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Gewissen

Gewissen

Über das Gewissen gibt es die unterschiedlichsten Ansichten, Meinungen oder Theorien. Viele stellen sich unter Gewissen eine spezielle Instanz des menschlichen Bewusstseins vor, die einen dazu drängen, wenn nicht sogar zwingen soll, aus ethischen bzw. moralischen Gründen bestimmte Handlungen auszuführen oder zu unterlassen. Entscheidungen können dabei als unausweichlich empfunden werden oder mehr oder weniger bewusst, also im Wissen um ihre Voraussetzungen und denkbaren Folgen, vorgenommen werden. Handelt ein Mensch entsprechend seinem Gewissen, ist er oder fühlt er sich gut und zufrieden und gibt üblicherweise an, ein gutes oder reines Gewissen zu haben oder zu besitzen; handelt er indessen entgegen seinem Wissen und Gewissen, so fühlt er sich von dieser vermeintlichen Bewusstseinsinstanz vielleicht angeklagt oder gar verfolgt. Andere verspüren eher ein nagendes Gewissen, und wieder andere fühlen sich von Gewissensbissen geplagt oder geradezu gepeinigt. Ersichtlich handelt es sich bei diesen geläufigen Redeweisen um alltagssprachliche Redewendungen, die über die realen Zusammenhänge kaum etwas aussagen, zumal sie teilweise deutlich metaphorischer Art sind und daher nicht wörtlich verstanden werden dürfen. Auch von anderen Voraussetzungen ausgehende Ansichten und Vorstellungen, Meinungen und Theorien von Natur und Herkunft des Gewissens scheinen kaum geeignet, etwas zur Aufklärung der psychologischen Eigenart des Gewissens beizutragen.

Dialektischer Materialismus

Nach dem Dialektischen Materialismus (Marx) spiegelt das Gewissen den wandelbaren Gesellschaftszustand, welcher sich aus wechselnden materiellen Produktionsverhältnissen erkläre. Da die Materie, die einzige Wirklichkeit, sich ständig verändere, gelte keine sittliche Wahrheit absolut. Viele Nichtmarxisten sehen in dieser Denkweise eine Mitursache für die Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden.

Gewissensgründe

Der bundesdeutsche Gesetzgeber geht von der Existenz des Gewissens aus, zum Beispiel dadurch, dass er die Möglichkeit zur Verweigerung des Wehrdienstes aus „Gewissensgründen“ ermöglicht (Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, GG Artikel 4, Punkt 3).

Freud'sche Psychologie

Die Psychologie nach Sigmund Freud beruht auf der Unterscheidung der drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich. Seiner Vorstellung nach wird das unbewusst-triebhafte Es in seinen Äußerungen durch das Über-Ich hemmend kontrolliert. Dabei wird das Über-Ich verstanden als Introjekt der elterlichen und gesellschaftlichen Autorität, wodurch sich das Gewissen herausbildet. Es veranlasst das Kind, gesellschaftlich übliche oder erwartete Verhaltensweisen und Erwartungen einzuhalten. Das reife Ich, die individuelle Persönlichkeit mit ihren aus Erfahrung gewonnenen bewussten Wertsetzungen, bildet sich in der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner gesellschaftlichen Umwelt und durch Überwindung der Anforderungen des Über-Ich.

Logotherapie

Die sinnzentrierte Therapie nach Viktor Frankl, Elisabeth Lukasio und anderen geht davon aus, dass das Gewissen in jeder Lebenslage den größtmöglichen Sinn (ziemlich) eindeutig erkennt.

Unterordnung und Gehorsam

Stanley Milgram untersuchte in seinen sozialpsychologischen Experimenten der 60er Jahre (s. Milgram-Experiment) die Gehorsamsbereitschaft unter verschiedenen Bedingungen. Dabei wies er in Wirklichkeit experimentell nach, wie das Gewissen je nach Versuchsanordnung ganz unterschiedlich reagiert.

Das Gewissen im Christentum

Das Alte Testament kennt das Herz als Ausgangspunkt guter wie böser Taten, allerdings ist nirgends die Rede von einer kritischen Instanz im Geist oder in der Seele des Menschen. Erst Paulus hat den Begriff Gewissen in die christliche Theologie eingeführt. Ihm zufolge ist das Gewissen keine Instanz, die eigene ethische Maßstäbe setzt, sondern Wissen um das eigene Verhalten angesichts der für dieses Verhalten bestehenden Forderung (siehe Römerbrief 2,15; 1. Korintherbrief 8,7-13 und 10,25-30). Siehe auch Gewissen (Psychologie)

Weblink

Kategorie:Ethisches Prinzip

Theorie

Eine Theorie ist eine Gebrauchsanweisung zur Welt, die anpassungsfähig ist. Während Begriffe die Welt bestimmen, richten sich Theorien nach ihr. Eine Theorie, die ihren Zweck verfehlt, gilt dadurch als widerlegt. Während Begriffe Maßstäben gleichen, die zeigen, wieviel ein bestimmter Gegenstand von ihnen enthält oder nicht, entsprechen Theorien Futteralen, die nach ihrem Gegenstand gearbeitet sein wollen. Das Wort Theorie (griechisch theoró: beobachten, betrachten, schauen; theoría: das Anschauen, die wissenschaftliche Betrachtung) bezeichnete ursprünglich die Betrachtung der Wahrheit durch reines Denken, unabhängig von ihrer Realisierung. Vermutlich deshalb wird der Begriff auch unbestimmt als Gegenteil von Praxis benutzt.

Definition

Eine Theorie entwirft ein Bild (trifft eine Aussage) über den Lauf der Welt und ist insofern immer eine Prognose, die per Experiment zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das Ergebnis des Experimentes bestätigt (verifiziert) oder widerlegt (falsifiziert) eine Theorie. Nicht falsifizierbare Aussagen, z.B. eine Tautologie oder Definition, können keine Theorien sein. Eine Theorie muss sinnhaftig sein: das Bild, was sie von der Welt gibt, muss den Vorschriften der Logik und Grammatik entsprechen. Ihre Wahrhaftigkeit kann danach aber nur durch einen Vergleich des Bildes, was sie von der Welt gibt, mit der Wirklichkeit erwiesen werden. Theorien, die etwas über den Lauf der Welt sagen, ohne ein Experiment zu wissen, dass sie gegebenenfalls widerlegt, heißen spekulativ.

Beispiele

# Physik: Die Vorhersagen der klassischen Mechanik und der speziellen Relativitätstheorie unterscheiden sich beispielsweise deutlich, wenn die betrachteten Objekte sich mit Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit bewegen.
Im Alltag kann man die Unterschiede nicht feststellen, da die klassische Mechanik der Grenzfall der speziellen Relativitätstheorie ist, wenn die Geschwindigkeit wesentlich geringer ist als die Lichtgeschwindigkeit. Daher ist die klassische Mechanik im Alltag die angemessene Theorie. # Geometrie: Zu jeweils einer Geraden und einem Punkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, gibt es genau eine Parallele durch diesen Punkt. Diese Aussage hat man lange versucht aus den anderen Axiomen der Geometrie zu folgern. Dadurch, dass man zeigen konnte, dass die Geometrie, in der die Parallelenaussage nicht gilt, zu sinnhaften Modellen führen, hatte man bewiesen, dass die Parallelenaussage ein zu den übrigen Geometrieaxiomen unabhängiges Axiom ist (siehe nichteuklidische Geometrie). # Mathematik: Der Mathematiker Georg Cantor hatte eine Definition für den Begriff Menge vorgeschlagen. Die daraus resultierende Theorie wurde von Bertrand Russell als widersprüchig nachgewiesen mit der Paradoxie: Die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten. Diese "Menge" ist eine Menge im Sinne Cantors. Aber die Aussage bezogen auf diese Menge: Diese Menge ist Element ihrer selbst stellt eine Paradoxie dar. Trotzdem genügt es in der Schulmathematik mit dieser naiven Mengenlehre zu arbeiten. Die Mathematiker verwenden jetzt in der Regel die Zermelo-Fraenkel-Mengenlehre.

