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Beatrice

Beatrice

Beatrice ist ein weiblicher Vorname.

Herkunft und Bedeutung des Namens

Er stammt ursprünglich aus dem Okzitanischen, hat sich aber vor allem über das Italienische verbreitet. Inzwischen gibt es auch die neulateinische Bildung Beatrix. Der Name bedeutet 'die Seligmachende'. Die Popularität des Namens geht auf eine Figur aus Werken des italienischen Dichters Dante Alighieri zurück: In Vita Nuova berichtet er erstmalig von einer früh verstorbenen Beatrice (Beatrice Portinari), die er als junge Frau in Florenz getroffen habe. Später taucht Beatrice dann als Führerin des Erzählers durch das Paradies in Dantes Göttlicher Komödie wieder auf – ganz passend zu ihrem Namen ('Seligmachende'). Ob Beatrice wirklich existiert hat oder nur eine Figur der Dichtung ist, bleibt unklar. Metaphorisch (und mitunter scherzhaft) bezeichnet man eine Führerin als Beatrice, während man einen sehr redseligen Führer als Cicero bezeichnet. In der Literatur kann mit Beatrice auch eine unerreichbare Geliebte metaphorisch gemeint sein.

Namenstag

23.10.1989

Bekannte Namensträgerinnen


- Beatrice Straight, Schauspielerin
- Beatrice Webb, englische Soziologin
- Rose Ausländer (eigentlich: Rosalie Beatrice Ruth Scherzer), Dichterin

Varianten

Bea, Beke, Beate, Beatrix Kategorie:Weiblicher Vorname

Vorname

Der Vorname oder Personenname ist der Teil des Namens einer Person, der nicht die Zugehörigkeit zu einer Familie ausdrückt, sondern das Individuum innerhalb der Familie bezeichnet. Im Deutschen und in anderen europäischen Sprachen bildet er bei zusammengesetzten Namen den ersten Namensteil, während er beispielsweise im Ungarischen, Chinesischen, Japanischen oder Koreanischen hinter dem Familiennamen steht. Bei der Auswahl, Anzahl und Klangfarbe der gewählten Vornamen spielt der soziale Hintergrund der Eltern eine gewichtige Rolle. Der weltweit vermutlich am häufigsten verwendete Vorname ist Mohammed. Besonders in islamischen Ländern ist er oft vertreten.

Funktion

In westlichen Kulturen dient der Vorname innerhalb einer Familie zur Unterscheidung zwischen den Familienmitgliedern (im Unterschied zum Familiennamen, der die Zugehörigkeit zu einer Familie ausdrückt). Keine Seltenheit ist es jedoch, wenn derselbe Vorname nach dem Tode des Kindes für ein nachgeborenes erneut vergeben wird. Es gibt Gegenden in Deutschland (z.B. in Thüringen), in denen es durchaus möglich war, zwei oder mehrere, ja alle gleichzeitig lebenden Kinder derselben Familie mit dem selben Vornamen taufen zu lassen. Man unterschied dann zwischen "Groß-Hans" und "Klein-Hans" usw. - Manchmal ist die Gleichnamigkeit nur sekundär oder scheinbar, wenn etwa bei einem Doppelnamen wie "Johann Christoph" ein Namensteil im praktischen Gebrauch ausfiel oder vergessen wurde und nicht selten bei der Heirat oder beim Tode dieser Person dann ein neuer Doppelname erfunden worden ist. Genealogische Nachforschungen werden dadurch erschwert (siehe auch Toter Punkt). Soziologisch gesehen gibt es einen Ablauf der Namensgebung, der sich in Wellenform immer wiederholt: Die soziale Oberschicht gibt ihren Kindern Vornamen, die besonders erwählt sind und sie vom einfachen Volk unterscheiden sollen. In den folgenden Jahrzehnten gibt die Unterschicht ihren Kindern auch diese Namen. Dadurch werden diese Namen "gewöhnlich" und die Oberschicht sieht sich veranlasst, neue Vornamen zu geben oder auf sehr alte und ungebräuchlich gewordene Namen zurückzugreifen oder Doppelnamen zu bilden. Um 1600 begann auf diese Weise die Bildung von Doppel-Vornamen. Als schließlich alle Kinder mehrere Vornamen hatten, begann die Oberschicht wieder, nur einen einzigen Vornamen zu vergeben. So folgt seit Jahrhunderten Modewelle auf Modewelle. Die Namensgebung spielte im deutschen Sprachraum lange auch eine politische Rolle: Zum einen wurden von den Kirchen christliche und hebräische Namen gefördert (so ließ Johannes Calvin zur Taufe nur biblische Namen zu), zum anderen nahm die Zahl der gebräuchlichen unterschiedlichen Vornamen mit der Zeit ab. Funktion (erster Teil eines zusammengesetzten Namens) und Bedeutung (Unterscheidungsname zwischen Familienmitgliedern) fallen in westlichen Kulturen zusammen. In vielen asiatischen und afrikanischen Kulturen wird allerdings erst der Familienname und danach der Familienmitgliedsname genannt. Das ist auch im Ungarischen der Fall. Im süddeutschen Sprachraum ist es gängige Praxis in der Umgangssprache. Beispiel: der "Köhlers Werner". Obwohl der Familienmitgliedsname in diesen Fällen nicht mehr vor dem Familiennamen steht, wird er trotzdem von Mitgliedern westlicher Kulturen Vorname genannt. In einigen Ländern gibt es zwischen Vornamen und Familiennamen noch den Vatersnamen, wie zum Beispiel in Russland. Aus einigen Vornamen haben sich im Laufe der Zeit auch Familiennamen entwickelt. Die wissenschaftliche Disziplin der Namenforschung beschäftigt sich mit der Bedeutung, Herkunft und Verbreitung von Namen. Erklärungen in Buchform hat unter anderem der Dudenverlag herausgebracht.

Namensgebung in Deutschland

Nach der Geburt eines Kindes wird dessen Vorname von den Eltern bestimmt. In Deutschland gibt es bestimmte Richtlinien für die Namensgebung: Der Vorname...
- ... muss als solcher erkennbar sein.
- ... muss eindeutig männlich oder weiblich sein.
- ... darf dem Kindeswohl nicht schaden.
- ... darf kein Orts-, Familien- oder Markenname sein.
- ... muss innerhalb eines Monats nach der Geburt festgelegt werden.
- ... kann nicht rechtlich geschützt werden (um ihn auf diese Weise als einzigartig zu erhalten). Eine Person kann mehrere Vornamen, muss aber mindestens einen Vornamen besitzen. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes dürfen einem Neugeborenen maximal fünf Vornamen gegeben werden. Bei Verwendung mehrerer Vornamen wird der Vorname, mit dem die Person "gerufen" wird, als Rufname bezeichnet. Die Reihenfolge der Vornamen stellt keine Rangfolge dar. Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung steht es in Deutschland dem Namensträger frei, zwischen seinen standesamtlich eingetragenen Namen zu wählen. Ein "Rufname" ist also nicht unveränderlich festgelegt. In Deutschland besteht in Ausnahmefällen die Möglichkeit, seinen Vornamen im Nachhinein ändern zu lassen. Dies fällt in den Zuständigkeitsbereich der Namenänderungsbehörde, die entweder beim Standesamt, der Kreisverwaltung oder beim Ordnungsamt angesiedelt ist. Damit der Vorname geändert werden kann, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Zum Beispiel können ausländische Vornamen nach der Einbürgerung eingedeutscht werden. Außerdem gibt es die Möglichkeit, den Vornamen ändern zu lassen, wenn jemand schon immer anders genannt wurde und sich mit seinem exotischen Vornamen nicht abfinden kann.

Entwicklung in Deutschland

In Deutschland dominierten seit dem Mittelalter Vornamen christlicher und deutscher Herkunft. Erst seit den 1950er-Jahren änderte sich dies massiv. Besonders anglophone und romanische Vornamen wie Jennifer, Mike oder aber Natalie und Marco gewannen an Bedeutung. Obwohl in beiden Teilen Deutschlands verschiedene Namen die größte Beliebtheit hatten (Peggy und Cindy sind oft zitierte Beispiele für die DDR), war die Tendenz in beiden Staaten gleich. Ende des 20. Jahrhunderts besaßen knapp zwei Drittel der Vornamen weder einen christlichen noch einen deutschen Hintergrund. Vor allem folgende Faktoren sind für diese Änderungen verantwortlich:
- Das Aufgeben familieninterner Traditionen (z. B.: Benennung des ältesten Sohnes nach dem Vater oder Großvater, Erbnamen; Benennung nach den Taufpaten)
- Das Streben nach Individualität: Die Einzigartigkeit der Kinder soll sich auch in einzigartigen Namen widerspiegeln
- Das Vermeiden von Namen, die für die Eltern- und Großelterngeneration typisch sind
- Der Bedeutungsverlust des christlichen Glaubens in der Gesellschaft
- Der nach Shoa und Zweitem Weltkrieg als problematisch empfundene Rückgriff auf nationale deutsche Traditionen
- Das hohe Prestige der westeuropäischen und nordamerikanischen Länder in beiden Teilen Deutschlands
- Erhöhter Konsum der Massenmedien, in denen Produktionen aus den USA, Großbritannien und Frankreich dominieren
- Verstärkte Internationalisierung der Kultur
- Verstärkte Berücksichtigung phonetischer Kriterien (möglichst vokalreiche Namen für beide Geschlechter, Mädchennamen auf -a, Zurückhaltung gegenüber den Phonemen /p/, /t/ und /k/) Einflussfaktoren, die ausgeschlossen werden können:
- Immigration nach Deutschland - Typische Vornamen der Immigrantengruppen blieben auf diese beschränkt.
- Internationaler Tourismus - Sowohl Bundesrepublik als auch die DDR erlebten die Zunahme westlicher Vornamen, obwohl die Reiseziele verschieden waren. Bei der Übernahme fremder Namen war seit jeher eine lautliche Anpassung zu beobachten. Zuerst wurden Namen adaptiert, die an traditionelle phonetische Gewohnheiten anschlussfähig waren. So wurde im Mittelalter aus Johannes Hans, aus Christian Christen und aus Marcus zunächst Marx. Manche Namen wurden auch in ihrer geschriebenen Form übernommen, obwohl die Aussprache in den Herkunftsgebieten eine andere war: So wurde span. Xavier als Xaver übernommen und nicht als Schabier und norweg. Harald als Harald und nicht als Harall.

Literatur

Jürgen Gerhards: Die Moderne und ihre Vornamen. Eine Einladung in die Kultursoziologie. Wiesbaden 2003. Jürgen Gerhards: Globalisierung der Alltagskultur zwischen Verwestlichung und Kreolisierung: Das Beispiel Vornamen. In: Soziale Welt. Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis. Jg. 54, Heft 2, Bonn 2003.

Siehe auch


- Kategorie:Weibliche Vornamen
- Kategorie:Männliche Vornamen
- Wikipedia:WikiProjekt Namensforschung
- Liste gebräuchlicher Vornamen
- Römische Vornamen
- Hamburger Sie

Weblinks


- [http://www.firstname.de/ Datenbank mit mehr als 76.000 Vornamen aus aller Welt]
- [http://www.gfds.de/namen.html Gesellschaft für Deutsche Sprache: Beratung Vornamen; beliebteste Vornamen]
- [http://www.vornamenarchiv.de vornamenarchiv.de]
- [http://www.vornamen.ch Vornamen.ch]
- [http://www.beliebte-vornamen.de Ranglisten der beliebtesten Vornamen seit 1890]
- [http://www.kunigunde.ch www.kunigunde.ch: Vornamen und ihre Bedeutung]
- [http://www.behindthename.com Bedeutung und Herkunft von Vornamen aus allen Teilen der Welt] (englisch)
- [http://www.rundschau-online.de/kr/KrCachedContentServer?ksArtikel.id=1107874790444&listID=1037966279508&openMenu=1039082845263&calledPageId=1039082845263 Marie und Maximilian bleiben die beliebtesten Vornamen 2004 in Deutschland] !

