, auch "eischen"); gedraag - das Benehmen, Betragen
5) Das Niederländische hat zahlreiche Wörter aus anderen Sprachen entlehnt; besonders bedeutend sind die Wörter, die seit dem frühen 18. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen wurden; die angestammten Wörter blieben daneben in aller Regel gleichberechtigt erhalten (wir haben sie in unserer Auswahl nach dem Schrägstrich aufgeführt):
kwestie / vraag - Frage; succes / (goed) gevolg - Erfolg; soelaas / troost - Trost, Linderung; kleur / verf - Farbe; vakantie / verlof - Urlaub (das Wort Urlaub leitet sich von "erlauben" ab; also der Erlaubnis, der Arbeit fernzubleiben und sich freizunehmen; eine ältere Variante von "Erlaubnis" ist das Wort "Verlaub", niederdt./niederländ. "verlof", vergl. veroorloven = erlauben)
6) Desweiteren wurde in neuerer Zeit, wie in den meisten anderen Sprachen auch, eine beachtliche Anzahl englischer Fremdwörter, insbesondere aus den Bereichen Technik, Wirtschaft, Computer und Kommunikation aufgenommen. Auch die Jugendsprache entlehnt fleißig aus dem Englischen; eine Aufzählung einzelner Begriffe wollen wir uns allerdings ersparen. Es sei nur darauf hingewiesen, dass das Niederländische bei der Schreibung häufig vom Original abweicht, da es sie flexibel an die Aussprache anpasst.
7) Nicht zuletzt findet sich im Niederländischen auch eine beachtliche Anzahl deutscher Entlehnungen. Angesichts der nahen Verwandtschaft beider Sprachen wurden oft ganze Phrasen ins Niederländische übertragen und an die lautlichen Gegebenheiten angepasst, z. B. aanstalten maken, tijdschrift (=Zeitschrift); bei der folgenden Auswahl beschränken wir uns auf direkt übernommene Wörter:
kelner, ober(kelner), kotsen, schwung, uberhaupt, sowieso, streber, schwalbe (Fußball!), sehnsucht, schnitzel, schnaps, krimi, kitsch, krach, bühne, quatsch, putsch, schminken, umlaut, schlager...
Die kleinen satztechnischen Funktionswörter sind ebenso niederdeutscher Herkunft: tot - (bis) zu; net - genau (wie); dus - also, doch; pas - erst, gerade; maar - aber; er - da, davon, dort / sehr, gar (steigernde Bedeutung)...es wird meist nicht übersetzt); Wörter wie golf (Welle) oder vastenavond (Karneval, "Fastenabend") sind rheinisch-niederfränkischen Ursprungs. Mittelhochdeutsche Wörter, die ins Mittelniederdeutsche gelangten, finden sich auch noch im heutigen Niederländischen. Außerdem verfügen Niederländisch und Niederdeutsch gegenüber dem Hochdeutschen über einige lautliche Eigenheiten, die meist, aber nicht ausschließlich mit der Lautverschiebung zusammenhängen:
p am Wortanfang entspricht hochdeutsch pf ("poot"/"Pfote"); pim Wortinneren erscheint als f bzw. ff ("slapen"/"schlafen"; "peper"/"Pfeffer"), pp im Wortinneren als pf ("appel"/"Apfel"), p am Wortende als f ("dorp"/"Dorf")
t am Wortanfang = z ("tellen"/"zählen"), t im Wortinneren und am Wortende = ss ("water"/"Wasser"), tt erscheint als tz ("zitten"/"sitzen"); nach Vokalen auch als z ("smart"/"Schmerz"; "barmhartig"/"barmherzig")
k im Wortinneren und am Wortende = ch ("steken"/"stechen"; "kerk"/"Kirche")
v und f im Wortinneren und am Wortende erscheinen im Hochdeutschen als b ("streven"/"streben"; "half"/"halb")
Ansonsten ist v meist gleichzusetzen mit deutsch f ("vangen"/"fangen"; "veld"/"Feld")
d bzw. dd erscheint nach oder zwischen Vokalen als t, tt oder dt ("raden"/"raten"; "bidden"/"bitten"; "stad"/"Stadt")
s am Wortende und ss zwischen zwei Vokalen erscheinen entweder als sch ("vis"/"Fisch"; "wassen"/"waschen") oder als chs ("wassen"/"wachsen" = doppeldeutiges Wort! ; "vlas"/"Flachs")
dw- bzw. tw- entsprechen hochdeutsch zw- ("dwingen"/"zwingen", "twijn"/"Zwirn")
- heid entspricht dem deutschen -heit oder dem daraus hervorgegangenen -keit ("mensheid"/"Menschheit"; "vriendelijkheid"/"Freundlichkeit")
ee entspricht eh ("eerlijk"/"ehrlich") oder ei ("een"/"ein")
-schap entspricht -schaft ("gemeenschap"/"Gemeinschaft")
cht erscheint im Hochdeutschen oft als ft ("kracht"/"Kraft"; "hechten"/"heften")
Hinweis: Der Auslaut -cht ist (auch im Deutschen) immer niederdeutschen Ursprungs; es handelt sich um ein altes fränkisches Partizip: Macht, Pracht (prangen, "Gepränge"), sacht bzw. zacht (hochdeutsch "sanft"), Gracht (hergeleitet von graven; "das Gegrabene") usw.
Niederländisch ou entspricht dem deutschen al ("houden"/"halten; "woud"/"Wald")
f taucht fast nur am Wortende (s. oben) und im Wortinneren auf, dort meist als ff ("straffen"/"strafen")
-kunft' entspricht -komst ("toekomst"/"Zukunft")
Deutsch emp- entwickelte sich aus ent- und findet seine Entsprechung in ont- ("ontvangst"/"Empfang"; "ontwikkelen"/"entwickeln")
-ing ist gleichbedeutend mit deutsch -ung ("behandeling"/"Behandlung")
Das deutsche z erscheint im Niederländischen als ts ("flits"/"Blitz"; "spits"/"Spitze"); im Niederländischen hat z noch den alten Lautwert s ("gezellig"/"gesellig"; "zon"/"Sonne")
Das alte Reflexiv-Präfix her- ist eine rückbezügliche Vorsilbe mit der Grundbedeutung "wieder, zurück". Es ist im Niederländischen noch recht häufig anzutreffen, im Deutschen jedoch selten geworden (wenn auch nicht selten im Gebrauch). Durch Reduktion entstand aus ihr im Hochdeutschen während der frühen Neuzeit die gleichbedeutende Vorsilbe er- (erlangen, erwarten etc.). Daneben blieb die alte Form in einigen Wörtern noch erhalten (Herkunft, herbei, herüber). Im Niederländischen ist die alte Form jedoch dominant: "herinnering"/"Erinnerung"; "herhalen"/"wiederholen". Durch den Sprachausgleich gelangten allerdings auch einige er- - Wörter ins heutige Niederländische: ervaren, erbarmen, erkennen.
