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Auswanderer

Auswanderer

Emigration (von lat.: e hinaus; migrare wandern) oder Auswanderung ist das freiwillige oder erzwungene Verlassen des Heimatlandes auf Dauer. Sie erfolgt aus wirtschaftlichen, religiösen, politischen oder anderen individuellen Gründen. Die von der Emigration betroffenen Personen nennt man Emigranten oder Auswanderer. Hinsichtlich der Art der Auswanderung unterscheidet man zwischen derjenigen, die von einem ganzen Volk oder großen Teilen eines Volkes unternommen werden und derjenigen, die Einzelpersonen oder einzelne Familien unternehmen. Gegensatz: Immigration, d.h. Einwanderung, die aus Sicht des aufnehmenden Landes erfolgt. Man kann nur auswandern, wenn man auch einwandert. Immigration

Begriffsklärung

Von der Auswanderung zu unterscheiden ist die ethnische Säuberung oder Vertreibung, die eine erzwungene Massenwanderung darstellt und eine ungesetzliche Maßnahme eines oder mehrerer Staaten gegenüber ihren Bürgern darstellt. Der Ort, an dem Flüchtlinge nach ihrer Vertreibung leben, wird Exil genannt. Wanderungsbewegungen hat es immer gegeben, entweder aufgrund existenzieller Bedrohung durch Kriege oder Naturkatastrophen oder durch die Hoffnung auf bessere ökonomische Bedingungen in einem anderen Land. In der Forschung spricht man von push- und pull-Faktoren, also einerseits von der Lage im Herkunftsland, andererseits von den angeblichen oder realen Vorteilen im Aufnahmeland. Insofern hat jede Emigration zwei Aspekte, nämlich
- die Situation im abgebenden Land: Bevölkerungs- und Begabungsverlust, aber auch Entlastung bei knappen Ressourcen
- die Situation im aufnehmenden Land: Probleme der Akkulturation (vor allem Erlernen der Sprache) und Integration, aber auch Zuwanderung von Arbeitskräften, Fachwissen und kultureller Vielfalt. In der frühen Neuzeit - nach der Völkerwanderung - sind die Vertreibung der Mauren aus Spanien, die Versetzung von Indianerstämmen an neue Wohnsitze (Reservationen) und später die Verbrecherkolonien zu nennen. Eine starke Emigrationsbewegung ereignete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg, als Arbeitsemigranten aus der übervölkerten Schweiz (vor allem aus den Kantonen Thurgau, Zürich und St. Gallen) und aus Vorarlberg in den zerstörten, teilweise menschenleeren Gegenden Südwestdeutschlands ansässig wurden und halfen, das verwüstete Land wieder empor zu bringen. Im Zeitalter der Konfessionalisierung (1550-1750) mussten viele Emigranten ihre Heimat aus Glaubensgründen verlassen, denn seit Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Prinzip cuius regio eius religio von den Fürsten immer strenger durchgesetzt. Wer nicht zur Konfession seines Landesherren übertreten wollte, musste das Land verlassen. Das betraf zum Beispiel die Protestanten in Böhmen, die seit 1623 bis etwa 1680 in mehreren Wellen auswanderten. Während des frühen 18. Jahrhunderts sind vor allem die großen Emigrationen der Hugenotten bemerkenswert. Als der vor allem in Südfrankreich sehr starke Protestantismus durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685 verboten und verfolgt wurde, verließen Tausende von Angehörigen der protestantischen Oberschicht ihre Heimat und siedelten sich in England oder Preußen an. 1733 wurden die Protestanten aus dem unter bischöflicher Herrschaft stehenden Land Salzburg vertrieben. Zum Teil förderten die Landesherren die Ansiedlung der Glaubensflüchtlinge durch Vergünstigungen, weil sie sich Impulse für ihre Wirtschaft erhofften. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts emigrierten viele Deutsche nach Osten: nach Ungarn, Rumänien und Russland, auch hier teilweise ermutigt durch die Landesherren. In manchen Ansiedlungsgebieten blieb die Sprache und Kultur des ursprünglichen Heimatlandes über Jahrhunderte hinweg erhalten, da die Siedlungen nach außen weitgehend isoliert waren und insbesondere Heiratsverbindungen mit Einwohnern des aufnehmenden Landes fast ausgeschlossen waren. Indessen entwickelten die Emigranten eine bedeutende Wirtschaftskraft. Religiös motivierte Emigranten zogen schon im 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten, um bei der dort gewährten Religionsfreiheit ohne Repressalien leben zu können. Vor allem der Staat Pennsylvania zog Menschen aller religiösen Richtungen an. Im 19. Jahrhundert erreichte die Auswanderung im deutschsprachigen Raum einen Höhepunkt. Es kam verschiedentlich zu Massenauswanderungen, die eng mit der konjunkturellen Entwicklung zusammenhingen. Bezogen auf Südwestdeutschland, kann man von drei Phasen der Massenauswanderung sprechen:
- 1816/1817: Bedingt durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien, einem der stärksten bekannten Vulkanausbrüche überhaupt, wurde so viel Asche in die Atmosphäre geschleudert, dass es auf der nördlichen Halbkugel zu extrem nassen, kalten Sommern kam und die Ernte zweier Jahre ausfiel. Deshalb kam es zu einer großen Emigrationsbewegung. In Südwestdeutschland schifften sich viele Menschen auf der Donau ein und siedelten in Südrussland (Bessarabien, Gegend um Odessa, Gegend um Tiflis im Kaukasus). Ein kleinerer Teil der Emigranten suchte in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat.
- 1845-1855: Wiederum löste eine anhaltende Wirtschaftskrise die größte Massenemigration des 19. Jahrhunderts aus. Nun richteten sich die Auswandererströme fast ausnahmslos nach den Vereinigten Staaten. Dort wurden weite Landstriche erschlossen und besiedelt, indem man die eingeborenen Indianer bekämpfte und vertrieb. Einen zusätzlichen Anreiz zur Auswanderung bildeten die Nachrichten von Goldfunden in Kalifornien seit 1845, bekannt geworden unter dem Begriff Goldrausch. Die Emigranten dieser Phase nannte man auch Forty-Eighters. Nach 1855 ließ die Stärke der Auswanderung nach und kam während des Amerikanischen Bürgerkrieges (1861-1865) fast vollständig zum Erliegen. Bild:Aschersleber_Anzeiger_1.jpg|Deckblatt des Aschersleber Anzeigers (1852) Bild:Aschersleber_Anzeiger_2.jpg|Anzeige zur Auswanderer-Beförderung im Aschersleber Anzeigers (1852)
- 1880ff.: Nach 1880 kam es noch einmal zu einer Auswanderungswelle in die Vereinigten Staaten, die jedoch nicht mehr die Stärke der anderen Auswanderungsbewegungen erreichte. In der wirtschaftlichen Depression nach dem Ersten Weltkrieg emigrierten ganze Gruppen nach Argentinien und Südbrasilien (Bundesstaat Rio Grande do Sul). Auch hier entstanden deutschsprachige Siedlungen; ein Landstrich in Südbrasilien heißt heute noch Neu-Württemberg. Nach der Machtübernahme der NSDAP in Deutschland 1933 setzte die Judenverfolgung sowie eine vollständige Unterdrückung jeglicher Opposition ein. Menschen, die früh genug die Gefahr erkannten und über die nötigen finanziellen Mittel verfügten, verließen das Land. Die Filmmetropole Hollywood profitierte immens vom Zustrom an kreativem Personal wie Produzenten, Regisseuren und Schauspielern. Der Filmklassiker Casablanca (1942) wurde beispielsweise fast ausnahmslos mit eingewanderten Schauspielern besetzt. Berühmte Emigranten waren z.B. im 20. Jahrhundert der Naturwissenschaftler Albert Einstein, die Schriftsteller Thomas Mann und Bertolt Brecht, die Schauspielerin Marlene Dietrich, der Regisseur Billy Wilder, die während des "Dritten Reiches" Deutschland wegen des Nationalsozialismus verließen und in die USA emigrierten. Nach 1945 emigrierten wiederum viele Menschen aus Deutschland. Ursache war in erster Linie die ökonomische Perspektivlosigkeit der Nachkriegszeit. Hinzu kamen bei Wissenschaftlern die von den Alliierten erlassenen Forschungseinschränkungen, die in Deutschland bis 1955 in Kraft blieben. Unter den Emigranten waren auch Täter des Nazi-Regimes aus Deutschland, die zur Emigration die sog. Rattenlinie nutzten. Die DDR verlor während ihres 40-jährigen Bestehens über zwei Millionen Einwohner, die vor allem vor dem Mauerbau aber auch in den 80er Jahren in den Westen gingen. Innere Emigration bezeichnet die innere geistige Auswanderung, z. B. von Intellektuellen oder Künstlern in einer Diktatur, die im Heimatland verbleibend eine Distanz zur Macht ohne aktiven oder künstlerischen Widerstand pflegen. Eine große Emigrationswelle nach Deutschland setzte in den 1960er Jahren ein, als im Zuge einer sehr günstigen wirtschaftlichen Entwicklung Hunderttausende von "Gastarbeitern" vor allem aus den südlichen Ländern Europas (Italien, Spanien, Griechenland, Jugoslawien, Türkei) einwanderten. Was als vorübergehende Anwesenheit zur Aufbesserung der ökonomischen Situation gedacht war, führte in der überwiegenden Zahl der Fälle zu einer festen Ansiedlung. Vor allem in der Gastronomie kann man die kulturellen Folgen dieser Einwandererbewegung sehr deutlich erkennen, sei es beispielsweise im verbreiteten Aufkommen der Pizza oder des Döner Kebab. In einem großen Teil der nachwachsenden Generation kann man - allerdings abhängig vom kulturellen Umfeld des Herkunftslandes - von einer weitgehenden bis vollständigen Integration sprechen. Allerdings gibt es auch Schichten von Einwanderern, bei denen Abgrenzungstendenzen und eine weitgehende oder vollständige Bewahrung der Kultur ihres Heimatlandes festzustellen ist. Nach 2000 hat in diesem Zusammenhang vor allem der Islamismus in dieser Beziehung von sich reden gemacht, also die Neigung zu einem islamischen Fundamentalismus. Im Deutschland des Kalten Krieges sprach man auch von einem Recht auf freie Emigration, wobei man genauer das Recht auf Freizügigkeit meinte: Dieses Recht habe die DDR ihren Bürgern verwehrt. 2004 emigrierten 12.976 Deutsche in die USA, dicht gefolgt von 12.878 in die Schweiz. Die Schweiz hat statistisch betrachtet von Jahr zu Jahr eine immer grössere Immigration der Deutschen. Es sind schwerpunktmässig gut ausgebildete Fachleute, die emigrieren.

Gründe für Emigration

Emigration gibt es in nahezu allen Ländern der Erde, aus verschiedenen Gründen:
- Wegen besserer Arbeits- und Lebensbedingungen (Spezialfall angeworbene Arbeitskräfte, in Deutschland beispielsweise Gastarbeiter); abwertend auch Wirtschaftsflüchtlinge genannt
- Aus politischen Gründen
- Aus religiösen oder sprachlich-kulturellen Gründen
- Als Flüchtlinge wegen akuter Bedrohung durch Krieg, Bürgerkrieg, Hungersnot oder gezielter Vertreibung
- In früheren Zeiten aufgrund von Versklavung

Emigration in verschiedenen Ländern

Es gibt klassische Auswanderungsländer wie die Staaten der so genannten zweiten und dritten Welt. Aber auch aus Staaten der ersten Welt wandern Menschen aus, z.B. aus privaten, wirtschaftlichen oder sonstigen Gründen (siehe: Brain Drain). Einwanderungsländer sind: siehe Immigration. Und es gibt Länder, die Emigration nicht begrenzen müssen, da sich aufgrund der wirtschaftlichen Stärke kein oder nur minimaler Emigrationsdruck aufbaut, z.B. USA, BRD.