Italienische Sprache

Italienisch ist eine Sprache aus dem romanischen Zweig der indogermanischen Sprachen. Innerhalb der romanischen Sprachen gehört das Italienische zur Gruppe der italoromanischen Sprachen. Unter den großen romanischen Sprachen steht die italienische Sprache dem Lateinischen in Lautung, Vokabular und Grammatik am nächsten. Es wird von etwa 70 Millionen Menschen als Muttersprache oder zweite Muttersprache gesprochen, von denen der größte Teil in Italien lebt. Als zweite Muttersprache oder als nah verwandte Fremdsprache sprechen es unter anderem die Sarden, die Friauler, die Südtiroler und Trentiner Ladiner. Für die deutschsprachigen Südtiroler, die albanische Minderheit und andere Volksgruppen, wie die Slowenen im Hinterland von Monfalcone und Triest, ist es eine Fremdsprache. Italienisch ist Amtssprache in folgenden Staaten:
- Italien (etwa 55 Mio. Muttersprachler)
- Schweiz (etwa 350.000 Muttersprachler)
- San Marino
- Vatikanstadt Außerhalb der Landesgrenzen wird die italienische Sprache beziehungsweise italienische Mundarten in folgenden Regionen gesprochen:
- Kanton Tessin
- Graubünden
- Korsika
- Istrien
- Dalmatien, insbesondere in Split, dem ehemaligen Spalato. Insbesondere alte Menschen sind hier noch häufig zweisprachig.
- Nizza (Anmerkung: Obwohl Nizza historisch viele Verbindungen zu Italien hat, gehört die dort gesprochene Sprache zum Okzitanischen. Gleichwohl leben in Nizza viele Italiener bzw. Italienischstämmige.)
- Fürstentum Monaco (Anmerkung: die Monegassen sprechen wie die Bewohner San Remos eine romanische Sprachvariante, die dem Provençalischen näher steht als dem "florentinischen" Italienisch.)
- in Somalia und Eritrea dient Italienisch neben dem Englischen als Handelssprache. Es existieren auch mehrere italienisch-sprachige Enklaven in Amerika, vor allem in den USA und Argentinien. Zudem flossen italienische Wörter in verschiedene Terminologien ein, z.B. in die Musikersprache oder die Bankensprache.

Geschichte

Wie alle romanischen Sprachen stammt das Italienische vom Lateinischen ab. Zu Beginn des Mittelalters, nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches, blieb in Europa das Lateinische die Amtssprache und die Sprache der Kirche. Das Lateinische behauptete sich überdies als Schriftsprache. Gesprochen wurde allerdings – auch, als das Römische Reich noch bestand – eine vom Schriftstandard abweichende Sprachform, die man auch als Vulgärlatein oder Sprechlatein bezeichnet. Hieraus entwickelte sich die protoromanische Volkssprache und schließlich die romanischen Einzelsprachen. So entstanden in Italien und seinen Nachbarländern neue Sprachen, z.B. die Oïl-Sprachen in Nordfrankreich, die Oc-Sprachen in Südfrankreich und die Sì-Sprachen in Italien, so benannt von Dante Alighieri nach der jeweiligen Bezeichnung für „ja“. Die ersten schriftlichen Zeugnisse des italienischen volgare stammen aus dem späten achten oder frühen neunten Jahrhundert. Das erste ist ein Rätsel, das in der Biblioteca Capitolare di Verona gefunden wurde und als Indovinello veronese bezeichnet wird: :Se pareba boves, alba pratalia araba, versorio teneba et negro semen seminaba. :[Sie] schob Rinder, bebaute weiße Felder, hielt einen weißen Pflug und säte schwarzen Samen. :(Gemeint ist die Hand; Rinder = Finger, weiße Felder = Seiten, weißer Pflug = Feder, schwarzer Samen = Tinte) Die Verbreitung des volgare wurde durch praktische Notwendigkeiten begünstigt. Dokumente, die Rechtsangelegenheiten zwischen Personen betrafen, die kein Latein beherrschten, mussten verständlich abgefasst werden. So ist eins der ältesten Sprachdokumente des Italienischen das Placito cassinese aus dem 9. Jahrhundert. Das Konzil von Tours empfahl 813, die Volkssprache statt des Lateinischen bei der Predigt zu verwenden. Ein weiterer Faktor war das Aufkommen der Städte um die Jahrtausendwende, denn die Stadtverwaltungen mussten ihre Beschlüsse in einer für alle Bürger verständlichen Form abfassen. Jahrhundertelang lebten sowohl die italienischen Volkssprachen als auch das Lateinische, das weiterhin von den Gebildeten benutzt wurde, nebeneinander fort. Erst im 12. Jahrhundert beginnt eine eigenständige italienische Literatur, zunächst in Sizilien am Hof Friedrichs II (Scuola siciliana). Schriftsteller prägten die weitere Entwicklung des Italienischen entscheidend, da sie erst einen überregionalen Standard schufen, um die Sprachdifferenzen zwischen den zahlreichen Dialekte zu überwinden. In erster Linie ist hier Dante Alighieri zu nennen, der eine leicht veränderte Form des florentinischen Dialekts in seinen Werken verwendete. Großen Einfluss auf die italienische Sprache im 14. Jahrhundert hatten weiterhin Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio, die man zusammen mit Dante als die tre corone der italienischen Literatur bezeichnet. Im 16. Jahrhundert wurde in der Questione della lingua über Form und Status der italienischen Sprache diskutiert, massgeblichen Einfluss hatten hier Niccolò Machiavelli, Baldassare Castiglione und Pietro Bembo. Es setzte sich schließlich eine historisierende Form der Sprache durch, die auf das Toskanische des 13./14. Jahrhunderts zurückgeht. Die wirkliche Vereinheitlichung, besonders der gesprochenen Sprache, erfolgte allerdings erst infolge der nationalen Einigung.

Dialekte und Sprachen

Die einzelnen Dialekte des Italienischen unterscheiden sich teilweise sehr stark voneinander, in einigen Fällen ist ihr Status als Dialekt oder eigenständige Sprache auch unter den Linguisten umstritten. Alle italienischen Dialekte und in Italien gesprochenen romanischen Sprachen gehen unmittelbar auf das (Vulgär-)Lateinische zurück. Insofern könnte man - etwas überspitzt - auch alle romanischen Idiome Italiens als "lateinische Dialekte" bezeichnen. Die italienischen Dialekte stellen also nicht etwa degenerierte Formen des Italienischen dar, sondern verfügen über eine eigene Sprachgeschichte. Man unterschiedet nord-, mittel- und süditalienische Dialekte. Die Dialektgrenzen liegen entlang einer Linie zwischen den Küstenstädten La Spezia und Rimini sowie Rom und Ancona. Einige italienische Dialekte wie das Sizilianische oder Venezianische können zudem auf eine eigene literarische Tradition verweisen (die sogenannte Scuola siciliana zur Zeit Friedrichs II), weshalb gelegentlich auch eine Einordnung dieser (und weiterer Dialekte) als eigenständige Sprache postuliert wird. Auch in Lautbildung und Wortschatz weist das Sizilianische so viele Eigentümlichkeiten auf, dass es eher eine dem Italienischen nah verwandte Sprache ist. Hingegen ist die Einordnung beispielsweise des Sardischen oder Ladinischen (Dolomiten, Friaul) als Einzelsprache in der Sprachwissenschaft mittlerweile anerkannt. Das Friaulische steht anders als seit Mussolini offiziell dargestellt dem Französischen näher als dem Italienischen.

Phonetik

Die italienische Rechtschreibung spiegelt den Lautstand ähnlich wie die spanische oder die rumänische einigermaßen genau wider. Das heutige Italienisch gebraucht 21 Buchstaben des lateinischen Alphabets. Die Buchstaben k, j, w, x, y kommen nur in Latinismen, Gräzismen oder Fremdwörtern vor. Das j findet sich in historischen Texten zuweilen für ein (heute nicht mehr geschriebenes) doppeltes i. Anders als im Spanischen kennt das Italienische keine durchgehende Kennzeichnung der betonten Silbe. Lediglich bei endbetonten Wörtern wird ein Gravis (`) (Beispiel: martedì, città, ciò, più), bei e je nach Aussprache ein Akut (´) oder Gravis (`) gesetzt. (Beispiel: perciò, perché). In sehr seltenen Fällen wird auch bei a und o der Akut gesetzt. Der Zirkumflex findet sich zuweilen in Texten um die Verschmelzung zweier i anzuzeigen, Bsp. i principi (die Fürsten, von principe) vs. i principî (die Prinzipien, aus principii, von principio). Zur Klarheit wird der Akzent hin und wieder zur Bedeutungsunterscheidung gebraucht, teilweise auch in Wörterbüchern oder auf Landkarten.

Die Buchstaben g, c und Buchstabenkombinationen mit sc

Folgende Buchstabenkombinationen der italienischen Rechtschreibung sind besonders zu beachten:
- Folgt auf den Buchstaben g ein e oder ein i, so wird dieses g wie dsch (IPA: []) ausgesprochen
- Folgt auf den Buchstaben c ein e oder ein i, so wird dieses c wie tsch (IPA: []) ausgesprochen
- Sollte auf das i direkt ein weiterer Vokal folgen, bleibt es stumm - es führt zu der oben beschriebenen Veränderung des g bzw. des c, wird aber selbst nicht gesprochen
- Das h bleibt immer stumm, dadurch kann z. B. die beschriebene Wirkung von e oder i aufgehoben werden: d. h. Spaghetti wird // ausgesprochen. Spagetti (ohne h) würde wie // ausgesprochen werden.
- g und c vor a, o, u werden wie [] bzw. [] ausgesprochen.
- Die angeführten Regeln gelten auch im Falle der Doppelkonsonanten (siehe dort) gg und cc: bocca //, baccello //, bacchetta //, leggo //, leggio //
- Ähnlich verhält es sich mit der Buchstabenkombination sc(h): scambio //, scopa //, scuola //, schema //, schivo //, aber: scienza //, sciagura //. [] entspricht der deutschen Buchstabenkombination sch.
- Die Buchstabenfolge gl entspricht einem mouillierten "l", einer engen Verschmelzung der Laute [] und [] (IPA: [] ), etwa wie in "brillant", "Folie".
- Die Buchstabenfolge gn entspricht einem mouillierten "n", einer engen Verschmelzung der Laute [] und [] (IPA: []), etwa wie in "Kognak".

Vokale

Konsonanten

Allophone in Klammern

Doppelkonsonanten

Doppelkonsonanten werden im Italienischen als langer Konsonant ausgesprochen: "mm" ist deutlich länger als "m", "rr" hat (im Bühnenitalienisch) vier Zungenanschläge gegenüber zwei bei "r". Bei den Verschlusslauten beginnt man die Aussprache des Konsonanten, verweilt kurz darauf und löst dann den Verschluss. Bei Kombinationen mit Zischlauten // und // verweilt man zunächst kurz auf dem Verschluss und löst den Verschluss zusammen mit dem zweiten Bestandteil, dem Zischlaut: //,//.

Grammatik

Siehe Italienische Grammatik.

Literatur

Italienisch ohne Mühe heute, Assimil, ISBN 2700501136

Weblinks


- [http://www.italienisch-online.ch italienisch-online.ch] Italienische Grammatik, Vokabeln und Übungen
- http://bilder.pauker.at/pauker/DE/IT/wb - Deutsch ↔ Italienisch: Wörterbücher (incl. online Vokabeltrainer)
- http://www.italdict.de/ -- kostenloses Online-Wörterbuch Deutsch-Italienisch (Open Source/Erweiterungen willkommen)
- http://pons.de/ -- kostenloses Online-Wörterbuch Deutsch-Italienisch und Italienisch-Deutsch (auch in anderen Sprachen!)
- http://infoportal-deutschland.aus-stade.de/Italienisch/italienisch-deutsch.htm -- kostenloses Online-Wörterbuch Deutsch-Italienisch und Italienisch-Deutsch
- [http://academic.brooklyn.cuny.edu/modlang/carasi/site/index.html Online-Kurs mit Soundausgabe]
- http://www.italienisch-online-lernen.de Grammatikaufgaben und Wortschatzübungen zur Italienischen Sprache
- http://www.vokabelheft.net Deutsch Italienisch Wörterbuch Kategorie:Romanische Sprache Kategorie:Italien Kategorie:Schweizer Sprache als:Italienische Sprache ja:イタリア語 ko:이탈리아어 simple:Italian

Latein

Als Latein bzw. Lateinisch (lat. lingua Latina: „lateinische Sprache“) bezeichnet man die Sprache, die ursprünglich vom Volksstamm der Latiner gesprochen wurde, der Bewohner von Latium mit Rom als Zentrum. Innerhalb der indogermanischen Sprachen gehört Latein zur Gruppe der italischen Sprachen. Es bildete die Grundlage für alle heutigen romanischen Sprachen.

