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| Erleben |
ErlebenDie aufnehmende, passive Seite unseres Lebens, im Unterschied zur erschaffenden, handelnden Seite. Umfasst äußeres, körperliches und inneres Wahrnehmen.
Unser Erleben ist individuell und einzigartig: Niemand erlebt in diesem Moment vollständig dasselbe wie du oder Sie, der du gerade diesen Artikel liest.
Dennoch ist unser Erleben allgemeingültig anhand von Bereichen beschreibbar.
Die 10 Bereiche unseres Erlebens
Mit unseren 5 Elementar-Sinnen nehmen wir unsere äußere Welt wahr. Unseren materiellen Körper erleben wir äußerlich über die Elementar-Sinne, innerlich über die Impulse vieler weiterer Nervenzellen. In unserer inneren Welt erleben wir Denken, Wollen und Fühlen. Unser Spüren verbindet diese drei Welten des Erlebens und auch uns mit unseren Mitmenschen, Wesen und der uns umgebenden Natur.
Sehen
Licht wird von den Objekten unserer äußeren Welt reflektiert und in unserem Sehsinn verarbeitet. Farbe ist ein Sinneseindruck und existiert nicht in unserer äußeren Welt. Wir sehen die uns umgebenden Dinge und Wesen als Feld von Lichtimpulsen unterschiedlicher Wellenlängen. (siehe Visuelle Wahrnehmung)
Hören
Schallquellen bringen die Moleküle des uns umgebenden Äthers in Schwingung. Unsere Ohren nehmen diese Druckschwingung auf. (siehe Auditive Wahrnehmung)
Riechen
Die Sinneshäarchen unserer Riechschleimhaut registrieren die Moleküle, die wir mit der Luft in unsere Nasenhöhle ziehen. (siehe Geruch)
Schmecken
Die Geschmacksknospen in unserem Mund registrieren, wie beim Riechen, gelöste Moleküle. (siehe Gustatorische Wahrnehmung)
Tasten
Unsere Haut ist ebenfalls ein Sinnesorgan. Dicht unter ihrer Oberfläche liegen Sensoren, die Druck und Temperatur registrieren und damit beim Berühren die Konturen von Objekten. (siehe Haptische Wahrnehmung)
Körperliches Empfinden
Unser gesamter Körper ist von Nervenzellen und -bahnen durchzogen. Über dieses System nehmen wir Körpertätigkeiten und -zustände wahr. Beispiele für rein körperliche Empfindungen sind: Gleichgewicht, Schmerz, Schwindel, Steifheit, Völle, Brennen und Hunger.
Wollen
Mal wollen wir, mal wollen wir nicht, mal ist es uns egal. In jedem Moment zeigt unser Wollen Zustimmung, Ablehnung oder Enthaltung an. Unser Wollen und Nicht-Wollen kann dabei unterschiedliche Stärken annehmen. Eine Haltung ist ein anhaltender Willensausschlag in eine Richtung.
Denken
Unsere Gedanken sind Informationen. Wir erleben sie in Form von inneren Bildern, in akustischer Form als innerer Klang, Geräusch, Stimme oder formlos als "Standardstimme im Kopf". In manchen Momenten ist unser Denken still.
Fühlen
Wir haben in jedem Moment eine Stimmung: hoch ("gute Stimmung"), tief ("schlechte Stimmung"), mittel oder irgendwo dazwischen. Unsere Stimmung existiert in uns neben unserem Denken und ist ein Aspekt unseres Fühlens. Beispiele für Färbungen unseres Gefühls sind: Angst, Wut, Freude, Leiden, Traurigkeit und Liebe. Wir empfinden in jedem Moment ein Gemisch aus diesen Grundgefühlen, vergleichbar mit einer speziellen Farbe aus dem gesamten sichtbaren Farbraum. Nicht immer sind wir uns unseres Fühlens bewusst: So können wir z.B. wütend sein, ohne dieses selber zu registrieren.
Spüren
Auch unsere Mitmenschen haben Gefühle und Willensausschläge. Wir erleben deren Ausdruck über unsere Sinne. Zudem können wir fremde Gefühle und willentliche Haltungen spüren.
Unser Spüren ist in jedem Moment aktiv, die meisten Menschen erleben es überwiegend unbewusst.
Mit unserem Spüren registrieren wir die Ausstrahlung eines Mitmenschen, eines Ortes und auch die unseres eigenen Körpers.
Diese 10 Bereiche beschreiben unser Erleben vollständig.
Test: Was würden Sie noch erleben, wenn Sie alle Eindrücke Ihrer 5 Sinne, Ihr körperliches Empfinden, Ihr Wollen, Denken, Fühlen und Spüren ausschalten würden!?
Das Erleben und Verhalten als Grundbegriffe der Psychologie
Das Erleben bezeichnet subjektiv repräsentierte Zuständlichkeiten, die allein oder in Verbindung mit äußerlich beobachtbaren Verhaltensweisen auftreten.
Der Begriff des Erlebens ebenso wie der Verhaltensbegriff zählen zu den allgemeinsten Begriffen der Psychologie. Verschiedentlich wird das Erleben und Verhalten als Gegenstand der Psychologie bestimmt. Problemgeschichtlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Erlebensbegriff und der Verwendung des Bewusstseinsbegriffes.
Zu Bewusstseinsinhalten als Umschreibung des Erlebens
Köhler definiert das Bewusstsein als das Insgesamt der phänomenalen, d.h. der anschaulichen, der erlebten Welt. Wolfgang Metzger unterscheidet das
- Befindlichkeitsbewusstsein (Emotionen, Stimmungen, Strebungen, Affekte)
- Innenbewusstsein (das Vergegenwärtigte)
- Außenweltbewusstsein (das Angetroffene, das Begegnende)
Die introspektive Analyse der Erlebens war das Anliegen der historischen Bewusstseinspsychologie. Es wurde versucht, den Aufbau des Bewusstseins aus Bewusstseins-, d.h. Erlebniselementen zu erklären, die von Wilhelm Wundt als anschauliche Elemente, von den Vertretern der Würzburger Schule (K. Bühler, Külpe u.a.) als unanschauliche Elementareinheiten angenommen wurden.
Zur Anschauung des Erlebens durch die Gestaltpsychologen
Gegen die Elementenhypothese wandten sich die Vertreter der Gestaltpsychologie mit der Annahme der gestalthaften Organisation der Erlebniswelt als letztem, nicht weiter reduzierbarem psychischen Sachverhalt. Als nicht zum Gegensatnd der Psychologie gehörend, da das Erfahrbare transzendierend und wissenschaftlich nicht erkennbar ist (Watson), wurde das Erleben in behavioristischen Konzepten eliminiert.
Eine philosophisch-methodologisch formulierte Überwindung der Verabsolutierung entweder der Erlebens- oder der Verhaltenskomponente psychischen Geschehens findet sich bei Rubinstein. Er bestimmt das Erleben (das Innesein und das Persönliche des Wissens) und Verhalten (Bewusstseinsexternalisierung) als zwei Momente des tätigkeitsregulierenden Bewusstseins.
Einige Aspekte der Informationsverarbeitung als Erlebnis-Tätigkeit
In der modernen Psychologie, die zunehmend von dem Prinzip ausgeht, das von Klix als Dialektik von Information und Verhalten formuliert wurde, wird das Erleben als ein Aspekt der organismischen menschlichen Informationsverarbeitung aufgefasst. Die Prozesse der Informationsverarbeitung sind die Trägerprozesse, unter anderem des Erlebens.
Forschungsmethodisch setzt sich die Auffassung durch, daß die inneren Erlebnisse, das Verhalten und die durch die Tätigkeit erzeugten Produkte als Aspekte des Gegenstandes der Psychologie drei legitime und notwendige Zugänge zur Erkenntnis des Psychischen markieren.
In diesem Sinne wird unter anderem die streng kontrollierte Objektivierung von Erlebnistatbeständen, z.B. in den Untersuchungen einerseits von Newell und Simon und andererseits von Paige und Simon eine wichtige, methodisch erschließbare Erkenntnisquelle der Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Informationsverarbeitung. Nicht die Untersuchung eines Erlebnisses schlechthin, sondern die Erfassung des Erlebnisses definerter Informationen ermöglicht die Prüfung von Hypothesen über spezifische Verarbeitungsleistungen.
Die Skalierung von Erlebnistatbeständen in Abhängigkeit von äußeren Reizen oder auch die Skalierung von Beziehungen der Erlebnistatbestände untereinander ist Gegenstand der Psychophysik.