Weitere Beobachtungen zum Theoriebegriff

Die methodische Art und Weise, wie Theorien zustandekommen, wie also der Zuwachs an Wissen stattfindet, ist umstritten. In der Fortentwicklung von Theorien wird gelegentlich zwischen Induktion und Deduktion unterschieden: :Bei der Theorienbildung durch Induktion geht man davon aus, dass der Wissenschaftler im empirischen Prozess Datenmaterial erarbeitet, in dem schließlich innere Strukturen und Gesetzmäßigkeiten sichtbar werden. Weitere positiv verlaufende Experimente sollen die Theorie bestätigen und sind die Bausteine einer Verifikation (Beweisführung), die letztlich in naturgesetzlicher Sicherheit (Wahrheit) münden soll. :Bei der Theorienbildung durch Deduktion geht man davon aus, dass der Wissenschaftler durch kreative Akte sinnvolle Hypothesen erzeugt, deren Übereinstimmung mit dem Datenmaterial er anschließend überprüft. Weitere Experimente müssen mit dem ernsthaften Ziel der Falsifikation (Widerlegung) unternommen werden. Nur in dem Ausmaß wie sich Theorien bewähren (der Falsifikation entziehen), kann relative Sicherheit gewonnen werden. In der Praxis der Wissenschaft mischen sich induktive und deduktive Elemente ohne Probleme, so dass diese Frage mehr eine wissenschaftstheoretische und weltanschauliche Bedeutung besitzt. Bietet die Wissenschaft mit ihren Theorien einen Weg zu absoluter Wahrheit oder zu einer schrittweise stattfindenden Annäherung an die Wahrheit (der man sich jedoch nie ganz gewiss sein kann)? Diese zweite, auf Karl Popper zurückgehende, Position wird derzeit von der Mehrheit der Naturwissenschaftler bevorzugt. In der Soziologie wurde - für die Sozialwissenschaften allgemein - das Konzept der Theorie mittlerer Reichweite entwickelt. In der Umgangssprache wird der Begriff meist im Sinne von "nur eine Theorie" verstanden, und bezieht sich dann lediglich auf besonders unsichere Erkenntnisse. Dies hat nicht viel mit der wissenschaftlichen Definition von "Theorie" zu tun, und führt leider häufig zu Missverständnissen: Beispielsweise bedeutet der Begriff "Relativitätstheorie" nicht, wie oftmals (von nicht-Wissenschaftlern) fälschlich angenommen, dass diese im Sinne von "nur eine Theorie" besonders unsicher sei. Selbstverständlich ist sie falsifizierbar, aber das Teilwort "-theorie" besagt nichts über die (Un-)Sicherheit der in ihr enthaltenen Aussagen.

Alltagstheorien

Auch wenn Menschen sich nicht immer dessen bewusst sind: sie handeln im Alltag nach Theorien, die sie sich im Laufe ihres Lebens aufgebaut haben. Im Kleinkindalter werden beim Spielen z.B. unbewusst physikalische Experimente gemacht, die ein schlussfolgerndes physikalisches Denken begründen. Weitere praktische Erfahrungen auch im sozialen und kulturellen Bereich schaffen den Raum für Erkenntnisse, die den Aufbau von persönlichen Alltagstheorien schaffen. Der Grad der Kohärenz ihrer Theorie richtet sich nach dem Stand ihrer Reflexion. So ist davon auszugehen, dass Kenntnisse in Psychologie und Soziologie eine größere Kohärenz beispielsweise bei Erziehungsmaßnahmen oder generell beim Umgang mit anderen Menschen sichern. Alltagstheorien sind in allen Lebensbereichen wirksam und beeinflussen das Wahlverhalten, die Haltung gegenüber Ausländern und gegenüber Minderheiten, die Freizeitgestaltung und die Art und Weise, wie man Werte in der Öffentlichkeit vertritt. Verdeckte Alltagstheorien bewusst zu machen, ist eine Aufgabe des Bildungssystems.

Zitate

Es gibt zahlreiche Zitate zum Thema Theorie, siehe in Wikiquote: [http://de.wikiquote.org/wiki/Theorie de.wikiquote.org/wiki/Theorie]

Siehe auch


- Physikalische Theorie
- Instinkttheorie
- Liste der Theorien / Überholte Theorien
- Wissenschaftstheorie
- Liste griechischer Suffixe
- Liste lateinischer Suffixe
- Thesenpapier, Induktion (Logik), Abduktion, Statistik, Nullhypothese, Rhetorik, Dialektik, Fehler 1. und 2. Art

Literatur


- Stephen Hawking: Die Illustrierte Kurze Geschichte der Zeit. ISBN 3-499-61487-1
- Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. (1793). Neuerer Abdruck in: Schriften zur Geschichtsphilosphie, Immanuel Kant, Stuttgart 1985 (reclam).
- Kurt Lewin: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Bern, Stuttgart: Huber, 1963
-
Joachim Ritter: Die Lehre vom Ursprung und Sinn der Theorie bei Aristoteles, in: Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften 1 (1953), S. 32-54.
- Helmut Seiffert und Gerard Radnitzky:
Handlexikon der Wissenschaftstheorie, Deutscher Taschebuchverlag (DTV) 1992, ISBN 3-423-04586-8

Weblinks


- [http://www.lsw.uni-heidelberg.de/users/amueller/theorie.html Andreas Müller: Alles graue Theorie?]
- [http://www.ldl.de/material/aufsatz/aufsatz2002-2.pdf Jean-Pol Martin:
Weltverbesserungskompetenz als Lernziel? (2002)] (Vorschlag einer praktischen Alltagstheorie) Kategorie:Wissenschaftstheorie Kategorie:Logik ja:理論

Ethik

Ethik (griech. ethos „gewohnter Sitz; Gewohnheit, Sitte, Brauch; Charakter, Sinnesart“) ist eines der großen Teilgebiete der Philosophie. Die Ethik - und die von ihr abgeleiteten Disziplinen (z.B. Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie) - bezeichnet man auch als „praktische Philosophie“, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst (im Gegensatz zur „theoretischen Philosophie“, zu der die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik als klassische Disziplinen gezählt werden). Die Ethik beschäftigt sich damit, was gutes oder schlechtes Handeln ausmacht. Eine Ethik sagt also, wie der Mensch handeln soll und wie nicht, bzw. wie er sich beim täglichen Handeln zu entscheiden hat. Dazu gehören die Auseinandersetzung mit dem Ausmaß individueller menschlicher Freiheit sowie eine Bestimmung von Gut und Böse. Sie befasst sich hierzu mit den Grundlagen menschlicher Werte und Normen, des Sittlichen und der allgemeinen Moral. Zentrale Probleme der Ethik betreffen die Motive, die Methoden und die Folgen menschlichen Handelns. Es ergeben sich sehr unterschiedliche Ethiken, je nachdem, wie die Gewichte zwischen diesen drei Bereichen gelegt werden, und was die Quelle der ethischen Normen ist. Von solchen grundsätzlichen Reflexionen einer allgemeinen Ethik zu unterscheiden sind die auf besondere lebensweltliche Problemfelder bezogenen Überlegungen der angewandten Ethik. Die allgemeine Ethik stellt außerdem die Grundlagendisziplin für die speziellen Disziplinen, Individualethik und Sozialethik, dar.

Der Begriff „Ethik“

Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff „Ethik“ von Aristoteles eingeführt, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte. Hintergrund war dabei die bereits von den Sophisten vertretene Auffassung, es sei für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet werde. Aristoteles war dagegen der Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik ist somit für Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat, diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet. Begriffliche Abgrenzungen In einem allgemeinen Verständnis lässt sich Ethik als philosophische Reflexion auf Moral definieren. Moral ist dabei zu verstehen als Gesamtheit aller Normen und Ideale des guten und richtigen Lebens, die von einem Menschen oder einer Gesellschaft vorausgesetzt werden. Diese Reflexion kann auf verschiedene Weise vollzogen werden. Wenn sie nur auf die möglichst präzise empirische Erfassung und Beschreibung der tatsächlichen Moral zielt, spricht man von deskriptiver Ethik. Diese Disziplin ist verwandt mit anderen empirischen Disziplinen wie Moralpsychologie, Moralsoziologie, Ethnologie etc. Wenn die methodische Reflexion auf Moral nicht in empirisch-deskriptiver oder historisch klärender Weise, sondern mit dem Ziel der Begründung und Kritik vorgenommen wird, spricht man - in einem allgemeinen Sinn - von normativer Ethik (wird im folgenden mit Ethik gleichgesetzt). Von einer normativen Ethik im engeren Sinne spricht man für gewöhlich dann, wenn es sich um eine Sollens- oder deontologische Ethik handelt (s.u.). Von der Ethik ist weiterhin die Metaethik zu unterscheiden. Diese reflektiert die allgemeinen logischen, semantischen und pragmatischen Strukturen moralischen und ethischen Sprechens. Die Metaethik ist eine verhältnismäßig junge Disziplin, die sich in erster Linie der Untersuchung praktischer Argumentationen mit den Mitteln der modernen sprachanalytischen Philosophie verdankt.