Entwicklung

romanischen Sprachen Ursprünglich in Rom und dem umliegenden Gebiet (Latium) gesprochen, wurde Latein später an humanistischen Gymnasien unterrichtet. Neben Griechisch war Latein die Amtssprache des römischen Reiches. Wegen der kulturellen Überlegenheit des Ostens verlor es dabei zeitweise in Nordafrika und selbst in Rom seine Vorrangstellung. So war die Liturgiesprache der römischen Christen bis um 300 das Griechische. In dieser Zeit drangen viele griechische Lehnwörter ins Lateinische ein. Während der Spätantike begannen sich verschiedene Volkssprachen, aus denen im Mittelalter die romanischen Sprachen entstehen sollten, phonetisch und grammatikalisch von der lateinischen Hochsprache wegzuentwickeln. Doch noch im 6. Jahrhundert entstanden hochsprachliche lateinische Werke. Im Oströmischen Reich war Latein bis ins frühe 7. Jahrhundert neben Griechisch eine der beiden Amtssprachen. Im Westen übernahmen die Germanen mit den Grundelementen der spätrömischen Verwaltung auch die lateinische Sprache, die in der Administration bis in die frühe Neuzeit vorherrschend blieb. Seit der Völkerwanderung und der Christianisierung der (zunächst zumeist arianischen) Germanenvölker wurde Latein im Westen des früheren Römischen Reiches und in den römisch-katholischen Folgestaaten die Sprache des Klerus (Kirchenlatein), der Rechtswissenschaft (Glossatoren) und der sich bildenden Hochschulen (studia generalia). Es bildete somit die Schriftsprache, vor allem für das kirchliche und weltliche Urkundenwesen (Diplomatik) im frühen Europa. In völkerrechtlichen Verträgen (z. B. im Westfälischen Frieden von 1648) dominierte Latein bis in das 17. Jahrhundert hinein. Es bildet noch bis ins 20. Jahrhundert den Affixvorrat für die Fachterminologie in den Wissenschaften und verliert durch die fortschreitende Absorption in die englische und andere Sprachen lediglich an direkter, nicht jedoch an indirekter Bedeutung. Es wird noch an vielen Schulen unterrichtet.

Antike

Antike Schreibweise

Die lateinische Sprache wurde ursprünglich als scriptio continua, d. h. als zusammenhängender Fluss von Zeichen ohne Zwischenräume geschrieben. Auch Satzzeichen und Kleinbuchstaben wurden in der Antike nicht verwendet. Auf Wachstafeln war nämlich wenig Platz zum Schreiben, und Papyrus war teuer. Die antiken lateinischen Texte sind für uns heute daher schwer zu lesen. Vergleiche folgendes Beispiel: Alte Schreibweise: AVREAPRIMASATAESTAETASQVAEVINDICENVLLO SPONTESVASINELEGEFIDEMRECTVMQVECOLEBAT POENAMETVSQVEABERANTNECVERBAMINANTIAFIXO AERELEGEBANTVRNECSVPPLEXTVRBATIMEBAT IVDICISORASVISEDERANTSINEVINDICETVTI NONDVMCAESASVISPEREGRINVMVTVISERETORBEM MONTIBVSINLIQVIDASPINVSDESCENDERATVNDAS NVLLAQVEMORTALESPRAETERSVALITORANORANT NONDVMPRAECIPITESCINGEBANTOPPIDAFOSSAE NONTVBADIRECTINONAERISCORNVAFLEXI NONGALEAENONENSISERANTSINEMILITISVSV MOLLIASECVRAEPERAGEBANTOTIAGENTES Heutige Schreibweise: Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo, sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat. poena metusque aberant nec verba minantia fixo aere legebantur, nec supplex turba timebat iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti. nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem, montibus in liquidas pinus descenderat undas, nullaque mortales praeter sua litora norant. nondum praecipites cingebant oppida fossae, non tuba directi, non aeris cornua flexi, non galeae, non ensis erant: sine militis usu mollia securae peragebant otia gentes. Auszug aus Ovids Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter) Details zu den verwendeten Buchstaben finden sich in dem Artikel Lateinisches Alphabet. Siehe zu diesem Thema auch: Paläografie (dort Lateinische Paläografie), Capitalis, Versalschrift und Majuskel.

Antike Aussprache

Auf die antike Aussprache der lateinischen Sprache wird im Artikel Lateinische Aussprache eingegangen.

Literatur

Mit Antiker Literatur des Lateinischen beschäftigt sich u. a. der Artikel Lateinische Literatur.

Gegenwart

Auch heute ist Latein noch an vielen Gymnasien aller Fachrichtungen zu finden. Etwa ein Drittel aller Gymnasiasten im deutschen Sprachraum lernt Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. An humanistischen Gymnasien wird dem Lateinischen, neben dem Griechischen, noch eine herausgehobene Bedeutung zugemessen, was früher auf eine aktive Beherrschung des Lateinischen zielte. Tatsächlich werden auch heute noch für zahlreiche Studiengänge das Latinum oder Lateinkenntnisse gefordert, insbesondere in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fächern. Das Latinum ist als Studienvoraussetzung für die Fächer Medizin und Jura weitestgehend abgeschafft, häufig aber nicht in Fächern wie Anglistik, Philosophie oder sogar Musikwissenschaften. Unabhängig von den Studienanforderungen wird von Befürwortern des Lateins betont, dass das Erlernen der lateinischen Sprache weiterhin Basis für die korrekte Verwendung von Fremdwörtern sei, das Erlernen anderer romanischer Sprachen wesentlich erleichtere und erhebliche Transfer-Effekte für die Denkschulung aufträten. Das Übersetzen lateinischer Texte fördere auf Grund der erheblichen Komplexität vieler lateinischer Sätze auch das logische Denken. Von den Gegnern ist hingegen zu hören, dass die Auseinandersetzung mit jeder Art von Grammatik, egal welcher Sprache, das strukturierte Denken fördere, und dass das Erlernen moderner romanischer Sprachen, welche im Gegensatz zu Latein noch gebraucht werden, mindestens ebenso gut dazu geeignet sei, die zahlreichen lateinischen Lehnwörter im Deutschen korrekt zu verwenden und andere romanische Sprachen zu erlernen. In der Tat sind viele gesamtromanische, also in allen romanischen Sprachen auftretende Wörter nicht im klassischen Latein vorhanden und müssen dann neu gelernt werden: guerra „Krieg“, testa „Kopf“, cavallo „Pferd“, mangiare/manger „essen“, andare
-
„gehen“ , boc(c)a/bouche „Mund“, blanco/blanc „weiß“, die Himmelsrichtungen etc. Viele dieser Wörter erklären sich nämlich aus dem umgangssprachlichen oder dem späten Latein oder stammen aus der Soldatensprache, also aus Varietäten, die nicht in der Schule gelehrt werden. Aus deutschen und US-amerikanischen Untersuchungen geht hervor, dass zwischen absolviertem Lateinunterricht und der Beherrschung der englischen Sprache in Schrift und vor allem Wort eine signifikante Korrelation besteht. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht nachgewiesen worden – möglicherweise macht eine hohe sprachliche Begabung eines Kindes die Wahl des als schwierig geltenden Latein wahrscheinlicher. Da auch im modernen Lateinunterricht die Sprachproduktion eindeutig der Rezeption (Leseverstehen) untergeordnet ist, glauben viele, Latein falle Menschen mit ausgeprägter Begabung für Mathematik und formelle Denkvorgänge generell leichter als andere Fremdsprachen, wohingegen Menschen mit ausgeprägter Begabung für intuitives Erlernen von Sprachen andere Fremdsprachen leichter fänden. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nicht häufig verifizieren: Die Erfahrung zeigt, dass die Schülerleistungen in Latein überwiegend Hand in Hand mit denen in der Muttersprache und anderen Fremdsprachen gehen.

Modernes Latein

Auch heute werden deutsch-lateinische Lexika aufgrund neulateinischen Wortgutes herausgegeben, z. B. das „lexicon auxiliare“ oder das vom Vatikan herausgegebene „lexicon recentis latinitatis“, welches erst im Jahre 2004 eine Neubearbeitung erfuhr. Der finnische Rundfunksender YLE (Yleisradio) verbreitet Wochennachrichten in neulateinischer Sprache. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig die Nuntii Latini in schriftlicher und gesprochener Version. Seit April 2004 veröffentlicht auch die deutschsprachige Redaktion bei Radio Vatikan Nachrichten auf Lateinisch. Dabei handelt es sich um ursprünglich deutsche Meldungen. Gero P. Weishaupt übersetzt sie für die Redaktion ins Lateinische. Sehr beliebt ist auch die lateinische Fassung der Asterix-Comics, die der deutsche Altphilologe Graf v. Rothenburg (Rubricastellanus) verfasst hat. Der Autor Nikolaus Groß, beruflich seit zehn Jahren Deutsch-Lektor in der südkoreanischen Hauptstadt, hat 2004 eine komplett latinisierte Übertragung von Patrick Süskinds Das Parfum im Brüsseler Verlag der Fundatio Melissa, einem überregionalen Verein zur Pflege des gesprochenen Lateins, veröffentlicht. Dem Buch ist mit dem „Glossarium Fragrantiae“ eine größere Liste aktualisierter Neuschöpfungen beigegeben. Vom selben Wortartisten existiert des weiteren ein Buch über den Baron Mynchusanus (Münchhausen). 2003 erschien bereits der erste Teil der Harry Potter-Bücher von J. K. Rowling auf Latein (Harrius Potter et Philosophi Lapis). Daneben gibt es noch viele weitere Übersetzungen „klassischer“ Werke ins Lateinische, so zum Beispiel Karl Mays Winnetou III, oder Der kleine Prinz (Regulus) von St. Exupéry. Durch das Internet ist die Verfügbarkeit alter lateinischer Texte sowie das Entstehen neuer lateinischer Texte erheblich begünstigt worden. Inzwischen gibt es sogar lateinische Fassungen von Popsongs. Daneben entstehen auch neue Popsongs in lateinischer Sprache, etwa Cursum Perficio, gesungen von Enya, Liberatio, eines von vielen lateinischen Musikstücken der Gruppe „Krypteria“, oder bei Gruppen der Dark Wave bzw. Gothic (Jugendkultur). Roma Ryan hat neben Cursum Perficio für Enya noch weitere Songs in lateinischer Sprache verfasst. In Internetforen wie Grex Latine Loquentium kommunizieren Teilnehmer aus vielen Ländern ausschließlich in Latein. In der klassischen beziehungsweise neoklassischen Musik findet Latein ebenfalls Verwendung. So hat etwa der niederländische Komponist Nicholas Lens auf seinem Werk Flamma Flamma ein lateinisches Libretto vertont, für sein Werk Terra Terra hat Lens selbst ein Libretto in lateinischer Sprache verfasst. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Vertonungen lateinischer Gedichte wie z. B. von Jan Novák. Carl Orff unterlegte mehreren seiner Vokal-Kompositionen Texte in Latein oder Griechisch. Igor Strawinski ließ das nach Sophokles von Jean Cocteau in französischen Versen verfasste Libretto zu Ödipus Rex“ von Jean Daniélou ins Lateinische übersetzen. Das Lehrbuch Lingua Latina per se illustrata des dänischen Autors Hans H. Ørberg hat die bisher hauptsächlich für den Unterricht in modernen Sprachen eingesetzte einsprachige Lehrmethode auf den altsprachlichen Unterricht übertragen. Das Lehrbuch erfreut sich in verschiedenen Ländern einer steigenden Beliebtheit.