Tschechoslowakei

Zwischen der Einverleibung des Sudetenlandes und der Okkupation durch das Dritte Reich verließen viele gefährdete Menschen das Land, viele von ihnen haben bereits einmal aus Deutschland vor den Nazis fliehen mussten. Nach dem Krieg kamen zwar viele Emigranten zurück, doch etliche verließen ihre Heimat enttäuscht rasch wieder. Neben der Vertreibung der deutschen Bevölkerung verlor das Land auch Tausende von Tschechen und Slowaken. Nach der endgültigen kommunistischen Machtübernahme 1948 flüchteten bis 1989 etwa ½ Million Tschechen in den Westen (davon 60.000 unmittelbar nach dem Februar 1948 und 245.000 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968).

Siehe auch


- Deutsche Überseewanderung
- Einwanderung in die USA
- Fünfte Schweiz
- Freizügigkeit
- Hollandgang
- Migration
- Arbeitsmigration
- Illegale Migration
- Bevölkerungsentwicklung
- Bevölkerungsrückgang
- Integration
- Zuwanderung
- Immigration
- Exil
- Exulanten
- Liste bekannter deutschsprachiger Emigranten und Exilanten (1933–1945)

Literatur


- Bade, Klaus J.: Deutsche im Ausland - Fremde in Deutschland : Migration in Geschichte und Gegenwart, München : Beck, 1992, 542 S. ISBN 3-406-35961-2
- Engel, Hans-Ulrich: Deutsche unterwegs : von der mittelalterlichen Ostsiedlung bis zur Vertreibung im 20. Jahrhundert, München : Olzog, 1983; 203 S., ISBN 3-7892-7173-X
- jour fixe initiative berlin (Hg.): Fluchtlinien des Exils. Unrast Verlag 2004, ISBN 3-89771-431-0
- Rödel, Walter G. u. Helmut Schmahl (Hg.): Menschen zwischen zwei Welten: Auswanderung, Ansiedlung, Akkulturation, Trier: WVT Trier 2002, ISBN 3-88476-564-7, 197 S., kt. (Schwerpunkt deutsche Nordamerikaauswanderung im 18. und 19. Jahrhundert)
- Birgit Schmidt: Wenn die Partei das Volk entdeckt. Anna Seghers, Bodo Uhse, Ludwig Renn u.a. Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur. Unrast Verlag 2002, ISBN 3-89771-412-4 (Schwerpunkt Literaten im Exil)

Weblinks


- [http://linktoyourroots.hamburg.de/index/1,2709,JGdlbz0zJG9rPTE5MTA0JHVrPSQ_,00.html Hamburger Auswandererdatenbank]
- [http://www.hamburg.de/fhh/behoerden/senatskanzlei/internetausstellungen/emigration/emigration_index.htm Auswandererhafen Hamburg]
- [http://www.dah-bremerhaven.de/german/hauptseite.html Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven]
- [http://www.zum.de/psm/emigration/illzeitung1851.php Deutsche Auswanderung im Jahre 1851] (Zeitungsartikel)
- [http://www.bsz-bw.de/depot/media/3400000/3421000/3421308/99_0439.html Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933 - 1945]
- [http://www.ellisisland.org Auswanderermuseum Ellis Island, New York]
- [http://www.auswanderung.hdbg.de Geschichte der Auswanderung aus Bayern]
- [http://www.germanimmigrants.de/HessenWisconsin.htm Geschichte der Auswanderung aus Hessen nach Wisconsin] (in englischer Sprache)
- [http://www.lauritzen-hamburg.de/ude_mexico.html Briefe eines nach Mexiko ausgewanderten Lübeckers 1928 - 1939]
- [http://www.dausa.de/ Forschungsstelle Deutsche Auswanderer in den USA]
- [http://www.routes.de/ Routes to the Roots - Auswanderung nach Amerika]
- [http://www.de-netzwerk.com/ Deutsches Expatriate Netzwerk]
- [http://www.genealogienetz.de/vereine/maus/auswanderung/index.html Auswanderung über Bremen]
- [http://www.datenmatrix.de/cgi-local/hdbg-bildarchiv/bildarchiv.cgi?action=projektbilder&id=-ba-&templ=04_01_projekte_bilder&start=0&proseite=10 Amerikabilder um 1910 - aus einer Münchner Sammlung aus dem Archivbestand des Hauses der Bayerischen Geschichte] Kategorie:Emigration Kategorie:Soziologie Kategorie:Leseförderung Kategorie:Deutsche Auswanderer

Heimat

Heimat steht geographisch für den Ort - die Stadt, das Land oder die Gegend -, an dem man heimisch ist, gerne lebt und mit dem man sich verbunden fühlt. Schon Cicero stellte fest: Patria est, ubicumque est bene (lat.) = "Wo immer es gut ist, dort ist meine Heimat", ein Zitat, das auch verkürzt bekannt ist: Ubi bene, ibi patria. Die andere, nicht-verortete, nicht-geographische Variante, hat Bernhard Schlink in einem bemerkenswerten Essay ins Gespräch gebracht: Heimat als Utopie. So betrachtet, ist Heimat ein Nicht-Ort, ein Gefühl, eine Hoffnung, eine Sehnsucht, zu erleben vor allem in der Fremde, im Exil. Psychologisch ist Heimat ein rein subjektives Empfinden, unabhängig von reellen Grenzen. Sie besteht aus individuellen Empfindungen zu Ort, Gesellschaft und persönlicher Entwicklung des Einzelnen. Ihr Verlust oder die Angst davor wird als Heimweh empfunden. Heimat ist der Ort, in dem man sich mit seiner Lebensweise und Weltanschauung wiederfindet. Das Gegenteil von Heimat ist die Fremde oder das Exil. In diesen beiden Begriffen wird die unterschiedliche Abgrenzung von Heimat deutlich, dass für den, der seine Heimat verlassen hat, Heimat mit "Vaterland" gleichbedeutend werden kann. Damit ein Land zur Heimat wird, muss man jedoch nicht dort geboren sein (Wahlheimat). Heimat lässt sich schlecht in andere Sprachen mit der selben Bedeutung wie im Deutschen übersetzen. Ins Englische lässt es sich am ehesten mit homeland, native land übersetzen, ins Französische mit lieu d'origine, pays natal oder einfach mon pays. In Deutschland spielt der Heimatbegriff eine große, wenngleich heute umstrittene Rolle durch das Erbe der Romantik und ihrer Nachfolgebewegungen. Dazu gehört auch die völkische Bewegung und deren problematische Rolle in der Weimarer Republik, in der die Heimatpflege und Heimatschutzbewegung eine der Strömungen war, die von der NSDAP aufgegriffen und in ihren Dienst gestellt wurde. Die Geschichte der Heimat untersucht die Heimatgeschichte, das Brauchtum pflegt der Heimatverein. Der Heimatschutz hingegen war und ist in Landesvereinen wie z. B. im Landesverein Sächsischer Heimatschutz oder im Bayerischen Landesverein für Heimatpflege organisiert. - Immer wieder gab es in der Vergangenheit historische Situationen, vor allem in Grenzregionen des Sprachraums, in denen zur Heimatverteidigung aufgerufen wurde. In der Literatur existiert das allerdings unscharf abgegrenzte Genre des Heimatromans bzw. der Heimatdichtung (vgl. Heimatschriftsteller). In den 50er und 60er Jahren wurden auch viele so genannte Heimatfilme produziert, die man oft der Trivialunterhaltung zurechnen muss. Gleichwohl gilt das nicht für das gesamte Genre, insbesondere nicht für den neuen Heimatfilm der 70er Jahre bis in die Gegenwart.

Weblinks

Kategorie:Volkskunde

Politik

Der Begriff Politik wird aus dem griechischen Begriff 'Polis' für 'Stadt' oder 'Gemeinschaft' abgeleitet. Politik ist das Öffentliche: die zielgerichteten Handlungen und Ordnungen, die allgemein verbindliche Regeln sozialer Gemeinschaften oder eines oder mehrerer Staaten bestimmen. Es sind menschliche Vorstellungen zur Gestaltung der gesellschaftlichen und staatlichen Verhältnisse, die jeder Mensch durch Vernunft, Religion, Emotion und anderen Erkenntnisquellen entwickeln und formulieren kann. Allgemein bezeichnet Politik einen Prozess mit dem Ziel, zu allgemein verbindlichen Entscheidungen zu kommen, indem sich mehrere Interessengruppen, Parteien, Organisationen oder Personen gezielt daran beteiligen. Politische Vorstellungen werden durch demokratische Legitimierung der Mehrheit des Volkes verbindliches Recht des Staates. Fälschlicherweise wird Politik oft lediglich auf Parteien, Politiker und Entscheidungen, die für einen Staat oder mehrere Staaten (Internationale Politik) gelten, bezogen. Politik bestimmt jedoch auch die Beziehungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen, Unternehmen und Organisationen zueinander. Ebenso betreiben auch Gruppen mit verschiedenen Interessen innerhalb einer Organisation durch gezieltes Argumentieren und Agieren Politik, um ihre Ziele zu erreichen. Politik hat naturgemäß mit Machteinfluss zu tun, der positiv wie negativ verwendet werden kann. Politik im Staat ist erst dadurch möglich, dass der Staat die wesentliche Machtfunktion inne hat (Machtmonopol) und die Menschen durch die erzwungene Teilnahme am Staat bindet. Der Erfolg dieser Politik misst sich im Ansammeln von Macht (zum Beispiel Wählerstimmen). Der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Politik widmet sich die Politikwissenschaft.

Geschichte der Politik

Altertum

Früh befassten sich Gelehrte damit, wie Politik auszusehen hat, dabei waren die Fragen: 'Was ist eine gute und gerechte Staatsordnung?' und 'Wie erlangt man wirklich Macht im Staat?' im Mittelpunkt der Diskussion. Schon im Altertum vergleicht beispielsweise Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) alle ihm bekannten Verfassungen (Politische Systeme) und entwickelte eine auch heute viel zitierte Typologie in seinem Werk 'Politik'. Neben der Anzahl der an der Macht Beteiligten (einer, wenige, alle) unterschied er zwischen einer guten gemeinnützigen Ordnung (Monarchie, Aristokratie, Politie) und einer schlechten eigennützigen Staatsordnung (Tyrannis, Oligarchie, Demokratie). Erste geschriebene Gesetze belegen, dass Politik sich nicht nur mit den Herrschenden, sondern auch früh schon mit sozialen Regeln befasste, die bis heute überliefert wurden. Der Codex Hammurapi (Babylon, etwa 1700 v. Chr.) oder das Zwölftafelgesetz (Rom, etwa 450 v. Chr.) sind Beispiele verbindlicher Regeln, die sicher als Ergebnis von Politik gewertet werden können. Befasst man sich mit den Politikern der Römischen Republik und dem Römischen Kaiserreich, erkennt man viele Elemente damaliger Politik auch heute noch. Es wurde mit Kreide Wahlwerbung an die Hauswände geschrieben (etwa in Pompeji). Es gab einen komplexen Regierungsapparat und hitzige Rivalität zwischen den Amtsträgern. Korruption war ein Thema der Gesetzgebung und römischer Gerichtsverhandlungen. Briefe Ciceros an einen Verwandten belegen, wie gezielt die Wahl in ein Staatsamt auch taktisch vorbereitet wurde.

Mittelalter

Mit dem Verfall des Römischen Reiches verlor Politik in Europa wieder an Komplexität und die Gemeinwesen wurden wieder überschaubarer, Konflikte kleinräumiger. In der Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters war Politik mehr kriegerische Machtpolitik und weniger durch Institutionen und allgemein akzeptierte Regeln geprägt. Je stärker der Fernhandel, Geld und Städte wieder an Bedeutung gewannen, desto wichtiger wurden wieder feste Machtzentren gebraucht und desto wichtiger wurden Institutionen. Beispielsweise bildeten sich die Hanse als Interessen und Machtverbund einflussreicher sich selbst regierender Städte. Wichtiges relativ konstantes Machtzentrum war die katholische Kirche. Aus sozialen Gemeinschaften, die bestimmten Führern die Treue schworen (Personenverbandstaat) wurden langsam Erbmonarchien mit festen Grenzen.