Geschichte der Ethik

Formale Betrachtungen zur Ethik nahmen ihren Ursprung im alten Orient, im antiken Kaiserreich China, Indien und Griechenland und wurden in Römischen Reich aufgegriffen und weiterentwickelt. Philosophische Schulen dieser Perioden entwickelten verschiedene ethische Systeme, von denen Sokrates, Platon und Aristoteles die bis heute einflussreichsten begründeten. Der Epikureismus und die Stoa haben in hellenistischer Zeit ethische Schulen ausgebildet, die ihrerseits orientierenden Einfluss auf die Gegenwart ausüben. Religionen entwickeln ihr ethisches System selten systematisch aus Grundprinzipien, sondern als Konsequenz ihres Glaubenssystems. In den jüdisch-christlichen Schriften (Tanach, Talmud, Bibel, Kirchenväter) haben ethische Fragestellungen einen hohen Stellenwert. Der nächste bedeutende Zeitraum ethischer Betrachtungen begann im Mittelalter mit Maimonides und Thomas von Aquin. Der auf von gottgegebenen Gesetzen basierenden Ethik dieser jüdisch-christlichen Philosophen wurde ein natürliches Gesetz (Naturrecht), das dem Menschen und der Welt innewohne, an die Seite gestellt. Die moderne philosophische Ethik hatte ihren Ursprung in den Arbeiten von Thomas Hobbes, David Hume, Spinoza und Immanuel Kant. Der Utilitarismus wurde von Jeremy Bentham und John Stuart Mill entwickelt. Arthur Schopenhauer schuf in Abgrenzung zu Kant eine Mitleidsethik. Friedrich Nietzsche gilt als der radikalste Kritiker sämtlicher Arten von Ethik. Insbesondere verwies er darauf, dass moralische Bewertungen von der jeweiligen Perspektive abhängen und dass Moralsysteme sehr oft der Festigung der Position der Herrschenden dienen (sofern damit ein Relativismus behauptet werden soll, sind die dort aufgeführten Gegenargumente zu nennen). Der analytischen Ethik (G. E. Moore, W. D. Ross) folgten Emotivismus (C. L. Stevenson, A. J. Ayer) und Existenzialismus (Jean Paul Sartre). Emmanuel Lévinas suchte die Ethik von der Beziehung zu dem Anderen her neu zu denken. In der feministischen Ethik wird darauf aufmerksam gemacht, dass bestimmte Werte (z.B. Fürsorge) und Lebenssituationen aus Sicht der Frau in der herkömmlichen Diskussion stark vernachlässigt wurden.

Verschiedene Ethiksysteme

Die Vielzahl ethischer Positionen lässt sich am einfachsten in deontologische und teleologische Richtungen einteilen, wobei aber die jeweilige Zuordnung oft nicht unumstritten ist. Im Rahmen teleologischer Ethiken (Strebensethiken) wird die moralische Richtigkeit von Handlungen durch ihren Beitrag zur Realisierung oder Erhaltung eines Guten bestimmt. Teleologische Ethiken geben valuativen Sätzen einen Vorrang gegenüber normativen Sätzen. Für sie stehen Güter und Werte im Vordergrund. Die menschlichen Handlungen sind nur insofern von Interesse, als sie hinderlich oder förderlich zum Erreichen dieser Güter und Werte sein können. Deontologische Ethiken (Sollensethiken) gehen davon aus, dass Handlungen aufgrund anderer Charakteristika als ihrer konkreten Folgen moralisch richtig oder falsch sein können. Hier haben normative Sätze eine Vorrangsstellung gegenüber valuativen Satzen. Für sie bilden Gebote, Verbote und Erlaubnisse die Grundbegriffe. Es rücken die menschlichen Handlungen in den Vordergrund, da nur sie gegen eine Norm verstoßen können. Durch die Art der Definition lassen sich verschiedene ethische Systeme ableiten: Abb.: Schema der wichtigsten Ethikansätze

Teleologische Ansätze

Das griechische Wort „telos“ bedeutet so viel wie Vollendung, Erfüllung, Zweck oder Ziel. Unter teleologischen Ethiken versteht man daher solche Theorieansätze, die ihr Hauptaugenmerk auf bestimmte Zwecke oder Ziele richten. In ihnen wird die Forderung erhoben, Handlungen sollten ein Ziel anstreben, das in einem umfassenderen Verständnis gut ist. Der Inhalt dieses Zieles kann unterschiedlich bestimmt werden.

onto-teleologische Ansätze

Dieser klassische teleologische Ansatz wurde v.a. in der Blütezeit der griechischen Klassik und im Hellenismus vertreten. Er geht davon aus, dass jedem natürlichen Gegenstand das Streben innewohnt, ein in seiner Natur oder seinem Wesen angelegtes Ziel zu erreichen. Das wesenseigene Ziel wird dadurch verwirklicht, dass der Gegenstand seine spezifischen Anlagen vervollkommnet und so eine natürliche Endgestalt ausbildet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich bei dem betreffenden Objekt um ein lebloses Ding, eine Pflanze, ein Tier oder ein Vernunftwesen handelt. Als Gegenstände in diesem Sinne kommen aber nicht nur natürliche Gegenstände in Frage; auch die soziale oder politische Gemeinschaft, die Geschichte oder der gesamte Kosmos können als teleologische Entitäten aufgefasst werden. Auch der Mensch besitzt ein eigenes Ziel, das er durch die Perfektionierung seiner spezifischen Anlagen verwirklicht. In seiner Natur ist also schon eine ganz bestimmte Zielgestalt angelegt, auf die hin er sich entwickelt. Allerdings ist er - anders als bei unbelebten Gegenständen, Pflanzen oder Tieren - nicht gänzlich durch seine natürlichen Eigenschaften und Zielvorgaben determiniert. Er muss sich in einem gewissen Rahmen an der Realisierung seines „telos“ selbst beteiligen. Der Mensch soll so handeln und leben, wie es seiner Wesensnatur entspricht und seine artspezifischen Anlagen auf bestmögliche Weise vervollkommnen. Unter der Voraussetzung, dass er tatsächlich über ein gewisses Maß an Freiheit verfügt, kann er seine Zielvorgabe auch verfehlen. Eine Unterscheidung zwischen moralischer Richtigkeit und außermoralischer Gutheit ergibt im Rahmen onto-teleologischer Ethiken keinen Sinn. Obgleich die Verfügung über äußere Güter durchaus eine Rolle spielen kann, sind es nicht diese Güter, die in erster Linie angestrebt werden. Das Gut, um das es vor allem geht, ist eine bestimmte Art und Weise zu handeln, nämlich das gute Handeln selbst.
Platon
(...)
Aristoteles
Teleologische Ansätze Aristoteles gilt als der klassische Vertreter des onto-teleologischen Ansatzes. Seine Ethik setzt an beim Begriff des höchsten Guts. Dieses muss folgende Kriterien erfüllen:
- Es muss autark sein, das heißt, man darf, wenn man im Besitz dieses Guts ist, keiner anderen Dinge mehr bedürfen
- Es muss um seiner selbst und niemals um einer anderen Sache willen gewählt werden
- Es wird nicht dadurch vergrößert, dass ein anderes Gut hinzugezählt wird Diese Kriterien werden nach allgemeiner Ansicht von der eudaimonia (Glück) erfüllt. Allerdings bestehen Kontroversen über die Frage, worin das Glück besteht. Nach Aristoteles' Ansicht kann der Mensch das Glück dadurch erreichen, dass er sein spezifisches „ergon“ zu verwirklichen versucht. Das Wort „ergon“ meint die spezifische Funktion, Aufgabe oder Leistung einer Sache. Um die Frage nach dem „ergon“ des Menschen zu beantworten, greift Aristoteles auf die verschiedenen Fähigkeiten der menschlichen Seele zurück:
- sie verfügt über die lebenserhaltenden Fähigkeiten der Ernährung und des Wachstums: diese stellen aber keine spezifische Leistung des Menschen dar, weil sie sich auch hei allen anderen Lebewesen finden
- sie verfügt über das Vermögen der sinnlichen Wahrnehmung: auch dieses Vermögen findet sich bei anderen Lebewesen
- sie verfügt, über die Fähigkeit der Vernunft (logos): dies ist das dem Menschen eigentümliche Vermögen, weil kein anderes Lebewesen über diese Fähigkeit verfügt. In der menschlichen Seele gibt es nach Aristoteles zwei verschiedene Teile, die mit der Vernunft zu tun haben:
- den Teil, der selbst vernünftig ist bzw. über Vernunft verfügt
- den Teil, der zwar nicht selbst vernünftig, jedoch in der Lage ist, auf die Vernunft zu hören und ihr zu gehorchen: die Emotionen und bestimmte nicht-rationale Begierden Das gesuchte ergon des Menschen besteht nun darin, die Vernunftfähigkeit der beiden Seelenteile zu aktivieren, das heißt von der Potentialität (dynamis) in die Aktualität (energeia) überzuführen (Akt-Potenz-Lehre). Diese spezifisch-menschliche Leistung wird dann erreicht, wenn die Seele in einem „vortrefflichen“ Zustand ist, was von Aristoteles mit dem Ausdruck „arete“ (Tugend) bezeichnet wird. Den beiden Seelenteilen entsprechend, die vernünftig genannt werden können, lassen sich nach Aristoteles auch zwei Arten von Tugenden zuordnen. Dem vernünftigen Seelenteil entsprechen die dianoetischen oder Verstandes-Tugenden, dem unvernünftigen Seelenteil die ethischen oder Charakter-Tugenden. Von diesem Ansatz ergibt sich Aristoteles Verständnis, wie das vollkommene Glück erreicht werden könne. Die beste Lebensform sei die „theoretische“ oder „kontemplative“. In ihr könne der höchste menschliche Seelenteil, die Vernunft, entfaltet werden. Ein solches Leben ist aber nach Aristoteles’ Ansicht höher als es dem Menschen als Menschen zukommt und steht eigentlich den Göttern zu. Außerdem sind die Menschen dazu gezwungen, sich mit ihrem äußeren Umfeld auseinanderzusetzen. So bleibt als zweitbeste Lebensform nur die „politische“. Diese ermöglicht im Umgang mit anderen Menschen die Entfaltung der Charaktertugenden.

