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AztekenDie Azteken waren eine mesoamerikanische Kultur in Zentralmexiko mit einer reichhaltigen Mythologie. Der Begriff "Aztek" bedeutet auf Nahuatl, der Sprache der Azteken, „jemand der aus Aztlán kommt“. Die Azteken bezeichneten sich oft auch selbst als die Mehika oder Meshika oder 'Mexica' - der Ursprung des heutigen Ländernamens Mexiko. Die moderne Verwendung der Bezeichnung Azteken wurde durch Alexander von Humboldt vorgeschlagen.
Gründungsmythos und Herkunft
Alexander von Humboldt
Die aztekischen Mythen beschreiben vier große Zeitalter, die der bestehenden Welt vorangingen und in Katastrophen endeten. Das fünfte Zeitalter wurde eingeläutet durch das Opfer eines Helden, der sich in die Sonne verwandelte.
Nach der Legende wanderten die Azteken, wohl im 14. Jahrhundert, von einem Ort im Norden namens Aztlán zum Lago de Texcoco in Zentralmexiko, angeführt von ihrem Gott Huitzilopochtli. Als sie bei einer Insel im See ankamen, konnten sie einen Adler beobachten, der, auf einem Feigenkaktus (spanisch Nopal) sitzend, eine Schlange fraß. Gemäß der Prophezeiung war dieses Ereignis dazu bestimmt, ihnen den Platz zu zeigen, an dem sie sich niederlassen sollten. Die Azteken erbauten ihre Stadt Tenochtitlan an dieser Stelle, an der sich das heutige Mexiko-Stadt befindet. Der Adler auf dem Kaktus mit der Schlange aus der Legende ist heute auf der mexikanischen Flagge abgebildet.
Der Adler trug nicht, wie von den spanischen Eroberern angenommen und auf der mexikanischen Flagge abgebildet, eine Schlange im Mund, sondern die aztekischen Wortbilder für Rauch und Flammen (gelbes und rotes Band), die den Krieg, einen wichtigen Bestandteil der aztekischen Geschichte, darstellten.
Der Aufstieg der aztekischen Nation
Es gab zwölf Herrscher über Tenochtitlán:
- Der legendäre Gründer: Ténoch
- 1375: Acamapichtili
- 1395: Huitzilíhuitl
- 1417: Chimalpopoca
- 1427: Itzcóatl
- 1440: Moctezuma I. (eigtl. Motecuhzoma I.) Ilhuicamina
- 1469: Axayacatl
- 1481: Tízoc
- 1486: Auítzotl (manchmal auch „Ahuitzotl“)
- 1502: Moctezuma II. Xocoyotzin (eigt. Motecuhzoma II., der berühmte „Montezuma“)
- 1520: Cuitláuac
- 1521: Cuáutemoc
Zu Beginn heuerten die Mexica als Söldner in den Kriegen zwischen den Tolteken an, bis sie schließlich genug Ruhm geerntet hatten, um sich in die königlichen Familien einzuheiraten.
Die Mexica-Herrscher Acamapichtili, Huitzilíhuitl und Chimalpopoca waren Vasallen des Tepaneken-Herrschers Tezozomoc in der Zeit von 1372 bis 1427.
Als Tezozomoc starb, ermordete sein Sohn Maxtla Chimalpopoca. Dessen Onkel Itzcoatl verbündete sich nun mit dem ehemaligen Herrscher von Texcoco, Nezhualcouyotl, und belagerte Maxtlas Hauptstadt Azcapotzalco. Maxtla gab nach 100 Tagen auf und ging ins Exil. Tenochtitlán, Texcoco und Tlacopan formten eine Allianz, die das Tal von Mexiko dominierte und die Macht schließlich jenseits der Grenzen des Tals ausdehnte. Mit der Zeit wurde Tenochtitlán die beherrschende Kraft innerhalb der Allianz.
Itzcoatls Neffe Motecuhzoma I. erbte 1449 den Thron und erweiterte sein Herrschaftsgebiet. Sein Sohn Axayacatl übernahm die Kontrolle über Mixteken und Zapoteken. 1481 übernahm sein Sohn Tizoc kurz die Herrschaft, bis er durch seinen jüngeren Bruder Ahuitzotl ersetzt wurde, der die Armee neu organisierte. Das Imperium erreichte während seiner Regentschaft das größte Ausdehnungsgebiet. Sein Nachfolger war Motecuhzoma II. (besser bekannt als "Moctezuma" oder "Montezuma").
Das Imperium
Montezuma
Das Aztekische Imperium ist nicht direkt vergleichbar mit den Imperien der europäischen Geschichte und war ethnisch sehr differenziert aufgebaut. Allerdings war es (theoretisch) ein Städtebund, ähnlich wie auch das Römische Reich lange Zeit (theoretisch) ein Städtebund war. Der Städtebund setzte sich zusammen aus Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan. Der wichtigste Beamte der Regierung in Tenochtitlán wird oft als der Aztekische Imperator bezeichnet. Sein Titel huey tlatoque kann als Verehrter Sprecher übersetzt werden. Dieses Amt gewann mit dem Aufstieg Tenochtitláns nach und nach an Macht hinzu und zur Zeit des Auitzotl ist Imperator eine brauchbare Analogie.
Das Aztekische Militär bestand aus Wehrpflichtigen mit einem Kern aus Berufssoldaten. Sobald ein Krieger etwa vier bis fünf Gefangene gemacht hatte, konnte er den Rang eines Adler- oder Jaguarkriegers erreichen, die sehr angesehen waren.
Die Ernährung der Azteken bestand hauptsächlich aus Mais, Bohnen und Kürbissen. Sie nutzten die Faser der Agaven ausgiebig; Baumwolle und Juwelen waren der herrschenden Klasse vorbehalten.
Die Azteken legten im See von Tenochtitlan künstliche Inseln an, chinampas genannt, auf denen sie Landwirtschaft betrieben.
Religion
Die Religion der Azteken beruht auf der toltekischen Religion. Sie ist polytheistisch, tritt jedoch in der Sonderform Henotheismus auf.
Hauptgott war Huitzilopochtli der Gott der Sonne und des Krieges. Ein anderer besonders verehrter Gott war Quetzalcoátl, die gefiederte Schlange, der einst ein Herrscher der Tolteken gewesen war und auf einem Kanu aus der Welt fuhr. Er war als Quetzalcoatl-Ehecatl der Gott des Windes, des Himmels, des Krieges, der Erde und ein Schöpfergott, doch besonders an ihm war, dass alle Völker in der gesamten Umgebung der Azteken ihn verehrten. Neben ihm gab es auch einige Götter unterschiedlicher Wichtigkeit, z.B. der Regengott Tlaloc. Dabei ist eine Besonderheit, dass fast jeder Bereich durch mehrere Götter abgedeckt wird.
Die Azteken, die eines natürlichen Todes starben kamen nach Mictlan, die aztekische neunschichtige Unterwelt. Frauen, die im Kindbett gestorben waren und gefallene Krieger begleiteten die Sonne am Himmel, Menschen, die ertranken oder vom Blitz erschlagen wurden, kamen in das so genannte Paradies des Gottes Tlaloc.
Opfer
siehe hierzu den Hauptartikel: Opferkult der Azteken
Die Bedeutung und der Umfang aztekischer Menschenopfer sind heute wissenschaftlich umstritten. Größtenteils stammen die Schilderungen verschiedenster grausamer Opferrituale von spanischen Missionaren, welche ein Interesse daran hatten, die Praktiken des heidnischen Volkes negativ darzustellen. Andererseits zweifelt man auch daran, dass die von den Azteken selbst überlieferten Opferkulte in dieser Art auch in vollem Umfang ausgeführt wurden. Forscher gehen heute vielmehr davon aus, dass viele Schilderungen nur als Bilder im übertragenen, symbolischen Sinn zu verstehen gewesen sein könnten. Daher sind die folgenden überlieferten Aussagen nicht unumstritten.
Die Azteken sind berüchtigt für ihre religiös motivierten Menschenopfer, die sie in großer Zahl ausführten. Dazu wurden gefangene Krieger, Sklaven, aber auch Kinder verwendet. Manchmal opferten sich auch aztekische Krieger selbst freiwillig, was als große Ehre angesehen wurde. Ein Verfahren der Opferung bestand darin, die Menschen einzeln auf der Spitze der Pyramiden auf einem Opferstein an ihren Armen und Beinen festzuhalten und ihnen mit einem Steinmesser das Herz herauszuschneiden. Der Priester bespritzte sich selber und die Götterstatuen mit dem frischen Menschenblut. Die Leiche wurde anschließend die steilen Steinstufen hinabgeworfen. Bei besonders hochstehenden Opfern wurden Teile gebraten und gegessen. Kinder wurden in Käfigen zugunsten des Regengottes Tlaloc zum Weinen gebracht und man ließ sie verhungern.
Die Azteken hielten sog. Blumenkriege mit ihren verfeindeten Völkern, in beiderseitigem Einverständniss ab. Bei diesen Blumenkriegen wurde nicht getötet, sondern das Ziel bestand darin, neue Gefangene als Opfergaben zu machen. Diese Opferungen nannten sie nextlaualli - Schuldzahlungen an die Götter. Sie dienten dazu, sicherzustellen, dass die Sonne jeden Morgen erneut aufgehen konnte.
Neuesten Erkenntnissen zufolge haben aber auch die "Könige" selbst Blutopfer von sich gegeben (Schnitt in Hand/Arm/Bein/Ohr), um die Gottheiten zu besänftigen oder zu bemühen, eine ähnliche Praxis ist auch von den Maya bekannt. Es ist auch bekannt, dass die Priester des jeweiligen Tempels sich in das Ohr schnitten um Blut zu gewinnen, das für Rituale nötig war. Es wurden nur sehr wenige von den damals bekannten 1600 Gottheiten angebetet, da nicht alle so wichtig waren. Die Azteken hatten so viele Götter, weil sie bei jedem Volk, das sie eroberten, deren Götter "adoptierten" und zu ihren dazunahmen. Deswegen waren auch nicht alle bekannt. Es gab verschiedene Stämme unter den Azteken, welche jeder ihre Gottheit bevorzugte.
Kulturelle Eigenheiten
Die aztekische Kultur im 15. Jahrhundert n. Chr. lässt sich mit der griechischen im 5. Jahrhundert v. Chr. wie folgt vergleichen (Kurzfassung):
- kein Rad (außer für Kinderspielzeug): Lasten wurden von Menschen transportiert
- Bilderschrift: die Azteken nutzten die Bilder selbst und die Klänge der Aussprache um Wörter darzustellen, sie lernten auch viele Texte und Gedichte auswendig (s. Azteken-Schrift)
- kein Eisen: die Schwerter (sog. Maguahuitl) waren aus Holz, die Klingen waren mit Obsidiansplittern besetzt
- keine Pferde: die Pferde der Spanier wurden als übergroße Hirsche verstanden
- kein Geld: neben dem ausgeprägten Tauschhandel wurden oft Kakaobohnen als Ersatzwährung verwendet
- kein Kamin: die Feuerstellen in den Hütten führten zu stark verrußten Decken
- Wasserspülung und großartige Architektur: Die spanischen Soldaten bewunderten tagelang die Stadt und vor allem die Wasserspülung, die es sogar in öffentlichen Toiletten gab (in Europa gab es nichts dergleichen)
Die spanischen Eroberer, von denen viele aus einfachen Verhältnissen stammten und in einfachen Häusern und Hütten groß geworden waren, bewunderten die Architektur der Kaiserpaläste in Tenochtitlán. Die einfachen Häuser der Azteken waren ähnlich den einfachen Häusern im ländlichen Spanien.
Frauen und Männer der Azteken schoren sich den Kopf kahl und entfernten die gesamte Körperbehaarung mit metallenen Pinzetten (Priester verwendeten goldene). Aus diesem Grund wurden Sie vom feindlichen Volk der Tarasken auch Leute, die sich den Schädel fegen genannt.
Fall des Aztekenreiches
Aufgrund ihrer Aggressivität waren die Azteken bei ihren Nachbarn mehr verhasst als beliebt. Sie schafften es nicht auf diplomatischer Ebene und auch nicht durch Blutheiraten, den Machtdrang der Azteken zu bremsen. Die Ankunft der 500 Spanier unter Führung von Cortéz war für einige Stämme die einzige Chance, das Joch der Azteken loszuwerden.
Zur Zeit der Ankunft der Spanier war der Herrscher der Azteken Moctezuma II, der sich jedoch zu zögerlich verhielt. Als dieser abgesetzt wurde und die Azteken ihre letzte große Schlacht um die Unabhängigkeit schlugen, konnten die Spanier nicht mehr besiegt werden.
Nach blutigen Kämpfen gegen die Spanier ergab sich am 13. August 1521 der letzte Herrscher der Azteken, Cuáutemoc, in Tenochtitlán. Er und die verbündeten Herrscher der Azteken wurden in einem Scheingerichtsverfahren der Verschwörung bezichtigt und in der Provinz erhängt. Durch die Europäer eingeschleppte Krankheiten wie die Windpocken und Typhus töteten in einigen Gegenden bis zu 75 % der Bevölkerung. Mexiko-Stadt wurde auf den Ruinen von Tenochtitlán errichtet.
