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| Gesellschaftsmodell |
GesellschaftsmodellEin Gesellschaftsmodell befasst sich mit der Beschreibung einer Gesellschaft, wobei meistens ein Teilaspekt als besonders wichtig erachtet wird.
Bekannte Gesellschaftsmodelle
- Wissensgesellschaft
- Informationsgesellschaft
- Erlebnisgesellschaft (Gerhard Schulze)
- Risikogesellschaft (Ulrich Beck)
- Ego-Gesellschaft
- Weltgesellschaft
- Männergesellschaft
- Dienstleistungsgesellschaft
- Industriegesellschaft
- Überflussgesellschaft
- Konsumgesellschaft
- Netzwerkgesellschaft (Manuel Castells)
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GesellschaftGrundsätzlich muss unterschieden werden zwischen einem Alltagsverständnis von Gesellschaft (beispielsweise 'eine Menge von Personen', oder spezieller: "in guter Gesellschaft sein", "gesellschaftlichen Anschluss suchen", "das ist mir eine feine Gesellschaft") und der Verwendung des Begriffs in der Soziologie bzw. den Sozialwissenschaften überhaupt und im Privatrecht. Biosoziologisch gesehen ist der Mensch 'von Natur in Gesellschaft', mit (bereits) Aristoteles' Worten also ein ζώον πολιτικόν (zóon politikón), ein auf 'Staaten-(Gemeinden-, Poleis-)Bildung angelegtes Wesen'.
Die Herkunft des Begriffes "Gesellschaft" ist aus altertümlich gewordenen Worten wie "Geselle" erkennbar (vgl. Gleich und gleich gesellt sich gern). Eine oft implizite Bedeutung des Begriffs "Gesellschaft" ist, dass seine Mitglieder ein gegenseitiges Interesse oder ein Interesse an einer allgemeinen Zielsetzung teilen.
Gesellschaft (Soziologie)
Zum Begriff
In der Soziologie wird unter Gesellschaft allgemein das Zusammenleben von Menschen verstanden. Der Begriff wird auch für Gruppen von Menschen verwandt, beispielsweise für ein Volk, oder für einen strukturierten, räumlich abgegrenzten Zusammenhang zwischen Menschen (z.B. ("die schwedische Gesellschaft") oder für ein durch die Dichte und Multiplexität sozialer "Interaktionen" abgegrenztes Knäuel im Netzwerk der Menschheit.
Die Bezeichnung "Gesellschaft" ist als zentraler Grundbegriff der Soziologie nicht unumstritten. Analytisch eingeführt wurde der Terminus durch den Soziologen Ferdinand Tönnies 1887 in seinem Werk "Gemeinschaft und Gesellschaft". Tönnies stellt dem Begriff Gemeinschaft, welche sich durch gegenseitiges Vertrauen, emotionale Anbindung und Homogenität auszeichnet, den Begriff Gesellschaft gegenüber, derer sich die Akteure mit jeweils individuellen Zielen bedienen. Dies führt zu einer nur losen Verknüpfung der Individuen in der Gesellschaft. Beide, Gemeinschaft und Gesellschaft, sind für ihn Gegenstände der Soziologie.
Max Weber knüpfte mit dem Begriff Vergesellschaftung daran an.
Konkrete Anwendung des Begriffs
Für konkrete Anwendungen des Begriffs wird die Grenze der Gesellschaft wegen allzu schlecht bestimmbarer Allgemeinbegriffe meist da angesetzt, wo (vermeintlich) die Gemeinsamkeit endet, die mit der Verwendung des Begriffs angedeutet werden soll. Diese Gemeinsamkeiten werden nach verschiedenen Kriterien abgegrenzt. So werden einzelne Länder (Abgrenzungskriterium: Landesgrenzen) als Gesellschaften bezeichnet, ebenso wie Kulturen (Abgrenzungskriterium: Kulturgrenzen) und soziale Systeme.
Wer Soziologie betreibt, wird immer fragen, wer erfolgreich eine "Gesellschaft" definiere. Dies ist schwieriger als beim Staat (auch der Nation) zu ermitteln, der durch völkerrechtlichen Vertrag oder erfolgreiche Proklamation entsteht, oder selbst beim Volk, das sich im Selbstverständnis durch symbolische, miteinander eng vernetzte Medien (Sprache, Liedgut, Abstammungs- und andere Mythen usw. als solches versteht, oft mit dichterischer Nachhilfe - vgl. Homer, Dante, Luther; Nationaldichter). Wer aber definiert z.B. die "polnische Gesellschaft", d.h. grenzt das oben angesprochene "Knäuel" im sozialen Netzwerk Ostmitteleuropa als das "polnische" ab? Vermutlich Soziolog/inn/en.
Den politischen Eliten kann das kaum Recht sein. Die neoliberale Politikerin Margaret Thatcher stellte die Existenz von "Gesellschaft" überhaupt in Abrede.
Soziologische Schulen und ihr Zugriff zur "Gesellschaft"
Im (z.B.) Strukturfunktionalismus bildet sich aus Akteuren dann eine "Gesellschaft", wenn sie in der Lage ist, mittels bestimmter sozialer Funktionen die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen (vgl. Talcott Parsons, aber auch: den Funktionalismus). Funktional darauf ausgerichtet bilden sich "Institutionen"; und ohne die Herausbildung von entsprechenden "Strukturen" ist eine dauerhafte Bedürfnisbefriedigung nicht möglich.
Auch ein Robinson Crusoe überlebt nur, weil er die Methoden zur Bewältigung der Welt (Normen, Werte, Fähigkeiten) verinnerlicht hat, weil er die Gesellschaft in sich trägt - z.B., wenn er auf seiner einsamen Insel 'fromm' wird. Akteur (oder, strittig, Individuum) und Gesellschaft stehen in einem wechselseitigem Abhängigkeitsverhältnis. Langfristig stabilisieren sich Gesellschaften nur, wenn sie sich über Sozialisation Strukturen und Wertvorstellungen reproduzieren. Ursprüngliche Instanz ist hier durch biologische Determination die Kernfamilie (sogar dies ist umstritten).
"Gesellschaft" in systemtheoretischen Begriffen ist, mit Luhmann ausgedrückt, das umfassendste soziale System, die Einheit, die keine soziale Umwelt mehr hat und alle (anderen) sozialen Systeme, Verhältnisse und Tatbestände umfasst. Anders ausgedrückt ist Gesellschaft alles, was durch Kommunikation füreinander erreichbar ist.
