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Geschichte der Schweiz
Vorgeschichte
Aus der Altsteinzeit gibt es Funde, die auf bewohnte Neandertaler-Höhlen (Wildkirchli, Wildenmannlisloch) hinweisen. Über weite Abschnitte dieser Zeit war das Gebiet der heutigen Schweiz jedoch von Gletschern bedeckt und unbewohnt. Erst während des Magdalénien ab etwa 22'000 v.Chr. setzte mit der beginnenden Erwärmung eine Wiederbesiedlung ein. So ist etwa die das Gebiet der heutigen Stadt Chur seit etwa 11'000 Jahren (Ende der Altsteinzeit) besiedelt.
In der Jungsteinzeit war das Gebiet der heutigen Schweiz dicht besiedelt. Es gibt zahlreiche Fundstellen. Viele der bekannten Pfahlbauten, deren Überreste man an den Uferzonen der Schweizer Seen findet, stammen aus der Stein-, Kupfer- und Bronzezeit.
Vor der Eroberung durch die Römer lebten laut Aufzeichnungen von Julius Cäsar in "De Bello Gallico" auf dem Territorium der heutigen Schweiz verschiedene keltische Stämme und Völker: das zu den Galliern gehörende Volk der Helvetier im Mittelland, die Lepontier im heutigen Tessin, die Seduner im Wallis und in Genf, die Raetier in der Südostschweiz, usw.
Römerzeit
Raetier)]]
Im 1. Jahrhundert v. Chr. wollten die Helvetier ins Rhonetal auswandern, wurden aber bei Bibracte von Gaius Julius Cäsar aufgehalten und zurückgeschickt.
Noch in der republikanischen Zeit wurden Colonia Julia Equestris (Nyon) und Augusta Raurica (Kaiseraugst) gegründet.
Im 1. Jahrhundert wurde das Gebiet der heutigen Schweiz ins Römische Reich integriert. Zuerst gehörte die Schweiz zur römischen Provinz Gallia Belgica, dann zur Provinz Germania Superior, der Osten zur Provinz Raetia. Die Zentralalpen (Wallis und Hochsavoyen) gehörten zur Provinz Vallis Poenina und Alpes Graiae. Das Zentrum der Schweiz war Aventicum (Avenches).
Die Römer bauten Verkehrswege, an denen sich Siedlungen (vici) entwickelten, hauptsächlich auf einer Linie zwischen Genf und Arbon: Ad Fines (Pfyn), Arbor Felix (Arbon), Basilia (Basel), Curia (Chur), Genava (Genf), Lousanna (Lausanne), Octodurus oder Forum Claudii Vallensium (Martigny), Salodurum (Solothurn), Drusomagnus (?) (Sion), Tasgaetium (Eschenz), Turicum (Zürich), Urba (Orbe), Vitudurum (Oberwinterthur). Römische Legionslager (lat: Castra) gab es in Tenedo (Zurzach) und Vindonissa (Windisch).
Nach dem Fall des Limes konnte das Weströmische Reich die Provinzen Rhätien und Helvetien nicht mehr halten und zog sich zurück. Die gallo-romanischen Stämme zogen sich in die Alpen zurück, während Alemannen das Flachland besiedelten.
Christianisierung
Eine Christianisierung ist erst ab dem 3. Jahrhundert nachgewiesen, allerdings bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts nur in spärlichen Funden. Das Christentum verbreitete sich entlang der römischen Strukturen. Die anfänglichen Schwerpunkte lagen dabei in der heutigen Westschweiz.
Es gibt Legenden von Märtyrern während der Christenverfolgung von Diokletian (Mauritius in St. Maurice, Ursus und Viktor in Solothurn, Felix und Regula in Zürich), die vermutlich auf die historischen Säuberungen des römischen Heers von Christen 298 zurückgehen.
In Genf, Sion und Basel entstanden im 4. Jahrhundert Kirchen und Bischofssitze. In Genf und Martigny gibt es Überreste von sakralen Bauten aus dieser Zeit. In Kirchendokumenten ist 381 ein Bischof Theodul von Martigny bezeugt, um 400 ein Bischof Isaak von Genf, 451 ein Bischof Asinio von Chur.
451
Auf Graubündener Gebiet und im Tessin entstanden im 5. Jahrhundert zahlreiche Kirchen und einige Klöster. In der Westschweiz wurde die Christianisierung durch die Burgunderkönige gefördert, die z.B. die Abtei Saint-Maurice und das Kloster Romainmôtier gründeten. Als die germanischen Franken im 6. Jahrhundert die Burgunder ablösten, war die Menschen der Westschweiz bereits christlich.
In der Ostschweiz gab es vereinzelte christliche Gemeinschaften aus der Römerzeit (z.B. Arbon), aber es dominierten die mehrheitlich heidnischen Alemannen. Als die irischen Wandermönche Columban, Gallus und Fridolin im 7. Jahrhundert an den Bodensee kamen, fanden sie starken Widerstand, weil die Einwohner dort Wodan verehrten. Die ersten Kirchen auf alemannischem Gebiet waren Säckingen und die Einsiedelei von Gallus an der Steinach, das spätere Kloster St. Gallen.
Die Wandermönche waren jedoch in ihrer Mission recht erfolgreich, und die zahlreichen Klostergründungen im 8. Jahrhundert in der Ostschweiz (z.B. St. Gallen, Disentis, Pfäfers, Luzern) fanden in einem christianisierten Land statt. Wie andernorts hielten sich jedoch heidnische Volksbräuche noch lange Zeit parallel zum Christentum.
Frühmittelalter
534 wurde die burgundische Westschweiz, 536 das Herzogtum Alemannien ein Teil des Frankenreiches.
Durch den Vertrag von Verdun im Jahre 843 kam das Gebiet der Westschweiz zu Lothringen (ab 888 Westschweiz zum Königreich Burgund), das übrige Gebiet zum deutschen Reich.
Die Königspfalz Zürich, seit 800 die südlichste Königspfalz in Schwaben, wird von den Karolingern häufiger besucht. Ludwig der Fromme gründete für seine Töchter das Fraumünster, das zu einem der reichsten Grundbesitze in der Zentral- und Ostschweiz wurde, auch Karl der Dicke ist mehrfach in Zürich.
Hochmittelalter
Auch die Ottonen und Salier reisten öfters via Zürich, wahrscheinlich auf dem Weg nach Italien.
Die Zähringer gründeten im 12. Jahrhundert im Mittelland einige Städte: Bern, Murten, Freiburg im Üechtland, Thun, eine Zeitlang gehörte ihnen auch Zürich.
Die Habsburger haben in der Schweiz ihr Stammschloss, die Habsburg und in der nahen Brückenstadt Brugg (unweit von den Ruinen des römischen Kastells Vindonissa) ihre erste städtische Residenz im 11. Jahrhundert. Der Aargau gehört zu ihren Stammlanden.
Durch das Aussterben einiger lokaler Grafengeschlechter im 13. Jahrhundert, konzentrierte sich der Grundbesitz beim Adel - die Habsburger erbten durch geschickte Heiratspolitik ausgedehnte Ländereien der Zähringer, Lenzburger und Kyburger auf dem Gebiet der heutigen Kantone Schwyz, Nidwalden, Glarus, Zürich.
Städte wie Zürich, Bern, Basel und Freiburg wurden im 13. Jahrhundert zu freien Reichsstädten.
Beginn der Eidgenossenschaft
Im 13. Jahrhundert wird der Gotthardpass durch den Bau der Teufelsbrücke zu einer Handelsstrasse und damit zu einem wichtigen politischen Faktor. Besonders die Habsburger, die bereits mit Zürich und Aargau die wesentlichen Zugänge beherrschen, sind an der Kontrolle dieses Übergangs sehr interessiert.
Die Waldstätte Uri und Schwyz holen sich aber im 13. Jahrhundert Freiheitsbriefe von Friedrich II., die ihnen die Reichsunmittelbarkeit mit weitgehender Selbstverwaltung durch einen Landammann zusichern. 1273 wird Rudolf I. von Habsburg deutscher König. Er setzt in den Waldstätten Vögte ein, offiziell als Gerichtsvertreter für den Kaiser, de facto als Interessenvertreter für das Haus Habsburg. Er plante auch, seinem Sohn Albrecht das Herzogtum Schwaben (einschließlich des Gotthards) als erbliches Herzogtum zu übertragen - womit die reichsfreien Gebiete dort natürlich nicht mehr reichsfrei gewesen wären.
Das führt zum Bundesschluss: Die Waldstätte (Orte) Uri, Schwyz und Unterwalden schließen einen Bund.
Der Legende nach geschah dies auf dem Rütli, wo sie einen Ewigen Bund am 1. August 1291 beschlossen. Ins breite Bewusstsein der Menschen drang diese Legende mit dem 1804 veröffentlichten Theaterstück "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller.
In der Tatsache war der Bund vielleicht schon früher beschlossen (ca. 1240-1290), schriftlich beurkundet wurde dies "anfang August" 1291. Der Bundesbrief ist erhalten und befindet sich im Bundesbriefmuseum in Schwyz. Der erhaltene Brief ist mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein Teil eines größeren Vertragswerkes zwischen den drei Orten. Etwa zur gleichen Zeit werden die habsburgischen Vögte vertrieben.
1292 Rudolfs Sohn Albrecht bestätigt die Freiheitsbriefe nicht.
1315 will Leopold I. von Österreich Habsburgischen Machtanspruch in der Innerschweiz durchsetzen. Sein gepanzertes Ritterheer gerät jedoch in einen Hinterhalt der Eidgenossen und wird in der Schlacht bei Morgarten fast vollständig vernichtet. Der Schlacht ging ein Streit der Schwyzer mit dem unter dem Schutz der Habsburger stehenden Kloster Einsiedeln voraus, in dessen Verlauf die Schwyzer aufgrund einer Klage des Abts exkommuniziert wurden und daraufhin das Kloster plünderten. Leopold nahm das zum Anlass für den Kriegszug.
Um seine Selbständigkeit gegenüber Habsburg zu wahren, schließt sich Luzern 1332 dem Bund der Waldstätte an.
In Zürich bekommt Bürgermeister Rudolf Brun nach der Zunftrevolution Schwierigkeiten mit dem Habsburgischen Rapperswil, wo sich die vertriebenen Adligen und Handelsherren festgesetzt haben und löst sie 1351 durch ein Bündnis mit den Waldstätten.
Auch Glarus suchte den Beitritt zur Eidgenossenschaft, um dem Habsburger Druck zu widerstehen, bekam jedoch 1352 nur einen Beitritt als Zweitklass-Eidgenosse.
Zug war der Habsburgische Handelsumschlagsplatz auf der Gotthardroute und nach dem Beitritt Zürichs zur Eidgenossenschaft ein ziemliches Hindernis. Die Stadt Zug war habsburgisch gesinnt, das Amt Zug (die Umgebung) hatte starke Sympathien für die Eidgenossen. Nach einer Belagerung wurde Zug eingenommen, und dann 1352 Stadt und Amt in den Bund der Eidgenossen aufgenommen.