Informationen über die Azteken überlebten unter anderem in zeitgenössischen Quellen (Codices) wie dem Codex Mendoza von 1541. Nahuatl wird noch heute von Teilen der mexikanischen Urbevölkerung gesprochen. Es gibt eine Version der Wikipedia in Nahuatl!
Literatur
- Heyden, Doris: Gartenkünstler in der neuen Welt. Spektrum der Wissenschaft, Oktober 2003, S. 70 - 75, (Artikel über den Gartenbau der Azteken)
- Prem, Hanns J.: Die Azteken. München ³2003.
- Prem, Hanns J.: Geschichte Altamerikas. München 1989. (OGG 23)
- Royal Academy of Arts London (Hrsg.): Azteken. Köln 2003.
- Smith, Michael E.: The Aztecs. Oxford ²2003.
- Solis, Felipe: The Aztec Empire. New York 2004.
- Townsend, Richard F.: The Aztecs. London 2000.
- Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas, Das Problem des Anderen, Frankfurt/M. 1985 (8.Auflage 2002) ISBN 3-5181-1213-9
- Jennings, Gary "Der Azteke" , Roman mit vielen Beschreibungen von Kultur und Religion der Azteken
Siehe auch
- Azteken-Kalender
- Indigene Völker Mittelamerikas und der Karibik
- Konquistador
Weblinks
- [http://www.indianerwww.de www.indianerwww.de]
- [http://azteken.eqoop.de azteken.eqoop.de]
Kategorie:Mittelamerikanische Ethnie
Kategorie:Azteken Kategorie:Präkolumbisches Mesoamerika
ja:アステカ
ko:아스테카인
ms:Aztek
simple:Aztecs
MesoamerikaPaul Kirchhoff führte den Begriff 1943 ein und vereinheitlichte damit einen vielfältigen und dynamischen Kulturraum nach dem "Cultural-Area"-Konzept der US-amerikanischen cultural anthropology.
Der Begriff Mesoamerika ist eine räumlich-kulturell-historische Abgrenzung und bezeichnet ein Siedlungs-Gebiet in Mittelamerika (Zentral-Amerika), dessen Kulturen sich hauptsächlich durch folgende gemeinsame Merkmale auszeichneten:
- komplexe Gesellschaften auf der Basis von Bodenbau, die in einigen Fällen Herrschaftsstrukturen eines Staats erreicht haben.
- Ausgedehnte zeremonielle Zentren oder gar Städte mit aufwendigen Bauten (Pyramiden, Paläste, Ballspielplätze)
- Hohes kunsthandwerkliches Niveau. Bearbeitung von Stein, Keramik, Holz, Textilien, Malerei und Metallverarbeitung in der Schlussphase
- Entwickeltes Kalenderwesen und zum Teil auch Schrift
Grenzgebiete des Kulturareals
- Nordgrenze: Ungefähr auf der Höhe des nördlichen Wendekreises mit einer Ausbuchtung nach Süden zwischen den beiden Kordilleren. Die Grenze fluktuierte mit wechselnden klimatischen Bedingungen. In regenreichen Phasen war Bodenbau möglich, so verschob sich die Grenze in nördliche Richtung.
- Ostgrenze: Je nach Zeitraum durch Nicaragua und Costa Rica oder aber durch El Salvador und Honduras. Die Nicarao sprachen einen aztekischen Akzent und bildeten zur Zeit der Conquista einen weit nach Osten verschobenen Posten, während der Großteil der archäologischen Befunde auf eine westlichere Grenzziehung schließen lässt.
Umweltbedingungen
Vielfältige topographische Unterschiede sind zurückzuführen auf:
1.) Variierende Höhenlagen:
- Tierra caliente (bis 800m)
- Tierra templada (800 – 2000m)
- Tierra fria (2000- Siedlungsgrenze bei 3000m)
2.) Lage zwischen den Ozeanen:
- Regenzeit im Sommer & Herbst
- Trockenzeit im Winter & Frühling
- Verstzter Anfang der Jahreszeiten von Süd nach Nord
- Diese Heterogenität im Landschaftsbild auf engstem Raum bietet sehr gute Voraussetzungen für arbeitsteilige Spezialisierung und wirtschaftlichen Austausch.
Kulturgeschichtliche Abfolge
- ca. 10.000 v. Chr.: erste Mammutjäger nachgewiesen
- ab ca. 7000 v. Chr.: Domestizierung von Pflanzen
- ab ca. 3.400 v. Chr.: Mais- und Bohnenkulturen als Nahrungsgrundlage
- Funde stammen aus ariden Gebieten, was eigentlich untypische Siedlungsgebiete sind, wahrscheinlich entsprechen die Funde nicht den Orten der ersten Domestikation.
- Permanent besiedelte Dörfer wahrscheinlich ab ca. 3.500 v. Chr. Jedoch erst für 2.500 v. Chr. im größeren Umfang nachgewiesen.
Zahlreiche Hochkulturen hatten und haben dort ihre Heimat:
- Azteken
- Chichimeken
- Huaxteken
- Maya
- Mixteken
- Olmeken
- Tarasken
- Tolteken
- Totonaken
- Zapoteken
Kategorie:Amerikanische Geschichte
Kategorie:Präkolumbisches Mesoamerika
ja:メソアメリカ
ms:Mesoamerika
Mexiko
Die Vereinigten Mexikanischen Staaten (Estados Unidos Mexicanos) oder einfach nur Mexiko (México) sind ein Staat in Nordamerika. Sie grenzen im Norden an die USA und im Süden an Belize und Guatemala. Westlich liegt der Pazifik, im Osten der Golf von Mexiko sowie das Karibische Meer, beides Randmeere des Atlantiks.
Geographie
Mexiko ist mehr als 5½mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland und liegt auf dem nordamerikanischen Kontinent.
- Fläche komplett: 1.972.540 km², davon
- Land: 1.923.046 km²
- Wasser: 49.176 km²
Mexiko grenzt im Norden an die USA und im Südosten an Guatemala und Belize. Es besitzt zudem 12.540 km Meeresküste, davon
- 8.300 km Küstenland am Pazifik
- 3.200 km Küstenland am Atlantik
Mexiko besitzt auf 200 Seemeilen (370 km) exklusive Nutzungsrechte.
Die größten Städte Mexikos sind Mexiko-Stadt, Ecatepec de Morelos, Guadalajara, Puebla, Ciudad Juárez, Tijuana, Ciudad Nezahualcóyotl, Monterrey und León.
Siehe: Liste der Städte in Mexiko
Klima
Liste der Städte in Mexiko
Mexiko ist ein klimatisch vielgestaltiges Land, das sowohl über subtropisches und alpines Klima als auch über Wüstenklima verfügt. Es gehört somit in den Übergangsbereich der sommerfeuchten äußeren Tropen mit 8–10 humiden Monaten im Südosten des Landes über die ganzjährig ariden Subtropen im Bereich des Wendekreises, bis zum Winterregenklima Kaliforniens, das im äußersten Westen (Baja California) gerade noch wirksam wird.
Räumliche Gliederung
Kalifornien
Der größte Teil Mexikos besteht aus einem Hochlandblock, der an markanten Bruchlinien im Osten und Westen herausgehoben wurde. Die Randgebirge sind sehr unterschiedlich gestaltet: die Sierra Madre Oriental im Osten setzt sich aus parallel streichenden Faltenzügen und steil aufragenden Schichtrippen der Jura- und Kreideformation zusammen. Dagegen baut sich die Sierra Madre Occidental im Westen aus flach lagernden vulkanischen Decken des Tertiärs auf. Beide erscheinen von den hügeligen Küstentiefländern aus als hohe Gebirgsmauern.
Tertiär
Das Hochland ist in weite Beckenlandschaften gegliedert. Diese erreichen an der Grenze zu den USA 1.200 m Meereshöhe. An die Sierra Madre Occidental schließt sich südlich die Cordilliera Neo Volcanica an, die aus vulkanischen Ablagerungen aus der Zeit des Pliozän bis Quartär besteht und nicht nur durch Riesenvulkane, sondern zusätzlich durch eine Vielzahl von vulkanischen Kegeln und Kratern geprägt ist. Sie bildet den Südrand des Hochlandblocks, der in einer Bruchstufenzone rund 1.000 m tief zur Senke des Río Balsas abbricht. Im Süden befindet sich die Sierra Madre del Sur westlich der Sierra Madre de Chiapas. Nordöstlich vorgelagert ist die Halbinsel Yucatán. Sie besteht aus einer Kalksteintafel, die seit dem Tertiär aus dem Meer herausgehoben wurde.
Die höchsten Vulkane des Landes sind der Citlaltépetl (auch Pico de Orizaba genannt), der mit 5.700 m gleichzeitig der höchste Berg in Mexiko ist, der derzeit aktive Popocatépetl mit 5.452 m und der Iztaccíhuatl mit 5.286 m.
Name
Der Staat ist nach seiner Hauptstadt benannt, deren Name auf ihre aztekischen Vorläuferin »Mexico-Tenochtitlan« zurückgeht. Dabei stammt der Teil »Mexi« vom Kriegsgott »Mexitli«, dessen Name sich wiederum aus »metztli« (Mond) und »xictli« (Nabel) zusammensetzt (»Mondkind«). Das »co« bzw. »ko« im Deutschen ist einfach ein Ortssuffix.
Alle diese Wörter sowie viele weitere geographische Namen basieren in ihrer lateinischen Schreibweise auf der (kastilischen) Transkription der Spanier, der ersten Europäer dort. Sie schrieben den -Laut (deutsch: sch) der Nahuatl-Sprache wie damals bei ihnen üblich als x. Seither hat sich die Aussprache des Spanischen allerdings gewandelt und das alte x wird (deutsch: ch (nach a, o, u)) ausgesprochen – ebenso wie j und g (vor e, i), die einstmals (französisch: j) lauteten. In der Folge werden nun alle diese Worte mit j oder g geschrieben (z. B. Don Quixote -> Don Quijote) und x klingt ähnlich wie im Deutschen. Namen wurden allerdings wie auch bei anderen vergleichbaren Vorgängen anderswo nur teilweise (vgl. z. B. Celle) an die neue Buchstaben-Laut-Zuordnung angepasst. Trotzdem findet sich in spanischen Texten auch die Schreibweise Méjico statt México. In Mexiko selbst wird meist Wert auf die Schreibung mit x gelegt, da sie als eigene, nicht koloniale Schreibung gilt. Die königlich-spanische Akademie (Real Academia Española), die für die Festlegung der spanischen Orthographie zuständig ist, lässt beide Schreibweisen zu. Daneben wird das x teilweise, etwa in »Xochimilco«, als ausgesprochen (etwa »Schotschimilko«).
Auf deutsch müsste es vom Original (heute: Mexihco, ) her also eher »Meschiko«, »Meeschiko« oder »Mehschiko« und von der aktuellen Aussprache eher »Mechiko« (oder »Mehchiko«) heißen, obwohl im Deutschen ch nach e üblicherweise gesprochen wird. Beide spanischen Schreibweisen (México und Méjico) erfordern von den meisten nicht spanischsprachigen Lesern zusätzliches Wissen zur Aussprache, da x und j in den meisten Sprachen für andere Laute stehen.
Bevölkerung
Die Bevölkerung setzt sich zusammen aus 75 % Mestizen, indigenen Völkern (unter anderem Maya, Azteken) und Europäischstämmigen (meist Spanier).
Ein Teil der Mexikaner hat auch afrikanische Vorfahren, allerdings zu einem sehr geringen Prozentsatz. Die Mehrheit der schwarzen Mexikaner ging in den letzten 200 Jahren innerhalb der Mestizenbevölkerung auf. Im Bundesstaat Veracruz und an der Westküste sind jedoch noch einige von ihnen zu finden. Das einzige auf mexikanischem Boden gesprochene Kreol ist das Gullah. Es wird von den Angehörigen der Schwarzen Seminolen in der kleinen Gemeinde Nacimiento de los Negros (in der Nähe von Muzquiz, Coahuila) gesprochen.
Religion
90 % der Mexikaner sind Katholiken. Daneben gibt es eine wachsende protestantische Minderheit (7 %) sowie Anhänger traditioneller Religionen (3 %).
Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern, spielt die Religion in Mexiko und in anderen Lateinamerikanischen Ländern noch eine große
Rolle.
Geschichte
Hauptartikel: Geschichte Mexikos
In den Jahren 1507 und 1574 erreichen die ersten spanischen Expeditionen unter Francisco Hernández de Córdova und Juan de Grijalva die Halbinsel Yucatán. Die neu „entdeckten“ Hochkulturen und die reichlichen Goldgegenstände machen die tierra firme, das Festland, für die Spanier interessant. In den Jahren 1519 bis 1521 gelingt es Hernán Cortés, das so genannte Azteken-Reich mit Hilfe zahlreicher indigener Verbündeter zu stürzen. Das heutige Mexiko wird zum Vizekönigreich Neuspanien.
Im Jahre 1815 wurde die Unabhängigkeit von Spanien erklärt, die einen langen Krieg nach sich zog, der 1821 zur endgültigen Unabhängigkeit führte. Danach verlor das mexikanische Gebiet an Größe, durch Verkauf an und durch die Invasion der USA (siehe auch Mexikanisch-Amerikanischer Krieg).
Mexikanisch-Amerikanischer Krieg
In den 1860ern stand das Land unter der Besetzung durch Frankreich, das in dieser Zeit den Kaiser Maximilian von Mexiko einsetzte.
