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Gewalthaufen

Gewalthaufen

Ein Gewalthaufen bezeichnet eine massive Kriegsformation im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Der Begriff wird zunächst v.a. auf die Formationen der Schweizer Eidgenossen während ihrer Aufstände im Spätmittelalter angewendet, und zwar in erster Linie ab der Mitte des 15. Jahrhunderts, als sie Pikeniere in ihrem Bauernheer einführten. Diese bildeten einen schützenden Rahmen um die restlichen Nahkämpfer mit ihren Hellebarden und anderen Waffen. Sie sollten die Lanzenangriffe der Ritter abwehren und die gegnerische Infanterie über den Haufen rennen. Anschließend sollten die Anderen zwischen den Reihen nach vorne stürmen und den Feind vernichten. Die mit Feuerwaffen ausgerüsteten Krieger kämpften außerhalb der Formation als Tirailleure. Meist bildeten die Schweizer drei Haufen: Vorhut, Hauptmacht und Nachhut. Die deutschen Landsknechte und die Franzosen übernahmen um 1500 als Erste diese Taktik. Bei ihnen war die Formation aber tiefer und umfasste jetzt mehr Pikeniere als andere Nahkämpfer. Allerdings blieben vorerst eine große Anzahl von Hellebardieren sowie eine kleine Elite von Zweihandschwertkämpfern erhalten. Außerdem war der Haufen "geschichtet", d.h. er unterteilte sich in flache, manchmal nur 6 Glieder tiefe Formationen, welche mit etwas Abstand hintereinander gestellt wurden. Jede hatte vorne und an den Flanken, die hinterste auch hinten, Pikeniere, hinten (oder in der Mitte) standen die Anderen. So konnte der Haufen auch dann noch effektiv eingesetzt werden, wenn die vordersten Reihen der Pikeniere durchbrochen waren. Das Ganze erinnerte etwas an die Kolonnentaktik des 19. Jahrhunderts. Vor allem in Spanien wurden häufig "Rundtartschiere" statt anderer Nahkämpfer eingesetzt. Diese trugen runde, gewölbte Schilde (Tartschen) aus massivem Stahl, an denen Arkebusenkugeln, welche aus über 100m Entfernung abgefeuert wurden, abprallen sollten. Mit diesen konnten sie die Pikeniere bei Beschuss schützen. Nach dem Zusammenprall mit dem Gegner übernahmen sie die Rolle der Hellebardiere, ihre Waffe war der Degen. Vor der Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelte sich in Spanien das Tercio, welches vorbildhaft werden sollte: Die Pikeniere standen jetzt wieder weniger tief, also in etwa quadratisch. Die Schichtung wurde zusammen mit den übrigen Nahkämpfern abgeschafft. Die Kommandeure, Fahnenträger und Musiker, die bisher zwischen diesen standen, wurden jetzt in einem Hohlraum im Innern des Haufens aufgestellt. An den Flanken oder überhaupt drumherum wurden Schützen mit Arkebusen aufgestellt, die im Kontermarsch feuerten. An den Ecken wurden erstmals Musketiere aufgestellt. Diese wurden immer zahlreicher, ab etwa 1600 begannen sie, die bereits zurückgegangenen Arkebusiere endgültig zu verdrängen. Im späten 16. Jahrhundert wurden mehrere Tercios in einer Treffentaktik nach dem Muster 1-2-1 oder 2-3-2 zur spanischen Brigade aufgestellt. Außerdem gab es Aufstellungen, bei denen der Hohlraum größer war, sodass sich die (flacher aufgestellten) Arkebusiere dorthin zurückziehen konnten. Um dabei die Ordnung der Pikeniere nicht zu stören, wurden diese bald in mehrere Segmente eingeteilt, sodass sich die Formation "öffnen" konnte. Diese Taktik wurde in den Türkenkriegen angewandt, um die Schützen vor der leichten, flexiblen Kavallerie der Osmanen und ihrer Verbündeten zu schützen. Um 1600 wurden die berühmten spanischen Söldner von den zahlenmäßig unterlegenen, aufständischen Niederländern mit ihrer viel stärker gegliederten Treffentaktik besiegt. Trotzdem wurden Schlachthaufen nach Vorbild des Tercio in den katholischen Armeen bis weit in den 30jährigen Krieg hinein verwendet. Kategorie:Militärgeschichte

Mittelalter

]] Das Mittelalter bezeichnet eine Epoche in der europäischen Geschichte zwischen der Antike und der Neuzeit, die christliche, antike und keltische, germanische und slawische Entwicklungen zusammenführt. Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform ist der Feudalismus. Grundzüge des Mittelalters sind die nach Ständen geordnete Gesellschaft, die gläubig christliche Geisteshaltung in Literatur, Kunst und Wissenschaft, Latein oder Griechisch als gemeinsame Kultur- und Bildungssprache, die Idee der Einheit der christlichen Kirche (die aber faktisch nach dem großen Schisma mit der Ostkirche nicht mehr bestand) und ein recht einheitliches Weltbild.

Zeitliche Festlegung

Im Groben ordnet man das Mittelalter in die Zeit von 500 bzw. 600 n. Chr. bis 1500 n. Chr. ein. Wesentlich genauer sind jedoch folgende Merkmale: Das Mittelalter erstreckt sich ungefähr vom Ende der Völkerwanderung (375-568) bzw. vom Untergang des weströmischen Kaisertums 476 bis zum Zeitalter der Renaissance seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bzw. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Bezüglich der Problematik der Datierung des Beginns des Mittelalters siehe Spätantike. Die Datierungen sind nicht immer einheitlich, es kommt oft darauf an, welche Aspekte der Entwicklung bevorzugt werden und von welchem Land man ausgeht. Stellt man zum Beispiel den Einfluss des Islam in den Vordergrund, kann man Mohammeds Hidschra (622) oder den Beginn der arabischen Expansion ab 632 als Beginn sehen. Ebenso gibt es unterschiedliche Datierungsmöglichkeiten für das Ende des Mittelalters, beispielsweise die Erfindung des Buchdrucks (um 1450) oder auch die Reformation (1517). Fokussiert man einzelne Länder, kann man auch zu verschiedenen Eckdaten kommen. So endete die Antike am Rhein oder in Britannien sicher früher als etwa in Syrien. Und so war zum Beispiel um 1420 in Italien bereits das Zeitalter der Renaissance angebrochen, während man zur gleichen Zeit in England mit gutem Grund noch vom Mittelalter spricht. Mittelalter bezieht sich in erster Linie auf die Geschichte des christlichen Abendlands vor der Reformation - der Begriff wird kaum im Zusammenhang mit außereuropäischen Kulturen verwendet.

Die Einteilung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter

Man kann das Mittelalter grob in 3 Phasen gliedern:
- Frühmittelalter (Mitte 6. Jahrhundert bis Anfang 11. Jahrhundert)
- Hochmittelalter (Anfang 11. Jahrhundert bis ca. 1250)
- Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500)

Frühmittelalter

In das Frühmittelalter fällt unter anderem auch die Zeit der Völkerwanderung, wobei die Forschung aber mittlerweile dazu tendiert, diese aus dem Mittelalter herauszunehmen, sie als Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter zu sehen und der Spätantike zuzurechnen. Weitere einschneidende Entwicklungen sind die weitgehende Christianisierung Europas, der Aufstieg des Fränkischen Reiches, der Einfall der Wikinger, der Beginn des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Kämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum. Außerdem wirkt der Aufstieg des Islam und sein schnelles Ausgreifen bis nach Europa prägend. Wirtschaftlich stellt das Frühmittelalter eine Zeit der Naturalwirtschaft dar, wobei besonders das System der Grundherrschaft herauszustellen ist. Wesentliche Kulturträger sind das Byzantinische Reich, die Klöster, insbesondere die des Benediktinerordens, sowie die Gelehrten des arabisch-muslimischen Kulturkreises. Siehe auch Hauptartikel: Frühmittelalter.

Hochmittelalter

Das Hochmittelalter ist die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen Kaiserreichs, des Lehnswesens und des Minnesangs. Es ist auch die Epoche der Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Macht im Investiturstreit, welcher die Einsetzung mehrerer Gegenpäpste zur Folge hatte. Innerhalb der Scholastik wird Aristoteles zur wichtigsten nicht-christlichen Autorität. Der Einfluss der Kirche zeigt sich vor allem an den Kreuzzügen gegen den Islam, denen auch Juden zum Opfer fallen. Im Zuge der Kreuzzüge entwickelt sich ein Fernhandel mit der Levante, von dem insbesondere die italienischen Stadtstaaten profitieren. Die Geldwirtschaft gewinnt gegenüber der Naturalwirtschaft immer stärker an Bedeutung. Die wichtigsten Orden des Hochmittelalters sind neben den Zisterziensern die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner. Im Hochmittelalter entsteht das Zunftwesen, das die sozialen und wirtschaftlichen Vorgänge in den Städten stark prägt. Siehe auch Hauptartikel: Hochmittelalter.

Spätmittelalter

Hochmittelalter]] Das Spätmittelalter ist die Zeit des aufsteigenden Bürgertums der Städte und der Geldwirtschaft. In dieser Zeit steigt die Hanse zur Handelsmacht auf. Seit etwa 1280 bis einige Jahrzehnte nach der "Großen Pest" (Schwarzer Tod) in der Zeit von 1349 bis 1351 macht die europäische Geschichte einige krisenhafte Entwicklungen, die zu einem starken Bevölkerungsrückgang (Wüstung, Pest) führen, aber auch zu starken Veränderungen der Gesellschaftstruktur, die allmählich zur Neuzeit überleiten (siehe auch: Krise des 14. Jahrhunderts). Siehe auch Hauptartikel: Spätmittelalter.

Ende des Mittelalters

Als wesentlich für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit betrachtet man im Allgemeinen die Zeit der Renaissance (je nach Land spätes 14. Jahrhundert bis 16. Jahrhundert), die Entdeckung insbesondere der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus 1492, die Erfindung des Buchdrucks 1450 und die damit beschleunigte Verschriftlichung des Wissens, den Verlust des Einflusses der institutionalisierten katholischen Kirche und den Beginn der Reformation. Diese Ereignisse sind alle rund um die Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert anzusiedeln. Auch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) wird als ein Ereignis genannt, das das Ende des Mittelalters markiert. Dies ist nicht nur eine zeitlich passende Vereinfachung, sondern hat einige Berechtigung, weil mit dem Untergang des Byzantinischen Reiches das letzte lebendige Überbleibsel der Antike unterging. Des Weiteren war der dadurch ausgelöste Strom byzantinischer Flüchtlinge und Gelehrter nach Italien hauptverantwortlich für den Beginn der Renaissance. Darüber hinaus wurden die Handelsrouten nach Asien durch die Ausbreitung des Osmanischen Reiches blockiert, so dass westeuropäische Seefahrer neue Wege erkundeten. Dabei wurde unter anderem Amerika entdeckt – zumindest war es das erste Mal, dass die Existenz Amerikas innerhalb weniger Jahre in ganz Europa bekannt wurde. Auf musikalischem Gebiet ist das Ende des Mittelalters am besten mit der Umstellung von Quint-Oktavklängen zu terzhaltigen Harmonien zu bestimmen. Die englischen Komponisten waren hier sehr früh (Anonymus 4 spricht bei dieser Entwicklung auf dem Kontinent sogar direkt von englischem Einfluss); vor allem Dunstable ist hier zu nennen. Ab ca. 1430 lässt sich dieser Wandel in Italien dingfest machen, wobei terzhaltige Klänge nicht sofort die reinen Intervalle als Ruhepole der Komposition ablösten und vor allem am Schluss einer Komposition das ganze 15. Jahrhundert hindurch noch der Klang ohne Terz bevorzugt wurde.