Weitere Präfixe sind op- = auf-, af- = ab-, om- = um-, in- = ein-, uit- = aus-, ter- = zer-, bij- = bei-, terugg- = zurück- und die von der Lautverschiebung nicht betroffenen, trennbaren Vorsilben be-, ver- und ge-
Ein zentrales Ereignis in der niederländischen Sprachgeschichte war die Anfertigung der "Statenbijbel" (=Staatsbibel) zwischen 1618 und 1637. Ihr kommt eine ähnliche Bedeutung zu wie der deutschen Bibelübersetzung Martin Luthers. Die Übersetzung erfolgte auf Geheiß der Dordrechter Synode und orientierte sich an den authentischen griechischen Textquellen. Die Bibelübersetzung trug wesentlich zur Vereinheitlichung der Sprache bei.
Weitere bedeutsame Veröffentlichungen, die die Entstehung der Einheitssprache beeinflussten, waren die erste niederländische Grammatikfibel Twe-sprack vande Nederduitsche letterkunst, die Hendrik Laurenszoon Spieghel mit anderen Mitgliedern der angesehenen Amsterdamer "Rederijkerskamer" um das Jahr 1584 erarbeitete und das Grundlagenwerk Aanleidinghe ter Nederduitsche Dichtkunste, verfasst von Joost van den Vondel im Jahre 1650.
Als westgermanische Sprache ist das Niederländische ebenfalls mit dem Englischen (Angelsächsischen) und Friesischen verwandt. Die historisch jüngste westgermanische Sprache, das Afrikaans (früher "Kapholländisch"), das vor allem in Südafrika und Namibia gesprochen wird, ist ein unmittelbarer Spross des Niederländischen (siehe unten). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hieß das heutige Niederländisch "Nederduitsch" (Niederdeutsch) oder ”duitse taal der nederen landen (die deutsche Sprache der niederen Lande). Erst danach setzte sich allmählich die Bezeichnung "Nederlands" durch.
Die Sprachgeschichte wird häufig in folgende Phasen unterteilt:
Als Altniederländisch (ca. 800-1100) bezeichnet man die im heutigen niederländischen Sprachgebiet beheimateten istwäonischen (altfränkischen) Dialekte. Sie sind nur spärlich belegt.
Unter Mittelniederländisch (ca. 1100-1500) versteht man die teils verschrifteten flämischen und brabantischen Mundarten des Niederfränkischen. Aus dieser Zeit sind bedeutende Werke der höfischen und ritterlichen Dichtung überliefert. Das Mittelniederländische wurde gemeinhin "Dietsch" oder "Dütsch" genannt.
Das Neuniederländische (ab dem 16. Jahrhundert) hingegen beruht auf der überregionalen Niederdeutschen Schriftsprache (Nederdytsch; Nederduitsch, "Mittelniederdeutsch"). Ab dem 17. Jahrhundert und besonders stark Mitte des 20. Jhrhd. wurde das Niederdeutsche in Norddeutschland allmählich durch das Hochdeutsche verdrängt (insbesondere in den Städten) und existiert nur noch in regionalen Dialektversionen. In Flandern, Brabant und Holland jedoch entwickelte sich das Niederdeutsche zur modernen niederländischen Schriftsprache.
Verbreitung
Afrikaans
Niederländisch ist heute Muttersprache von etwa 25 Millionen Menschen. Amtssprache ist es in folgenden Staaten (die Zahl gibt die ungefähre Zahl der Muttersprachler an):
- Niederlande: 16 Millionen
- Belgien: 6,2 Millionen (60% aller Belgier) (dort auch Flämisch genannt)
- Suriname: 0,4 Millionen
- Niederländische Antillen: 217.000. Ein "autonomer Staat" innerhalb des Königreichs der Niederlande. Die Niederländischen Antillen sind eine Inselgruppe in der Karibik und bestehen aus Bonaire, Curaçao (zusammen mit Aruba auch "ABC-Inseln" genannt), Saba, Sint Eustatius und Sint Maarten (der größere Teil von Sint Maarten heißt Saint-Martin und gehört zu Frankreich).
- Aruba: 95.000. Aruba trennte sich offiziell 1986 von den Niederländischen Antillen ab und wurde zu einem eigenen "autonomen Staat" innerhalb des Königreichs der Niederlande.
Der Language Code ist nl beziehungsweise dut oder
nla (nach ISO 639); dum ist der Code
für Mittelniederländisch (etwa 1050-1350).
Oft nennen auch Niederländer die niederländische Sprache Holländisch, obwohl der Holländische Dialekt eigentlich nur ein größerer Dialekt des Niederländischen ist. Das moderne Standard-Niederländische ist stark vom Dialekt des früher mächtigsten Bundesstaates Holland (heute die Provinzen Nord- und Südholland) geprägt. Von den Dialekten der anderen früheren Bundesstaaten, außer dem reichen und einflussreichen belgischen Brabant, findet man im modernen Niederländisch weniger wieder.
Es gibt viele Niederländer, die - wie in Norddeutschland - als "Muttersprache" zu Hause niedersächsische Dialekte sprechen (Plattduits), die unmittelbar von der altsächsischen Sprache abstammen. Sie lernen Niederländisch als Zweitsprache in der Schule und nennen es Holländisch, die Sprache der holländischen Provinzen.
Umgekehrt sind die ursprünglichen Mundarten des deutschen Niederrheins, des westlichen Ruhrgebiets, sowie Teile des Bergischen Landes niederfränkisch bzw. niederländisch (alle fränkischen Mundarten nördlich der Uerdinger Linie). Insbesondere die früher in Deutschland gesprochenen Kleverländischen Dialekte gelten unbestritten als niederländische Mundarten. In den meisten Schulen des heutigen bundesdeutschen Kreises Kleve war Niederländisch bzw. Kleverländisch bis ins 19. Jahrhundert Unterrichtssprache.
In Belgien sprechen die Flamen, also die Bewohner des im nördlichen Teil Belgiens gelegenen Landesteils Flandern, die flämischen Dialekte des Niederländischen. Als Amts- und Schriftsprache wird jedoch in Flandern ebenso wie in den Niederlanden die niederländische Standardsprache verwendet.
Die Niederlande und Belgien haben am 9. September 1980 die so genannte "Niederländische Sprachunion" (Nederlandse Taalunie) geschaffen.
Diese soll gewährleisten, dass eine gemeinsame Rechtschreibung und Grammatik fortbesteht und die Sprache gepflegt wird. Seit dem 12. Dezember 2003 ist auch Suriname Mitglied der Nederlandse Taalunie.
Selbstverständlich gibt es regionale Eigenarten zwischen der niederländischen und der belgisch-flämischen Variante der Standardsprache. Die flämischen Dialekte selbst werden untergliedert in Westflämisch, Ostflämisch und Seeländisch (Zeeuws).
In der Provinz Nord-Pas de Calais im äußersten Nordwestzipfel von Frankreich, im Grenzgebiet zu Belgien, leben noch einige zehntausend Menschen, die mit der westflämischen Variante des Niederländischen aufwachsen.
Ein Großteil der weißen Bevölkerung Südafrikas (die Buren) und ebenso zahlreiche südafrikanische Farbige sprechen mit Afrikaans eine aus dem Niederländischen entstammende Halbkreolsprache, neben Englisch und Zulu ist Afrikaans die meistverbreitete Sprache in der Republik Südafrika.