Der von den Franzosen vertriebene Präsident Benito Juarez beendete die Kaiserzeit durch die Hinrichtung Maximilians.
Die lange Diktatur Porfirio Díaz' führte 1911 zur Mexikanischen Revolution. Die revolutionären Kräfte besiegten die Armee, verloren sich aber in internen Streitereien, die das Land zwanzig Jahre lang in ständiger Unruhe hielten. Am Ende der Revolution kontrollierte die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) das Land bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.
Siehe auch: Liste der Präsidenten Mexikos
Politik
Mexiko ist seit 1917 eine präsidiale Bundesrepublik. Die Verfassung von 1917 wurde zuletzt im Jahr 1994 geändert.
Der Präsident steht im Mittelpunkt des mexikanischen Institutionensystems und wird für eine einzige Amtszeit von sechs Jahren, sexenio genannt, direkt gewählt.
Das Parlament (Congreso de la Unión) besteht aus Abgeordnetenhaus (Cámara Federal de Diputados) (500 Mitglieder) und Senat (Senado) (128 Mitglieder). Die Wahl erfolgt alle drei beziehungsweise sechs Jahre.
Mexiko wurde von 1929 bis 2000 von ein und der selben Partei regiert: der Partido Revolucionario Institucional (PRI). Seit Dezember 2000 ist Vicente Fox Quesada (PAN) Präsident von Mexiko.
Während der Regierungszeit der PRI bestand lange Zeit keine klare Trennung zwischen den Institutionen des Staates und jenen der “offiziellen Partei”, das heißt der PRI. So unterstand etwa auch die Organisation von Wahlen der PRI. Dies führte zu zahlreichen Berichten über Unregelmäßigkeiten bei der Wahl wie beispielsweise Fälschung von Wahllisten, mehrfacher Stimmabgabe, Stimmenkauf, Kontrollen der Stimmabgabe, Wahlurnenraub und unkorrekter Stimmenauszählung. Seit 1990 ist das überparteiliche Instituto Federal Electoral (IFE) für die Vorbereitung und Durchführung von Wahlen zuständig.
Im Land werden Demokratiedefizite beklagt. So finden Maßnahmen gegen die Opposition statt. Als Beispiel sei die Aufhebung der Immunität (im Zuge eines fragwürdigen Amtsmissbrauchsverfahrens) des populären Bürgermeisters von Mexiko-Stadt Andrés Manuel López Obrador im April 2005 genannt, womit nicht zuletzt seine Präsidentschaftskandidatur verhindert werden sollte. Erst unter dem Druck von Massenprotesten wurde die Anklage fallen gelassen.
Mexiko erlangte während des Faschismus in Europa große Bedeutung als Exilland [http://www.literaturepochen.at/exil/multimedia/pdf/mexikoveranstchronikpatka.pdf].
Grenzpolitik
Der Grenzübergang zwischen Mexiko und den USA steht aufgrund des Wohlstandsgefälles zwischen den beiden Staaten im besonderen Blickpunkt der Behörden. Bei einem Treffen zwischen Präsident Vicente Fox und dem US-Präsidenten George W. Bush am 7. März 2004 wurde vereinbart, dass Mexikaner, die häufig in die USA reisen, von den strengen Grenzkontrollen (Fingerabdrücke, Fotografien) bei der Einreise in die USA teilweise ausgenommen werden. Diese Bestimmungen wurden von Washington vor allem zum Schutz vor terroristischen Anschlägen eingerichtet. Die USA kämpfen seit langem gegen illegal im Land lebende Mexikaner.
Ein weiterer Streitpunkt mit den USA ist die Auslieferung von Gefangenen: die mexikanische Verfassung nennt in ihrem Artikel 18 als zulässigen Zweck von Bestrafung einzig die Rehabilitation von Kriminellen. Der mexikanische oberste Gerichtshof hat daher die Auslieferung von Gefangenen an Länder verboten, in denen ihnen die Todesstrafe oder eine lebenslängliche Haft ohne Aussicht auf Freilassung droht. Dies ist in den meisten Bundesstaaten der USA der Fall, wodurch der alte „Brauch“ von in den USA gesuchten Verbrechern, nach Mexiko zu fliehen, einen neuen Auftrieb erhalten hat.
Karte Mexikos
Bundesstaaten
Karte Mexikos
Mexiko besteht aus 31 Bundesstaaten (Estados) und einem Bundesdistrikt (Distrito Federal), der die Hauptstadt umfasst:
Siehe auch: Liste mexikanischer Staaten nach Einwohnerzahl und Fläche
Wirtschaft
Mexikos Wirtschaft wurde in den letzten Jahren stark dereguliert und privatisiert. Die Dominanz privater Firmen wächst ständig und die Privatisierung von Eisenbahn, See- und Flughäfen geht ihrem Ende entgegen, ebenso wie die weitere Privatisierung der Banken. Die Liberalisierung des Energiesektors schreitet weiter voran. In den Bereichen Telekommunikation und Petrochemie stehen noch Reformen aus. Mexiko ist das wirtschaftlich stärkste Land Lateinamerikas und belegt momentan Rang 8 der Export-Weltrangliste.
Mittlerweile hat Mexiko zwölf Freihandelsabkommen mit über 40 Ländern, unter anderem mit der EU (seit 2000), Japan, Guatemala, Honduras und El Salvador. Seit dem 1. Januar 1994 ist Mexiko Mitglied des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA). In den ersten Jahren nach dessen Inkrafttreten hatte sich die wirtschaftliche Situation des Landes nur unwesentlich verbessert. Seit Beginn des Freihandels sind die Ausfuhren bis heute um das Dreifache gestiegen, so entfallen mittlerweile 90 % der Exporte auf Freihandelsabkommen. Der höchste Zuwachs wird bei den Erdölausfuhren verzeichnet. Bedingt durch die stark gestiegenen Ölpreise konnte ein Wachstum von 27,3 % verzeichnet werden.
Die Haushaltslage ist fast ausgeglichen und die Verschuldung konstant. Der Außenhandel weist ein Defizit von ca. 7,1 Mrd. Euro auf.
Das wirtschaftliche Wachstum liegt bei 4,9 % (BIP 2004) und die Arbeitslosenquote bei 4,3 %. Es besteht jedoch eine starke Unausgewogenheit in der Reallohn-Verteilung. So leben ca. 40 % (2003) der Bevölkerung unter der Armutsgrenze und die Inflationsrate beträgt 4,0 % (2004).
Inflationsrate
Das Bruttoinlandsprodukt (571 Milliarden Euro, bei 37,73 Millionen Beschäftigten im Jahr 2004) teilt sich auf in:
- Landwirtschaft: 4 % des BSP werden erwirtschaftet durch 18 % der Beschäftigten
- Industrie: 27,2 % des BSP werden erwirtschaftet durch 24 % der Beschäftigten
- Dienstleistung: 68,9 % des BSP werden erwirtschaftet durch 58 % der Beschäftigten
Quelle: http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/mx.html#Econ
http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/laenderinfos/laender/laender_ausgabe_html?land_id=111
Kultur
Essen und Trinken
Hauptartikel: Mexikanische Küche
Die mexikanische Küche zeichnet sich durch die Synthese von aztekischen und spanisch-kolonialen, im Süden auch Maya-Traditionen aus. Regional gibt es in Mexiko große Unterschiede zwischen Küste und zentralem Hochland, chiliverliebtem Süden und rindfleischorientiertem Norden.
Die wichtigste Mahlzeit am Tag ist das Mittagessen, entsprechend lang ist auch die Mittagspause eines üblichen Arbeitstages. Abends wird dann meist nur noch ein kleiner Imbiss verzehrt, ein paar Früchte, ein Taco oder ähnliches. In einem heißen, tropischen Land mit großenteils üppiger Vegetation spielen Früchte und bestimmte Gemüsesorten eine dominante Rolle.
Das Trinkwasser wird in Wasserflaschen oder Kanistern verkauft, da das Wasser aus den Wasserleitungen verschmutzt ist.
Gerne getrunken wird die von den Spaniern eingeführte Horchata, ein süßliches Reis/Zimt-Getränk, das gekühlt serviert wird.
Die üblichen alkoholischen Getränke sind Bier, Tequila, Mezcal und Pulque.
Feiertage
- Día de los Muertos
- Día de la Independencia
- Guadalupana
- Día de la Revolución Mexicana
Literatur
- Octavio Paz
- Juan Rulfo
- Carlos Fuentes
- Alfonso Reyes
- José Vasconcelos
- Angeles Mastretta
- Laura Esquivel
- Mariano Azuela
- Paco Ignacio Taibo II
Malerei
- Diego Rivera (muralismo)
- Frida Kahlo
- Jesús de la Helguera
- Rufino Tamayo (muralismo)
- José Clemente Orozco (muralismo)
- David Alfaro Siqueiros (muralismo)
- José Luis Cuevas
- Dr. Atl
- Juan O'Gorman
Musik
- Mariachi
- Danzón
- Carlos Santana
- El Tri
- Lila Downs
- Lhasa de Sela
- Maná
- Molotov
- Control Machete
- Luis Miguel
- Cristian Castro
- Vicente Fernández
- Alejandro Fernández
- Thalia
- Paulina Rubio
- Café Tacuba
- Panteón Rococó
- Julieta Venegas
- Cri Cri
- Jorge Negrete
- Juan Gabriel
- José José
- Los Panchos
- Silvestre Revueltas
- Manuel M. Ponce
- Pablo Moncayo
- Diego Torres
Nationalhelden
- Emiliano Zapata
- Benito Juárez
- Miguel Hidalgo
- Francisco "Pancho" Villa
- Francisco I. Madero
- José María Morelos y Pavón
- Ignacio Zaragoza
Schauspieler
- Jay Hernandez
- Salma Hayek
- Anthony Quinn
- Diego Luna
- Gael García Bernal
- Cantinflas
- Pedro Infante
- Ricardo Montalban
- Rosita Quintana
- Jorge Negrete
- Germán Valdés Tin-Tan
- Verónica Castro
- Victoria Rufo
- Maria Félix
- Dolores del Rio
- Victor Pereira Ucha
Weitere Themen
- Desert Cultures
- Piñata
Literatur
- Dario/Kanzleiter, Boris (Hrsg.): Nach Norden. Mexikanische ArbeitsmigrantInnen zwischen neoliberaler Umstrukturierung, Militarisierung der US-Grenze und dem amerikanischen Traum. Verlag: Schwarze Risse, 1999, ISBN 3-924737-47-9
- John Ross: Mexiko. Geschichte-Gesellschaft-Kultur. Unrast, ISBN 3-89771-018-8 [http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,140,4.html]
- Hans W. Tobler: Die mexikanische Revolution. Aktualisierte Taschenbuchausgabe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3518384880
- William Prescott: Die Eroberung von Mexiko. Parkland Verlag, ISBN 3-88059-993-9
Weblinks
- [http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/laenderinfos/laender/laender_ausgabe_html?land_id=111 Länder- und Reiseinformationen] des Auswärtigen Amtes
- [http://www.mexiko-lexikon.de Mexiko-Lexikon] (Umfangreiches Lexikon basierend auf Wikimedia, auf Mexiko spezialisiert)
- [http://www.mexico-mexiko.com Mexico Community] (Diskussionsforum und Informationsplattform)
- [http://www.mexiko-mexico.de Mexico-Portal] (Mexiko-Portal von Oliver Koch, von Reisen bis Wirtschaft)
- [http://www.mexiko-lindo.de Mexiko Lindo y Querido] (Homepage von Jürgen Fröhler, umfassendes Angebot)
- [http://www.mexico-info.de Mexico-Info] (Deutschsprachige Homepage von Monika Horvat, mit Schwerpunkt Reise und Kultur)
- [http://www.willgoto.com/categories.aspx?Destination=329&Langue=3 Mexiko] Reiseführer und Reiseverzeichnis
- [http://www.femexfut.org.mx Mexikanischer Fußballbund]
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NahuatlNahuatl, Nahual oder Nahua (je nach Dialekt) ist eine indianische Sprache aus der Sprachfamilie der uto-aztekischen Sprachen, die in Mexiko verbreitet ist und auf die Sprache der Tolteken und Azteken zurückgeht. Es gibt etwa 1,5 Mio. Sprecher, die vor allem in den mexikanischen Gliedstaaten Puebla, Veracruz, Hidalgo und Guerrero leben. Die meisten von ihnen sind zweisprachig mit Spanisch und Nahuatl aufgewachsen. Das heutige Nahuatl zerfällt in verschiedene Dialekte.
Die Nahua-Dialekte und Nahuatl-Sprecher
Dialekt
Innerhalb der indianischen Sprachen gehört Nahuatl zu der sog. Nahua-Cuitlateco-Sprachgruppe, tronco Yutonahua, Familie Nahua. Diese agglutinierende und polysynthetische Sprache wird von deren Sprechern oft als Mexikanisch bezeichnet und ist wegen des großen Sprachbereichs (oft nicht miteinander verbunden) in viele Dialekte unterteilt, von denen viele untereinander unverständlich sind. Eine Variante des klassischen Nahuatl wird in Xochimilco und Milpa Alta (in Mexiko-Stadt) gesprochen. Andere wichtige Dialekt-Varianten sind die des Valle Poblano-Tlaxcalteca von den Morelos im Westen der Nahua-Zone und die sog. "t"-Dialekte im Süden von Veracruz.