Weblinks
- [http://www.jahnna.de/jerli.php jahnna.de] Beispiele, Tests und ausführliche Beschreibungen zum äußerlichen, körperlichen und inneren Erleben
Siehe auch:
Erlebnisreaktion, Erlebnisverarbeitung, Selbstwerterleben
Kategorie:Psychologie
Visuelle WahrnehmungVisuelle Wahrnehmung (Sehen) ist die Wahrnehmung von Objekten auf Grund der Reizung durch Lichtstrahlen, die von den Objekten ausgesandt, gebeugt oder reflektiert werden.
Neurobiologische Betrachtung der visuellen Wahrnehmung
Strahlenbrechung: Das Auge enthält ein Linsensystem, das alle von einem Punkt ausgehende Strahlen auf einen Punkt der Netzhaut ("Retina") zusammenführt und so auf dieser ein umgekehrtes Bild der Umwelt projiziert. Am stärksten lichtbrechend ist die Hornhaut (Cornea) zur Veränderung der Brennweite läßt sich die dahinter liegende Linse verformen. Kurzfristige Änderungen der Lichtintensität können durch eine Veränderung der Pupillengröße durch eine Veränderung der Iris ausgeglichen werden. Bei längerfristiger Änderung der Lichtverhältnisse kommt es zu einer Anpassung der Photorezeptoren an die mittlere Leuchtintensität (Adaptation). Das Licht unterschiedlicher Wellenlängen wird unterschiedlich stark gebrochen (chromatische Aberration), weshalb sich das Auge stets auf die Brennweite für grünes Licht einstellt und Farben räumlich zunächst nur sehr grob ausgewertet werden.
Netzhautvorgänge
In den lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut befinden sich in der Membran G-Protein gekoppelte Rezeptorproteine, die Rhodopsin-Moleküle, die aus aus Vitamin A (Retinal) und einem Proteinanteil (Opsin) bestehen. Fällt ein Photon auf das am C-Atom 11 geknickte Vitamin-A-Molekül (11-cis-Retinal) klappt dieses auf und wird gerade (all-trans-Retinal). Der Proteinanteil verändert seine Konformation und aktiviert in den Photorezeptoren das Transducin, ein G-Protein. Dieses löst eine signalverstärkende Enzymkaskade aus, bei Vertebraten hyperpolarisiert die Rezeptormembran, bei Evertebraten depolarisiert die Photorezeptormembran, das ende der visuellen Signaltransduktionskaskade ist erreicht. Dieses elektrische Signal wird von den weiteren Zellen der Retina ausgewertet. Das Signal wird dabei in der Retina horizontal und vertikal weitergeleitet. Horizontal regulieren Horizontalzellen und Amakrine-Zellen das Signal, vertikal wird es von Bipolarzellen an die Ganglienzellen weitergeleitet.
Die Ganglienzellen sind Neurone, deren Axone den Sehnerv bilden. Da die Retina von Vertebraten evers gebaut ist, die Photorezeptoren also vom Licht abgewendet sind, müssen die Axone der Ganglienzellen durch einen Punkt, den Blinden Fleck, das Auge als Sehnerv verlassen.
Schon auf der Retina wird das Signal der Photorezeptoren ausgewertet. So sorgen am Photorezeptor schon die Horizontalzellen für eine Kantenverstärkung durch die laterale Inhibition. Der zentrale Bereich der Retina ist außerdem räumlich höher aufgelöst, nur hier hat jeder Photorezeptor eine eigene Ganglienzelle. Im Durchschnitt kommen auf jede Ganglienzelle etwa 300 Photorezeptoren, in der Peripherie der Retina kann das Verhältnis bis zu 3000 Photorezeptoren pro Ganglienzelle betragen, weshalb man von dendritischen Feldern sprechen muss.
laterale Inhibition
Die Fasern der Sehnerven der beider Augen werden im Chiasma opticum so geteilt, dass die Information der linken und rechten Hemisphäre jeweils in das linke und rechte Gehirn weitergeleitet werden. Der so geteilte Sehnerv wird als Tractus opticus bezeichnet und übermittelt die Information in das Mittelhirn (Mesencephalon) in den jeweiligen Colliculus superior und das Corpus geniculatum lateralis (CGL). Vom CGL aus strahlen die Sehstrahlen (Radiatio optica) in den primären visuellen Kortex (V1) aus. Einige Zellen des CGL strahlen auch direkt in höhere Gehirnareale aus, wie das für die Bewegungserkennung zuständige visuelle Kortexareal V5 (auch mediotemporaler Kortex oder kurz MT genannt) - diese Signale dienen vermutlich zur direkten Kontrolle der Bewegungswahrnehmung. Abhängig von der Größe der Zellkörper im CGL spricht man auch vom magnozellulären (groß) und parvozellulären (klein) Verarbeitungsweg. Beide Wege haben unterschiedliche Funktionen und haben unterschiedliche Ganglienzelltypen (M- und P-Ganglienzellen, in der Literatur werden die P-Zellen midget ganglion cells, die M-Zellen parasol ganglion cells genannt). Die bei Säugetieren gefundenen W-Zellen lassen sich bei Primaten nicht nachweisen. Bisher wird angenommen, dass die großen Zellkörper vor allem für Bewegungswahrnehmung und Objektlokalisation, die kleinen vor allem für Beschaffenheit, Struktur und Farbe zuständig sind. Im CGL wurde inzwischen, zusätzlich zum magnozellulären und parvozellulären Verarbeitungsweg, ein dritter Verarbeitungsweg gefunden. Wegen der nur kleinen, vereinzelt zwischen den Schichten vorkommenden Zellen bezeichnet man ihn als den koniozellulären Verarbeitungsweg (von griechisch konios, Staub). Er dient wohl zur Verifizierung und Falsifizierung der in V1 bis V3 gewonnenen Informationen des magno- und parvozellulären Weges und ist daher direkt mit höheren Hirnarealen verschaltet (z. B. mit V5 für das Bewegungssehen).
Kortikale Verarbeitungsströme
Im visuellen Kortexareal V1 wird vor allem eine Kantenerkennung durchgeführt. Diese Informationen werden in das Areal V2 und V3 des visuellen Kortex weitergeleitet. Ab hier teilen sich die Verarbeitungswege in einen parietalen (entlang des Scheitels zentral nach vorne) und einen temporalen (zur Schläfe hin gerichteten) Verarbeitungsstrom. Diese haben unterschiedliche Funktionen. So dient der Verarbeitungsstrom zur Schläfe hin gerichtet vor allem der Objekterkennung (daher auch Was-Strom genannt), der am Scheitel entlang laufende Verabeitungsstrom der Bewegungs- und Entfernungsbestimmung (daher auch Wo-Strom genannt). Durch diese parallele Verarbeitung wird eine enorm hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit erreicht. Innerhalb von nur 150ms ist die gesamte Objekterkennung abgeschlossen, was zeitlich (nach der Phototransduktion) auf lediglich 5-10 neuronale Verarbeitungsschritte schließen läßt. Beide Verarbeitungsströme treffen im Stirnlappen erneut zusammen, womit die visuelle Wahrnehmung durch eine Objektkategorisierung und eine räumliche Bestimmung (Größe, Entfernung, Bewegung) abgeschlossen wird. Das Sehen eines Objektes erfolgt also zeitgleich mit seiner Wahrnehmung! Entlang dieser kortikalen Verarbeitungswege wird die räumliche Anordnung der retinalen Ganglienzellen (Retinopie) immer weiter zugunsten von hochspezialisierten Zentren hin verlassen. V1 und V2 sind annähernd noch vollständig retinop aufgebaut. In den höheren Kortxarealen hingegen gibt es hochspezifische Zellen, die zum Beispiel nur auf das Vorhandensein von Händen, Tieren oder Gesichtern reagieren, unabhängig davon, wo diese Objekte sich im Sehfeld befinden.
feed-back-Schleifen
Wird ein zuvor unbekanntes Objekt wahrgenommen, wird der feiner aufgelöste Bereich der Augen (die Fovea centralis) darauf gerichtet und das Objekt optisch abgetastet. Hat bereits eine Kategorisierung stattgefunden, wird das Objekt sofort erkannt (Perzeption) und auch die Wahrnehmung selber wird diesem Objekt angepaßt. Dies geht sogar soweit, dass Kantenwahrnehmung von Scheinkanten, also nicht vorhandenen Kanten, auch im visuellen Kortexareal V1 stattfindet, tatsächlich vorhandene Kanten hingegen dort dann nicht mehr ausgewertet werden.