Der Begriff Mittelalter

Der Begriff Mittelalter, erstmals im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten benutzt, hatte schon von Beginn an eine negative Bedeutung, weil sie das Mittelalter als „dunkle“ Epoche zwischen der Antike und ihrer Zeit ansahen, in der antike Traditionen wiedergeboren wurden. Aber erst im 17. Jahrhundert wurde diese Einteilung endgültig vorgenommen. Demnach begann das Mittelalter mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahre 476 und endete mit der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch die Osmanen. Im Englischen spricht man für den Zeitraum nach Ende der römischen Besatzung bis etwa zur Zeit König Alfreds von Wessex, also für die Zeit der Einwanderung der Angeln, Sachsen und Jüten, aufgrund der mangelhaften schriftlichen Quellen von „The Dark Ages“. Noch heute bezeichnen wir eine Denkweise als „mittelalterlich“, wenn wir sie als starr und veraltet kritisieren wollen. Auch die umgangssprachliche Wendung „Rückkehr ins Mittelalter“ ist negativ besetzt. In der Romantik wurde das Mittelalter allerdings auch wieder positiver gesehen, teilweise auch systematisch verklärt. In der modernen Forschung werden die originären Leistungen des Mittelalters und die wenigstens teilweise vorhandene Kontinuität der antiken Kultur betont. Der bekannte und angesehene französische Mediävist Jacques Le Goff betonte erst jüngst die Geburt Europas im Mittelalter.

Sonstiges

In der japanischen Geschichte wird die Zeit von ca. 1200 bis ca. 1600 als Mittelalter bezeichnet. Diese Epoche zeichnete sich durch eine starke Dominanz des Buddhismus und des Feudalismus aus.

Siehe auch


- Portal:Mittelalter

Literatur

Wichtige Quellen sind im großen Umfang gesammelt in der Monumenta Germaniae Historica. Siehe auch die dt.-latein. Ausgaben der Freiherr-vom-Stein Gedächtnisausgabe (FSGA). Wichtige Quellen stellen u.a. neben der Geschichtsschreibung auch Constitutionen und andere Aktenquellen sowie Regesten dar. Eine hervorragende Bibliographie findet sich [http://www.histsem.uni-bonn.de/proseminar/lsma15.htm hier (erstellt vom Historischen Seminar der Uni. Bonn)] sowie [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/tutorium/literatur/literatur.htm hier (Uni. Tübingen; umfangreiche Liste mit Quellen- und Literaturangaben)]. Ansonsten sei auf die Angaben im Lexikon des Mittelalters oder den Bibliographien der unten aufgeführten Werke verwiesen.

Nachschlagewerke


- The New Cambridge Medieval History, Cambridge 1995 ff. Noch im Entstehen begriffen, mit hervorragender Bibliographie.
- Lexikon des Mittelalters, 9 Bde., Ausgabe des dtv-Verlags, München 2002 (in Hardcover München-Zürich 1980-1998). Grundlegendes Werk

Sekundärliteratur


- Hartmut Boockmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters, mehrere Neuauflagen, München 2001. Wohl die beste strukturelle Einführung ins Mittelalter, mit guten bibliographischen Angaben.
- Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt/M., Berlin 1988 ISBN 3-548-34004-0
- Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten: Welten des Mittelalters, München 1988 ISBN 3-492-03152-8
- Fischer Weltgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit (4 Bände) ISBN 3596507324
- Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter, Verlag C. H. Beck, München 1987 ISBN 3-406-32052-X
- Horst Fuhrmann: Überall ist Mittelalter : von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, Verlag C. H. Beck, München 1996 ISBN 3-406-40518-5
- Friedrich Heer: Mittelalter. Von 1100 bis 1350, Zürich 1964

Weblinks


- [http://www.erlangerhistorikerseite.de/ma_resso.html Virtuelle Bibliothek – Geschichte / Mittelalterliche Geschichte (Internet-Ressourcen der Erlanger Historikerseite)]
- [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/indexstart.htm Historisches Seminar der Universität Tübingen, Abteilung für Mittelalterliche Geschichte (zahlreiche Links und Materialsammlungen)]
- [http://netzwerk.wisis.de/text/42.htm Mittelalter - SUSAS Netzwerk für Wissensweitergabe - Ausführliche Texte und zahlreiche Erklärungen zu Wirtschaft, Gesellschaft und Ereignisgeschichte]
- [http://www.genealogie-mittelalter.de/ Genealogie Mittelalter] Mittelalterliche Genealogie im Deutschen Reich bis zum Ende der Staufer
- DER SPIEGEL: [http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltraum/0,1518,381627,00.html Wie die Erde zur Scheibe wurde] - das Bild vom rückständigen Mittelalter als moderner Mythos !Mittelalter Kategorie:Zeitalter ja:中世 simple:Middle Ages

Frühe Neuzeit

Der Begriff Frühe Neuzeit bezeichnet in der Geschichte Europas üblicherweise die Epoche zwischen dem Spätmittelalter und der Französischen Revolution.

Das Problem der Epocheneinteilung

Jede Periodisierung in der Geschichtswissenschaft ist ein nachträgliches Konstrukt, das dem wissenschaftlichen Interesse entspringt, einen Forschungsgegenstand einzugrenzen und zu klassifizieren. Sie kann daher nur eine Annäherung an die historische Wirklichkeit sein. Auch die Übergänge vom Mittelalter zur frühen Neuzeit einerseits und von dieser zur Moderne andererseits lassen sich nicht an einzelnen Jahreszahlen festmachen. Die Epochengrenzen sind vielmehr von Land zu Land und von Kulturkreis zu Kulturkreis fließend. Epochale Wandlungen sind stets Entwicklungen von langer Dauer - seien sie gesellschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Natur.

Beginn der Frühen Neuzeit

Der geistig-kulturelle Aufbruch der Renaissance und des Humanismus, die Entdeckungsfahrten der Portugiesen und Spanier seit Anfang des 15. Jahrhunderts, die das Bild von der Erde für immer veränderten, und die Reformation, die nach 1517 die mittelalterliche Einheit der Kirche zerstörte - diese drei miteinander zusammenhängenden Entwicklungen markieren in der europäischen Geschichtswissenschaft für gewöhnlich den Beginn der frühen Neuzeit. Im Allgemeinen gelten Renaissance und Humanismus, die Wiederentdeckung der Antike, ihrer Kunst und ihrer Philosophie als Anfang einer Zeitenwende. Mit ihr verbreitete sich ein neues Menschenbild in Europa, in dessen Mittelpunkt das selbstbestimmte Individuum und seine Fähigkeiten standen. In Philosophie, Literatur, Malerei, Bildhauerei, Baukunst und allen anderen kulturellen Bereichen orientierten sich die Menschen wieder an den Formen und Inhalten der Antike. Am frühesten lässt sich diese Entwicklung in Italien feststellen, wo sie bereits im 14. Jahrhundert einsetzte, im 15. Jahrhundert in Florenz zu einer ersten kulturellen Hochblüte gelangte und von wo aus sie sich bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts in ganz Europa verbreitete. Seine Vorreiterrolle verdankte Italien nicht zuletzt der Aufnahme einer großen Zahl griechischer Gelehrter aus Konstantinopel, das 1453 von den Osmanen erobert worden war. Diese Gelehrten brachten längst verschollen geglaubtes Bildungsgut der Antike mit ins Abendland. Zur gleichen Zeit erfuhr die Verbreitung von Wissen eine ungeheure Beschleunigung durch Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Die gleiche Erfindung wiederum verhalf einem Ereignis zum Durchbruch, das insbesondere in Deutschland mit dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit gleichgesetzt wird: der Reformation. Martin Luther gründete seine 95 Thesen, die er 1517 veröffentlichte, auf ein genaues Quellenstudium der Heiligen Schrift in Griechisch und Hebräisch, also auf Kenntnissen, die auf den Vorarbeiten der Humanisten des vorherigen Jahrhunderts beruhten. Luther verteidigte seine Thesen 1521 auf dem Wormser Reichstag vor Kaiser Karl V., der ein Reich regierte, „in dem die Sonne nicht unterging“. Denn zu diesem Reich gehörten auch die spanischen Besitzungen in der so genannten Neuen Welt, die Christoph Kolumbus 1492 entdeckt hatte, im selben Jahr, in dem mit der Eroberung Granadas die Reconquista zu Ende gegangen war. Der erste Anstoß zum Zeitalter der Entdeckungen war aus Portugal gekommen: Im Auftrag des Prinzen Heinrichs des Seefahrers wurden seit 1415 Expeditionen ausgesandt, um einen Seeweg nach Indien zu finden. Dies gelang Vasco da Gama 1498. Die Entdeckungen der Portugiesen und der Spanier erweiterten nicht nur das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, sondern hatten auch die Europäische Expansion über die gesamte bekannte Erde zur Folge.

Ende der Frühen Neuzeit

Das Ende der Epoche und der Beginn der Moderne wird in der Geschichtswissenschaft weitgehend übereinstimmend mit der Französischen Revolution angesetzt, die 1789 begann. Auch sie war die Folge einer vorangegangenen, geistigen Bewegung, der Aufklärung, die schon die Amerikanische Unabhängigkeitsbewegung von 1776 beflügelt hatte. Aufgrund der Ereignise von 1789 brach das Ancien Regime zunächst in Frankreich und infolge der Revolutionskriege fast in ganz Europa zusammen. In Deutschland endet die Frühe Neuzeit 1806 mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Auch wenn die alten Regime nach der Niederlage Napoléon Bonapartes 1814/15 noch einmal restauriert wurden, hatte sich Europa als Folge der Revolution in Frankreich grundlegend gewandelt.

Epochen innerhalb der Frühen Neuzeit

Je nach Betrachtungsweise unterteilt man die Frühen Neuzeit wiederum in folgende Zeitabschnitte:
- Anbruch der Renaissance (ca. 1350-1450)
- Zeitalter der Entdeckungen (1415-1531)
- Zeitalter der Reformation und der Glaubensspaltung (1517-1648) (Konfessionalisierung)
- Zeit des Absolutismus und der Aufklärung (ca. 1650-1789)
- Französische Revolution (1789-1815)

Erscheinungsformen

Allgemeine Politik

In politischer Hinsicht wirkt die Auseinandersetzung zwischen Protestantismus und Katholizismus für die Frühe Neuzeit prägend, die im dreißigjährigen Krieg mündet. Die politische Seite ist eine Wesentliche, die man unter dem Begriff Konfessionalisierung einordnet. Insgesamt ist das ein tief greifender Wandel, der alle Lebensbereiche der frühneuzeitlichen Gesellschaft umfasst. Man begreift das auch als einen Modernisierungsprozess. Wir haben einen neuen Typus eines Staates zumindest im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Der frühneuzeitliche Staat ist ein Territorialstaat mit einem Territorialherrn. Dieser unterscheidet sich von den mittelalterlichen Gebilden dadurch, dass der Grundherr sich ausschließlich als Lehnsherr oder Vasall des Monarchen sieht, während der Territorialherr als ein Souverain seines Landes auftritt. Insgesamt haben wir mit dem Prozess der Konfessionsbildung den der Modernisierung zu sehen. Die hierbei auftretenden Kämpfe bringen eine Neuordnung in Europa, die sowohl Altgläubigen wie auch Protestanten als gleichberechtigte Religionsgemeinschaften anerkennt. Die absolute Vormachtstellung des katholischen Spaniens wird schrittweise zurückgedrängt. Die prägende Staatsform der Frühen Neuzeit ist der Absolutismus, die auch mit dem Aufkommen einer neuen Wirtschaftsform, dem Merkantilismus einhergeht. Der Absolutismus äußert sich hauptsächlich im Selbstverständnis des Monarchen gegenüber seinen Untertanen. Dieses Selbstverständnis wandelt sich. König Ludwig XIV. von Frankreich, genannt auch der Sonnenkönig vertritt die Ansicht, "Der Staat bin ich." König Friedrich II. von Preußen als Vertreter des "aufgeklärten Absolutismus" versteht sich hingegen als den "obersten Diener des Staates." In die Frühe Neuzeit (und nicht etwa ins Mittelalter) fällt auch die Zeit der großen Hexenverfolgung. Zum Ende dieser Epoche kommen Prozesse der Demokratisierung der Gesellschaft zum Durchbruch. Das äußert sich am markantesten im Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg und in der Französischen Revolution, die beide zu demokratischen Neuordnungen der Gesellschaft führen. Das äußert sich an einem neuen Staatsaufbau, bei dem der Adel seine politische Führungsrolle verliert, wie auch einer auf einer demokratischen Verfassung basierenden Rechtsordnung.