1353 schloss auch Bern einen „ewigen Bund“ mit den Waldstätten.
Das resultierende Gebilde wird als die Acht Alten Orte bezeichnet. Es handelt sich allerdings nicht um einen Staatenbund sondern eher um ein Konglomerat von Bündnissen der einzelnen Partner untereinander.
Die nächste Auseinandersetzung mit den Habsburgern erfolgte 1386: Leopold III. von Österreich wird bei Sempach in offener Feldschlacht (Schlacht von Sempach) von den Eidgenossen besiegt.
Innerhalb der Eidgenossenschaft kommt es 1449-1450 zum Alten Zürichkrieg, weil sich Zürich und Schwyz um die vom letzten Grafen von Toggenburg hinterlassenen Ländereien am oberen Zürichsee streiten. Bei Sankt Jakob an der Birs wird eine Minderheit von Schweizern durch das französische Heer aufgerieben, jedoch nach so starker Gegenwehr, dass die Franzosen auf einen Weitermarsch verzichten.
Von 1474-1478 setzten sich die Eidgenossen in den Burgunderkriegen mit Herzog Karl dem Kühnen von Burgund auseinander.
Nachdem die Berner die savoyische Waadt, die zu Burgund gehörte, erobert hatten, unternahm Karl der Kühne einen Feldzug. Nach der Belagerung von Grandson wird er am 2. März 1476 in der Schlacht bei Grandson am Neuenburgersee in die Flucht geschlagen. Die Eidgenossen erbeuten nicht nur Hunderte von Geschützen, sondern auch das Lager des Herzogs, der als damals reichster europäischer Fürst auch im Feld nicht auf prunkvolle Hofhaltung verzichtete. Die für Schweizer Verhältnisse unermeßlich grosse Burgunderbeute brachte in der Folge die sozialen Verhältnisse ins Wanken. Wenige Monate später belagerte Karl die Stadt Murten, wo sein Söldnerheer am 22. Juni 1476 in der Schlacht bei Murten von den Eidgenossen aufgerieben wurde. Im nächsten Jahr kamen die Eidgenossen dem befreundeten Herzog von Lothringen zu Hilfe. Karl der Kühne fällt am 5. Januar 1477 in der Schlacht bei Nancy. Kurzfassung: Karl der Kühne verlor bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut, bei Nancy das Blut.
Eine wesentliche Folge der Burgunderkriege war, dass die Siege von Grandson und Murten gegen eine militärische Großmacht die Fürsten Europas veranlassten, die erfolgreichen Eidgenossen als Söldner, die sogenannten Reisläufer anzuwerben. Gleichzeitig verschob sich das Kräftegleichgewicht zugunsten der Städte. Eine schwere Krise entstand, als die zwei Städte Freiburg im Üechtland und Solothurn, die in den Burgunderkriegen auf der Seite der Eidgenossen gekämpft hatten, ebenfalls Aufnahme in den Bund forderten. Beim Stanser Verkommnis kam es durch die Vermittlung von Nikolaus von Flüe in letzter Minute zu einer Einigung.
Die Dreizehn Alten Orte
Nach dem Schwabenkrieg erreichten die Eidgenossen ("Oberdeutscher Bund") 1499 im Frieden zu Basel mit Maximilian I. de facto die Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich.
Mit dem Beitritt von Solothurn und Freiburg 1481, Basel und Schaffhausen 1501, und Appenzell 1513 erweiterte sich die Eidgenossenschaft auf Dreizehn Alte Orte. Die Waadt wurde erobert, Lugano und Locarno wurden dem Bund ebenfalls angeschlossen. Dazu kamen als zugewandte Orte die Städte St. Gallen, Biel, Rottweil, Mülhausen und Genf, die Abtei St. Gallen sowie Neuenburg.
1506 errichtete der Papst Julius II. die Schweizergarde, die Cohors Helvetica, welche bis heute die eigentliche Armee des Vatikans darstellt. Der Höhepunkt der eidgenössischen Militärmacht war 1513, als sie sogar Schutzherren des Herzogs von Mailand wurden.
Nach der Niederlage gegen Frankreich bei der Schlacht bei Marignano schlossen die Eidgenossen am 14. September 1515 Frieden mit Franz I. von Frankreich, verzichteten auf weitere militärische Interventionen in Italien und erklärten sich für neutral. Als Söldner kämpfen Schweizer, besonders diejenigen aus den katholischen Kantonen, jedoch bis zur französischen Revolution weiter in fremden Kriegsdiensten.
Reformation und Gegenreformation
Die vom Wildhauser Ulrich Zwingli 1519 eingeleitete Reformation in Zürich breitete sich im Mittelland aus. 1525 wanderte die Jenische Volksgruppe nach Bauernkriegen aus. Nach den Kappelerkriegen kam es 1531 im Zweiten Kappeler Landfrieden zum Kompromiss: Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen und Teile von Graubünden bleiben reformiert; die Urkantone, Luzern, Zug, Solothurn und der Freiburg bleiben katholisch. 1541 setzte Johannes Calvin in Genf die Reformation durch.
Ancien Régime
Am 24. Oktober 1648 erreichte die Schweiz dank des Verhandlungsgeschicks des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein im Westfälischen Frieden die völkerrechtliche Anerkennung ihrer faktisch längst erreichten Souveränität.
Mit der Französischen Revolution fällt das eroberte Mülhausen 1789 wieder an Frankreich.
Helvetik, Mediation, Restauration
Am 5. Mai 1798 wurde die Alte Eidgenossenschaft von Frankreich erobert und der Zentralstaat Helvetische Republik wurde daraufhin errichtet. Fünf Jahre später, 1803, verordnete Napoléon Bonaparte in der Mediationsakte eine neue Verfassung und Gebietsaufteilung und gab der Schweiz weitgehend ihre Autonomie zurück. Die ehemaligen Untertanengebiete und zugewandten Orte St. Gallen, Graubünden, Aargau, Thurgau, Tessin und Waadt wurden zu eigenständigen Kantonen (19-örtige Eidgenossenschaft).
1815 wurde die "immer währende Neutralität der Schweiz" durch die europäischen Grossmächte am Wiener Kongress anerkannt. Eine neue Verfassung, der „Bundesvertrag“, stärkte in der so genannten Restaurationszeit die Eigenständigkeit der Kantone. Das Wallis, Neuenburg und Genf kamen als neue Kantone dazu (22-örtige Eidgenossenschaft). In den Kantonen des Mittellands endete die konservative Restauration bereits in der sog. Regeneration 1830/31, wodurch eine Zweispaltung der Schweiz in liberale und konservative Kantone entstand.
Der Schweizer Bundesstaat
Nach einer fortlaufenden Polarisierung zwischen liberalen (mehrheitlich städtisch-reformierten) und konservativen (mehrheitlich ländlich-katholischen) Kantonen und nach den Freischarenzügen schließen sich die katholischen Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis 1845 zum Sonderbund zusammen. Der Antagonismus zwischen den katholischen und reformierten Kantonen führte im November 1847 zum Sonderbundskrieg. Der Sonderbund wird schließlich nach militärischen Auseinandersetzungen unter General Henri Dufour beendet.
Henri Dufour
Zu dieser Zeit, am 9. August 1847, wurde die erste Eisenbahnlinie der Schweiz, die Spanisch-Brötli-Bahn, zwischen den Städten Zürich und Baden eröffnet. Nachdem die ersten kantonalen Briefmarken, die Zürich 4 und Zürich 6 1843 herausgegeben worden sind, wurde 1848 die schweizerische Post gegründet. (siehe auch: Postgeschichte und Briefmarken der Schweiz)
Am 12. September 1848 konstituiert sich die Schweiz als "parlamentarischer Bundesstaat" und gibt sich eine Bundesverfassung. Letztere wurde am 19. April 1874 gesamtrevidiert. Diese Revision blieb mit einigen Änderungen und Anpassungen bis 1999 bestehen.
Auf Initiative von Henri Dunant (1828-1910) erfolgt im August 1864 in Genf die Gründung des Roten Kreuzes.
20. Jahrhundert
Während des Ersten Weltkriegs bewahrte die Schweiz ihre Neutralität, jedoch wurde die Armee mobilisiert. Soziale Spannungen entluden sich gegen Ende des Krieges in Form von Unruhen, Streiks (Landesstreik) und Demonstrationen. Nach dem Krieg wurde die Schweiz 1920 Mitglied des Völkerbundes, der seinen Sitz in Genf hat.
1926 wurde das Hilfswerk Kinder der Landstrasse der Pro Juventute auf Anregen des Bundesrates Giuseppe Motta gegründet. Unter diesem Hilfswerk wurden fahrende Kinder ihren Eltern entrissen und teilweise zwangssterilisiert. 1972 wurde "Kinder der Landstrasse" aufgelöst. Nach heutigem Schweizer Recht gilt diese Verfolgung als Völkermord.
Am 20. Februar 1938 kam das Rätoromanische als vierte Landessprache neben Deutsch, Französisch und Italienisch dazu.
Die Schweiz berief sich während des Zweiten Weltkriegs auf ihre bewaffnete Neutralität und ordnet die allgemeine Mobilmachung der Armee unter dem Oberbefehlshaber General Henri Guisan (1874-1960) an.
Vollständig von den faschistischen Achsenmächten eingeschlossen, versuchte man mit Rationierung und systematischer Nutzung von u.a. Grünflächen wie Fussballplätzen (Plan Wahlen) der Lebensmittelknappheit zu begegnen.
Trotz einer strengen Asylpolitik erhielten über 26'000 Juden und weitere Verfolgte Zuflucht in der Schweiz. Vielen anderen Schutzsuchenden wurde die Einreise jedoch verwehrt ("das Boot ist voll"). Dokumentiert ist auch die Wegweisung von ca. 30'000 Jüdinnen und Juden, die in der Folge den Nationalsozialisten zum Opfer fielen.
Um Juden erkennen und abweisen zu können, drängte die Schweiz 1938 Nazi-Deutschland, alle Pässe jüdischer Deutscher mit einem J zu kennzeichnen. Da die Juden als Flüchtlinge nur aus Rassengründen galten, hatten sie keinen Rechtsanspruch auf Aufnahme. Die Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs soll vor allem durch das Wort des Bundesrates Eduard von Steiger des schon stark besetzen Rettungsboot geprägt worden sein. Die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wurde in den 1990er-Jahren mit dem Verfassen des Bergier-Berichtes aufgearbeitet.
Zwischen ca. 1800 und 1950 wurden Waisen- und Scheidungskinder von den Behörden weggenommen und Interessierten als Verdingkinder öffentlich feilgeboten. Diese konnte man in einem regelmässig durchgeführten öffentlichen Verdingmarkt ersteigern. Den Zuspruch bekam diejenige Familie, welche am wenigsten Kostgeld verlangte. Diese Kinder wurden meistens in Bauernhöfen zu Zwangsarbeit eingesetzt. Sie wurden dabei häufig ausgebeutet, erniedrigt oder vergewaltigt. Die Zahl solcher Kinder belief sich auf mehrere Hunderttausende. Viele dieser, welche bis in die 1960er und 1970er Jahre verdingt haben, warten heute noch auf eine offizielle Entschuldigung der Regierung und verlangen finanzielle Entschädigungen.