Handelt es sich hingegen um ein völlig unbekanntes Objekt, wird es genauer betrachtet und dann einer passenden Kategorie hinzugefügt (Apperzeption). Ist eine solche Einteilung erfolgt, findet nur noch eine Perzeption statt. Bei einer Fehlbeurteilung dauert es daher recht lange, bis eine korrigierende Wahrnehmung möglich ist.
Limitierungen
Die tatsächliche, physikalische Auflösung eines Auges ist auf wenige Bogensekunden begrenzt. Durch die neuronale Fusion beider Bilder beim stereoskopischen Sehen wird tatsächlich eine wesentlich höhere Auflösung wahrgenommen (etwa um Faktor 10 besser), als sie der Bauplan des Auges erahnen läßt. Diese Überauflösung (engl. hyperacuity) hat mehrere Ursachen, wie die neuronal feinere Auflösung im V1 und die langsamen Augenbewegungen (drift).
Die schnelle Auswertung der Signale der Photorezeptoren und die Retinopie bis in den visuellen Kortex führt auch häufig zu optische Täuschungen. Die Farbwahrnehmung entspricht der Standard-Farbwahrnehmung aller Wirbeltiere (Farbkreis), obwohl diese eigentlich für vier verschiedene Photorezeptoren ausgelegt zu sein scheint.
Verknüpfungen der visuellen Wahrnehmung mit anderen Wahrnehmungen
Die Verknüpfung der visuellen Wahrnehmung mit anderen Wahrnehmungen geschieht über jeweils eigene Hirnareale. So werden akkustische Wahrnehmungen vermutlich über den Colliculus inferior mit der visuellen Wahrnehmung verknüpft. Zur Ermittlung der Lotrechten wird neben der Information des Innenohres auch der wahrgenommene Horizont verwendet. Daher "ziehen" Abgründe den Betrachter an, da eine aus beiden Informationen gemittelte Lotrechte wahrgenommen wird.
Psychologische Betrachtung der visuellen Wahrnehmung
Physikalisch-chemische Stufe
Dieser 1. Stufe werden diejenigen energetischen (physikalischen und chemischen) Prozesse zugerechnet, die in Beziehung zur visuellen Wahrnehmung stehen, aber auch außerhalb der visuellen Wahrnehmung vorkommen und Bedeutung haben.
Physische Stufe
Der 2. Stufe werden diejenigen materiellen Prozesse zugerechnet, die nicht nur energetischer Natur sind, sondern auch noch nicht-energetische Funktionen erzeugen, das sind solche, die nur in Lebewesen vorkommen und für diese von Bedeutung sind. Jede dieser spezifischen Funktionen ist an spezifische Materie gebunden, ist abhängiges Korrelat "ihrer" Körpermaterie. Diese "Körperfunktionen" entwickeln sich zusammen mit "ihren" Körpermaterien.
Die Netzhaut befindet sich auf der rückseitigen Innenseite des Augapfels; auf ihr sind Millionen einzelner lichtempfindlicher Zellen - Photorezeptoren - in einer halbkugelförmigen Schicht angeordnet. Die lichtchemische Zersetzung der im Rezeptor enthaltenen Substanz löst einen elektrischen Impuls aus, eine "neuronale Erregung", ein "Signal", das auf nachgeschaltete Zellen weitergeleitet wird, die ihrerseits ihre Erregungen in einem hierarchischen Prozess an bestimmte Gebiete des Gehirns weiterleiten. Diese Vorgänge und ihre hierarchische Struktur werden seit Mitte des 20. Jahrhunderts intensiv von der Neurophysiologie erforscht, anfangs vor allem von David Hubel und Thorsten Wiesel, die für ihre bahnbrechenden Ergebnisse den Nobelpreis erhalten haben.
Es gibt zwei Typen von Photorezeptoren: Stäbchen und Zapfen. Die Stäbchen vermitteln das Hell-Dunkel-Sehen, die Zapfen das Farbensehen. Zapfen sprechen auf Rot-, Grün- oder Blau-Empfindung vermittelnde Wellenlängen an. Bei der menschlichen Wahrnehmung unterscheidet man peripheres Sehen und foveales Sehen. Jenes dient mit Hilfe vor allem der Stäbchen dem zwar unscharfen, aber hoch-lichtempfindlichen Dämmerungssehen (Nachtsehen), dieses dem "scharfen" Sehen, denn die "Fovea", das zentrale Gebiet der Retina, in dem sich der Objektbereich um den Blickpunkt herum abbildet, enthält nur Zapfen, und zwar in großer Dichte. Die Zapfen dienen vor allem dem Tagessehen, denn sie sprechen nicht auf geringe Lichtintensität an; deswegen kann man nachts keine Farben wahrnehmen. Aus der unterschiedlichen spektralen Empfindlichkeit der Stäbchen und Zapfen ergibt sich der so genannte Purkinje-Effekt: das menschliche Auge ist im Bereich des Nachtsehens (das heißt in dunkeladaptiertem Zustand, also bei geringer Beleuchtungsstärke) blauempfindlicher als beim Tagsehen. Darüber hinaus verlangsamt sich beim dunkeladaptierten Auge die Reizverarbeitung, der Seheindruck wird "träger", diese physiologische Besonderheit bewirkt den Pulfrich-Effekt.
Psychische Stufe
Der 3., der psychischen, Stufe gehören Funktionen an, die auf Körperfunktionen aufbauen, selbst aber keine spezifischen Funktionen spezifischer Körpermaterien sind, dafür aber ihrerseits etwas Neues erzeugen: (subjektives) "Erleben", hier: visuelles Wahrnehmungserleben, visuelle Perzepte. Während bereits den Funktionen der energetische Aspekt fehlt, fehlt dem Erleben auch noch der räumliche Aspekt. Erleben hat keinen Ort und ist auch nicht räumlich strukturiert. Nur der Inhalt des Wahrnehmungserlebens ist meistens räumlich strukturiert, nicht aber das Erleben selbst. Diese höhere Art von Funktionen kann man von den Körperfunktionen als "psychische Funktionen" abgrenzen. Die von ihnen produzierten und von ihnen abhängigen Korrelate sind spezifische "Psychische Bewusstseine", hier: visuelle Perzepte.
Wahrnehmungserlebnisse und ihre Bedingungen sind ein von der Wahrnehmungswissenschaft weitgehend unerforschtes Gebiet. Neurobiologen untersuchen den Verlauf neuronaler Erregungen und damit der an die Körpermaterie "Neuron" geknüpfte Körperfunktionen. Sie stellen zwar fest, dass sich bei Reizung bestimmter Neuronenklassen von Tieren mit menschenähnlichem visuellen System bestimmte Wahrnehmungsleistungen einstellen, die beim Menschen bestimmten Erlebnissen entsprechen dürften. Aber sie verstehen Wahrnehmung als rein biologischen, körperlichen, Vorgang, so dass selbst Hubel noch 1995 eingestehen mußte:
"Wir sind weit davon entfernt, die Wahrnehmung von Objekten, selbst von so einfachen wie Kreisen, Dreiecken oder dem Buchstaben A, zu verstehen - ja, wir vermögen nicht einmal plausible Hypothesen darüber aufzustellen" (S. 228).
Von der Berliner Gestaltpsychologie wurde eine Unmenge von vor allem visuellen Wahrnehmungserlebnissen zutage gefördert (siehe Metzger 1953), aber auch ihre Vertreter glaubten, die von ihnen untersuchten Phänomene mit körperlichen Vorgänge von "isomorpher" Gestalt erklären zu können, ja, sie reduzierten diese sogar noch auf rein physikalische Vorgänge, nämlich elektrische Ströme. Sie scheiterten mit ihrem Erklärungsversuch. Die Leipziger Gestaltpsychologien entdeckten und beschrieben die stufenweise Entwicklung visueller Perzepte, angefangen von diffusen ganzheitlichen "Flecken" über eine Reihe von "Vorgestalten" steigender Differenziertheit bis hin zum volldifferenzierten Perzept, der "Endgestalt". Aber eine Erklärung dieser Aktualgenese des Sehens fanden sie nicht, suchten nach ihr auch gar nicht, obwohl sie mit ihrem Struktur-Begriff einen erlebensjenseitigen "Ort" für die Bedingungen des Erlebens konzipiert hatten. Auch die vielfältigen moderneren Versuche der Erklärung visueller Wahrnehmung haben nicht zu einer plausiblen Theorie geführt.