In der Prä-spanischen Zeit war Nahuatl die wichtigste Sprache des gegenwärtigen Mexikos. Zusammen mit dem Maya yucateco (Yucatán) und zapoteco mixteco (Oaxaca) war náhuatl die lingua franca Mesoamerikas und oft die Wirtschaftssprache innerhalb der Regionen.
Diesen Status des Nahuatl nutzten die Spanier während der Kolonialzeit und behielten ihn bis ins 18. Jahrhundert bei. Erst nach der Unabhängigkeit Mexikos im 19. Jahrhundert etablierte sich Spanisch als nationale und offizielle Sprache, und Nahuatl verlor rasch seine Wichtigkeit.
Weil indianische Sprachen oft als unkultiviert gelten, verliert Nahuatl auch in den Nahuatl-Regionen an Wichtigkeit: ehemalige Nahuatl-Sprecher sprechen oft Spanisch miteinander. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Nahuatl-Sprecher aus verschiedenen Regionen (mit verschiedenen Dialekten) oft nur Spanisch als lingua franca haben.
Die Nahuatl-Bevölkerung oder Nahuas ist die zahlreichste der indianischen Bevölkerungen Mexikos, wobei sie in verschiedenen Gliedstaaten Mexikos verteilt sind, nämlich hauptsächlich Puebla, Veracruz, Hidalgo, Guerrero, San Luis Potosí, Mexiko-Stadt (Distrito Federal), Tlaxcala, Morelos, México, aber auch in Oaxaca, Jalisco und Michoacán, nach einem Zensus 1980.
1980 waren die Bevölkerungszahlen in den verschiedenen Ländern
- Puebla: 369.678
- Veracruz: 347.597
- Hidalgo: 177.902
- Guerrero: 128.192
- San Luis Potosí: 127.319
- Mexiko-Stadt: 83.064
- Tlaxcala: 26.689
- Morelos: 24.067
- Staat-Mexiko: 22.689
Merkmale und Lehnwörter
Typisch für das Nahuatl (insbesondere das Klassische) sind Substantive die auf "-tl" enden, wie etwa Popocatepetl, Axolotl oder Metl, wobei das "-tl" in vielen Dialekten in „l“ oder „t“ zerfallen ist.
Lehnwörter aus dem Nahuatl im Deutschen sind z.B. Avocado (Aguacate in Mexiko, aus Ahuacate/Ahuacatl -in den 50er Jahren hat man sie noch „Eierfrüchte“ genannt, da ja Aguacate oder Ahuacatl sprichwörtlich „Ei“ oder „Hode“ bedeutet), Chili, Kojote (cóyotl), Ozelot (Ozelotl), Schokolade (Xocoatl) und Tomate (Tomatl).
Der Einfluss des Nahuatl auf das Mexikanische Spanisch ist sehr groß. Insbesondere Substantive (Orts-, Gegenstands- und Tiernamen) wurden vom Nahuatl übernommen, wie z.B.
Orte:
- Acapulco (Stadt und Hafen am Pazifik): ácatl-pul-co (zerstörte Rohre)
- Apatzingán (Stadt in Michoacán): apatzincan (Ort mit kleinen Flüssen)<-apan (Fluss)+tzin (diminutiv)+ can (Ort)
- Coyoacán (Stadtteil Mexikos): coyouacan (Ort der Kojoten)
- Jalapa (Hauptstadt von Veracruz): xalapan (sandiger Fluss)
Gegenstände:
- Cacahuate (span. maní: Erdnuss): tlalcacáhuatl
- Chapopote (viskoses Öl): tzápotl-poctli (das raucht)
- Chicle (Kaugummi): chictli/tzictli <- tzauctli(Klebstoff)
- Chipote (span. chichón: Beule): xixipóchtic
- Guajolote (span. pavo de indias: Truthahn): huey-xólotl (spindelförmiges grosses Tier)
Weblinks
- [http://www.sil.org/americas/mexico/nahuatl/istmo/00i-NahuatlMecaTata-nau.htm Infoseite über die Sprache mit Downloadmöglichkeit eines Wörterbuches und Grammatik (engl., span.)]
Kategorie:Einzelsprache Kategorie:Präkolumbisches Mesoamerika
Kategorie:Mexiko
ja:ナワトル語
simple:Nahuatl language
Alexander von HumboldtFriedrich Heinrich Alexander Freiherr von Humboldt ( - 14. September 1769 in Berlin; † 6. Mai 1859 in Berlin) war ein deutscher Naturforscher von Weltgeltung und Mitbegründer der Geographie als empirischer Wissenschaft.
Geographie
Seine Forschungsreisen führten ihn über Europa hinaus nach Mittel- und Südamerika sowie nach Zentralasien. Wissenschaftliche Feldforschung betrieb er persönlich u.a. in den Bereichen Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Vulkanologie (Überwindung des "Neptunismus"), Botanik (er begründete die Pflanzengeographie), Zoologie, Klimatologie (Isothermen), Ozeanographie und Astronomie, aber auch zu Fragen der Wirtschaftsgeographie, der Ethnologie und der Demographie. Zudem korrespondierte er bei der Erstellung seines grandiosen publizistischen Werkes mit ungezählten internationalen Spezialisten der verschiedenen Fachrichtungen und schuf so ein wissenschaftliches Netzwerk eigener Prägung.
In Deutschland erlangte er vor allem mit den „Ansichten der Natur“ und dem "Kosmos" außerordentliche Popularität. Sein bereits bei Lebzeiten legendäres Ansehen spiegelt sich in Bezeichnungen wie „der zweite Kolumbus“, „wissenschaftlicher Wiederentdecker Amerikas“, „Wissenschaftsfürst“ und „der neue Aristoteles“ (Gedenkmünze der Pariser Akademie der Wissenschaften).
Anfänge (1769-1790)
Alexander von Humboldts aus Pommern stammender Vater Alexander Georg war preußischer Offizier und wurde wegen seiner Verdienste im Siebenjährigen Krieg zum Kammerherrn der Kronprinzessin ernannt. Als solcher heiratete er 1766 die Witwe Marie Elizabeth von Holwede, geb. Colomb, Tochter einer wohlhabenden Hugenottenfamilie. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, Wilhelm ( - 1767 in Potsdam) und Alexander, der am 14. September 1769 in Berlin geboren wurde.
Die Stellung des Vaters begründete ein spezifisches Verhältnis der Humboldt-Brüder zum preußischen Königshaus, zumal der Kronprinz, der nachmalige Friedrich Wilhelm II., einer der Taufpaten Alexanders war. Die Ehe des Thronfolgers aber wurde 1769 geschieden, so dass der nun seiner bisherigen Aufgaben ledige Kammerherr von Humboldt sich ins Privatleben auf Gut und Schloss Tegel zurückziehen konnte. Sein Hauptaugenmerk galt nun der bestmöglichen Erziehung und Ausbildung der Söhne, für die er sich als Mitglied einer Freimaurerloge um Hauslehrer bemühte, die aufklärerischem Denken nahe standen. So hat in zwei Phasen bis 1775 der von Rousseau pädagogisch inspirierte Joachim Heinrich Campe wesentlichen erzieherischen Einfluss auf die Brüder ausgeübt, ab 1777 dann Gottlob Johann Christian Kunth, der alsbald zum engsten Vertrauten des Hausherrn und nach dessen plötzlichem Tod 1779 auch seiner Witwe wurde.
Alexander galt seinen Erziehern lange Zeit als eher wenig befähigter, lernunwilliger Kopf. Dennoch mutete man ihm zu, denselben in zeittypischer Weise großteils abstrakt aufbereiteten Lernstoff zu verarbeiten, den sein zwei Jahre älterer Bruder Wilhelm vergleichsweise mühelos erfasste. Früh schon zeigte Alexander jedoch besonderes Interesse an Naturgegenständen im erreichbaren Umfeld und galt seinen Leuten – da er Insekten, Steine und Pflanzen sammelte – bald als „der kleine Apotheker“ (Scurla). Diesen Interessen ging er aber zusätzlich zu dem Unterricht der Hauslehrer nach, so dass er im Vergleich zu Wilhelm ein noch ausgeweitetes Stoffpensum absolvierte und damit einen in eigener Weise profilierten Horizont ausbildete. Dazu gehörte auch ein Zeichen- und Maltalent, das unter Anleitung Chodowieckis im Kupferstechen und Radieren geschult wurde und sich bereits 1786 in der ersten Kunstausstellung der Berliner Akademie mit mehreren Proben der Öffentlichkeit vorstellte. Die staunenswerte Qualität des späteren Reisewerks auch in den Illustrationen mag in dieser frühen Kenner- und Könnerschaft Alexander von Humboldts ihren Ursprung gehabt haben.
Auf die optimale Ausbildung der Söhne für bedeutende Posten im Staatsdienst war der ganze Erziehungsplan der nun zweifach verwitweten Frau von Humboldt ausgerichtet, die bei verhältnismäßig bescheidener eigener Lebensführung zu diesem Zweck bedeutende Mittel aufwandte. Soe haben die Brüder nicht allein eine gründliche Unterweisung in alten und neuen Sprachen – mit oft quälenden Vokabel- und Grammatikpensen – erhalten, sondern wurden unter Kunths umsichtiger Führung von einer ganzen Reihe Spezialisten oft bereits auf universitätsähnlichem Niveau unterrichtet. Dazu gehörten u.a. Geheimrat von Dohm, der Nationalökonomie mit einem geographischem Schwerpunkt lehrte, Kammergerichtsrat Klein für Naturrecht und Professor Engel für Philosophie. Auch zu den experimentell gestützten philosophisch-physikalischen Vorträgen des von Kant beeinflussten Arztes Marcus Herz schickte Kunth seine Schützlinge. Infolgedessen gelangten diese auch in den Salon von Henriette Herz und traten so mit der von Moses Mendelssohn geprägten jüdischen Berliner Aufklärung in engen Kontakt.
Mit Blick auf die vorgesehenen Karrieren im Staatsdienst hatte die Mutter 1787 Wilhelm für ein Jura-Studium, Alexander für das weniger renommierte Studium der Kameralia (Staatswirtschaftslehre) an der Universität in Frankfurt/Oder untergebracht. Beide waren hier offenbar unterfordert und verließen die Viadrina nach einem Semester wieder. Alexander ging anschließend in Berlin hauptsächlich seinen botanischen Interessen nach und folgte 1789 seinem Bruder Wilhelm an die Universität Göttingen, damals das Zentrum aufklärerischer Wissenschaft in Deutschland. Neben dem Physiker Georg Christoph Lichtenberg war hier für Alexander vor allem der Anatom und Zoologe Johann Friedrich Blumenbach wegweisend, der die Forschungsreise als bedeutende Erkenntnisquelle für Anthropologie und Biologie schätzte und einen interdisziplinären Kreis ambitionierter Nachwuchswissenschaftler um sich scharte. Humboldt aber drängte es nun vor allem, die Bekanntschaft Georg Forsters zu machen, der als Naturforscher mit Weltumsegelungserfahrung anscheinend den von ihm selber angestrebten Typus verkörperte. Geologische Forschungsfragen stellten den Kontakt zwischen beiden her, der dann (Humboldt hatte im Februar 1790 das Manuskript seiner ersten größeren Publikation: „Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein“ abgeschlossen) in das Projekt einer gemeinsamen Forschungsreise von Ende März bis Juli 1790 mündete. Sie führte von Mainz über den Niederrhein nach England und über das in revolutionärer Gärung angetroffene Paris zurück. Während Forster in der Folge sein Schicksal mit dem Fortgang des Revolutionsprozesses verknüpfen sollte, setzte der ebenfalls beeindruckte und fortan für die Ideale der Französischen Revolution und die allgemeinen Menschenrechte eintretende Humboldt seine kameralistische Ausbildung in Handelswissenschaften sowie in Volks- und Weltwirtschaft an der Hamburger Büsch-Akademie fort, die ihm auch zu Geographie und Reiseliteratur vielerlei Vertiefungsmöglichkeiten bot.
Blitzkarriere im Staatsdienst – und doch ein zu enges Korsett (1791-1798)
Im Mai 1791 schlug Humboldt mit einem Anstellungsgesuch beim preußischen Oberberghauptmann von Heinitz den Weg in den Staaatsdienst ein, dem zunächst ein Studium an der Bergakademie in Freiberg vorangehen sollte. Seinem Betätigungsdrang entgegen kam der praktische Bergmannsdienst, zu dem täglich um 6 Uhr das Einfahren mit den anderen Bergleuten in die Gruben gehörte; nachmittags nahm er an bis zu sechs Studienkollegs teil. Nebenbei befasste er sich mit der Pflanzenwelt untertage (daraus entstand später seine viel beachtete Publikation „Florae Fribergensis Specimen“) sowie mit aktuellen chemischen Problemen der Verbrennung. Das für den Regelstudenten in drei Jahren zu absolvierende Pensum nahm er in acht Monaten auf. Am 6. März 1792 erhielt er ein Assessor-Patent, wurde wenig später mit der Untersuchung des gerade zu Preußen gekommenen fränkischen Bergbaus betraut und aufgrund seines beispielhaft erhellenden Berichts bereits nach einem halben Dienstjahr zum Oberbergmeister befördert und mit der Sanierung des Bergbaus in Fichtelgebirge und Frankenwald beauftragt. Binnen kurzem gelang es ihm, die jährlichen Erträge um ein Vielfaches zu steigern – nicht zum Schaden der Bergarbeiter, im Gegenteil: Auf der Basis seiner chemischen Analysen der Grubenwetter entwickelte er einen Vorläufer der Gasmaske für die Bergleute. Aus eigenen Mitteln gründete er ohne Rücksprache mit den vorgesetzten Behörden eine Bergschule in Steben, die erste Arbeiter-Berufsschule in Deutschland, offen für die Altersstufen von 12 bis 30 Jahren. Gelehrt wurden nach der Schicht und bis 23 Uhr u.a. Mineralienkunde, bergmännisches Rechnen und Bergrecht, Maschinen- und Kompasskunde. Die Lehrbücher dafür schrieb Humboldt selber.