Für den 2002 verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu ist "Gesellschaft" nicht völlig erklärbar. Es gebe aber zwei zu unterscheidende Ebenen: die Ebene der sozialen Praxis, in der sich das Leben nach Regelmäßigkeiten abspiele, deren Ablauf die Akteure zum großen Teil unbewusst inkorporiert haben, und die Ebene der "Theorie der Praxis", wo untersucht werden müsse, die unbewussten, in ihrer Gesamtheit kaum wahrgenommenen Machtverhältnisse der sozialen Praxis aufzudecken, und zwar dort, wo sie weitest gehend mit den Gewohnheiten des Handelns, des Wahrnehmens und Beurteilens bricht. Bourdieus sehr einflussreiches Werk enthält damit eine gesellschaftskritische Komponente.
Auch in der heutigen (2005) Soziologie ist die Verwendung des Begriffes "Gesellschaft" nicht unumstritten. So fordert z.B. der britische Soziologie John Urry für eine Soziologie des 21. Jahrhunderts die Abkehr von der Analyse von "Gesellschaften" (Sociology Beyond Societies, London 2000).
"Weltgesellschaft"
Tönnies' und Luhmanns Ansätze erlauben - wie die vieler anderer soziologischer Makrotheoretiker - auch die Konzeption einer "Weltgesellschaft" (bei Karl Marx durch den durchdringenden Ausbeutungsmechanismus im Kapitalismus; bei Ludwig Gumplovicz durch den Krieg zwischen Gruppen; bei Ferdinand Tönnies durch den Fernhandel; bei Niklas Luhmann durch Anschluss von Kommunikationmedien wie etwa durch "Zahlungen" von "Geld"; usw.).
Die Gesellschaft wird hier nach dem geschichtlichen Entwicklungsstand der Produktionsverhältnisse beschrieben:
- Urgesellschaft
- Sklavenhaltergesellschaft
- Feudalismus
- Asiatische Produktionsweise
- Kapitalismus
- Sozialismus
- Kommunismus
Rechtsform
Das Wort Gesellschaft wird im juristischen Sprachgebrauch für Zusammenschlüsse natürlicher oder juristischer Personen gebraucht, siehe Rechtsform.
Verwandte Themen
- Gesellschaftsordnung, Sozialstruktur, Gemeinwesen, Unterscheidung von Staat und Gesellschaft, Gesellschaftsmodell, Nivellierte Mittelstandsgesellschaft
- Industriegesellschaft, Konsumgesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Netzwerkgesellschaft, Risikogesellschaft
ja:社会
ko:사회
nb:Samfunn
simple:Society
zh-min-nan:Siā-hōe
Kategorie:Soziologie
Kategorie:Gesellschaftsrecht
Kategorie:Wortexport
WissensgesellschaftDer Begriff Wissensgesellschaft verweist auf die wissensbasierte Verfasstheit moderner Gesellschaft. In ihr ist Wissen zur zentralen Voraussetzung gesellschaftlicher Entwicklung und zur wichtigsten Produktivkraft geworden.
Im Gegensatz zum Begriff der Informationsgesellschaft umfasst er jedoch nicht alleine diese technisch-ökonomische Bedeutung. Es ist zudem das kollektive Interesse am Ergründen von Gesellschaft und Natur durch systematische, nachvollziehbare, standardisierte Verfahren. Alle gesellschaftlichen Systeme beruhen in verstärktem Maße auf (wissenschaftlichem) Wissen. Nicht zuletzt sind die Lebenschancen des Einzelnen vom jeweils eigenen und dem Wissen anderer abhängig. Durch die wachsende Verbreitung moderner Kommunikationsmittel ist es möglich geworden, unbegrenzt Informationen einzusammeln. Erst durch einen kollektiven Akt der Bewertung, Einordnung und Hierarchisierung werden diese Informationen zu Wissen umgeformt. Dies erfordert die Einbeziehung von möglichst vielen Menschen. Internet-Enzyklopädien, wie z.B. die Wikipedia beschleunigen den Paradigmenwechsel einer Gesellschaft, in der Wissen durch eine kleinere Gruppe von Experten gehortet und an Eingeweihte weitergeleitet wird zu einer Gesellschaft, in der jeder an der kollektiven Konstruktion von Wissen mitwirken kann. Auf diese Weise werden intellektuelle Ressourcen in nie gekanntem Maße mobilisiert und zusammengelegt.
Siehe auch: Wissensallmende, Wissenskommunismus, Wissensfreiheit, Neue Wissensordnung, Freie Informationsinfrastruktur, Informationsgesellschaft, Infosphäre, Wissen, Kollektive Intelligenz, Ressourcenorientierung
Literatur
- Helmut F. Spinner: Die Wissensordnung, 1994
- Helmut F. Spinner: Die Architektur der Informationsgesellschaft, 1998
- Bernhard von Mutius: Die Verwandlung der Welt. Ein Dialog mit der Zukunft, 2000, ISBN 3-608-94271-8
- Richard van Dülmen, Sina Rauschenbach (Hg.): Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft Köln, Weimar, Wien, 2004.