Darüber hinaus ist Niederländisch in Indonesien und Neuguinea eine verbreitete Zweitsprache (in der älteren Generation vor Englisch). Für Studenten der Rechtswissenschaft in Indonesien ist Niederländisch Teil des Curriculums. Die Niederlande waren dort zwischen 1602 und 1945 Kolonialmacht.
Sprachverwandtschaften mit anderen Sprachen
Mit dem Niederländischen eng verwandt sind außer Afrikaans, der Sprache der Buren und der Farbigen in Südafrika, auch die verschiedenen Kreolsprachen in Suriname, Guayana und auf den Westindischen Inseln so wie das Niederfränkische am Niederrhein.
Das Niederländische ist wie das Niederfränkische und das Niederdeutsche historisch mit dem Hochdeutschen verwandt. Allerdings bestehen zwischen dem Niederländischen und Niederdeutschen auf der einen Seite und den hochdeutschen Sprachformen auf der anderen Seite erhebliche phonologische, morphologische und lexikal-semantische Unterschiede, d.h. Unterschiede im Wortschatz, so heißt im Niederländischen verstopt versteckt, monster Probe und bellen klingeln. Das Niederländische machte die Entwicklung zur hochdeutschen Schriftsprache nicht mit und entwickelte sich aufgrund der Eigenständigkeit des Landes und der Entwicklung einer umfangreichen eigenen Literatur anders als etwa Bairisch oder Plattdeutsch zu einer eigenständigen Ausbausprache. Die politische Trennung führte überdies zu einer getrennten Sprachentwicklungskontinuität einschließlich einer unterschiedlichen Dynamik der äußeren Sprachbeeinflussung (Entlehnungen), im Niederländischen finden sich deutlich mehr aus dem Französischen übernommene Wörter als im Deutschen, z.B. pagina, douane, vel (von feuille), fier gegenüber Seite, Zoll, Blatt, stolz. Das Niederländische wird deshalb heute als eigene Sprache angesehen.
Hier eine kleine Auswahl niederdeutscher / niederländischer Wörter, die kein direktes Pendant im Hochdeutschen haben:
achter - hinter /
smeken - inständig bitten, flehen /
aarzelen - zögern, zaudern /
bezig - beschäftigt, geschäftig /
mooi - gut, toll, hübsch /
wet - Gesetz /
vaak - häufig, öfters /
praten - reden, plaudern /
plechtig - festlich, feierlich /
fokken - züchten, aufziehen /
buiten(=buten) - außen, außerhalb /
veen - Sumpf, Moor /
vandaag - heute /
elk, elkaar - jeder, einander /
jullie - Ihr (2. Person Mehrzahl) /
noden, uitnodigen - einladen (altdeutsch: "zum Besuch nötigen bzw. überreden")
Dialekte des Niederländischen, Entwicklung der Schriftsprache
Hier sind nur die niederfrankischen Dialekten wiedergegeben
- Holländischer Dialekt (Niederlande)
- Seeländisch (Seeland, Goeree-Overflakkee, diese Dialektgruppe wird manchmal beim Westflämischen eingeteilt)
- Westflämisch (West-Flandern, Frankreich)
- Ostflämisch (Ost-Flandern)
- Stadtfriesisch
- Brabantisch (Brabant, Limburg)
: - Niederfränkisch (Geldern, Kleve, Nordrhein-Westfalen)
: - Limburgisch-Bergisch (Limburg, Nordrhein-Westfalen; oft als Einzelsprache bezeichnet)
Schon vor Jahrhunderten bestand eine Kluft zwischen niederfränkischer "Volkssprache" (Holländisch, Brabantisch, Limburgisch, Vlaams) und Schriftsprache, die sich letztlich zur Standardsprache entwickelte ("Nederduitsch").
Diese Trennlinie markierte lange Zeit die Grenze zwischen Mundart und Hochsprache.
Heute sind die Mundarten weitgehend bedeutungslos (Ausnahme: Mundarten in Belgien, Limburgische Sprache) und zu umgangssprachlichen Ablegern der Standardsprache geworden.
Schon das Holländische des 19. Jahrhunderts war nur noch ein "Fassadendialekt". Durch das für damalige Zeiten hohe Bildungsniveau in der holländischen "Randstad" (Ballungszone) wurden die Mundarten ins bäuerliche Hinterland zurückgedrängt - in der Stadt sprach man die elegante "Nederduitsche Taal".
Man kann die niederländische Sprache durchaus als unmittelbaren Nachfolger der mittelniederdeutschen Schriftsprache betrachten. Die in Norddeutschland ansässigen niedersächsischen Mundarten ("Plattdeutsch") beruhen ebenfalls auf dem Mittelniederdeutschen. Sie verfügen allerdings, im Gegensatz zum Niederländischen, über keine verbindliche Schreibung und weisen zahlreiche regionale Abweichungen in der Aussprache auf, was wiederum die Erstellung einer einheitlichen Orthographie (Schreibweise) erschwert.
Diese Entwicklung ist dem Ansehensverlust geschuldet, den die Niederdeutsche Sprache gegenüber dem Hochdeutschen zu beklagen hat.
Zu beklagen ist auch, das sich vor allen die jüngeren Deutsche und Niederländer sich in Englisch unterhalten, statt in Niederfränkisch, Deutsch oder Niederländisch. Es besteht auch in den Schulen von Nordrheinwestfalen kaum die Möglichkeit, Niederländisch zu lernen. Deutsche, die Niederländisch verstehen, empfinden es als arrogant, wenn Niederländer in Englisch antworten.
Rechtschreibung und Aussprache
Während man die deutsche Rechtschreibung als eine historische auffassen muss (Beispiel: lehren - leeren), richtet sich die niederländische Schreibung einheimischer Worte weitestgehend nach der Aussprache, ist also in dieser Hinsicht regelmäßiger als das Deutsche.
Das Niederländische neigt auch dazu, Fremdworte so weit wie möglich der Aussprache anzugleichen : exclusief, fotografie, techniek, etnologie, muziek, recreatie.
Von grundlegender Bedeutung ist im Niederländischen die Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Silben (open/gesloten lettergrepen):
#Offene Silben enden auf einen Vokal, wie beispielsweise die erste Silbe des Wortes geven (geben): ge-ven
#Geschlossene Silben enden auf einen Konsonanten, wie beispielsweise das einsilbige Wort School (Schule): school
Die langen Vokale werden in offenen Silben einfach, in geschlossenen Silben doppelt geschrieben:
- geven, lezen, geloven (geben, lesen, glauben), aber:
- gaan, loon, jaar (gehen, Lohn, Jahr).
Kurze Vokale kommen lediglich in geschlossenen Silben vor:
- snel, pen, dag, boffen, opletten (schnell, Schreibfeder, Tag, Glück haben, aufpassen).
Der Großteil der niederländischen Buchstaben werden wie im Deutschen ausgesprochen.
Besondere Beachtung erfordern allerdings die folgenden Buchstaben und Buchstabenkombinationen:
- au/ou - etwa wie deutsches "au".
- eu [] - etwa wie langes ö.
- ie [], [] - etwa wie ein geschlossenes kurzes "i", geschlossener als im Deutschen, lang vor "r".