Neuzeit

In Frankreich entwickelte sich der Urtypus des absolutistischen Herrschers, in England entstand die an Recht und Gesetz gebundene konstitutionelle Monarchie. Dort waren bald auch die wohlhabenden Bürger offiziell an der Politik beteiligt. Mit der Zeit wurde dann das Zensuswahlrecht auf größere Teile der Bevölkerung ausgeweitet. In der Zeit der Aufklärung erdachten Gelehrte neue Modelle der Staatskunst. Statt Niccolo Machiavellis Modell der absoluten Macht, das sein Buch 'Der Fürst' (Il Principe) zeichnete, definierte John Locke das Modell der Gewaltenteilung. Die Bürgerlichen Freiheiten wurden durch verschiedene Philosophen gefordert und mit Thomas Jeffersons Menschenrechtserklärungen und der amerikanischen Verfassung begann die Zeit der modernen Verfassungsstaaten. Die französische Revolution und die Feldzüge Napoleons wälzten Europa um. Mit dem Code Civil in Frankreich wurden die Bürgerrechte festgelegt, überall fielen allmählich die Standesschranken. Politik wurde zu einer Angelegenheit des ganzen Volkes. Es entstanden Parteien, die zuerst von außen eine Opposition organisierten, um später selbst die Regierung zu stellen. Einige Parteien wie die SPD oder später die Grünen entstanden aus sozialen Bewegungen wie der Arbeiterbewegung oder der Anti-Atom- und Friedensbewegung, andere formierten sich vor einem religiösen Hintergrund (Zentrum). Im 20. Jahrhundert kam es schließlich zur Herausbildung internationaler Organisationen mit zunehmenden Einfluss auf die Politik. Der erste Versuch im sogenannten Völkerbund eine Völkergemeinschaft zu bilden, scheiterte mit dem Zweiten Weltkrieg. Heute existieren neben den Vereinten Nationen als Vereinigung aller souveränen Staaten im Bereich der Wirtschaft zusätzlich die Welthandelsorganisation WTO. Im Übergang zwischen Internationaler Organisation und föderalen Staat befindet sich die Europäische Union.

Politikbereiche


- nach der räumlichen Abgrenzung
  - Kommunalpolitik
  - Landespolitik
  - Bundespolitik
  - Europapolitik
  - Eine-Welt-Politik
- nach Sachgebieten
  - Arbeitsmarktpolitik
  - Außenpolitik
  - Auswärtige Kulturpolitik
  - Behindertenpolitik
  - Bildungspolitik
  - Bürokratiepolitik
  - Drogenpolitik
  - Entwicklungspolitik
  - Familienpolitik
  - Finanzpolitik
  - Forschungspolitik
  - Frauenpolitik
  - Geschlechterpolitik
  - Gesundheitspolitik
  - Innenpolitik
  - Internationale Politik
  - Landwirtschaftspolitik
  - Kulturpolitik
  - Medienpolitik
  - Minderheitenpolitik
  - Sozialpolitik
  - Sprachpolitik
  - Steuerpolitik
  - Technologiepolitik
  - Umweltpolitik
  - Verbraucherschutzpolitik
  - Verkehrspolitik
  - Verteidigungspolitik
  - Wirtschaftspolitik
  - Wissenschaftspolitik

Politische Systeme und Ideologien

Anarchismus -- Demokratie -- Faschismus -- Institutionalismus -- Kapitalismus -- Kommunismus -- Konservatismus -- Kontextualismus -- Politischer Liberalismus -- Neoliberalismus -- Marxismus -- Nationalismus -- Nationalsozialismus-- Parlamentarismus -- Sozialdemokratie -- Sozialismus -- Totalitarismus -- Kommunitarismus

Klassische politische Denker

Platon -- Aristoteles -- Niccolo Machiavelli -- Baruch de Spinoza -- Jean Bodin -- Hugo Grotius -- Charles de Montesquieu -- Jean-Jacques Rousseau -- Thomas Hobbes -- John Locke -- John Stuart Mill -- Karl Marx -- Michail Bakunin -- Max Weber -- John Rawls -- Hannah Arendt --

Politik nach Ländern

Siehe: :Kategorie:Politik nach Ländern

Siehe auch

Politische Partei, Politiker, Blockadepolitik, Politikgeschichte, Politikverdrossenheit, Gewaltenteilung, Föderalismus, Politikversagen, Regierungsform, Reformen, Revolution, Post-Politik, Ordnungspolitik, Sozialpolitik, Politcommunity, Staatstheorie

Weblinks


- [http://www.bpb.de/ www.bpb.de] - Bundeszentrale für politische Bildung
- [http://www.politik-digital.de/ www.politik-digital.de]
- [http://www.parteien-im-vergleich.de/ www.parteien-im-vergleich.de]
- [http://www.wahl-o-mat.de/ www.wahl-o-mat.de] - Ein Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung
- [http://www.wahlstreet.de/ www.wahlstreet.de] - Wahlstreet: Wahlbörse zur Bundestagswahl 2005
- [http://www.bpb.de/wissen/H75VXG.html Lexikon Politik] (BpB)
- [http://www.politikwissen.de/lexikon/ Politik-Lexikon auf www.PolitikWissen.de]
- [http://www.rechnungswesenforum.de/verzeichniss/index/World/Deutsch/Wissen/Bildung/Politische_Bildung/ Übersicht über Bildungsmöglichkeiten zum Thema Politik]
- [http://www.politische-bildung.de www.politische-bildung.de]
- [http://www.politik.de www.politik.de] - Zentraler kommentierte Linkkatalog zum Thema Politik
- [http://www.polit-city.de www.polit-city.de] - Politik zum Selbermachen !Politik ja:政治 ko:정치 ms:Politik simple:Politics th:การเมือง

Familie (Soziologie)

Unter einer Familie versteht die Soziologie eine engere Verwandtschaftsgruppe. (Im weiteren Sinn umfasst sie auch Schwiegerfamilien.) Das Wort entstammt dem lateinischen Begriff familia (von famulus, Haussklave), wo es zunächst nicht das Ehepaar und dessen Kinder bezeichnete, sondern Name für die Gesamtheit der zum Hausstand des Pater familias gehörenden Familienangehörigen, Freigelassenen und Sklaven war. Die alte Redewendung ein Mann ohne Familie besagte, dass der Gemeinte von Haus aus kleinen Verhältnissen entstamme.

Funktionen der Familie

Die Familie bündelt biologisch und sozial viele Funktionen: Ob die biologische Reproduktions-Funktion der Spezies "Mensch" der Institution "Familie" bedarf, ist bereits umstritten. Zur biologischen Basis gehören jedoch die Gebärfähigkeit der Frau und die Zeugungsfähigkeit des Mannes, das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen und die extreme Dauerpflegebedürftigkeit der Säuglinge. Als soziale Funktionen sind zu nennen: Für in ihr geborene Kinder erbringt sie rechtlich eine legitime Platzierung in der jeweiligen Gesellschaft.
Bei mächtigen Familien besonders auffällig ist die politische Funktion (z.B. die Bündnisfunktion im Adel). Sie hat auch religiöse Funktionen, was in modernen Kleinfamilien wenig auffällt (Beispiele: Vater spricht das Tischgebet; er schmückt den Weihnachtsbaum), früher aber in vielen Bräuchen verdeutlicht wurde (Beispiele: Der Vater bestimmte, ob ein Neugeborenes lebensfähig sei oder ausgesetzt werde; die Aussaat mit der Hand darf nur der Bauer selber vornehmen). Ihre wirtschaftliche Funktion ist hingegen deutlich: So erbringt sie Schutz und Fürsorge (auch materielle) für Säuglinge, aber auch für kranke und alte Familienangehörige, ernährt, kleidet und behaust sie. Ihre erzieherische Funktion wird durch ihre Fähigkeit zur sozialen Kontrolle, zur Erleichterung der Sozialisation und der Formierung von Motivationen und Fähigkeiten von Heranwachsenden erleichtert (vgl. hier z.B. Gelehrtenfamilie); sie bildet ein erstes dichtes Soziales Netzwerk bereits für den Säugling und bildet Kinder und Jugendliche auch primär aus. In modernen Gesellschaften werden rechtliche, politische, religiöse, wirtschaftliche und erzieherische Funktionen der Familie oft weitgehend auf andere gesellschaftliche Institutionen (z.B. Staaten, politische Gemeinden, Versicherungsanstalten, Schulwesen, Sport) übertragen und treten im Familienalltag dann stark zurück, was sich in Notzeiten durchaus rasch ändern kann. Damit verliert die Familie vordem alltägliche Fertigkeiten der Erziehung, so dass sie z.B. eigens aufgefordert wird, erzieherisch den Kindern Umgangsformen, außerschulische Bildung und Bildungsmotive zu vermitteln und auch dazu auch wirtschaftlich beizutragen, so dass die wirtschaftliche Funktion stärker als geldliche Belastung erscheint.

Einzelterminologie

Unterschieden wird, ob ein junges Ehepaar nach der Hochzeit zur Familie der Frau zieht (Uxorilokalität) oder zu der des Mannes (Virilokalität), oder ob es sich an einem dritten Wohnort niederlässt (Neolokalität). Auch wird unterschieden, ob materielle, kulturelle und spirituelle Ressourcen in einer Familie vom Vater auf den Sohn übergehen (Patrilinearität), oder ob sie über die Mutter laufen (Matrilinearität), was nicht ausschließen muss, dass Männer in der Familie herrschen (dann vererbt ein Mann auf die Männer seiner Töchter oder auf die Söhne seiner Schwester - vgl. dazu auch Stiefmutter) ). Diese Begriffe sind nicht mit den Bezeichnungen für inner- oder außerfamiliären Formen der Herrschaft von Frauen bzw. Männern zu verwechseln - vgl. dazu Matriarchat und Patriarchat, auch Paternalismus; sowie Heiratsregel.

Familienformen

Im westlichen Kulturkreis wird heute unter "Familie" meist die so genannte Kernfamilie verstanden, d.h. Vater, Mutter und deren Kinder. Die Kernfamilie erscheint in der Tat in den meisten modernen Gesellschaften als überwiegend vorkommendes Modell. Moderne Formen, wie Wohngemeinschaften oder das Zusammenleben zweier Elternteile mit je eigenen Kindern (ob verheiratet oder nicht) bleiben minoritär. Gleichwohl können sie die historische Dynamik bezeichnen und vieles, was diese neuen Familienformen prägt, mag auch in "normalen" Ehen gültig geworden sein. Begrifflich darf die "Kernfamilie" in diesem Sinn nicht mit der "Kleinfamilie" verwechselt werden, die wenig Mitglieder umfasst; eine "Kernfamilie" mit zwölf ehelichen Kindern ist keine "Kleinfamilie". Historisch betrachtet gibt es in Europa eine ganze Reihe von Familienformen. Gegenstand der Diskussion waren insbesondere das "Ganze Haus" und die "Große Haushaltsfamilie". Beide Formen der Großfamilie gibt es in erheblichen Variationen, sowohl, was die Zahl der Mitglieder, die einbezogenen Generationen oder Seitenlinien, als auch, was den Einbezug Nicht-Blutsverwandter (Mündel, Gesinde, Haussklaven) angeht. Auch die Interpretation von "Abstammung" unterscheidet sich vgl. z.B. die Institutionen der Adoption und Pflegekindern / -eltern). In matriarchalischen Gesellschaften wurde die Familie von der Mutter geleitet, in patriarchalischen Familien vom Vater. Als "Ganzes Haus" wird nach Wilhelm Heinrich Riehl die seit dem Mittelalter vor allem in "Westeuropa" entstandene Familienform der Bauern und Stadtbürger bezeichnet, die neben der Kernfamilie primär durch den Einbezug von Gesinde und unverheirateten Verwandten ausgezeichnet ist. Wenn auch von der Zahl der Haushalte her minoritär (grob um ein Drittel), lebten in ihnen doch zum Stichtag um 50% der sesshaften Menschen. Und sehr viel mehr Menschen haben Zeiten ihres Lebens im "Ganzen Haus" gelebt, das mit der Industrialisierung sehr stark zurück trat. Umstritten ist die "ideologische" Bedeutung dieser Lebensform: Einerseits gilt sie als harmonischer Hort unterschiedlicher sozialer Stände, als vorbildhaftes Modell patriarchaler Lebensform, andererseits wird seine soziale Kluft zwischen Herrschaft und Gesinde betont und die Bedeutung des "Ganzen Hauses" gegenüber der Kernfamilie relativiert - die zahlenmäßig immer überwiegt, aber in einer mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Gesellschaft kaum mit der heutigen Kernfamilie gleichgesetzt werden kann. Erst ab dem 18. Jh. liegen Quellen vor, die Haushalte mit allen in ihr lebenden Mitgliedern verzeichnen (Kameralistik; Steuer- und Zensuslisten); zuvor weisen Quellen oft ausschließlich Großfamilien der Oberschichten aus. René König hat darauf verwiesen, dass die Geschichtsschreibung deswegen oft die frühere Bedeutung von Kleinamilien vernachlässigt habe. Die "Große Haushaltfamilie" bezeichnet Lebensformen, bei denen mehrere Generationen und u. U. mehrere parallele Ehen (z. B. von Brüdern) inclusive Gesinde unter einem Dach in einem Lebens- und Wirtschaftsverband lebten. Sie kam eher in Süd-Osteuropa vor (von anderen Welt-Regionen abgesehen - vgl. z.B. den nordfriesischen Haubarg).