Bei der Erprobung einer von ihm entwickelten verbesserten Grubenlampe im Selbstversuch fiel er wegen giftiger Grubengase in Ohnmacht, die Lampe aber hielt durch und half ihn zu retten. Auch seine parallel zur Diensttätigkeit fortgeführten wissenschaftlichen Experimente führte er bei Bedarf als Selbstversuche durch. So machte er auf der – letztlich vergeblichen – Suche nach einer besonderen „Lebenskraft“ (in diesen Zusammenhang gehört auch seine philosophische Allegorie „Die Lebenskraft, oder der rhodische Genius“, 1795 für Friedrich Schillers Zeitschrift „Die Horen“ verfasst) zahlreiche galvanische Experimente für seine Studie „Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser“, bei denen er künstlich erzeugte Wunden auf seinem Rücken mit Metallen wie Zink und Silber in Berührung brachte. Sein Wissensdrang war ebenso universell wie unermüdlich; für Forschung, Aufzeichnungen und Korrespondenz machte er die Nacht zum Tage und schlief selten länger als vier Stunden.
Während seiner Tätigkeit im Staatsdienst kam er in Kontakt mit gleichfalls in der Bergverwaltung hochrangig beschäftigten und bei den späteren preußischen Reformen führenden Persönlichkeiten, dem Freiherrn vom Stein und Hardenberg , die seine Fähigkeiten ebenso erkannten und für ihre Zwecke dienstbar zu machen suchten wie sein Ressortminister von Heinitz, der ihn 1794 zum Bergrat und 1795 zum Oberbergrat befördert hat, auf die höchstmögliche Position unterhalb des Ministeriums. Doch weder dies noch ungewöhnliche Gehalts- und Freistellungsangebote vermochten Humboldt im Amt zu halten.
„Jeder Mann hat die Pflicht, in seinem Leben den Platz zu suchen, von dem aus er seiner Generation am besten dienen kann“, heißt es in einem Schreiben Humboldts an den französischen Astronomen Delambre. Sobald Alexander von Humboldt durch den Tod der Mutter 1796 zum vermögenden Erben geworden war, schied er aus dem Staatsdienst aus, um sich als Naturforscher und Wissenschaftler ganz und gar unabhängig zu machen. Als Ziel schwebte ihm eine „physique du monde“ vor, eine Darstellung des gesamten physisch-geographischen Wissens der Zeit, zu dem er auf Forschungsreisen selber entscheidend beitragen wollte. Bereits am Jahresende 1796 entwickelte er brieflich seine trotz mancher Widrigkeiten, mehrfacher Anläufe und Umwege konsequent verfolgten Pläne: „Meine Reise ist unerschütterlich gewiß. Ich präparire mich noch einige Jahre und sammle Instrumente, ein bis anderthalb Jahr bleibe ich in Italien, um mich mit Vulkanen genau bekannt zu machen, dann geht es über Paris nach England, wo ich leicht auch wieder ein Jahr bleiben könnte (...), und dann mit englischen Schiffen nach Westindien.“ Das umfasste im damaligen Verständnis den ganzen Raum von Mexiko bis zum Amazonas.
Schon durch Campe war Alexander die Faszination der Welt in Übersee vermittelt worden. Johann Gottfried von Herder hatte auf die kontrastierend miteinander verbundenen Naturräume der Anden und des Amazonasbeckens hingewiesen und zu deren Erforschung aufgerufen, indem u.a. die Höhe der (damals als höchste der Welt geltenden) Berge ermittelt, die Bodenbeschaffenheit bestimmt sowie die örtlichen Abweichungen der Magnetnadel und die je lokalen Temperaturen gemessen werden sollten – alles Bestandteile des dann von Humboldt noch ausgeweiteten Forschungsprogramms. In den Jahren der Vorbereitung nutzte er jede Möglichkeit zu systematischer Ausweitung und Vertiefung seiner Kenntnisse nicht nur durch das Studium der einschlägigen Reiseberichte und neuesten Forschungsergebnisse, sondern auch durch persönlichen Kontakt mit den führenden Zoologen, Botanikern und Astronomen der Zeit sowie durch ständige praktische Erprobung von Messinstrumenten in den verschiedenen Landschaften und Naturräumen, so z.B. in den Alpen. Zudem entwickelte er ein spezifisches Aufzeichnungsverfahren zur Erfassung seiner jeweiligen Forschungsergebnisse, die „Pasigraphie“, eine Schriftzeichensprache, die die geographischen Erscheinungen durch Buchstaben, Richtungspfeile, Symbole und Abkürzungen für Formationen und Gesteine festhielt.
Im Mai 1798 begab sich Alexander von Humboldt in die seinerzeitige Weltwissenschaftsmetropole Paris, wo er in Vorträgen und Debatten sein bereits beachtliches Renommee als Wissenschaftler festigte und seine Ausstattung mit Messinstrumenten vervollständigte. Hier fand er schließlich auch in dem Botaniker Aimé Bonpland jenen fachkundigen Reisegefährten, dessen Mitarbeit ihm die Durchführung seiner komplexen Forschungsvorhaben erst ermöglichen sollte.
Amerikanische Forschungsreise (1799-1804)
Mehrfach während der Vorbereitungszeit hatte Humboldt seine Pläne wegen politischer und kriegerischer Verwicklungen im Zeichen des aufstrebenden Generals Napoléon Bonaparte ändern und Reiseaktivitäten abbrechen müssen, zuletzt im Dezember 1798 den Versuch, von Südfrankreich aus auf ein Schiff zu gelangen, das Bonpland und ihm den Anschluss an die ägyptische Expedition Napoleons hätte ermöglichen sollen. Stattdessen machten sich nun beide mit sämtlichen für die Forschungsreise vorgesehenen Instrumenten auf den Weg nach Madrid - meist zu Fuß neben dem Wagen einhergehend -, um für das amerikanische Forschungsunternehmen womöglich die Unterstützung der spanischen Krone zu erlangen. Die Vielzahl der unterwegs erhobenen Messdaten brachte erstmals geographischen Aufschluss über die Gestalt der innerspanischen Hochebene.
Sein Ruf als Wissenschaftler und Bergminenexperte (diese Privatexpedition konnte sich für Spanien u.U. lohnen; tatsächlich führten später seine Beschreibungen der mexikanischen Silberminen in dem „Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien“ zu massiven ausländischen Investitionen), sein diplomatisches Geschick und sein von der exzellenten Beherrschung des Spanischen unterstütztes Auftreten bei Hofe verschafften Alexander von Humboldt schon bald Empfehlungen und einen so privilegierten Forscher-Reisepass, wie ihn nach seiner eigenen Einschätzung kein Ausländer je erhalten hatte. Er sicherte ihm volle Handlungsfreiheit und das Entgegenkommen aller Gouverneure und Beamten im ganzen spanischen Kolonialgebiet. Abreisedatum mit der spanischen Fregatte ‚Pizzarro‘ von La Coruña war der 5. Juni 1799. Humboldt schreibt in einem Brief vom selben Tag: „Ich werde Pflanzen und Fossilien sammeln, mit vortrefflichen Instrumenten astronomische Beobachtungen machen können (...) Das alles ist aber nicht Hauptzweck meiner Reise. Auf das Zusammenwirken der Kräfte, den Eifluß der unbelebten Schöpfung auf die belebte Thier- und Pflanzenwelt, auf diese Harmonie sollen stets meine Augen gerichtet sein!“
Mit an Bord nahm Humboldt rund 50 der modernsten Instrumente, darunter Sextanten, Quadranten, Teleskope, diverse Fernrohre, eine Längenuhr, Inklinometer, ein Deklinatorium, ein Cyanometer, Eudiometer, Aräometer, ein Hyetometer, Elektrometer, Hygrometer, Barometer und Thermometer. Bereits den Zwischenaufenthalt auf der Kanareninsel Teneriffa nutzten Humboldt und Bondpland zu Aktivitäten, die sie dann in der Neuen Welt vielfach wiederholen sollten: Sie bestiegen den Pico del Teide, registrierten die Vegetationszonen, übernachteten in einer Höhle unterhalb des Gipfels und untersuchten tags darauf den Krater des Vulkans. Nach der anschließenden 22-tägigen Überfahrt landeten sie am 16. Juli 1799 in Cumaná (Venezuela). Dort beobachtete Humboldt in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1799 einen Meteorschauer der Leoniden – seine Beschreibung legte später den Grundstein für die Erkenntnis, dass solche Himmelsereignisse periodisch auftreten. Von Cumaná aus reisten Humboldt und Bonpland nach gründlicher Erforschung der Umgebung und einer Reihe von Exkursionen weiter nach Caracas.
Humboldts amerikanische Forschungsreise lässt im Ganzen drei Phasen dynamisch vorwärts gerichteter Geländeexploration unterscheiden, die jeweils eingebettet waren in eher stationäre Phasen der Materialsichtung, -auswertung und –sicherung. Die erste große Expedition führte im Februar 1800 von Caracas zum Fluss Apure und auf diesem in das Strombett des Orinoko, das stromaufwärts so weit als möglich in südlicher Richtung befahren, dann aber verlassen wurde, um über den Rio Atabapo weiter südlich zum Rio Negro, dem Amazonaszufluss, vorzustoßen. Man befuhr die Flüsse auf einer Piroge, einem mit Axt und Feuer ausgehöhlten Baumstamm von ca. 13m Länge und knapp 1m Breite. Sie wurde von einem Steuermann und vier indianischen Ruderern betrieben. Im Bereich des Hecks war ein niedriges Blätterdach installiert, an dessen tragfähigen Teilen Käfige mit eigefangenen Vögeln und Affen hingen. Die mitgeführten größeren Messinstrumente schränkten die Bewegungsfreiheit zusätzlich ein.
Auf dem Rio Negro konnte dann die Einmündung des nordöstlich vom Orinoco direkt zufließenden Rio Cassiquiare erreicht und mit dessen Befahrung in ganzer Länge flussaufwärts der Nachweis geführt werden, dass entgegen der verbreiteten Lehrmeinung, wonach zwischen den großen Stromgebieten der Erde nirgendwo natürliche Verbindungen existierten, eine solche zwischen Orinoco und Amazonas eben doch vorhanden war und ist, der Cassiquiare nämlich. Am 20. Mai 1800 erreichte die Piroge wie erwartet die Stelle, an der sich der Orinoco in zwei Arme gabelt. Damit war das wichtigste Forschungsziel dieser Expedition verwirklicht und die Reisenden konnten sich für den Rückweg nun flussabwärts auf dem Orinoco fortbewegen. Sie folgten seinem Lauf bis Angostura (Cidad Bolivar) und schlugen sich dann in der quälenden Hitze der Llanos nordwärts zur Küstenstadt Nueva Barcelona durch, die sie am 23. Juli 1800 erreichten.