Wirtschaftliche Entwicklung

Aus wirtschaftlicher Perspektive markierte dieses Zeitalter das Ende des Feudalismus, einer Wirtschaftsform, die auf dem Grundbesitz, besser gesagt der Grundherrschaft des Grundherrn als Lehnsherr oder Vasall des Monarchen und deren Besitz leibeigener Bauern beruhte. Weiterhin bedeutet es das Ende des bisherigen Zunft- und Ständewesens in den mittelalterlichen Städten. Die Expansion durch eine verstärkte Seefahrt und der damit verbundenen Entdeckungen führte zu neuen wirtschaftlichen Strukturen im Welthandel. Es wurde ersetzt von einem aufkeimenden Kolonialismus und Überseehandel durch die Großmächte Spanien, Portugal, Niederlande, Großbritannien und Frankreich und die Entwicklung der Manufaktur. Diese Entwicklungen legten das Fundament für Industrialisierung und Kapitalismus. Auch den Silberbergbau haben wir nicht zu vergessen. Die Entdeckungen der Silbervorkommen in der "Neuen Welt" führten zum Rückgang der traditionellen Zinn- und Silberförderung im sächsischen und böhmischen Erzgebirge bis zum schließlichen Abbruch dieser Förderung. Der Absolutismus brachte eine neue Wirtschaftform, die des Merkantilismus mit sich. Der auf dem Handel basierende Kapitalgewinn gibt diesem System seinen Namen, weil der absolutistische Staat in seinen Außenbeziehungen nach kaufmännischen Gesichtspunkten verfuhr. Es gibt hierfür auch die Bezeichnung Frühkapitalismus. Eine wesentliche Veränderung hinsichtlich der Industrialisierung brachte die Erfindung der ersten voll funktionsfähigen Dampfmaschine durch James Watt im 18. Jahrhundert mit sich. Dem gingen die Dampfmaschinenkonstruktionen voraus, die bei weitem weniger effizient waren wie zum Beispiel die von Thomas Newcomen. Diese führte nicht nur zu einer Revolutionierung der Produktionsverhältnisse, insbesondere in der Eisenindustrie, sondern auch der Verkehrsinfrastruktur durch die Einführung der Eisenbahn durch George Stephenson, deren Beginn in England in das Jahr 1825 fällt. Dem gingen allerdings auch Versuche der Konstruktion einer Dampflokomotive durch Richard Trevithick im Jahre 1804 voran, die allerdings nicht an der Lokomotiventechnologie, sondern an dem Schienenmaterial scheiterten. In gewisser Weise läutet die Erfindung der Eisenbahn das Ende der Frühen Neuzeit ein.

Wissenschaft

Neben diesen Entwicklungen in der allgemeinen Politik haben wir die Fortschritte in der Wissenschaft zu sehen, welche unzweifelhaft einen wesentlichen Unterschied zu den vorangehenden Epochen markieren und somit ebenso für diese Epoche charakteristisch sind. Die Entdeckungen der spanischen und portugiesischen Seefahrer Christoph Kolumbus, Amerigo Vespucci, der dem Kontinent Amerika seinen Namen gab, Ferdinand Magellan, Vasco da Gama oder Bartolomëu Diaz erweiterten das seit der Antike bestehende Weltbild, das (von einzelnen, kaum rezipierten Entdeckungen wie denen der Wikinger in Amerika abgesehen) lediglich Europa, Afrika nördlich der Sahara und Teile Asiens umfasste. Die Folge war ein Aufschwung in der Kartographie u.a. durch Martin Behaim, der schon 1492 den ersten Erdglobus geschaffen hatte (natürlich noch ohne Amerika) und Gerhard Mercator. Nach ihm benannt wurde auch die Mercator-Projektion, eine winkeltreue Kartenprojektion. Die Neuentdeckungen legten den Grundstein für den Aufbau des spanischen und portugiesischen Weltreiches und nach deren Niedergang im Laufe des 17. Jahrhunderts den für den Aufbau des englischen, niederländischen und französischen Kolonialsystems. Auch die Weltreisen von James Cook dürfen hier genannt werden. Auch sie haben uns wesentliche Aufschlüsse über die Beschaffenheit der Erde gegeben. Zu Cooks Ehre gereicht es auch einen Weg gefunden zu haben, um einer damals gefürchteten Seefahrerkrankheit, dem Skorbut, wirksam zu begegnen. In dieses Zeitalter, welches auch Zeitalter der Entdeckungen genannt wird, gehören die Astronomen Tycho Brahe, Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler, Galileo Galilei und Isaac Newton. Sie sorgten dafür, dass das geozentrische Weltbild oder Ptolemäische Weltbild durch ein heliozentrisches Weltbild abgelöst wurde. Dieses System wurde letzten Endes auch durch Newtons Gravitationstheorie abgestützt. Auch die Medizin macht in dieser Zeit große Fortschritte. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten zu ihrer Zeit Paracelsus, einem Vorläufer der Pharmazie bzw. Bartolomeo Eustachi, einer der Mitbegründer der Wissenschaft der Anatomie.

Philosophie

Zu den bedeutendsten Philosophen des 16. und 17. Jahrhundert zählen Spinoza, Michel Montaigne, René Descartes, John Locke, Francis Bacon und Thomas Hobbes. In die Zeit des 18. Jahrhunderts fällt die philosophische Auseinandersetzung der Aufklärung, die mit der großen Enzyklopädie letzten Endes die Revolution in Amerika und Frankreich vorbereitet. Entscheidend hierfür wird das aufklärerisch geprägte Menschenbild, das in der Losung der Französischen Revolution seinen prägnantesten Ausdruck findet Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Hinsichtlich der Frühaufklärung denkt man zunächst an Denis Diderot und Voltaire, Montesquieu, Jean Baptiste le Rond d'Alembert oder Jean Jacques Rousseau und damit eher an die Moralisten. Auch die Lehre vom Gesellschaftsvertrag von Rousseau ist eine Frucht dieser Philosophie. Schon hier beginnt sich Kritik am Absolutismus zu formieren. Auch denkt man sicher an die Vernunftphilosophie von Immanuel Kant. Die ersten, die eine Geschichtsphilosophie entwickeln, sind die Vertreter des deutschen Idealismus Johann Gottfried Herder und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling. Ein weiterer wichtiger Vertreter des deutschen Idealismus ist Johann Gottlieb Fichte. Auch Fichte veröffentlicht zur Lehre vom Gesellschaftsvertrag. Unverkennbar ist Rousseau hierfür Vorbild, dessen Philosophie auf der Volkssouveränität und dem Naturrecht beruht. Fichte und Schelling vertreten auch eine Naturphilosophie. Nicht zu vergessen ist hierbei auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dieser ist mit seiner Geschichtsphilosophie ebenfalls einer der Wegweiser des 19. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert haben wir auch eine philosophische Ausrichtung zu einem Rationalismus zu verzeichnen, der besonders der englischen Nationalökonomie verpflichtet ist. Zu diesen Vertretern zählen David Hume, auf dem nicht wenig die Philosophie von Immanuel Kant beruht. Auch haben wir hier Adam Smith zu zählen als dem Begründer der Nationalökonomie. Im 18. Jahrhundert haben wir erstmals eine wissenschaftlich fundierte Beschäftigung mit der Geschichte der Kunst des griechischen Altertums durch Johann Joachim Winckelmann. Auf ihn geht letztendlich die gesamte moderne Klassische Altertumswissenschaft zurück. Auch für das Menschenbild dieser Zeit, die man auch mit dem Stichwort "Neuhumanismus" umschreiben könnte, ist Winckelmann von Bedeutung. Es ist nicht von ungefähr auch an den so genannten Laokoonstreit zwischen Johann Gottfried Herder und Gotthold Ephraim Lessing zu denken. In Ostasien war die Frühe Neuzeit geprägt durch erste Kontakte mit dem Westen, wenn wir von den früheren Reisen des berühmten Venetianers Marco Polo einmal absehen, deren Authentizität bis heute nicht völlig geklärt ist, einen Niedergang des Buddhismus und ein Wiedererstarken des Konfuzianismus.

Kunst

Die Kunst allgemein ist ein Spiegelbild des Zeitgeschmacks, des Menschenbildes, der allgemeinen Zustände in der Gesellschaft und des Staates und eines dementsprechenden Gesellschaftsverständnisses. Wie die oben stehenden Absätze erkennen lassen, sind diese Bedingungen auch in dieser Zeit Wandlungsprozessen unterworfen. Die vorherrschenden Kunststile dieser Epoche vornehmlich in Europa sind Renaissance und in einer Spätform Manierismus, Barock und Rokoko. Diese sind im Wesentlichen in allen Kunstgattungen vertreten. Zu den bedeutendsten Künstlern dieser Zeit zählen Michelangelo, Tizian, der mehrfach Kaiser Karl V. porträtierte, Sandro Botticelli, Albrecht Dürer, Rembrandt und Peter Paul Rubens. Nebst den Kunststilen dieser Epoche prägte sich in dieser Zeit verstärkt auch ein gewinnorientierter Kunstbetrieb aus. So hatte z. B. bereits Lucas Cranach eine Werkstatt, in der er keineswegs allein beschäftigt war. Hierbei hat man weiterhin zu unterscheiden zwischen Werkstätten, die vorrangig oder zumindest mit hohem Anteil Auftragsarbeiten von staatlichen (also Höfen) oder kirchlichen Institutionen oder Personen ausführten, und solchen Werkstätten, welche ausschließlich auf private Auftraggeber angewiesen waren. Auch in dieser Zeit gab es eine außereuropäische Kunst. Dazu zählt die Kunst der indianischen Hochkulturen, die erst mit der Landung von Hernando Cortez und Francisco Pizarro unterging. Einige bedeutende Reste davon sind noch vorhanden. Das betrifft besonders die Kunst und Kultur der Inka, der Maya und der Azteken.

Literatur

Was für die Kunst gilt hinsichtlich des Zeitgeschmacks, des Menschenbildes, der allgemeinen Zustände in der Gesellschaft und des Staates und eines dementsprechenden Gesellschaftsverständnisses, trifft ebenso für die Literatur zu. Namentlich in der Aufklärungszeit gilt das ganz besonders, wo die Literatur enge Verbindungen zur Philosophie hat. Wichtige Vertreter der französischen Aufklärungsliteratur sind Voltaire oder Diderot. Zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Literatur gehören für das 18. und beginnende 19. Jahrhundert Georg Christoph Lichtenberg, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Gottlieb Klopstock, Friedrich Schiller, Christoph Martin Wieland, Heinrich von Kleist, Novalis, Johann Gottfried Herder. Die Zeit von Goethe, Schiller und Herder bezeichnet man als den Sturm und Drang. Wenn hier von Lessing, Goethe und Schiller geredet wird, darf der Hinweis nicht fehlen, dass sie auch eine Reihe Theaterstücke schreiben. Sie nehmen auch aktiven Anteil am zeitgenössischen Theater selbst. Auch die Reformationszeit und die Zeit der Glaubenskämpfe hat ihre typische Literatursprache. Sie erschöpft sich keineswegs nur mit Luther und seiner Bibelübersetzung. Fraglos hat Luther mit weiteren Werken hierzu einen wichtigen Beitrag beleistet. Gerade in dieser Zeit ist sie häufig sehr polemisch. So gibt es reformatorische und auch antilutherische Literatur. Häufig hat sie publizistischen Charakter und so kommen sie als kurze Stücke als Flugschriften vor. Man spricht auch von so genannter Flugschriftenliteratur. Zu wichtigen Vertretern dieser Zeit gehören unter anderem Hans Sachs oder auch Sebastian Brant. In die Zeit des Dreißigjährigen Krieges gehört Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und sein Abenteuerlicher Simplicissimus.