Angenommen, man verwendet als Reizmuster ein schwarzes Rechteck von 4 cm Breite und 2 cm Höhe. Dann erlebt man auf der psychischen Stufe nur eben dieses schwarze Etwas auf weißem Grund und nichts mehr. Würde man auf dieser Stufe dieses Erleben verbal beschreiben können, was man aber nicht kann, dann würde man etwa sagen, und so etwa lautet auch die Beschreibung durch die ETVG, wobei die in Klammern zugefügten Symbole die Gestaltqualitäten in ihren Plus-Minus-Polaritäten bezeichnen:
"Da ist (Pml) eine homogene (Gml-) schwarze längliche (E+) Figur (Fl+) in einem homogenen weißen Umfeld (Fl-). Die Figur hat vier (Q4) gerade (S+) und scharfe (Gml+) Konturen (Ll+), durch die sich die helligkeitsunterschiedlichen (Dm+) Felder (Ll-) voneinander abgrenzen. Die zwei nicht aneinander stoßenden Konturen, die nah (Dl-) beieinander stehen, sind horizontal (H) orientiert (O), gleichlang (M+) und einander parallel (R-). Die zwei nicht aneinander stoßenden Konturen, die weit voneinander stehen (Dl+), sind vertikal (V) orientiert (O), gleichlang (M+) und einander parallel (R-). Die aneinander stoßenden Konturen bilden rechte Winkel (R+) und sind ungleich lang (M-)."
In dieser Beschreibung können allein "schwarz" (dunkel) und "weiß" (hell) als angeborene Sinnesqualitäten der 2. Stufe angesehen werden; sämtliche mit Symbolen gekennzeichneten Wörter bezeichnen Gestaltqualitäten erlernter Gestaltfunktionen der 3. Stufe. Die Beschreibung mit Worten (ohne Symbolnennung) dauert etwa 30 Sekunden; die Wahrnehmung selbst erfolgt in etwa 1/10 Sek.
Die kognitive Verarbeitung des visuellen Perzepts
Diese 4. Stufe ist von der 3. Stufe ebenso klar unterscheidbar wie die 3. von der 2. Stufe. Wahrnehmungserleben geschieht ausschließlich in der 3. Stufe, fußend auf der 2., und diese fußt auf der 1. Stufe. Erst in der 3. Stufe entsteht "Bewusstsein". Dieses hat allerdings die Form des "schlichten Bewusstsein" (Lersch), es ist reines Objektbewusstsein, Wahrnehmungsbewusstsein, Wahrnehmungserlebnis. In der 4., der "mentalen", Stufe finden andere, ebenfalls bewusste, Vorgänge statt, aber es sind "geistige" oder "mentale" Vorgänge. Diese sind also nicht selbst Wahrnehmungsvorgänge, sondern, wenn sie schon "irgendwie" mit Wahrnehmung zu tun haben, dann in der Weise, dass das Wahrgenommene Bezugssystem für sie ist. Dabei wird das Objektbewusstsein (der 3. Stufe) selber bewusst. Geistiges Bewusstsein ist Bewusstsein höherer Art; es befindet sich eine Hierarchiestufe über dem Objektbewusstsein.
Die einfachste Form des Bewusstseins der 4. Stufe ist das Erkennen. In obigem Beispiel kann das Reizmuster als "liegendes Rechteck" bezeichnet werden. Man nimmt aber auf der 3. Stufe nicht ein "liegendes Rechteck" wahr, sondern nur jenes Etwas, wie oben beschrieben. "Liegendes Rechteck" ist keine Wahrnehmung, sondern eine Erkennung (4. Stufe): wir haben in der Schule gelernt, dass ein Ding, das so aussieht, als "Rechteck", oder gar, wenn man bei der Benennung die horizontale Orientierung der längeren Kanten mitberücksichtigen will, als "liegendes Rechteck" genannt wird. Der Unterschied zwischen Wahrnehmen und Erkennen ist wissenschaftstheoretisch von größter Bedeutung, wird aber in der Wahrnehmungswissenschaft sehr häufig nicht beachtet, weil das Wort "bewusst" oft im Sinne der Umgangssprache als "gestig bewusst" verwendet wird. Bei Nichtbeachtung des Unterschieds verwischt man aber die Grenzen zwischen (psychischem) Wahrnehmen und (geistigem, mentalem) Erkennen. Dies geschieht schon dann, wenn man Wahrnehmungserleben als "mentalen" Vorgang bezeichnet oder glaubt, ein Perzept sei erst ein Perzept, wenn Wahrgenommenes "geistig" verarbeitet worden sei.
Wahrnehmen ist zweigliedrig: Ich (1) wahrnehme etwas (2).
Erkennen ist dreigliedrig: Ich (1) erkenne Wahrgenommenes (2) als diesen Gegenstand (3).
Gestaltwahrnehmung beruht zudem auf impliziten (unbewussten) Lernprozessen, das sind solche, durch die nicht-erlebte, erlebensjenseitige, (Gestalt)Funktionen im Gedächtnis miteinander verknüpft werden, wobei diese dann freilich durch nachfolgende Aktualisierung "ihre" Gestaltqualitäten produzieren, die das stets ganzheitliche Wahrnehmungserlebnis (Perzept) konstituieren.
Erkennen dagegen beruht auf expliziten Lernprozessen, das sind solche, in denen bereits Erlebtes miteinander assoziiert wird. So wird das Wahrnehmungserlebnis "schwarzes Etwas" mit dem geistigen Erlebnis der Bedeutung und Bezeichnung "Rechteck" assoziiert.
Visuelle Wahrnehmungen werden kognitiv und damit in üblichem Sinne "bewusst" in drei Schritten verarbeitet:
# Globalauswertung. Mit dem ersten Blick auf ein Bild oder eine Szene konzentriert sich der Betrachter darauf, einen Gesamteindruck der Szene zu gewinnen. Die visuelle Information wird dabei kategorisiert (z.B. "Landschaft", "Person", ...) und einem Schema aus dem Erfahrungsschatz des Betrachters zugeordnet, das zum weiteren Verständnis benutzen wird. Mit Erfahrung ist hier das Ergebnis von expliziten (das heißt: auf bewussten Erlebnissen beruhenden) Lernprozessen gemeint. So erfolgt z.B. die Auswertung von Zeichnungen oder Texten mit völlig anderen Mitteln als die Auswertung einer dreidimensionalen Szene.
# Detailauswertung. Nachdem der Betrachter sich einen Gesamteindruck verschafft hat, führt er eine Grobabtastung durch. Dazu lenkt er seinen Blick - oft aber nicht zwingend der Leserichtung folgend - über die Szene und ordnet die wahrgenommenen Informationen in das bereits aktivierte Schema ein oder nimmt im Bedarfsfall eine Neukategorisierung vor. Nach dieser Grobabtastung lenkt der Betrachter seinen Blick auf Bildbereiche, die visuell hervorstechen, z.B. durch Bewegung, Farbkontraste oder die Unterscheidung zwischen Vorder- und Hintergrund.
# Elaborative Auswertung. Erst jetzt aktiviert der Wahrnehmende ein Modell zur Übersetzung der visuellen Information in ein mentales Modell, welches für seine reale Problematik und die zu lösende Aufgabe geeignet scheint. Die Betrachtung wird nun zielorientiert und konzentriert sich auf diejenigen Details, die zum Aufbau des mentalen Modells benötigt werden, z.B. das Gesicht oder die Geschlechtsmerkmale einer Person. Unwichtige Details werden bei diesem Vorgang ausgeblendet, im mentalen Modell nicht berücksichtigt und daher auch nicht bewusst wahrgenommen. Dieser letzte Schritt ist sehr individuell; Auswahl und Reihenfolge der berücksichtigten Details werden durch Übung und Erfahrung optimiert. Eine ausführlichere Beschreibung des mentalen Modells findet sich unter Wahrnehmungspsychologie.
Weitere Informationen über die Augenbewegungen in Verbindung mit dem Wahrnehmungsprozess finden sich unter Blickbewegung. Der Wahrnehmungsprozess beim Lesen wird im Artikel Lesen ausführlicher dargestellt.
Visuelle Wahrnehmung bei anderen Lebewesen
Die bloße Möglichkeit, Licht wahrzunehmen, besitzen bereits Pflanzen, jedoch kann hier nicht von Sehen gesprochen werden, da Pflanzen nicht in der Lage sind, Farben und Strukturen zu differenzieren. Die Art und Weise, wie Lebewesen sehen, ist sehr unterschiedlich in Bezug auf die Gestaltwahrnehmung, das Sehen von Farben (Wellenlängen), die Auflösung und die Fähigkeit zum räumlichen Sehen (Stereoskopie).
Die Fähigkeit zu Sehen ist dabei besonders deshalb für Lebewesen von vitaler Bedeutung, weil es ihnen hilft, sich in ihrer Umgebung zu orientieren, denn die Umgebung wird aufgrund von Reflexionen und Brechungen von Licht sichtbar.