- ei/ij - etwa wie "ei". (Nicht wie deutsches "ei", sondern e + i), z. B. klein, lijn. Das IJ nimmt dabei als Ligatur eine Sonderstellung ein.
- oe - etwa wie kurzes "u", aber lang vor "r".
- u - in geschlossenen Silben etwas geschlossener als in deutsch "Hölle", in offenen Silben etwa wie deutsch "ü" in "Übel".
- ui - etwa wie "ö" + "i".
- c [], [] - vor e, i und ij wie "z" in Zimmer oder wie im englisch: "city"; vor a, o, u und Konsonant wie "k" in Kasse.
- g [] - wie "ch" in ach.
- qu [], [] - wie deutsches "qu" oder wie "k".
- tie [] - wie "ßi" oder "zi".
- w [] - wie deutsches "w".
- v [] - anders als deutsches "w" ist dieser Laut ein echter Reibelaut, d.h. die Reibung muss deutlich zu hören sein. Es gibt also einen deutlichen Unterschied zwischen: wier (Tang), vier (vier) und fier (stolz).
- z [] - wie deutsches "s" in "sehen".
Die einzelnen Silben werden durchverbunden, so dass der Glottisschlag des Niederländischen, anders als in verschiedenen Varietäten des Standarddeutschen nicht durchgängig die Funktion als Grenzsignal vor Vokal im Anlaut betonter Silben übernimmt, sondern als Mittel der Emphase benutzt wird.
- Beispiel: ndl.:Dat doe ik [] - hochdeutsch: Das mache ich []
Die Konsonanten werden durchgehend assimiliert, und zwar sowohl progressiv als auch regressiv.
Grammatik
Die Grammatik des Niederländischen hat sich vor allem in den letzten 100 Jahren, einem sprachgeschichtlich sehr kurzen Abschnitt, sehr stark vereinfacht. Die Fälle werden bei den Substantiven und Adjektiven nicht mehr angewendet, sie sind nur noch in den Objektpronomen erkennbar und treten in einigen feststehenden Redewendungen auf.
Die niederländische Sprache schreibt allgemein wie im Englischen alle Wortarten klein, nur das erste Wort eines Satzes wird großgeschrieben. Ausgenommen von dieser Regel sind Namen verschiedener Art. Dies sind vor allem:
- Namen von Personen (z.B. Rembrandt van Rijn)
- Eigennamen aller Art
- geografische Bezeichnungen (z.B. Amsterdam, Nederland, Vlaanderen)
- Adjektive als Herkunftsbezeichnungen von Orten (z.B. Edammer (von Edam + -er, das extra M ist wegen der Aussprache eingefügt), Maasdammer)
- historische Bezeichnungen (z.B. het Duitse Rijk)
Das Niederländische kennt drei verschiedene Arten des grammatischen Geschlechts: das männliche, das weibliche und das sächliche Geschlecht.
Es existieren im Niederländischen zwei verschiedene bestimmte Artikel (het bepaald lidwoord): de und het. Im Singular steht de vor den männlichen und weiblichen Substantiven, het dagegen vor sächlichen. Im Plural gibt es für alle drei grammatische Geschlechter den gleichen Artikel: de. Eine Flexion des bestimmten Artikels findet in der Niederländischen Sprache nicht statt. Lediglich in einigen Redewendungen und Sprichworten tauchen einige alte gebeugte Formen der Artikel auf: de eenvoud des harten = die Schlichtheit ("Einfalt") des Herzens, heden ten dage = heutzutage, Koninkrijk der Nederlanden = Königreich der Niederlande etc.
Der unbestimmte Artikel (het onbepaald lidwoord) im Niederländischen lautet im Singular für alle Substantive een und hat keine Pluralform.
Maskulinum oder Femininum?
Obwohl das Niederländische nur eine Unterscheidung in de- und het-Wörter kennt, spielt bei den pronominalen Bezeichnungen (hij, zij, het - er, sie, es) die Bestimmung, welchem Geschlecht das Substantiv zuzuordnen ist, eine wichtige Rolle.
Während in den nördlichen Provinzen der Niederlande das Sprachgefühl für eine klare Unterscheidung fast vollständig verloren gegangen ist, hat sich dieses Gefühl im südniederländischen Sprachgebiet, insbesondere in Flandern erhalten.
So sind de boter ("die Butter"'), de waarheid ("die Wahrheit") und de hoogte ("die Höhe") weiblich, de stoel ("der Stuhl") und de tafel ("der Tisch") männlich.
Im Norden der Niederlände besteht jedoch die Tendenz, de-Wörter als maskulin einzustufen ("hij") oder ein anderes Pronomen (z. B. die, dt." diese(r)") zu benutzen.
Im Vergleich zum Deutschen entspricht die Gruppe der de-Wörter meist den deutschen männlichen und weiblichen Substantiven, und die het-Wörter sind im Deutschen ebenfalls meist sächlich. Ausnahmen: het begin - der Beginn, het genot - der Genuss, het loon - der Lohn, het kanon - die Kanone etc.
Das Adjektiv (het bijvoeglijk naamwoord) ist als Prädikat unveränderlich. Als Beifügung trägt es überwiegend die Endung -e. Kein Endungs-e erhalten Adjektive vor sächlichen Substantiven, wenn diese in der unbestimmten Form stehen.
de grote man (der große Mann)
de grote vrouw (die große Frau)
het grote huis (das große Haus)
aber:
een grote man (ein großer Mann)
een grote vrouw (eine große Frau)
een groot huis (ein großes Haus)
Das Verb im Niederländischen endet in der Infinitivform, von einigen Ausnahmen abgesehen, auf -en. Das Verb wird wie im Deutschen konjugiert, also der handelnden Person entsprechend durch Veränderung der Verbendung gebeugt.
Konjugation des Verbs im Präsens
Zur Konjugation im Präsens, der Gegenwartsform hat der Infinitiv also die Stammform eines jeden Verbs eine zentrale Bedeutung. Er bestimmt wie im Deutschen die Konjugation des Verbs. Der Infinitiv endet auf -(e)n. Fast alle Verben die im Niederländischen stark sind, sind es auch im Deutschen, und umgekehrt.
Hinsichtlich der Rechtschreibung müssen bei der Konjugation die Ausspracheregeln beachtet werden (z. B. Einfachschreibung der langen Vokale in offenen Silben, Doppelschreibung bei geschlossenen Silben):
Beispiele:
- kopen (kaufen)
- gaan (gehen)
Also:
- kopen (Einfachschreibung des langen Vokals in offener Silbe).
- ik koop = ich kaufe (Doppelschreibung des langen Vokals in geschlossener Silbe).
- gaan (Doppelschreibung des langen Vokals in geschlossener Silbe)
- ik ga = ich gehe (Einfachschreibung des langen Vokals in offener Silbe).
Für ik (ich) wird die Verbform durch den Wortstamm gebildet. Zu jij (du), hij (er), zij (sie), het (es) sowie für u als Höflichkeitsformen von Sie wird die Verbform durch den Stamm und der Endung -t gebildet. Bei wij (wir), jullie (ihr) und zij (sie) beugt man die Verbform, indem man den Infinitiv des Verbs nutzt.