Musik

Da die Musik eine Kunstgattung ist, trifft hinsichtlich der Auffassungen zum Menschenbild und dem der Gesellschaft dasselbe zu, was zur Kunst und Literatur bereits gesagt ist. Wir wissen auch in der Reformationszeit von Kirchenliedern, die Martin Luther geschrieben hat. Die Noten sind erhalten geblieben. Die Zeit des Barocks, des Rokoko und der Aufklärung bringt Musiker und Komponisten hervor, die in der klassischen Musik nicht wegzudenken sind. Zu denen zählen Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven. Gerade für die gesellschaftliche Kultur an den Höfen zur Zeit der Aufklärung ist die Musik ein wichtiger Bestandteil. Zumindest von Kaiser Leopold II. (HRR) und König Friedrich II. (Preußen) ist bekannt, dass sie selbst musizieren und zum Teil auch komponieren. In diesem Zusammenhang zu erwähnen sind höfische Gesellschaftstänze, für die entsprechende Musikstücke wie das Menuett komponiert werden. Dieses allerdings gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert. Gesellschaftstänze insgesamt gibt es seit dem 14. Jahrhundert. Bekannte Musikinstrumente dieser Zeit sind unter anderem das Virginal, die Querflöte, die Violine, das Cembalo und das Spinett. Zu den bekanntesten Musikinstrumentenbauern dieser Zeit gehören Johann Gottfried Silbermann, Antonio Stradivari und Nicola Amati, der wiederum Stradivaris Lehrmeister ist.

Literatur


- Aretin, Karl Otmar von, Das Reich: Friedensgarantie u. europ. Gleichgewicht 1648–1806, Stuttgart 1986
- Blickle, Peter: Die Reformation im Reich, Stuttgart 1982
- Duchardt, Heinz: Das Zeitalter des Absolutismus, 3. überarb. Aufl., München 1998, ISBN 3-486-49743-X
- Dülmen, Richard van: Die Entdeckung des Individuums, Frankfurt am Main 1997
- Dülmen, Richard van: Die Gesellschaft der Aufklärer, Frankfurt am Main 1996
- Dülmen, Richard van: Gesellschaft der Frühen Neuzeit, Wien 1993
- Emich, Birgit, Territoriale Integration in der Frühen Neuzeit. Ferrara und der Kirchenstaat, Köln/Weimar/Wien : Böhlau 2005, 1178 S. ISBN 3-412-12705-1 (= Habilitation Freiburg 2002)
- Emich, Birgit, Geschichte der Frühen Neuzeit studieren, Konstanz 2006 (erscheint im Frühjahr 2006) ISBN 3-8252-2709-X
- Lutz, Heinrich, Reformation und Gegenreformation, durchgesehen und ergänzt von Alfred Kohler, 4. Aufl., München 1997
- Mieck, Ilja: Europäische Geschichte der frühen Neuzeit: eine Einführung, 5., verb. Aufl., Stuttgart [u.a.] 1994, ISBN 3-17-012630-X
- Oldenbourg Geschichte Lehrbuch: Frühe Neuzeit, hrsg. von Anette Völker-Rasor, mit einer Einleitung von Winfried Schulze, München 2000 ISBN 3-486-56426-9
- Press, Volker: Kriege und Krisen, Deutschland 1600–1715, München 1991
- Schilling, Heinz: Die neue Zeit: vom Christenheitseuropa zum Europa der Staaten, 1250 bis 1750, Berlin 1999
- Schilling, Heinz: Siedler Deutsche Geschichte [Abt. 1]: Das Reich und die Deutschen Teil [5]: Aufbruch und Krise: Deutschland 1517–1648, Berlin 1988

Siehe auch


- Portal:Frühe Neuzeit, Neuzeit, Frühkapitalismus
- CAMENA Corpus Automatum Multiplex Electorum Neolatinitatis Auctorum, eine Sammlung von Online-Lexika

Weblinks


- [http://www.fruehe-neuzeit.net/ Virtual Library Frühe Neuzeit]
- [http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/ Einführung in die Frühe Neuzeit, Uni. Münster]
- [http://www.webhistoriker.de/ www.webhistoriker.de] Termine von Ausstellungen, TV- und Radiotipps sowie News aus dem Zeitbereich "Frühe Neuzeit" Kategorie:Neuzeit Kategorie:Zeitalter ja:近世

15. Jahrhundert

Das 15. Jahrhundert begann am 1. Januar 1401 und endete am 31. Dezember 1500. Es ist die Endphase des Spätmittelalters, die Epoche des Humanismus, der Beginn der Renaissance und der Übergang zur Neuzeit.

Ereignisse und Entwicklungen


- In der Zeit von 1403 bis 1516 erobern die Schweizer Eidgenossen das Tessin.
- Das Abendländische Schisma endet 1417.
- Jeanne d'Arc führt die französischen Truppen 1429 zu einem Sieg gegen die Engländer im Hundertjährigen Krieg.
- Konstantinopel fällt 1453 an das Osmanische Reich.
- Die Hussitenkriege finden 1419 bis 1436 in Mitteleuropa statt.
- Niccolo Machiavelli schreibt Il Principe.
- 1474-1477 finden die Burgunderkriege statt, die mit dem Untergang des Hauses Burgund enden.
- Nach fast 800-jähriger muslimischer Herrschaft fällt am 2. Januar 1492 Granada, die letzte Hochburg des einst großen maurischen Reiches auf spanischem Boden (Abschluss der Reconquista). Muslime und Juden werden vertrieben.
- Christoph Kolumbus erreicht am 12. Oktober 1492 die zu den Bahamas gehörende Insel Guanahani und entdeckt damit Amerika.
- 1493-1519: Maximilian I. (HRR) regiert. Sein Beiname "Der letzte Ritter" symbolisiert den Untergang des Rittertums.
- Die Zulus besiedeln Teile des heutigen Südafrika.
- Die Spanische Inquisition wird gegründet.
- Vasco da Gama erreicht 1498 Indien.
- Niedergang des Khmer-Reiches von Angkor, 1431 Eroberung durch das Thai-Königreich Ayutthaya
- älteste Volksschauspiel Deutschlands: Drachenstich

Persönlichkeiten


- Filippo Brunelleschi erfindet die Zentralperspektive
- Leonardo da Vinci, Erfinder und Maler
- Martin Luther 1483-1546, Reformator
- Albrecht Dürer 1471-1528, deutscher Maler und Graphiker.

Erfindungen und Entdeckungen


- Johannes Gutenberg erfindet 1440 den Satz mit beweglichen Lettern, revolutioniert die Druckkunst und bricht das Informationsmonopol der Kirche. 01-15 ! ja:15世紀 ko:15세기 simple:15th century th:คริสต์ศตวรรษที่ 15

Pikenier

Die Pikeniere stellten vom 15. bis zum 17. Jahrhundert die schwere Infanterie in großen Teilen Europas dar und waren nach ihrer Hauptwaffe, der Pike benannt. Die Bezeichnung Pike wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts von dem französischen Wort pique entlehnt, das sich von dem Verb piquer ("stechen") ableitet. Die Pike erwies sich als effektive Waffe im Kampf gegen Kavallerieeinheiten. Dazu brauchten die in tief gestaffelten Formationen kämpfenden Pikeniere eine weniger intensive Ausbildung als Ritter bzw. Kürassiere und waren zudem äußerst billig auszurüsten. Kürassiere] Die Pike war mit einer Länge zwischen 3,50 und 6,60 Meter eine Weiterentwicklung des Spießes. Als Abwehrwaffe gegen Reiterei sollte ihre Reichweite die Länge der ritterlichen Lanzen übertreffen. In der Technik der Riposte (am Boden aufgestützt) eingesetzt, diente sie dazu, den angreifenden Gegner auflaufen zu lassen und anstürmende Kavallerie zu stoppen. Vorläufer der Pikenier-Einheiten finden sich bereits im späten 13. Jahrhundert in Schottland, wo die aufständischen Schotten dichte Formationen aus Speerträgern bildeteten, die so genannten Schiltrons. Perfektioniert wurde diese Taktik in der Schweiz, wo zunächst mit Hellebarden und später vor allem mit Piken bewaffnete Schweizer den österreichischen Rittern in mehreren Schlachten schwere Niederlagen zufügten. Das Auftreten der Pikeniere auf den Schlachtfeldern Europas beschleunigte den im 14. Jahrhundert begonnenen Niedergang des Rittertums und machte den Weg frei für die Söldnerhaufen des 15. bis 17. Jahrhunderts. Die Schweizer kämpften in äußerst großen, tiefgestaffelten Formationen, den so genannten Gewalthaufen. Ein einziger Gewalthaufen konnte mehrere tausend Pikeniere umfassen. Setzte man in anderen Regionen Europas zunächst auf schweizerische Söldner, formierten sich bis zum 16. Jahrhundert auch außerhalb der Schweiz zahlreiche Pikenier-Einheiten. Die Taktik des massiven Einsatzes von Pikenträgern wurde außerhalb der Schweiz von den Landsknechten verbessert, indem man durch eine tiefere Staffelung die Beweglichkeit der Formationen erhöhte. Zudem wurden die Pikenier-Einheiten im Laufe des 16. Jahrhunderts immer stärker durch (Feuerwaffen) Arkebusen- und dann auch durch Musketenschützen ergänzt. In Spanien ging man dazu über, die Musketenschützen an den Ecken des Gewalthaufens zu postieren. Die spanischen Pikenierformationen waren in der Regel 50 Mann breit und 30 Mann tief. Diese Formation wurde auch in anderen Teilen Europas übernommen und war als Tercio oder Spanisches Viereck bekannt. Während des 16. Jahrhunderts kämpften die Pikeniere noch oft im Nahkampf gegeneinander. Bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren viele Pikeniere durch einen Brust- und Rückenpanzer und einen offenen Helm geschützt. Zudem waren die meisten Pikeniere mit einer Nahkampfwaffe wie zum Beispiel einem Schwert, einem Degen oder einem Dolch bewaffnet. Gelang es einer Pikenierformation in eine gegnerische Einheit eine Bresche zu schlagen, rückten sofort mit Hellebarden oder manchmal auch Zweihandschwertern bewaffnete Söldner vor, um einen Einbruch in die gegnerischen Linien zu erzielen. Starb ein Pikenträger im Gefecht, rückte sofort sein Hintermann auf. In einem Gefecht zwischen zwei Pikenierformationen verkeilten sich diese meist, weshalb die Ergänzung der Gewalthaufen durch Arkebusenschützen unverzichtbar war. Möglicherweise setzte man auch mit Zweihandschwertern bewaffnete Söldner ein, die in einer festgefahrenen Gefechtssituation einen Einbruch ermöglichen sollten. Im spanischen Tercio gab es schon keine Hellebardiere mehr, die Pikeniere stellten jetzt die einzigen Nahkämpfer der Infanterie dar. Das Manövrieren der großen Pikenierformationen war äußerst schwierig und erforderte einen intensiven militärischen Drill. Zudem wurden seit dem späten 15. Jahrhundert Trommler eingesetzt, die das Marschtempo vorgaben. An den Rändern der Formation wurden Feldwebel postiert, die eine ordnende Funktion übernahmen. Die Feldwebel waren mit einer Hellebarde bewaffnet, die nicht nur als Statussymbol diente, sondern auch als Werkzeug zum Zusammenhalten der Formation. Marschierte ein Pikenier nicht im Gleichschritt mit den anderen, musste er damit rechnen, das ihn ein Feldwebel zur Strafe mit der flachen Seite der Hellebarde schlug. Im Gefecht wurde eine Pikeniereinheit zusätzlich durch lautstark gebrüllte Befehle manövriert. Das zahlenmäßige Verhältnis von Pikenträgern zu Musketenschützen verschob sich im Laufe des Dreißigjährigen Krieges zugunsten letzterer. Auch der Vorteil der Pikeniere gegenüber der Reiterei wurde ausgeglichen, da diese Gegentaktiken wie die Caracolla entwickelte. In der Mitte des 17. Jahrhunderts machten die Pikeniere in den meisten europäischen Heeren weniger als ein Drittel der Infanterie aus. Trotzdem schienen sie zu dieser Zeit immer noch für die Abwehr von Kavallerie unverzichtbar. Erst die Perfektionierung von Salven-Taktiken bei den Handfeuerschützen und vor allem die Verbreitung des Bajonetts und auch der Schweinsfedern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts machten die Pikeniere allmählich mehr oder weniger überflüssig. Pikeniere waren zunächst recht angesehen, da ihre Aufgabe eine hohe Disziplin erforderte und sie selbst schwere Kavallerieeinheiten erfolgreich bekämpfen konnten. Im Laufe der Zeit sank ihr Ansehen aber deutlich, da sie spätestens zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges den Musketenschützen beigeordnet waren und sich mit einer Reiterei konfrontiert sahen, die den Frontalangriff mied. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen liess den Protagonisten seines Werkes "Der seltzame Springinsfeld" im 13. Kapitel über die Pikeniere höhnen: :"Und dannenhero glaube ich daß der jenige der einen Piquenirer nidermacht (den er sonst verschonen köndte) einen unschuldigen ermordet / und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten kan; dann ob dise arme Schiebochsen (mit disem Spöttischen Namen werden sie genennet) gleich creirt seyn / ihre Brigaden vor dem Einhauen der Reutter im freyen Feld zubeschützen / so thun sie doch vor sich selbst niemand kein Leid / und geschicht dem allererst recht / der einem oder dem anderen in seinen langen Spies rennet. Jn Summa ich habe mein Tage viel scharpffe Occasionen gesehen / aber selten wahrgenommen / daß ein Piquenirer jemand umgebracht hette." Die französische Armee löste 1703 ihre letzten Pikenier-Einheiten auf. 1704 folgte England, und 1708 verzichtete auch die niederländische Armee auf die Verwendung von Piken. Lediglich in Schweden, das u.a. in der Schlacht bei Poltawa viele Pikeniere einsetzte, und in Russland kamen, neben Berdishi tragenden Schützen, bis in die 1720er Jahre Pikeniere zum Einsatz, die sich als effektiv gegen die türkische Reiterei erwiesen. Das Bajonett kann als Nachfolger der Pike gelten, und es gab noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Generäle, die Bajonettangriffe für eine sinnvolle Taktik hielten - oft mit schrecklichen Resultaten für die eigenen Männer. Kategorie:Waffe Kategorie:Truppengattung Kategorie:Militärgeschichte