Wandel der Familienstruktur in jüngerer Zeit

Mit dem Wachstum der Städte und der Entwicklung des Bürgertums und der Verbürgerlichung des Industrieproletariats in Europa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht auch die Vorstellung der sogenannten 'Normalfamilie'. Diese wandelt sich ihrerseits und bot in den 1950er Jahren noch etwa folgendes Bild: Verheiratet mit eigenen Kindern, beide leibliche Eltern im Haushalt, lebenslange Ehe (auch Monogamie und heterosexuelle Ehe), der Mann als Haupternährer und "Familienvorstand", die Frau mit hausfraulicher Arbeit. Heute (2004) kennt die Familiensoziologie mehrere typische Formen. Zwar hat die Familie nach wie vor eine hohe Wertigkeit und gehört fest in den Lebensplan vieler junger Menschen, doch die Formen der Familie entsprechen immer seltener dem Familienideal der bürgerlichen Familie. Empirisch ist der Wandel der Familienstrukturen an einer Schrumpfung der Haushaltsgröße (zahlreiche kinderlose oder Ein-Kind-Familien), einem Rückgang der Eheschließungen (nicht notwendig aber der Paarbindungen), der Zunahme der Scheidungen, einem Rückgang der durchschnittlichen Geburten pro Frau und einer Zunahme der Frauenerwerbsarbeit feststellbar.

Familienbezogene Wissenschaften

Wegen ihrer Funktionenvielfalt befassen sich zahlreiche Wissenschaften mit der Familie. Zu nennen wären:
- die Medizin (z.B. siehe Hausgeburt)
- die Pädagogik (z.B. siehe Hausaufgabe)
- die Rechtswissenschaft (besonders im Familien- und Erbrecht)
- die Psychologie (z.B. die Familientherapie)
- die Soziologie (besonders die hier bereits herangezogene Familiensoziologie)
- die Ethnologie (besonders ihre Studien zur Verwandtschaft)
- die Geschichtswissenschaft (besonders im Rahmen ihrer Hilfswissenschaften Genealogie und Heraldik)
- die Volkskunde (besonders die Subdisziplin volkskundliche Familienforschung)
- die Volkswirtschaftslehre (besonders innerhalb der Sozialpolitik die Familienpolitik)
- die Ökotrophologie (Haushaltswissenschaft) Erinnert sei auch an familienbezogene Berufsspezifikationen, wie z. B. in der Sozialarbeit.

Zitate

Die Vorstellung, dass die Familie die gesellschaftliche Zelle und der Staat eine Art aufgeblähter Familie sei, ist ein Hindernis für den Fortschritt der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Politik und noch manches anderen. José Ortega y Gasset (Aufbau und Zerfall Spaniens, 1921)

Literatur

Einführend


- Paul B. Hill/Johannes Kopp: Familiensoziologie. Grundlagen und theoretische Perspektiven, 3. überarbeitete Auflage, Wiesbaden (VS Verlag) 2004
- Rosemarie Nave-Herz: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Weinheim / München (Juventa) 2004
- Rüdiger Peuckert: Familienformen im sozialen Wandel, 5. überarbeitete Auflage, Wiesbaden (VS Verlag) 2004

Darstellungen und Spezialuntersuchungen


- A. Burguière, C. Klapisch-Zuber, M. Segalen, F. Zonabend (Hrsg.): Geschichte der Familie, 4 Bde., Campus Verlag, Frankfurt a.M. 1997 [Original: Histoire de la famille, Armand Colin, Paris, 1986]

Kritische Aspekte


- Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt a.M.: Suhrkamp-Verlag
- Max Horkheimer: Studien über Autorität und Familie

Weitere Stichworte

Alleinstehender, Amme, Ehe, Einelternfamilie, Familie (Recht), Familiäre Integration, Familiärer Lebenszyklus, Familienpflegepotential, Familienstrukturen, familiäre Beziehung, Familientherapie, Familienserie, Geschwister, Klan, Kleinfamilie, Mündel, Mutterliebe, Patchworkfamilie, Pflegekind, Pflegeeltern, Phratrie, Regenbogenfamilie, Schwiegermutter (Soziologie), Single, Sippe, Stieffamilie, Vaterliebe, Verschwägerung, Verwandtschaft

siehe auch


- Familiengeschichte

Weblinks

!Familie (Soziologie) Kategorie:Lebensgemeinschaft Kategorie:Pädagogik Kategorie:Volkskunde ja:家族 ms:Keluarga simple:Family

Einwanderung

Immigration oder auch Zuwanderung bedeutet, dass eine Person dauerhaft ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegt. Ein Einwanderer ist vorher aus einem anderen Land ausgewandert.

Gründe für Einwanderung

Einwanderung gibt es in nahezu allen Ländern der Erde, aus verschiedenen Gründen:
- Wegen besserer Arbeits- und Lebensbedingungen (Spezialfall angeworbene Arbeitskräfte, in Deutschland beispielsweise Gastarbeiter oder auch Ruhrpolen); abwertend auch Wirtschaftsflüchtlinge genannt
- Aus politischen Gründen
- Aus religiösen oder sprachlich-kulturellen Gründen
- Als Flüchtlinge wegen akuter Bedrohung durch Krieg, Bürgerkrieg, Hungersnot oder gezielter Vertreibung
- Aus Gründen der Familienzusammenführung
- Als angeworbene Siedler
- Aus persönlicher Neigung zu dem aufnehmenden Land (z. B. Auswanderer nach Australien)
- In früheren Zeiten aufgrund von Versklavung

Einwanderung in verschiedene Länder

Es gibt klassische Einwanderungsländer, vor allem die USA, Kanada, die Länder Südamerikas, Deutschland und die Schweiz. Politisch bezeichnend ist es, dass diese Länder Immigration meist nur aufgrund akuter wirtschaftlicher Notwendigkeit ihrer selbst oder aus humanitären oder politischen Gründen von Flüchtlingen zulassen, nicht jedoch eine allgemeine Einwanderungsquote erlauben. Und letztendlich gibt es Länder, die Immigration nicht begrenzen müssen, da sich aufgrund der wirtschaftlichen Schwäche keine oder nur wenige Menschen ein Interesse an der Einwanderung dorthin haben. Siehe auch: Einwanderung in die USA, Einwanderung nach Brasilien

Rechtlicher Status in Deutschland

In Deutschland lassen sich Einwanderer in folgende Gruppen unterteilen:
- Spätaussiedler (Einwanderungsregelung gemäß Bundesvertriebenen- und -flüchtlingsgesetz (BVFG) von 1953 sowie Aussiedleraufnahmegesetz (AAG) von 1990),
- Unionsbürger EU-Angehörige genießen ein weitgehendes Recht auf Freizügigkeit nach dem Freizügigkeitsgesetz/EU,
- Arbeitsmigranten aus Drittstaaten (Nicht-EU-Ländern) können ggf. nach dem Aufenthaltsgesetz als Arbeitnehmer oder Selbständige einreisen und sich hier aufhalten,
- Familienangehörige Deutscher und hier lebender Ausländer, insbesondere Ehepartner und minderjährige Kinder, können ggf. nach dem nach dem Aufenthaltsgesetz ein Aufenthaltsrecht erhalten,
- Studierende können ggf. nach dem nach dem Aufenthaltsgesetz ein Aufenthaltsrecht zu Studienzwecken erhalten,
- Flüchtlinge können nach Artikel 16a Grundgesetz und dem Asylverfahrensgesetz einen Flüchtlingsstatus beantragen. Der aus humanitären, politischen oder völkerrechtlichen Gründen mögliche Aufenthalt für anerkannte Flüchtlinge und weitere Ausländer (z.B. jüdische Zuwanderer) richtet sich nach dem Aufenthaltsgesetz,
- Illegale Einwanderer besitzen keinen regulären Status nach dem Ausländerrecht. Die Immigration von Menschen nach Deutschland, und auch die transnationale Migration, betrifft nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Familien: im Zuwanderungsgesetz ist z.B. das Nachzugsalter von Familienangehörigen von Zuwanderern geregelt. Deshalb wird Immigration im 6. Familienbericht „Familien ausländischer Herkunft - Leistungen - Belastungen - Herausforderungen“ des BMFSFJ, 2000, als Familienprojekt bezeichnet, das generationsübergreifend stattfindet und nicht in einer Generation abgeschlossen ist. U.a. durch diesen Bericht des BMFSFJ aus dem Jahr 2000 ist klargestellt, dass die B.R. Deutschland ein Einwanderungsland ist und dass die Integration der Immigranten durch den zeitlich nahen Nachzug der Familienmitglieder gefördert und stabilisiert wird. In die B.R. Deutschland Zuwandernde kommen aus über 180 Staaten, mit Zugehörigkeiten weiter variirender Ethnien und Religionen. Immigranten haben die unterschiedlichsten Migrations- oder Fluchtgründe, haben die Absicht, kurz oder länger in Deutschland zu bleiben oder nur durchzuwandern. Seit 1996 gibt es eine Statistik zum Familiennachzug. Diese weist eine Größenordnung von 55.000 bis 63.000 Familienangehörige im Jahr aus. Zwei Drittel des Familiennachzugs sind Ehepartner und etwa ein Drittel sind Kinder (20.000). Verglichen mit der Zahl der primären Immigranten von 649.249 Personen addiert sich die Anzahl eines Zehntel dieser Anzahl durch Familiennachwanderung. „Integrationspolitik muss verstärkt die ‚ganze Familie‛ in den Blick nehmen und diese Perspektive zumindest ergänzend und verstärkend neben die "Familienmitglieder-Zielgruppenorientierung" setzen, die heute vor allem in der Form von Kinder-, Jugend- und Mädchenprojekten umgesetzt wird,“ heißt es im von Wolfgang Erler und Monika Jaeckel erstellten Zwischenbericht zum dji-Projekt („Der soziale Nahraum in seiner Integrationsfunktion für Familien ausländischer Herkunft“), weil die Familien von Immigranten auch einen Lebensraum darstellen, der einer Integration entgegenwirken kann, da sich der Spracherwerb und die Überwindung der kulturtellen Fremdheit verzögern können.