Latein in den Wissenschaften

In der Biologie erfolgt die Namensbildung der wissenschaftlichen Namen lateinisch und griechisch, wobei neuere Vorschläge vorsehen, die Regeln nur aus der lateinischen Sprache zu entnehmen. In der Medizin sind die anatomischen Fachbegriffe lateinisch, für die einzelnen Organe wird zusätzlich auch latinisiertes Griechisch verwendet. Die Krankheitsbezeichnungen leiten sich aus dem Griechischen ab. Zahlreiche Sprichwörter haben einen lateinischen Ursprung und sind teilweise auch in der deutschen Übersetzung zu geflügelten Worten geworden. In den Rechtswissenschaften existieren verschiedene lateinische Lehrsätze und Fachbegriffe (Latein im Recht). Auch in der Geschichtswissenschaft spielt vor allem Latein weiterhin eine große Rolle. In der Meteorologie werden lateinische Begriffe in der Wolkenklassifikation eingesetzt.

Latein in der katholischen Kirche

Latein ist neben Italienisch die Amtssprache des Vatikanstaats. Die katholische Kirche veröffentlicht alle amtlichen Texte von weltkirchlicher Bedeutung in Latein. Das gilt für die liturgischen Bücher, den Katechismus, den Codex des kanonischen Rechts sowie die päpstlichen Rechtsvorschriften (canones, decretales) und Rundschreiben (Enzykliken). Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war Latein die offizielle Gottesdienstsprache und ist dies (laut Sacrosanctum Concilium) offiziell noch heute, wobei andere Sprachen jedoch gleichfalls erlaubt sind. Tatsächlich werden nur noch sehr wenige Gottesdienste in Latein gehalten. Der gegenwärtig amtierende Papst Benedikt XVI. bevorzugt bei seinen Messen aber das Lateinische vor dem Italienischen. Siehe auch: Lateinische Kirche

Referenzlisten


- Lateinische Präpositionen
- Liste lateinischer Ortsnamen
- Liste lateinischer Präfixe
- Liste lateinischer Redewendungen
- Liste lateinischer Suffixe
- Liste von lateinischen Palindromen
- Lateinische Zahlwörter

Siehe auch


- Grammatik des Lateinischen
- Lateinische Aussprache
- Lateinische Sprichwörter
- Küchenlatein
- Vulgärlatein
- Mittellatein
- Lateinische Literatur
- Sprachen im Römischen Reich
- Jägerlatein
- Panlatinismus

Weblinks


- [http://www.commtec.de/wb/ Wörterbuch Latein-Deutsch-Latein auxilium online (mit Download-Möglichkeit)]
- [http://www.latein-pagina.de/iexplorer/stil.htm Lateinische Stilblüten]
- [http://www.thelatinlibrary.com/ The Latin Library – klassische Texte im Original]
- [http://www.albertmartin.de/latein/ Latein-Deutsch-, Deutsch-Latein-Wörterbuch mit hilfreichen Extras]
- [http://www.radiobremen.de/online/latein/ Nuntii latini bei Radio Bremen]
- [http://www.latein-pagina.de/ Latein-Pagina]
- [http://www.antikeundeuropa.de/Alte_Sprachen_heute/alte_sprachen_heute.html Alte Sprachen heute]
- [http://www.fh-augsburg.de/~harsch/a_chron.html Sammlung lateinischer Texte/bibliotheca Augustana]
- [http://www.music.indiana.edu/tml/ Lateinische Musiktraktate im Original]
- [http://www.lateinservice.de/index.htm Die deutsche Latein-Seite]
- [http://www.alcuinus.net/GLL/ Grex Latine Loquentium (Internetforum in lateinischer Sprache)]
- [http://www.kreienbuehl.ch/lat/ Latein und Altgriechisch Site]
- [http://www.latein24.de/ Übersetzungen vieler klassischer lateinischer Texte bei Latein24.de] Kategorie:Einzelsprache
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Dante Alighieri

Dante Alighieri (
- 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna) war ein italienischer Dichter und Philosoph. Dante Alighieri ist der bekannteste Dichter Italiens und gleichzeitig der bedeutendste Dichter des europäischen Mittelalters. Er lebte in der Zeit des Spätmittelalter, die in Italien den Übergang zur Renaissance kennzeichnet, wobei Dantes Weltbild noch immer stark im Mittelalter verhaftet war (vgl. De Monarchia). Dante gilt als "Vater" der heutigen hochitalienischen Sprache, die er entscheidend mitprägte. Sein Einfluss auf die europäische Literatur ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen.

Leben

Monarchia Monarchia Dante wurde im Mai oder Juni 1265 in Florenz als Sohn des guelfisch gesinnten Stadtadligen Alighiero di Bellincione geboren. Statt seiner Mutter Bella, die früh verstirbt, erzieht ihn seine Stiefmutter Lapa di Chiarissimo Cialuffi. Dante genoss eine gute Ausbildung, die er später im Selbststudium antiker und zeitgenössischer Autoren komplettierte (Aristoteles, Cicero, Thomas von Aquin u.a.). Unter dem Eindruck des frühen Todes seiner Jugendliebe Beatrice Portinari im Jahre 1290 wurde der junge Mann zum Philosophen und Dichter, wobei in seinen philosophischen Werken der Einfluss aristotelischer Denkmuster deutlich wurde. Zwischen 1292 und 1293 stellte Dante in der stilisierten Liebes-Lebensbeschreibung der "Vita Nuova" (Das neue Leben) eine Auswahl von Gedichten zusammen, mit denen er im vorangegangenen Jahrzehnt, ab 1283, seiner Liebe zu Beatrice poetischen Ausdruck verliehen hatte. 1295 heiratete er Gemma Donati, mit der er zwei Söhne hatte. Schon immer politisch engagiert, wurde Dante bald in die Machtkämpfe der verschiedenen Fraktionen der Guelfen nach der Vertreibung der kaiserfreundlichen Ghibellinen aus Florenz verstrickt. 1295 gehörte er dem "Rat der Hundert" an, 1300 stand er als einer der sechs Priori in scharfer Opposition gegen Papst Bonifatius VIII., ein Jahr später verhalf der französische König Philipp IV., der Schöne den Papsttreuen zum Sieg und schickte Dante und seine Partei weiße Guelfen 1302 in die Verbannung, die seine Söhne ab dem 14. Lebensjahr teilen mussten. 1302 Dante hielt sich unter anderem am Hof der Della Scala in Verona auf. Der Eindruck vom zerissenen Italien wurde auch in seinem Werk Convivio (Gastmahl) deutlich. Nach langen Jahren unsteter Wanderung wurde seine letzte Hoffnung, nach Florenz zurückkehren zu können, zerstört, als der römisch-deutsche König Heinrich VII. (Dantes alto Arrigo, den er in der Göttlichen Komödie verherrlichte) und dessen Ankunft in Italien er begeistert begrüßt hatte, 1313 bei Siena starb. In Erinnerung an die Politik Heinrichs VII. verfasste er nach dessen Tod sein politisches Hauptwerk Monarchia, in dem er für ein Weltkaisertum eintrat, dem alle Menschen untergeordnet sein sollten. Dante ließ sich in Ravenna nieder, wo er sein Meisterwerk, die 1307 begonnene und in der Volkssprache verfasste "Göttliche Komödie" ("Divina Commedia"), die wie kaum ein anderes Werk die europäische Literatur beeinflusste, erst kurz vor seinem Tod am 14. September 1321 vollendete. Er wurde in der Franziskanerkirche Santa Pier Maggiore beigesetzt.

Werke

1321 Sein bekanntestes Werk ist "Die Göttliche Komödie" (eigentlich nur "La Comedia" - das Beiwort "göttliche" = "divina" hat erst nach Dantes Tod sein Bewunderer Giovanni Boccaccio eingeführt). Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Beiwort "göttlich" fantastisch, hervorragend, prächtig bedeutet, es hängt nicht mit dem Inhalt des Buches zusammen. Das Wort Komödie bedeutet eigentlich "Geschichte mit einem guten Ende". Im Buch schildert er seine Reise durch die Hölle, zum Läuterungsberg (Fegefeuer), bis hin ins Paradies. Die Hölle und das Paradies sind jeweils in Schichten (in konzentrischen Kreisen) unterteilt. Je näher man in die tieferen Kreise kommt, umso sündiger bzw. heiliger sind die gestorbenen Seelen. Sein philosophisches Hauptwerk ist jedoch die (wohl nach 1313) entstandene Monarchia. Daneben verfasste Dante zahlreiche Briefe (unter anderem auch an den römisch-deutschen König Heinrich VII.). Dantes andere Werke waren unter anderem:
- Vita Nuova (entstanden um 1293).
- Rime
- Convivio (Gastmahl, entstanden um 1307).
- De vulgari eloquentia (unvollendet).

Stand- und Denkmale


- Marmorhermen von Dante, Petrarca, Tasso und Ariost für das Schloss Charlottenhof bei Potsdam von Gustav Blaeser

Literatur

Einführend seien genannt:
- Kurt Leonhard: Dante. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt, Reinbek 1998, (Rowohlts Monographien; Bd. 167) ISBN 3-499-50167-8
- Ulrich Prill: Dante, Metzler, Stuttgart 1999, (Sammlung Metzler; Bd. 318), ISBN 3-476-10318-8 S.a. Angaben im Artikel des "Bautz" oder der "Stanford Encyclopedia of Philosophy" (siehe Weblinks). Wichtige Werke finden sich auch im Lexikon des Mittelalters (Artikel Dante im LexMA, verschiedene Verfasser, Bd. 3, Sp. 544 ff.).

Weblinks


-
- [http://plato.stanford.edu/entries/dante/ Dante in der "Stanford Encyclopedia of Philosophy"]
- [http://www.bautz.de/bbkl/d/dante_alighieri.shtml Sehr knapper Eintrag aus dem Bautz, der dafür aber mit sehr ausführlichen Literaturangaben glänzt!]
- [http://etcweb.princeton.edu/dante/index.html Princeton Dante Project] (englisch)
- [http://www.uni-marburg.de/hosting/ddg/ Deutsche Dante Gesellschaft]
- [http://gutenberg.spiegel.de/autoren/dante.htm Dante im Projekt Gutenberg]
- http://www.litlinks.it/dx/dante.htm
- [http://www.quod-est-dicendum.org/Literatur/Dante_Deutsch_13_01_05_brh.htm Einführung in Dante und seine Werke, insbesondere in die Göttliche Komödie.]
- [http://www.lib.byu.edu/~aldine/Checklist.html Dante-Ausgaben 1472 - 1629, in italienischer Sprache] Dante Alighieri Dante Alighieri Dante Alighieri Dante Alighieri Dante Alighieri Dante Alighieri Dante Alighieri Dante Alighieri ja:ダンテ・アリギエーリ ko:단테 알리기에리 simple:Dante Alighieri

Beatrice Portinari

Beatrice Portinari (
- 1266; † 1290) war die Jugendliebe Dante Alighieris und beeinflusste sein Schaffen maßgeblich. Ihr Leben ist nur teilweise bekannt und teilweise umstritten. Eng verbunden mit seiner Liebe zur Poesie ist Dante Alighieris idealische Liebe zu Beatrice, der Tochter eines angesehenen Bürgers, Folco de Portinari, die er 1274, kaum neun Jahre alt (sie selbst zählte acht), bei einem Maifest zu Florenz zuerst gesehen hatte, worüber Dante selbst in seinem Erstlingswerk La Vita nuova berichtete. Von dieser ersten Jugendliebe blieb ihm der tiefste Eindruck für das ganze Leben und steigerte sich in ihm zu jener Verklärung und Bedeutung Beatrices, wie er sie in seinem großen Gedicht verewigt hat. Dante verheiratete sich jedoch ein oder zwei Jahre (1291) nach Beatrices frühem Tod mit Donna Gemma aus dem vornehmen Geschlecht der Donati. Daher sind manche geneigt die ganze Mitteilung Dantes über jenen Gegenstand in symbolischem Sinn aufzufassen. Portinari, Beatrice Portinari, Beatrice Portinari, Beatrice Portinari, Beatrice

Metapher

Die Metapher (griechisch μεταφορά - eigentlich die Beförderung, der Übertrag, der Transfer, von metà phérein - "anderswohin tragen") ist eine rhetorische Figur, eine Verdichtung, die der Verdeutlichung und Veranschaulichung dient. In dieser Art des Tropus erfolgt der Ersatz der Bedeutung eines Ausdrucks durch einen versinnbildlichten Ersatzausdruck.