konsequentialistisch-teleologische Ansätze

Mit diesem Begriff werden teleologische Ansätze bezeichnet, die nicht mehr von einer letzten vorgegebenen Zweckhaftigkeit des menschlichen Daseins oder der Welt ausgehen. Ihr Augenmerk zur moralischen Qualifizierung von Handlungen richtet sich ausschließlich auf deren Konsequenzen im Hinblick auf ein als Nutzen verstandenes „telos“. Diese Theorien können wiederum danach unterschieden werden:
- wie sie diesen Nutzen definieren; dies geschieht meist als eine Form von subjektivem Wohlbefinden: Lust (Hedonismus), Freude, Zufriedenheit, Glück (Eudämonismus) etc.
- ob es nur um den eigenen Nutzen (Individualismus, Egoismus) oder auch um den der anderen (Utilitarismus) geht
Epikur
Epikur Die epikureische Ethik , die schon während der Blütezeit der klassischen teleologischen Ethik als gewichtiger Gegenentwurf konzipiert wurde, weist bereits eine letzte Zweckhaftigkeit des menschlichen Daseins oder der Welt ausdrücklich zurück. Die Lust (hedone) wird von Epikur zum alleinigen Inhalt des guten Lebens erklärt. Er unterscheidet zwei Arten der Lust: eine „kinetische“ (bewegte) Lust auf der einen Seite sowie eine „katastematische“, d.h. mit dem naturgemäßen Zustand verbundene Lust auf der anderen. Die kinetische Lust scheidet für Epikur als Kandidat für ein gutes Leben aus. Sie beruht auf einem stetigen Wechsel von Unlust- und Lustzuständen und muss somit auch die Unlust als Bedingung ihrer Möglichkeit bejahen. Sie birgt außerdem stets die Gefahr in sich, dass Bedürfnisse ständig über das sinnvolle Maß hinaus befriedigt und somit neue Bedürfnisse geschaffen werden. Diese Art des Luststrebens ist potenziell maßlos und droht entgegen ihrer ursprünglichen Intention zu einer fortwährenden Quelle der Unlust zu werden. Die katastematische Lust ist die höchste Form der Lust und das Ziel des Lebens. Sie wird erreicht durch den Zustand unbedürftiger Seelenruhe. Diese wird durch Schmerz und Furcht gefährdet. Schlimmer als der körperliche ist der seelische Schmerz. Jeder seelische Schmerz ist aber auf einen körperlichen Schmerz bezogen: er ist Erwartung oder Erinnerung eines körperlichen Schmerzes. Wenn gezeigt werden kann, dass die Erwartung körperlichen Schmerzes unbegründet ist, löst der seelische Schmerz sich auf. Der größte Schmerz wird durch die Furcht vor dem Tod erzeugt. Dieser kann durch eine richtige Sicht des menschlichen Lebens begegnet werden. Es ist nach Epikur nur ein zufälliges Aggregat von Atomen, das sich mit dem Tod vollständig in seine Bestandteile auflöset. Die Grenze des Todes besitzt somit keinerlei Relevanz für die gegenwärtige Lebensführung und braucht deshalb die Daseinsfreude auch nicht zu beeinträchtigen.
Stoa
Für die Stoiker stellen Selbstliebe bzw. Selbsterhaltung den Grundtrieb überhaupt dar. Die Verfolgung dieses Triebes steht am Anfang jedes natürlichen Entwicklungsprozesses. Im Unterschied zum Tier besitzt der Mensch aber mit der Vernunft noch eine darüber hinausgehende Naturanlage, die sich schon bei Kindern ab einem gewissen Zeitpunkt als zweckfreies Erkenntnisstreben zu regen beginnt. Stoa Mit dieser Entdeckung der Vernunft kommt es zu einer wichtigen Konkretisierung des Gegenstandes der Selbstliebe. Das naturgemäße Leben lässt sich jetzt nämlich als ein Leben gemäß der Vernunft begreifen. Dabei ist die Vernunft nicht nur Gegenstand der Selbstsorge, sondern erweist sich zugleich auch als die eigentliche Leitungsinstanz, die alle anderen Antriebsmomente zu bilden und zu ordnen hat. Um ihre Funktionen angemessen erfüllen zu können, muss die Vernunft einen langwierigen Bildungsprozess durchlaufen, der den Menschen allmählich dazu befähigt, sich nur das zu eigen zu machen, was wirklich seiner Natur gemäß ist. Diese Einsichts- und Aneignungsbewegung nennen die Stoiker „oikeiosis“, womit die Vervollkommnung der vornehmsten menschlichen Eigenschaften gemeint ist. Dieser Vervollkommnungsprozess wird nicht nur als individuelles Geschehen gedeutet, sondern in einen kosmischen Zusammenhang gestellt: die allmähliche Aneignung der Vernunft, die sich im praktischen Bereich als Zuwachs der Tugend äußert, deuten die Stoiker als eine schrittweise Angleichung an das allgemeine Weltgesetz. Die lebenspraktischen Resultate dieser Haltung verdichten sich im Streben nach der Seelenruhe (ataraxia), die von allen äußeren Umständen und Zufällen völlig unabhängig machen soll. Aus der Tatsache, dass das wahre menschliche Selbst an einer allgemeinen Weltvernunft partizipiert, folgt eine innere Verbundenheit und prinzipielle Gleicheit aller Menschen. Die Welt wird als der gemeinsame Staat der Götter und Menschen betrachtet. Weil jeder Mensch Teil dieses Ganzen und auf es angewiesen ist, ist der gemeinsame Nutzen dem des einzelnen vorzuziehen.
Utilitarismus
Utilitarismus Der Utilitarismus ist die am weitesten ausgearbeitete und - u.a. auch deshalb - seit etwa hundert Jahren international meistdiskutierte Variante einer konsequentialistischen Ethik. Seine Anziehungskraft beruht auf seinem Ansatz, Handlungsalternativen ließen sich quantifizieren und durch einen mathematischen Kalkül entscheiden. Konsequentialismus Die moralische Beurteilung menschlichen Handelns beruht im Utilitarismus auf der Beurteilung der (wahrscheinlichen) Handlungsfolgen. Den Handlungsfolgen gegenüberzustellen sind allerdings die mit der Handlung selbst verbundenen Aufwände. Nicht jede Handlung mit guten Folgen ist daher auch schon moralisch geboten. Es können Umstände eintreten (z.B. politische Gewaltherrschaft), unter denen die einzig mögliche Handlung mit guten Folgen so viel moralischen Heroismus verlangt, dass sie von niemandem ernstlich erwartet werden kann. Auf der anderen Seite ist nicht jede Handlung mit schlechten Folgen unter allen Umständen moralisch verboten. In manchen Situationen kann selbst eine Handlung mit schlechten Folgen erlaubt oder sogar geboten sein, z. B. wenn die Handlungsalternativen - einschließlich Untätigkeit - noch schlechtere Folgen hätten. Zu den „Folgen“ gehören dabei:
- die beabsichtigen Folgen der Handlung
- die unbeabsichtigten absehbaren Folgen („Nebenfolgen“) der Handlung