Am 6. Mai 1963 trat die Schweiz dem Europarat bei. Am 7. Februar 1971 wurde an einer Volksabstimmung das Frauenstimmrecht nach einem jahrzehntelangen Kampf angenommen.
Am 1. Januar 1979 wurde der Kanton Jura errichtet, welcher bisher zum Kanton Bern gehörte.
Der Bundesrat lehnte am 13. September 1988 den Beitritt der Schweiz zur Europäischen Gemeinschaft und das Volk am 6. Dezember 1992 den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ab.
Am 26. November 1989 wurde über die Abschaffung der Armee abgestimmt. Die Armeegegner konnten dabei wider Erwarten 35,6% der abgegebenen Stimmen gewinnen.
Die neue Bundesverfassung, welche diejenige von 1874 ablöste, trat am 1. Januar 2000 in Kraft. Am 21. Mai des gleichen Jahres wurden die Bilateralen Verträge I mit der Europäischen Union abgeschlossen.
21. Jahrhundert
Als letzter international anerkannter Staat außer dem Vatikan trat die Schweiz nach einer gutgeheißenen Volksabstimmung am 10. September 2002 den Vereinten Nationen (UNO) bei. Siehe auch: Die Schweiz in den Vereinten Nationen.
Am 10. Dezember 2003 wurde Christoph Blocher von der SVP an Stelle von Ruth Metzler (CVP) in den Bundesrat gewählt und übernahm das Justiz- und Polizeidepartement. Damit ändert zum ersten Mal seit 1959 die parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrates (= Bundesregierung), die so genannte "Zauberformel" (des parteipolitischen Ausgleichs). Mit der Wahl des populistischen Rechtspolitikers Blocher entsteht im Bundesrat nunmehr eine völlig veränderte Situation, welche die bis dahin praktizierte Konkordanz-Politik der eidgenössischen Staatsführung ernsthaft auf die Probe stellt.
Literatur
Alt- und Mittelsteinzeit (Paläolithikum und Mesolithikum)
- J.-M. LeTensorer / U. Niffeler Hrsg.): Paläolithikum und Mesolithikum. SPM I (Basel 1993).
Jungsteinzeit (Neolithikum)
- A. Furger / C. Fischer / M. Höneisen (Hrsg.): Die ersten Jahrtausende. Die Schweiz von den Anfängen bis zur Eisenzeit (Zürich 1998).
- E. Stöckli / U. Niffeler / E. Gross-Klee (Hrsg.): Neolithikum. SMP II (Basel 1995).
Bronzezeit
- S. Hochuli u.a. (Hrsg.): Bronzezeit. SPM III: Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter 3 (Basel 1998).
- Goldene Jahrhunderte. Die Bronzezeit in Südwestdeutschland. Almanach 2 (Stuttgart 1997).
- U. Seidel: Bronzezeit. Sammlungen des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart 2 (Stuttgart 1995)
Eisenzeit (Hallstatt- und Latènezeit)
- A. Furger-Gunti: Die Helvetier. Kulturgeschichte eines Keltenvolkes (Zürich 1984).
- F. Müller / G. Kaenel / G. Lüscher (Hrsg.): Eisenzeit. SPM IV (Basel 1999).
- K. Spindler: Die frühen Kelten (Stuttgart 3. Aufl. 1996).
Römerzeit
- W. Drack / R. Fellmann: Die Römer in der Schweiz (Stuttgart 1988).
- L. Flutsch / U. Niffeler / F. Rossi (Hrsg.): Römische Zeit. SPM V (Basel 2002).
- A. Furger u.a.: Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter (Zürich 1996).
Allgemein
- J. Ewald / J. Tauber (Hrsg.): Tatort Vergangenheit. Ergebnisse aus der Archäologie heute (Basel 1998).
Siehe auch
- Liste der Bundespräsidenten der Schweiz
- :Kategorie:Schweizerische Geschichte
Weblinks
- [http://www.genealogienetz.de/reg/CH/hist-de.html Geschichte der Schweiz (Klaus Augustiny)]
- [http://www.geschichte-schweiz.ch Schweizer Geschichte (Markus Jud)]
- [http://www.hls.ch Historisches Lexikon der Schweiz (in drei Sprachen)]
- [http://www.swissinfo.org/sde/swissinfo.html?cat=14&subcat=143&siteSect=821#hierSubCat Swissinfo-Links zur Schweizer Geschichte]
- [http://www.swissworld.org/ger/index.html?siteSect=800 Swissworld, Kapitel "Geschichte"]
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Schweiz
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Neandertaler
Der Neandert(h)aler (Homo neanderthalensis) gehört zur Gattung Homo und wurde nach dem Neandertal bei Mettmann (zwischen Düsseldorf und Wuppertal) benannt, wo Steinbrucharbeiter den Schädel dieses Urmenschen Mitte August 1856 entdeckt und an Johann Carl Fuhlrott zur näheren Untersuchung weitergegeben hatten. Der Neandertaler lebte im Mittelpaläolithikum in der Zeit von ca. 130.000 v. Chr. bis ca. 30.000 v. Chr. Der Erstfund wird heute auf ein Alter von 42.000 Jahren datiert.
Der Name Neandertaler geht auf die Bezeichnung des irischen Wissenschaftlers William King zurück, der den namengebenden Fund aus dem Neandertal bei Düsseldorf als Homo neanderthalensis benannte. Neben der verbreiteteren wissenschaftlichen Bezeichnung Homo neanderthalensis ist auch der Name Homo sapiens neanderthalensis noch gebräuchlich, der eine engere Verwandtschaft mit dem anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens beziehungsweise Homo sapiens sapiens) zum Ausdruck bringen soll. Je nach gewähltem Namen werden die beiden Formen als eigenständige Arten oder lediglich als Unterarten angesehen.
Auftreten, Zeitraum und Aussterben
Die ältesten Funde von Neandertalern stammen aus Kroatien und Italien, sie sind etwa 130.000 bzw. 120.000 Jahre alt.
Homo neanderthalensis stammt aller Wahrscheinlichkeit vom Homo heidelbergensis ab. Hierfür spricht auch, dass nach DNA-Analysen an dem Typus-Exemplar die letzten gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens vor etwa 600.000 Jahren lebten. Untersuchungen an einem anderen Exemplar aus dem Kaukasus (Georgien) sprechen für eine Auftrennung vor ca. 250.000 Jahren. Die Analysen zeigten eine sehr hohe genetische Übereinstimmung zwischen den untersuchten Exemplaren. Die Fossilfunde konzentrieren sich auf Europa und angrenzende Gebiete Asiens (Israel, Türkei, Irak) und Afrikas (Marokko). Dennoch wird der Neandertaler als typisch europäische Art angesehen, die besonders an das Leben in den Kaltzeiten der Würm-Eiszeit angepasst war.
Noch vor dem Kältemaximum der letzten Eiszeit drang der moderne Mensch aus Afrika über den Nahen Osten nach Norden vor und löste in der Folgezeit den Neandertaler ab.
Wie diese Ablösungsprozesse vonstatten gingen, ist bis heute nicht geklärt.
Viele Wissenschaftler vertreten heute die Theorie, dass der Neandertaler keineswegs deshalb ausgestorben ist, weil er primitiver als der moderne Mensch war. In Punkto Intelligenz konnte er wahrscheinlich mit dem modernen Homo sapiens sapiens mithalten. In Punkto Körperkraft war er ihm sogar überlegen. Ein durchschnittlicher Neandertaler-Mann hatte etwa die Kraft eines heutigen Gewichthebers (bei einer Körpergröße von ca. 1,60m - max. 1,70m). Belege für die größere Körperkraft der Neandertaler findet man in einem stärkeren Knochenbau und davon ausgehend in größeren Ansatzstellen der Muskeln, was auf stärkere Muskeln schließen lässt.
Der Grund für sein Aussterben könnte vielmehr die Anpassung des Neandertalers an ein sesshaftes Leben im Wald gewesen sein, während der Homo sapiens sapiens ein Nomade war, der eher an offene Landschaften angepasst war. Während der Neandertaler, dessen Nahrung zu 80 % aus Fleisch bestand, seine Beutetiere in einem festen Territorium jagte, folgte der Homo sapiens sapiens den Beutetieren auf ihrer Wanderschaft. Körperlich besaß der moderne Mensch mehr Ausdauer und Geschick als der Neandertaler und benötigte aufgrund seiner geringeren Muskulatur weniger Nahrung und weniger Fleisch. Der Neandertaler dagegen war sehr muskulös, dadurch aber etwas behäbiger und besaß weniger Kondition. Als das Klima Europas während einer sehr strengen Eiszeit vor 35.000 Jahren dramatisch abgekühlt war, der Wald der offenen Tundra gewichen war und viele Tiere im Winter nur noch in Südeuropa existierten, sind wahrscheinlich viele Neandertaler erfroren oder verhungert, während Homo sapiens sapiens besser in der Lage war, seinen Beutetieren auf ihren alljährlichen Wanderungen zu folgen. Der leichtere Körperbau - so diese Theorie - des modernen Menschen sicherte diesem sein Überleben, während der Neandertaler ausstarb.
Denkbar und plausibel ist auch die Überlegung, dass eingeschleppte Krankheitskeime eine Rolle gespielt haben könnten, wie es auch z. B. nach der Entdeckung und Besiedelung Amerikas bei den Ureinwohnern der Fall war.
Andererseits legt die abwechselnde Nutzung der gleichen Siedlungsstätten im südöstlichen Mittelmeerraum (Israel) über einen Zeitraum von ca. 60.000 Jahren durch den Homo sapiens sapiens und den Homo sapiens neanderthalensis eher andere Ursachen nahe.
Entscheidend könnte gewesen sein, dass der moderne Mensch länger lebte und mehr Kinder hatte. Statistische Bevölkerungsmodelle zeigen, dass schon Unterschiede von wenigen Prozent ausreichen, um in wenigen tausend Jahren eine Menschengruppe völlig in einer anderen aufgehen zu lassen bzw. zum Aussterben der weniger begünstigten Gruppen führen.
Eine weitere, weniger verbreitete Theorie geht davon aus, dass sich die beiden Unterarten im Laufe der Zeit, während der sie nebeneinander existierten, durchmischt (gekreuzt) haben. Dies würde bedeuten, dass der Neandertaler gar nicht ausgestorben ist, sondern absorbiert wurde. Aufgrund von Vergleichen der mitochondrialen DNS des Neandertalers mit jener von Homo sapiens konnte eine Studie (s. Weblinks) keine Hinweise auf eine Vermischung entdecken. Mit diesem Ergebnis ist die Durchmischungshypothese unter sehr starken Druck geraten.
Bekannt ist nur, dass der moderne Mensch den Großteil der Kultur und Technik der Neandertaler übernommen hat und auf dieser Basis eine eigene aufbaute.
Die letzten Neandertaler lebten vor ca. 27.000 Jahren im Gebiet des heutigen Spanien.