Merksatz

(vereinfachend) Die Metapher ist ein Vergleich ohne Vergleichswörter wie "als" oder "wie".

Geschichte der Metapherntheorie

Aristoteles' Theorie der Metapher

Die erste Theorie der Metapher findet sich in der Poetik und der Rhetorik des Aristoteles. In der Poetik definiert er die Metapher folgendermaßen: Eine Metapher ist die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird), und zwar entweder von der Gattung auf die Art, oder von der Art auf die Gattung, oder von einer Art auf eine andere oder nach den Regeln der Analogie. (Poetik 21, 1457b7ff. Übersetzung Manfred Fuhrmann). Aristoteles' Begriff der Metapher ist allerdings einerseits weiter als der heute gebrauchte und andererseits auch anders. Weiter ist des Aristoteles Metaphernbegriff, weil drei Typen von Metaphern heute nicht mehr "Metaphern" genannt würden. Nur die Metapher "nach den Regeln der Analogie" entspricht etwa unserem heutigen Metaphernbegriff. Anders ist sein Metaphernbegriff, insofern nach ihm die Metapher die "Übertragung eines Wortes" ist. Eine Metapher wird heute eher als ein mehrgliedriges sprachliches Gebilde aufgefasst, nicht als ein Wort, das für ein anderes gebraucht wird. Hiermit ist Aristoteles zudem der erste und wichtigste Vertreter der Substitutionstheorie der Metapher.

Theorie der Metapher

Bei der Metapher werden zwei getrennte Sinnbereiche in einen ungewohnten, oft kreativen Zusammenhang gerückt. Metaphern sind zweideutig. Wenn man sie "wörtlich" (beziehungsweise die Wörter in ihren ursprünglichem, gewohnten Sprachgebrauch) nimmt, sind sie sozusagen falsch. Der "Fuß des Berges" hat natürlich keine Zehen. Es kommt jedoch auch vor, dass offensichtliche Wahrheiten metaphorisch sein können. "Geld stinkt nicht" würde mit hoher Wahrscheinlichkeit von niemandem wörtlich aufgefasst werden. Metaphern fordern dazu auf, Ähnlichkeiten zu konstruieren. Man versteht eine Metapher, wenn es gelingt, mindestens zwei Gegenstände miteinander in Assoziation zu bringen. Das heißt, man sieht den einen Gegenstand sozusagen im Lichte des anderen (gleichzeitig verdecken sie einen Teil, das heißt sie haben Blinde Flecken). Mit einer Metapher wird ein Ausdruck aus seinem ursprünglichen Zusammenhang genommen und in einem anderen Zusammenhang verwendet, das heißt es wird eine Bedeutungsübertragung vorgenommen. Es handelt sich dabei um den Vergleich zweier Bereiche, bei dem die Vergleichspartikel "wie" und die dem Vergleich zugrundeliegende Hinsichtnahme (tertium comparationis) fehlen, beispielsweise Das "Haupt" der Familie. In der kognitiven Linguistik werden Metaphern als eine der wesentlichen Strukturierungen des Denkens angenommen (Lakoff/Johnson 1980). Diese Strukturen werden als 'konzeptuelle Metaphern' bezeichnet und vereinen einen Quellbereich sowie einen Zielbereich. Als Beispiel könnte DAS LEBEN (Zielbereich) IST EINE REISE (Quellbereich) genannt werden. Dieses Konzept vereint zahlreiche gängige metaphorische Ausdrücke (beispielsweise "Am Beginn des Lebens", "Lebensweg", "Stolpersteine" etc.). Metaphorische Kreativität ist demnach vor allem innerhalb der bestehenden Konzepte möglich. Recht analog ist die Terminologie von Harald Weinrich, der die Regularitäten der Bildlichkeit als 'Bildfelder' kennzeichnet, denen ein gemeinsamer 'Bildspenderbereich' und ein gemeinsamer 'Bildempfängerbereich' zugeordnet ist. Zu den modernen Metapherntheorien zählen außer der kognitiven Linguistik auch die pragmatische Metapherntheorie und Coenens Theorie zum Analogieverhältnis der Metapher. Die pragmatische Metapherntheorie ist Teil einer pragmatisch orientierten Grammatik und gibt fünf Merkmale metaphorischen Sprechens an: # Die Metapher ist Teil einer Äußerung, untersucht wird ihre Stelle und Funktion im Kontext. Erkannt wird sie nicht aufgrund von Regeln, sondern kontextbezogen. Der kommunikative Sinn ergibt sich aus der Äußerungssituation heraus. # Die Metapher soll nicht auf ihr Wesen hin untersucht, sondern kann nur für den jeweils konkreten Zusammenhang erklärt werden. Über die Betrachtung des Metapherngebrauchs und deren Erklärung kommt man zur jeweiligen kontextbezogenen Bedeutung. Eine umfassende Beschreibung ist daher nicht möglich. # Die Metapher läßt sich nicht durch einen eigentlichen Ausdruck ersetzen (Mrs. Thatcher is a bulldozer.). Paraphrasen wie z.B. ein Vergleich können genauso unwahr sein. # Die Verwendung der Metapher liegt zwischen Kreativität und Regelgeleitetheit (Für eigene Fehler sind die Menschen Maulwürfe, für fremde Luchse.). Die Metaphernbildung greift auf konventionelle Verwendungsweisen zurück, die ursprüngliche Bedeutung bleibt im neuen Verwendungszusammenhang erhalten. # Das metaphorische Sprechen wird als kommunikatives Verfahren bewußt angewendet und enthält eine bewußte Doppeldeutigkeit. Durch den Interpretationsprozeß, der entsteht, weil Inkongruenz zwischen Metapher und Kontext herrscht, findet Interaktion zwischen den Sprechern statt. Der außergewöhnliche Wortgebrauch stellt so eine sinnvolle und aufschlußreiche Abweichung dar. Einen anderen Ansatz verfolgt Coenen mit seiner These vom Analogieverhältnis der Metapher . Das Bilden von Metaphern wird bei ihm als motivierter Akt verstanden. Ein als Metapher verwendetes sprachliches Zeichen erscheint nicht in seiner Kernbedeutung (Denotation, von Coenen als "Theoretischer Anwendungsbereich" bezeichnet), sondern mittels ihm eigener Konnotation (dem sog. "metaphorischen Theoretischen Anwendungsbereich"). Dabei kommt es zu einem für den Rezipienten meist überraschenden Wechsel des Bildfeldes des sprachlichen Zeichens. Ein Bildfeld besteht nach Coenen aus einem Bildfeldbereich und dazugehöriger Positionsmenge. Zwei oder mehr voneinander verschiedene Bildfelder können mittels einer gemeinsamen Strukturformel (Analogiewurzel) verbunden werden. Eine Analogiewurzel ist dabei die Menge aller Beschreibungen, die eine Analogie begründen. Mittels dieser Stukturformel ist es möglich, die Elemente der Positionsmengen der teilnehmenden Bildfelder paradigmatisch auszutauschen und zu einer neuen Metapher zusammenzusetzen. Die Decodierung der Metapher erfolgt (sofern es sich nicht um eine "tote Metapher" = lexikalisierte Metapher handelt) über die Konnotation ihrer sprachlichen Zeichen. Der Empfänger bedarf daher zur erfolgreichen Decodierung nicht nur des Wissens um die Kern-, sondern auch um die Randbedeutung eines sprachlichen Zeichens.

Metaphernarten (Auswahl)

Es gibt:
- Lebendige Metaphern - Der Übertragungseffekt ist offensichtlich, zum Beispiel "Das Konzert war ein Feuerwerk"
- Tote Metaphern - sie sind zum Begriff geworden, man nimmt sie nicht mehr offensichtlich wahr, beispielsweise "Tischbein", "Handschuh"
- Lexikalisierte Metaphern - Tote Metaphern, die als Zweitbedeutung in den Begriffswortschatz eingegangen sind. Beispiel: Schloss (Burg, die eine Tür "abschließt")
- Stehende Metaphern, die sich in vergleichbaren Zusammenhängen immer wieder finden, vgl. Topos. Eine Metapher ist nicht immer von einer Metonymie klar unterscheidbar: ein Tischbein ist sowohl eine Funktion, als auch aus einem anderen Bereich übertragen. Oft werden Metaphern verwendet, wenn ein Wort durch ein anderes ersetzt werden soll, weil es tabu ist, oder weil es aus anderen Gründen nicht nennbar ist, (dann verwendet man einen Euphemismus). Metaphern spielen beim Lernen (Wissensbildung) eine wichtige Rolle. Durch strukturelle, visuelle und funktionale Analogien können neue Inhalte wesentlich schneller erfasst und verstanden werden. Die Wissenschaft von der Metapher nennt Hans Blumenberg 'Metaphorologie'. Sein Verständnis der Metapher erläutert er in seinem Werk "Paradigmen zu einer Metaphorologie". Es steht im Gegensatz zu der traditionellen Auffassung, Metaphern seien rhetorischer Schmuck ohne eigenen Aussagewert, man könne auch in nicht-bildlicher Sprache ihre Aussage exakt wiedergeben. Blumenberg bezweifelt zwar nicht, dass es solche verzichtbaren Metaphern gibt, ist jedoch davon überzeugt, dass es auch solche geben müsse, die mehr aussagen als in der Objektsprache möglich. Diese bezeichnet er als absolute Metaphern. Fraglich ist jedoch, wo und wie diese absoluten Metaphern zu finden sind. Am vielversprechendsten scheinen Gebiete der Naturwissenschaften zu sein, auf denen noch Forschungsbedarf besteht. Der Begriff des "Schwarzen Loches" beinhaltet immer noch mehr als seine objektsprachlichen Umschreibungen, da noch nicht alle Aspekte dieses Phänomens geklärt sind.

Beispiele für Metaphern


- Rabeneltern - Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen
- jemanden in den Himmel loben - die Schmeichelei übertreiben
- mein eigen Fleisch und Blut - die eigene Verwandtschaft
- leeres Stroh dreschen - inhaltslos reden
- Er hat sich in den Stürmen des Lebens bewährt. - Er hat sein Ziel erreicht.
- Eine Mauer des Schweigens empfing uns - Als wir kamen, blieben alle still, und wir spürten Ablehnung.
- Er baut seine Argumentation auf dem losen Sand überdehnter Begriffe
- Der SV Werder Bremen reitet auf einer Erfolgswelle - Der SV Werder Bremen ist erfolgreich und hat im Moment Glück.
- Die blauen Berge des Todes
- Einen Krieg entfesseln - die menschliche Scheu, die einen Krieg verhindern könnte, außer Kraft setzen, moralische Einwände gegen den Krieg überwinden.
- Auf den Hund kommen - in Armut geraten.
- Die Firma ist eine große Familie - Die Mitarbeiter halten zusammen.
- In der Firma (in der Stadt) herrscht ein lockeres (ein entspanntes) Klima - Das allgemeine Empfinden und Verhalten der Menschen dort ist locker (entspannt).
- Die ganze Atmosphäre war locker - man empfindet keinen Zwang.
- Nun herrscht Ruhe (Sorge) - Ruhe (Sorge) bestimmt das Verhalten Aller.
- Gespannt - man empfindet die widerstrebenden Umstände der Lage.
- Vom Hundertsten ins Tausendste kommen - Zu immer neuen Fragen und Antworten vordringen, auf immer neue Einzelheiten eingehen.
- Jmdm. nicht das Wasser reichen können - jmdm. an Fähigkeiten, Leistungen nicht annähernd gleich kommen.
- Der Apfel fällt nicht weit von Stamm - Jemand ist seinem Vater, seiner Mutter ähnlich oder auch Beiden.
- Kaderschmiede,- aus Kader, Bildungseinrichtung für zukünftige Machteliten
- Das Recht mit Füßen treten. - Das Recht nicht beachten.
- Eine Blechschlange bewegt sich durch die Straßen.
- "It's raining cats and dogs" - "Es schüttet wie aus Eimern" - starker Regenfall