- die Handlung und ihre Umstände selbst (z.B. der mit ihr verbundene physische und psychische Aufwand) Alle drei Komponenten müssen bei der Wahl der richtigen Handlung mit ins Kalkül gezogen werden. Entscheidend sind dabei nicht die tatsächlichen, sondern die absehbaren Folgen einer Handlung, d.h. die Folgen, wie sie sich für einen wohl informierten und vernünftig denkenden Beobachter zum Zeitpunkt der Handlung als mehr oder weniger wahrscheinlich darstellen. Für die Beurteilung der Handlung kommt es dabei neben dem Wert und Unwert der möglichen Folgen wesentlich auch auf deren Eintrittswahrscheinlichkeit an. Kleine Risiken dürfen im Allgemeinen für die Realisierung großer Chancen in Kauf genommen werden. Für einmalige oder gelegentliche Handlungen mit schwerwiegenden negativen, aber sehr unwahrscheinlichen Folgen (wie bei Hochrisikotechnologien) liefert die Utilitaristische Ethik kein eindeutiges Entscheidungskriterium. Maximierungsprinzip Unter den jeweils verfügbaren Handlungsalternativen ist für den Utilitarismus diejenige Handlung moralisch geboten, die absehbar das maximale Übergewicht der positiven über die negativen Folgen bewirkt. Dieses Maximum ist rein summativ bestimmt. Geboten ist die Handlung, für die die Differenz aus der Summe des durch sie absehbar bewirkten positiven und der Summe des durch sie absehbar bewirkten negativen Nutzens größer ist als für alle anderen in der Situation möglichen Handlungen. Universalismus Für die Beurteilung einer Handlung sind die Folgen für alle von der Handlung Betroffenen erheblich, wobei die Folgenbewertung unparteilich sein und von allen besonderen Sympathien und Loyalitäten absehen soll (Bentham: „Everyone to count for one and nobody for more than one“). Die Folgen für den Akteur und die ihm Nahestehenden sind in den Gesamtfolgen enthalten, erhalten jedoch kein stärkeres Gewicht als die Folgen für Fremde. Räumliche, zeitliche und soziale Distanz der Betroffenen führen nicht (abgesehen von der erhöhten Unsicherheit der Folgenabschätzung) zu einer Minderung ihrer moralischen Relevanz. Der Nutzen als einziger Wert Der Utilitarismus kennt nur einen einzigen Wert: den „Nutzen“ (utiliity). Dieser wird dabei meist verstanden als das Ausmaß der von einer Handlung bewirkten Lust und des durch sie vermiedenen Leides.Der Utilitarismus ist daher im Kern eine hedonistische Theorie. Träger des Nutzens ist im Utilitarismus dabei immer das Individuum. „Gesamtnutzen“ oder „Gemeinwohl“ werden als Summe der jeweiligen Einzelnutzen aufgefasst. Mit diesem Ansatz entfallen auf der Theorieebene alle Wertkonflikte sowie die Notwendigkeit einer Güterabwägung. Es sind vielmehr nur jeweils homogene Nutzenmengen (positive und negative) miteinander zu verrechnen. Bei der genaueren Bestimmung des Nutzens sind innerhalb des Utilitatismus’ zwei verschiedene Ansätze zu unterscheiden. Grundsätzlich ist zwar der Nutzen mit der Gewinnung von Lust gleichzusetzen. Für den klassischen Utilitarismus (Bentham) sind dabei alle Arten von Lust gleichwertig. Die Handlungsalternativen können daher nur anhand quantitativer Gesichtspunkte entschieden werden wie Dauer und Intensität der Lust. Für den Präferenzutilitarismus (Mill, Singer) ergeben sich dagegen auch qualtitative Unterschiede der Lust. Die Freuden, an denen höhere Tätigkeiten des Menschen beteiligt sind, verdienen den Vorzug vor anderen; denn „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedengestelltes Schwein; es ist besser ein unzufriedener Sokrates zu sein als ein zufriedener Narr“ (Mill).
Wertethik
Der Begriff der Wertethik ist ein Sammelbegriff für ethische Theorien, die das Gute als Wert begreifen. Maßgeblich für die Prägung des Begriffs „Wertethik“ war das Buch „Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik“ von Max Scheler. Er begründete damit die materiale Wertethik, die auf der phänomenologischen Methode Edmund Husserls aufbaut und von Nicolai Hartmann fortgeführt wurde. Daneben gibt es auch eine formale Richtung wertphilosophischer Ethik. Diese wurde von Wilhelm Windelband und Heinrich Rickert entwickelt. Die materiale Wertethik (Scheler) Scheler entwirft seine materiale Wertethik in betonter Abgrenzung von Kant. Er übernimmt zwar Kants apriorisches Vorgehen und seine Kritik an einer Güter- und Zweckethik. Scheler will jedoch an einer materialen Grundlegung der Ethik festhalten. Dies sei möglich durch den Aufweis apriorischer Wertbestimmtheiten, die nicht in intellektuellen, sondern in emotionalen Akten des Wertfühlens gegeben sind. Werte sind dabei für ihn von den konkreten Gütern in ähnlicher Weise unabhängig wie dies Farben von den Dingen sind. Als Methode zur Erkenntnis der Werte übernimmt Scheler die von Husserl entwickelte Phänomenologie. Das Ziel der materialen Wertethik besteht nach Scheler darin, zu einer „von aller positiven psychologischen und geschichtlichen Erfahrung unabhängigen Lehre von den sittlichen Werten“ zu gelangen. Die Werte gelten ihm als „streng apriorische Wesensideen“. Sie sind nicht auf dem Wege einer begrifflichen Rekonstruktion zu gewinnen, sondern müssen aus der „natürlichen Weltanschauung“ herausgelöst werden. Durch die Ausblendung oder Einklammerung (epoche) der besonderen Umstände soll die phänomenologische Schau auf das reine Wesen des untersuchten Gegenstands ermöglicht werden. Diese Schau soll dadurch gelingen, dass sie von den besonderen Bedingungen der historisch-kulturell geprägten Situation absieht, indem sie sich rein auf die „aus der Person, dem Ich und dem Weltzusammenhang herausgelöste Aktintention“ konzentriert. Die materiale Wertethik Schelers geht von einer Rangordnung der Werte aus. Diese könne „in einem besonderen Akte der Werterkenntnis“ erfasst werden. Ein Wert steht umso höher, je weniger er durch andere Werte „fundiert“ ist und je tiefer die durch seine Realisierung vermittelte Befriedigung erfahren wird. Jedem positiven Wert steht dabei ein negativer „Unwert“ gegenüber. Scheler entwickelt eine Hierarchie der Werte, die sich einem jeweils entspechenden „Fühlen“ erschließen:
- das Angenehme und das Unangenehme (sinnliches Fühlen)
- das Edle und das Gemeine (vitales Fühlen)
- das Schöne und das Häßliche; das Rechte und das Unrechte (geistiges Fühlen)
- das Heilige und das Unheilige (Gefühl der Liebe)

Deontologische Ansätze

Das griechische Wort „to deon“ bedeutet „das Schickliche, die Pflicht“. Deontologische Ethiken kann man daher mit Sollensethiken gleichsetzen. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass bei ihnen den Handlungsfolgen nicht dieselbe Bedeutung zukommt wie in teleologischen Ethiken. Innerhalb der deontologischen Ethiken wird häufig zwischen aktdeontologischen (z.B. Jean-Paul Sartre) und regeldeontologischen Konzeptionen (z.B. Immanuel Kant) unterschieden. Während die Regeldeontologie allgemeine Handlungstypen als verboten, erlaubt oder geboten ausweist (vgl. z.B. das Lügenverbot oder die Pflicht, Versprechen zu halten), bezieht sich den aktdeontologischen Theorien zufolge das deontologische Moralurteil unmittelbar auf spezifische Handlungsweisen in jeweils bestimmten Handlungssituationen.