Lanze

Eine Lanze ist eine Stangenwaffe, deren Schaft aus Holz (mitunter auch Stahlrohr) gefertigt ist, und die wesentlich länger als ein Speer ist. Die Gesamtlänge beträgt meist zwischen zwei und dreieinhalb Meter, spezielle Lanzentypen erreichen aber eine Länge von bis zu acht Metern. Es handelte sich um eine Stoßwaffe, die bereits in der Antike von der Infanterie geführt wurde (Hopliten). Nach heutiger Terminologie unterscheidet sie sich vom Speer in Länge und Dicke des Schaftes sowie dadurch, dass sie nicht geworfen wird. Danach ist der Spieß die Stichwaffe des Kämpfers zu Fuß, die Lanze die Stichwaffe des Reiters, und der Speer eine geworfene Waffe. Mit der Erfindung des Steigbügels im frühen Mittelalter wurde sie endgültig zur Hauptwaffe der Kavallerie im aufgesessenen Kampf. Sie wurde noch bis ins 20. Jahrhundert eingesetzt. In der britischen Armee und in der deutschen Reichswehr wurde die Lanze als offizielle Gefechtswaffe erst 1927 abgeschafft. Lanzen gibt es in verschiedensten Formen, zum Beispiel:
- Makedonische Sarissa
- Sarmatischer und spätrömischer Contus
- Germanische Ango mit langer Tülle und Widerhaken
- Germanische Frame
- Japanische Naginata
- Bei der Jagd auf Wildschweine, als sog. Saufeder
- Schweizer Pike
- Piken und Hellebarden der Landsknechte
- Flügellanze, die Form der Heiligen Lanze
- Als Hauptwaffe der Ulanen mit Dreikantklinge und Auflaufbremse (in Form eines Knebels oder einer Kugel)
- Als Seitenwaffen für Offiziere und Unteroffiziere im Gefecht bis ins 18. Jahrhundert hinein.
- Als Synonym für das männliche Glied, eine sog. Spermalanze Siehe auch: Krönig Kategorie:Hieb- und Stichwaffe

Ritter

Ritter (lat. eques, franz. chevalier, ital. cavaliere span. caballero) war die Bezeichnung für die wehrhaften, adeligen Gefolgsleute des Königs und des Hochadels. Jeder Adlige, der "Kriegsdienst" leistete, konnte diesen Titel erwerben, sofern seine wirtschaftlichen Verhältnisse dies zuließen. In einem feierlichen Akt, ursprünglich der Schwertleite, später dem Ritterschlag, wurde man vom Herrscher zum Ritter erhoben, vorausgesetzt man brachte die dafür notwendigen sittlichen und militärischen Qualitäten mit. Seit dem 13. Jahrhundert bilden Ritter einen erblichen Stand. Militärisch gesehen handelte es sich eigentlich um Kavallerie, woher auch die Bezeichnung (Ritter = ursprünglich Reiter) herzuleiten ist. In vielen Situationen sahen sich die Ritter allerdings gezwungen, abzusitzen.

Definition und Abgrenzung

Kavallerie Kavallerie Allerdings waren wohl die meisten Adeligen des Mittelalters keine "richtigen Ritter". Aus finanziellen und familiären Gründen zogen es viele vor, Zeit ihres Lebens Edelknechte (Armige), also ritterbürtige und waffentragende Krieger zu bleiben. Besonders bei Turnieren wurde streng zwischen Rittern und Edelknechten unterschieden. So durften Ritter beispielsweise mit drei Pferden auf dem Turnierplatz erscheinen, Knechten wurden nur zwei zugestanden. Vor großen Schlachten versuchten viele Feudalherren die Kampfmoral Ihrer Truppen zu stärken, in dem man diese Edelknechte in großer Anzahl in den Ritterstand aufnahm. So soll der polnische König unmittelbar vor dem Treffen bei Grunwald/Tannenberg die Ritterwürde an tausend seiner "Szlachtschitzen" verliehen haben. Diese "Promotionen" kamen natürlich auch nach der Schlacht vor. Gelegentlich wurden sogar tapfere nichtadelige Kriegsknechte zu Rittern geschlagen oder mit dem Schwert umgürtet. Diese Standeserhöhungen waren aber meist nur symbolischer Natur, vergleichbar mit heutigen Ordensverleihungen. Den so ausgezeichneten Knechten fehlten meist die nötigen finanziellen Mittel, um die Ritterwürde dauerhaft anzunehmen. Einige besonders tapfere Kämpfer wurden sogar mehrere Male zum Ritter gemacht, blieben aber weiterhin Edelknechte. Manchmal wurde die Ritterwürde allerdings auch gegen die Zahlung einer nicht unerheblichen Summe erkauft. So ließ sich etwa ein französischer Feldherr des Hundertjährigen Krieges zum Ritter des Deutschen Ordens schlagen. Die Ritterwürde war also auch bei Hochadeligen keinesfalls selbstverständlich. Wie zahlreiche Urkunden belegen, gab es besonders im späteren Mittelalter weitaus mehr "Edelknechte" als "Ritter". Dies betraf natürlich vor allem die Angehörigen der kleineren Dienstadelsgeschlechter, die oft bereits die Ausrichtung der "Promotionsfeier" nach der Schwertleite oder dem Ritterschlag in arge finanzielle Nöte brachte. Insbesondere der Unterhalt der als Standard vorgesehen drei Ritterpferde und der entsprechenden Anzahl von Knechten überstieg die Finanzkraft der meisten Kleinadeligen. Wohlhabende, aber bequeme oder geizige Edelknechte wurden teilweise sogar durch Verordnungen zum Erwerb der Ritterwürde gezwungen. Man beachte hier auch das englische "Knight", das nichts anderes als "Knecht" bedeutet. Die Ritterwürde scheint im späteren Mittelalter immer entbehrlicher geworden zu sein. Nicht jeder gepanzerte Reiter des Mittelalters war also ein "Ritter" des "engeren" Wortsinnes. Allerdings wurden die Begriffe Ritter und Edelknecht bereits im Mittelalter nicht einheitlich verwendet. Manchmal werden ritterliche Dienstmannen oder Knappen als Edelknechte bezeichnet, gelegentlich sogar bäuerliche Kriegsknechte als Ritter. Manche Forscher zweifeln deshalb sogar die Existenz eines einheitlichen "Ritterstandes" an. Der Begriff "Ritter" begegnet uns zuerst in Schriftquellen des 12. Jahrhunderts. Ursprünglich umfaßt er alle berittenen Krieger, vom nichtadeligen Kriegsknecht bis zum Hochadel. Später wandelte er sich in eine Standesbezeichnung, dem "Ritter" klassischer Definition. Dieser "Ritterstand" scheint aber niemals so abgeschlossen gewesen zu sein, wie meist angenommen wird. Tüchtigen oder gerissenen Nichtadeligen gelang immer wieder der Aufstieg in diese Gesellschaftsschicht, deren "ritterliche" Ideale rasch einem gesunden Pragmatismus weichen mußten. Viele unserer Vorstellungen über Ritter und das Rittertum gehen auf spätere Idealisierungen und Pauschalierungen zurück. Die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den verschiedenen Teilen Europas unterschieden sich deutlich. So waren etwa "englische" und "skandinavische" "Ritter" für die Rückständigkeit ihrer Ausrüstung berüchtigt; diese Länder waren einfach zu weit von den großen Zentren der Waffenproduktion in Oberitalien und Deutschland entfernt. Viele große Feudalherren bedienten sich lieber der "preiswerteren" Edel- und Kriegsknechte, als eine mächtige und wohlhabende Ritterschaft um sich zu dulden.

Die Entwicklung des Rittertums

Bereits die Bezeichnung "Ritter", abgeleitet von germ. ridare (= reiten), bzw. ital. cavaliere, franz. chevalier hergeleitet von spätlateinisch caballum (= Pferd) hergeleitet), weist auf den Ursprung des Rittertums hin: die in der Spätantike entstandene Panzerreiterei. Die Ursprünge des Rittertums liegen im heutigen Frankreich, das "fränkische (französische)" Rittertum wurde über das niederländisch-lothringische Sprachgebiet nach Osten vermittelt, "Ritter" ist folgerichtig ein Lehnwort aus dem Niederländischen (Ridder). Von Deutschland breitete sich die Ritterkultur bis weit nach Osteuropa aus, besonders Böhmen entwickelte eine späte, aber um so eindrucksvollere Ausprägung.