Ist ein -t am Ende der Stammform (wie bei eten im unten stehenden Beispiel), wird das -t bei jij, hij, zij, het und u nicht noch einmal angefügt.
Beispiele:
- kopen (kaufen)
- lopen (laufen)
- eten (essen)
- gaan (gehen)
Konjugation der Hilfsverben hebben und zijn im Präsens
Wichtige unregelmäßige Verben im Niederländischen sind die Hilfsverben:
- hebben (haben)
- zijn (sein)
Weblinks
- [http://www.dbnl.org/ Riesige Auswahl an niederländischer Literatur aus allen Jahrhunderten; zeitgenössische, historische, belletristische und wissenschaftliche Texte sowie hochwertige Wörterbücher online!
- [http://en.wikibooks.org/wiki/Dutch Niederländisch für Englischsprechende] (von Wikibooks)
- http://www.taalunie.org/ (auf Niederländisch)
- [http://www.infos-fuer-alle.de/niederlaendisch/MinikursNiederlaendisch.html#MinikursNiederlaendisch MinikursNiederlaendisch]
- [http://www.uitmuntend.de/ uitmuntend.de - Deutsch <-> Niederländisch Wörterbuch mit über 155.000 Stichwörtern und Bildwörterbuch]
- [http://www.ned.univie.ac.at/non/welkom/ Online-Kurs mit Soundausgabe]
- [http://www.majstro.com/Web/Majstro/taleninfo/dut_de.php Niederländisch-Deutsch-Niederländisches Online-Wörterbuch]
- [http://www.vandale.nl/opzoeken/woordenboek/ Der gesamte niederländische Wortschatz mit Phrasen, Synonymen und Umschreibungen in niederländischer Sprache. Dank ausführlicher Wortdefinitionen auch für Deutschsprachige ohne Vorkenntnisse weitgehend nachvollziehbar]
- [http://www.snvt.hum.uva.nl/index.html?lang=de Deutschsprachige Infos der Universität von Amsterdam über Niederländischkurse an deutschen und niederländischen Universitäten]
- http://neon.niederlandistik.fu-berlin.de Neon ist ein Projekt der Niederlandistik der FU Berlin
Kategorie:Einzelsprache
Kategorie:Niederlande
Kategorie:Belgien
ja:オランダ語
nb:Nederlandsk språk
Altfranzösische SpracheAltfranzösisch bezieht sich auf die langues d'oïl als Sammelbezeichnung der Varietäten romanischer Sprachen, die in der nördlichen Hälfte Frankreichs, sowie in Teilen Belgiens und der Schweiz vom neunten bis etwa zum Ende des 14. Jahrhunderts gesprochen wurden. Das Altfranzösische wurde durch das Mittelfranzösische abgelöst.
Erste Texte in Altfranzösisch
Ein erster Hinweis auf die Verwendung einer romanischen Volkssprache in Frankreich findet sich im Jahre 813 in folgendem Beschluss des Konzils von Tours: Ut easdem homilias quisque aperte transferre studeat in rusticam romanam linguam aut theotiscam, quo facilius cuncti possint intelligere quae dicuntur, d.h. für die Predigt wird die Verwendung der Volkssprache (in Abgrenzung zum liturgischen Latein) empfohlen. Das erste altfranzösische Sprachdokument sind die Straßburger Eide aus dem Jahr 842 in einer Mischung aus Vulgärlatein und Romanisch: Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro comun salvament, d’ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in aiudha et in cadhuna cosa…. Hier wird deutlich, dass bereits in karolingischer Zeit im westlichen Frankenreich (Francia occidentalis) eine romanische Volkssprache gesprochen wurde. Damit ist die altfranzösische Sprache die erste dokumentierte romanische Sprache überhaupt. Die erste altfranzösische Dichtung ist die Eulalia-Sequenz (ca. 884), die Merkmale des pikardischen Dialekts aufzeigt, ihr folgen weitere Heiligenlegenden und Bibelübersetzungen (Jonas-Fragment). Mit Beginn der kapetingischen Dynastie 987 verbreitet sich die vom franzischen Dialekt geprägte Sprache allmählich in Frankreich, es entstehen die Hauptwerke der altfranzösoschen Literatur in einem vom franzischen Dialekt geprägten Altfranzösischen (Romans de geste), im okzitanischen Sprachraum konnte sich das Französische allerdings erst nach den Albigenserkreuzzügen allmählich durchsetzen.
Wortschatz
Der altfranzösische Wortschatz geht auf das Latein zurück, das sich in Gallien nach der Eroberung durch Julius Cäsar im Jahr 51 n. Chr. durchgesetzt hatte. Der südfranzösische Sprachraum war jedoch schon ab 120 v. Chr. latinisiert, vereinzelt hatten sich auch griechische Sprachkolonien (Nizza, Marseille) gebildet. Etwa seit dem 3. Jahrhundert hatte sich das Latein soweit verändert, dass man diese Sprachform lingua latina rustica bezeichnete in Abgrenzung zum schriftsprachlichen sermo urbanus; in der sprachwissenschaftlichen Terminologie setzten sich später die Bezeichnungen Sprechlatein oder Vulgärlatein durch. Im Laufe der Sprachgeschichte wurde das Latein durch eine chronologisch frühere Sprachschicht, das Substrat und eine im Laufe der Völkerwanderung hinzugekommene Sprachschicht, das Superstrat beeinflusst. Im Süden Galliens bildete sich die Langues d'oc, auch als okzitanische oder provenzalische Sprache bezeichnet, heraus, während im Norden die Langues d'oïl entstand. Die Sprachgrenze bildet ungefähr die Loire, genauer eine Linie, die von Grenoble bis nach La Rochelle führt. Durch die phonetische Entwicklung, die häufig zur Entstehung von Homonymen führte (so ergab lat. AVEM ‚Vogel’ und APEM ‚Biene’ (jeweils angegeben im Akkusativ) im Altfranzösischen beide /e/), kam es zur Notwendigkeit der Entlehnung aus anderen Sprachen (in diesem Fall oiseau aus dem lateinischen Diminutiv AVICELLUS und abeille aus dem provenzalischen abelha aus der lateinischen Form APICULA).
Substratsprachen
Das Latein in Gallien wurde zunächst beeinflusst durch die keltische Sprache, die vor der römischen Eroberung gesprochen wurde und als untergegangene Sprachform auch als Substratsprache bezeichnet wird.
Gallische Substrate sind im Altfranzösischen relativ selten, man findet sie vor allem in Ortsnamen. Ansonsten finden sich keltische Substratwörter z.B. in den Bezeichnungen zum Brauwesen wie cervoise, brasser und brasserie. Darüber hinaus hatte das keltische Substrat in Gallien wohl Einfluss auf die phonetische Entwicklung wie die Palatalisierung, die Entwicklung des lateinischen /u/ zum französischen /ü/ oder die Vokalisierung des /l/.
Superstratsprachen
Das Fränkische hatte als Sprache der Eroberer entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der altfranzösischen Sprache. Fränkische Elemente im Französischen sind u.a. Eigennamen wie Gérard < Gerhard, Louis < Hlodwig, Charles < Karl und Begriffe wie beffroi < - bergfried, hache < - hapja, haubert < - halsberg, gant < - want, hareng < - haring, jardin < - gard- etc. Erkennbar sind die fränkischen Entlehnungen in der graphischen Umsetzung des germanischen /w/ am Wortanfang, das ein gesprochenes /g/ in der Grahie /gu/ ergeben hat (frk. werra > frz. guerre). Weitere Superstratsprachen wie das Gotische hatten dagegen nur einen geringen Einfluss.