Kant

Kant Die Ethik Kants wird allgemein als die erste entfaltete Konzeption einer deontologischen Ethik angesehen. Die von ihm vollzogene deontologische Wende ist in erster Linie durch sein Bemühen motiviert, die durch Humes Kritik am naturalistischen Fehlschluss entstandene Grundlagenkrise im Bereich der Moralphilosophie zu überwinden. Kant ist mit Hume der Auffassung, dass aus vor-moralischen Werturteilen kein Sollensanspruch abgeleitet werden könne und daher eine teleologische Moralbegründung nicht möglich sei. Formale Ethik Für Kant stammt der Anspruch des Sittlichen nicht aus der Erfahrung. Seine unbedingte Verbindlichkeit kann nur a priori, also erfahrungsfrei, und deshalb rein formal, nicht material bestimmt sein. Dieses unbedingt verbindliche Sittengesetz nennt Kant den kategorischen Imperativ. Kant kennt verschiedene Formulierungen des kategorischen Imperativs. Die „Grundformel“ lautet in ihrer ausführlichsten Formulierung: :„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“ (GMS, B 52) Der kategorische Imperativ ist für Kant das „Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft“. Er stellt die allgemeine Form eines sittlichen Gesetzes dar. In der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ formuliert Kant den kategorischen Imperativ in der sog. „Naturgesetzformel“: :„Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte“ (GMS, B 52) Ausgehend von dieser Formulierung zeigt Kant an verschiedenen Beispielen Verstöße gegen dieses Prinzip auf. Entscheidend ist dabei immer die Frage, ob die Maxime, die der entsprechenden Handlung zugrunde liegt, sich verallgemeinert denken läßt. Wenn jemand zugeben muss, dass ein objektiv allgemeingültiges Gesetz vorliegt, für sich aber eine Ausnahme davon machen will, liegt ein unmoralisches Handeln vor. Um also die Moralität einer Handlung zu prüfen, muss ein Naturgesetz (ein naturgesetzlich wirkender Trieb) widerspruchsfrei vorstellbar sein, das ein Lebewesen immer auf diese Weise vorgehen ließe. :Ein Verstoß gegen eine solche geforderte Verallgemeinerungsfähigkeit ist z.B. der Selbstmord. Wenn ich mir nämlich aus Selbstliebe im Fall des Lebensüberdrusses das Leben nehmen will, so müßte ich einen Naturtrieb denken können, der zum Zweck eines angenehmeren Lebens immer dann, wenn das Leben zu viele Übel befürchten läßt, zur Selbsttötung führt. Es wäre aber offensichtlich widersprüchlich, wenn der naturgegebene Antrieb zur Steigerung der Lebensqualität zur Zerstörung des Lebens führen würde. Ein wohlüberlegter Selbstmord aus Lebensüberdruss läßt sich also nur als eine ausnahmsweise Ad-hoc-Entscheidung, aber nicht als ein regelgeleitetes Handeln rekonstruieren und ist darum unmoralisch. Die Ethik Kants bleibt allerdings nicht rein formal, sie wird auch materiell. So wird in der sog. „Selbstzweckformel“ des kategorischen Imperativs der Mensch als Zweck an sich selbst in den Vordergrund gestellt: :„Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest“ (GMS, B 66f.) Autonome Ethik Kant vertritt eine autonome, nicht heteronome Ethik. Autonomie ist dabei im doppelten Sinne zu verstehen:
- als Unabhängigkeit sowohl von empirisch materialen Bedingungen oder Beweggründen des Handelns als auch von der Willkür äußerer Gesetzgebung, weil bloße Heteronomie die sittliche Verbindlichkeit nicht begründen kann, sondern voraussetzen muss
- als Selbstgesetzgebung der reinen praktischen Vernunft, die sich allein aus sich und durch sich selbst sittlich binden kann. Diese Autonomie bedeutet aber für Kant nichts weniger als gesetzlose Willkür und Beliebigkeit. Er will nur aufzeigen, dass nichts Empirisches, weder eigene Erfahrung noch äußere Gesetzgebung, die unbedingte Verbindlichkeit als solche konstituieren kann, wenn diese nicht als transzendentale Bedingung jedes konkreten, faktisch empirischen Sollens der reinen praktischen, sich selbst verpflichtenden Vernunft entspringt. Pflichtethik Die Ethik Kants steht unter dem Gedanken der Pflicht. Sie ist der höchste Moralbegriff, in dem sich die Unbedingtheit des Sittlichen ausspricht. Da jede Heteronomie ausgeschlossen ist, kann der Ursprung der Pflicht nur in der Würde des Menschen als Person liegen. Kant unterscheidet scharf zwischen Legalität und Moralität. Wahre Moralität wird erst erreicht, wenn das Gesetz allein um seiner selbst willen erfüllt wird, die Handlungen nur „aus Pflicht und aus Achtung fürs Gesetz, nicht aus Liebe und Zuneigung zu dem, was die Handlungen hervorbringen sollen, gesetzt“ werden (KpV, A 145). Postulate der praktischen Vernunft Kant unterscheidet zwischen dem Beweggrund (Motiv) und dem Gegenstand (Objekt) des sittlichen Handelns. Das einzig bestimmende Motiv einer nicht nur legalen, sondern wahrhaft moralischen Handlung kann nur das Gesetz als solches sein. Der Gegenstand ist dasjenige, was die sittliche Tat zwar nicht bestimmen kann, von ihr aber bewirkt wird, also nicht der Beweggrund, sondern die Wirkung sittlichen Handelns ist. Dieser Gegenstand ist für Kant - und damit steht er in der klassischen Tradition - das „höchste Gut“ (summum bonum). Dazu gehören notwendig zwei Elemente: „Heiligkeit“ – von Kant verstanden als sittliche Vollkommenheit - und Glückseligkeit. Davon ausgehend erschließt Kant die Postulate Freiheit, Unsterblichkeit und Gott.
- Freiheit Das Gesetz wendet sich an den Willen, setzt also die Fähigkeit freier Selbstbestimmung zu sittlichem Handeln, d. h. Freiheit des Willens, voraus. Die Freiheit ist für Kant nicht unmittelbar gegeben, erst recht nicht psychologisch, durch innere Wahrnehmung, erfahrbar: dann wäre sie ein empirischer, d. h. sinnlich erscheinender Inhalt. Unmittelbar als „Faktum der reinen praktischen Vernunft“ gegeben ist allein das sittliche Gesetz. Bedingung der Möglichkeit seiner Verwirklichung ist die Freiheit des Willens. Sie wird von Kant streng transzendental gedacht: als Bedingung der Möglichkeit sittlichen Handelns. Als solche steht sie in notwendigem Zusammenhang mit dem Gesetz, kann daher als Postulat der reinen Vernunft aufgewiesen werden.
- Unsterblichkeit Das Sittengesetz gebietet die Verwirklichung der „Heiligkeit“. Dazu ist aber „kein vernünftiges Wesen der Sinnenwelt in keinem Zeitpunkte seines Daseins fähig“. Sie kann daher nur in einem „unendlichen Progressus“ erreicht werden, der „nur unter Voraussetzung einer ins Unendliche fortdauernden Existenz und Persönlichkeit desselben vernünftigen Wesens (welche man die Unsterblichkeit der Seele nennt) möglich“ ist (KpV, A220). Als Postulat der praktischen Vernunft ergibt sich die Unsterblichkeit der Seele, welche Kant als unendlichen Prozess approximativer Verwirklichung sittlicher Vollkommenheit versteht.
- Gott Das sittliche Handeln verlangt, nicht als Motiv, nur als Wirkung, die Erreichung der Glückseligkeit. Damit nimmt Kant den seit der griechischen Antike durchgehenden Grundgedanken der „eudaimonia“ als Ziel sittlichen Handelns auf, nur mit dem Unterschied, dass sie nach Kant niemals Motiv, sondern immer nur zu bewirkender Gegenstand moralischen Tuns sein darf. „Glückseligkeit“ bedeutet für Kant die Übereinstimmung zwischen dem Naturgeschehen und unserem sittlichen Wollen. Diese können wir selbst nicht bewirken, weil wir nicht die Urheber der Welt und des Naturgeschehens sind. Daher ist eine höchste Ursache erfordert, die uns und der Natur überlegen, selbst von sittlichem Wollen bestimmt ist und die Macht hat, die Übereinstimmung des Naturgeschehens mit dem sittlichen Wollen zu bewirken. Glückseligkeit setzt daher als Postulat der praktischen Vernunft die Existenz Gottes voraus. Gott ist der letzte Grund der unbedingt gültigen Sinnhaftigkeit alles sittlichen Strebens und Handelns.