Orinoko]
Allein, dass sie dieses 2.775 Kilometer lange Unternehmen heil überstanden haben (Bonpland war allerdings noch zuletzt in Angostura dem Fiebertod nahegekommen), war erstaunlich genug. Dazu bei trugen außer der glücklichen Wendung mancher Gefahrensituation ihre Entschlossenheit und strapazierfähige Physis. Der in jungen Jahren oft kränkelnde Alexander vermeldete nach Hause: „Die Tropenwelt ist mein Element, und ich bin nie so ununterbrochen gesund gewesen als in den letzten zwei Jahren. (...) Am Atabapo, wo die Wilden stets am Faulfieber leiden, widerstand meine Gesundheit unbegreiflich gut.“ Den Gesamterfolg der amerikanischen Reise ermöglichte zudem ein unerschütterliches Durchhaltevermögen – ständig war Humboldt mit Ortsbestimmungen und Messungen aller Art beschäftigt, Bonpland mit dem Botanisieren, beide zusammen mit Skizzen und Aufzeichnungen – auch unter widrigsten Bedingungen: „Vier Monate hindurch schliefen wir in Wäldern, umgeben von Krokodilen, Boas und Tigern (...), nichts genießend als Reis, Ameisen, Manioc, Pisang, Orenocowasser und bisweilen Affen. (...) In Guayana, wo man wegen der Mosquiten, die die Luft verfinstern, Kopf und Hände stets verdeckt haben muß, ist es fast unmöglich am Tageslicht zu schreiben; man kann die Feder nicht ruhig halten, so wütend schmerzt das Gift der Insekten. Alle unsere Arbeit mußte daher beim Feuer, in einer indianischen Hütte, vorgenommen werden, wo kein Sonnenstrahl eindringt, und in welcher man auf dem Bauche kriechen muß. Hier aber erstickt man wieder von Rauch, wenn man auch weniger von den Mosquiten leidet.“
Die zweite große Südamerika-Expedition begann nach einem Zwischenaufenthalt in Havanna - wo Humboldt das Material für sein geographisches Werk über Kuba („Essai politique sur l’île de Cuba“) erarbeitete – am 30. März 1801 in Cartagena an der kolumbianischen Karibik-Küste. Humboldt hatte erfahren, dass er sich der französischen Weltumsegelungsexpedition unter Kapitän Baudin an der peruanischen Küste würde anschließen können. Auf dem Wege dahin drängte sich die Umsetzung des lang erwogenen Anden-Forschungsprojekts geradezu auf. Von Barancas Nuevas ab befuhren Humboldt und Bonpland den Rio Magdalena flussaufwärts: „Unsere Magdalena-Reise bildete eine schreckliche Tragödie; von den zwanzig dunklen Ruderknechten ließen wir acht auf dem Wege zurück, ebensoviel langten gleich und mit stinkenden Geschwüren in Honda an.“ Nach viertägigem steilen Aufstieg erreichten sie die Anden-Hochebene und konnten in Bogota in regen wissenschaftlichen Austausch mit dem sie aufwendig empfangenden Botaniker Mutis treten. Für den spanische Vizekönig erstellte Humboldt u.a. ein Gutachten über die Silbergruben und die Goldproduktion Kolumbiens. Die Fortsetzung des Weges über die Anden gestaltete sich äußerst beschwerlich: „Dicke Wälder liegen zwischen Morästen; die Maultiere sinken bis auf den halben Leib ein; und man muß durch so tiefe und enge Schlüchte, daß man in Stollen eines Bergwerks zu kommen glaubt. Auch sind die Wege mit den Knochen der Maultiere bepflastert, die hier vor Kälte oder Mattigkeit umfielen.“ Um von Bogota nach Quito zu gelangen, benötigten die Reisenden vom 19. September 1801 – mit einem Zwischenaufenthalt in Popayán – bis zum 6. 1. 1802. In Quito kamen sie im Hause des Herzogs Aguirre y Montúfar unter; dessen Sohn Carlos sollte fortan an der amerikanischen Expedition Humboldts teilnehmen, um danach in Spanien die Offiziersausbildung zu vollenden. Sowohl er als auch Simón Bolívar, den Humboldt nach seiner Rückkehr 1804 in Paris und 1805 in Rom traf und dem sich Carlos y Montúfar später als Befreiungskämpfer anschloss, dürften Humboldts kritische Haltung zu Kolonialregimen aller Art eingehend kennen gelernt haben, die er offiziellen Stellen gegenüber nach Lage der Dinge nicht äußern konnte.
Kolonialregimen
Zum Forschungsschwerpunkt wurden nun wiederum Vulkane. Der Nachweis der vulkanischen Herkunft von Gestein, das bislang für eine Unterwasserablagerung gehalten worden war, widerlegte die Hypothese des sogenannten Neptunismus. Den Pichincha bestieg Humboldt nach einem ersten abgebrochenen Versuch gleich zweimal, zuletzt begleitet von einem heftigen Erdbeben, dessen Stöße er sorgfältig protokollierte. Nicht ganz bis zum Gipfel gelangten Humboldt, Bonpland und Montúfar am 23. Juni 1802 bei der Besteigung des Chimborazo (6.310 m) wegen einer unpassierbaren Felsspalte 400-800m unterhalb des Kraters. Gleichwohl blieb dies auf 30 Jahre ein Höhenweltrekord für Bergsteiger, eine in Anbetracht der Unzulänglichkeiten von Schuhwerk, Bekleidung und Ausrüstung nach wie vor kaum glaubliche Leistung. Dabei litten sie unter den Symptomen der Höhenkrankheit: Schwindel und Brechreiz, Blutungen aus Lippen und Zahnfleisch.
Bald darauf erforschte die Expedition nach rasantem Abstieg den Oberlauf des Marañon im Quellgebiet des Amazonas und nach neuerlichem Aufstieg in die Anden die Überreste der Inkastätten in der Umgebung von Caxamarca. Wie die Messungen ergaben, entdeckten und überquerten sie dabei den magnetischen Äquator. Als sie nach ihrer vierten Andenüberquerung am 23. 10. 1802 in Lima ankamen, war auch dieses zweite große Forschungsunternehmen erfolgreich beendet. Zwischen 10° nördlicher und 10° südlicher Breite waren die Klima- und Vegetationsstufen des tropischen Hochgebirges in mannigfaltiger Weise durchmessen und erfasst worden. Indem Humboldt in Limas Hafen Callao am 9. November 1802 den Durchgang des Merkur observierte, gelang es ihm, den Längengrad, auf dem Lima sich befindet, genauer als bis dahin zu bestimmen, in der Folge ein Richtwert für den ganzen südwestlichen Teil des neuen Kontinents. Auch studierte er die Düngeeigenschaften von Guano, was die Einfuhr von Guano nach Europa einleitete.
Guano.]]
Bereits vor dem Aufbruch von Quito war die Information eingetroffen, dass der geplante Anschluss an die französische Weltumsegelungsexpedition des Kapitäns Baudin wegen dessen Routenänderung nicht mehr möglich war. Erneut musste also umdisponiert werden. Nach einem Zwischenaufenthalt in Guyaquil, bei dem Humboldt durch Temperaturmessungen die nach ihm benannte Meeresströmung nachwies, begann am 23. März 1803 in Acapulco der letzte große Abschnitt von Humboldts amerikanischer Forschungsreise, während der er mit Bonpland und Montúfar ein Jahr in Mexiko verbrachte. Dabei wurde der Reiseweg von Acapulco über Mexico City – mit gut neunmonatigem Erkundungsaufenthalt – bis Veracruz an der Atlantikküste barometrisch vermessen und so ein Höhenquerschnittsprofil Mexikos für diesen wichtigen Bereich angelegt. In Mexico City sammelte Humboldt Material für sein landeskundliches Werk über das Königreich Neu-Spanien (mit Beschreibungen der politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen sowie weitreichenden Bevölkerungsstatistiken), das dann ebenso zu einem Grundstein der modernen wissenschaftlichen Geographie werden sollte wie das über Kuba, für das die Vorstudien im März/April 1804 in Havanna zu Ende geführt wurden.
Abgeschlossen wurde die große Amerika-Expedition mit einem Besuch in den USA, wo Humboldt auch aufgrund seiner intensiven Reisekorrespondenz bereits höchste Anerkennung als Forscher und Wissenschaftler genoss und u.a. drei Wochen als Gast des Präsidenten Thomas Jefferson in Washington und Philadelphia verbrachte.
Naturforscher zwischen Bilanz und neuem Aufbruch (1805-1828)
Am 3. August 1804 betraten Humboldt und Bonpland in Bordeaux wieder europäischen Boden. Dass ein Privatmann eine solche Forschungsreise gänzlich aus eigenen Mitteln bestritten hatte, war beispiellos. Humboldts Vermögen war dadurch naturgemäß stark angegriffen, und es sollte in den drei folgenden Jahrzehnten, in denen er sein Reisewerk in 30 Bänden verfasste und in Druck gab – das größte je erschienene private Reisewerk überhaupt – gänzlich aufgebraucht werden. In Paris, wo er den Anschluss an die wissenschaftliche Entwicklung der vergangenen fünf Jahre suchte und fand, wurde ihm von seinen Forscherkollegen ein grandioser Empfang bereitet und jede Unterstützung bei der Klärung fachwissenschaftlicher Probleme zugesagt. Humboldt nutzte für die Erstellung seines Reiseberichts ein ganzes Wissensnetzwerk; denn sein Darstellungsansatz sah, wie sich nachlesen lässt, mehr vor als nur die Schilderung eigener Erlebnisse, Eindrücke und Messergebnisse. Wo er z.B. auf Getreideanbau, Kakao- und Kaffeeernte in der Ereignischronologie der Orinoco-Expedition einging, war dies meist verbunden mit einer Einordnung der angetroffenen Verhältnisse in die geographischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der ganzen bekannten Welt, in Kenntniszusammenhänge also, die er überhaupt nur mit Hilfe anderer herstellen konnte. Dafür und auch für die bestmögliche verlegerische Qualität des Reisewerks war Paris der geeignetste Ort (und deshalb auch ist es vollständig nur in französischer Sprache erschienen).
Obwohl Humboldt also im Grunde wenig Neigung verspürte, „die Türme Berlins wiederzusehen“, folgte er letztlich doch den Mahnungen des Bruders, den er im Sommer 1805 in Rom besuchte, und dem werbenden Druck des preußischen Königshauses: Bereits während seiner Amerika-Reise war er zum außerordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt worden, unmittelbar nach seiner Rückkehr mit einer zu nichts verpflichtenden Pension von 2500 Talern bedacht und bald darauf zum königlichen Kammerherrn ernannt worden, ebenfalls ohne konkrete Verwendung. Von November 1805 an setzte er seine wissenschaftliche Arbeit in Berlin fort, mitverfolgend den militärischen Zusammenbruch Preußens bei Jena und Auerstedt 1806, die nachfolgende Besetzung Berlins durch die Franzosen und die Plünderung von Schloss Tegel, das im Zuge der Erbteilung dem Bruder Wilhelm zugefallen war. Gute Kontakte zur französischen Seite nutzte Alexander sowohl zur Schadensbegrenzung für eigene familiäre Besitzungen als auch zur Abmilderung mancher Härten der Besatzungspolitik im öffentlichen Raum. Gleichwohl drohten die französischen Forderungen nach Kriegsentschädigung Preußen in den Ruin zu treiben. Der als Reformer an die Regierungsspitze berufene Freiherr vom Stein veranlasste daher im November 1807 eine diplomatische Gesandtschaft nach Paris unter Führung des Prinzen Wilhelm, Bruder Friedrich Wilhelms III. Zum Berater des Prinzen bei dieser Mission wurde Alexander von Humboldt berufen, der so Gelegenheit erhielt, die Arbeit an seinem Reisewerk am bestgeeigneten Ort wieder aufzunehmen. Und er erhielt für eben diesen Zweck nach dem endgültigen Scheitern der diplomatischen Bemühungen des Prinzen sogar die Erlaubnis, in Paris zu bleiben, die er mit Konsequenz und Geschick über fast 20 Jahre verteidigte. So schlug er z.B. eine durch Hardenberg veranlasste Berufung zum preußischen Kultusminister 1809 aus, erhielt sich aber die Gunst des Königs, indem er diesem als glänzender Gesellschafter und kundiger Führer bei Auslandsaufenthalten gelegentlich zu dienen wusste, so 1814 im Zuge eines Paris-Besuchs des Monarchen nach dem Sieg der Koalition über Napoleon I. oder 1822 anlässlich eines Kongresses in Verona, verbunden mit Besichtungen Venedigs und Roms.
Parallel zu den Arbeiten am amerikanischen Reisewerk ventilierte Humboldt beständig Möglichkeiten, seinen naturkundlichen Forschungen in der westlichen Hemisphäre durch eine asiatische Expedition ein östliches Pendant folgen zu lassen, um dann im Vergleichen und Differenzieren ein ganzheitliches Bild aus der Vielgestaltigkeit der Erde und ihrer Bewohner zu gewinnen. Hauptsächlich interessierten ihn Indien, der Himalaya und Tibet. Als er 1811 bereits das zweite Angebot zur Beteiligung an einer russischen Expedition bekam, antwortete er: „Es kostet mir viel, die Hoffnung aufzugeben, die Ufer des Ganges mit ihren Bananenbäumen und Palmen zu sehen; ich bin jetzt 42 Jahre alt und wünsche eine Expedition zu unternehmen, welche 7-8 Jahre dauert; aber um die Aequinoctialgegenden Asiens zu opfern, ist es nötig, daß der Plan, den man mir vorzeichnen wird, ausgedehnt und breit sei. Der Kaukasus zieht mich weniger an als der Baikalsee und die Vulkane der Halbinsel Kamtschatka. Kann man nach Kabul, Samerkand und Kaschmir eindringen?“
Napoleons Russland-Feldzug machte die Weiterverfolgung solcher Pläne hinfällig. Eine neue vielversprechende Möglichkeit auf der Linie von Alexanders Primärinteressen eröffnete sich 1817/18, als sein Bruder Wilhelm preußischer Gesandter in London war. Bei mehreren England-Aufenthalten erreichte Alexander die Unterstützung des Prinzregenten (des späteren Georg IV.) und der Direktoren der Ostindischen Kompanie für seine Pläne, dazu eine Finanzierungszusage Friedrich Wilhelms III. in gewünschter Größenordnung. Mehr als zweijährige intensive Vorbereitungen schlossen sich an diese Zusagen an, ehe auch dieses Projekt scheiterte, vermutlich an Widerständen innerhalb der britischen Ostindienkompanie, die Humboldts kritischen Blick auf die Verhältnisse fürchten mochte.