Ein völlig anderes Sehen weisen Insekten und Krebse auf, die über so genannte Facettenaugen verfügen; dabei ist beispielsweise das Bienenauge in rund 5000 Teilaugen, die Ommatidien, aufgeteilt; nach Karl von Frisch können Bienenaugen ultraviolettes Licht sehen, nicht dagegen rotes. Insekten besitzen neben dem Facettenauge außerdem noch ein weiteres visuelles Wahrnehmungsorgan, die drei Punktaugen (auch Stirnaugen oder Ocellen), die als Lichtmesser der Feststellung der absoluten Tageshelligkeit dient.
Klapperschlangen und andere Grubenottern können durch ein "Wärmestrahlenauge" - das Grubenorgan, infrarotes Licht, also Wärmestrahlung wie Körperwärme sehen. Vermutlich besitzen dieses visuelle Sinnesorgan auch Nachtschmetterlinge.
Siehe auch
- Wahrnehmung, Sehereignis
- multistabile Wahrnehmung
- Kognition und Konstruktion
- Wahrnehmungsphysiologie
- Visueller Kortex, Bewegungssehen
- Inattentional Blindness
Literatur
Zur Sinneswahrnehmung bei Tieren:
- Vitus B. Dröscher: Magie der Sinne im Tierreich. München 1966 (3. Aufl., München 1984). ISBN 3-423-011-26-2
Zur Neurobiologie des Sehens:
- David Hubel: Auge und Gehirn : Neurobiologie des Sehens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 1995
- Robert W. Rodieck: The First Steps in Seeing Sinauer Associates; Erste Auflage (15 Januar 1998). Die Bibel der visuellen Wahrnehmung für Neurobiologen.
- Richard Gregory: Auge und Gehirn : Psychologie des Sehens. Reinbek b. Hamburg 2001
Zur visuellen Gestaltwahrnehmung beim Menschen:
- Lothar Kleine-Horst: Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens. Auftakt zu einem neuen wissenschaftlichen Weltbild. Köln, 1992 ISBN 3-928955-40-3 (Die Gestaltwahrnehmung nach der Neuen Gestaltpsychologie)
- Wolfgang Metzger: Gesetze des Sehens. Frankfurt/M: Kramer. 1953
Zur Psychosomatik des Sehens:
- Ilse Strempel, Das andere Augenbuch. Seele und Sehen - ein Leitfaden für Betroffene, KVC Verlag (Karl und Veronica Carstens-Stiftung) Essen 2004
Weblinks
- [http://www.allpsych.uni-giessen.de/karl/teach/aka.htm Grundlagen der visuellen Verarbeitung im Gehirn]
- [http://visor.unibe.ch/~bkersten/Texte/projektbeschreibung.pdf Visuelle Wahrnehmung, Schönheit & Kunst (Juni 2003; PDF-Datei, 1,5 MB)]
- [http://www.twk.tuebingen.mpg.de/twk98/TWK98.pdf Visuelle Wahrnehmung. Beiträge zur 1. Tübinger Wahrnehmungskonferenz, 1998 (PDF-Datei; etwa 500 kB)]
- [http://www.informatik.uni-hamburg.de/GRK/schwerpunkte/Wahrnehmung.html Visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeit]
- [http://www.bewusstsein.ws/sehen/sehenset.htm Visuelle Wahrnehmung und das Bewusstsein sehen]
- http://www.neue-gestaltpsychologie.de
- [http://www.wissenschaft.de/wissen/news/256352.html www.wissenschaft.de: Das Gehirn fügt wahrgenommene Einzelteile unbewusst zum Gesamtbild zusammen]
Kategorie:Physiologie
Kategorie:Sehen
Kategorie:Wahrnehmung
ja:視覚
GeruchDer Geruch (lat. Olfactus=Geruch, olfaktorische Wahrnehmung) ist die Interpretation der Erregungen, die von den Chemorezeptoren im Geruchsorgan an das Gehirn des jeweiligen Lebewesens geliefert werden. In gewissen Gebieten der Schweiz wird auch das Wort 'Gout' verwendet, was zugleich auch Geschmack bedeutet.
Riech- oder Duftstoffe dienen Lebewesen zur Identifizierung von Nahrung, Artgenossen und Feinden, spielen aber auch beim Sozialverhalten (Geschlechtsreife von Weibchen) oder bei der Orientierung und Verständigung (Duftmarken) eine Rolle.
Vorgang des Riechens
Die Geruchsmoleküle erreichen aus der Luft die Riechschleimhaut (regio olfactoria). Diese befindet sich im Dach der Nasenhöhle und ist auf jeder Seite ca. Centstück groß (Früher war sie Pfennigstück groß). Die Riechzellen (Primäre Sinneszellen) befinden sich in dem Riechepithel und ragen mit 5-20 kleinen Zytoplasma-Fortsätzen (Stereozilien) in den Mukus, eine Schleimschicht, die das Riechepithel überzieht. Werden die Geruchs-Rezeptoren, die sich in der Membran dieser Cilien befinden durch ein Geruchsmolekül erregt, entsteht bei ausreichend hoher Konzentration der Geruchsmoleküle ein Aktionspotenzial am Axonhügel der Riechzelle. Dies wird durch die Siebplatte Lamina cribrosa in den Riechkolben fortgeleitet. Im Riechkolben findet die erste und einzige synaptische Verschaltung des Geruchssinns statt, bevor die Informationen die entsprechenden Hirnzentren erreichen. Mitralzellen übernehmen das Integrieren über eine Reihe von Riechzellen, denen gemeinsam ist, dass sie durch die gleichen Geruchsmoleküle erregt werden. Jede Mitralzelle repräsentiert also einen bestimmten Geruch. Vom Riechkolben aus verlaufen die Nervenstränge (Axone) nun im Tractus olfactorius zum primären olfaktorischen Kortex (Hirnrinde), zum piriformen Kortex, zum Tuberculum olfactorium und zum Nucleus corticalis der Amygdala. Es bestehen weiterhin Verbindungen zum Hypothalamus und (zum Teil nach Verschaltung im mediodorsalen Kern des Thalamus) zum orbito-frontalen Assoziationskortex (Sitz der Persönlichkeit)
Die Riechfunktion schützt die Atemorgane und den gesamten Organismus vor schädlichen Einflüssen, z.B. giftigen (meist übel riechenden) Gasen (Ausnahme: Kohlenmonoxid ist geruchlos!). Angenehme Gerüche lösen Sekretionsreflexe aus, z.B. „läuft einem“ bei Geruch nach leckerem Essen “das Wasser im Munde zusammen”. Andererseits können schlechte Gerüche Brechreiz verursachen. Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen Geruchsempfindung und dem unbewusst arbeitenden Teil des Nervensystems (vegetatives Nervensystem), der alle inneren Funktionen im Organismus steuert, z.B. Organfunktionen, Hormonproduktion, das gesamte “Fühlen“ und psychische Empfinden. Hierbei hat jedoch das Riechen nur zu einem Teil Einfluss auf diese Funktionen.
Aufgrund der molekularen Vorgänge in den Riechzellen (G-Proteingekoppelte Rezeptoren öffenen TRPM5-Ionenkanäle via ACIII, cAMP hoch -> Ca++-Einstrom, Depolarisierung) adaptieren diese Sinneszellen innerhalb einiger Minuten (1. CaMKinasen verringern die Sensitivität des Kanals, 2. Aktivierung eines Ca/Na-Antiporters).
Der Mukus enthält weiterhin einige Enzyme (CYP450), die eventuell störende Moleküle bei der Geruchsempfindung deaktivieren, sowie Transportproteine, die für einen besseren Transport der Geruchsmoleküle durch den Mukus zu den Cilien sorgen.
Bemerkenswert ist, dass Riechzellen innerhalb von 60 Tagen aus Basalzellen regenerieren und alte Riechzellen via Apoptose zu Grunde gehen. Basalzellen sind nämlich neuronale Stammzellen, von deren Existenz man lange Zeit nichts wusste.
Richard Axel und Linda Buck erhielten 2004 den Nobelpreis für ihre Arbeiten am Geruchssinn. siehe auch: olfaktorische Wahrnehmung
Geruchsorgane
Alle Wirbeltiere besitzen deutliche Geruchsorgane und also wahrscheinlich auch einen mehr oder weniger entwickelten Geruchssinn. Beständig im Wasser lebende Tiere können aber natürlich keine Geruchsempfindungen haben, welche denen der Lufttiere vollkommen entsprechen; jene werden mehr den Geschmacksempfindungen analog sein, wie denn überhaupt die Eindrücke beider Sinne manches Gemeinsame haben. Bei den Fischen ist aber das Geruchsorgan so deutlich ausgebildet, dass man bei ihnen Geruchsempfindungen voraussetzen muss, obwohl direkte Beobachtungen darüber noch nicht gemacht wurden.