Diskursethik

Die Diskursethik ist der derzeit wohl prominenteste Vertreter einer Sprachethik. Sie steht hinsichtlich ihrer transzendentalen Methodik in der Tradition Kants, erweitert aber dessen Ansatz um die Erkenntnisse der Sprachphilosophie – v.a. der Sprechakttheorie. Der Diskurs, als der Austausch von Argumenten in einer Sprachgemeinschaft, steht dabei in zweifacher Hinsicht im Vordergrund. Er wird zum einen als Mittel zur Begründung einer allgemeinen Ethik angesehen. Die Diskursethik will aufweisen, dass jede Person, die an einem Diskurs teilnimmt und dort beispielsweise Behauptungen aufstellt, bestreitet oder in Frage stellt, bestimmte Moralprinzipien implizit immer schon als verbindlich anerkannt hat. Zum anderen wird der Diskurs als Mittel angesehen, um konkrete ethische Streitfälle schlichten zu können. Eine konkrete Handlungsweise sei moralisch dann richtig, wenn ihr alle - insbesondere die von dieser Handlungsweise Betroffenen - als Teilnehmer eines zwanglos geführten argumentativen Diskurses zustimmen könnten. Innerhalb der Diskursethik unterscheidet man eine transzendentalpragmatische Variante, die eine Letztbegründung ihrer Prinzipien anstrebt (Karl-Otto Apel, Wolfgang Kuhlmann) und eine universalpragmatische Variante (Jürgen Habermas), die eine grundsätzliche Fallibiliät ihrer Theorie einräumt. Der transzendentalpragmatische Ansatz Das Apriori der Argumentation (Letztbegründung) Das zentrale Anliegen der transzendentalpragmatischen Ethikbegründung, deren vorrangiger Vertreter Karl-Otto Apel ist, ist die Letztbegründung ihrer zugrunde gelegten ethischen Prinzipien. Zu diesem Zweck strebt Apel eine „Transformation der Kantischen Position“ in Richtung einer „transzendentalen Theorie der Intersubjektivität“ an. Von dieser Transformation erhofft er sich eine einheitliche philosophische Theorie, die eine Überbrückung des Gegensatzes von theoretischer und praktischer Philosophie leisten kann. Nach Apels Ansicht setzt jeder, der argumentiert, immer schon voraus, dass er im Diskurs zu wahren Ergebnissen gelangen kann, dass also Wahrheit grundsätzlich möglich ist. Eine ebensolche Wahrheitsfähigkeit setzt der Argumentierende von seinem Gesprächspartner voraus, mit dem er in den Diskurs eintritt. Dies bedeutet in der Sprache Apels, dass die Argumentationssituation für jeden Argumentierenden unhintergehbar ist. Jeder Versuch ihr zu entfliehen ist letztlich inkonsistent. Apel spricht in diesem Zusammenhang von einem „Apriori der Argumentation“: :„Wer nämlich überhaupt an der philosophischen Argumentation teilnimmt, der hat die soeben angedeuteten Voraussetzungen bereits implizit als Apriori der Argumentation anerkannt, und er kann sie nicht bestreiten, ohne sich zugleich selbst die argumentative Kompetenz streitig zu machen“ (Transformation der Philosophie, Bd. 1, 62) Selbst derjenige, der die Argumentation abbricht, will nach Ansicht Apels damit etwas zum Ausdruck bringen: :„Auch wer im Namen des existenziellen Zweifels, der durch Selbstmord sich verifizieren kann … das Apriori der Verständigungsgemeinschaft zur Illusion erklärt, bestätigt es zugleich dadurch, daß er noch argumentiert“ (a.a.O.). Jemand, der auf eine argumentative Rechtfertigung seiner Handlung verzichten will, zerstört sich letztlich selbst. In theologischen Begriffen gesprochen könnte man daher sagen, dass selbst „der Teufel nur durch den Akt der Selbstzerstörung von Gott unabhängig gemacht werden kann“ (a.a.O., Bd.2, 414). Reale und ideale Kommunikationsgemeinschaft Nach Ansicht Apels wird mit der Unhintergehbarkeit der rationalen Argumentation auch eine Gemeinschaft der Argumentierenden anerkannt. Die Rechtfertigung einer Aussage sei nämlich nicht möglich, „ohne im Prinzip eine Gemeinschaft von Denkern vorauszusetzen, die zur Verständigung und Konsensbildung befähigt sind. Selbst der faktisch einsame Denker kann seine Argumente nur insofern explizieren und überprüfen, als er im kritischen ‚Gespräch der Seele mit sich selbst’ (Platon) den Dialog einer potentiellen Argumentationsgemeinschaft zu internalisieren vermag" (a.a.O., 399). Das setze aber die Befolgung der moralischen Norm voraus, dass alle Mitglieder der Argumentationsgemeinschaft sich als gleichberechtigte Diskussionspartner anerkennen. Diese notwendig vorauszusetzende Argumentationsgemeinschaft kommt nun bei Apel in zwei Gestalten ins Spiel:
- als reale Kommunikationsgemeinschaft, deren Mitglied man „selbst durch einen Sozialisationsprozess geworden ist“ (a.a.O., 429)
- als ideale Kommunikationsgemeinschaft, „die prinzipiell imstande sein würde, den Sinn seiner Argumente adäquat zu verstehen und ihre Wahrheit definitiv zu beurteilen“ (a.a.O.). Aus der notwendig vorausgesetzten Kommunikationsgemeinschaft in ihren beiden Varianten leitet Apel zwei regulative Prinzipien der Ethik ab: :„Erstens muss es in allem Tun und Lassen darum gehen, das Überleben der menschlichen Gattung als der realen Kommunikationsgemeinschaft sicherzustellen, zweitens darum, in der realen die ideale Kommunikationsgemeinschaft zu verwirklichen. Das erste Ziel ist die notwendige Bedingung des zweiten Ziels; und das zweite Ziel gibt dem ersten seinen Sinn, - den Sinn, der mit jedem Argument schon antizipiert ist" (a.a.O., 431). Nach Apel sind also sowohl die ideale als auch die reale Kommunikationsgemeinschaft a priori zu fordern. Für Apel stehen die ideale und reale Kommunikationsgemeinschaft in einem dialektischen Zusammenhang. Die Möglichkeit, ihren Widerspruch zu überwinden, ist a priori vorauszusetzen. Die ideale Kommunikationsgemeinschaft ist als das Ziel, auf das es hinzuarbeiten gelte, in der realen Kommunikationsgemeinschaft schon als deren Möglichkeit präsent.

Vertragstheorien

Als Vertragstheorien bezeichnet man Konzeptionen, die die moralischen Prinzipien menschlichen Handelns und die Legitimationsbedingungen politischer Herrschaft in einem hypothetischen, zwischen freien und gleichen Individuen geschlossenen, Vertrag sehen. Die allgemeine Zustimmungsfähigkeit wird damit zu einem fundamentalen normativen Gültigkeitskriterium erklärt. Den Hintergrund der Vertragstheorien bildet die seit der Neuzeit verbreitetete Überzeugung, dass moralisches Handeln nicht mehr durch Rekurs auf den Willen Gottes oder eine objektive natürliche Wertordnung gerechtfertigt werden kann. Gesellschaft wird nicht mehr wie in der aristotelischen Tradition als Folge der sozialen Natur des Menschen („zoon politikon“) verstanden. Das einzige ethische Subjekt ist in dieser Konzeption das autonome, allein auf sich gestellte Individuum, das in keinerlei vorgegebenen Natur- oder Schöpfungsordnungen mehr steht. Gesellschaftliche und politische Institutionen lassen sich demnach nur dann noch rechtfertigen, wenn sie den Interessen, Rechten und Glücksvorstellungen der Individuen dienen. Thomas Hobbes: Naturzustand und Legitimation von Herrschaft zoon politikon Vertragsmotive finden sich zwar bereits im Denken der Sophisten und im Epikureismus; erst in der Neuzeit wurde jedoch der Vertrag in den Rang eines theoretischen Legitimationskonzepts erhoben. Als Begründer der Vertragstheorie gilt Thomas Hobbes. Die von ihm entwickelten Konzepte prägten das gesamte sozialphilosophische Denken der Neuzeit. Sie stellen die ethische Grundlage des Liberalismus dar. Hobbes Ausgangspunkt ist der Gedanke eines unerträglichen Naturzustandes. Der Naturzustand ist ein Zustand, in dem alle staatlichen Ordnungs- und Sicherheitsleistungen fehlen und jeder seine Interessen mit allen ihm geeignet erscheinenden und verfügbaren Mitteln verfolgen würde. Dieser vorstaatlich-anarchische Zustand sei für die Individuen aufgrund seiner Konfliktträchtigkeit unerträglich. Die Ursache der Konflikte stellen die endlosen Begierden der Menschen und die Knappheit der Güter dar. Dies führe zu einer Situation, in der jeder zum Konkurrent des anderen werde und eine tödliche Gefahr darstelle („Homo homini lupus“), die in der Konsequenz zu einem Krieg aller gegen alle führe („Bellum omnium contra omnes“). Dieser Zustand, in der es kein Recht, kein Gesetz und kein Eigentum gebe, sei letztlich für jedermann unerträglich. Es liege also im fundamentalen Interesse eines jeden, diesen gesetzlosen vorstaatlichen Zustand zu verlassen, die absolute Ungebundenheit aufzugeben und eine mit politischer Macht ausgestattete Ordnung zu etablieren, die ein friedliches Miteinander garantiert. Die zur Einrichtung des staatlichen Zustandes notwendige individuelle Freiheitseinschränkung ist allerdings nur möglich auf der Basis eines Vertrags, in dem die Naturzustandsbewohner sich wechselseitig zur Aufgabe der natürlichen Freiheit und zu politischem Gehorsam verpflichten und zugleich für die Einrichtung einer mit Gewaltmonopol ausgestatteten Vertragsgarantiemacht sorgen. Der Vertrag ist nicht kündbar, außer mit Billigung des Souveräns. Dieser verfügt über eine unumschränkte Staatsgewalt (Hobbes bezeichnet nennt ihn daher auch als „Leviathan“), da er nur so in der Lage sei, Frieden, Ordnung und Rechtssicherheit zu gewährleisten.