Anatomie
Unser Wissen um die Neandertaler-Anatomie stammt ausschließlich von Knochenfunden, d.h. alle über das Skelett hinaus gehende Aussagen sind Rekonstruktionen bzw. Interpretationen, die aus den Kenntnissen um den Zusammenhang vom Knochenbau heutiger Lebewesen und ihren Weichteilen abgeleitet sind. Die Regelhaftigkeit dieser Zusammenhänge ermöglicht es uns zudem, Rückschlüsse auf die Umwelt und die Lebensweise des Neandertalers zu ziehen, denn der Aufbau eines Lebewesens steht in direkter Beziehung zu beidem.
Die typischen europäischen - so genannten klassischen - Neandertaler-Skelette zeichnen sich durch hohe Robustheit aus, d.h. die Gelenke und Knochenquerschnitte sind im Verhältnis zur Knochenlänge breiter als beim modernen Menschen und die Muskelansätze am Knochen sind stärker ausgeprägt. Weiterhin lassen die Knochenfunde auf Körperhöhen von ca. 1,60 bis 1,70 m schließen; die Männer brachten etwa 70, die Frauen 55 kg auf die Waage. So lässt sich eine gedrungene, sehr muskulöse Konstitution als Anpassung an die eiszeitlichen Bedingungen in Europas rekonstruieren. Die gleichzeitigen Funde aus wärmeren Gegenden (z.B. dem Nahen Osten) weisen auf schlankere Individuen hin, ihre Züge waren weniger stark "neandertalerartig" ausgeprägt.
Die deutlichsten Unterschiede zum modernen Menschen lassen sich am Schädel feststellen.
Schädel
Die Schädelform ist lang und wirkt vor allem durch die dominanten Kiefer und die Überaugenwülste archaischer als die des Jetztmenschen. Die größte Schädelbreite liegt auf Höhe der unteren Schädelbasis (beim modernen Menschen: über den Ohren). Dadurch und durch den verhältnismäßig niedrigen, breiten Hirnschädel erscheint der Umriss in der Ansicht von hinten als halbkreisförmig (beim modernen Menschen: abgerundet trapezförmig). Am Gesichtsschädel fällt außerdem die hervortretende Nasen- und Gebisspartie ins Auge. Eine Crista sagittalis, d.h. ein Scheitelkamm, der bei früheren Menschenformen und den Menschenaffen zu beobachten ist, kommt nicht mehr vor.
Die Stirn ist flach und fliehend. Die Region über den Augen zeigt noch einen deutlichen Torus supraorbitalis. Diese Knochenverdickung wird als stabilisierende Anpassung gedeutet, denn der Schädel war - durch den kräftigen Kauapparat - starken statischen Belastungen ausgesetzt. Das Merkmal tritt bereits bei den frühen Vertretern der Hominiden auf und ist heute noch bei den Menschenaffen zu beobachten.
Die Nasenöffnung in Neandertalerschädeln ist breit und hoch, die Nasenwurzel sehr kräftig und breit, dadurch wirkt der Augenabstand vergrößert. Der Nasenboden mündet, im Gegensatz zum modernen Menschen in Europa, abgerundet in die Gesichtsebene. Alle diese Merkmale deuten auf eine große, fleischige Nase hin und lassen sich als Anpassung an die eiszeitliche Kälte erklären, denn eine große, lange Nase wärmt die Atemluft vor, bevor diese die Lungen erreicht und unterstützt dadurch die Aufrechterhaltung der Körper-Kerntemperatur. Die Riechschleimhaut war weiter vorne angeordnet als beim Jetzt-Menschen. Die hierdurch verbesserte Geruchsaufnahme könnte ein Vorteil bei der Nahrungssuche insbesondere bei der Jagd auf Tiere gewesen sein.
Das Gebiss ist wesentlich kräftiger als das des modernen Menschen. Bedingt durch die verhältnismäßig hohen und langen Kiefer wirken Neandertalerschädel prognath, d.h. die untere Gesichtshälfte springt hervor. Die Unterkieferäste sind breiter, der Winkel zwischen Unterkieferästen und -körper steiler. Als gutes Unterscheidungsmerkmal zum modernen Menschen kann das fliehende Kinn gelten.
Die Anzahl und Form der Zähne sowie die Kronenformen stimmen mit den unsrigen überein, jedoch sind die Schneidezähne vergrößert und die hinteren Backenzähne durch das Merkmal der Taurodontie gekennzeichnet, d.h. die Wurzeln trennen sich erst kurz vor den Spitzen in Äste auf. Weiterhin ist die sogenannte "Neandertaler-Lücke" typisch, die regelmäßig zwischen dem letzten Molaren und dem Unterkieferast auftritt.
Eine Hypothese geht davon aus, dass die Form des Schädels durch die starke Beanspruchung der Schneidezähne zu Stande kam. Sie wurden nämlich - bewiesenermaßen - nicht nur zur Nahrungsaufnahme, sondern auch als eine Art Werkzeug, gleich einer "dritten Hand", benutzt. Die so genannte "Teeth - as - tool"-Hypothese von Smith besagt, dass die Zähne als Schraubstock und Zange eingesetzt wurden.
Am Hinterhaupt fällt in der Profilansicht die hintere Partie auf, die, hervorgerufen durch eine markante Eindellung, einem Haarknoten ähnelt. Dieses Merkmal kommt auch noch - allerdings seltener - in Populationen des modernen Menschen vor und ist evtl. durch die längliche Schädelform bedingt.
Auch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr des Neandertalers zeigt Unterschiede zum modernen Menschen: Der hintere Bogengang des Labyrinthorgans liegt beim Neandertaler tiefer als beim Homo sapiens.
Hirnkapazität. Im Durchschnitt besaßen Neandertaler einen größeren Hirnschädel als der Jetzt-Mensch. Das Gehirnvolumen des Neandertalers betrug etwa 1300 – 1700 cm³, das des heutigen Menschen etwa 1200 – 1400 cm³. Aussagekräftig ist jedoch immer nur die Relation des Hirnvolumens zur Körpermasse eines Menschen. Die Größe des Neandertalergehirns könnte Ausdruck einer gesteigerten stoffwechselbedingten Effizienz sein und somit einer Anpassung an das Eiszeitklima entsprechen. Ein ähnliches Phänomen ist bei den Inuit zu beobachten, deren Gehirngröße tendenziell ebenfalls größer als bei anderen Menschen ist.
Sprechvermögen, Sprachorgane
Der Fund eines fossilen Neandertaler-Zungenbeins aus Kebara in Israel ist ein deutliches Indiz für die zumindest anatomische Sprechfähigkeit des Neandertalers. Auch lassen Innenausgüsse von Hirnschädeln auf ein entwickeltes Hirn mit Broca- und Wernicke-Zentrum, den motorischen und sensorischen Sprachzentren schließen.
Auch die Längenrelation der unteren Extremitäten beim Neandertaler wird als Anpassungsprozess an das kalte Klima gedeutet. Entscheidend ist hierbei das Längenverhältnis von Unter- zu Oberschenkel. Dieses Längenverhältnis betrug beim Neandertaler etwa 71 Prozent. Er hatte damit kürzere Beine als heutige Menschen aus Lappland (Längenverhältnis 79 Prozent), die wiederum kürzere Beine als Afrikaner (Längenverhältnis 86 %) haben.
Kultur
Waffen (Speere, Messer etc.) und Feuer waren den Neandertalern bekannt.
Funde aus dem Harz zeigen, dass sie bereits Pech als Klebstoff aus Birken herstellen konnten.
Der Neandertaler fertigte in den Eiszeiten als erste Menschenart Kleidung an.
Aus Untersuchungen der Isotopenverhältnisse von Knochenproteinen lässt sich schließen, dass sich die Neandertaler fast ausschließlich von Fleisch ernährt haben.
In der Gudenushöhle (Kleines Kremstal, Niederösterreich) lässt die untere Kulturschicht (70.000 Jahre) Jagd auf Mammut, Nashorn, Ren, Wildpferd und Höhlenbär vermuten. Die obere Schicht (ab 20.000 Jahre) zeigte Ritzkunst und eine Flöte.
Hinweise auf die Religiosität der Neandertaler sind mangels eindeutig interpretierbarer Funde ungewiss. In der Schweizer Drachenloch-Höhle wurden Höhlenbärenknochen gefunden, die zwischen Steinplatten angeordnet waren - deshalb spekulierte die ältere Forschung (und in jüngerer Zeit die Schriftstellerin Jean M. Auel) über einen "Höhlenbär-Kult" beim Neandertaler. Die Felsen können freilich auch von selbst von der Höhlendecke herabgeschlagen, ihre Anordnung zufällig sein. - In Shanidar im Irak fand man einen Neandertaler unter einer großen Felsplatte begraben, rings um ihn auffallend viele Pollen von Blütenpflanzen. Ob es sich hier aber tatsächlich um ein rituelles Blumenbegräbnis gehandelt hat, wird heute bezweifelt. Eine Analyse umgebender Sedimente ergab, dass die Blütenpollen nachträglich von Wühlmäusen eingebracht worden waren. Zwei Leichen von Neandertalern in eindeutig von Menschenhand ausgehobenen "Gräbern" finden sich dagegen bei La Chapelle-aux-Saints in Frankreich und in Kebara (Israel). Aber auch in diesen beiden Fällen bleiben die Vorstellungen über ein religiöses Empfinden der Neandertaler spekulativ; aus den Funden lässt sich nicht beweisen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glaubten. Es könnte sich bei den beiden "Gräbern" auch um Müllgruben handeln, in denen man sich der Toten entledigen wollte.
Für ein gewisses Sozialverhalten sprechen allerdings Funde aus Shanidar im Irak: An einem dort gefundenen Skelett wurden lange vor dem Tod dieses Individuums verheilte, schwere Verletzungen entdeckt. Diese Wunden müssen dem Betroffenen einen Beitrag zum Überleben der Gruppe eigentlich unmöglich gemacht haben. Trotzdem wurde er offensichtlich gesund gepflegt und auch weiterhin ernährt.
Verwandtschaft zum modernen Menschen
Die Verwandtschaftsbeziehungen zum heutigen modernen Menschen sind nicht geklärt. Die eine Theorie geht davon aus, dass der Neandertaler einer ausgestorbenen Seitenlinie der menschlichen Entwicklung angehört, die andere, dass er sich zumindest partiell mit den gleichzeitig mit ihm lebenden engeren Vorläufern des heutigen Menschen vermischte und so auch einen gehörigen Teil seines Erbgutes an uns weitergab (siehe auch Hominisation). Im Lapedo-Tal in Zentralportugal wurde ein Kinderskelett gefunden, das Merkmale beider Menschengruppen aufweist. Dieses etwa vier Jahre alte Kind war zeremoniell bestattet worden und wurde auf ein Alter von 25.000 Jahren datiert; es ist somit einige tausend Jahre jünger als die jüngsten eindeutig dem Neandertaler zugeordneten Funde, die in die Zeit vor ca. 30.000 Jahren einzuorden sind. Seine Einordnung als echter Mischling ist allerdings umstritten.