Der Aufgang des Mittelalters: Frankenreich

Im Frankenreich der Merowinger und Karolinger wurde der Panzerreiter mehr und mehr zum Träger der Stoßkraft in den kriegerischen Aufgeboten, obgleich Fußvolk und leichte Reiterei weiterhin die Masse der Militärmacht stellten. Der erhebliche materielle Aufwand, den der einzelne Freie für den Kriegsdienst zu leisten hatte, führte bereits in karolingischer Zeit dazu, daß nur solche Freien, die mehr als 9 Hofstellen besaßen, voll "wehrpflichtig" waren; ärmere mussten (nach einem detaillierten Schlüssel) zu mehreren gemeinsam nur einem von ihnen den Kriegsdienst finanzieren und ihn entsenden. Zur Finanzierung gehörten nicht nur Ausrüstung und Bewaffnung, auch für den Lebensunterhalt während des Feldzuges mußte der "Wehrpflichtige" selber sorgen. Noch höher war naturgemäß der Aufwand für den Panzerreiter - ein schweres und besonders ausgebildetes Kriegspferd (der dextrier) und ein teurer Panzer wurden benötigt, vielfach auch noch Knechte als Begleitpersonal. Entsprechend kamen als Panzerreiter nur Reiche - entweder aus eigenem Besitz (Allod) und/oder aus königlichen Lehen - in Betracht. Durch diese Aufgabenteilung entstand eine "Kriegerkaste" - das germanische Volksheer der Völkerwanderungszeit blieb nur mehr in Resten erhalten und der mittelalterliche Adel bildete sich heraus.

Hoch-Mittelalter: Reich

Böhmen Im Reich nördlich der Alpen entwickelte sich das Rittertum aus zwei gesellschaftlichen Gruppen - dem niederen Adel (in Fortsetzung der Tendenzen des Frankenreiches) und den Ministerialen. Außerhalb des Reiches stammten die Ritter jedoch fast ausschließlich aus dem niederen Adel. Die Integration des "ministerialen" Dienstadels war in Westeuropa wesentlich früher beendet als hierzulande, in Frankreich dürfte dies bereits im 11. Jahrhundert geschehen sein. Ministerialen waren ursprünglich Unfreie, die im Hofdienst der Bischöfe in herausgehobenen Positionen eingesetzt waren; dazu gehörte nicht nur der Dienst unmittelbar bei Hofe, sondern auch die Verwaltung abgelegener Besitzungen. Eine solche Verwaltung schloss meist den bewaffneten Schutz solcher Besitzungen gegen Übergriffe anderer "Großer" ein. Sie mußten damit diesen ebenbürtig bewaffnet und ausgerüstet - also Panzerreiter - sein. Zu Ende des 10. Jahrhunderts stellten die Bischöfe mit ihren Panzerreitern die Masse des Reichsaufgebotes. Ministerialen erstritten sich auch im Laufe der Zeit zunehmend eigene Rechte - beispielsweise die Erblichkeit des ihnen zu ihrem Unterhalt verliehenen Lehens. Die salischen und besonders die staufischen Herrscher bauten sich nach dem Vorbild der Bischöfe eigene Ministerialitäten auf; ihnen folgten andere "Große" wie Herzöge, Landgrafen usw. Der Aufstieg der Ministerialität wurde sicher auch durch den gewaltigen Blutzoll - den der alte Adel durch die Kreuzzüge erlitt - beschleunigt. Zahlreiche Dienstmannengeschlechter werden im 11. bis 13. Jahrhundert erstmals urkundlich fassbar. Viele dieser "Neuadeligen" schlossen sich allerdings auch den Kreuzfahrern an, besonders die nachgeborenen Söhne kleiner Ritter und Knechte. Neben religiösen Beweggründen scheinen hier vor allem materielle Gesichtspunkte und Abenteurertum eine Rolle gespielt zu haben; man hatte in der Heimat wenig zu verlieren. Im Zuge der Kreuzzüge entstanden auch die bekannten Ritterorden (Templer, Johanniter, Malteser, Deutscher Orden), die aber keineswegs nur Adeligen offenstanden. Neben dem "weltlichen" entwickelte sich nun auch ein (in der Theorie) "geistliches" Rittertum, die Kirche hatte den "heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen ja gutgeheissen. Durch die Begegnung mit dem Fremdartigen kam es jedoch auch zu bemerkenswerten Zeugnissen früher Verständigung und Achtung, man denke nur an die "ritterliche Erscheinung" des als Schwarzafrikaner dargestellten heiligen Mauritius im Magdeburger Dom. Wahrscheinlich haben wir hier sogar eines der wenigen wirklich lebensnahen Porträts eines hochmittelalterlichen Ritters vor uns: Es gibt Vermutungen, dass es sich bei dem Dargestellten um den farbigen Leibwächter Kaiser Friedrichs II. handelt, der diesen bei dessen Reise durch Deutschland begleitete. Über einem Kettenhemd, dessen ungewöhnliche vertikale "Bänderung" schon zu einigen Spekulationen Anlass gab, trägt der Heilige einen Plattenrock, bei dem die Panzerplatten rückseitig auf ein Trägergewand aufgenietet sind. Wiewohl Ministerialen rechtlich eigentlich unfrei waren, konnten sie jedoch besonders unter den Staufern höchste politische Ämter einnehmen. Zunehmend verwischte sich in der Realität der Unterschied zwischen den "Rittern" von Adel und denen aus der Ministerialität, zumal sie, wie auch der übrige Adel, die gemeinsamen Ideale des Rittertums verfolgten. Auch die reichen Patriziergeschlechter der Städte übernahmen bald zahlreiche Elemente der ritterlichen Kultur, die wohlhabenden Kaufleute umgürteten sich mit dem Schwertgurt (dem eigentlichen Symbol der Ritterwürde), anstatt die Waffe am Sattel zu befestigen. In der Folge kam es bis in die Neuzeit zu zahlreichen Verbindungen zwischen dem Schwert- und dem Geldadel. In Italien war der städtische Adel gar der eigentliche Träger der Ritterkultur. Die reichen Geschlechter bauten sich eigene Gefolgschaften auf und bekriegten sich untereinander oft mit äußerster Brutalität. Dies betraf nicht nur die Familien verschiedener Stadtrepubliken, oft tobten heftige Bürgerkriege in den mittelalterlichen italienischen Städten. Die Geschlechtertürme von Städten wie etwa San Gimignano zeugen noch heute von diesen chaotischen Verhältnissen. Es wurden riesige Mengen an Waffen und Rüstungen benötigt, die norditalienischen Waffenproduzenten waren bald neben den süddeutschen Werkstätten führend in Europa. Die Ausrüstung und Bewaffnung eines "Ritters" war sehr kostspielig; der Krieger mußte natürlich über eine entsprechende wirtschaftliche Absicherung verfügen. Die Zahl der Edlen und Reichen war begrenzt, sie allein konnten die wachsende Zahl der benötigten Krieger nicht mehr bereitstellen. Also versah man seine "Ministerialen" oder "Dienstleute" mit einem Lehen, also einem zur Nutzung überlassenen Besitztum, das den Lebensunterhalt und die "Rüstung" des Belehnten sicherstellen sollte. Das Lehen war ursprünglich an den jeweiligen Dienstmann gebunden, wurde aber im Zuge der "Standeswerdung" des Rittertums erblich und konnte nur noch bei groben Mißverhalten entzogen werden. Beim Aussterben einer belehnten Familie fiel das Lehen in der Regel an den Lehensherren zurück, der es meist neu vergab. Ritter und Edelknecht bildeten den Unterbau der feudalen Hierarchie, die man mit einer Pyramide vergleichen kann. Die Spitze bildeten Könige und Kaiser, dann kamen die Fürsten, Herzöge und Grafen, der Sockel waren unsere Ritter, (Edel-)Knechte und Knappen. Jeder war in beiden Richtungen vom anderen abhängig, man verstand sich als kulturelle und politische Elite. Das mittelalterliche Ritterwesen war eine Art vorweggenommene Europäische Union, das Rittertum ist ein gesamteuropäisches Phänomen, wenn auch mit unterschiedlichen regionalen Ausprägungen. Auf der einen Seite bekriegte man sich bis auf das Blut, auf der anderen waren die großen Adelshäuser Europas meist durch zahllose Eheverbindungen eng miteinander verwandt. Der Hochadel mußte immer auf der Hut sein, dass seine Vasallen nicht zu mächtig wurden und ihm womöglich die Herrschaft streitig machen konnten. Der berühmte Wahlspruch Enguerrands von Coucy mag dies verdeutlichen: "Ich bin kein König, kein Prinz, kein Herzog, bin nicht einmal Graf: Ich bin der Herr von Coucy". Am Ende war dieses Mißtrauen einer der wesentlichen Gründe für den Untergang des Rittertums.