Erbwörter und Buchwörter
Im Altfranzösischen entwickeln sich aus einem lateinischen Etymon mitunter zwei verschiedene Lexeme. Diejenigen, die eine erbwörtliche Entwicklung mitmachen (die also in ihrer Form nach den Lautgesetzen verändert wurden), nennt man Erbwort, diejenigen, die (vor allem zur Zeit des Humanismus) direkt aus dem Lateinischen entlehnt wurden, nennt man Buchwort. Beispiele sind: cause und chose (lat. CAUSA), tôle und table (lat. TABULA), entier und intègre (INTEGER), droit und direct (DIRECTUS), mâcher und mastiquer (lat. MASTICARE), sûreté und sécurité (lat. SECURITAS), nuisible und nocif (lat. NOCIBILIS).
Grammatik und Phonologie
Zweikasussystem
Das morphologische System des Lateinischen verfügte über fünf verschiedene Deklinationsklassen und ein Kasussystem. Dennoch gab es bereits im Lateinischen einige Schwachstellen des Systems, so konnte die Form rosae den Genitiv Singular, den Dativ Singular und den Nominativ Plural bezeichnen. Der Wegfall der Endkonsonanten, insbesondere von –M und –S, führte schließlich zum Zusammenbruch des Systems, es ergaben sich folgende Phänomene:
- eine stärkere Fixierung der Syntax
- die Entwicklung der Artikel, die im klassischen Latein noch unbekannt waren
- der Gebrauch von Präpositionen für alle Objektfälle
Das Altfranzösische verfügte über ein auf zwei Kausus reduziertes System, das eine Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt ermöglichte:
Der Wegfall des Zweikasussystems im 14. Jahrhundert durch das vollständige Verstummen der Endkonsonanten markiert den Übergang vom Altfranzösischen zum Mittelfranzösischen.
Prä- und Postdetermination
Im Lateinischen wird
- bei Verben Person, Numerus, Tempus bzw. Modus
- bei Substantiven Numerus, Genus und Kasus
- bei gesteigerten Adjektiven Steigerungsgrad
durch die Endung festgelegt. Durch Verstummen der Endkonsonanten (insbesondere -S und -T) wird der Gebrauch der Pronomen im Altfranzösischen ungefähr seit dem 11. Jahrhundert obligatorisch. Die morphologische Markierung wird also von Wortende an den Wortanfang verschoben.
Vokalsystem
Das altfranzösische Vokalsystem geht zunächst auf die nach dem Quantitätenkollaps im 3. Jahrhundert eingetretene Ablösung der lateinischen Vokallängen durch Qualitäten.
In der Folge wurden vor allem Vokale in freier Stellung (d.h. am Silbenende) diphtongiert, d.h. aus einfachen Vokalen entstanden Doppelvokale, sehr früh entsteht z. B. der Dipthong /ou/ aus /o/ (in louer, cour), ebenso entsteht die Nasalisierung von /an/ und /on/, ebenso konnten Diphtonge nasal gesprochen werden wie /aim/, /ain/.
Konsonanten
Fast alle Konsonanten (und i) vor Vokal wurden im Altfranzösisischen palatalisiert, d.h. die Aussprache verschob sich zum Palatum (Vordergaumen) hin. Das aus dem intervokalischen /t/ entstandene /d/ wird im Altfranzösischen zu einem „englischen“ /th/, bevor dieser Laut vollständig aus der französischen Sprache verschwindet (z.B. lat. VITA > vida > vitha > frz. vie).
Verbalmorphologie
Das Lateinische kannte vor allem die synthetische Markierung von Tempus und Modus im Wortinnern. Bereits im Vulgärlatein lässt sich eine Tendenz zur analytischen Bildung feststellen, morphologisch wird Tempus und Modus also durch ein angefügtes Hilfsverb angegeben. Hieraus entstanden im Altfranzösischen z.B. die Formen des Futurs und des Konditional, so wird z.B. das altfranzösische Futur aus CANTARE + HABEO (wörtlich: ich habe zu singen) zu chanterai. Andere Zeiten wie das Imperfekt entwickelten sich lautgesetzlich aus dem Lateinischen: lat. CANTABAM > vlat. cantava > afrz. cantoe > frz. chantais.
Graphie
In altfranzösischen Texten unterscheidet sich (wie im Neufranzösischen) die Graphie erheblich von der Aussprache, d.h. es wird teils etymologisierend, teils phonetische geschrieben. Die tatsächliche Aussprache läßt sich im konkreten Fall rekonstrieren aus Reimen wie forest : plaist; fais : apres oder durch die Untersuchung der Wortentehnungen in andere Sprachen, z.B. forest mhd. foreht; afrz. chastel mhdt. tschastel oder auch engl. change, chapel, chief. In der Schreibung nicht unterschieden wurden im Altfranzösischen das als /ts/ palatalisierte c vor e und i und das weiterhin als /k/ realisierte c vor a, o und u, die Cedille zur Markierung der palatalisierten Aussprache von c vor a, o und u wurde erst im 16. Jahrhundert durch den Buchdruck eingeführt.
Varietäten
Da das Franzische als Dialekt der Île de France und Grundlage des heutigen Französisch sich erst ab dem 13. Jahrhundert in Frankreich als Nationalsprache durchsetzen konnte, existierten lange Zeit relativ eigenständige Dialekte:
- das Burgundische in Burgund, das lange Zeit ein unabhängiges und kuturell hochstehendes Herzogtum war;
- das Pikardische in der Pikardie, mit einer stark ausgeprägten Klostertradition, einige der ältesten altfranzösischen Texte sind im pikardischen Dialekt verfasst (etwa die Eulalie-Sequenz), auch die zur 'matière de France gehörenden Chansons de geste sind vermutlich in der Pikardie entstanden.
- das Wallonische in der Wallonie im heutigen Belgien mit dem Zentrum Namur;
- das Champagnische in der Champagne, mit einer starken literarischen Tradition, die Epen von Chrétien de Troyes sind im champagnischen Dialekte verfasst;
- das Normannische, das zunächst im Bereich der heutigen Normandie von den Normannen verwendet wurde und nach der Eroberung Englands auf den britischen Inseln gesprochen wurde. Hier spricht man auch vom Anglo-Normannischen, das einen starken Einfluss auf die Entwicklung der heutigen englischen Sprache ausüben konnte. Bekannt wurden vor allem die Dichtungen der Marie de France im anglonormannischen Dialekt;
- das Lothringische in der Grenzregion zum deutschen Sprachraum und einer weitgehenden politischen Eigenständigkeit bis ins 17. Jahrhundert
Jedoch lassen sich anhand der überlieferten (literarischen) Texte häufig keine eindeutigen Dialektzuordnungen anstellen, da die Werke der altfranzösischen Zeit in der Regel nur durch spätere Abschriften überliefert sind.