Untersuchungen der DNA des ersten Neandertaler-Fundes und der neuen Funde sowie des Kaukasus-Exemplars legen die Annahme nahe, dass der Neandertaler und der moderne Homo sapiens zu Zeiten der Koexistenz vor bis zu 30.000 Jahren keine der untersuchten Gene ausgetauscht haben. Da jedoch nur 370 bis 600 Basenpaare verglichen werden konnten, kann ein Genaustausch dennoch nicht ausgeschlossen werden.
Forschungsgeschichte
Die Stätte der ersten Neandertaler-Funde ist nicht mehr erhalten; die so genannte Kleine Feldhofer Grotte wurde im Rahmen des Kalkabbaus (der letztlich auch zur Entdeckung führte) zerstört. Zwei Arbeiter waren dort im August 1856 etwa 60 cm tief im Lehm auf fossile Knochen gestoßen, die zunächst unbeachtet mit Gesteinsschutt zu Tal geworfen wurden. Dort fielen sie dem Besitzer des Steinbruchs auf, der sie für Überreste eines Höhlenbären hielt und die größeren Knochenfragmente aus dem Schutt aufsammeln ließ. Anschließend wurden sie dem Elberfelder Lehrer Johann Carl Fuhlrott übergeben. Er erst erkannte auf Anhieb, dass die Überreste (einige Rippen, mehrere Bein- und Armknochen, ein Schädeldach, Becken-Fragmente) einem Menschen zuzuordnen waren, der sich allerdings vom heute lebenden Menschen unterschied. Seine letztlich korrekte Deutung wurde jedoch von den Gelehrten seiner Zeit (u. a. auch von dem deutschen Pathologen Rudolf Virchow, der die Knochen für rachitisch verformt hielt) nicht ernst genommen. Mehr Anerkennung fand Fuhlrotts Deutung in England, wo das um diese Zeit erschienene Werk Charles Darwins den Weg zu einer neuen Denkrichtung bereitet hatte.
Heute befindet sich an der Stelle des Fundorts, 14 m unter dem Niveau von 1856 gelegen, ein kleiner Park, der auf die Entdeckung hinweist. Er gehört zum etwa 500 m entfernt liegenden Neanderthal Museum, das einen Einblick in die Geschichte der Menschheitsentwicklung gibt.
Nachgrabungen im Neandertal unter der Leitung des Tübinger Urgeschichtlers Ralf W. Schmitz und seines Kollegen Jürgen Thissen haben in jüngster Zeit neue, spektakuläre Funde am Standort der ursprünglichen Höhle zutage gefördert, nämlich die Überreste von zwei weiteren Neandertaler-Individuen. Unter den mehr als 60 Knochen und Knochensplittern konnten die Forscher die Armknochen eines erwachsenen Neandertalers sowie den Milchzahn eines Kindes nachweisen.
Die aufgefundenen Knochen und Steinwerkzeuge sind rund 40.000 Jahre alt, was mit dem ersten Fund übereinstimmt.
Im Jahr 2004 wurde aufgedeckt, dass der Leiter des Instituts für Anthropologie der Universität Frankfurt, Reiner Protsch von Zieten, wiederholt Datierungen von vermuteten Neandertalerschädeln bewusst gefälscht bzw. wissentlich Alterbestimmmungen mit grob fehlerhafter Kalibrierung der Geräte durchgeführt haben soll. Der Fall "Protsch von Zieten" erweckte weltweites Aufsehen, weil dadurch zahllose Fundstücke auf Unstimmigkeiten überprüft werden müssen.
Aktuelle Forschung sowie Ausstellungen
- Bis Mitte Dezember 2005 zeigt das Harburger Helms-Museum für Archäologie eine neue Ausstellung "Die Neandertaler in Europa". Diese wurde übernommen vom "Gallorömischen Museum" in Tongern in der belgischen Provinz Limburg. Sie zog dort zuvor 145.000 Besucher an. Besondere Attraktion sind neben Kopien des 30.000 Jahre alten, aus Mammutelfenbein geschnitzten Löwenmenschen (Leihgabe aus Ulm) und der 400.000 Jahre alten Speere aus der Fundstelle im niedersächsischen Schöningen 25 vom Künstler Dirk Claesen gestalteten Figuren. ([http://www.taz.de/pt/2005/08/01/a0036.nf/text "Die Neandertaler in Europa" Harburger Rathausplatz 5; bis 11. Dez. 2005])
- Das Neanderthal Museum am gleichnamigen Fundort wird vom 4. Mai bis zum 24. September 2006 sowohl das Klischee vom wilden Mann als auch die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, unter anderem über den Alltag der Neandertaler, zeigen ("Hautnah. Neanderthaler").
- Im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne will eine Ausstellung über das Klima, über die Anpassungsfähigkeit der Menschen, Tiere und Pflanzen über die Jahrtausende sowie über Wetter-Extreme erlebbar machen ("Leben in Extremen", Juni 2006 bis April 2007).
- Das [http://www.rlmb.de Rheinische Landesmuseum Bonn ]lädt vom 7. Juli bis 19. Dezember 2006 zu einem "Familientreffen" von Vor- und Frühmenschen aus Afrika, Asien und Europa ein, die zum ersten Mal gemeinsam in einer Ausstellung zu sehen sein werden ([http://www.roots2006.de "Roots//Wurzeln der Menschheit"]).
- Vom 21. bis 26. Juli 2006 werden sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt an der Universität Bonn zu einem internationalen Kongress treffen ("150 Years of Neanderthal Discovery").
Literatur
- Bärbel Auffermann, Jörg Orschiedt: Die Neandertaler - Eine Spurensuche, Stuttgart 2002. 112 S. ISBN 3-8062-1514-6
- Ernst Probst: Deutschland in der Steinzeit, München 1991. ISBN 3570026698
- Ernst Probst: Rekorde der Urzeit, München 1992. ISBN 3570013820
- Schmitz, R.W., Thissen, J.: Neandertal - Die Geschichte geht weiter. Berlin 2000. ISBN 3827413451
- Schrenk F., Müller S.: Die Neandertaler, München 2005. ISBN 3-406-50873-1
- Serre D., Langaney A., Chech M., Teschler-Nicola M., Paunovic M., et al.: No evidence of Neandertal mtDNA contribution to early modern humans. In: PloS Biology, vol. 2, Issue 3, DOI: 10.1371/journal.pbio.0020057, März 2004.
- Thorwald Ewe: Der Untergang der Neandertaler. Bild der Wissenschaft 6/2005, S. 16 - 32 (2005), ISSN 0006-2375
Weblinks
- [http://www.archaeologie-online.de/magazin/thema/2001/06/ Archäologie Online: Mythos Neandertaler]
- [http://www.neanderthal.de/ Das Neanderthal Museum]
- [http://www.the-neanderthal-tools.org Internetplattform mit Zugang zu Daten der bisher gefundenen Neandertaler und deren Fundorte]
- [http://www.jqjacobs.net/anthro/paleo/neanderthal.html James Q. Jacobs: Neanderthal DNA Sequencing Genetische Analysen an Neandertalern, Englisch]
- [http://www.landschaftsmuseum.de/Seiten/Lexikon/Neandertaler.htm Landschaftsmuseum Obermain Kulmbach: Wie lebten die Neandertaler?]
- [http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=sij72-7 Sigrid Hartwig-Scherer: Ein möglicher Neandertal-Hybrid und seine Folgen]
- [http://biology.plosjournals.org/perlserv/?request=get-document&doi=10.1371/journal.pbio.0020057 Studie zum Vergleich der mitochondrialen DNS von Neandertaler und Homo sapiens]
Populärwissenschaftlich:
- [http://www.wissenschaft24.info/neandertaler.php4 Aktueller und allgemeinverständlicher Newsletter zur Neandertaler-Forschung]
- [http://www.factum-magazin.ch/whats_new/news.cgi?v=archive&c=Evolution&id=042010044127 Factum Magazin: Neandertaler wird ganz Mensch]
- [http://www.netzeitung.de/servlets/page?section=568&item=205987 Netzeitung: Neue Funde im Neandertal]
- [http://www.netzeitung.de/servlets/page?section=23&item=173679 Netzeitung: Hightech in der Altsteinzeit Benutzen von Pech durch Neandertaler]
- ORF: [http://science.orf.at/science/urban/6221 Neandertaler - keine Rasse: Neues aus der Anthropologie in Wien]
- Telepolis: [http://www.heise.de/tp/r4/artikel/7/7437/1.html Rothaarig durch Neandertaler-Gen?]
- Telepolis: [http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20859/1.html Zur Koexistenz von Homo sapiens sapiens und Neandertaler]
- Telepolis: [http://www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17067/1.html Zur Durchmischung von Neandertaler und Homo sapiens]
Kategorie:Primaten
als:Neandertaler
ja:ネアンデルタール人
Gletscher]]
Ein Gletscher ist eine bis zu mehrere hundert Meter dicke Eismasse, die sich durch das Eigengewicht in langsamem Fluss talwärts bewegt.
Etymologie
Das Wort Gletscher ist entlehnt aus Westalpen-romanisch glatscharju „Gletscher, [eigentlich:] Eisbehälter“. Dieses wiederum ist abgeleitet aus dem lateinischen glacies („Eis“).
In den Ostalpen ist vom Oberinntal bis zum Zillertal (Zamser Grund) die Bezeichnung Ferner (vgl. Firn) üblich; damit wurde also zunächst der Schnee von fern, d. h. aus dem letzten Jahr bezeichnet. Östlich des Zillertals (Venedigergruppe, Hohe Tauern) verwendet man die Bezeichnung Kees, die wahrscheinlich aus einer prä-indogermanischen Sprache stammt.
Gletscherentstehung
Ein Gletscher entsteht durch die Ansammlung von Schnee, der nicht schmilzt, sondern sich immer weiter ansammelt. Frisch gefallener Neuschnee bildet eine Schicht aus nur leicht verdichteten Schneekristallen und mit Luft gefüllten Hohlräumen. Fällt erneut Schnee, so legt er sich über diese bereits existierende Schicht und drückt die mit Luft gefüllten Hohlräume so zusammen, dass sie kleiner werden. Dieses Eis ist halb durchsichtig blau oder grün gefärbt. Gletschereis hat eine Dichte von bis zu 0,918 g/cm³, während die Dichte von Pulverschnee nur 0,06 g/cm³ beträgt. Der Luftgehalt von Pulverschnee beträgt also 90%, der von Gletschereis nur noch 2%. Der Luftgehalt von Firn bzw. Firneis, die Zwischenstufen im Entstehungsprozess von Gletschereis, beträgt 60 respektive 30%. Es tritt daher im Verlauf der Gletschereisbildung eine sehr starke Verdichtung auf.