Weblinks
- [http://www.wissensgesellschaft.org Wissensgesellschaft.org]
- [http://www.rz.uni-karlsruhe.de/~Helmut.Spinner/3/B/III/aufgaben.html Neue Aufgaben für die modernen Geisteswissenschaften als Wissenswissenschaften]
- [http://www.rz.uni-karlsruhe.de/~Helmut.Spinner/3/B/IV/2_wissensordnung.html Grundlagenstudien zum Wissensarten-Projekt]
- [http://www.rz.uni-karlsruhe.de/~Helmut.Spinner/3%5CA%5C1985.html Problemlösungs-Projekt]
- [http://www.tzimmerm.de/index.html Texte, Literatur und Links zur Soziologie der Wissensgesellschaft]
- [http://jendryschik.de/michael/inf/wissensgesellschaft/ Die Wissensgesellschaft, Wissen in der digitalen Welt und der Mensch in der Wissensgesellschaft]
- [http://web.uni-frankfurt.de/SFB435/ Sonderforschungsbereich/Forschungskolleg "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel"] der Johann-Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
- [http://www.worldsummit2003.de/de/web/52.htm Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft]
- [http://portal.unesco.org/shs/en/ev.php-URL_ID=8951&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html UNESCO World Report: Towards Knowledge Societies]
Kategorie:Wissen
Kategorie:Gesellschaftsmodell
ErlebnisgesellschaftAchtung: Überschneidungen mit "Überflussgesellschaft"
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"Erlebnisgesellschaft" ist ein teils journalistisch-populärsoziologisch, teils wissenschaftlich-soziologisch gebrauchter Begriff, der eine auf Eudämonismus (Glückseligkeit als oberstes Lebensziel) und auf Genuss ausgerichtete gegenwartsorientierte (geduldfeindliche) Konsumgesellschaft bezeichnet, die besonders von hedonistischen Werten gekennzeichnet ist und zunehmend auf sog. Tugenden wie Solidarität, Anstrengung, Geduld und Askese verzichtet. Die Erlebnisgesellschaft muss aber nicht in Widerspruch zu den Sekundärtugenden stehen, auch sie ist von Ordnung geprägt. Teilweise kommen hier im experimentalistischen Sinne postmaterialistische (d.h. nicht materielle) Werte zum Tragen, die generell aber nicht auf die Überwindung der Konsumgesellschaft zielen, sondern die individualistische Ausgestaltung des eigenen Lebensstils - auch mit den Mitteln des Konsums - intendieren.
Der Begriff bezeichnet also vereinfacht gesagt eine Gesellschaft in der der Einzelne sehr egoistisch auf das Erreichen von möglichst viel Genuss konzentriert ist.
Herkunft
Der von Gerhard Schulze als Buchtitel gewählte Terminus "Erlebnisgesellschaft" formuliert ein soziologisches Dauerproblem: Historisch hat es vor allem in wohlhabenden Oberschichten viele hedonistische Subkulturen gegeben. Eine Frucht relativ hohen Volkswohlstandes, hatte die "Erlebnisgesellschaft" in den 1990er Jahren bereits die "Spaßgesellschaft" als Vorläuferin.
Schwierigkeit einer Theoretisierung
Es gibt nicht die eine "Erlebnisgesellschaft", sondern in pluralistischen Gesellschaften nur Gruppen von Menschen, die in ihrem Sinne gleiche Wertvorstellungen haben (vgl. dazu auch die Ergebnisse der Sinus-Studie 2004). Als makrosoziologische Kategorie scheint sie mit dem Trend zu "Bastelbiographien" auf der mikrosoziologischen Ebene des Individuums (vgl. Ulrich Beck) verknüpft zu sein.
Das Konzept der "Erlebnisgesellschaft" ist als eine Kombination aus der Individualismus-These (->Risikogesellschaft) und der Wertewandel-These zu verstehen. Der neue Akzent wird hierbei durch die individuelle Erlebnissuche gegeben. Ein Konzept der "Erlebnisgesellschaft" spricht von "Ich-verankerter – egozentrischer – Selbstverwirklichung", die kaum noch vom blanken Egoismus zu unterscheiden sei.
Glücksuche als Glücksversprechen?
Die soziale Problematik liegt in der zunehmenden 'Beliebigkeit' der Bedürfnisse nach Erlebnissen und in deren stets nur kurzfristigen Befriedigung. Insofern macht sie nicht unbedingt 'glücklicher', als es der Materialismus oder die Askese vermag.
Wegen ihrer kurzen Planungshorizonte und ihrer habituellen Ungeduld entpolitisiert sie ihre Anhänger, die zugleich auch den Anforderungen des Wirtschaftslebens voraussetzungsgemäß fremd gegenüber stehen. Religiös neigt sie zu anlassbezogener, beliebig kombinierbarer, d.h. der Mode unterworfener Esoterik (vgl.: Synkretismus). In sozialen Krisen ist eine "Erlebnisgesellschaft" also sehr verletzlich.
Siehe auch
- Überflussgesellschaft (Überschneidungen)
- Kulturpessimismus
- Spaßgesellschaft
- Die Gesellschaft des Spektakels
Literatur
- Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft : Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt a.M. : Campus, 1992 (Studienausgabe 2000, ISBN 3593348438)
Kategorie:Gesellschaftsmodell
RisikogesellschaftRisikogesellschaft ist ein vom deutschen Soziologen Ulrich Beck geprägtes Schlagwort und Haupttitel eines seiner Bücher von 1986 (siehe unten), das auch auf dem allgemeinen Buchmarkt sehr erfolgreich war.
Grundthese: "In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken. [Hervorhebungen im Original] [...] Die Verteilungsprobleme und -konflikte der Mangelgesellschaft [werden] überlagert durch die Probleme und Konflikte, die aus der [...] Verteilung wissenschaftlich-technisch produzierter Risiken entstehen"; es kommt zu einem "Wechsel von der Logik der Reichtumsverteilung [...] zur Logik der Risikoverteilung" (Beck, Risikogesellschaft, S. 25)
In dem Maße, wie die moderne Gesellschaft selbst produzierte Risiken thematisiert, wird sie reflexiv: "Es geht nicht mehr [nur] um die Nutzbarmachung der Natur, um die Herauslösung des Menschen aus traditionalen Zwängen, sondern [...] wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst. Der Modernisierungsprozeß wird "reflexiv", sich selbst zum Thema und Problem." (ebd., S. 26)
Unter dem Begriff "Risiken" subsumiert Beck einerseits "naturwissenschaftliche Schadstoffverteilungen", andererseits "soziale Gefährdungslagen" (Arbeitslosigkeit) (ebd. S. 31). Charakteristisch ist dabei, dass die entsprechenden Risiken meist nicht mehr nach Klassengrenzen verteilt sind, sondern tendenziell jeden betreffen können: So, wie Radioaktivität nicht zwischen arm und reich unterscheidet, steigt auch das Risiko von Arbeitslosigkeit in der Mittel- und Oberschicht: "Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch" (S. 48). (Dies wird in der Katastrophensoziologie bestritten.)
Beck weist darauf hin, dass Risiken immer auch Ergebnis eines gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses sind. Als bedrohlich wahrgenommen werden nicht die abstrakten Risiken selbst, sondern deren konkrete Thematisierung in den Massenmedien. Dies führt dazu, dass "Wirklichkeit [...] nach einem Schematismus von Sicherheit und Gefahr kognitiv strukturiert und wahrgenommen wird" (Lau, Risikodiskurse, S. 418).