Vor- und Nachteile der geregelten Einwanderung für das aufnehmende Land

Einwanderung wird oft politisch gesteuert, wenn beispielsweise Fachkräftemangel herrscht oder wenn sich die Bevölkerungsstruktur ungünstig entwickelt (siehe Bevölkerungsrückgang). Das hat aus Sicht des aufnehmenden Landes zunächst einige verlockende Vorteile:
- Man hat die Möglichkeit, gezielt Ausländer in bestimmten Altergruppen und mit bevorzugten Qualifikationen ins Land zu lassen, während man potentielle Leistungsempfänger außen vor lassen kann.
- Man kann direkt von der Arbeitsleistung und der Ausbildung der Zuwanderer profitieren, ohne selber die Kosten für die Ausbildung aufgebracht haben zu müssen.
- Durch die höhere Auswahl an Arbeitskräften können die Löhne sinken, was nicht immer ein Nachteil für die Arbeitnehmer sein muss, wenn Betriebe dadurch konkurrenzfähiger produzieren können.
- Zudem erspart man sich zunächst die Rentenempfänger, wenn man nur junge Menschen zuwandern lässt.
- Außerdem können Zuwanderer die Gesellschaft durch fremde Kultur, durch neues Wissen und unkonventionelle Ideen bereichern.
- Zudem exportiert man die eigene Kultur und Geschäftsbeziehungen indirekt über die bei den Zuwanderern zum eigenen Land bestehenden Kontakte.
- Letztendlich bieten sich so auch Möglichkeiten, über die Einwanderer und deren finanziellen Transaktionen in ihre Heimatländer politischen und entwicklungspolitischen Einfluss auf diese Länder zu nehmen. Aber es gibt auch Nachteile:
- Eine zu große Zuwanderung führt dazu, dass es schwer wird, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu integrieren. Das führt dazu, dass diese Menschen ausschließlich in ihrer eigenen abgeschlossenen Kultur wie in einer gesellschaftlichen Insel leben. Dadurch stockt der Informationsaustausch, und die Ausbildung der Kinder wird erschwert. Teilweise kann Zuwanderung dazu führen, dass sich bereits teilintegrierte Ausländer wieder abkapseln und sich ausschließlich der Kultur ihres ehemaligen Heimatlandes zuwenden, indem z. B. Kinder von deutsch sprechenden Ausländern in der Schule nur noch mit anderen, nicht deutsch sprechenden Ausländerkindern verkehren.
- Die entstehende kulturelle Vielfalt, so sehr sie auch positiv zu sehen ist, kann aber auch dazu führen, dass die eigentliche kulturelle Identität des Landes in den Hintergrund gedrängt wird. Dadurch kann die kulturelle Vielfalt innerhalb verschiedener Länder abnehmen, wenn überall die gleiche kulturelle Vielfalt auf engem Raum herrscht.
- Die durch Immigration entstehende soziokulturelle Veränderung kann zu Sozialneid bei der angestammten Bevölkerung, als auch bei den bereits integrierten Immigranten führen.
- Immigration führt zu Druck auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, was zu Neid, sozialem Abstieg bestimmter Gruppen und sozialen Spannungen führen kann.
- Die kulturellen Unterschiede können zu Missverständnissen und Verärgerungen sowohl bei der einheimischen Bevölkerung als auch bei den Immigranten selbst führen.
- Wenn die Vorteile der Immigration der Bevölkerung nicht vermittelbar sind, kann sich latent vorhandener Ausländerhass, Chauvinismus und Nationalismus entwickeln.
- Es ist wesentlich leichter, gering qualifizierte Immigranten ins Land zu holen als gut ausgebildete Spitzenkräfte. Dafür gibt es auf dem Arbeitsmarkt aber oft schon genügend einheimische Kräfte.
- Andererseits kann durch die Migration, insbesondere die Arbeitsmigration, ein Abzug der im eigenen Land benötigten Intelligenz erfolgen ("Brain Drain"). Diese Kräfte fehlen dann möglicherweise dem Ursprungsland, selbst wenn die Qualifikation im Zielland nicht für eine entsprechende Tätigkeit ausreicht, weil beispielsweise ein akademischer Abschluss nicht anerkannt wird.
- Irgendwann wird man aufgrund sozialer Notwendigkeiten um Familienzusammenführungen nicht herumkommen, so dass man eventuell später doch zusätzliche Leistungsempfänger ins Land holt - der rein wirtschaftliche Vorteil schrumpft so im Laufe der Zeit.
- Deswegen, und weil sich gezeigt hat, dass Immigranten im Durchschnitt zumindest in der Anfangszeit eine höhere Geburtenrate aufweisen als Einheimische, lässt sich eine begonnene Zuwanderung nur mit deutlicher Verzögerung bremsen. Will man beispielsweise aufgrund der sozialen Situation (Wohnungs- und Arbeitsmarkt, Probleme mit der Integration) die Ausländerquote in einem Gebiet akut stabilisieren, so wird dies nicht unbedingt gelingen, selbst wenn man jegliche Immigration sofort stoppt, was aber oftmals ohnehin nicht möglich ist. Als Folge dieser Gründe gibt es aufgrund der Einwanderung oft soziale Spannungen, während sie andererseits wirtschaftlich und politisch oft gewünscht wird. Diese sozialen Spannungen zeigen sich in klassischen Einwanderungsländern oft weniger stark als in Ländern mit starker nationaler Homogenität.

Literatur


- Jörg Alt: Leben in der Schattenwelt – Problemkomplex illegale Migration. Neue Erkenntnisse zur Lebenssituation 'illegaler' Migranten in München und anderen Städten Deutschlands. Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2003, ISBN 3860594990
- Madjiguène Cissé: Papiere für alle. Die Bewegung der Sans Papiers in Frankreich, ISBN 3-935936-14-1
- Kien Nghi Ha: Ethnizität und Migration Reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs. Überarb. und erw. Neuauflage, [Westfälisches Dampfboot/WVB] 1999/2004, ISBN 3-86573-009-4
- Heike Herzog, Eva Wälde: Sie suchten das Leben ... Suizide als Folge deutscher Flüchtlingspolitik, ISBN 3-89771-810-3
- jour fixe initiative berlin (Hg.): Fluchtlinien des Exils, ISBN 3-89771-431-0
- Eva Kaewnetara / Hans Uske: Migration und Alter. Auf dem Weg zu einer kultur-kompetenten Altenarbeit, ISBN 3-927388-77-7
- Jean Raspail: Das Heerlager der Heiligen. Tübingen 1985, ISBN 3-89180-004-5
- Hito Steyerl, Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik, ISBN 3-89771-425-6
- Hans Uske Hallo BENNY DU WURST / Michael Heveling-Fischell / Waldemar Mathejczyk: Risiko Migration. Krankheit und Behinderung durch Arbeit. ISBN 3-927388-81-5

Siehe auch


- Ausländerrecht
- Arbeitsmigration
- Illegale Migration
- Bevölkerungsentwicklung
- Bevölkerungsrückgang
- Integration
- Ausländerintegration
- Multikulturalismus
- Multikulturelle Gesellschaft
- Zuwanderungsgesetz

Weblinks


- [http://www.jewish-forum.de/board.php?boardid=7 Forum zum Thema Zuwanderung]
- [http://www.f-r.de/uebersicht/alle_dossiers/politik_inland/welche_auslaender_wollen_die_deutschen/ Dossier der Frankfurter Rundschau] - mit Artikeln z.B. über das neue Zuwanderungsgesetz, Integration und den Fall Kaplan.
- [http://www.zuwanderung.de Zuwanderungsseiten des deutschen Bundesministeriums des Innern]
- [http://www.info4alien.de Ausländerrecht-Portal]
- [http://europa.eu.int/comm/justice_home/doc_centre/immigration/statistics/doc_immigration_statistics_de.htm Einwanderungsstatistiken der Europäischen Union]
- [http://www.ikud.de Institut für interkulturelle Didaktik: Maßnahmen für Integration] Kategorie:Soziologie Kategorie:Ausländerrecht Kategorie:Migration simple:Immigrant

Vertreibung

] Unter dem Begriff Vertreibung versteht man die erzwungene Verdrängung von Menschen aus ihrer angestammten Heimat. Mit Vertreibungen ist regelmäßig die Anwendung, zumindest aber die Androhung von Gewalt verbunden. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen Vertreibungen und Aus- oder Abwanderungsprozessen (vgl. Auswanderung, Abwanderung) ist die zumindest teilweise Enteignung der Vertriebenen. Flüchtlinge (vgl. Flucht) verlassen ihre Heimat, um einer drohenden existenziellen Gefahr zu entgehen. Im Unterschied zu Vertriebenen werden sie nicht unmittelbar zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen. Geschieht die Flucht auf Anordnung der Behörden des eigenen Landes, spricht man von Evakuierung. Falls Flüchtlingen oder Evakuierten die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt wird, unterscheidet sich ihre Lage nicht mehr von der Lage von Vertriebenen. Es ist darum plausibel, sie in diesem Falle ebenfalls als Vertriebene zu bezeichnen. Die obige Definition wurde in den deutschsprachigen Ländern bis in die 1980er Jahre hinein kaum aktiv bestritten. Seitdem hat eine Debatte begonnen, die den Begriff der Vertreibung näher an den Migrationsbegriff heranzurücken versucht. Der fundamentale Unterschied zwischen erzwungener, völkerrechtswidriger Vertreibung und freiwilliger, völkerrechtskonformer Wanderung bzw. Migration trat dabei in den Hintergrund. Sorgfältig beachtet werden muss, dass einerseits bei Vertreibungen fast immer den betroffenen Vertriebenen Ungerechtigkeiten widerfahren, dass andererseits die Vertreibung vom Blickwinkel des Vertreiberlandes und anderer, nicht betroffener Länder aus dennoch moralisch nachvollziehbar sein kann. Dabei ist jedoch zu beachten, dass dem Vertreiberland widerfahrenes Unrecht es nicht rechtfertigt, wenn dieses Land seinerseits Unrecht begeht. Durch äußere Umstände, z.B. die faktische Machtsituation nach einem verlorenen Krieg, ist es möglich, dass Vertreibungen formal nach dem Recht der verantwortlichen Länder rechtmäßig sein können, davon ist die moralische Berechtigung, die in aller Regel nicht gegeben sein wird, abzugrenzen.

Vertreibungen bis 1923


- Vertreibung von Juden durch Pogrome in zahlreichen Ländern, sowie von anderen religiösen oder ethnischen Minderheiten wie den Urchristen im römischen Reich, Hugenotten, Katharern, von der Kirche sogenannten Ketzern, von Muslimen in den von Kreuzzügen betroffenen Gebieten etc.; oftmals sind diese Vertreibungen mit Massenmorden und Pogromen verbunden.
- Vertreibung und Völkermord an indigenen Völkern während der Besiedlung Amerikas und Australiens und danach, teilweise bis in die jüngere Gegenwart. Viele Indianervölker wurden dauerhaft in Reservate deportiert Zu den bekanntesten Vertreibungen zählen:
- Die ersten ethnisch motivierten Vertreibungen auf europäischem Boden in Europa seit dem 9. Jahrhundert fanden im Nordkaukasus statt. Neben der Verbannung politisch Missliebiger nach Sibirien - die allerdings von der Vertreibung als Kollektivmaßnahme zu unterscheiden ist - sind hier nicht zuletzt die Vertreibungen der 1860er Jahre im Nordkaukasus zu nennen (Tschetschenen und andere Völker).
- Seit etwa 1780 wurden während der Highland Clearances etwa 500.000 Ureinwohner aus Schottland vertrieben.
- Maßnahmen unterschiedlicher Härte, mit denen Minderheiten nach dem Ersten Weltkrieg die Aussiedlung nahegelegt wurde, zum Beispiel der Deutschen aus den nach Versailles polnisch gewordenen Gebieten. Dieser auch „kalte Vertreibung“ genannte Vorgang dauerte von 1918/19 bis 1939 und betraf rund 1,5 Millionen Deutsche aus Ostoberschlesien, Westpreußen, der Region Posen und weiteren Teilen Polens. Aber auch Polen aus Deutschland und Russland sind in die neue Heimat, in das neugegründete Polen teilweise aus Wut der verlorenen Gebiete von der dortigen Bevölkerung "vertrieben" worden.
- Afrika: Bereits vor der europäischen Kolonialherrschaft, die überwiegend im 19. Jahrhundert begann, haben sich Völker in Afrika gegenseitig bekriegt, wobei es auch zu Vertreibungen kam; dies setzte sich während und nach der Kolonialzeit fort, so zum Beispiel in Ruanda in den 1990er Jahren
- Griechenland und Türkei: Vertreibung der gegenseitigen Minderheiten in der Folge des Ersten Weltkriegs und der Etablierung der Türkischen Republik. Was 1920 als griechische Aggression gegen die Türkei begann, endete als „asymmetrische Vertreibung“: Ungefähr viermal so viele Griechen wie Türken wurden vertrieben. Die Ostküste der Ägäis verlor nach über 3000 Jahren ihren griechischen Charakter, aus Smyrna wurde Izmir. Diese Vertreibung wurde durch den umstrittenen Vertrag von Lausanne von 1923 formal legitimiert.