Bewaffnung und Ausrüstung des Ritters im Hochmittelalter

Zu seinem Schutz trug der hochmittelalterliche Ritter Kettenhemd, Helm und Schild, als Waffen Lanze, Schwert und Dolch. Ursprünglich trug man einen Schuppenpanzer, der vermutlich erst im 12. Jahrhundert vom Kettenhemd (Ringelpanzer) abgelöst wurde. Unter einem Kettenhemd wurde ein wattiertes Hemd, der sogenannte Gambeson, getragen. Dieser diente hauptsächlich dazu, die Wirkung eines Schlages oder Stoßes, der die Panzerung nicht durchdrang, auf eine größere Fläche des Körpers zu verteilen, um damit die Gefahr von Knochenbrüchen zu vermindern. Möglicherweise wurde der Gambeson teilweise durch einen Unterpanzer aus dickem, gehärteten Leder ersetzt. Über dem Panzerhemd wurden zum Schutz vor Sonneneinstrahlung und zur Identifikation des Trägers ein Waffenrock oder Wappenrock in den Wappenfarben seines Trägers und ein weiter Umhang getragen. Ergänzt wurde das Ganze durch eine Panzerkapuze mit weit ausladendem Kragen, die später auch am Helm befestigt sein konnte, sowie durch Panzerhandschuhe und „Strümpfe“, alles nach der gleichen Methode hergestellt wie das jeweils verwendete Panzerhemd. Ab dem späten 13. Jahrhundert kamen Zusatzpanzerungen in Form von vorgehängten Metallplatten als Brustpanzer auf sowie andere, aus massivem Eisen bestehende Schutzteile. Man wollte besseren Schutz gegen den verbesserten Lanzenangriff und gegen die Armbrust. So entstand im 14. Jahrhundert allmählich die Plattenrüstung. Der Helm war halbkugelförmig bis spitz-oval, aus massivem Eisen und innen ausgepolstert, und hatte fast immer einen zusätzlichen Schutz für die Nase. Zu Ende des 12. Jahrhunderts tritt erstmals der Topfhelm auf, der das Gesicht zwar besser schützt, aber das Gesichtsfeld wesentlich einschränkt. Im 13. Jahrhundert setzt er sich schließlich durch, und im 14. Jahrhundert wurden besonders hohe Topfhelme über einer leichten Beckenhaube mit daran befestigter Kettenhaube getragen. Helmformen des 15. Jahrhunderts waren die Hundsgugel, mit ihrem namengebenden schnauzenförmigen Visier, der Schaller als der' Helm des Spätmittelalters und andere. Weit verbreitet waren auch die Beckenhaube und der Eisenhut, als die preiswertesten und praktischsten Helmformen, doch wurden diese v.a. vom „gemeinen Fußvolk“ getragen. Der Topfhelm blieb allerdings bis in die Neuzeit das Urbild des ritterlichen Helmes, besonders in der Heraldik. In der frühen Neuzeit trugen die letzten Ritter weiterentwickelte Formen des Armets, welcher bereits Mitte des 15. Jahrhunderts, also zeitlich zwischen Hundsgugel und Schaller, verwendet wurde. Der Schild hatte zunächst die längliche Mandelform (Normannenschild) und später die "klassische" Form des Wappenschildes (Dreiecksschild), bei der die verlängerte untere Spitze dem Schutz der Beine diente. Er war aus Holz gefertigt, meistens mit Leder, oder Pergament bezogen, und hatte eine Randverstärkung z.B. aus Rohhaut. Seltener waren Randverstärkungen aus Metall. Teilweise zeigten die Schilde aber auch eiserne Verstärkungen auf der Vorderseite oder trugen in ihrer frühen Form einen Schildbuckel aus Metall. Gehalten wurde er mit einer Schlaufe am Unterarm und einem Griff für die linke Hand, zusätzlich war er mit einem Gurt - der sogen. Schildfessel - um den Nacken gegen Verlust gesichert. Beim Reiterangriff erleichterte die Schildfessel aber auch das Führen des Schildes, wobei die Linke Hand den Griff loslassen und die Zügel festhalten konnte. Der Schild konnte nur durch Druck des Unterarms dirigiert werden. Mit dem Aufkommen der Plattenpanzer wurden die Schilde immer kleiner, bis sie im Spätmittelalter ganz entbehrlich wurden. Der Ganzkörperharnisch bot nun genügend Schutz. Die Lanze ist die Primärwaffe des Ritters beim Reiterangriff. Sie wurde zunächst "über dem Kopf geschwungen" bzw. zum Stoß geführt; ab dem 12. Jahrhundert wurden die Lanzen länger, und es wurde üblich, sie unter die Achsel zu klemmen (eingelegte Lanze). Eine wesentliche Rolle spielte hierbei der Steigbügel. Wenn man im Sattel aufstand, konnte die eingelegte Lanze maximale Kraft erzeugen, da sie die Energie direkt vom Schlachtroß bezog. Damit wurden sie auch mehr oder weniger zu „Einwegwaffen“, die nach dem ersten Zusammenprall zu unhandlich oder auch zerbrochen waren und dann weggeworfen wurden. Die Lanze war die klassische Angriffswaffe des Ritters. Um die Wucht zu vergrößern, wurden die Lanzen immer länger und dicker und sie erhielten außerdem einen Handschutz. So war gegen Ende des 14. Jahrhunderts ein etwa 5m langes Monstrum entstanden, welches am Griff dünner sein mußte, um diesen überhaupt umfassen zu können - viel zu schwer für einen einzelnen Mann, um damit richtig treffen zu können. Deshalb mußte am Brustpanzer ein spezieller Rüsthaken befestigt werden, in den die Lanze eingelegt wurde, was das Ganze wieder etwas erleichterte. Doch in Kombination mit der bereits ziemlich schwer gewordenen Rüstung waren die Ansprüche an Mensch, Pferd und Gelände so sehr gestiegen, daß immer mehr Ritter absitzen und als eine ArtPikenier (mit Ritterlanze und in voller Rüstung!) in der Defensive kämpfen mußten. Diese Kampfweise hatten die Engländer im 100jährigen Krieg bereits erfolgreich vorgemacht. Das Schwert, die Sekundärwaffe des Ritters, war die Hauptwaffe im Nahkampf nach dem ersten Zusammenprall; es wurde im Früh- und Hochmittelalter hauptsächlich als Hiebwaffe verwendet und einhändig geführt. Erst im Spätmittelalter wurden sogen. Anderthalbhänder - also Schwerter, die meist mit beiden Händen geführt wurden, verbreitet. Das hing sicherlich mit den immer stärkeren Rüstungen zusammen. Der klassische Anderthalbhänder kann sowohl als mächtige Hiebwaffe (mehr Kraft durch das Führen mit beiden Händen), als auch als Stoßwaffe (der Ort - also die Spitze - läuft hierbei sehr spitz zu) genutzt werden und damit für Stiche in die wenig geschützen Gelenkbereiche der Rüstung eingesetzt werden. Getragen wurde es auf der linken Seite in einer Scheide, die am Gürtel befestigt war und in aller Regel aus Holz gefertigt, mit Fell ausgekleidet und mit Leder bezogen war. Eine deutsche Besonderheit waren die eisernen Ketten, mit denen manche unserer hochmittelalterlichen Ritter ihre Schwerter an den Brustplatten der Harnische befestigten. Ab dem 13. Jahrhundert trug man angeblich häufig ein zweites, besonders schweres Schwert, welches für den Kampf zu Fuß (z.B. bei einer Belagerung) bestimmt war und am Sattel befestigt wurde (Sattelbaumschwert). Es konnte durch seinen verlängerten Griff auch mit 2 Händen geführt werden. Die historische Belegbarkeit solcher Schwerter ist aber zumindest anzuzweifeln. Der Dolch (oder ein Kurzschwert) war eine Reservewaffe für den Fall, daß das Schwert verlorenging oder zerbrach. Daneben gab es noch eine Vielzahl anderer Waffen, die von Rittern geführt werden konnten; dazu zählten vor Allem die Streitaxt und der Streitkolben. Besonders Letzterer war für seine Effektivität gegenüber Plattenrüstungen gefürchtet. In der Regel zog der Ritter mit einem Gefolge in den Krieg. Dieses bestand anfangs zumeist aus einem Knappen sowie einigen Knechten. Später mussten sie oft noch weitere Kämpfer zu Pferd oder auch zu Fuß mitbringen. Ritter und Gefolge zusammen wurden als Gleve oder Glefe bezeichnet – eigentlich ein anderes Wort für Lanze, außerdem wurde so eine Waffe für Fußsoldaten genannt, siehe Glefe. Die Bewaffnung und Ausrüstung der hoch- und spätmittelalterlichen Ritter und Edelknechte kann anhand tausender erhaltener Epitaphien und Grabmäler nahezu lückenlos dokumentiert werden. Leider wurden diese für Historiker und Kostümkundler so ungeheuer wichtigen Denkmäler bis heute nur gelegentlich regional inventarisiert. In manchen Kirchen treten uns ganze Heerscharen Gewappneter in Lebensgröße entgegen. Gelegentlich sind sogar originale Ausrüstungsteile in das Bildnis integriert (Sporen, u.a.). Während diese Grabmäler auf dem Kontinent meist voll- oder halbplastisch ausgearbeitet sind, kann man in England oft wunderschöne gravierte Messingplatten in den Gotteshäusern studieren. Das Abreiben dieser Tafeln mit Wachsstiften auf Papier ist in England ein Volkssport (Brassrubbing). Originale Ausrüstungsteile aus dem Hochmittelalter haben sich natürlich wesentlich seltener erhalten als spät- und nachmittelalterliche. Hochmittelalterliche Helme, Harnischteile, Kettenhemden und Schilde sind als unbezahlbare Museumsstücke im Antiquitätenhandel extrem rar, meist werden nur schlecht erhaltene Boden- und Flussfunde angeboten. Von den „erhaltenen“ Exemplaren dürften zudem einige im 19. Jhdt oder später gefälscht oder überarbeitet worden sein. Schwerter sind in größeren Stückzahlen überliefert, allerdings ist auch hier in den letzten beiden Jahrhunderten einiges – oft in hervorragender handwerklicher Qualität – hinzugekommen.

Die Kampfkunst der Ritter

Wie alle elitären Kampftruppen, wurden auch die adeligen Ritter seit ihrer Kindheit systematisch ausgebildet. Die meisten Kampfsysteme entstanden in Deutschland,Italien und Spanien, gleichzeitig der Staaten, wo die europäische Metallschmiedekunst ihre Blüte erlebte. Die Kampfkunst bestand aus acht Teilen, die in diversen Schulen teils in der Reihe, teils parallel unterrichtet wurden.
- Das Ringen (abrazare) Diese Disziplin wurde seit frühester Kindheit gelehrt und praktiziert. Es handelte sich überwiegend um Greif-, Wurf-, Halte- und Hebeltechniken, die am Ehesten mit dem japanischen Yoroi Kumiuti verglichen werden können. Schläge und Tritte dagegen, wurden aufgrund ihrer Effektlosigkeit gegenüber Panzerung, kaum praktiziert. Gleichzeitig wurde durch das Training die gesamte körperliche Fitness verbessert, man achtete besonders auf die Stärke und die Schnelligkeit der Techniken. Man kann heute davon ausgehen, dass ausgebildete Knappen Meister im Brechen von Armen und Beinen waren.
- Der Dolch (liberi daga) Auf den Umgang mit dem Dolch(Kurzschwert) wurde oft mehr Wert gelegt, als auf das Schwert. Schließlich hatte ein Ritter auch in Friedenszeiten immer einen Dolch dabei und er musste stets in der Lage sein, sich damit verteidigen zu können. Hier übertrafen die Europäer wohl alle anderen Nationen der Welt, allein im Lehrbuch "Flos Duellatorum" (1409/1410) sind mehr als 80 verschiedene Techniken zur Bekämpfung von geharnischten und bloßen Gegnern ausführlich beschrieben. Auf dem Schlachtfeld war der Dolch unersätzlich, vor allem wenn die Hauptwaffe verloren- oder kaputtging, was nicht selten geschah.
- Das Schwert (spada longa) Wie erwähnt war das Langschwert die Hauptwaffe des Ritters. Gelehrt wurden vor allem Hieb-, Stich-, Parier- und Griffstoßtechniken, ebenso die Schwachstellen einer Ketten- bzw. Plattenrüstung. Optional wurde das Fechten mit dem Bidenhänder beigebracht, was aufgrund besonderer körperlicher Voraussetzungen erst später in die Mode kam.
- Kampf in der Rüstung Hier wurde die Schnelligkeit und Geschicklichkeit gewertet, trotz eines Zusatzgewichts von bis zu 20 kg und mehr, gewöhnlich kämpfen zu können. Der Knappe lernte das Absorbieren von Hieben, das Ausweichen im schwerer Panzerung sowie das Ringen mit Zusatzgewicht.
- Der Lanzenkampf Das Führen der gewichtigen Reiterlanze, teilweise bis zu 5 m lang, erforderte besondere Kraft und Geschicklichkeit. In diesem Bereich wurde die Genauigkeit eingeübt, ein kleines Ziel beim Reiten sicher treffen zu können. Da die Lanze zunehmend die Stoßkraft der Reiterei bildete, wurde diese Disziplin streng praktiziert.
- Schwere Waffen Darunter versteht man Äxte, Kriegshammer, Morgensterne, Spieße, Dreschflegel, Knüppel und andere Waffen. Da sie im Kampf schwersten Schaden verursachten, waren sie im Kampf überaus beliebt und wurden separat unterrichtet.
- Bogenschießen Diese Disziplin konnte bereits in der Kindheit gelehrt werden und war auf dem Schlachtfeld überlebenswichtig.
- Das Reiten Der berittene Krieger beherrschte eine Anzahl von Steigbügeltechniken, das Lenken des Schlachtrosses und die Beweglichkeit im Sattel.