Verdichtung
Je nach Entstehungsweise und Entwicklungsstadium unterscheidet man heute im Allgemeinen folgende Arten von Gletschern:
- Hanggletscher
- Talgletscher: Eismassen, die ein deutlich begrenztes Einzugsgebiet besitzen und sich unter dem Einfluss der Schwerkraft in einem Tal abwärts bewegen. Sowohl der Umfang des Schmelzwassers als auch die Fließgeschwindigkeit des Gletschers variieren im Jahresverlauf mit einem Maximum im jeweiligen Sommer. Obwohl Talgletscher nur etwa 1% der vergletscherten Gebiete der Erde ausmachen, sind sie wegen ihres imposanten Aussehens der bekannteste Gletschertyp (z.B. Aletschgletscher).
- Inlandeis oder Eisschild: Die größten Gletscher überhaupt. Eismassen, die so mächtig werden, dass sie das vorhandene Relief fast vollständig überdecken und sich auch weitgehend unabhängig von diesem bewegen. Einige Wissenschaftler unterscheiden jedoch zwischen den kleineren Gletschern und den großen Inlandeismassen, die sie deshalb nicht als Gletscher bezeichnen.
- Auslassgletscher:
- Plateaugletscher: Ein "kleines" Inlandeis, begrenzt auf Hochplateaus.
- Eisstromnetz: Wachsen Talgletscher so stark an, dass das Gletschereis die Talscheiden überfließen kann, spricht man von einem Eisstromnetz. Die Bewegung des Eises wird aber dennoch vor allem vom vorhandenen Relief gesteuert. Die Alpen bildeten auf dem Höhepunkt der jüngsten Vereisung solch ein Netz.
- Pultgletscher
- Kargletscher: Eismassen geringer Größe, die sich in einer Mulde, dem sogenannten Kar, befinden. Kargletscher besitzen keine deutlich ausgebildete Gletscherzunge. Bei Kargletschern handelt es sich um Überreste von Talgletschern, die ihre Zunge verloren haben.
Nährgebiete und Zehrgebiete
Talgletschern]]
Auf einem Gletscher gibt es immer ein Nährgebiet und ein Zehrgebiet. Im Nährgebiet bleibt der Schnee auch während der warmen Jahreszeit erhalten, so dass er sich durch Temperaturwechsel und Druck im Lauf mehrerer Jahre zu Gletschereis umformt, was in den Alpen etwa zehn Jahre in Anspruch nimmt. Durch das Fließen des Eises gelangt es mit der Zeit in tiefere und für die Sonnenstrahlung exponiertere Regionen, in denen das Gletschereis zu schmelzen beginnt und in Form von Gletscherabflüssen, meist Sturzbächen, talwärts abfließt. Diese Region wird als Zehrgebiet (Gletscherzunge) bezeichnet.
Die Größe des Nähr- und Zehrgebietes variiert jedes Jahr in Abhängigkeit der Schneemenge im Winter und des sommerlichen Witterungsverlaufs. Dadurch wird der Gesamthaushalt des Gletschers bestimmt, sprich ob er sich vergrößert oder verkleinert.
Gletscher und Klima
Obwohl Gletscher nur einen geringen Teil der Erdoberfläche ausmachen, ist weitgehend unumstritten, dass sie das lokale wie weltweite Klima sehr stark beeinflussen. Dabei sind zwei physikalische Eigenschhaften von Bedeutung:
- Die Albedo der Erdoberfläche erhöht sich massiv. Das heißt, eintreffendes Sonnenlicht wird zu nahezu 90% zurück gespiegelt, wodurch es seinen wärmenden Energieeintrag in die Biosphäre nicht entfalten kann. Ein einmal ausgedehnter Gletscher hat daher die Tendenz, weiter abzukühlen und durch das über ihm entstehende Hochdruckgebiet in Verbindung mit tiefen Temperaturen sich weiter auszudehnen.
- Der Gletscher wirkt als Massespeicher. Wasser wird in Form von Eis in den Gletschern gespeichert und so dem Wasserreservoir vorübergehend entzogen. Dadurch werden Wassermassen oberhalb in fester Form gehalten, die sonst weltweit zu einem Ansteigen des Meeresspiegels führen würden. Dies gilt im Besonderen für den süd-polaren Bereich. (Das Nordpoleis schwimmt und ragt nur soweit aus dem Wasser, wie es seiner Verdrängung entspricht. Durch das Abschmelzen des Nordpolareises kann also der Wasserspiegel der Meere nicht ansteigen.)
Die Wirkung des vermehrten Eintrags von Schmelzwasser auf die Meeresströmungen, insbesondere auf das Golfstromsystem, ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Heute schmelzen viele Gletscher in den Gebirgen aufgrund der Globalen Erwärmung. Sie sind ein Indikator für das Langzeitklima.
Gletscher als Landschaftsformer
Langzeitklima]]
Gletscher sind bedeutende Landschaftsformer; insbesondere während der Eiszeiten wurden viele Gebirge umgeformt und das abgetragene Gestein an anderer Stelle als Moränen wieder aufgehäuft. Gletscher stellen auch eine sichere Wasserversorgung vieler Flüsse in der niederschlagsarmen Sommerzeit dar.
In den Polargebieten münden viele Gletscher direkt ins Meer. Das von ihnen abbrechende Eis (Kalben des Gletschers) wird zu Eisbergen. Tafeleisberge haben einen anderen Entstehungsmechanismus.
10 % (15.000.000 km²) der Erdoberfläche werden zurzeit von Gletschereis bedeckt, während der letzten Eiszeit waren es 32 %. In Gletschern wird 75 % des Süßwassers gespeichert. Bei einem Abschmelzen des gesamten Gletschereises würde sich der Meeresspiegel weltweit um 70 m anheben. Das Eis in der Antarktis ist zum Teil über 40 Millionen Jahre alt. Ohne den schweren Eispanzer würden sich Teile der Antarktis aufgrund der Isostasie um bis zu 2.500 Meter anheben. Wird das Eis durch den Eigendruck stark komprimiert, verkleinern sich die Lufteinschlüsse in der Kristallstruktur. Dadurch werden alle Farben absorbiert, lediglich der blaue Anteil wird reflektiert: das Eis schimmert bläulich. Das letzte markante Gletscherwachstum fand während der „kleinen Eiszeit“ statt und endete vor etwa 150 Jahren. Seitdem verkleinert sich die Gletschermasse kontinuierlich, mit einem jedoch stark erhöhten Abschmelzen in den letzten Jahrzehnten.
Die Vorstellung, dass Gletscher die Landschaften dieser Erde wesentlich geformt haben, ist jedoch noch nicht sehr alt: Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hielten die meisten Gelehrten daran fest, dass die Sintflut die Gestalt der Erde prägte.
Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft schrieb jedoch 1817 einen Preis für ein Thesenpapier zu dem Thema aus "Ist es wahr, dass unsere höheren Alpen seit einer Reihe von Jahren verwildern?" Und spezifizierte weiterhin, dass " eine unpartheyische Zusammenstellung mehrjähriger Beobachtungen über das teilweise Vorrücken und Zurücktreten der Glescher in den Quertälern, über das Ansetzen und Verschwinden derselben auf den Höhen; Aufsuchung und Bestimmung der hier und da durch die vorgeschobenen Felstrümmer kenntlichen ehemaligen tiefern Grenzen verschiedener Gletscher" gesucht sei.
Ausgezeichnet wurde 1822 eine Arbeit von Ignaz Venetz, der auf Grund der Verteilung von Findlingen und Moränen schloss, dass einst weite Teile Europas vergletschert waren. Seine These fand jedoch nur Gehör bei Jean de Charpentier, der wiederum 1834 diese These in Luzern vortrug und dem es gelang, Louis Agassiz davon zu überzeugen. Dem rhetorisch begabten Agassiz, der in den nachfolgenden Jahren intensive Studien zur Gletscherkunde betrieb, gelang es schließlich diese Auffassung als allgemeine Lehrmeinung durchzusetzen.
Gefahren durch Gletscher
Die von Gletschern ausgehenden Gefahren werden nach der Ursache in 3 Kategorien eingeteilt: Gefahren durch Längen- und Geometrieänderungen, Gefahren durch Gletscherhochwasser, Gefahren durch Gletscher- und Eisstürze. Durch Geometrieänderungen können Bauwerke, die sich unmittelbar am Gletscherrand befinden, gefährdet sein. Nach Gletscherrückgang freigelegte Moränen und Felswände können instabil werden, so dass es zu Rutschungen und Hangabstürzen kommt. Gletscherhochwasser sind nicht niederschlagsbedingte Hochwasserereignisse, die durch plötzliche Entleerung von durch den Gletscher aufgestaute Seen oder im Gletscher gespeicherten, verborgenen Wassertaschen entstehen. Diese Ausbrüche verursachen oft verheerende Flutwellen, die zu großen Schäden im Tal führen. Bei Hängegletschern kommt es regelmäßig zu großen Eisabbrüchen. Dadurch ausgelöste Eislawinen können eine Gefahr für Siedlungen und Verkehrswege darstellen.
Rekorde und andere Infos
Louis Agassiz
Größe:
- der größte Gletscher der Erde (ohne Inlandeis) ist der Lambert-Gletscher (Antarktis)
- der größte außerpolare Gebirgsgletscher der Erde ist mit 4.275 km² Fläche der Malaspina (Alaska)
- der größte europäische Gletscher ist mit 8.200 km² Fläche der Austfonna (Svalbard/Norwegen)
- der größte europäische Festlandgletscher ist mit ca. 500 km² Fläche der Jostedalsbreen (Norwegen)
- der größte und längste Alpen-Gletscher ist der Aletschgletscher (117,6 km² / 23,6 km)
- der größte Gletscher in Deutschland ist der Schneeferner an der Zugspitze
- der größte Gletscher in Österreich ist die Pasterze am Großglockner
- der größte Gletscher Südamerikas ist das Campo de Hielo Sur in Chile
Talhöhe:
- der in den Alpen am tiefsten in ein Tal reichende Gletscher ist mit bis etwa 1.400 m ü. NN der Glacier des Bossons am Mont Blanc
Äquatornähe:
- die äquatornächsten Gletscher befinden sich auf dem Mount-Kenya-Massiv (Afrika)
- der äquatornächste Gletscher, der sogar ins Meer kalbt, ist der Ventisquero San Rafael, ein Teil des Campo de Hielo Norte (Chile) nahe des 45. südlichen Breitengrads (entspricht auf der Nordhalbkugel etwa der Lage von Mailand)
Fließgeschwindigkeit:
- der am schnellsten fließende Gletscher der Erde ist der Kutiah Gletscher (Pakistan); 1953 wurde eine Fließgeschwindigkeit von 12 km in drei Monaten gemessen, das entspricht im Durchschnitt 112 m pro Tag.