Unterdessen war das amerikanische Reisewerk weit über die ursprüngliche Konzeption hinaus angewachsen, vielleicht sogar wegen des Nichtzustandekommens der Asien-Expedition. Neben einer bedeutenden Anzahl Gelehrter der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die Humboldt inhaltlich zuarbeiteten, waren an die 50 Spezialisten mit bildlichen Darstellungen (davon allein 1452 Kupferstiche) beschäftigt, darunter Maler, Zeichner, Kartographen und Schriftkünstler. Was seinen Qualitätsansprüchen nicht genügte, ließ Humboldt auf eigene Kosten neu fertigen, darunter bereits vollendete Kupferplatten, fertige Textdrucke bis hin zu einem ganzen Band. 1827 schließlich, da sich die Vorarbeiten für die Gesamtpublikation dem Ende neigten, entfiel aus Berliner Sicht der Grund für den Daueraufenthalt Humboldts in Paris: Der König beorderte seinen Kammerherrn nach Berlin zurück.
Daheim wurde er sogleich zum Motor und Kristallisationskern einer aufstrebenden Wissenschaftsszene. Seine an der Universität begonnenen Vorlesungen im Rahmen eines sehr weit gefassten geographischen Horizonts waren so stark besucht und nachgefragt, dass er sie alsbald in der tausend Zuhörer fassenden Singakademie als freie Vorträge fortsetzte. Unter seinen Hörern war hier vom König bis zum Handwerker ein breites gesellschaftliches Spektrum vertreten, Damenbeteiligung inclusive. Wie in seinen 20 Jahre zuvor erschienenen „Ansichten der Natur“ gelang es ihm, sein deutsches Publikum in allgemein verständlicher, bildreicher Sprache zu faszinieren und das Interesse für erdkundliche und naturwissenschaftliche Fragen anzufachen. Ähnliche Ausstrahlung auf anderer Ebene entwickelte Humboldt als Organisator und Präsident des hochkarätig zusammengesetzten Naturforscherkongresses 1828 in Berlin, der u.a. mit seinem Tagungsmodus in Fachabteilungen für künftige derartige Veranstaltungen Maßstäbe setzte.
Russlandexpedition 1829 – ein spätes Gegenstück
Nicht lange nach seiner Rückkunft aus Paris, für das er auch künftig pro Jahr einen viermonatigen Aufenthalt bewilligt bekam, und zur Zeit seiner glänzenden Erfolge als Kommunikator der Naturforschung in Berlin ergriff Humboldt die Chance, doch noch zu seiner östlichen Forschungsreise zu kommen. Ausgangspunkt war eine Bitte des russischen Finanzministers Cancrin, Humboldt möge zur geplanten Einführung einer Platin-Währung in Russland Stellung nehmen, die dann trotz Humboldts Warnung tatsächlich bis zu ihrem Scheitern 1845 verwirklicht wurde. Cancrin war aber auch an dem Geognosten und Bergbauexperten Humboldt interesiert und stellte ihm eine Forschungsreise zum Ural und darüber hinaus in Aussicht, um Aufschlüsse über ausbeutbare Minenvorkommen zu erhalten. Obwohl er hier Interessen der russischen Regierung zu berücksichtigen haben würde und sich der Charakter dieser Expedition schon dadurch wesentlich von der amerikanischen unterscheiden musste, bei der Humboldt gänzlich frei hatte disponieren können, zögerte er nicht lange. Die Beziehungen zwischen den gekrönten Häuptern Preußens und Russlands waren gerade besser denn je und auf eigene Mittel für eine solche Unternehmung konnte Alexander von Humboldt nicht mehr rechnen. In diese Expedition sollte sein 60. Geburtstag fallen; er war also etwa doppelt so alt wie zu Beginn der Amerika-Reise. Zu Begleitern, die für ihre Fachdisziplin auch jeweils die wissenschaftliche Auswertung der Expedition vornehmen sollten, wählte er den Mediziner, Zoologen und Botaniker Christian Gottfried Ehrenberg und den Chemiker und Mineralogen Gustav Rose. So konnte Humboldt sich vorwiegend geomagnetischen und astronomischen Beobachtungen widmen und die physische Geographie im Überblick studieren.
Am Anfang der Forschungsreise stand ein dreiwöchiger Aufenthalt bei Hofe in St. Petersburg, wo Humboldt die Zarin u.a. mit Vorhersagen über zu erwartende – und noch während der Reise tatsächlich eingetretene – Diamantfunde im Ural fesselte. Die Fortbewegung im Gelände vom 20. Mai 1829 an fand in drei gefederten Wagen statt, die von 16 Pferden gezogen wurden. Mit von der Partie waren hier – in deutlichem Kontrast zu den drei amerikanischen Erkundungsreisen - ein Koch und Humboldts Diener Seifert. Die abgesprochene Expeditionsroute sollte über Moskau, Kasan und Perm zunächst Jekaterinburg (Swerdlowsk) im Ural erreichen; auf einer nördlichen Schleife sollten hier nähere Untersuchungen stattfinden, die zu einer reichhaltigen geologischen Materialsammlung führten. Tobolsk an der Einmündung des Tobol in den Irtysch hätte nach den Vorfestlegungen der östliche Umkehrpunkt der Expedition werden sollen. Humboldt wollte aber weiter zum Altai-Gebirge und zur chinesischen Grenze. Er ließ Cancrin wissen, dass die Expedition der Zeitplanung weit voraus sei, und stellte ihn mit einer beträchtlichen Ausweitung der Reiseroute hier – und dann später noch einmal beim Vorstoß die Wolga entlang zum Kaspischen Meer - vor vollendete Tatsachen.
Einen Humboldt wegen seines Forschungsdrangs zu rügen, die Blöße mochte sich aber wohl auch das autoritäre zaristische Regime (Humboldts inoffizieller Kommentar zu der lästigen Überwachungspraxis: „Kein Schritt, ohne dass man ganz wie ein Kranker unter der Achsel geführt wird“) nicht geben. Tatsächlicher Umkehrpunkt der Reise wurde daher nach Inspektion der Silbergruben im Altai und Kontaktaufnahme mit chinesischen Grenzposten der Ort Baty. Der Rückweg führte von Semipalatinsk über Omsk und Miask nach Orenburg am südlichen Ausgang des Ural-Gebirges und – nach dem zweiten programmwidrigen Abstecher – von Astrachan über Woronesch und Moskau zurück nach St. Petersburg, das am 13. November 1829 erreicht wurde.
Während eines knappen halben Jahres hatten die Forschungsreisenden mehr als 15.000 Kilometer zurückgelegt, gezogen von über 12..000 Pferden. Zar Nikolaus I. und sein Finanzminister hatten Humboldt in diskreter Kenntnis seiner unterdessen prekären Finanzsituation für die Expedition mit 20.000 Rubeln großzügig ausgestattet, ohne dass der darüber hätte Rechenschaft legen sollen. Gleichwohl hat Humboldt das gute Drittel dieser Mittel, das nicht verbraucht worden war, zurückgegeben und die dann auch befolgte Anregung damit verknüpft, das Geld für weitere Forschungsunternehmen zu verwenden. In die gleiche Richtung zielte der die Expeditionserfahrungen zusammenfassende Vortrag Humboldts am 28. November 1829 vor der russischen Wirtschaftselite in Gegenwart des Königs und anderer Honoratioren, in dem er u.a. appellierte: „Ein Land, das sich über mehr als 135 Längengrade erstreckt, von der fruchtbaren Zone der Olivenbäume bis zu den Landstrichen, wo der Boden nur noch mit flechtenartigen Pflanzen bedeckt ist, kann mehr als jedes andere das Studium der Atmosphäre, die Erkenntnisse über die durchschnittliche Jahrestemperatur und, was noch wichtiger für den Zyklus der Vegetation ist, das Studium der Verteilung der Jahreswärme auf die verschiedenen Jahreszeiten vorantreiben. (...) Wenn die variierenden Isothermen oder Linien gleicher Wärme auf Grund präziser Beobachtungen aufgezeichnet werden und dies mindestens fünf Jahre lang im europäischen Rußland und in Sibirien fortgeführt wird, wenn sie verlängert werden bis zu den westlichen Küsten Amerikas (...), dann wird die Wissenschaft von der Verteilung der Wärme auf der Erdoberfläche und in den Schichten, die unserer Forschung zugänglich sind, auf soliden Grundlagen basieren.“
Tatsächlich ließ die russische Regierung in der Folge ein Netz von Messstationen anlegen, die u.a. Luftdruck, Temperatur, Windrichtung und Niederschlagsmengen erfassten. Die so ermittelten Daten dienten Humboldt dann wiederum als empirische Grundlage für die einschlägigen Betrachtungen in seinem 1843 erschienenen Werk über Zentralasien.
Gratwanderer zwischen Hofdienst und Wissenschaftsbetrieb (1830-1859)
Die Rückkehr von der russischen Expedition nach Berlin dürfte Alexander von Humboldt erneut nicht leicht gefallen sein. Das Lebenswerk als reisender Feldforscher lag nun hinter ihm; vor ihm die Perspektive, neben seiner wissenschaftlichen Arbeit die höfische Gesellschaft, die Tafel des Königs mit seinen Kenntnissen und Anekdoten geistvoll unterhalten zu sollen. Als aufklärerischer Liberaler stieß er in solcher Gesellschaft auf mancherlei politisch und religiös bedingte Anfeindung und Engstirnigkeit, die ihm ungeachtet seiner stets gewahrten Contenance und rhetorischen Brillanz schwer erträglich waren. Jahrzehntelang hatte der königliche Kammerherr diese Lage in Paris meiden können. 1822 hatte er dem Bruder sogar von Plänen geschrieben, seine späten Jahre in einem dann republikanisch gewordenen Mexiko als Leiter eines transamerikanischen Forschungsinstituts zu gestalten. Nun war dies alles hinfällig; Alexander von Humboldt musste sich mit Berlin abfinden, was ihm noch schwerer fiel, als 1835 der ihm doch wohl am nächsten stehende Bruder Wilhelm starb. Bei Hofe beruhte Alexanders Stellung allein darauf, dass er die Gunst sowohl Friedrich Wilhelms III. als auch Friedrich Wilhelms IV. besaß. Seine politischen Ansichten wurden zwar auch von ihnen belächelt (immerhin erreichte Humboldt noch, dass auf preußischem Boden jeglicher Sklavenstatus erlosch), seine Leistungen und sein Renommee als Vorzeigewissenschaftler aber hoch geschätzt.
Humboldt machte aus seiner Lage weiterhin das Beste – unterdessen bereits für die nachfolgenden Generationen -, indem er nicht nur seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit fortsetzte, sondern aufgrund seines enorm verzweigten Beziehungsgeflechts weit über Preußen und Deutschland hinaus zum wichtigsten Koordinator wissenschaftlichen Mäzenatentums und der Förderung von Nachwuchsforschern wurde. Für diese Funktion war die Nähe des Königs von ausschlaggebender Bedeutung. 1827 ernannte Friedrich Wilhelm III. Alexander von Humboldt zum Präsidenten einer Kommission zur Prüfung der Unterstützungsgesuche von Gelehrten und Künstlern. Als Friedrich Wilhelm IV. 1842 den Orden „Pour le mérite“ für Kunst und Wissenschaft stiftete, machte er Humboldt zu dessen Kanzler und folgte bei der Berufung der 30 deutschen und fünfundzwanzig ausländischen Mitglieder zumeist seinen Vorschlägen. Und so zeigte sich Humboldts fördernder Einfluss im Großen wie im Kleinen; es konnte den Anschein haben, als bekleide er das Amt eines „europäischen Kultusministers“ (Hanno Beck).
Nicht nur 1807/08, sondern insgesamt acht Mal bis 1848 wurde Alexander von Humboldt von seinen Königen auch zu diplomatischen Missionen herangezogen und wäre, wenn er denn gewollt und sich dadurch nicht von seinen selbstgesetzten Zielen abgelenkt gesehen hätte, schon 1815 preußischer Botschafter in Paris geworden. Sein bekannt weltmännisches und verbindliches Auftreten, seine Sprachmächtigkeit und fesselnde Erzählkunst ließen ihn rasch zum Mittelpunkt jeder Gesellschaft werden, in die er sich begab. Sein Wissenshorizont und die Fähigkeit, ihn zu kommunizieren, müssen in höchstem Maße faszinierend gewesen sein, wenn Goethe seinem Herzog schrieb: „Man könnte in 8 Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was er einem in einer Stunde vorträgt.“ Dass er das Instrument seiner Schlagfertigkeit, seines phänomenalen Gedächtnisses und einer unverwüstlichen Frische (Werner Rübe) nicht nur in blendenden Komplimenten spielen ließ, sondern teilweise über dieselben Personen anderwärts deftig-ironisch oder sarkastisch-abschätzig urteilte, wird nur befremdlich finden, wer seine politisch und menschlich prekäre Situation bei Hofe außer Acht lässt. Nicht etwa, dass er Selbstmitleid kultiviert hätte; aber Anflüge von Bitterkeit über das Los seiner späten Jahre hat er dann und wann eben doch erkennen lassen.
Sibirien
Im Januar 1848 – also kurz vor Ausbruch der Pariser Februarrevolution – kehrte Humboldt von seiner letzten diplomatischen Mission aus Paris nach Berlin zurück. Hier wurde er Zeuge der Berliner Märzrevolution und in sie involviert. Am 21. März, nach den Barrikadenkämpfen und dem Ritt Friedrich Wilhelms VI. mit einer schwarz-rot-goldenen Armbinde durch die Stadt, war es nach dem König und einigen Ministern, deren Ansprachen blass blieben, Alexander von Humboldt, den das Volk auf dem Balkon des Schlosses zu sehen wünschte. Humboldt erschien, hielt aber keine Rede, sondern verbeugte sich nur stumm. Am Folgetag reihte sich der bald Achtzigjährige ein in den Zug, der die 183 Märzgefallenen vom Gendarmenmarkt am Schloss vorbei zu ihrer Begräbnisstätte geleitete.