Hühner und sperlingsartige Vögel verraten einen stumpfen Geruchssinn, einen schärferen die Klettervögel, besonders die Papageien, die Raub- und Schwimmvögel, den schärfsten die Sumpfvögel.
Eine der besten Geruchswahrnehmungen besitzt der Haushund, dessen Nase über 125 (Dackel) bis zu 220 Millionen (Schäferhund mit einer Riechfläche von 150 cm²) Riechsinneszellen verfügt; im Vergleich zum Menschen mit seinen rund 5 Millionen Riechsinneszellen kann der Schäferhund nicht proportional 44 mal besser riechen, sondern etwa eine Million mal, wie mit Messungen mit einem Olfaktometer nachgewiesen werden konnte (vgl. Dröscher 1984: 108 f.).
Bei den meisten Säugetieren ist das Geruchsorgan weit entwickelter als beim Menschen, der zu den Mikrosmaten gezählt werden muss.
Spüren, Wittern, Flehmen
Man unterscheidet die Säugetiere hinsichtlich des Geruchssinns in solche, die spüren, und solche, die wittern. Bei dem Spüren wird die Luft willkürlich eingezogen, und es geschieht mehr in der Nähe; das Wittern wird mehr durch Einströmen der vom Wind getriebenen Luft in die Nasenlöcher erregt und wirkt mehr in die Ferne. Spürende Tiere sind besonders die Raub- und Nagetiere. Zu den witternden gehören die Wiederkäuer, Dickhäuter und Einhufer.
Die Geruchsempfindungen besitzen keine definierbaren Qualitäten. Man unterscheidet sie indes ziemlich scharf nach den einzelnen Stoffen, durch die sie hervorgerufen werden, und bezeichnet sie auch nach diesen Stoffen. Eine Reihe von Empfindungen, die durch die Nasenschleimhaut vermittelt werden, und die man für Geruchsempfindungen hält, z. B. der stechende Geruch, sind nichts anderes als allgemeine Empfindungen, die mit der spezifischen Stärke des Riechnervs nichts zu tun haben. Grundbedingung für die Geruchsempfindung ist natürlich ein vollkommen normales Verhalten der Endorgane des Riechnervs.
Eine besondere Entwicklung des Riechkolbens bei vielen Säugetieren erlaubt gezieltes Wittern bei der Paarung durch "Flehmen", das teils durch die Nase (Hamster, Maus), teils durch das Maul (Pferd, Elch) erfolgt.
Geruchsstörungen
Leichte katarrhalische Entzündungen der Nasenschleimhaut (Schnupfen) stören die Geruchsempfindung ganz erheblich. Wenn man, auf dem Rücken liegend, die Nasenhöhlen mit Wasser gefüllt hat, so wird dadurch das Geruchsvermögen für einige Minuten vollständig aufgehoben. Ein gewisser Grad von Feuchtigkeit der Riechschleimhaut (hervorgebracht durch die Schleimdrüsen) ist dagegen eine notwendige Vorbedingung für das Zustandekommen von Geruchsempfindungen. Bei trockener Nase, z. B. bei Beginn eines Schnupfens, riechen wir entweder gar nichts, oder der Geruch ist wenigstens stark beeinträchtigt. Geruchsempfindungen kommen ferner nur dann zustande, wenn die riechenden gasartigen Stoffe in einem Luftstrom mehr oder weniger rasch in die Nase eingezogen werden. Stagniert dagegen die riechende Luft in der Nasenhöhle, so haben wir keine Geruchsempfindungen; ebensowenig dann, wenn der Luftstrom von der Mundhöhle her in die Nasenhöhle streicht. Dass nur gasförmige Substanzen den Riechnerv erregen können, beweist der Umstand, dass bei der Anfüllung der Nasenhöhle mit stark riechenden Flüssigkeiten, z. B. Eau de Cologne, keine Geruchsempfindungen wahrgenommen werden.
Stärke des Geruchs
Die Stärke der Geruchsempfindungen, die durch verschiedene Stoffe hervorgerufen wird, ist außerordentlich verschieden. Je mehr die in die Nase eingezogene Luft von einem gewissen Riechstoff enthält, um so stärker ist die Empfindung davon; doch genügen außerordentlich geringe Mengen zur Hervorbringung einer Geruchsempfindung. So riecht die Luft noch nach Brom, wenn 1 cm³ nur noch 1/30.000 mg Brom enthält, und nach Moschus, wenn der Nase noch weniger als 1/2.000.000 mg eines weingeistigen Moschusextrakts dargeboten wird; von Schwefelwasserstoff wird noch weniger als ein Millionstel in der Luft deutlich wahrgenommen. Der Geruchssinn vieler Tiere ist noch deutlich feiner entwickelt. Mit der längeren Dauer des Geruchseindrucks ermüdet nach und nach die Riechschleimhaut. Wenn wir uns einige Zeit in einer riechenden Luft aufhalten, so verschwindet schließlich die Geruchswahrnehmung für den beständigen Geruch (sog. phasische Perzeption), ohne dass dadurch die Fähigkeit für die Wahrnehmung anderer Gerüche abnimmt. Die Bezeichnung der Gerüche als angenehm oder unangenehm, die übrigens rein individuell und willkürlich ist, beruht zum Teil auf Vorstellungen, die sich an die Geruchsempfindung anschließen. Diese Vorstellungen wechseln schon mit den physiologischen Körperzuständen. Dem Hungrigen z. B. duftet eine Speise äußerst angenehm in die Nase, während bei dem Gesättigten dadurch Widerwille erregt wird.
Zur sozialen Bedeutungen des Geruchs
Einige Gerüche stehen in hohem kulturellen Ansehen, z.B. Weihrauch. Die Produktion von Parfüms ist ein eigener Wirtschaftszweig.
Redensartlich sind "Geruchs"-Metaphern häufig, wenn unbestimmte Ablehnung ausgedrückt wird, z.B.: Ich kann ihn nicht riechen oder (altertümlich) Er steht in einem schlechten Ruch. Siehe dazu auch Gestank.
Messung
Als Einheit des Geruchs wurde das Olf vorgeschlagen. Mit einem Olf wird die Verunreinigung angegeben, die eine erwachsene Person mit 1,8 m² Hautoberfläche in sitzender Tätigkeit mit einem Hygienezustand von 0,7 Bädern (alle 36 Stunden eine Dusche/Bad) pro Tag erzeugt.
Siehe auch: Sick-Building-Syndrom
Literatur
Historisch
- Cloquet, Osphresiologie oder Lehre von den Gerüchen, von dem Geruchssinn etc. (Weimar 1824)
- Julius Bernstein, Die fünf Sinne (Leipzig 1875)
- v. Vintschgau, Physiologie des Geruchssinns (in Hermanns "Handbuch der Physiologie", das. 1880)
- Hack, Riechen und Geruchsorgan (Wiesbaden 1885).
Aktuell
- Catherine Rouby, Benoist Schaal, Andri Holley, Danihle Dubois, Remi Gervais: Olfaction, Taste, and Cognition Cambridge University Press, 2002, ISBN 0521790581
- Tim C. Pearce, Susan S. Schiffman, H. Troy et al. Nagle (Herausgeber): Handbook of Machine Olfaction. Electronic Nose Technology, Wiley-VCH, 2002, ISBN 3527303588
- Jürgen Raab: Soziologie des Geruchs, Uvk, 2001, ISBN 3896699806
- Renate Cervinka, Ernst Neudorfer: Psychometrische Erfassung der Geruchsbelästigung. Gefahrstoffe - Reinhaltung der Luft 65(6), S. 271 - 274 (2005), ISSN 0949-8036
Weblinks
- [http://www.novimed.ch Geruchstest und Allgemeines über Geruchsstörungen]
- [http://www.der-gruene-faden.de/text/text1763.html Über das Olf]
- [http://www.manager-magazin.de/life/artikel/0,2828,284655,00.html Olf-Intensitäten gemessen]
- [http://www.wissenschaft.de/wissen/news/256581.html Hirnforschung: Duftstoffe am Scheideweg] www.wissenschaft.de: Gelangt ein Duftmolekül statt durch die Nase durch den Mund zu den Geruchsrezeptoren, reagiert das Gehirn anders
Kategorie:Riechen
Kategorie:Sinnesorgan
ja:悪臭
Haptische WahrnehmungAls haptische Wahrnehmung (griech.: haptikos = greifbar, umgangssprachlich auch Tastsinn) bezeichnet man eine Sinneswahrnehmung von Lebewesen, mit der bestimmte mechanische Reize wahrgenommen werden können. Die Gesamtheit der haptischen Wahrnehmungen erlaubt es dem Gehirn, Berührungen, Druck und Temperaturen zu lokalisieren und zu bewerten. Es wird unterschieden zwischen
- taktiler Wahrnehmung (Oberflächensensibilität) und
- kinästhetischer Wahrnehmung (Tiefensensibilität).