Paradoxerweise führt die Inflation "gefühlter Risiken" jedoch auch zu mehr Gleichgültigkeit: "Wo sich alles in Gefährdungen verwandelt, ist irgendwie auch nichts mehr gefährlich" (S. 48).
Dazu, dass das Buch einen für soziologische Literatur ungewöhnlichen Verkaufserfolg erzielte und der Titel rasch zum "geflügelten Wort" wurde, hat außer der den Zugang für Laien erleichternden Lesbarkeit zweifellos auch die Europa im Jahr des Erscheinens 1986 bedrohende Nuklearkatastrophe von Tschernobyl beigetragen. Beck hierzu in einem Vorwort zur Zweitauflage Mai 1986:
"Die Rede von [...] Risikogesellschaft [...] hat einen bitteren Beigeschmack erhalten. Vieles, das im Schreiben noch argumentativ erkämpft wurde - die Nichtwahrnehmbarkeit der Gefahren, ihre Wissensabhängigkeit, ihre Übernationalität [...] - liest sich nach Tschernobyl wie eine platte Beschreibung der Gegenwart. Ach, wäre es die Beschwörung einer Zukunft geblieben, die es zu verhindern gilt!"
Der Soziologe Armin Nassehi bescheinigt Beck daher auch, "den Nerv der Zeit eindeutig getroffen" zu haben. Beck sei es "mit einer ungeheuren [...] diagnostischen Sensibilität" gelungen, "die Verunsicherung des Projekts der Moderne zu benennen" (Nassehi, Risikogesellschaft, S. 253f.). Nassehi führt diese erste allgemeine Verunsicherung der Moderne (die dadurch zu einer reflexiven Moderne wird) letztlich auf ein "gemeinsames Bezugsproblem" zurück:
"Die Unsicherheit darüber, welche Folgen gegenwärtiges Handeln für unmittelbare oder auch weitreichende Zukünfte hat". (ebd., S. 252). Folge ist die "paradoxe Situation, daß gehandelt werden muß, obwohl es dafür letztlich nicht die entsprechenden Grundlagen gibt" (ebd., S. 254).
Literatur
- Ulrich Beck (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 3-518-13326-8
- Ulrich Beck (1988): Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 3-518-11468-9
- Christoph Lau (1989): Risikodiskurse. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen und die Definition von Risiken, in: Soziale Welt, Bd. 40, S. 417-436.
- Armin Nassehi (1997): Risikogesellschaft, in: Georg Kneer, Armin Nassehi, Markus Schroer (Hrsg.), Soziologische Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner Zeitdiagnosen. München: W. Fink. ISBN 3-8252-1961-5
Siehe auch: Gesellschaft, Gefahr, Katastrophensoziologie, Risiko, Wagnis-Kosten
Kategorie:Gesellschaftsmodell
Kategorie:Katastrophensoziologie
Kategorie:Risiko
Kategorie:Globalisierung
Ego-GesellschaftDas Schlagwortwort Egogesellschaft (Ego-Gesellschaft) beschreibt die Verbindung einer 'Anspruchsgesellschaft' mit einer 'Ellenbogengesellschaft'. Sie vereint also Hedonismus mit Rücksichtslosigkeit, doch ohne die stilbildende Kraft etwa des vergnügungssüchtigen Dandytums bzw. ohne den rastlosen kapitalistischen Geschäftssinn, die mit diesen Zügen im 19. Jh. je einzeln einhergingen und damals unvereinbar waren. Sie gilt somit als eine 'postmoderne' Erscheinung.
Das Wort ist seinerseits provokant aus dem isolierenden Wort "Ego" (lat. ich) und dem verbindenden Wort "Gesellschaft" zusammengesetzt, ist also ein Oxymoron, und wird meist zur ironischen Umschreibung einer herrschenden Mentalität gebraucht, um damit den Zustand der Gesellschaft als unakzeptabel zu beschreiben. Eine Gesellschaft kann zwar nach einigen - z.B. kapitalistischen - Theorien auch dann funktionieren, wenn die Individuen lediglich egoistische Ziele verfolgen, nicht aber dann, wenn alle sozialen Akteure gerade diese beiden Züge vereinen - im Grunde die Züge, die das Bürgertum des 18. Jh. dem Adel vorwarf.
Züge der Ego-Gesellschaft
Die Ego-Gesellschaft entsteht unter anderem im Zuge der Entfremdung und werkzeughaften Ausnutzung menschlicher Beziehungen, d.h., egoistische Werte dominieren das Gesellschaftsleben. Korruption spielt eine große Rolle. Der Einzelne wird zum bezahlbaren Objekt. Dies führt zu sozialer Kälte und zur Entsolidarisierung; Gemeinsinn und Mitmenschlichkeit kommen nicht mehr zum Tragen. Der Anteil normaler Arbeitsverhältnisse ist rückläufig, prekäre Beschäftigungen nehmen deutlich zu. Als eine gravierende reale Folge wird die Kinderfeindlichkeit gesehen. Kinder fallen der Ego-Gesellschaft lästig, Erziehung ist nicht mehr angesagt, lautete 2001 die diesbezügliche Bestandsaufnahme der Journalistin Susanne Gaschke in Die Erziehungskatastrophe.
Kritik an der Ego-Gesellschaft
Aus der Sicht des Konservativismus hat der Werteverfall bzw. Sittenverfall zur Ego-Gesellschaft geführt, deren moralische Grundlagen beliebig würden. Dies sei nur mit mehr Autorität und der Rückkehr zu traditionellen Werten einzudämmen. Aus der Sicht einer durch Arbeit geprägten Erwerbsgesellschaft ist es eine Verbindung von Faulheit und Dreistheit und verächtlich.
Ulrich Beck postuliert 1997 in Kinder der Freiheit: Die Rede von der Egogesellschaft setzt voraus, dass sich ausschließt, was tatsächlich zusammen gehört: Selbstverwirklichung und da sein für andere. Danach müssten die Symptome der Ego-Gesellschaft nicht durch weniger, sondern durch mehr politische Freiheiten bekämpft werden.
Den angeführten Kritiken widersprechen Ergebnisse der Forschungen von Helmut Klages, der 2001 von einem Wertewandel spricht, der ein hohes Humanpotenzial in sich trage, das allerdings nicht ausgeschöpft werde.
Literatur
- Beck, Ulrich (Hrsg.): Kinder der Freiheit, Frankfurt a.M. 1997.