Die Vertreibungen zwischen 1923 und 1944/45

In Europa und vor allem in den deutschsprachen Ländern wird unter dem Stichwort „Vertreibung“ vor allem die Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg verstanden. Der gesamte Komplex wird oft nur im Zusammenhang der Diktaturen von Hitler und Josef Stalin gesehen, gehört aber zu den Folgen des Ersten Weltkrieges und der Durchsetzung des Nationalstaatsprinzips in den Pariser Vorortverträgen (Versailler Vertrag):
- die oben erwähnten Deportationen unter sowjetischer Herrschaft, unter anderem im Baltikum 1940 oder die Auflösung der Wolgarepublik 1941;
- die Vertreibung eines Teils der Juden aus Deutschland durch immer weitergehende Formen der Ausgrenzung seit 1933 bis 1941; danach wurden die Juden im deutschen Machtbereich ermordet;
- Deutschland: die deutsche Besiedlung von zuvor ganz oder teilweise polnischen Gebieten im Zweiten Weltkrieg („Warthegau“) und die vorangegangene Vertreibung von rund 650.000 Polen im Jahre 1941 aus ihrer westpreußischen Heimat in das so genannte Generalgouvernement. Eine weitere, Vertreibungsaktion betraf 110.000 Polen im Raum der südostpolnischen Stadt Zamosc (beide Zahlen stammen aus ofzizieller polnischer Quelle von 2004). In beiden Regionen wurden dann Deutsche aus Osteuropa angesiedelt, darunter die Eltern des heutigen Bundespräsidenten Horst Köhler, der 1943 in der Nähe von Zamosc geboren wurde. Der Internationale Militärgerichtshof („Nürnberger Kriegsverbrechertribunal“) hat diese Vertreibungen nach 1945 als Kriegverbrechen bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit streng geahndet. Auch die Neuansiedlungen wurden als Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung bestraft (vgl Vertreibung und Völkerrecht). Aus Völkerrechtlicher Sicht kommt dieser Entscheidung große Bedeutung zu, weil Urteile internationaler Gerichtshöfe verbindliches Völkerrecht („hard law“ bzw. „ius cogens“) definieren und damit klargestellt wurde, dass die Vertreibung der Deutschen in den Jahren 1945 bis 1948 bereits zur Tatzeit gegen verbindliches Völkerrecht verstieß. - Die 1941 vertriebenen Polen konnten ab Anfang 1945 wieder in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zurückkehren. Es handelt sich damit um eine der wenigen vollständig wiedergutgemachten Vertreibungen in Europa.
- die durch Hitler und Mussolini 1939 vereinbarte Umsiedlung der Südtiroler, die so genannte Option. Dabei wurden die Südtiroler gezwungen, zwischen der Aufgabe ihrer Heimat und der Aufgabe ihrer deutschen Sprache und Kultur zu wählen. Wer sein Volkstum behalten wollte, musste Südtirol verlassen. Unter dem Eindruck der intensiven Propaganda der beiden Diktatoren entschieden sich gut 83 Prozent für das Verlassen der Heimat. Nur ein weit kleinerer Teil musste Südtirol dann tatsächlich verlassen, fast alle konnten wieder zurückkehren.
- die durch Hitler und Stalin 1939 vereinbarte Aussiedlung von Deutschen aus Gebieten unter sowjetischer Herrschaft, insbesondere aus Estland und Lettland, sowie dem Balkan; die meisten von ihnen wurden in polnischen Gebieten (südliches Westpreußen, Posener Land <„Warthegau“>, vereinzelt auch in anderen Teilen Polens) angesiedelt.
- Finnland/Karelien: Anfang der 1940er Jahre wurden die finnischen Karelier gleich zweimal vertrieben. Erstmals nach der Niederlage Finnlands im sowjetisch-finnischen Winterkrieg, dann - nach ihrer Rückkehr 1941 - erneut 1944 mit der Wiedereroberung Kareliens durch die UdSSR. Die Vertreibung der Karelier wurde auch nicht symbolisch wiedergutgemacht, Karelien ist heute ein Teil Russlands.
- Sowjetunion: Erzwungene Umsiedlung von Völkern, die als politisch unzuverlässig angesehen wurden, durch Stalins Regierung vor allem in der ersten Hälfte der 1940er Jahre. Hierzu gehört die Deportation der Tschteschenen, Inguschen, Krim-Tataren, Wolga-Deutschen, ingermanländer Finnen sowie vieler Esten, Letten, Litauer und Ukrainer. Alle diese Völker wurden innerhalb des sowjetischen Machtbereich deportiert. Den Krim-Tataren gelang Ende der 1980er Jahre die Rehabilitierung, ein großer Teil ist auf die Krim zurückgekehrt. Die polnische Volksgruppe in Litauen, im westlichen Weißrussland und in der Westurkraine (in der deutschen Literatur oft ungenau als „Ostpolen“ bezeichnet), wurde teilweise nach Osten (Zentralasien) deportiert, teilweise 1945/46 nach Westen (Polen) vertrieben, teilweise konnte sie auch in ihrer Heimat verbleiben.

Die Flucht und Vertreibung der Deutschen (1944 bis 1948)