Die Lehre von der haptischen Wahrnehmung wird als Haptik bezeichnet.
Säugetiere
Der Tastsinn der Säugetiere beschreibt die Wahrnehmung mechanischer Umwelteinflüsse über verschiedene Mechanorezeptoren der Haut oder besondere Tasthaare. Die mit den haptischen Wahrnehmungen verbundenen Informationen ermöglichen es dem Gehirn, Berührungen, Drücke und Temperaturen zu lokalisieren und zu bewerten. Die Aufnahmekapazität (beim Menschen) beträgt pro Sekunde etwa 1 Million Bit.
Die Weiterleitung der verschiedenen Reize geschieht über unterschiedlich schnelle Nervenzellen.
Durch Verschaltungen wird eine Adaption ermöglicht, die es gestattet, überflüssige Informationen (beim Menschen z.B. durch die Kleidung) zu unterdrücken, welche sonst eine "Überlastung des Systems" hervorrufen würden.
Im Einzelnen werden unterschieden:
Die haptische Wahrnehmung ist für Säugetiere von Bedeutung, weil sie ihnen ermöglicht, auf Gefahren zu reagieren. Die Rezeptoren sind im Körper unterschiedlich dicht verteilt. An den Fingerspitzen und der Zungenspitze sind sie besonders dicht (1-5 mm Abstand) und am Rücken (> 60 mm) sehr weit voneinander angeordnet.
Durch den Tastsinn können Reflexe ausgelöst werden. Ein Beispiel wäre ein Stachel, der rechtzeitig gespürt wird, um sich zurückzuziehen.
Fische
Fische besitzen einen Ferntastsinn durch ihre Seitenlinienorgane. Diese bestehen aus Sinneszellen, die in Reihen an der Oberfläche seitlich in Hautkanälchen liegen. Sie beginnen am Kopf und setzen sich als Seitenlinie am Rumpf fort. Im Inneren des Kanals sind Sinneszellen, durch Poren steht der Kanal mit dem umgebenden Wasser in Verbindung. Die Seitenlinienorgane reagieren auf den Staudruck des Wassers. Dies informiert den Fisch über Richtung und Geschwindigkeit des Wassers.
Siehe auch
- Wahrnehmung
- Fingerbeere
- Psychophysik
Weblinks
- [http://www.informatik.uni-bremen.de/~nostromo/haptik/ Grundlagen der Haptik]
- [http://www.zwisler.de/scripts/haptics/node33.html Virtuelle Realität und die Rolle von Haptik, Uni Regensburg]
Kategorie:Physiologie
Kategorie:Sinnesorgan
Kategorie:Wahrnehmung
Wilhelm WundtWilhelm Maximilian Wundt ( - 16. August 1832 in Mannheim-Neckarau; † 31. August 1920 in Großbothen bei Leipzig) war Philosoph und Psychologe. Wundt gilt als Begründer der Psychologie als eigenständige Disziplin.
Leben
Aus einer Familie von Pastoren und Akademikern in der Pfalz kommend, studierte er von 1851 bis 1856 Medizin bei seinem Onkel, dem Anatomen und Physiologen Friedrich Arnold (1803-1890), an der Universität Heidelberg und an der Universität Tübingen. Nach der Promotion 1855 und der Habilitation 1857 war er von 1858 bis 1863 Assistent bei Helmholtz. 1871 erlangte er die Stellung eines außerordentlichen Professors.
Er war Mitbegründer des Vereins deutscher Arbeitervereine und Vertreter Heidelbergs in der badischen Ständekammer von 1866 bis 1869.
1874 nahm er eine Stelle als Professor der induktiven Philosophie in Zürich an, um schon ein Jahr später an die Universität Leipzig auf eine ordentliche Professur für Philosophie zu wechseln. Dort gründete er das erste Institut für experimentelle Psychologie (1879) und gab eine Hausschrift aus den dort vollzogenen Arbeiten heraus:
- "Philosophische Studien" (von 1881 bis 1902)
- "Psychologische Studien" (von 1905 bis 1917)
Diese Arbeiten und ihre Verbreitung seiner Studenten in aller Welt etablierten das Fach Psychologie (als Naturwissenschaft). Weitere Studien folgten über Kunst, Sprache, Mythen, Sitten, die in eine Kulturpsychologie der Völker mündeten, woraus sich eine 10-bändige Veröffentlichung ergab (von 1902 bis 1920). Insofern blieb Wundt der philosophischen Psychologie verbunden. Er stand mit anderen bedeutenden Leipziger Gelehrten wie dem Historiker Karl Lamprecht und dem Chemiker Wilhelm Ostwald in engem Austausch, mit denen er das "Positivistenkränzchen" besuchte.
Er knüpft vor allem bei Leibniz' Lehre von der Apperzeption an, überwindet den Assoziationismus und begründet das Prinzip der schöpferischen Synthese. Seine Grundthese ist die Aktualität des Seelischen, die er aus den Prozessen, nicht aber aus den Gegenständen herleitet.
Wundt wurde 1902 zum Ehrenbürger der Stadt Leipzig und 1907 der Stadt Mannheim ernannt. Mit dem Beginn des ersten Weltkriegs 1914 verteidigte er vehement die Position der deutschen Reichsführung (in: Über den wahrhaften Krieg), wodurch sein Ansehen in der Gegenwart gemindert wird. Zu seinen Schülern zählen Ernst Meumann und Hugo Münsterberg.
Ein Sohn Wilhelm Wundts war der deutsche Philosoph Max Wundt (1879 - 1963).
Siehe auch: Wundt-Laboratorium, Aktualitätstheorie, Leipziger Schule
Werke
- Die Lehre von der Muskelbewegung, 1858
- Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 1865
- Die physikalischen Axiome und ihre Beziehung zum Causalprincip, 1866
- Handbuch der medicinischen Physik, 1867
- Beiträge zur Theorie der Sinneswahrnehmung, 1862
- Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele, 1863/1864
- Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1874
- Untersuchungen zur Mechanik der Nerven und Nervencentren, 1876
- Logik, 1880 bis 1883, 3 Bände
- Essays, 1885
- Ethik, 1886
- System der Philosophie, 1889
- Grundriß der Psychologie, 1896
- Völkerpsychologie, 10 Bände, 1900 bis 1920
- Kleine Schriften, 3 Bände, 1910
- Einleitung in die Psychologie, 1911
- Probleme der Völkerpsychologie, 1911
- Elemente der Völkerpsychologie, 1912
- Reden und Aufsätze, 1913
- Sinnliche und übersinnliche Welt, 1914
- Über den wahrhaftigen Krieg, 1914
- Die Nationen und ihre Philosophie, 1915
- Erlebtes und Erkanntes, 1920
Alle Werke Wundts zu nennen, würden den Umfang eines Enzyklopädieartikel bei weitem sprengen. Der amerikanische Psychologe Boring (1960) bezifferte den Umfang Wundts Bibliografie mit über 490 Werken, die im Mittel 110 Seiten lang sind. Wundt publizierte in 68 Jahren im Schnitt 7 Werke pro Jahr und war damit vermutlich der produktivste Wissenschaftler aller Zeiten. (Quelle Boring, E.G. (1960). A History of Experimental Psychology. 2. Aufl. Englewood-Cliffs: Prentice Hall)
Weblinks
-
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
Wundt, Wilhelm
ja:ヴィルヘルム・ヴント
GestaltpsychologieAls Gestaltpsychologie wird in der Regel eine Psychologie bezeichnet, die das Erleben (vor allem in der Wahrnehmung) als eine "Ganzheit" betrachtet, die auf einer bestimmten Anordnung der ihr zugrunde liegenden Gegebenheiten beruht, wobei diese Gegebenheiten als "Glieder" mit dem "Ganzen" in der Beziehung wechselseitiger Bedingtheit stehen. "In der Regel" heißt, dass das Wort "Gestaltpsychologie" nur bedingt als klar definierbarer wissenschaftlicher Begriff gelten kann; es ist zum Teil ein durch seinen Gebrauch organisch gewachsener Name für eine Anzahl "ähnlicher" Auffassungen. Die Gestaltpsychologien unterschiedlicher Richtung leiten sich jedoch aus einer einzigen Arbeit aus 1890 her, in der der Philosoph
Christian von Ehrenfels seine Erkenntnis berichtete, die Wahrnehmung enthalte Qualitäten, die sich aus der Anordnung einfacher Sinnesqualitäten ergeben. So sei die Melodie eine solche Gestaltqualität, denn die Töne als Elemente der Melodie könnten durch ganz andere Töne ersetzt werden, und es wäre dennoch dieselbe Melodie, wenn nur die Anordnungsbeziehung zwischen den Tönen erhalten bliebe.