- Gaschke, Susanne: Die Erziehungskatastrophe: Kinder brauchen starke Eltern, Stuttgart u.a. 2001
- Mayer, Susanne: Deutschland, armes Kinderland - wie die Egogesellschaft unsere Zukunft verspielt. Plädoyer für eine neue Familienkultur, 2003
- Klages, Helmut: "Brauchen wir eine Rückkehr zu traditionellen Werten?", in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 29/2001
Kategorie:Gesellschaftsmodell
MännergesellschaftDas Patriarchat (griechisch πατριαρχία, von πατήρ, patér - "Vater"; αρχή, arché - u.a. "Ursprung", "Herrschaft") ist eine Herrschaftsform, die durch die Vorherrschaft (meist auch älterer) Männer (vgl. Gerontokratie) über Familien, Sippen, Gemeinden, Diözesen oder Völkern gekennzeichnet ist. Gegenbegriff dazu ist das Matriarchat
Einschlägige soziostrukturelle Formen
Das Patriarchat gestaltet sich u.a. in der
- Patrilinearität (Familienzugehörigkeit, Erbfolge, Namensgebung (Patronymie))
- Patrilokalität und Virilokalität (Wohnsitz junger Ehepaare beim Vater des Mannes bzw. der Herkunftsfamilie des Mannes - die durchaus auch matrilinear sein kann). (Gegensatz: Matrilokalität und Uxorilokalität)
- Gottesbilder: zahlreiche Pantheonvorstellungen mit einer dominierenden männlichen Gottheit, in Juden- und Christentum und Islam ein transzendenter Gottvater
Menschheitsgeschichtlich sekundäre Entstehung des Patriarchats
Je stärker die Merkmale des "Patriarchats" ausgeweitet sind, desto schwieriger ist es zu bestimmen, wie alt es sei. James DeMeo und Marija Gimbutas haben - unabhängig voneinander - Beweisführungen vorgelegt, denen zufolge patriarchale Herrschaftsstrukturen erst vor ca. 5000 Jahren entstanden sind, und zwar auf Grund von Klimaveränderungen, die zu Migrationen der Menschen führten (Demeo). Anhand von archäologischen und paläoklimatischen Studien gehen beide Forscher davon aus, dass der Übergang von egalitären, als friedlich angenommenen Verhältnissen zu gewaltsamen, kriegerischen in spezifischen Regionen der Alten Welt, in Nordafrika, im Nahen Osten und in Zentralasien stattgefunden habe: Diese relativ feuchten Gebiete trockneten allmählich aus und wurden mit der Konsequenz verlassen, dass durch den Zusammenfall der Umwelt- und Kulturbedingungen die Bindungen zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Frau und Mann in traumatisch prägender Weise zerstört worden seien.
Sollte die - weiter gehende - Hypothese eines "Ur-Matriarchates" zutreffen (vgl. dazu Urgesellschaft), so gilt die Theorie DeMeos und Gimbutas' zur Ablösung durch das Patriarchat heute als die vergleichsweise wahrscheinlichste. Ein "Ur-Patriarchat" wird zwar von zahlreichen Mythen nahe gelegt (siehe auch Adam), die aber die Weltsicht ihrer Enstehungszeit wiederspiegeln und darüber hinaus allenfalls Hypothesen ohne beweisende Kraft zulassen.
Literatur
- Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005
- Robert W. Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen 1999
- Heide Göttner-Abendroth: Für Brigida. Göttin der Inspiration. Neun patriarchatskritische Essays und Thesen zum Matriarchat, Frankfurt am Main 1998.
- Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats, München: dtv 2002
- Gerda Lerner: Die Entstehung des feministischen Bewußtseins, Frankfurt/ New York 1993
- Horst Herrmann, Vaterliebe. Ich will ja nur dein Bestes, Reinbek 1989, ISBN 3499182483
- Frank Lohscheller: Typisch Junge? Kommunikations- und Konflikttraining für Jungen an Schulen. ISBN 3-89771-355-1
- Frank Wichert (2004): Der VorBildliche Mann. Die Konstituierung moderner Männlichkeit durch hegemoniale Print-Medien, ISBN 3-89771-736-0
Siehe auch
- Matriarchat
- Patriarch
- Vater
- Männerbund
Kategorie:Soziale Rolle
Kategorie:Feminismus
Kategorie:Geschlecht
Kategorie:Gesellschaftsmodell
DienstleistungsgesellschaftDer Begriff Dienstleistungsgesellschaft beruht auf der Drei-Sektoren-Hypothese von Jean Fourastié.
Entwicklung
An der Anzahl der Erwerbstätigen oder dem Anteil am BSP (Bruttosozialprodukt) lässt sich ablesen, dass Deutschland bis Ende des 19. Jahrhundert eine Agrargesellschaft, bis in die 70er des 20. Jahrhunderts eine Industriegesellschaft war. Der expansive tertiäre Sektor überholte dann in den 70ern den sekundären Sektor und man kann seitdem in der BRD von einer Dienstleistungsgesellschaft sprechen.
Ursachen
Durch die Produktivitätssteigerung in den ersten beiden Sektoren wurden Arbeitskräfte frei und der Dienstleistungsbereich diente als „Auffangbecken“ für die freien Arbeitskräfte. Im Dienstleistungssektor (zum Beispiel bei der Bildung, Pflegedienst) kann nicht so leicht rationalisiert und automatisiert werden wie bei der Autoherstellung. In jüngerer Zeit hat der technische Fortschritt aber auch hier zu erheblichen Umwälzungen geführt und wissenschaftliche Kritik an der zugrunde liegenden Theorie ausgelöst.
Durch die steigenden Realeinkommen wächst jedoch die private, kaufkräftige Nachfrage nach Dienstleistungen. Verstärkt wird dies durch die Veränderungen in den Lebensbedingungen (sinkende Arbeitszeit --> Nachfrage nach Freizeitangebote) und in der Bevölkerungsstruktur (Alterung der Bevölkerung --> erhöhter Bedarf an Pflegediensten).
Zusätzlich gibt es einen erhöhten Bedarf im Bereich der Planung und Durchführung der Güterproduktion und der Verteilung der Güter nach Dienstleistungen innerhalb der produzierenden Gewerbe. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer industriellen Dienstleistungsgesellschaft in den Industrieländern.