Nicht zur langues d'oïl gezählt wird das Frankoprovenzalische in der Region von Lyon bis in die französischsprachige Schweiz und die Dialekte der langues d'oc in Südfrankreich. Umstritten ist der Status der Dialekte in dem als Croissant bezeichneten Dialektgrenzgebiet in der Auvergne.
Altfranzösische Literatur
Literatur
Einführungen und Sprachgeschichten
- Batany, J., Français médiéval, Paris, Bordas, 1978.
- Bruneau, Charles, Petite histoire de la langue française, 2 voll., Paris, 1969/70.
- Brunot, Ferdinand, Histoire de la langue française des origines à nos jours, 13 voll., Paris, 1966-.
- Hasenohr, Geneviève, Introduction à l’ancien français, Paris, 21993.
- Kesselring, Wilhelm, Die französische Sprache im Mittelalter, Tübingen, 1973.
- Voretzsch, Carl, Einführung in das Studium der altfranzösischen Sprache, Halle, 1932.
- Wartburg, Walther von, Evolution et structure de la langue française, Tübingen, Francke, 1993 [= Kultur- und Sprachgeschichte Frankreichs].
- Wolf, Heinz Jürgen, Französische Sprachgeschichte, Heidelberg / Wiesbaden, UTB, 1991.
- Zink, Gaston, L'ancien français, Paris, PUF, 1997 (= Que sais-je).
Wörterbücher
- DEAF = Baldinger, Kurt, Dictionnaire étymologique de l'ancien français, Tübingen, 1974-.
- Godefroy, Frédéric, Dictionnaire de l'ancienne langue française et de tous ses dialectes du IXe au XVe siècle, 10 voll., Paris, Vieweg / Bouillon, 1880-1902.
- Greimas, Algirdas Julien, Dictionnaire de l’ancien français, Paris, Larousse, 1979.
- TL = Tobler, A. / Lommatzsch, E., Altfranzösisches Wörterbuch, Berlin / Wiesbaden, 1924 - 1991 (A-V).
Grammatiken
- Anglade, Joseph, Grammaire elémentaire de l'ancien français, Paris, Colin, 1965.
- Meyer-Lübke, Wilhelm, Historische Grammatik der französischen Sprache, 2 voll., Heidelberg, 1966.
- Regula, Moritz, Historische Grammatik des Französischen, 3 voll., Heidelberg, 1955-1966.
- Rheinfelder, Hans, Altfranzösische Grammatik, 2 voll., München, Hueber, 1975.
Siehe auch: Gallische Sprache, Französische Sprache
Kategorie:Einzelsprache
Kategorie:Sprachstufe
Kategorie:Französische Geschichte
PhonemPhoneme (selten: Foneme) sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden, aber nicht bedeutungstragenden Einheiten einer Sprache und der wissenschaftliche Untersuchungsgegenstand der Phonologie.
Beispiele für deutsche Phoneme:
:/p/, /t/, /k/ (stimmlose Plosive)
:/m/, /n/, /ŋ/ (Nasale)
:/a:/, /a/, /e:/, /e/ (lange und kurze Vokale)
Phoneme tragen für sich genommen keine Bedeutung, ersetzt man jedoch in einem Wort ein Phonem durch ein anderes, ändert sich die Bedeutung: „Katze“ vs. „Tatze“, „Lamm“ vs. „lang“, „Beet“ vs. „Bett“. Dies ist mit „bedeutungsunterscheidend“ gemeint. Mit Hilfe dieser sogenannten Minimalpaaranalyse lassen sich alle Phoneme einer Sprache systematisch erfassen und identifizieren: Führt das Ersetzen eines Lauts durch einen anderen zu einer Änderung (oder dem Verlust) der Bedeutung des Wortes, können beide Laute unterschiedlichen Phonemen zugeordnet werden. Bei Phonemen handelt es sich jedoch nicht um die Laute selbst, sondern um von den Einzellauten (Phonen) einer Sprache abstrahierte Einheiten. Als solche sind sie keine physischen Laute im eigentlichen Sinn, sondern müssen durch entsprechende Allophone realisiert („hörbar gemacht“) werden.
Zur Notierung von Phonemen bedient man sich im Allgemeinen der Lautschrift-Symbole des Internationalen Phonetischen Alphabets. Dabei handelt sich jedoch lediglich um eine Vereinfachung: Da Phoneme nicht mit den Lauten identisch sind, sondern Positionen innerhalb einer Systematik könnte man im Prinzip jedes beliebige Symbol für ein Phonem verwenden. Zur Unterscheidung werden Phoneme durch Schrägstriche (//) eingefasst, während Phone (die ebenfalls mit den IPA-Symbolen geschrieben werden) in eckigen Klammern notiert werden ([]).
Nicht verwechselt werden dürfen Phoneme mit Graphemen, die in etwa den Buchstaben entsprechen.
Hintergrund
Das Phonemkonzept taucht erstmals in den Arbeiten von Jan Niecislaw Baudouin de Courtenay (1845-1929) auf, wurde aber vor allem durch die Weiterentwicklungen von Nikolai Trubetzkoi (1890-1938) bekannt. Die psychologische Interpretation (siehe unten) geht zurück auf die Arbeiten von Noam Chomsky und Morris Halle.
Die Gesamtheit aller Phoneme wird auch als „Phoneminventar“ bezeichnet, dessen Größe von Sprache zu Sprache teilweise erheblich schwankt. Am Phoneminventar orientieren sich auch die meisten Alphabetschriften, im Idealfall existiert eine 1-zu-1-Zuordnung von Phonemen und Buchstaben.
Phoneme lassen sich anhand ihrer Merkmale klassifizieren. Gibt es ein Merkmal, das zwei Phoneme voneinander unterscheidet, so wird es als distinktives Merkmal bezeichnet. Beispielsweise ist im Deutschen die Stimmhaftigkeit von Plosiven distinktiv: [] und [] entsprechen den Phonemen /p/ und /b/, da sie zur Bedeutungsunterscheidung herangezogen werden können (vgl. „Pass“ vs. „Bass“). Nicht distinktiv ist dagegen die Aspiriertheit von Plosiven. [] und [] sind beides Varianten des Phonems // ([] und [] sind gleichbedeutend). Alternativ kann auch gesagt werden, Stimmhaftigkeit hat „phonemischen Wert“, Aspiriertheit dagegen nicht.
Für manche Phoneme gelten Einschränkungen, was ihre Position anbelangt: Im Deutschen etwa darf // nicht am Wortanfang auftauchen, // nicht am Wortende.
Phoneme als mentale Einheiten
Über die klassische Charakterisierung von Phonemen als abstrakte Einheiten einer systematisierenden Untersuchung von Sprache hinausgehend (Strukturalismus) werden Phonemen häufig auch als mentale Einheiten aufgefasst: Im Laufe des Spracherwerbs erlernt ein Kind, welche phonetischen Merkmale eines Lautes für die Bedeutung eines Wortes entscheidend sind und welche nicht. Die im Zuge dieses Prozesses entstehenden Kategorien werden als mentale Entsprechungen (Repräsentationen) der ursprünglich rein linguistisch definierten Phoneme angesehen. Nach dieser Auffassung haben Phoneme eine eigenständige Existenz im mentalen Sprachverarbeitungssystem eines Sprechers: Das System greift bei der Sprachverarbeitung tatsächlich auf diese Einheiten zurück. (Eine gegenteilige Hypothese wäre etwa die Behauptung, dass durch das Zusammenspiel von gelernten Wörtern und einzelnen Lautwahrnehmungen nur der Eindruck entsteht, Phonemkategorien seien im System am Werk.).