Literatur


- Beckmann, Susanne: Die Grammatik der Metapher. Eine gebrauchstheoretische Untersuchung des metaphorischen Sprechens, Tübingen: Niemeyer, 2001. 241 S. (Die Autorin untersucht, wie das Bilden und Verstehen von Metaphern adäquat beschrieben werden kann.)
- Blumenberg, Hans: Paradigmen zu einer Metaphorologie. Frankfurt a.M. 1998
- Blumenberg, Hans: Beobachtungen an Metaphern. in: Archiv für Begriffsgeschichte XV/2, hrsg. von Karlfried Gründer, Bonn 1971, S. 161-214
- Borges, Jorge Luis und Osvaldo Ferrari: Lesen ist denken mit fremdem Gehirn. Gespräche über Bücher und Borges. Über die Metapher, S. 155 ff.
- Calvert, Kristina: Mit Metaphern philosophieren. Sprachlich-präsentative Symbole beim Philosopieren mit Kindern in der Grundschule, 201 S., kt., München: KoPäd-Verlag 2000
- Caviola, Hugo: In Bildern sprechen: Wie Metaphern unser Denken leiten. Materialien zur fächerübergreifenden Sprachreflexion. Bern: hep 2003
- Fuhrmann, Manfred: Aristoteles. Poetik. Griechisch / Deutsch. Stuttgart 1994.
- Coenen, Hans Georg: Analogie und Metapher. Grundlegung einer Theorie der bildlichen Rede. deGruyter. Berlin, New York 2002
- Drewer, Petra: Die kognitive Metapher als Werkzeug des Denkens. Tübingen: Narr 2003
- Gamm, Gerhard : Die Macht der Metapher. Im Labyrinth der modernen Welt. Stuttgart: Metzler 1992
- Kurz, Gerhard: Metapher, Allegorie, Symbol. Göttingen 1988
- George Lakoff, Mark Johnson: Metaphors We Live By. Amsterdam/Philadelphia. 1980
- Macho, Thomas, H.: Todesmetaphern. Frankfurt am Main 1987
- Metaphorischer Sprachgebrauch. (Reihe: 'Arbeitstexte für den Unterricht'), Stuttgart: Philipp Reclam jun., Universal-Bibliothek Nr. 9570 (2)
- Neswald, E.: Und noch mehr Metaphern? Zur Metaphernforschung der 90er Jahre. in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 3/1998, Stuttgart: Frommann-Holzboog
- Otto, Detlef: Wendungen der Metapher. Zur Übertragung in poetologischer, rhetorischer und erkenntnistheoretischer Hinsicht bei Aristoteles und Nietzsche. München: Wilhelm Fink Verlag 1998, 503 S., kart., 78 Mark
- Rapp, Christof: Aristoteles, Rhetorik. Übersetzung und Erläuterungen, 2 Bde. Berlin 2002 (Zu Aristoteles' Theorie der Metapher: Bd. 1: III 2, 4, 10, 11. Bd. 2, Kommentare zu den entsprechenden Stellen und S. 921 ff.)
- Söhngen, G.: Analogie und Metapher. Freiburg/München 1962
- Stub, Chr.: Kalkulierte Absurditäten Freiburg: Alber 1991, (Hat die Metapher in der modernen Kommunikation eine Existenzberechtigung? Der Autor entwickelt eine eigene Metapherntheorie, die den 'Skandal der Metapher' gegen gängige Theorien zu bewahren sucht.)
- Teuwsen, Rudolf: Familienähnlichkeit und Analogie. Freiburg/München: Verlag Karl Alber 1988.
- Weinrich, Harald: Sprache in Texten. Stuttgart 1976
- Wetz, Franz Josef: Hans Blumenberg zur Einführung. Hamburg 1993

Siehe auch


- Allegorie
- Analogie
- Anspielung
- Aristoteles
- Poetik (Aristoteles)
- Rhetorik (Aristoteles)
- Bild
- Chiffre
- Erkennen
- Gleichnis
- Rhetorik
- Verstehen

Weblinks


- [http://www.metaphorik.de/ Das online-Journal zur Metaphorik in Sprache, Literatur und Medien]
- Artikel "[http://kommdesign.de/texte/metaphern.htm Über Metaphern]" von Thomas Wirth
- [http://www.rrz.uni-hamburg.de/metaphern/datenbank.html Hamburger Metapherndatenbank]
- [http://www.ruhr-uni-bochum.de/komparatistik/basislexikon/texte/metapher/ Aufsatz] von Monika Schmitz-Emans im Basislexikon Literaturwissenschaft
- [http://www.linse.uni-essen.de/esel/metapher.htm Empirische Untersuchungen zum Metaphernerwerb] von Beatrix Fehse
- [http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000077/ Eine sprachanalytische Theorie der Metapher] von Martin H. Eick
- [http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/rhe_mit_1_5.htm Rhetorische Mittel im Detail] ja:メタファー simple:Metaphor

Literatur

Literatur war bis in das 18. Jahrhundert das Fachwort für Gelehrsamkeit, neueste wissenschaftliche Publikationen, in seltenerer Nebenbedeutung auch für Schriften der griechischen und lateinischen Antike. Das Wort bezeichnet, nachdem Literaturzeitschriften und ihnen folgend Literaturgeschichten im 18. und 19. Jahrhundert erfolgreich neue Diskussionsangebote in diese Richtung machten, im weitesten Sinn die sprachlich fixierte Überlieferung:
- zu ordnen nach den „Literaturen“ der einzelnen Nationen, Regionen und Sprachen,
- genauer zu untersuchen in den zentralen literarischen Gattungen,
- zu verstehen in einem historischen Prozess, der Kultur- und Literaturgeschichte. In der neuen Ausgestaltung übernahm die Literatur im 19. Jahrhundert in den Nationen Rang, den zuvor die Religion als Debatten- und Bildungsgegenstand inne hatte. Ihr Kanon wird im wesentlichen im Gebrauch festgelegt, zu dem sie sich eignen muss: Die Würdigung ihrer „künstlerischen“ Qualität und die Interpretation ihrer Fiktionen stehen seit dem 19. Jahrhundert im Zentrum der Beschäftigung mit Literatur.

Etymologie

Das Wort Literatur ist eine spätere Ableitung des lateinischen littera, der „Buchstabe“. Der Plural litterae hatte dabei die eigenen Bedeutungen „Geschriebenes“, „Dokumente“, „Briefe“, „Gelehrsamkeit“, „Wissenschaft(en)“. Im Französischen und Englischen blieb in lettres und letters die besondere Wortbedeutung „Wissenschaften“ erhalten. Das deutsche Wort Belletristik ging aus dem französischen belles lettres, „schöne Wissenschaften“, „schöne Literatur“ hervor.

Die Literaturbesprechung bestimmt, was Literatur sein soll

Der Prozess, in dem im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Dramen, Romane und Gedichte zu „Literatur“ gemacht wurden (sie hingen vorher unter keinem Wort zusammen), muss unter unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden. Ganz verschiedene Interessen waren daran beteiligt, die „Literatur“ im heutigen Wortsinn zum Gegenstand der Literaturdiskussion zu machen. Die Literaturdiskussion engte ihr Diskussionsthema auf Fiktionen und Poesie ein - sie wuchs im Gegenzug selbst mit dem jetzt viel breiter besprechbaren Gegenstand. Das Gesamt der Wissenschaften beschäftigte sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts - ein gesellschaftsweiter Austausch über Literatur besteht dagegen heute, da Romane, Dramen und Gedichte im Zentrum der Debatte stehen.

Nationale Poesie wird Literatur, wo Gelehrsamkeit Literatur war, 1650-1800

Gedicht Das Wort „Literatur“ ist im wesentlichen ein Wort des sekundären Diskurses (es findet sich auf Titelseiten von Literaturzeitschriften, in den Bezeichnungen von Lehrstühlen und universitären Seminaren der Literaturwissenschaft, in den Titeln von Literaturgeschichten, in Wortfügungen wie „Literaturpapst“, „Literaturkritiker“, „Literaturhaus“, „Literaturpreis“). Das Wort „Literatur“ ist dabei vor allem ein Wort des Streits und der Frage: „Was ist eigentlich Literatur?“. Es gibt eine Literaturdiskussion und sie legt, ununterbrochen auf der Suche nach neuen Themen, neuer Literatur und neuen Literaturdefinitionen fortwährend neu fest, was gerade für „Literatur“ erachtet wird. Sie tat dies in den letzten 300 Jahren mit solchem Wandel ihres Interesses, dass man für das Wort „Literatur“ durchaus keine stabile inhaltliche Definition geben kann. Das große Thema des Austauschs über Literatur waren bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Wissenschaften. In der Praxis des Besprechungswesens reduzierte sich der Blick auf die neuesten wissenschaftlichen Publikationen, die rezensiert wurden. Zwischen 1730 und 1770 wandten sich deutsche literarische Journale bahnbrechend der nationalen der Dichtung zu - im territorial und konfessionell zersplitterten Sprachraum war die Poesie der Nation ein Thema, das sich überregional und mit größten Freiheiten behandeln ließ. Die Gelehrsamkeit (die „respublica literaria“) gewann mit Rezensionen der „belles lettres“, der „schönen Wissenschaften“, der „schönen Literatur“ (so die Dachbegriffe, die man wählte, um diese Werke ungeniert in wissenschaftlichen Zeitschriften anzusprechen zu können), ein wachsendes Publikum. Aus dem modischen Ausnahmefall des Rezensionswesens wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts der Regelfall. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste im Deutschen das Wort „Literatur“ neu definiert werden. „Literatur“ war, hielt man sich vor Augen, was da besprochen wurde, nicht der Wissenschaftsbetrieb, sondern eine textliche Produktion mit zentralen Feldern. „Literatur“ wurde in der neuen Definition:
- im „weiten Sinn“ der Bereich aller sprachlichen und schriftlichen Überlieferung (sie umfaßt mündlich tradierte Epen ebenso wie gedruckte Noten),
- im „engen Sinn“ der Bereich sprachlichen Kunstwerke. Nach der neuen Definition war davon auszugehen, dass sich die Literatur in nationalen Traditionssträngen entwickelte: Wenn sie im Kern sprachliche Überlieferung war, dann mussten die Sprachen und die politisch definierten Sprachräume den einzelnen Überlieferungen Grenzen setzen - Grenzen über die nur ein Kulturaustausch hinweghelfen kann. Ein Sprechen von „Literaturen“ im Plural entfaltete sich an selber Stelle. Für die Nationalliteraturen wurden die nationalen Philologien zuständig. Eine eigene Wissenschaft der Komparatistik untersucht die Literaturen heute in Vergleichen. Die Definition Literatur als „Gesamt der sprachlichen und schriftlichen Überlieferung“ erlaubt es den verschiedenen Wissenschaften, weiterhin in „Literaturverzeichnissen“ ihre eigenen Arbeiten als „Literatur“ zu listen (Fachliteratur). Die Definition im „engen Sinn“ ist dagegen gezielt arbiträr und zirkulär angelegt. Es blieb und bleibt darüber zu streiten, welche Werke als „künstlerische“ Leistungen anzuerkennen sind.