Christian von Ehrenfels
Klassische Gestaltpsychologie
Berliner Schule der Gestaltpsychologie (Gestalttheorie)
Aufgrund der Beobachung von v. Ehrenfels entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts die "Gestaltpsychologie" als eine neue psychologische Richtung, Sie wurde zuerst im deutschsprachigen, dann auch im internationalen Raum einflussreich. Als ihre Begründer und Hauptexponenten gelten drei Studenten von Carl Stumpf: Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka. In weiterem Sinne kann auch Kurt Lewin dieser Gruppe zugerechnet werden. Diese "Berliner Schule der Gestaltpsychologie" nannte sich auch "Gestalttheorie" und erweiterte ihren Gegenstand über die Wahrnehmung hinaus. Sie ist vor allem ihrer umfangreichen Experimentalforschung auf dem Gebiet der Wahrnehmung wegen bekannt und berühmt geworden und wird noch Anfang des 21. Jahrhundert vertreten.
Es werden drei Arten von Gestaltqualitäten des Wahrnehmungserlebens unterschieden (Metzger 1954, S. 62-65), ohne innerhalb dieser Arten eine Systematik anzugeben:
- Struktur, (Gefüge, Tektonik) wie gerade, rund, symmetrisch, geschlossen, spitz, wellig;
- Ganzbeschaffenheit wie durchsichtig, leuchtend, rauh;
- "Wesen" wie Charakter, Habitus, Gefühlswert.
In der älteren Gestaltpsychologie vom Anfang des 20. Jahrhundert wird "Gestaltgesetz" synonym mit "Gestaltfaktor", "Faktor", "Gesetz" oder auch mit "Gruppierungsgesetz" verwendet. Ein Gestaltgesetz bezeichnet die Art des Zusammenschlusses von erlebten Teilen zu einer erlebten Ganzheit, oft eben einer Gruppe von einzelnen Gegebenheiten. "Der Zusammenschluss erfolgt derart, daß die entstehenden Ganzen in irgendeiner Weise vor andern denkbaren Einteilungen gestaltlich ausgezeichnet sind", und zwar u. a. so, "daß möglichst einfache, einheitliche, ...geschlossene, ..symmetrische, ...gleichartige Ganzgebilde entstehen." (Wolfgang Metzger 1954, S. 108 f). Für diese und einige andere Arten des Zusammenschlusses wurden viele anschauliche Beispiele zusammengetragen, die den Betrachter unmittelbar überzeugen. Bestimmte Fakten wurden klassifiziert, so dass man von einer deskriptiven Theorie sprechen kann; eine erklärende Theorie für sie wurde jedoch nicht entwickelt.
Wolfgang Metzger
Gestaltgesetze
- Gesetz der Prägnanz (Es werden bevorzugt Gestalten wahrgenommen, die sich von anderen, durch ein bestimmtes Merkmal abheben)
- Gesetz der Nähe (Elemente mit geringen Abständen zueinander werden als zusammengehörig wahrgenommen)
- Gesetz der Ähnlichkeit (Einander ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig erlebt als einander unähnliche)
- Gesetz der Kontinuität (Reize, die eine Fortsetzung vorangegehender Reize zu sein scheinen, werden als zusammengehörig angesehen)
- Gesetz der Geschlossenheit (Linien, die eine Fläche umschließen, werden unter sonst gleichen Umständen leichter als eine Einheit aufgefasst als diejenigen, die sich nicht zusammenschließen (D. Katz, Gestaltpsychologie, 1969). Der nebenstehende "Würfel" wird auch als Einhheit/ganze Figur gesehen. In ihrer bisherigen Definition des Gesetzes der Geschlossenheit fiele er selbstverständlich auch unter das Gesetz der Geschlossenheit und nicht unter das der Kontinuität. J. Michael Matthaei
- Gesetz des gemeinsamen Schicksals (zwei sich gleichzeitig bewegende Elemente werden als eine Einheit wahrgenommen)
Leipziger Schule der Gestaltpsychologie (Genetische Ganzheitspsychologie)
Der Philosoph Felix Krueger und der Psychologe Friedrich Sander gründeten die Leipziger Schule der Gestaltpsychologie. Während die Berliner Schule die Auffassung der Erlebensimmanenz vertrat, nach der Erlebnisse aus Erlebnissen hervorgehen, waren die Leipziger der Meinung, Erlebnisse seien durch erlebensjenseitige Gegebenheiten bedingt. Sie setzten einen Bereich transphänomenalen seelischen Seins an, den sie "Struktur" nannten. Konkretere Ausführungen dieser Annahme gab es nicht; bekannt sind die allgemeinen Ausführungen zum "Problem des seelischen Seins" von Albert Wellek.
Sander wurde mit Untersuchungen über visuelle Aktualgenese in seinem Institut bekannt, die in einer stufenweise Differenzierung des Perzepts bei kontinuierlicher Reizsteigerung bestand. Weder Krueger noch Sander versuchten, die Abfolge der entstehenden Gestaltqualitäten irgendwelchen sie bedingenden strukturellen Gegebenheiten zuzuordnen. Sowohl der aktualgenetische Forschungsansatz als auch die Strukturtheorie sind der Vergessenheit anheimgefallen und werden im mainstream' nicht mehr diskutiert.
Literatur
- Christian von Ehrenfels: Über Gestaltqualitäten. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie 4,1890, S. 249-292.
- Wolfgang Metzger: Gesetze des Sehens. Kramer, Frankfurt/M 1953
- Wolfgang Metzger: Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. Steinkopf, Darmstadt 1954
- Lothar Kleine-Horst: Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens. Auftakt zu einem neuen wissenschaftlichen Weltbild. Enane: Köln 1992 ISBN 3-928955-40-3
- Lothar Kleine-Horst: Empiristic theory of visual gestalt perception. Hierarchy and interactions of visual functions. Enane, Köln 2001 ISBN 3-928955-42-X (Erweiterung der Fassung von 1992, englischsprachig, enthält auch die empiristische Theorie der Gestaltgesetze und viele Beispiele für ihre Anwendung)
- Wolf Singer: Gestaltwahrnehmung: Zusammenspiel von Auge und Hirn. In: H. Kettenmann und M. Gibson: Kosmos Gehirn. Neurowissenschaftliche Gesellschaft e. V. und BMBF, Berlin 2002
- Albert Wellek: Das Problem des seelischen Seins. Die Strukturtheorie Felix Kruegers: Deutung und Kritik. Hain: Meisenheim/Glan, 1953 (2. erweiterte Auflage)
Siehe auch
Farbe (bes. Psychologische Wirkung)
Optische Täuschung
Schlüsselreiz
Machsche Streifen
Weblinks
- [http://www.gestalttheory.net/gta/ Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA)]
- [http://www.informatik.uni-bremen.de/~fmike/multilern/gestaltgesetze.html Gestaltgesetze]
- http://www.neue-gestaltpsychologie.de
Beispiele für Gestaltwahrnehmungen
- http://home.schule.at/teaching/art/Infoblaetter/GESTALTWAHRNEHMUNG.doc - Gestaltpsychologie
- [http://www.enane.de/gestaltgesetze.htm System der Gestaltgesetze nach der Neuen Gestaltpsychologie mit Beispielen]
Kategorie:Psychologie
Kategorie:Wahrnehmung
Kategorie:PsychologieRichtlinien für die Kategorisierung sowie ein Kategorienbaum finden sich auf der Diskussionsseite.
- Für die wissenschaftstheoretischen Grundlagen siehe auch die Kategorie Wissenschaftstheorie.
- Für die Erforschung des Verhaltens subhumaner Tiere siehe auch die Kategorie Verhaltensbiologie.
Kategorie:Sozialwissenschaft
Kategorie:!Hauptkategorie
Kategorie:Thema
ko:분류:심리학
ja:Category:心理学
QuórumEl quórum es el número requerido de asistentes a una sesión del Parlamento para que sea posible la votación de un proyecto.
Categoría:Política
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