Spätmittelalter

Rüstung] Es war nicht, wie oft fälschlich angenommen wird, die Erfindung des Schießpulvers, die das Ende der militärischen Bedeutung der Panzerreiter eingeläutet hat, sondern die Etablierung gut organisierter Fußtruppen. Die Schlacht von Kortrijk/Courtrai 1302 stellt einen diesbezüglichen Wendepunkt dar: Flandrische Fußsoldaten haben das siegessichere französische Ritterheer vernichtet und ihnen die goldenen Sporen geraubt, weshalb die Auseinandersetzung auch als
Schlacht der goldenen Sporen bezeichnet wird. Bei diesem Waffengang haben allerdings noch Landschaft und Witterung die Fußkrieger begünstigt. 1386 bei Sempach jedoch besiegten Schweizer Bauern die abgesessene österreichische Ritterelite - nach mehreren Anläufen - im Frontalangriff von einem Hügel herunter. Die Eidgenossen mit ihren Spießen und Hellebarden sollten in weiterer Folge zu den erbittertsten Gegnern der Ritter werden. Im Kampf gegen Ritter zu Pferde auf freiem Feld waren sie noch unterlegen- das sollte sich ändern, als sie die Piken verlängerten ("Schweizer Langspieß") und die Taktik perfektionierten. Bei Grandson, Murten und Nancy 1476/77 zertrümmerten sie mit Burgund jene Macht, die als Inbegriff des Rittertums galt. Damit war der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Schlachtfeld zugunsten der "modernen Infanterie" entschieden. (siehe: Pikeniere) Als das Schießpulver voll zur Geltung gekommen war, hatten die Panzerreiter ihre ehemals überragende Bedeutung bereits weitgehend eingebüßt. Der Niedergang des Rittertums war jedoch in erster Linie eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Die schwere Reiterei paßte sich den im 14. Jahrhundert aufkommenden Feuerwaffen durch noch immer massivere Rüstungen an, mit denen sie auch ihre Schlachtrösser schützte. Als bezahlte Söldner (Lanzierer) kam den schweren Reitern noch im 16. Jahrhundert eine wichtige taktische Aufgabe zu. Sie hätten wahrscheinlich noch länger weitergekämpft, wenn genügend geeignete Pferde vorhanden gewesen wären. Doch während die Größe der Heere immer weiter stieg, schrumpfte aufgrund der ritterlichen Geldmisere und wegen des Verschleißes durch Kriege die Anzahl der speziell gezüchteten Streitrösser -der in Wahrheit wohl wichtigste Grund für die weitgehende militärische Bedeutungslosigkeit der schweren Lanzenreiter im weiteren Verlauf der Neuzeit. Die aufwendigen und starren Körperpanzerungen der späten Ritterzeit erschwerten das Ab- und vor allem das Wiederaufsitzen, der Ritter kämpfte nun wesentlich seltener zu Fuß als in früheren Zeiten. Ein auf Maß gearbeiteter Harnisch guter Qualität ermöglicht zwar eine überraschende Beweglichkeit, viele Kämpfer trugen jedoch Kompositharnische, also zusammengestellte Panzerungen verschiedenster Qualität und Herkunft. Diese Rüstungen waren oft von den Vorfahren ererbt, saßen also natürlich nicht optimal. Die besonders schweren Modelle sind meist reine Repräsentations- oder Turnierharnische. Die Kavallerie der frühen Neuzeit begnügte sich aus diesen praktischen Erwägungen mit dem Halbharnisch, der später auf das Anlegen eines Kürass reduziert wurde. Der eigene Einsatz von Fern- oder gar Feuerwaffen ließ sich mit der Ritterehre nicht vereinbaren, so ließen sich etwa große französische Ritteraufgebote von englischen Langbogenschützen während des "Hundertjährigen Krieges" regelrecht abschlachten- v.a. auch deshalb, weil sie ihre Attacken meist ungeordnet und unzusammenhängend ausführten.

Kultur und Alltag

Die ritterliche Kultur übte schon früh eine große Faszination aus. Fürsten, Könige und Kaiser ließen sich auf ihren Siegeln als Ritter darstellen und traten bei Turnieren auf den Plan. Da die Körperpanzerungen die Anonymisierung des Kriegers mit sich brachten - man Freund und Feind aber unterscheiden mußte - begann man damit, Erkennungszeichen auf den Schilden und Waffenröcken anzubringen. Aus diesen, ursprünglich einfachen Symbolen entwickelte sich die mittelalterliche Heraldik. In der polnischen Heraldik hat sich noch viel von der einfachen Symbolik dieser frühen Wappenbilder erhalten. Fahrende Sänger zogen im hohen Mittelalter von Hof zu Hof und besangen die Heldentaten der ritterlichen Helden. (Nibelungenlied, Rolandslied). Später entwickelte sich das Phänomen des Minnedienstes, also der selbstlosen Hingabe an eine unerreichbare "Hohe Frau" ("Frouwe"), der man ohne Hoffnung auf eine irdische Belohnung diente. Zur Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse bediente man sich hingegen der "Maget" ("Wip"), auf die unsere Ritter natürlich eine große Anziehungskraft ausübten. Der zahlreichen unehelichen Kinder, die aus diesen Verhältnissen entsprossen, scheint man sich keineswegs geschämt zu haben. Wohlhabende Ritter ermöglichten ihren illegitimen Söhnen oft sogar den Erwerb der Ritterwürde. Die "Bastarde" durften sogar das Wappen des Vaters verwenden, mußten diesem aber den
Bastardstreifen hinzufügen, der schräg über das Schild gelegt wurde. Dieser Streifen findet sich noch heute im Wappen einiger Adelsfamilien. Bezeichnenderweise führten einige der tapfersten und berühmtesten Ritter Europas dieses keineswegs diskriminierende Symbol im Schilde, einige sind sogar die Stammväter heute noch blühender Hochadelsfamilien. Der einflußreichste dieser "Bastarde" war wohl der Begründer der heutigen englischen Nation, der berühmte Wilhelm I. der Herzog der Normandie (Wilhelm der Eroberer). Wilhelms Mutter war die schöne Arlette, Tochter eines Gerbers. An der Seite der Jungfrau von Orleans kämpfte Dunois, der "Bastard von Frankreich", ein unehelicher Sohn des französischen Königs. Der Alltag eines Dienstmannes oder eines der "Herren" der unzähligen kleinen Burgen im deutschen Sprachraum dürfte eher eintönig verlaufen sein. Die meisten Ritter und Edelknechte waren eigentlich nichts anderes als größere Bauern, denen der Pflug genauso vertraut war wie das Schwert. Neben der Feldarbeit war die Jagd die Hauptbeschäftigung dieser Kleinadeligen, die stets auf der Hut vor wilden Tieren und menschlichen Feinden sein mußten. Auf den kleinen Burgen herrschten - aus heutiger Sicht - unzumutbare Lebensverhältnisse. Mensch und Tier mußten sich den begrenzten Raum teilen, die hygienischen Verhältnisse waren gewöhnungsbedürftig, die Kindersterblichkeit war hoch. Viele Burgen entwickelten sich zu Ganerbenburgen mit zahlreichen Bewohnern, Konflikte konnten hier natürlich nicht ausbleiben. Viele der ehemals "edelfreien", also altadeligen Familien mußten ihren Besitz an mächtigere Feudalherren übertragen, von denen sie diesen als Lehen zurückerhielten. Dies geschah nicht immer nur unter Zwang, die "Dienstmannschaft" konnte sehr lukrativ sein, viele Dienstleute erreichten hohe Stellungen am Hofe ihres Herren. Jener mußte sich natürlich im Gegenzug am Ausbau und der Sicherung der Burg des Dienstmannes beteiligen. Im Kriegsfall konnte bereits eine eher harmlose Verletzung den Tod oder die dauernde Invalidität zur Folge haben. Die Ausrüstung der mittelalterlichen Krieger entsprach selten dem neuesten Stand der Waffentechnik, man trug oft Rüstungsteile aus verschiedenen Jahrhunderten in buntem Durcheinander. Fehlende Teile der eigenen Ausrüstung ergänzte man natürlich gerne auf dem Schlachtfeld. Im Zweikampf versuchte man den Gegner möglichst nicht zu töten, zumindest wenn jener ein wohlhabender Adeliger war. Das Fordern von Lösegeld war eine beliebte Methode, die eigenen Finanzen aufzubessern. Die Gefangenen wurden aber selten in das Burgverlies geworfen, meist speiste der Häftling mit am Tisch des Siegers, er mußte nur bei seiner Ritterehre schwören, nicht zu fliehen.

Untergang der Ritterschaft

Der Niedergang der Ritterschaft steht im Zusammenhang mit der Verdrängung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft, was auf militärische Verpflichtungen bezogen die Ablösung von feudalen Bindungen durch finanzielle Bindungen zur Folge hatte. Die Fürsten und Könige des Spätmittelalters wollten sich aus der Abhängigkeit von ihren Untervasallen lösen, weshalb sie verstärkt auf Söldnerheere setzten. Dadurch verloren die Ritter stark an Bedeutung, da sie zuvor die wichtigste Stütze der feudalen Heeresaufgebote gebildet hatten. Die allmähliche Auflösung der Ritterschaft stärkte die Macht der Könige und Kaiser und schwächte mehr und mehr die Ritter und deren Zusammenhalt. Man kann durchaus davon sprechen, daß viele Ritter eine Daseinskrise erlebten. Die Ritterschaft verarmte. Um sich selbst noch Bedeutung zu verschaffen und noch eine Überlebensgrundlage zu erhalten, gingen nicht wenige Ritter zum Raubrittertum über, in dessen Zuge sie andere Adlige und benachbarte Ritter ausraubten und bekämpften. Das Chaos und die innenpolitische Unsicherheit, das die Raubritter damit verbreiteten, besiegelten endgültig den Untergang des Rittertums. Die Truppen des Landesherrn hoben nun ohne Gnade ein Raubritternest nach dem anderen aus. Viele Ritter paßten sich den veränderten Gegebenheiten an und traten als hochbezahlte Söldner in eine Lanzierer- oder Kürassier-Einheit ein. Als letzte "richtige Ritterschlacht" gilt die Schlacht bei Mühldorf/Ampfing im Jahre 1322. Die Reichsritterschaft verlor mit dem Ende des "Heiligen Römischen Reiches" zwischen 1803 und 1806 ihre Herrschaftsrechte und Privilegien. Vergleiche Reichsdeputationshauptschluss In Österreich und in Süddeutschland wurde der Titel eines "Ritters" noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert bis 1918 bei Nobilitierungen neu vergeben. Es bestanden Verdienstorden, deren Träger um die Nobilitierung ansuchen konnten (meist waren die Angehörigen der dritten Klasse berechtigt, um die Erhebung in den Ritterstand anzusuchen). Vergl. zum Beispiel Orden der Eisernen Krone. In Großbritannien werden auch heute noch Personen zur Würdigung ihrer Verdienste zum Ritter (englisch:
knight) geschlagen. Sie dürfen dann den Titel Sir (bei Frauen: Dame) tragen. Dieser Titel ist nicht vererbbar.

Nachklang und "Wiedergeburt"

In den letzten Jahren ist es im Zuge des allgemeinen "Mittelalterbooms" zu einer "Renaissance des Rittertums" gekommen. In den Sommermonaten kann man überall "Ritterturniere" und "Mittelaltermärkte" besuchen. Das Bild, das hierbei vom Mittelalter vermittelt wird, hat natürlich mit der geschichtlichen Realität weniger zu tun, aber es vermittelt zumindest ein romatisches Gefühl. Man kann sogar in Kaltenberg französische Stuntmänner in Plastikrüstungen und schwarzlackierten Footballpanzerungen bewundern. Seriöses "Reenactment" wird heutzutage von mehreren engagierten Gruppen und Einzelpersonen betrieben, dies allerdings auf hohem Niveau. Dieses seriöse Reenactment leistet einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Verständnis des gesellschaftlichen Phänomens "Rittertum". Die Lebensverhältnisse der damaligen Menschen unterscheiden sich so grundlegend von den unsrigen, das eine Beurteilung durch reine "Schreibtischtäter" der Wahrheit nicht gerecht werden kann. Leider haben die meisten Historiker und Forscher niemals im Harnisch oder dem Kettenhemd auf einem Pferd gesessen oder versucht, die Schwertschläge eines Gegners mit einem "authentischen" Nachbau eines Ritterschwertes zu parieren. Geschichte lässt sich leider nicht nur aus Urkunden und Schriftquellen rekonstruieren, diese spiegeln die harte Realität längst vergangener Zeiten nur sehr unvollkommen wieder. Aber auch die "aktive" Beschäftigung mit der Vergangenheit kann immer nur Annäherung an die historische Wahrheit sein, niemals exaktes Nacherleben einer längst vergangenen Epoche. Doch weckt dies das gesellschaftliche Interesse an eine interessante Zeit. Der "Ritter" und seine Ideale wird immer neu belebt, wie sogar große Kinofilme aufzeigen!

Siehe auch


- Samurai
- Wappen

Literatur


- Rainer Atzbach:
Ritter. Die militia christiana als Lebensform im Mittelalter. In: Ritter, Burgen und Dörfer. Mittelalterliches Leben in Stadt und Land. Ausstellungskatalog, hrsg. vom Gebietsausschuß F