Der Einfluss dieser Phonemkategorien auf die Wahrnehmung lässt sich besonders gut beim Umgang mit einer Fremdsprache beobachten. Phonetische Unterscheidungen, die in der eigenen Sprache keine Rolle spielen, werden vom untrainierten Ohr auch in anderen Sprachen nicht wahrgenommen oder fälschlicherweise ein und demselben Phonem zugeordnet. Beispiel: Das chinesische // wird retroflex gebildet, das chinesische // in etwa wie unser //. Wenn ein Deutscher seinen Laut // ausspricht, wird dieser von Chinesen als // wahrgenommen und nicht als das chinesische retroflexe //.
Unterschiedliche Realisierungen eines Phonems
Gleichgültig, ob man Phoneme als das Ergebnis einer rein linguistschen Systematisierung oder als mentale Entitäten auffasst, in jedem Fall handelt es sich bei ihnen um Abstraktionen einer konkreten lautlichen Äußerung. Dies bedeutet im Gegenzug aber auch, dass sich konkrete Realisierungen von Phonemen (Allophone) erheblich voneinander unterscheiden können und dennoch ein und demselben Phonem zugeordnet werden. So klingt zum Beispiel ein // nach einem // anders als nach einem //, trotzdem handelt es sich um ein einzelnes Phonem. Gründe für mehr oder weniger frei variierende Realisierungen sind vor allem dialektale Unterschiede und Koartikulationseffekte wie im Beispiel sowie ganz allgemein Besonderheiten in der Artikulation eines Sprechers.
Für eine Reihe von Phonemen existieren jedoch phonologische Regeln, die in Abhängigkeit von der lautlichen Umgebung eines Phonems eindeutig festlegen, mit welchem Allophon es zu realisieren ist.
Beispiel: Im Deutschen wird das Graphem , das im Allgemeinen für das Phonem // steht, manchmal im Bereich des harten Gaumens, also palatal artikuliert ([] – „ich“), manchmal aber auch weiter hinten im Bereich des weichen Gaumens ([] – „ach“). Es gilt die Regel, dass [] nur nach /a/, /o/, /u/ und /au/ steht, in allen anderen Fällen steht []. Entscheidend ist also einzig und allein die lautliche Umgebung, inhaltliche Unterschiede zwischen den Wörtern spielen keine Rolle. Bei derartigen sogenannten kombinatorischen Varianten sind beide Allophone zumeist so verteilt, dass dort, wo das eine stehen muss, das andere nicht stehen darf und umgekehrt (komplementäre Distribution).
Führen solche Regeln dazu, dass ein eigentlich distinktives Merkmal seine bedeutungsunterscheidende Funktion verliert, spricht man von Neutralisation. Die sogenannte Auslautverhärtung im Deutschen hat zur Folge, dass alle stimmhaften Phoneme (bspw. //, // und //) am Wortende stimmlos ausgesprochen werden; der in anderen Positionen relevante Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Phonemen wird neutralisiert („Bund“ und „bunt“ wird zwar unterschiedlich geschrieben, aber identisch ausgesprochen ([])). Auch Assimilationsprozesse führen häufig zu Neutralisation.
Siehe auch
- Phon
- Phonematische Orthographie
- Morphem
Weblinks
- http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/Udo.L.Figge/texte/phonem.html
Kategorie:Phonologie
ja:音素
ko:낱소리
zh-min-nan:Im-sò·
ExplosivDer Begriff Explosiv steht für
- das Adjektiv zum Substantiv Explosion, das heißt eine schlagartig ablaufende Verbrennung
- die traditionelle, adjektivisch und substantivisch gebrauchte Bezeichnung für bestimmte Konsonanten in der Phonetik, die heute als Plosive bezeichnet werden
- den Titel eines Fernseh-Boulevardmagazin bei RTL, siehe Explosiv (Fernsehen)
Neutralisation (Phonologie)Unter Neutralisation versteht man in der Phonologie die Aufhebung eines kontrastiven Merkmals durch einen phonologischen Prozess.
Ein gutes Beispiel bieten stimmhafte Obstruenten am Wortende im Deutschen: Das Merkmal [+stimmhaft] des wortfinalen Konsonanten /d/ in Rad wird in dieser Position neutralisiert, so dass der Obstruent stimmlos als [t] realisiert wird (Auslautverhärtung). Die beiden Äußerungen Mein Rat und Mein Rad sind somit homophon, da der Stimmhaftigkeitskontrast aufgehoben wurde.
Die Neutralisationsregel lässt sich formulieren als
C[+stimmhaft] --> C[-stimmhaft] | _#
Im breiteren Sinne kann man Neutralisationsregeln auch auf anderen linguistischen Beschreibungsebenen aufstellen.
Literatur: Wiese, Richard (1996), The Phonology of German, Oxford: Clarendon Press.
Kategorie:Linguistik
PhonologieDie Phonologie als Teil der Lautlehre (hier spez. "Sprachgebilde-Lautlehre") ist ein Teilgebiet der Linguistik. Sie untersucht Systeme von Phonemen, den kleinsten bedeutungsunterscheidenden Elementen von Sprachen. Die Phonologie beschäftigt sich mit den Lauten als Einheiten im System einer Sprache, während sich die Phonetik ("Sprechakt-Lautlehre") mit der detaillierten Beschreibung dieser Laute (Phone) unabhängig von Systemüberlegungen befasst.
Notizen zur Phonologie des Deutschen
Neuhochdeutsche Phoneme sind z. B. /k/, /g/, /ă/, /ā/. Nur verschiedene Phone sind aber z. B. unterschiedliche Aussprachen für das /r/: uvular frikativ (weitestverbreitete deutsche Aussprache) , uvular vibrantisch (französisch, hinten gerollt) und apikal (alveolar) (süddeutsch-italienisch-spanisch, vorne gerollt) .
Mehr zur Phonologie des Deutschen im Artikel Aussprache_der_deutschen_Sprache.
Phoneminventar und Merkmale
Um ein Phoneminventar zu erstellen, bedient man sich u.a. so genannter Minimalpaare - Wörter, die sich nur in einem Laut unterscheiden. Dieser Laut hat dann Phonemstatus.
Beispiel: Kutter und Futter -> /k/ und /f/
Nach Chomsky und Halle ist die phonologische Repräsentation einer Äußerung eine Sequenz von Einheiten, die durch Eigenschaften (Merkmale) gekennzeichnet sind. Die Eigenschaften können entweder vorhanden (+) oder nicht vorhanden (-) sein. Ein Phonem ist ein Bündel von Merkmalen.
Diese werden unterschieden von den Morphemen, die die kleinsten bedeutungstragenden Elemente darstellen.
Zur Darstellung von Phonemen wird ebenso wie in der Phonetik das Internationale Phonetische Alphabet benutzt.
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