- Alpen-Gletscher bewegen sich mit 30 bis 150 m pro Jahr
- Himalaya-Gletscher fließen mit 500 bis 1.500 m im Jahr, also 2 bis 4 m am Tag
- Grönland-Gletscher bewegen sie sich 3 bis 10 km pro Jahr bzw. zirka 10 bis 30 m am Tag
Literatur
- Erich Obst, Josef Schmithüsen, Friedrich Wilhelm: Lehrbuch der Allgemeinen Geographie, Bd.3/3, Schneekunde und Gletscherkunde; Gruyter Verlag; 1974; ISBN 3110049058
Siehe auch
- Gletscherschmelze - Das durch den Klimawandel verursachte Abschmelzen der Gletscher
- Exaration - Prozes der Gletschererosion
- Glazialmorphologie - Aufbau der Gletscher
- Gletschermilch - Endmoräne - Mittelmoräne - Gletscherzunge - Gletscherspalte - Bergschrund - Randkluft - Toteis - Nunatak - Glaziale Serie
- Gletscherforscher: Louis Agassiz
- Verschiedene Gletscher (siehe Kategorie Gletscher): Wildspitze - Schneeferner - Malaspinagletscher - Liste der Schweizer Gletscher
Weblinks
- [http://www.awi-bremerhaven.de/GPH/eLEARN/Gletscher.html Glaziologie für Anfänger beim Alfred Wegener Institut]
- [http://www.glaciers-online.net/ Glaciers-online: Grosser Gletscherkunde-Site, derzeit nur auf Englisch]
- [http://www.gletscherarchiv.de/ Dokumentation des Gletscherrückgangs]
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Kategorie:Geologie
Kategorie:Geomorphologie
Kategorie:Physische Geographie
MagdalénienMagdalénien ist ein jüngerer Abschnitt des Jungpaläolithikum in Mittel- und Westeuropa, steht also am Ende der Eiszeit und der Altsteinzeit. Benannt wurde dieser Zeitabschnitt (etwa 22.000 bis 12.700 Jahre v.Chr.) nach der Halbhöhle La Madeleine gegenüber von Tursac in der Dordogne. Der Begriff Magdalénien wurde von dem französischen Prähistoriker Gabriel de Mortillet 1869 geprägt.
Vor etwa 12.000 Jahren begann die Eiskappe der letzten Eiszeit im Norden Europas zu schmelzen. Die mitteleuropäische Park-Tundra wandeert langsam nach Norden. Entlang der Donau und Südfrankreich entstanden die ersten lichten Wälder. Birke, Nadelbäume und Haselnusssträucher breiteten sich aus. Die allmählich einsetzende Bewaldung in Mitteleuropa zwang Tier und Jäger, der zurückweichenden Tundra nach Norden zu folgen. Die Fauna bestand aus Wildpferden, Rentieren, Hirschen, Auerochsen, Wisenten und Wölfen.
Typisch waren Klingenindustrien, die schon erste Tendenzen der Mikrolithisierung zeigten, wie sie im Mesolithikum charakteristisch wurden. Dominierende Jagdbeute der Menschen waren das Rentier und das Pferd.
Aus dem Magdalénien stammen auch die bekannten Höhlenmalereien, z. B. in Lascaux in Frankreich, sowie verzierte bewegliche Objekte, die als jungpaläolithische Kleinkunst bezeichnet werden.
Die Menschen lebten in Gruppen und errichteten Zelte mit einem Durchmesser bis 8 m. Gekocht wurde in Gruben im Boden, die mit Leder oder Tiermägen abgedichtet waren. In diese Gruben gab man im Feuer erhitzte Steine, die die Flüssigkeit zum Sieden brachten. Aushöhlungen in dicken Schieferplatten, in die man Tierfett und einen Docht gab, dienten als Lampen. Das rote Eisenoxyd Hämatit wurde zum Färben und wahrscheinlich auch zur Körperbemalung verwendet. Als verbesserte Jagdwaffen verwendete man Speerschleudern und Harpunen, mit denen man Weiten bis zu 140 Metern erreichen konnte. Die Jäger folgten den Rentier- und Wildpferdherden bei ihren jahreszeitlichen Wanderungen und versuchten, sie an Engstellen und sich verengenden Tälern zu stellen. An solchen Stellen wurden teilweise hunderte Skelette der erlegten Tiere gefunden. Schmuckschnecken, die aus dem Mittelmeer oder Atlantik stammen, belegen, dass es schon damals einen weitreichenden Handel gab. (Ritz-) Zeichnungen und Verzierungen von Gegenständen zeigen beginnenden Jagd- und Fruchtbarkeitszauber und lassen Riten, durchgeführt von Schamanen, vermuten. Wunschobjekte (Jagdbeute, erotische Darstellungen, Fruchtbarkeitssymbole), eventuell auch bereits die Nutzung von Musikinstrumenten, deuten auf eine Ausweitung des Interesses auf Jenseitsvorstellungen und/oder auch einfach auf ein Leben hin, das nicht mehr nur vom reinen Überleben gekennzeichnet war.
Kategorie:Archäologische Kultur
Kategorie:Steinzeit
Chur
Chur [], in der Schweiz ausserhalb Graubündens üblicherweise [] (frz. Coire, it. Coira, rät. Cuera, mittelalterlich-lat. Curia R(h)aetorum) ist die Hauptstadt des Schweizer Kantons Graubünden sowie Hauptort des bündnerischen Bezirks Plessur. Chur liegt am rechten Ufer des Rheins. Das Gemeindegebiet reicht von 570 m ü.M. bis über 1'800 m ü.M.
Geschichte
Der Name Chur kommt vom keltischen kora, koria, was so viel heisst wie Stamm oder Sippe. Andere Quelle: das lateinische Curia bedeutet Rathaus.
Ausgrabungsfunde beweisen, dass der geschichtliche Ursprung von Chur bis ins Jahr 3000 v. Chr. zurückgeht. Damit handelt es sich um die älteste bekannte Siedlung der Schweiz. Nachdem die Römer im Jahre 15 v. Chr. Rätien eroberten, machten sie Chur zum Hauptort der Raetia prima, dem südlichen Teil der neuen Provinz. 284 wurde der Ort sogar zur Provinzhauptstadt erhoben.
Im Jahre 450 wurde Chur Bischofssitz. 1524 nahm die Stadt die Reformation an, obwohl der Bischof katholisch blieb. Auf diese Weise wurden Staat und Bischof getrennt. Ins 16. Jahrhundert fällt auch der Übergang vom Rätoromanischen zum Deutschen als Umgangssprache der Churer, obwohl der bischöfliche Hof bereits seit dem 9. Jahrhundert in deutschen Händen war. Nachdem Graubünden 1803 der Eidgenossenschaft beigetreten war, wurde Chur 1820 Hauptstadt des Kantons.
Bevölkerung
Graubünden ist toll würden sie nicht auch mal dort hin gehen?
Sehenswürdigkeiten
1820
1820
1820
1820
Den Mittelpunkt der Stadt bildet der Postplatz. An der nordöstlich wegführenden Grabenstrasse befindet sich das Bündner Kunstmuseum. Es stellt Gemälde verschiedener Bündner Künstler des 18. bis 20. Jahrhunderts aus. Südwestlich vom Postplatz erstreckt sich der Fontanaplatz mit einem Denkmal für den Schlossvogt Benedikt Fontana.
Die Altstadt liegt zwischen dem Postplatz, dem barocken Bischöflichen Hof aus den Jahren 1732 und 33 und dem Fluss Plessur. Hier findet man viele Zunft- und Bürgerhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Am Ostrand der Altstadt befindet sich der Regierungsplatz mit dem 1752 errichteten Regierungsgebäude (Graues Haus). Es beherbergt neben der Staatskanzlei und dem Sitzungssaal des Kleinen Rates auch die Kantonsbibliothek und das Staatsarchiv. Auf dem Regierungsplatz befindet sich das Vazerol-Denkmal, das an die Vereinigung der Drei Bünde im Jahre 1471 erinnert.
Südlich vom Regierungsplatz befindet sich neben dem Bischöflichen Hof auch die romanisch-gotische Kathedrale aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Der dreischiffige Kirchenbau besitzt ein reich ausgestattetes Inneres.
Verkehr
Verkehrstechnisch ist Chur ein wichtiger Eisenbahnknoten, da hier die von Norden kommende Normalspurstrecke der Schweizerischen Bundesbahn endet, und man in das Schmalspurnetz der Rhätischen Bahn umsteigen kann. Letztere hat in Chur ihre Zentrale. Seit 2003 besitzt die Stadt eine mit einer riesigen Überdachung versehene, hochmoderne Umsteigestation für Bus und Bahn.
Persönlichkeiten
- Josias Braun-Blanquet, Schweizer Botaniker
- Alois Brügger, Schweizer Arzt
- Jakob Buchli, Schweizer Konstrukteur im Bereich des Lokomotivbaus
- Gion Mathias Cavelty, Schweizer Schriftsteller
- Hans Ruedi Giger, Schweizer Grafiker und bildender Künstler, Oscar-Preisträger
- Hans Gmür, Schweizer Autor
- Alfred Heuß (Musikwissenschaftler), deutscher Musikwissenschaftler und Musikkritiker
- Rudolf Hotzenköcherle, Schweizer Sprachwissenschaftler
- Kurt Huber, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Volksliedforscher, Mitglied der Weißen Rose
- Angelika Kauffmann, eine der bedeutendsten in der Schweiz geborenen Malerinnen
- Daniel Mahrer, Schweizer Skirennläufer
- Giorgio Rocca, italienischer Skirennläufer
- Meinrad Schütter, Schweizer Komponist
- Gian Simmen, Schweizer Snowboarder
Sonstige
- Jörg Blaurock (1492 - 1529), führende Persönlichkeit des frühen Täufertums, wirkte in Chur.
- Georg (Jürg) Jenatsch wurde am 24. Januar 1639 in Chur ermordet.
- Rambold XIII. von Collalto
Weblinks
- [http://www.chur.ch Offizielle Website der Stadt Chur]
- [http://www.dhs.ch/externe/protect/textes/d/D1581.html Artikel Chur (Gemeinde)] im Historischen Lexikon der Schweiz
- [http://www.churtourismus.ch Touristische Informationen]
- [http://www.userlearn.ch/projekte/rundgaengetips/chur/ Methodisch-didaktischer Rundgang und Fotos]
Kategorie:Ort in der Schweiz
Kategorie:Ort im Kanton Graubünden
Kategorie:Schweizer Gemeinde
Kategorie:Hauptort eines Kantons (Schweiz)
als:Chur
Altsteinzeit
Die Altsteinzeit, das Paläolithikum ist die älteste und längste Periode der Vorgeschichte. Sie entspricht dem Zeitraum, der im allgemeinen Sprachgebrauch mit Stein-Zeit assoziiert wird, in dem die Vor-Menschen und frühen Menschen als Jäger und Sammler lebten, Metalle noch nicht in Gebrauch waren und Werkzeuge aus Steinen, Holz und (in den späten Phasen) Knochen von Beutetieren hergestellt wurden.
Die Altsteinzeit beginnt mit den ersten intentionell hergestellten Steinwerkzeugen des Homo habilis und Homo ergaster vor über 2,4 Millionen Jahren. Sie endet etwa 8.000 v.Chr. mit dem Ende der letzten Eiszeit; im Anschluss geht man in der Levante ("Fruchtbarer Halbmond") zum Anbau von Kulturpflanzen und Tierhaltung über, die dort den Übergang in die Jungsteinzeit markieren, in Europa folgt diese Entwicklung wesentlich später, so dass hier auf die Altsteinzeit zunächst die Mittelsteinzeit (Mesolithikum) folgt.