Große Dichtung gegenüber Trivialliteratur: Die Macht der Marktreform, 1680-1800

Das, was zu Literatur gemacht wurde, hing vor 1750 nicht zusammen

Der Markt, aus dem im Lauf des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts die Literatur im neuen Wortsinn gemacht wurde, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts klein. Er wies auf der anderen Seite ein erhebliches Potential auf. Das was Literatur werden sollte, hatte keinen eigenen Oberbegriff. Der kritische Diskurs über Literatur zog nach 1730 aus verschiedenen getrennten Feldern einzelne Gattungen zusammen und machte diese zu den „literarischen“. Erst die Poesie- und Literaturgeschichten, die nach 1750 geschrieben wurden, erweckten den Eindruck, dass die Gattungen, die jetzt zusammenhingen, schon immer zusammenhingen. Eines der Felder, aus dem die Literatur gebildet wurde, war die „Poesie“, von den meisten als die Produktion in Versen defniert. Zu ihr gehörte viel, was nicht Literatur wurde: Im Zentrum stand die Oper, um sie herum gruppierten sich das Oratorium, die Kantate, das Lied und das Ballett im Gattungsspektrum. Auf dem Weg zur Literatur wurde die Poesie bereinigt. Alle musikalischen Bereiche wurden der Musik zugewiesen. Die Poesie sollte sich nach Aristoteles definieren und Tragödien und Epen in Versen Hauptgewicht geben. Die Entscheidung ließ sich nicht ganz durchdrücken. Prosadramen kamen Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Sie orientierten sich am Roman, und damit wurde es unumgänglich, den Roman selbst zur Poesie zu rechnen - obwohl das Prosa in die Poesie brachte. Die Oper und die ihr benachbarten Gattungen wurden jedoch tatsächlich aus der Poesiediskussion erfolgreich ausgeschlossen. Seit dem 17. Jahrhundert gab es, zweiter Kandidat für einen Vorgänger unseres heutigen literarischen Feldes, auf dem Buchmarkt die „belles lettres“, das Feld, das im Deutschen heute mit der Belletristik fortbesteht. Man kann leicht aufzeigen, dass die Literatur und die Belletristik durchaus nicht dasselbe sind. Die Belletristik ist international (es gibt keine nationalen „Belletristiken“, wohl aber nationale „Literaturen“). Die Belletristik hat keinen kritischen sekundären Diskurs (es gibt keine „Belletristikkritiker“, wohl aber „Literaturkritiker“). Die Belletristik ist aktuell selbst in ihren Klassikern (es gibt keine „Belletristikgeschichte“, wohl aber „Literaturgeschichte“) - das sind die drei wichtigsten Unterschiede zwischen Belletristik und Literatur in der Organisationsform. Inhaltliche Unterschieden kamen und kommen hinzu: Zu den „belles lettres“ gehörten im frühen 18. Jahrhundert schlicht alle Publikationen des gehobenen internationalen Geschmacks: Memoires, Reiseberichte, aktuelle Wissenschaft allgemeineren Interesses, Poesie und Historien. Auf dem Gebiet der Historien lag dabei - unter anderem - das Gelände des Romans. Die Literaturkritik (die Kritik der Wissenschaften) wandte sich den „belles lettres“ zu, sie schuf dort ein zentrales Besprechungsfeld: „schöne Literatur“ - sie tat das vor allem mit dem Angebot einer Marktreform.

Der diskutable gegenüber dem undiskutablen Markt

schöne Literatur mit abfallender Produktion, die Zeit der Kriege gegen die Niederlande (1670er) und der Großen Allianz (1689-1712) ab. Mitte des 18. Jahrhunderts setzt ein neues Wachstum mit bald exponentieller Kurve, hinter dem entscheidend der Aufstieg der Belletristik steht.]] Unter 1.500-3.000 Titeln der jährlichen Gesamtproduktion, die um 1700 in den einzelnen großen Sprachen Französisch, Englisch und Deutsch auf den Markt kam, machten die „belles lettres“ pro Jahr 200-500 Titel aus; 20-50 Romane waren etwa dabei. Der Großteil der Buchproduktion entfiel auf die Bereiche wissenschaftliche Literatur und religiöse Textproduktion von Gebetbüchern bis hoch zu theologischer Fachwissenschaft, sowie, wachsend: auf die politische Auseinandersetzung. Zu den Marktentwicklungen eingehender das Stichwort Buchangebot (Geschichte). Die Literatur im heutigen Wortsinn wurde von der Gelehrsamkeit zwischen 1730 und 1770 gezielt in Kritik an den skandalösesten Bereichen des kleinen belletristischen Marktes angeregt. Dort, wo es die skandalöse Oper und den ebenso skandalösen Roman gab, musste etwas Besseres entstehen. Mit größtem Einfluss agierte hier die deutsche Gelehrsamkeit gegenüber ihrem Publikum. Die Tragödie in Versen wurde das erste Projekt des neuen, sich der Poesie zuwendenden wissenschaftlichen Rezensionswesens. Frankreich und England hätten eine solche Tragödie zum Ruhm der eigenen Nation, führte Johann Christoph Gottsched in seiner Vorrede zum Sterbenden Cato, 1731 aus, die den Ruf nach der neuen Poesie begründete, aus der am Ende die neue hohe Literatur wurde. Die Attacke richtete sich (auch wenn Gottsched das nur in Nebensätzen klarstellte, und ansonsten das Theater der Wandertruppen angriff) gegen die Oper, die in der Poesie den Ton angab. Die Oper mochte Musik sein. Die neue, der Oper ferne Tragödie würde, so versprach es Gottsched, auf Aufmerksamkeit (und damit Werbung) des kritischen Rezensionswesens hoffen können, falls sie sich an die poetischen Regeln hielt, die Aristoteles formuliert hatte (und die Gottsched selbst im Vorjahr, 1730, mit der Critischen Dichtkunst in eine aktuelle Fassung gebracht hatte). Die Rückkehr zur aristotelischen Poetik blieb ein Desiderat der „Gottschedianer“. Mit dem bürgerlichen Trauerspiel gewann Mitte des 18. Jahrhunderts ein ganz anderes Drama - eines in Prosa und ohne Helden großer Fallhöhe - die Aufmerksamkeit der Literaturkritik, die nun schon eigene Zeitschriften dem neuen Gegenstand widmete. Der Roman, der mit Samuel Richardsons Pamela or Virtue Rewarded (1740) dem neuen Drama die wichtigsten Vorgaben gemacht hatte, fand im selben Moment das Interesse der neuen Literaturrezension. Ein neuer Poesiebegriff, der auf das Fiktionale und seine tiefere Bedeutung mehr Wert legte, erlaubte es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, den Roman zur Poesie zu rechnen. Die poetischen Werke, die mit den 1730ern geschaffen wurden, um von der Literaturkritik erfasst zu werden, verdrängten nicht die bestehende belletristische Produktion. Der gesamte Markt der Belletristik wuchs mit dem ihm entgegengebrachten Interesse in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Massenmarkt. Die neue, auf die Besprechung zielende Produktion versetzte jedoch die öffentliche Literaturdebatte in die Lage, nach Belieben bestimmen zu können, was öffentlicher Beachtung wert sein sollte und was nicht: Jederzeit kann eine missbräuchliche Benutzung hoher Literatur (der Schlüsselroman war in den 1680ern zunehmend Ort eines privaten Skandalgeschäfts geworden) als Missbrauch des öffentlichen Interesses gebranntmarkt werden. Die Literaturdiskussion beschließt, dass dieser Titel keine weitere Beachtung verdient. Das Besprechungswesen sorgte mit seiner Entscheidungsgewalt über das Medienecho für eine Ausdifferenzierung des belletristischen Sektors:
- „Hoch“, der Besprechung würdig, stand die „wahre“, die „schöne Literatur“ - „Höhenkammliteratur“ so ein späteres deutsches Wort (die Marktdifferenzierung fiel am härtesten in Deutschland aus, wo der Prozess früh einsetzte, hier gibt es darum auch die klareren Begriffe).
- Als „niedrig“ wurde die sich kommerziell verkaufende, undiskutierte belletristische Produktion eingestuft - „Trivialliteratur“ das deutsche abwertende Wort. Für die öffentliche Auseinandersetzung bedeutete die neue Differenzierung eine Wohltat. Im frühen 18. Jahrhundert hatte man Romane, die hochrangigen Politikern Sexskandale andichteten, in wissenschaftlichen Journalen besprochen, falls die politische Bedeutung das erforderte. Man hatte die Informationen schlicht als „curieus“ gehandelt (siehe etwa die [http://www.pierre-marteau.com/resources/novels/texts/1712-atalantis.html Rezension der Atalantis Delarivier Manleys in den Deutschen Acta Eruditorum von 1713]). Kein Gespür für die Niedrigkeit der Debatte bestand da - man ging vielmehr davon aus, dass sich solche Informationen nicht anders verbreiten ließen, als in skandalösen Romanen. Mitte des 18. Jahrhunderts - die neue Mode der Empfindsamkeit kam hinzu - konnte man das „niedere“ zwar nicht vom Buchmarkt verbannen, aber eben aus der Diskussion nehmen. Es mochte einen skandalösen Journalismus beschäftigen, der eines Tages eine eigene Boulevardpresse entwickelte, nicht aber die gehobenen Debatten.

Neue Formen der Literaturbetrachtung sichern die Marktdifferenzierung

Die Literaturdebatte entwickelte auf dem Weg der von ihr angestrebten Marktreform eine besondere Suche nach Verantwortung für die Gesellschaft - und für die Kunst. Sie fragte nach den Autoren dort, wo der Markt bislang weitgehend unbeachtet und anonym florierte. Sie löste Pseudonyme auf und nannte die Autoren gezielt bei ihren bürgerlichen Namen (das war im 17. und 18. Jahrhundert durchaus unüblich, man sprach vor 1750 von „Menantes“ nicht von „Christian Friedrich Hunold“). Die neue Literaturwissenschaft diskutierte, welche Stellung die Autoren in der Nationalliteratur gewannen und legte damit das höhere Ziel der Verantwortung fest. Sie schuf schließlich besondere Fachdiskussionen wie die psychologische Interpretation, um selbst das noch zu erfassen, was die Autoren nur unbewusst in ihre Texte gebracht hatten, doch eben nicht weniger in der literaturwissenschaftlichen Perspektive verantworteten. Rechtliche Regelungen des Autorstatus und des Urheberschutzes gaben demselben Prozess ein zweite Seite. Geschichten der deutschen Literatur offenbaren die Einschnitte des hier knapp skizzierten Geschehens, sobald man die besprochenen Werke auf der Zeitachse verteilt: Mit den 1730er beginnt eine kontinuierliche und wachsende Produktion „deutscher Dichtung“. Die Diskussionen, die seit 1730 geführt wurden, schlagen sich in Wellen von Werken nieder, die in diesen Diskussionen eine Rolle spielten. Vor 1730 liegt dagegen eine Lücke von 40 Jahren - die Lücke des (am Ende von einer Europamode vorangebrachten) belletristischen Marktes, dem die Gründungsväter der heutigen nationalen Literaturdiskussion als „niedrigem“ und unwürdigen ihre Betrachtungen verweigerten. Mit dem „Mittelalter“, der „Renaissance“ und dem „Barock“ schuf die Literaturgeschichtsschreibung des 18. und 19. Jahrhunderts für die Vergangenheit nationale Großepochen, die der Literatur, wie sie heute erscheint, eine (lückenhafte, nachträglich produzierte) Entwicklung geben. Literaturgeschichtsschreibung

Die Literatur als zentraler Gegenstand im nationalen Kulturbetrieb, 1770-1970

Der Streit in der Frage „Was ist Literatur?“, der mit dem 19. Jahrhundert aufkam, und der nach wie vor die Literaturwissenschaft beschäftigt, darf nicht als Beweis gesehen werden, dass die Literaturwissenschaft nicht einmal dies zuwege brachte: ihren Forschungsgegenstand klar zu definieren. Die Literaturwissenschaft wurde selbst die Anbieterin dieses Streits. Darüber, was Literatur sein soll und wie man sie adäquat betrachtet, muss tatsächlich gesellschaftsweit gestritten werden, wenn Literatur - Dramen, Romane und Gedichte - im Schulunterricht, in universitären Seminaren, im öffentlichen Kulturleben als Leistung der Nation gewürdigt wird. Jede Interessengruppe, die hier nicht eigene Perspektiven und besondere Diskussionen einklagt, verabschiedet sich aus einer der wichtigsten Debatten der modernen Gesellschaft. Nach dem Vorbild der Literatur (als dem sprachlich fixierten nationalen Diskursgegenstand) wurden mit der Wende ins 19. Jahrhundert die internationaler verfassten Felder der bildenden Kunst und der ernsten Musik definiert - Felder, die zu parallelen Marktdifferenzierungen führten: Auch hier entstanden „hohe“ gegenüber „niedrigen“ Gefilden: Die hohen sollten überall dort liegen, wo gesellschaftsweite Beachtung mit Recht eingefordert wird. Der Kitsch und die Unterhaltungsmusik konnten im selben Moment als aller Beachtung unwürdige Produktionen abgetan werden. Die Literaturdebatte muss von allen Gruppen der Gesellschaft als Teil der größeren Debatte über die Kultur und die Kunst der Nation aufmerksam beobachtet werden: Sie nimmt mehr als andere Debatten Themen der Gesellschaft auf und sie gibt Themen an benachbarte Diskussionen weiter. Dass sie zum Streit Anlass gibt, ist das Erfolgsgeheimnis der Literaturdefinition des 19. Jahrhunderts: Literatur sollen die Sprachwerke sein, die die Menschheit besonders beschäftigen - das ist zirkulär und arbiträr definiert. Es liegt im selben Moment in der Hand aller, die über Literatur sprechen, festzulegen, was Literatur ist.