Ein reichliches Jahrzehnt später erlebte Berlin einen anderen Tag wirklicher Volkstrauer. Am 10. Mai 1859 fand im Berliner Dom ein Gottesdienst für den vier Tage zuvor verstorbenen Alexander von Humboldt statt. Die Menge, die dem Leichenzug von Humboldts letzter Wohnstätte in der Oranienburger Straße zum Dom folgte, war nach zeitgenössischen Berichten nur mit der zu vergleichen, die die Märzgefallenen begleitet hatte. Nach der Feier im Dom fand die Überführung des Sarges in den Park von Schloss Tegel statt, wo Alexander von Humboldt am Folgetag im Familiengrab beigesetzt wurde. Der Philologe August Böckh dürfte in seiner Akademie-Gedenkrede das Bewusstsein breiter gesellschaftlicher Schichten artikuliert haben: „Es ist ein glänzendes Gestirn im Reich des Geistes für diese Welt erloschen.“
Der „Kosmos“: Lebenssumme – Epochendenkmal – Wegweiser
Die enorme Popularität, die Alexander von Humboldt über den Tod hinaus auszeichnete, lag nicht zuletzt in dem Werk begründet, dem er sich seit 1834 und in den ihm dann bleibenden zweieinhalb Jahrzehnten gewidmet hat: einer Gesamtschau der wissenschaftlichen Welterforschung, die 1845-1862 unter dem Titel „Kosmos“ in fünf Bänden erschienen ist. Damit gelang es ihm, die Vision zu verwirklichen, die ihm von Beginn seiner Naturforscher-Tätigkeit an vorgeschwebt und als Richtschnur seines Handelns alle wichtigen Entscheidungssituationen bestimmt hatte. An Varnhagen von Ense, der ihn bei der sprachlichen Gestaltung beraten sollte, schrieb er 1834: „Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Mose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüt ergötzt.“
Er hatte allerdings für dieses Projekt einen so komplexen und ausgiebigen Anlauf genommen, dass z.B. der ältere Bruder Wilhelm zwar bereits früh viel von seinen Fähigkeiten hielt, über lange Zeit aber nicht viel auf seinen Forschungsansatz gab: „Man kommt der Natur darum nicht näher, wenn man aus der zivilisierten Welt herausgeht." Er ließ sich aber durch Alexander eines Besseren belehren und war schließlich seinerseits äußerst beeindruckt von dessen Vorträgen in der Singkademie, denen Wilhelm mit seiner Familie beiwohnte. Der Titel „Kosmos“ für Alexanders Bilanzierungsvorhaben entsprang dem gemeinsamen Nachdenken beider. In der komplementären Breite ihres Wirkens ohnehin, hier aber auch in innerer Übereinstimmung hatten sie „das Jahrhundert brüderlich im Arme“ (Rübe).
Märzgefallene). Im Hintergrund der Chimborazo.]]
Längst vor dem Bruder hatte Alexander bei Begegnungen in Jena und Weimar Goethe für seine Forschungsmethode gewonnen. Der schrieb ihm 1795: „Da Ihre Beobachtungen vom Element, die meinigen aber von der Gestalt ausgehen, so können wir nicht genug eilen, uns in der Mitte zu begegnen.“ Diesen Impuls hat der 20 Jahre Jüngere aufgenommen und im „Kosmos“ schließlich glänzend zur Geltung gebracht: „Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Naturdinge und Naturkräfte, als ein lebendiges Ganze. Das wichtigste Resultat des sinnigen physischen Forschens ist daher dieses: in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen, von dem Individuellen alles zu umfassen, was die Entdeckungen der letzteren Zeitalter uns darbieten, die Einzelheiten prüfend zu sondern und doch nicht ihrer Masse zu unterliegen, der erhabenen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt. Auf diesem Wege reicht unser Bestreben über die enge Sinnenwelt hinaus, und es kann uns gelingen, die Natur begreifend, den rohen Stoff empirischer Anschauung gleichsam durch Ideen zu beherrschen.“ Die wissenschaftliche Naturforschung wird hier zusammengeführt mit dem Denken Goethes und des Bruders Wilhelm. Zugleich wird der Vorstellungshorizont der deutschen Klassik auf ein empirisches Fundament verwiesen: „Aus unvollständigen Beobachtungen und noch unvollständigeren Inductionen entstehen irrige Ansichten von dem Wesen der Naturkräfte, Ansichten, die, durch bedeutsame Sprachformen gleichsam verkörpert und erstarrt, sich, wie ein Gemeingut der Phantasie, durch alle Klassen der Nation verbreiten. Neben der wissenschaftlichen Physik bildet sich dann eine andere, ein System ungeprüfter, zum Theil gänzlich mißverstandener Erfahrungskenntnisse. Wenige Einzelheiten umfassend ist diese Art der Empirik um so anmaßender, als sie keine der Thatsachen kennt, von denen sie erschüttert wird. Sie ist in sich abgeschlossen, unveränderlich in ihren Axiomen, anmaßend wie alles Beschränkte; während die wissenschaftliche Naturkunde, untersuchend und darum zweifelnd, das fest Ergründete von dem bloß Wahrscheinlichen trennt, und sich täglich durch Erweiterung und Berichtigung ihrer Ansichten vervollkommnet.“
Damit sind die methodischen Grundpfeiler des Humboldtschen Forscherlebens wie seines Spätwerkes „Kosmos“ erfasst, das mit einer damaligen Gesamtauflage von 87.000 Exemplaren auch als Bestseller Epoche machte. Der 5. Band, an dem Humboldt bis in die letzten Lebenswochen gearbeitet hat, blieb ebenso unvollendet wie die Beschreibung der amerikanischen Reise („Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents“) , die er nur hinsichtlich des ersten Abschnitts ausgeführt hat. Mitunter hat man das nicht nur bedauert, sondern ihm angekreidet, übergeordnete Gesichtspunkte Humboldts dabei aber außer Acht gelassen: Das „Kosmos“-Projekt war früh und blieb immer das angestrebte Ziel und die ausstehende Summe aller seiner Forschungsaktivitäten und wissenschaftlichen Kontakte. Manches musste er dafür liegen lassen oder abbrechen, vieles anderen übertragen. Dass er mit dem „Kosmos“ jenseits der beiden ersten Bände, die bereits den Umriss des Ganzen enthielten, nicht fertig wurde, hat die innere Logik für sich, dass der Autor sich der prinzipiellen Unabschließbarkeit wissenschaftlichen Erkenntniszuwachses nur zu bewusst war.
Nicht nur darin, sondern vor allem in Humboldts transdisziplinärem Wissenschaftsverständnis (Ottmar Ette) mit den entsprechenden praktischen Konsequenzen, liegt das bedeutende aktuelle Orientierungspotential, das von Alexander von Humboldt im Zeitalter eines beschleunigten Wandels der Ökonomie, der Ökosysteme und Gesellschaften sowie einer durchgreifenden Globalisierung ausgeht. Sein die Natur- und Geisteswissenschaften sowohl in ihren jeweiligen Forschungsmethoden respektierender als auch gezielt untereinander vernetzender Ansatz dürfte wohl am ehesten geeignet sein, wissenschaftlichem Arbeiten jene Problemlösungskompetenz und jenes öffentliche Gehör zu erschließen, ohne die es oft fruchtlos bleibt. Humboldts „Kosmos“ erwuchs nicht zuletzt aus dem ständigen direkten und persönlichen Austausch über die Grenzen der Disziplinen hinweg und ermöglichte ihm die Einbeziehung spezialisierter Wissensbestände gerade auch solcher Fachrichtungen, deren Erkenntnisse ihm wichtig waren, obwohl er sie selbst nicht vertieft betreiben konnte. Manche Einsichten, zu denen Alexander von Humboldt in seinem Spätwerk gelangt ist, sind von geradezu dramatischer Aktualität: „Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit; sie sind Theile des Nationalreichthums, oft ein Ersatz für die Güter, welche die Natur in allzu kärglichem Maaße ausgetheilt hat. Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen industriellen Thätigkeit, in Anwendung der Mechanik und technischen Chemie, in sorgfältiger Auswahl und Bearbeitung natürlicher Stoffe zurückstehen, bei denen die Achtung einer solchen Thätigkeit nicht alle Classen durchdringt, werden unausbleiblich von ihrem Wohlstande herabsinken. Sie werden es um so mehr, wenn benachbarte Staaten, in denen Wissenschaft und industrielle Künste in regem Wechselverkehr mit einander stehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorwärts schreiten.“
Zitate
Einige nicht repräsentative Zitate über Alexander von Humboldt von berühmten Persönlichkeiten seiner Zeit.
- Wilhelm von Humboldt: „Alexander ist gemacht, Ideen zu verbinden, Ketten von Dingen zu erblicken, die Menschenalter hindurch, ohne ihn, unentdeckt geblieben wären. Ungeheure Tiefe des Denkens, unerreichbarer Scharfblick, und die seltenste Schnelligkeit der Kombination.“
- Charles Darwin: „Er war der größte reisende Wissenschaftler, der jemals gelebt hat.“ - „Ich habe ihn immer bewundert; jetzt bete ich ihn an.“
- Johann Wolfgang Goethe: „Humboldt überschüttet uns mit geistigen Schätzen.“
- Friedrich Schiller: „Alexander imponiert sehr vielen und gewinnt im Vergleich mit seinem Bruder meistens, weil er ein Maul hat und sich geltend machen kann.“
- Simón Bolívar: „Alexander von Humboldt hat Amerika mehr Wohltaten erwiesen als alle seine Eroberer, er ist der wahre Entdecker Amerikas.“
- Napoleon Bonaparte: „Sie beschäftigen sich mit Botanik? Auch meine Frau betreibt sie!“
- Claude Louis Berthollet: „Dieser Mann vereint in sich eine ganze Akademie.“
- Thomas Jefferson: „Ich sehe in ihm den bedeutendsten Wissenschaftler, den ich je getroffen habe.“
- Emil Du Bois-Reymond: „Jeder strebsame Gelehrte ist Humboldts Sohn. Wir alle sind seine Familie.“
Werke
- Kosmos - Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. 1845-1862
- Im Internet: [http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/library/authors/author_00072_de.html Kurt Stübers Online Bibliothek], [http://posner.library.cmu.edu:8080/DIVA_Posner/jsp/search-results.jsp?s=&sa=humboldt&st=&ss=&sd=&submit=Submit+Search Posner Memorial Collection], [http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-97208 Französische Nationalbibliothek]
- Reprint: Alexander von Humboldt: KOSMOS - Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Mit Berghaus-Atlas. Ediert von Ottmar Ette u. Oliver Lubrich. 960 S. Mit 94 Farbtafeln. In: DIE ANDERE BIBLIOTHEK Hrsg.v.H.M.Enzensberger, ISBN 3-8218-4549-X, Frankfurt a.M. September 2004 (Eichborn Verlag)
- Vues des Cordillères et Monuments des Peuples Indigènes de l’Amérique. 1810-1813
- Im Internet: [http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-61301 Französische Nationalbibliothek]
- Deutsche Übersetzung: Alexander von Humboldt: Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas. Deutsche Erstausgabe. A.d.Franz.v. Claudia Kalscheuer. 450 S. m. 69 z.Tl.ausklappbaren Tafeln. In: DIE ANDERE BIBLIOTHEK Hrsg.v.H.M.Enzensberger. ISBN 3-8218-4538-4, Frankfurt a.M. September 2004 (Eichborn Verlag)
- Ansichten der Natur. 1808
- Im Internet: [http://gutenberg.spiegel.de/autoren/humbolda.htm Projekt Gutenberg-DE] (Projekt Gutenberg-DE)
- Reprint: Alexander von Humboldt: Ansichten der Natur. (Neuausgabe des 17. Bandes der ANDEREN BIBLIOTHEK) 512 S., m. 6 Farbtafeln, ISBN 3-8218-4741-7, Frankfurt a.M. September 2004 (Eichborn Verlag)
Wirkung
Humboldt als Namensstifter
Viele Orte tragen den Namen Humboldt, auch wenn es keinen unmittelbaren Zusammenhang gibt.
- Europa
- Humboldt Universität zu Berlin
- Über 50 Schulen und Gymnasien, z.B. Alexander-von-Humboldt-Gymnasium-Schweinfurt, das 2004 den Humboldt-Preis gewann
- Humboldthain in Berlin
- [http://www.avh.rwth-aachen.de Das Alexander-von-Humboldt-Haus] in Aachen
- Nordamerika
- mindestens zehn Orte namens Humboldt in den USA
- ein Fluss in Nevada (Humboldt River)
- ein See, der Humboldtsee
- ferner das Humboldtgebirge (Nordamerika) in Nevada
- Mittelamerika
- auf Kuba ein Nationalpark,
- in Mexiko-Stadt (Distrito Federal) die Deutsche Schule (Humboldt-Gymasium)
- Südamerika
- an der Westküste Südamerikas eine kalte Meeresströmung (Humboldtstrom),
- Asien
- das Humboldtgebirge (Asien) in Zentralasien
- Ozeanien
- in Neuseeland ein Gebirge,
- Polarregion
- in Grönland ein | | |