Eine weitere Ursache dafür ist die wachsende Komplexität sozialer und ökonomischer Systeme. Dabei steigt der Bedarf an Regelung, Vermittlung und Steuerung. Insgesamt führt die Entwicklung also zu weiter verstärkter Arbeitsteilung; zugleich kommt es zu vermehrter Bürokratisierung der Gesellschaft.
DDR
Die DDR hatte zum Zeitpunkt des Mauerfalles (1989) die gleiche sozioökonomische Struktur wie die BRD um 1965. Die Ursachen dafür liegen in der niedrigen Produktivität und der Vernachlässigung des Dienstleistungssektors durch die sozialistische Wirtschaftsplanung. Es waren zu viele Menschen in den ersten beiden Sektoren beschäftigt. Der Einsatz und Arbeitsumfang von Dienstleistungen ist schwer im Voraus planbar. Außerdem wurde der Dienstleistungssektor als Bereich angesehen, der Volkseinkommen verzehrt; er passte dementsprechend nicht in die Ideologie des Arbeiter- und Bauernstaates. Nach der Wiedervereinigung haben die neuen Bundesländer sich schnell zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt. Dies ist vor allem auf die Deindustrialisierung zurückzuführen.
Folgen der Tertiarisierung (Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft)
Arbeitsmarkt insgesamt: Die Berufe mit den höchsten Beschäftigungszuwächsen sind etwa: Bürokräfte, Pflegeberufe und Datenverarbeitungsfachleute. Die Anforderungen an die Arbeitnehmer steigen vor allem im Bereich der fachlichen und inhaltlichen Qualifikation und der sozialen Kompetenzen (zum Beispiel Teamfähigkeit und Eigenständigkeit).
In den reichen Ländern geht die Nachfrage nach einfacher Arbeit zurück, das vor allem durch den internationalen Handel und den technischen Fortschritt hervorgerufen wird.
Die über jahrhunderte bedeutende Schicht der Bauern verlor immer mehr an Bedeutung. Heute sind sie mit weniger als 1% Anteil an allen Erwerbstätigen eine „Quantité négligeable“ (frz.: eine zu vernachlässigende Größe). Die Bauern verfügen über erhebliche Vermögenswerte, aber ihre finanzielle Situation ist häufig sehr angespannt. Bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 59 Stunden ist das durchschnittliche Nettohaushaltseinkommen pro Kopf sogar niedriger als das eines Arbeiters.
Seit der industriellen Revolution im 18. Jhd. war die Arbeiterschaft eine dominierende Schicht bis sie Ende der 70er Jahre (des 20. Jhd.) von den Beamten und Angestellten abgelöst wurden. Im Zuge des Wirtschaftswunders ist die zahlenmäßig schrumpfende Arbeiterschaft sozial aufgestiegen. Sie erreichte einen höheren Lebensstandard und eine bessere soziale Absicherung, doch ihre schwere physische Belastung blieb. Kinder aus Arbeiterfamilien haben immer noch schlechtere Bildungschancen und das Arbeitermilieu bleibt unter sich. Menschen, die der Arbeiterschaft angehören, haben im Allgemeinen ein niedrigeres soziales Ansehen. Die Gefahr, arbeitslos zu werden, ist für Menschen aus dieser Gesellschaftsschicht höher.
Angestellte und Beamte: Heute ist die größte Gruppe in der Mitte der Gesellschaft die der Angestellten. Diese gesellschaftliche Schicht tritt erstmals um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Erscheinung. Bis heute ist ihr Anteil an den Erwerbstätigen bis auf 50% gestiegen. Man kann ihre Tätigkeiten in 3 klassische Bereiche gliedern: Kaufmännische Tätigkeiten, technische Tätigkeiten und Büro- und Verwaltungstätigkeiten. Viele Angestellte finden sich aber auch in den Berufsfeldern Verkehr, Kommunikation und Information. Die meisten Angestellten finden sich im tertiären Sektor. Seit der Tertiarisierung des sekundären Sektors gibt es außerdem eine zunehmende Zahl von Angestellten in der Industrie.
Die typischen Berufe der Dienstleistungsgesellschaft gelten als rationalisierungsresistent, da oft die Qualität der Arbeit von ihrer Quantität abhängt.
Siehe auch: Wirtschaftssektor
Weitere Informationen
- Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Bonn 2002. Westdeutscher Verlag GmbH. 197 ff.
- Handwerger, Manfred (He): Die Gesellschaft der BRD. Bamberg 2003. Buchners Verlag. 87 ff.
Weblinks
- [http://doku.iab.de/mittab/1997/1997_4_mittab_burda.pdf Eine wichtige Säule des amerikanischen Beschäftigungserfolgs: der Dienstleistungssektor - Analyse des IAB]
Kategorie:Wirtschaft
Kategorie:Gesellschaftsmodell
Kategorie:Dienstleistungssektor
IndustriegesellschaftDie Industriegesellschaft unterscheidet sich als Gesellschaftsform von anderen Gesellschaftsformen vor allem durch die Art der wirtschaftlichen Produktion und die daraus resultierenden sozialen Strukturen. Die dabei jeweils vorherrschende gesellschaftspolitische Ordnung bleibt bei dieser Begriffsdefinition unberücksichtigt.
Die Industriegesellschaft ist gekennzeichnet durch Industrialisierung sowie einen hohen Grad der Arbeitsteilung. Meist ist dies mit einer zunehmenden räumlichen Trennung von Arbeits- und Wohnstätten verbunden. Folge der Arbeitsteilung ist häufig eine Bürokratisierung von Staat, Gesellschaft und Produktionsbetrieben. In kapitalistisch orientierten Industriegesellschaften mit freien Märkten ist regelmäßig eine Konzentration des vorhandenen Kapitals bei wenigen Unternehmen zu beobachten, die ohne staatliche Gegenmaßnahmen zu oligopolistischen Strukturen und zur Aushöhlung der Marktwirtschaft führt.
Häufig wird die Industriegesellschaft als Zwischenstufe zwischen der Agrargesellschaft und der Dienstleistungsgesellschaft betrachtet; dies geht zurück auf eine Interpretation der Drei-Sektoren-Theorie von Fourastié und anderen. Diese wird heute aber wieder sehr kritisch diskutiert. Insbesondere hat der hohe technische Fortschritt im Dienstleistungsbereich eine Grundannahme dieser Theorie ausgehebelt, so dass die Schlußfolgerung, dass sich eine Industriegesellschaft quasi automatisch zur Dienstleistungsgesellschaft weiter entwickeln müsse, neu überprüft und modifiziert werden muss.