Das Textcorpus, das im gesellschaftsweiten Gebrauch das der Religion ersetzen konnte

Ordnung und Fixierung gewann die Literaturdebatte nicht mit der Begriffsdefinition „Literatur“, an der sich der Streit entzündet, sondern mit den Traditionen ihres eigenen Austauschs. Was als Literatur betrachtet werden will, muss sich für einen bestimmten Umgang mit literarischen Werken eignen. Die Literatur entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur weltlichen Alternative gegenüber den Texten der Religion, die bislang die großen Debatten der Gesellschaft einforderten. Die Literaturwissenschaft drang mit ihrem Debattengegenstand - Dramen, Romane und Gedichte - in die Lücke, die die Theologie mit der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ. Dabei bewährten sich bestimmte Gattungen, die „literarischen“, besser als andere –
- Literatur musste, wollte sie Funktionen religiöser Texte übernehmen, öffentlich inszenierbar sein - das Drama war dies,
- Literatur musste intim rezipierbar sein - insbesondere die Lyrik gewann hier Rang als Gegenstand subjektiven Erlebens,
- Literatur - weltliche Fiktionen und Poesie - musste tiefere Bedeutung tragen können, wollte sie einen sekundären Diskurses rechtfertigen; dass sie das konnte zeichnete sich seit 1670 ab (seit dem Pierre Daniel Huet mit seinem Tractat über den Ursprung der Romane als Theologe darauf verwiesen hatte, dass man weltliche Fiktionen und damit den Roman mitsamt der Poesie ganz wie theologische Gleichnisse „interpretieren“ könnte; Huets Vorschlag blieb bis in die 1770er suspekt als fragwürdige Aufwertung von weltlichen Fiktionen),
- Literatur musste einen Streit über ihre Rolle in der Gesellschaft zulassen - das tat die sie, nachdem man Dramen, Romanen und Gedichten schon lange zugestand, dass sie Sitten gefährdeten (oder verbesserten),
- Literatur musste sich im Bildungssystem mit ähnlicher Hierarchie des Expertentums behandeln lassen wie Texte der Religion zuvor, wollte sie nicht ganz schnell beliebig zerredet werden - tatsächlich kann das Bildungssystem jedem Kind abverlangen, eine eigene Beziehung zur Literatur seiner Nation zu entwickeln; gleichzeitig bleibt enorme Expertise notwendig, um Literatur „fachgerecht“ zu analysieren und zu interpretieren, Fachexpertise, die an universitären Seminaren so exklusiv verteilt wird wie in theologischen Seminaren zuvor.

Der pluralistische Austausch

interpretieren Das Material, das im Lauf des 18. Jahrhunderts zu Literatur gemacht wurde, war nur im Ausnahmefall von Literaturzeitschriften (wissenschaftlichen Rezensionsorganen) besprochen worden. Der Austausch über Opern und Romane geschah vor 1750 vor allem in den Theatern und in den Romanen selbst. In den Theatern stritten die Fans über die besten Opern. Man veranstaltete in London Wettkämpfe, bei denen man Themen ausschrieb und die beste Oper prämierte. Im Roman attackierten Autoren einander unter Pseudonymen mit der beliebten Drohung, den Rivalen mit seinem wahren Namen auffliegen zu lassen. Hier griff der sekundäre Diskurs der Literaturkritik um 1750 mit neuen Debattenangeboten ein. Die Literaturdiskussion selbst war zuerst eine rein wissenschaftsinterne Angelegenheit gewesen: Als im 17 Jahrhundert Literaturzeitschriften aufkamen, besprachen in ihnen Wissenschaftler die Arbeiten anderer Wissenschaftler. Das Publikum dieses Streits weitete sich aus, da die Literaturzeitschriften Themen von öffentlichem Interesse intelligent ansprachen und da die Rezensenten sich auf das breitere Publikum mit neuen Besprechungen der „belles lettres“ einließen. Wenn die Wissenschaften Dichter besprachen, gewann ihre Debatte eine ganz neue Freiheit: Fachintern, doch vor den Augen der wachsenden Öffentlichkeit besprach man hier Autoren, die außerhalb der eigenen Debatte standen. Man konnte mit ihnen weit kritischer umgehen als mit den Kollegen, die man bislang im Zentrum rezensierte. In dem Maße, in dem die Wissenschaften ihren ersten Besprechungsgegenstand (ihre eigene Arbeit) zugunsten des neuen (Poesie der Nation) aufgaben, öffneten sie die Literaturdebatte der Gesellschaft. Die Literaturdiskussion agierte fortan gegenüber mindestens drei Teilnehmern: gegenüber dem Publikum, das die Literaturdebatte verfolgt und vieldiskutierte Titel mit Bereitschaft kauft, die Diskussionen fortzusetzen; zweitens gegenüber den Autoren, die nun als die Verfasser von „Primärliteratur“ dem „sekundären Diskurs“ beliebig distanziert gegenüberstehen können. Der Austausch gewann an Komplexität, als im 19. Jahrhundert die Nation ein eigenes Interesse an der neuformulierten Literatur entwickelte. Die Nationalliteratur ließ sich an Universitäten und Schulen zum Unterrichtsgegenstand machen. Der Nationalstaat bot der Literaturwissenschaft eigene Institutionalisierung an: Lehrstühle an Universitäten. Die nationalen Philologien wurden eingerichtet. Literaturwissenschaftler wurden berufen, um für Kultusministerien die Lehrpläne zu erstellen, nach denen an den Schulen Literatur zu besprechen ist; sie bilden die Lehrer aus, die Literatur bis in die unteren Schulklassen hinab diskutieren. Die Verlagswelt stellte sich auf den neuen Austausch ein. Kommt ein neuer Roman auf den Markt, schickt sie komplett vorgefasste Rezensionen mit Hinweisen auf die Debatten, die dieser Roman entfachen wird, an die Feuilleton-Redaktionen der wichtigsten Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender. Die Autoren veränderten ihre Arbeit. Mit den 1750ern kamen ganz neue Dramen und Romane auf: schwergewichtige, schwerverständliche, die gesellschaftsweite Diskussionen entfachen müssen. Romane und Dramen wurden in ganz neuem Maße „anspruchsvoll“ - Anspruch auf öffentliche Würdigung ist das neue Thema. Um mehr Gewicht auf Debatten zu gewinnen, wurde es unter den Autoren Mode, Dramen, Romane und Gedichte in epochalen Strömungen zu verfassen, Schulen zu gründen, die einen bestimmten Stil, eine bestimmte Schreibweise (die „realistische“, die „naturalistische“ etc.), eine bestimmte Kunsttheorie (die des „Surrealismus“, die des „Expressionismus“) verfochten. Autoren, die sich auf eine solche Weise verorten, werden, wenn die Aktion gelingt, als bahnbrechende besprochen, wenn sie zu spät auf den falschen Zug aufspringen, werden sie von der Kritik als „Epigonen“ gebranntmarkt. Dieses gesamte Spiel kennt kein Pendant vor 1750. Die meisten Stilrichtungen, die wir (wie das „Barock“ und „Rokoko“) vor 1750 ausmachen, sind erst später geschaffene Konstrukte, mit denen wir den Eindruck erwecken, dass Literatur schon immer Debatten fand, wie sie sie seit dem 19. Jahrhundert findet. Rokoko Die Autoren organisierten sich in Assoziationen wie den P.E.N.-Club international. Sie formierten Gruppen wie die „Gruppe 47“ und Strömungen. Mit Manifesten begannen sie, dem sekundären Diskurs Vorgaben zu machen. Im Einzelfall ließen sie sich auf Fehden mit Literaturpäpsten ein, um auf direktestem Weg die Literaturdiskussion auf sich zu ziehen. Autoren nehmen Literaturpreise an oder sie schlagen, wie Jean Paul Sartre den im verliehenen Nobelpreis für Literatur, im öffentlichen Affront aus. Sie halten Dichterlesungen in Buchhandlungen - undenkbar wäre das im frühen 18. Jahrhundert gewesen. Sie begeben sich in den „Widerstand“ gegen politische Systeme, sie schreiben Exilliteratur aus der Emigration heraus. Mit all diesen Interaktionsformen gewann der Austausch über Literatur eine Bedeutung, die der Austausch über die Religion kaum hatte (geschweige denn der Austausch über Literatur im alten Wortsinn oder über Opern und Romane vor 1750). Das brachte eigene Gefahren mit sich. Die Literaturwissenschaft und der von ihr ausgebildete freiere Bereich der Literaturkritik in den Medien sind erheblichen Einflussnahmen der Gesellschaft ausgesetzt. Die Gesellschaft klagt neue Debatten ein, fordert neue politische Orientierungen, erzwingt von der Literaturkritik Widerstand oder Anpassung. Es gibt in der pluralistischen Gesellschaft in der Folge eine feministische Literaturwissenschaft wie eine marxistische, oder (scheinbar unpolitischer) eine strukturalistische und so fort. Eine Gleichschaltung der Gesellschaft, wie sie das Dritte Reich durchführte, greift konsequenterweise gezielt zuerst in den Literaturbetrieb ein. Die institutionalisierte Literaturwissenschaft lässt sich sehr schnell gleichschalten, Lehrstühle werden neu besetzt, Lehrpläne bereinigt, Literaturpreise unter neuen Richtlinien vergeben. Die Gleichschaltung der Verlagswelt und der Autorenschaft ist die schwierigere Aufgabe der Literaturpolitik, der totalitäre Staaten zur Kontrolle der in ihnen geführten Debatten große Aufmerksamkeit schenken müssen.

Rückblick

Literaturpolitik. Nach dessen Abriss neugegliedert: Rechts, düster: das neue Nationaltheater. Im Bildmittelpunkt, mit neuer Front und neuen Herrschaftsräumen: die Residenz (nicht erkennbar hinter den Fenstern des Neuanbaus, die Räume mit den neuen Bildprogrammen: im oberen Stockwerk neben der Antike die neue Deutsche Literatur von Goethe, Schiller und Bürger, unten die neuentdeckte mittelalterliche Literatur mit den großen Fresken zum Nibelungenlied).]] Warum die Nation überhaupt ein solches Interesse am pluralistischen und jederzeit kritischen Gegenstand „Literatur“ und den Debatten nationaler „Kunst“ und „Kultur“ entwickelte? Europas Nationen antworteten mit der Einführung nationalstaatlicher Bildungssysteme und der allgemeinen Schulpflicht - durchaus auch - auf die Französischen Revoltion. Wer aufsteigen wollte, sollte, so das Versprechen, das jede weitere Revolution erübrigen musste, es in der Nation beliebig weit bringen können - vorausgesetzt, er nutzte die ihm angebotenen Bildungschancen. In der Praxis blieben Kinder unterer Schichten bei aller Chancengleichheit finanziell benachteiligt. Weit schwerer wog für sie jedoch, was sie an Erfahrungen frühzeitig in all den Schulfächern machten, in denen die neuen Themen angesagt waren: Wer in der Gesellschaft aufsteigen wollte, würde seinen Geschmack ablegen müssen. Er w