Bereits ab Sommer 1941 forderten die polnische und tschechoslowakische Exilregierung in London Grenzkorrekturen nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Dies sollte ausdrücklich die Entfernung der deutschen Bevölkerung aus diesen Gebieten wie auch aus dem restlichen Staatsgebiet einschließen. Die Motive für diese Forderung waren vielfältig: Außer Macht- und Besitzstreben sollten die geforderten Gebiete eine Entschädigung für die Verluste an Gütern und Menschen während der Besatzungszeit bieten, wie es vor allem die polnische Exilregierung in London forderte. Zum anderen zielte insbesondere Stalin auf eine Verkürzung ihrer Westgrenze, um sie – im Falle einer neuerlichen Angriffs – leichter gegen Deutschland verteidigen zu können. Neben diesem militärstrategischen Argument konnte Stalin darauf hoffen, mit der Vertreibung und Enteignung von Millionen Deutschen Polen und die Tschechoslowakei dauerhaft von der Sowjetunion als Garantiemacht des neuen Status quo abhängig machen zu können. Mit diesem Kalkül hatte das zaristische Russland und später die UdSSR bereits im Nordkaukasus Vertreibungen als Mittel der Politik angewandt. Die geforderte Vertreibung der Deutschen wurde mit ihrem Verhalten während der Besatzung begründet und mit dem Prinzip des ethnisch reinen Nationalstaates. Hinzu kamen, insbesondere in Polen, sozioökonomische Ziele. Weite Gebiete Ostmitteleuropas galten damals als überbevölkert. Die Verdrängung der Deutschen und (im Falle Polens) die Expansion nach Westen und Norden sollte auch dazu dienen, „überschüssige“ Menschen ansiedeln zu können. Aus heutiger Sicht ist dieses bereits von den Nazis verwendete Argument (Stichwort: "Volk-ohne-Raum-Propaganda") allerdings widerlegt. In vielen Teilen der Welt weisen dicht besiedelte Gebiete einen höheren Wohlstand auf als dünn besiedelte. Dies gilt auch im direkten Vergleich zwischen Deutschland und Polen. Infolge der Vertreibung leben in Deutschland heute doppelt so viele Menschen pro Quadratkilometer. Dennoch ist der Wohlstand Deutschlands deutlich höher. Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 setzte Stalin die Abtrennung der bereits 1939 bis 1941 sowjetisch besetzten polnischen Ostgebiete an die UdSSR durch. Dies hat vielfach zu der Annahme geführt, die Annexion der deutschen Ostgebiete durch Polen sei von Anfang an als ein Ausgleich für den Verlust im Osten gedacht gewesen. Doch diese Erklärung wurde erst später Teil der sowjetischen Rechtfertigungspolitik. Die polnischen Ostgebiete waren mit Ausnahme der Region Lviv mehrheitlich weißrussisch und ukrainisch besiedelt, die Polen dort nur eine (allerdings millionenstarke) Minderheit. Tatsächlich forderten seit 1939 nicht nur die polnischen Kommunisten erhebliche deutsche Gebiete ohne ihre angestammte Bevölkerung, sondern auch die bürgerlich-polnische Exilregierung in Londen, wenn auch in wesentlich geringerem Umfang (es ging um Teile Ostpreußens und Schlesiens). Die Forderung der Oder-Neiße-Linie gab es allerdings nicht. Im Nachhinein wurde versucht, die Annektionen damit zu rechtfertigen, dass Jahrhunderte zuvor Slawen in diesen Gebieten gesiedelt hatten und es sich daher um eine „Wiedererlangung“ ehemals polnischen Landes gehandelt habe. Im Potsdamer Abkommen 1945 wurden die neuen Staatsgrenzen in Ostmitteluropa von den Aliierten allenfalls indirekt und vorläufig festgeschrieben, indem die Gebiete jenseits von Oder und Neiße polnischer Verwaltung unterstellt wurden. Bereits einige Wochen zuvor hatte die UdSSR die Verwaltung dieser Gebiete in einem einseitigen Akt an Polen übertragen. Außerdem findet sich in dem Protokoll der bemerkenswerte Hinweis, dass die Regierungen der USA und Großbritanniens bei einer kommenden Friedenskonferenz den sowjetischen Anspruch auf das Gebiet um Königsberg (nördliches Ostpreußen) unterstützen wollten. Für die übrigen Gebiete jenseits von Oder und Neiße fehlt ein solcher Hinweis in Bezug auf Polen. Mit den Beschlüssen von Potsdam schien die den bürgerlich-antikommunistischen Exilregierungen gegebene Zusage zur Aussiedlung der Deutschen nun, angesichts des wachsenden Einflusses der Kommunisten in Polen und der Tschechoslowakei, nicht mehr zu gelten. Der Text des Potsdamer Protokolls (vgl. Potsdamer Abkommen) enthält daher nur wenige klare Formulierungen: Er bot der polnischen und tschechoslowakischen Regierung und ihrem Verbündeten Stalin die Möglichkeit, die bereits laufende Vertreibung als vereinbart zu betrachten, und dennoch den Westalliierten die ab dem Frühjahr 1946 auch genutzte Chance, sich auf die Behauptung zurückzuziehen, so sei es nicht gemeint gewesen. Die Umsiedlungen sollten in einer 'humanen' Art geschehen; tatsächlich führte die internationale Kontrolle dazu, dass die Zwangsaussiedlung ab Anfang 1946 in wesentlich geordneterer Form vor sich ging als in den Wochen und Monaten vor der Konferenz. Dennoch kam es auch danach noch zu zahlreichen Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung und sehr vielen Todesfällen in den Internierungslagern und Gefängnissen. Bei den Vertreibungsgebieten handelte es sich um:
- an Polen durch die Alliierten zuerkannte Teile des ehemaligen Deutschen Reiches und Danzigs, wie (das südliche) Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, der Neumark Brandenburg, Schlesien;
- den nördlichen Teil Ostpreußens, von Stalin der russischen Teilrepublik angegliedert;
- Gebiete, die seit 1919 dem Deutschen Reich abgesprochen wurden, in denen aber nach wie vor viele Deutsche lebten (beispielsweise das östliche Oberschlesien);
- das zwischen Deutschland und Litauen lange umstrittene Memelland;
- weitere deutsche Siedlungsgebiete in den baltischen Staaten;
- das Sudetenland, also die nördlichen, südlichen und westlichen Randgebiete der böhmischen Länder (vgl. Tschechoslowakei);
- Gebiete der damaligen Sowjetunion, neben einer weitläufigen Streubesiedlung vor allem die deutsche „Wolga-Republik“;
- mehrere Regionen in Südosteuropa, vor allem in Ungarn, Rumänien (Siebenbürgen, Banat), Kroatien (Slawonien), Serbien (Wojwodina) und Slowenien (Maribor (Marburg a.d.Drau), Ljubljana (Laibach), Cilli, Gottschee, s.a. Jugoslawien). Etwas über 14 Millionen Deutsche waren zwischen 1944/45 und 1950 von Flucht und Vertreibung betroffen. Mehrere Hunderttausend wurden in Lagern inhaftiert oder mussten - teilweise jahrelang - Zwangsarbeit leisten. Die Anzahl der „Vertriebenen“, deren Schicksal nicht geklärt werden konnte, betrug nach den beiden großen, im Auftrag des Deutschen Bundestages durchgeführten Untersuchungen von 1958 und 1965 rund 2,1 Millionen (vgl. Gesamterhebung). Mehrere Millionen Frauen aller Altersgruppen wurden vergewaltigt. Das gesamte private Eigentum der Ost- und Sudetendeutschen wurde entschädigungslos konfisziert, auch das öffentliche und kirchliche, deutsche Eigentum in diesen Gebieten wurde enteignet. Zu den 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen kamen vor allem ab Ende der 1950er Jahre über vier Millionen deutsche oder deutschstämmige Aussiedler. Etwa 12 Millionen Ost- und Sudetendeutsche wurden bis 1950 in der Bundesrepublik und der DDR aufgenommen, und (sowohl im Westen als auch im Osten) verlangte dies von allen Beteiligten in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren eine große Integrationsleistung. Durch die Bevölkerungsverschiebungen im großen Maßstab verdoppelten einige Länder, zum Beispiel Mecklenburg ihre Einwohnerzahl, vormals konfessionell homogene Regionen mit starken eigenen Traditionen, zum Beispiel Oberbayern und die Lüneburger Heide, besaßen nun große Bevölkerungsgruppen mit einem anderen Lebensstil und fremder konfessioneller Prägung. Zuweilen kam es zu ganzen Stadt- und Ortsneugründungen wie Espelkamp, Waldkraiburg, Traunreut, Geretsried oder Kaufbeuren-Neugablonz. In den von Deutschen verlassenen Gebieten Polens wurden unter anderem ebenfalls umgesiedelte Polen aus dem ehemaligen Ostpolen (der Region Wilna, dem westlichen Drittel des heutigen Weißrussland, und der westlichen Ukraine (Wolhynien und Galizien) angesiedelt. Die aus diesen Regionen vertriebenen ca. 1,2 Millionen Polen reichten allerdings zahlenmäßig bei weitem nicht aus, um die deutschen Ostgebiete wieder zu bevölkern, denn in den an Polen gefallenen Gebieten waren vor der Vertreibung 8,3 Millionen Deutsche beheimatet, weitere 1,5 Millionen lebten in Gebieten, die bereits von 1919 bis 1939 zu Polen gehört hatten. Den größten Teil der Neusiedler in den Oder-Neiße-Gebieten bildeten Polen aus den traditionell polnischen Gebieten („Zentralpolen“). Hinzu kamen rund 400.000 Ukrainer und eine etwas kleinere Zahl Weißrussen. Die Ursache dafür ist, dass auch westlich der heutigen polnischen Ostgrenze seit jeher eine bedeutende weißrussische und ukrainische Minderheit lebte und lebt, insbesondere in den Regionen Bialystok (Weißrussen) und Przemysl (Ukrainer). Diese Gruppen galten der polnischen Regierung nach 1945 als potenziell unzuverlässig bzw. als mögliche Argumente für neue sowjetische Forderungen an Polen. Deswegen wurde ein Teil von ihnen in Richtung Osten vertrieben (also aus dem heute polnischen Gebiet in die in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehörenen Gebiete östlich des Flusses Bug), ein anderer Teil jedoch nach Westen, vor allem nach Niederschlesien und Hinterpommern. Diese innerpolnische Vertreibung dauerte von Ende April bis Ende Juli 1947, die verantwortlichen Politiker und Militärs nannten sie „Aktion Weichsel“. Zu den polnischen, ukrainischen und weißrussischen Neusiedlern kamen einige Zehntausend aus Ostpolen stammende polnische Zwangsarbeiter in Deutschland, die nach 1944/45 durch die Westverschiebung ihres Heimatlandes heimatlos geworden waren und nun in für sie fremden Regionen sesshaft werden mussten. Die von den Polen im Osten verlassenen Gebiete waren vor dem Krieg mäßig dicht besiedelt und wurden von einem Völkergemisch bewohnt. Nach der polnischen Volkszählung von 1936 betrug der polnische Bevölkerungsanteil in diesen später an die Sowjetunion abgetretenen Gebieten 36 Prozent. Allerdings hatte Polen seit 1919/20 intensiv versucht, den polnischen Anteil in diesen Regionen zu steigern. Schätzungen zufolge lag dieser Anteil dort im Jahre 1918 bei rund 25 Prozent, im Norden (weißrussische sowie litauische Gebiete in und um Wilna) war er höher als im Süden (Westukraine um Lemberg). Heute wohnen in diesen etwas dünner besiedelten Gebieten nach dem Völkermord an der jüdischen Bevölkerung und der Vertreibung der meisten Polen, die dort oft die Oberschicht stellten, fast ausschließlich Weißrussen, Litauer, Ukrainer und Russen. Eine größere polnische Minderheit lebt bis heute in der Umgebung von Wilna. In der an die Sowjetunion gefallenen Oblast Kaliningrad (bis 1945 das nördliche Ostpreußen mit Königsberg) wurden ebenfalls umgesiedelte Russen, Weißrussen und Ukrainer angesiedelt. Auch einige ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter strandeten auf dem Weg aus Deutschland nach Russland im ehemaligen Nordostpreußen. Im Sudetenland wurden vor allem Tschechen aus dem Landesinneren sowie Sinti und Roma angesiedelt. Hinzu kamen als „Repatrianten“ bezeichnete Tschechen, die aus Familien stammten, die früher nach Frankreich, die USA oder in andere Länder ausgewandert waren.

Literatur


- Werner Röhr: [http://www.jungewelt.de/2005/02-24/004.php »Eine monumentale Passionsgeschichte«?] Kritische Betrachtung der Forschung über die Vertriebenen
- Alfred-Maurice De Zayas: Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Verlag W. Kohlhammer, ISBN 3-17009-297-9
- Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945-48, Verlag Universitas, ISBN 3-8004-1387-6

Andere Vertreibungen zwischen 1944 und 1948

Ungefähr zeitgleich mit der Vertreibung von Deutschen aus Teilen Osteuropas, besonders aus den östlichen Gebieten des Reiches, fanden in Ostmitteleuropa weitere Vertreibungen bzw. "ethnische Säuberungen" statt, etwa zwischen Polen und der sowjetischen Ukraine, von in der Slowakei lebenden Ungarn und andere.
- Die Umsiedlung bzw. Vertreibung von etwa 1,2 Millionen Polen in den Jahren 1944 bis 1946 aus den von der Sowjetunion beanspruchten polnischen Ostprovinzen der Jahre 1919/20 bis 1939 nach Polen und in die ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches,
- Istrien: Im Jahre 1945 wurden Zehntausende Italiener aus Istrien vertrieben und enteignet. Über die Zahl der Betroffenen existieren sehr verschiedene Angaben von ca. 30.000 bis 350.000. Womöglich bezieht sich die geringere Zahl auf die in Istrien beheimateten Italiener, die größere Zahl auf die Gesamtzahl der Italiener, die Istrien und die dalmatische Küste 1945 verlassen mussten, aber erst wenige Jahre zuvor dorthin gesiedelt waren. Im März 2004 erklärte sich Kroatien zu einer Entschädigung bereit, nachdem zuvor bereits Slowenien einer Entschädigung zugestimmt hatte. Die italienische Regierung hat dies zur Voraussetzung der EU-Assoziierung Sloweniens gemacht, obwohl mit dem Vertrag von Osimo im Jahre 1975 bereits eine gewisse Entschädigung geleistet worden war.
- Slowakei: Im Süden der Slowakei lebten bis 1945 rund 720.000 ethnische Ungarn (Magyaren). Sie wurden 1945 wie die Sudeten und Karpatendeutschen durch die Benesch-Dekrete enteignet. Etwa 120.000 wurden außerdem vertrieben. Heute leben noch 580.000 Ungarn in der Slowakei.Die Benesch-Dekrete sind in den ungarisch-slowakischen Beziehungen nach wie vor umstritten.
- Indien: Bei Erreichen der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947/48 und der Etablierung von Pakistan und der Indischen Union wurden Millionen Hindus und Moslems aus den mehrheitlich von Angehörigen der anderen Religionsgemeinschaft besiedelten Gebieten vertrieben. Dieser brutale "Bevölkerungsuastausch" betraf zwischen 14 und 15 Millionen Menschen. Etwas über 7 Millionen Moslems wurden von Indien nach Pakistan vertrieben, eine etwa gleich große Zahl Hindus aus Pakistan nach Indien.

Vertreibungen seit etwa 1948


- Im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948/49 wurden rund 750.000 Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben bzw. nach ihrer Flucht an der Rückkehr gehindert. Die UNO sprach ihnen das Recht auf Rückkehr in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zu, was aber nicht verwirklicht wurde.
- Im Laufe der 1950er Jahre mussten mehrere Hunderttausend Juden oft unter erheblichem Druck ihre Heimat in den arabischen Staaten verlassen. Fast alle gingen nach Israel, manche auch nach Frankreich oder in die USA.
- Zypern: Nach der türkischen Intervention in Nordzypern ab dem 20. Juli 1974 wurden mehrere Tausend griechische Zyprioten in den Südteil der Insel vertrieben.
- Jugoslawien: Die als 'ethnische Säuberungen' bekannt gewordenen Vertreibungen innerhalb des ehemaligen Jugoslawiens in den Jahren 1991 bis 1995. Bereits während des Ersten Weltkrieges gab es Vertreibungen im Gebiet des späteren Jugoslawien. Es waren die ersten rein ethnischen Vertreibungen auf dem europäischen Kontinent seit der Völkerwanderungszeit bzw. seit der Umsiedlung mehrerer Tausend Sachsen durch Karl den Großen im 9. Jahrhundert.
- Weitere Vertreibungen in Afrika.