Unterteilung
Die Altsteinzeit wird gewöhnlich in drei Perioden unterteilt, das Altpaläolithikum, das Mittelpaläolithikum und das Jungpaläolithikum. Innerhalb dieser Perioden unterscheidet man weiterhin bestimmte archäologische Kulturen, die primär durch die für die jeweiligen Zeitstufen charakteristischen Werkzeuge abgegrenzt werden und gleichzeitig kulturelle Entwicklungsstufen der Menschheit darstellen. Diese Kulturen sind in geowissenschaftlicher Tradition meist nach den ersten Fundorten des jeweiligen Zeitabschnitts benannt, z. B. Oldowan (s. u.). Die chronologische Ordnung und Abfolge der im folgenden dargestellten Abfolge dieser Kulturen lässt sich nicht
weltweit übertragen. Sie trifft aber auf Mitteleuropa zu, wo die längste Forschungstradition herrscht:
- Altpaläolithikum oder Early Stone Age
- Oldowan, charakterisiert durch Gerölle mit Schneide, ab ca. 2,5 Millionen Jahren
- Acheuléen, charakterisiert durch feiner gearbeitete Faustkeile, zunächst in Afrika, vor ca. 1,5 Mio Jahren, ab etwa 1 Million Jahre auch in Europa. Mit der Herstellung der ersten Steingeräte werden meist frühe Menschenformen wie Homo ergaster, Homo erectus und Homo heidelbergensis in Verbindung gebracht. Aus dieser Zeit stammen die ältestpopofick und soen erhaltenen Holzwaffen (Wurfspeere und Wurfhölzer), z. B. Schöningen.
- Mittelpaläolithikum oder Middle Stone Age Zeit des Neandertalers. Levalloistechnik.
- Moustérien, ca. 200.000 v. Chr. bis 40.000 v. Chr., das durch sehr fein gearbeitete Werkstücke in zahlreichen, auf die Funktion hin gestalteten Formen charakterisiert ist. Typisch sind fein ausgebildete Faustkeile. Um 40.000 erste Funde des anatomisch modernen Menschen Homo sapiens sapiens neben dem Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis).
- Micoquien, ca. 130.000 v. Chr. bis 70.000 v. Chr., Technik mit asymmetrischen Faustkeilen
- Jungpaläolithikum (Europa), mit Klingenindustrien:
- Aurignacien bis ca. 28.000 v. Chr.
- Châtelperronien bis ca. 34.000 v. Chr. (regional eingeschränkt, Frankreich und Nordspanien)
- Gravettien von ca. 28.000 v. Chr. bis ca. 21.000 v.Chr. Erstes Auftreten von Venus-Figuren, u.a. Venus von Willendorf.
- Solutréen von ca. 22.000 v. Chr. bis ca. 18.000 v. Chr.
- Magdalénien von ca. 18.000 v. Chr. bis ca. 12.000 v. Chr. Erste Höhlenmalereien; jungpaläolithische Kleinkunst; Knochenpfeife in Gudenushöhle.
Siehe auch: Portal:Vor- und Frühgeschichte - Urgeschichte - Mensch - Löwenmensch - Venus von Willendorf
Weblinks
- [http://www.landschaftsmuseum.de/seiten/lexikon/altsteinzeit.htm Überblick über die Altsteinzeit (Landschaftsmuseum Obermain Kulmbach)]
- [http://www.kulturverein-nittendorf.de/altsteinzeit/altsteinzeit.htm Altsteinzeit in Nittendorf]
Kategorie:Zeitalter
Kategorie:Steinzeit
ko:구석기 시대
Jungsteinzeit
Die Jungsteinzeit oder das Neolithikum (vom griech. νεο „neu, jung“ und λιθος „Stein“) ist eine Epoche der Menschheitsgeschichte. Ihr Beginn wird heute allgemein mit dem Übergang einiger Jäger- und Sammlerkulturen zu Hirten oder Ackerbauern festgesetzt, ihr Ende mit der lokalen Verwendung von Kupfer oder Zinnbronze durch die neolithischen Kulturen. Voraus ging die Mittelsteinzeit bzw. Altsteinzeit, es folgt die Bronzezeit.
Die Umstellung der Nahrungsbeschaffung vom Sammeln, Jagen und Fischen auf Viehhaltung und Pflanzenanbau markiert einen der fundamentalen Umbrüche in der Geschichte der Menschheit; ein Prozess, der von manchen Forschern „Neolithische Revolution“ genannt wird. Durch die Produktion von Nahrung schuf der Mensch die Voraussetzung für ein stetiges Bevölkerungswachstum. Statt umherzuziehen, schlossen sich die Menschen zu Dorfgemeinschaften zusammen. Statt kurzlebiger Behausungen konnte dazu übergegangen werden, solide Bauwerke aus Stein bis hin zu Monumentalbauten wie dem Tempel auf dem Göbekli Tepe zu errichten. Letztenendes ermöglichte der Ackerbau Anfänge einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der Spezialisten in der Lage waren, u. a. die Metallurgie zu entwickeln.
Definition
Der britische Anthropologe Sir John Lubbock definierte 1865 den Übergang in die Jungsteinzeit mit dem Auftreten von geschliffenen Steinartefakten (Axt, Beil). Später wurde das Auftreten von Keramik benannt. Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts erkannte man aber regional auch das keramiklose Neolithikum. Heutzutage wird der Beginn der Jungsteinzeit, Vere Gordon Childe folgend, mit dem Beginn von Viehhaltung und Ackerbau gleichgesetzt (dem Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise), auch wenn die Domestikationen nicht gleichzeitig erfolgten.
Wandel der Wirtschaftsweise
Vor der eigentlichen Revolution, dem Übergang zur produzierenden Wirtschaftsweise, war eine Reihe von Entwicklungen nötig, die als proto-neolithisch bezeichnet werden. So entstanden einige dauerhafte Siedlungen bereits vor Entwicklung der Landwirtschaft, etwa in Palästina und Japan. Die unmittelbare Umgebung dieser Siedlungen bot den Bewohnern aber zeitweise nur ungenügende Ressourcen (ob nun Fisch, Fleisch oder Pflanzen). Der Kultivierung und dem gezielten Anbau von Getreide ging eine jahrtausendelange Nutzung entsprechender Wildvorkommen voraus; in der Levante ist diese bis 21.000 v. Chr. nachweisbar. Ebenso ging der Züchtung von Nutztieren das Halten von deren wilden Vorfahren voraus; in der Levante die Herdenhaltung von Gazellen, später (nach deren Verschwinden) von Wildziegen und -schafen.
Entstehung der Landwirtschaft
Der Übergang zu einer bäuerlichen Lebensweise, also Wandlung vom Jagen und Sammeln wilder Tiere und Pflanzen hin zur Kultivierung dafür geeigneter Arten, vollzog sich in der Menschheitsgeschichte an mindestens drei, wahrscheinlich aber sogar fünf oder mehr Orten unabhängig voneinander.
- definitiv (und am frühesten): im Nahen Osten, in Südchina und in Mittelamerika
- wahrscheinlich: in Südamerika und in Westafrika
- möglicherweise: in Äthiopien, im Osten der heutigen USA und auf Neuguinea
Die Entstehung der Landwirtschaft fällt für die drei erstgenannten Gebiete in den gleichen Zeitraum, etwa 8000 bis 11000 v. Chr., was nicht zufällig mit dem Ende der letzten Eiszeit (Übergang Pleistozän/Holozän, etwa 11000 bis 8300 v. Chr.) übereinstimmt. Während der Eiszeit war das Klima für eine Jahrhunderte in Anspruch nehmende Entwicklung von Landwirtschaft zu großen Schwankungen unterworfen. Erst vor 11000 Jahren stabilisierte sich in dem Areal des Wildgetreides das Klima so weit, dass der Anbau in Flusstälern möglich wurde.
Dennoch war die Entstehung der Landwirtschaft zumindest in der Levante weniger eine „freiwillige“ Entwicklung als vielmehr eine aus der Veränderung der Umwelt resultierende Notwendigkeit zum Überleben. Die Großtierfauna (insbesondere die Gazelle) hatte diese Region schon sehr früh verlassen, weshalb in der Region zwischen Euphrat und Mittelmeer vermehrt wildes Getreide auf Reibsteinen (Handmühlen) verarbeitet wurde. Die bislang ältesten Spuren von möglicherweise domestiziertem Getreide (in diesem Fall Roggen) fand man in Abu Hureira am syrischen Euphrat; sie werden auf ein Alter von 13.000 Jahren geschätzt. In dieser Zeit, dem jüngeren Dryas-Stadial, ließ eine langanhaltende Dürre einen Großteil der wilden Getreidearten verschwinden, weshalb die Menschen gezielt die dürreresistentesten züchteten.
In den trockeneren Gebieten südlich davon (Judäa, Sinai) ging man nach dem Verschwinden der Gazellen dazu über, Wildziegen und -Schafe in Herden zu halten. Die Domestikation dieser Tiere lässt sich in Beidha bereits 11.000 v. Chr. ableiten und ab 8300 v. Chr. belegen, da zu diesem Zeitpunkt Caproviden und Boviden nach Zypern gelangten. Sie muss aber weitaus früher erfolgt sein. Anfangs wurden Schafe und Ziegen ausschließlich als Fleisch- und Felllieferanten gehalten; erst um 3500 v. Chr. lässt sich die Nutzung von Sekundärprodukten, in erster Linie Milch und Wolle archäologisch belegen. Genetisch (Untersuchung Peltonen) weist der Beginn des Abbaus der Laktoseintoleranz, die bei allen Menschen zunächst bei 100 % lag, auf einen viel früheren Genuss von Tiermilch. Der Einsatz von Rindern als Zugtier vor dem Pflug ermöglichte den Übergang vom jungsteinzeitlichen Hackbau zu einer höheren Ackerbaukultur. Siehe dazu auch Geschichte des Transportwesens im Altertum.
In China, im Seengebiet am Mittellauf des Jangtse, wurde in etwa zur gleichen Zeit wie in der Levante dazu übergegangen, den ursprünglich ausschließlich gesammelten wilden Reis nach und nach zu kultivieren. Weiter flussabwärts des Jangtse wird in einem Gebiet mit damals feuchtwarmem subtropischem Klima von der chinesischen Forschung das Zentrum der Nassreis-Kultivierung gesehen. Im deutlich kühleren und trockeneren Norden Chinas, nördlich und südlich des Huáng Hé, wurde einige Jahrtausende später (wahrscheinlich zwischen 5500 und 5300 v. Chr.) erstmals Hirse, vermutlich Kolbenhirse domestiziert.
Zur Fleischgewinnung wurden in China Schweine, Hunde und Bankivahühner domestiziert. Wo der Wasserbüffel ursprünglich domestiziert wurde ist unklar. Vermutlich fand dies aber ebenfalls in Süd-China um 4000 v. Chr. statt. Ebenso wie der Auerochse im Nahen Osten sollte er besonders als Zugtier von Bedeutung sein.
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