Beobachten lässt sich aber heute eine vermehrte Arbeitsteilung (bis hin zum Outsourcing) und daraus resultierend ein größerer Anteil des Dienstleistungsbereichs an der Wertschöpfung in hochindustrialisierten, marktwirtschaftlich orientierten Volkswirtschaften. Damit einher geht häufig auch eine Zunahme der Bürokratisierung der Gesellschaft.
Siehe auch: Gesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Industrie, Volkswirtschaft, Wirtschaft
Weblinks
- [http://www.dhs.ch/externe/protect/textes/d/D25614.html Artikel Industriegesellschaft] im Historischen Lexikon der Schweiz
Kategorie:Gesellschaftsmodell
Kategorie:Wirtschaft
KonsumgesellschaftKonsumgesellschaft ist die Marktwirtschaft und Wohlstandsgesellschaft, in der es keine Versorgungslücken mehr gibt und sich die allgemeine Verfügbarkeit ehemals exklusiver Güter vorteilhaft auswirkt. Beispiele sind die Eindämmung von Geschlechtskrankheiten durch die Massenproduktion von Kondomen, die Vermeidung unerwünschter Schwangerschaften durch die Antibabypille oder das Unterlaufen von Informationsmonopolen durch PC, elektronische Medien und Internet. Eine Fülle an innovativen Produkten bieten eine riesige Auswahl und erleichtern das Leben. Es kommen täglich neue hinzu. Durch Konsum kann der Mensch sich selbst darstellen und von anderen differenzieren (Siehe auch Norbert Bolz).
Kritische Verwendung
Norbert Bolz]]
Der Begriff Konsumgesellschaft wird auch häufig als abschätzige Bezeichnung mancher Kritiker für einen Lebensstil breiter Bevölkerungsschichten verwendet, bei dem das Konsumieren von Waren und Dienstleistungen im Mittelpunkt steht und Eigeninitiative, solidarisches Handeln und Interagieren mit anderen Menschen verdrängt.
Eine Konsumgesellschaft beschränkt sich Kritikern zufolge nicht auf die Beschaffung notwendiger Güter, sondern trachtet danach, das Konsumieren zum Erlebnis zu machen. Während es zunehmend schwieriger wird, Gebrauchsartikel abseits der Massenware zu finden, locken Handel und Industrie mit „Einkaufserlebnissen“ in Form von Berieselungsmusik, längeren Öffnungszeiten und Einkaufszentren mit Parkplatz und Kinderbetreuung. Die Freizeit wird ebenfalls mit standardisierten und berechenbaren Erlebnissen ausgefüllt, etwa mit Besuchen in „Erlebnisparks“ oder mit Grenzerfahrungen beim „Bungee-Jumping“. Eine Auslandsreise reduziert sich auf einen Aufenthalt in einem Ferienclub, in dem man sich „animieren“ lässt anstatt außerhalb des eingezäunten Geländes auf Entdeckungsreise zu gehen. Die Fremdenverkehrsgemeinden vermarkten Landschaft und Tradition, und selbst das Verweilen am Meeresstrand wird zum Konsumartikel, für den man Eintritt zahlen muss.
Der ungebremste Ausbau der alpinen Skigebiete zur Befriedigung des Freizeitkonsums oder die dichte Besiedelung von Flussufern zur Befriedigung des Bedürfnisses nach dem eigenen Häuschen hat in den letzten zehn Jahren zu mehreren Überschwemmungen geführt und den Gegensatz zwischen Konsumgesellschaft und umweltgerechter Lebensweise sichtbar gemacht.
Literatur
- Anselm Jappe (2005): Die Abenteuer der Ware. Für eine neue Wertkritik. Unrast-Verlag. ISBN 3-89771-433-7
- Eva Illouz: Der Konsum der Romantik. Campus, Frankfurt/Main, 2003; ISBN: 3-593-37201-0
- Naomi Klein: No Logo ! Der Kampf der Global Players um Marktmacht. Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern. Riemann Verlag, 2002, ISBN 3-570-50028-4
- Heidel, Klaus (Hrsg.) u.a.: Spielverderber. Das Geschäft mit dem Kinderspielzeug. Begleitbuch zur Aktion "Fair spielt". Retap-Verlag, Bonn, 2002, ISBN: 3931988082
- Annette Kaminsky: Kleine Konsumgeschichte der DDR. C.H. Beck; 2001; ISBN-Nr. 3-406-45950-1
- Ulrich Enderwitz : Konsum, Terror und Gesellschaftskritik.Unrast-Verlag 2005. ISBN 3-89771-437-X
- Förderverein Krisis: Zeitschrift KRISIS. beiträge zur kritik der warengesellschaft. [http://www.krisis.org/]
Siehe auch
- Erlebnisgesellschaft, Überflussgesellschaft, Konsumismus, Kommodifizierung
Kategorie:Gesellschaftsmodell
Kategorie:Gesellschaftskritik
Manuel CastellsManuel Castells ( - 1942 in La Mancha, Spanien) ist ein spanischer Soziologe.
Leben
Manuel Castells ist gebürtiger Spanier; als Kind lebte er in Hellin, Albacete, Madrid, Cartagena, Valencia und Barcelona; er studierte von 1958 bis 1962 Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Barcelona. Er engagierte sich gegen Francos Diktatur und musste nach Paris fliehen, wo er als politischer Flüchtling anerkannt wurde und an der Sorbonne 1964 sein Studium abschloss. 1967 promovierte er an der Pariser Universität in Soziologie mit einer statistischen Analyse der Standortpolitik von Wirtschaftsunternehmen in der Umgebung von Paris. Castells erhielt außerdem ein geisteswissenschaftlcihes Doctorat d'Etat von der Sorbonne sowie ein Doktorat in Soziologie von der Universität von Madrid.
Castells unterrichtete zwischen 1967 und 1979 an der Universität von Paris Soziologie, zunächst am Nanterre Campus, dann ab 1970 am Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. 1979 wurde er an das Department of City and Regional Planning berufen, arbeitete zwischen 1994 und 1998 am Berkeley's Center for Western European Studies der Universität von Kalifornien.