Motive für die Vertreibung der Deutschen und Polen 1944-48

Die Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten hatte mehrere Ursachen: 1. Die nationalsozialistische Expansions-, Raub- und Ausrottungspolitik Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs hat die bereits belasteten, aber immer noch tragfähigen Beziehungen zwischen Deutschen und anderen Volksgruppen in Mittel- und Osteuropa, massiv zerrüttet, wenn nicht von Grund auf zerstört. Die als "Untermenschen" angesehenen und behandelten Völker wurden durch diese Politik in eine Position getrieben, in der nur noch der bewaffnete, aber vom damaligen Kriegsrecht nicht gedeckte Partisanenkampf gegen die deutschen Aggressoren als Mittel der Selbstverteidigung blieb. Mit der sich abzeichnenden militärischen Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands bekamen die mit Ausrottung bedrohten Völker die Gelegenheit, sich für die ihnen zugefügten Verbrechen zu rächen. Der Besitz der Vertriebenen wurde dabei enteignet, konfisziert oder geplündert, so dass auch diese ökonomische Seite der Vertreibung, der Raubzug und die Bereicherungsabsicht, zu den eigentlichen Vertreibungsmotiven gezählt werden muss. Dies gilt entsprechend für sehr viele andere Vertreibungsphänomene. 2. Für einige der ost- und mitteleuropäischen (kommunistischen) Regierungen war die Vertreibung der Deutschen eine Gelegenheit, ihre Macht zu festigen (insbesondere in der späteren ČSSR). Es sollte aber auch der Kriegsvermeidung dienen. Mit der Vertreibung der Deutschen schufen einige kommunistische Nachkriegsregierungen außerdem - in Anknüpfung an ältere, keineswegs nur kommunistische Vorstellungen von ethnischer Homogenität - national weitgehend homogene Staatswesen. Das Ziel war, sich möglichst vieler Konflikte der Vorkriegszeit, die auf dem multinationalen Charakter dieser Staaten als Vielvölkerstaaten beruhten, zu entledigen. 3. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die jeweiligen Bevölkerungsteile in diesen Staaten häufig zur Destabilisierung des jeweils anderen Gebiets instrumentalisiert und ließen sich instrumentalisieren (wie etwa die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins). In der Logik der Zeit wollte man künftige Gefährdungen durch national unzuverlässige Minderheiten als "fünfte Kolonnen" ausschließen. 4. Im Fall der später polnischen Gebiete ist die Vertreibung der Deutschen nicht losgelöst von der Vertreibung der Polen zu betrachten, die bereits 1943 beschlossen und 1944 in Angriff genommen wurde. Ohne den Verlust mehrheitlich polnischer Städte wie Wilna oder Lemberg wäre die Inbesitznahme von Städten wie Stettin oder Breslau, die sich weder auf altem polnischen Staatsgebiet noch innerhalb polnischen Siedlungsgebietes befanden, noch schwieriger gewesen. Die Westverschiebung Polens auf Kosten des besiegten Deutschlands wiederum ist letztlich Folge der Weigerung Stalins, die 1939 aufgrund des Hitler-Stalin-Pakte erfolgte Teilung Polens in sowjetisches und deutsches Besatzungsgebiet wieder rückgängig zu machen und den Staat Polen in den Grenzen von vor 1939 wiederauferstehen zu lassen. Die 1939 annektierten Gebiete (43 Prozent des ehemaligen Staatsgebietes) waren zum Teil bereits 1920/21 zwischen Sowjetrussland und Polen schwer umkämpft und verblieben nun bei der Sowjetunion, ihre polnischen Einwohner wurden zum großen Teil umgesiedelt. Insgesamt rechnet man, dass im 20. Jahrhundert weltweit ungefähr 50 Millionen Menschen vertrieben worden sind, manche sogar mehrmals innerhalb nur einer Generation.

Vertreibung und Völkerrecht

Vertreibungen sind in jedem Falle völkerrechtswidrig. Sie verstoßen unter anderem gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907, gegen das Verbot von Kollektivausweisungen, gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker und gegen das Eigentumsrecht. Alle historisch belegten Vertreibungen waren mit Blutvergießen und Enteigungen verbunden. Doch selbst eine Vertreibung ohne Enteigung würde das Eigentumsrecht der Vertriebenen verletzen, weil diese Recht das Recht der Nutzung einschließt. Ein Vertriebener kann aber seine Immobilien nicht mehr nutzen. Dem Regensburger Völkerrechtler Otto Kimminich gelang in den 1950er Jahren der Nachweis, dass das seit jeher geltende Völkerrecht das Recht auf die Heimat einschließt, auch wenn dieses Recht lange nicht explizit niedergeschrieben ("positiviert") wurde. Vor allem das Selbstbestimmungsrecht der Völker setzt das Recht auf die Heimat voraus, denn es bezieht sich regelmäßig auf diejenigen Gebiete, in denen eine bestimmte Nation oder Volksgruppe unangefochten und rechtmäßig die Mehrheit der Bevölkerung stellt. Letzteres setzt aber das Recht auf die Heimat voraus. Soweit Vertreibungen eine hinreichend klar definierte Gruppe betreffen und mit der Absicht durchgeführt werden, diese Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören, erfüllen sie außerdem den Tatbestand des Völkermordes im Sinne der UN-Konvention von 1948.

Vertreibungsverluste

Vertreibungsverluste gliedern sich in drei Kategorien: # Verluste an Leib und Leben (vgl. Gesamterhebung), # Materielle Verluste und wirtschaftliche Schäden, # Ideelle und kulturelle Verluste. Diese drei Verlustkategorien betreffen regemäßig drei Gruppen: # Die vertriebene Bevölkerung, # Die aufnehmende Bevölkerung und # Die neu angesiedelte Bevölkerung (von deren politischer Vertretung regelmäßig die Vertreibung ausging). Die Verluste der vertriebenen Bevölkerung liegen auf der Hand. Aber auch die aufnehmende Bevölkerung hat zumindest kurzfristig oft unter Vertreibungen zu leiden. So wurde die Hungersnot der Nachkriegszeit in Deutschland (Hungerwinter 1946/47) durch die erzwungene Aufnahme von Millionen Vertriebenen auch für die einheimische Bevölkerung massiv verschärft. Aber auch für die neue Bevölkerung stellt die Vertreibung oft keinen echten Gewinn dar, da diese häufig selbst eher unfreiwillig in dieses Gebiet gekommen sind, entweder durch wirtschaftlichen Zwang oder durch Vertreibung aus anderen Gebieten. Außerdem besteht in der Neubevölkerung oft die Furcht, daß sich die vertriebene Bevölkerung das Land wiederholt, so dass wenig Neigung zu langristiger Standortsicherung besteht.

Bewältigung der Vertreibung der Deutschen

Die Aufnahme von rund 12 Millionen Vertriebenen in den vier Besatzungszonen Deutschlands in den Jahren 1945 bis 1949 stellte alle Beteiligten vor enorme Probleme. Zunächst ging es darum, das Überleben der Vertriebenen angesichts des schweren Mangels an Nahrung, Wohnraum und Kleidung zu sichern. Dies ist weitgehend gelungen, obwohl es in den Jahren bis ca. 1950 eine deutlich erhöhte Sterblichkeit infolge Unterernährung und Infektionskrankheiten gab. Überschlägige Rechungen gehen von einer zusätzlichen Sterblichkeit von 3 bis 3,5 Prozent im Laufe von fünf Jahren aus, sie betraf vor allem ältere, Kleinkinder und gesundheitlich vorbelastete Menschen. Ab dem Jahre 1949 durften sich die Vertriebenen in der Bundesrepublik organisieren, in der DDR blieb dies bis 1989 strikt verboten, 1950 erfolgte der Zusammenschluss im Bund der Vertriebenen (BdV). In den 1950er und frühen 1960er Jahren bildeten die Vertriebenen eine vergleichsweise einflussreiche Interessengruppe. Die wirtschaftliche und soziale Integration dieser Gruppe, die fast ein Viertel der westdeutschen Bevölkerung ausmachte, gelang nicht zuletzt mit Hilfe des Lastenausgleichs bald besser als erwartet. Kehrseite der gelungenen Integration war eine deutliche und bis heute zunehmende Assimilation und damit ein zunehmender Verlust an kultureller Vielfalt der Bundesrepublik Deutschland. Ab Mitte der 1960er Jahre nahm der politische Einfluss der Vertriebenenverbände deutlich ab, es gelang ihnen nicht, die faktsiche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnischer Grenze im Jahre 1970 zu verhindern. In den 1990er Jahren spielte fast nur noch die von Bayern und der CSU unterstützte Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) eine Rolle als politische Kraft in Deutschland.

Die Debatte über den Vertreibungsbegriff seit den 1980er Jahren

Verwendung und genaue Bedeutung des Begriffs Vertreibung sind in Deutschland etwa seit den späten 1980er Jahren strittig, da die Abgrenzbarkeit zwischen (gewaltsamer) Vertreibung und (gewaltloser) Migration zunehmend in Frage gestellt wurde. Von einigen Politikern und Publizisten wurde die These aufgestellt, der Begriff der Vertreibung bezeichne lediglich ein Form von Zwangsmigration und komme in der internationalen Forschung überwiegend als deutsches Lehnwort (im Englischen: "expulsion" bzw. "expellees") vor, während außerhalb Deutschlands sonst eher von Deportierten oder Flüchtlingen ("refugees") gesprochen wird. Hinzu komme die Konfrontation des Kalten Krieges, denn in jenen Nationen, die Flucht und Vertreibung der Deutschen ab 1944/45 veranlasst hatten, wähle man eher verharmlosende Begriffe, etwa das tschechische Wort "odsun" (="Abschub") und den Begriff "Transfer" (="Überführung"). Auch innerhalb Deutschlands sei der Begriff der "Vertreibung" und der "Vertriebenen" nicht immer selbstverständlich gewesen. Tatsächlich herrschte anfangs der Flucht- und Flüchtlingsbegriff vor, zudem wurde in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR offiziell gezielt von "Umsiedlern" bzw. "ehemaligen Umsiedlern" und "Neubürgern" gesprochen. 1950 waren dies dort etwa 4,3 Millionen Menschen. Im deutschen Sprachraum bezeichnete der Begriff bis vor wenigen Jahren meist die Zwangsumsiedlung der deutschen Bevölkerung aus den ehemals deutschen Ostgebieten, dem Sudetenland und den ethnischen Mischgebieten Ostmittel- und Südosteuropas. Der Begriff Vertreibung bzw. "Vertriebene" setzte sich erst Ende der 1940er Jahre durch und wurde nur in der Bundesrepublik zur offiziellen, auch gesetzlich fixierten Bezeichnung dieses Vorgangs bzw. der von ihm Betroffenen. Bis dahin wurden zwangsumgesiedelte Deutsche begrifflich nicht von der Gesamtheit der "Flüchtlinge" (siehe Displaced Persons) unterschieden, zuweilen auch - im späten NS-Sprachgebrauch - als "Evakuierte" bezeichnet. Eine eigenständige Benennung dieser Gruppe als "Vertriebene" sei, so der Einwand, weniger durch evidente Tatsachen gerechtfertigt gewesen, sondern sie sei eher der Logik juristischer und politischer Zweckmäßigkeit geschuldet: Zum einen besaßen sie – aufgrund ihrer deutschen Staatsangehörigkeit (bei den Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten und aus dem Sudetenland) bzw. als "Volksdeutsche" – einen anderen Rechtsstatus als nichtdeutsche Deportierte und Flüchtlinge. Zum anderen bot die Wahl dieses Begriffes mehrere politisch und sozial erwünschte Möglichkeiten: Er schuf eine Distanz zwischen deutschen Deportierten und den von den Deutschen Deportierten – Juden, Polen, Tschechen, Russen usw. Damit ermöglichte er in der Bundesrepublik einen Opferdiskurs, der eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erschwerte. Dabei ist allerdings zu beachten, dass einige führende Vertreter der deutschen Vertriebenen, namentlich der Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, Herbert Hupka, und der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Wenzel Jaksch, (Hupka bis nach 1970, Jaksch bis zu seinem Tode) Sozialdemokraten waren und die SPD die Rechte der deutschen Vertriebenen bis etwa zum Jahre 1964 - jedenfalls verbal - noch um einiges entschiedener vertrat, als CDU und CSU. Insbesondere vertrat die SPD jahrelang die Überzeugung, nicht nur die Vertreibung selbst sei ein Verbrechen gewesen, sondern sogar die etwaige Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als neuer deutsch-polnischer Grenze wäre als ein politisches Unrecht, ja als Verbrechen zu bewerten. In diesem Zusammenhang steht auch die später oft zitierte Aufruf Willy Brandts, Herbert Wehners und Erich Ollenhauers zum Deutschlandtreffen der Schlesier im Jahre 1963: "Verzicht ist Verrat, wer wollte das bestreiten. 100 Jahre SPD heißt vor allem 100 Jahre Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Das Recht auf Heimat kann man nicht für ein Linsengericht verhökern. Niemals darf hinter dem Rücken der aus ihrer Heimat vertriebenen oder geflüchteten Landleute Schindluder getrieben werden!" Diese Haltung der