Castells war außerdem Professor und Direktor des Instituts für die Soziologie neuer Technologien an der Universidad Autonoma de Madrid sowie Professor am Consejo Superior de Investigaciones Cientificas in Barcelona sowie an 15 weiteren europäischen, US- und lateinamerikanischen, kanadischen und asiatischen Universitäten; er hielt Lesungen an über 300 akademischen wirtschaftlichen Einrichtungen in rund 40 Ländern.
Manuel Castells ist derzeit Professor für Soziologie und Stadt- und Regionalplanung an der University of California, Berkeley (USA), wo er mit seiner Frau, Emma Kiselyova, und seinen zwei Töchtern lebt.
Werk und Bedeutung
Castelles bisher wohl bedeutendster Beitrag zur Soziologie ist die Trilogie zum Informationszeitalter:
: "Manuel Castells ist Soziologe von Weltruf. Sein Werk hat vielen Gegenwartsanalysen entscheidende Stichworte geliefert" (Die Zeit).
Kritik
Manuel Castells´ (in der Einleitung zum ersten Band seiner Informationsalters-Trilogie konzeptionell angesprochenen) "Technologie"-Vorstellungen wurden, eher beiläufig, einmal vor Jahren von Richard Albrecht kurz im Beitrag (2001; 2002²) zu "Technologie und/im Alltagsleben" kritisiert http://richard-albrecht.de/kurztexte/varia/kt_v_02.htm;
englische Version/en unter dem Titel: "Technology Within Every-Day-Life: What People Could Do - What People Can Do - What People Do. Towards Another Psychology of Technology in 21th Century" http://gabnet.com/psy/kurztext-4-technology-within-every-day-life.htm; [http://www.essaydirect.com/fulltext/soi/25189.html]].
Der Autor zitierte zunächst Karl Marx´ http://en.wikiquote.org/wiki/Karl_Marx Technologie-Verständnis als übergreifend-allgemeines sozialwissenschatliches Leitkonzept mit dem Hinweis: "Im "Kapital" schrieb [...] einer der damals radikalsten wissenschaftlichen Kritiker der sich entwickelnden privatkapitalistischen Erwerbsgesellschaft, Carl Marx, in einer bis heute konzeptionell und methodologisch richtungsweisenden Anmerkung im dreizehnten Kapitel über "Maschinerie und grosse Industrie" 1867:
"Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozesss seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen" -
und zitierte und kommentierte, kontrastierend, Castells "Technologie"-Ansatz: "Im Gegensatz zu dieser eindringlichen Passage empfinde ich etwa eine vergleichbare im zahlreich gelobten neuen Buch von Manuel Castells nicht nur konzeptionell platt, sondern, weil der Unterschied zwischen zu Erklärendem (explanandum) und dem Erklärten (explanans) methodisch verwischt wird, tautologisch, wenn dieser Soziologe über Technologie schreibt:
"To large extent technology expresses the ability of a society to propel itself into technological mastery through the institutions of society, including the state. The historical process through which this development of productive forces takes place earmarks the characteristics of technology and interweaving in social relationships."
("The Information Age: Economy, Society, and Culture", 1st volume, 2nd edition, pp. 12/13; in der inzwischen erschienenen deutschen Buchausgabe bei Leske+Budrich im Prolog, S.13).
Auch bei einer angemessenen englischen Übersetzung der Technologie-Passage bei Marx wird der Kontrast deutlich:
"Technology discloses the active relation of man towards nature, as well as the direct process of production of his very life, and thereby the process of production of his basic societal relations, of his own mentality, and his images of society, too"
("Das Kapital", Band 1, Kapitel 13, Anmerkung 89)."
Publikationen
Castells hat rund 20 Bücher sowie über 100 Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht und weitere 15 Bücher herausgegeben oder als Ko-Autor mitverfasst.
Eine Auswahl seiner Veröffentlichungen:
- 2005: Die Internet-Galaxie. Wiesbaden: VS Verlag
- 2004: Das Informationszeitalter (3 Bände; [http://www.hirzel.de/universitas/archiv/castells.pdf Kurzrezension]) ([http://www.oldenbourg.de/verlag/soziologische-revue/row-srthemen2004.htm#32 Symposium in: Soziologische Revue 2004/1]):
- Band 1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Leverkusen: Leske und Budrich Verlag 2001. ISBN 3810032239 ([http://amor.cms.hu-berlin.de/~h0936dbk/castells.html Rezension])
- Band 2: Die Macht der Identität. Leverkusen: Leske und Budrich Verlag 2002. ISBN 3810032247
- Band 3: Jahrtausendwende. Opladen: Campus Verlag 2003. ISBN 3810032255
- 2001: The Internet Galaxy. Reflections on Internet, Business, and Society. Oxford University Press
- 2001: Cities and Social Theory. Blackwell (Hrsg. von Ida Susser)
- 2001: Bausteine einer Theorie der Netzwerkgesellschaft. In: Berliner Journal für Soziologie 11: 423-440
- 2000: Materials for an explanatory theory of the network society. In: British Journal of Sociology. Special millenium issue 1, 5-24)
- 1998: The Information Age: Economy, Society, and Culture, Volume 3: End of Millennium, Blackwell Publishers (Oxford, and Malden, MA)
- 1997: The Information Age: Economy, Society, and Culture, Volume 2: The Power of Identity, Blackwell Publishers (Oxford, and Malden, MA)
- 1996: The Information Age: Economy, Society, and Culture, Volume 1: The Rise of the Network Society, Blackwell Publishers (Oxford, and Malden, MA)
- 1989: The Informational City. Blackwell
- 1983: The City and the Grassroots. University of California Press
- 1972: La Question Urbaine
Siehe auch
- New Urban Sociology
- Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft und Netzwerkgesellschaft
- Globalisierung
- Hackerethik
- Lissabon-Strategie
Weblinks
-
- http://sociology.berkeley.edu/faculty/castells/ - Homepage von Manuel Castells an der University of California in Berkeley
- http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~sk/SS99/global/castells.html - The Rise of the Network Society: Manuel Castells Globalisierungsepos
- http://www.heise.de/tp/deutsch/special/sam/6020/1.html - Europäische Städte, die Informationsgesellschaft und die globale Ökonomie (von Manuel Castells bei Telepolis.de)
- http://sociology.berkeley.edu/faculty/castells/119syllabus.pdf - Sociology 119: Information Technology and Society (von Manuel Castells, englischsprachig; PDF-Datei)
Castells, Manuel
Castells, Manuel
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