Rawls

(...)

Literatur

Einführungen, Hilfsmittel


- Arno Anzenbacher: Einführung in die Ethik. 3. Aufl. Patmos, Düsseldorf 2003, ISBN 3-491-69028-5 (sehr lesbar)
- Dieter Birnbacher: Analytische Einführung in die Ethik. De Gruyter, Berlin u.a. 2003, ISBN 3-11-017625-4
- Dieter Birnbacher, Norbert Hoerster (Hrsg.): Texte zur Ethik. 12. Aufl. dtv, München 2003, ISBN 3-423-30096-5
- Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner (Hrsg.): Handbuch Ethik. Metzler, Stuttgart u.a. 2002, ISBN 3-476-01749-4
- Rudolf Ginters: Typen ethischer Argumentation. Zur Begründung sittlicher Normen. Patmos, Düsseldorf 1976, ISBN 3-491-77661-9
- Michael Hauskeller: Geschichte der Ethik. 2 Bde. dtv, München 1997ff., ISBN 3-423-30727-7
- Otfried Höffe (Hrsg.): Lexikon der Ethik. 6. Aufl. Beck: München 2002, ISBN 3-406-47586-8
- Franz von Kutschera: Grundlagen der Ethik. 2. Aufl. Gruyter: Berlin 1999, ISBN 311016289X
- Annemarie Pieper: Einführung in die Ethik. 5. Aufl. Francke, Tübingen u.a. 2003, ISBN 3-8252-1637-3, ISBN 3-7720-1698-7
- Michael Quante: Einführung in die allgemeine Ethik, Darmstadt 2003 ISBN 3534154649
- Friedo Ricken: Allgemeine Ethik. 4. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart 2003, ISBN 3-17-017948-9
- Jan Rohls: Geschichte der Ethik. 2. Aufl. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 3-16-146706-X

Wichtige klassische Werke


- Aristoteles: Nikomachische Ethik; Politik
- Epikur: Briefe, Sprüche, Werkfragmente
- Seneca: Philosophische Schriften
- Augustinus: Der freie Wille
- Thomas von Aquin: Summa theologica
- Thomas Hobbes: Leviathan
- John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung; Brief über Toleranz
- Benedictus de Spinoza: Ethik in der geometrischen Ordnung dargestellt
- David Hume: Ein Traktat über die menschliche Natur. Bd. 2: Über die Affekte - Über die Moral; Untersuchungen über die Prinzipien der Moral
- Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle
- Rene Descartes: Über die Leidenschaften der Seele
- Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Kritik der praktischen Vernunft
- Jeremy Bentham: Prinzipien der Gesetzgebung
- Georg W. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts
- Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Mit den Augustenburger Briefen. Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-018062-7
- Arthur Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik. - II. Preisschrift über die Grundlage der Moral
- Friedrich Nietzsche: Jenseits von gut und böse; Zur Genealogie der Moral.
- John Stuart Mill: Über die Freiheit; Der Utilitarismus
- Henry Sidgwick: The Methods of Ethics
- George Edward Moore: Principia Ethica
- Max Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. 4. Auflage, Bern 1954
- Ludwig Wittgenstein: Vortrag über Ethik. Suhrkamp TB Wissenschaft ISBN 3518283707
- Nicolai Hartmann: Ethik
- Charles L. Stevenson: Ethics and Language

Neuere Abhandlungen


- Karl-Otto Apel: Diskurs und Verantwortung; Transformation der Philosophie
- Jürgen Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt a.M. 1983, ISBN 3-518-28022-8
- Norbert Hoerster: Ethik und Interesse. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018278-6
- Vittorio Hösle: Moral und Politik. Grundlagen einer Politischen Ethik für das 21. Jahrhundert. Beck, München 1997, ISBN 3-406-42797-9
- Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Nachdr. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003, ISBN 3-518-37585-7
- Niklas Luhmann: Ethik als Reflexionstheorie der Moral., in: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3, 3. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003, ISBN 3-518-28693-5
- John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit
- George Marcus Singer: Verallgemeinerung in der Ethik. Zur Logik moralischen Argumentierens. Frankfurt a.M. 1984, ISBN 3518074814
- Ernst Tugendhat: Vorlesungen über Ethik., Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-06746-X
- Bernard Williams: Ethik und die Grenzen der Philosophie, Rotbuch-Verlag, Hamburg 1999 (orig. 1985), ISBN 3-434-53036-3

Siehe auch


- Buddhistische Ethik, Nationaler Ethikrat

Weblinks


- [http://www.zum.de/wiki/index.php/Ethik Ethik im ZUM-Wiki - Informationen für Ethik-LehrerInnen]
- [http://www.ethiknet.de/index.html EthikNet des Instituts Technik - Theologie - Naturwissenschaften der Universität München]
- [http://www.treffpunkt-ethik.de/ „Treffpunkt Ethik“ - Materialien und Aktionen zu vielen ethischen Themen, mit Diskussionsforum]
- [http://buecherei.philo.at/ethik.htm Ethik in der „Philosophischen Bücherei“ (inklusive guter Linksammlung)]
- [http://www.ruhr-uni-bochum.de/e-th-eth/zee_bibliographie Neuerscheinungen aus dem Bereich der Ethik, zusammengestellt für die Zeitschrift für Evangelische Ethik]
- [http://www.wertekommission.de Wertekommission - Verein von Fach- und Führungskräften zwischen 25 und 45 Jahren, der zum Thema Werte in der Wirtschaft arbeitet] ! Kategorie:Theologie ja:倫理 simple:Ethics

Entscheidung

Eine Entscheidung beschreibt den Wahlakt aus einer Menge von mindestens zwei Handlungsalternativen, wobei die Option, nicht zu wählen (Unterlassungsalternative), ebenfalls eine Handlungsalternative darstellt. Keine Entscheidung liegt vor, wenn die Konsequenzen der Handlungsalternativen gleich sind und/oder die Handlungsalternativen nicht realisierbar sind.

Begriff

Das Wort soll von ent-scheiden, also z.B. das Schwert aus dessen Scheide ziehen stammen, da man sich dann eben zwischen kämpfen bzw. nicht kämpfen entschieden hat. Von "Vorentscheidung" wird vorwiegend im Zusammenhang empirisch feststellbarer Tatbestände gesprochen (d.h. eher im Kontext psychologischer Erkenntnis), während "Grundentscheidung" (Fundamentaloption) die durch spekulative Reflexion erschlossene Metaebene der menschlichen Freiheit und ihrer grundlegenden sittlichen Aktualisierung betrifft.

Allgemeines

Jedem bewussten Handeln des Menschen geht eine Entscheidung voraus. Dabei wird aus erkannten, real gegebenen Möglichkeiten eine Variante ausgewählt und somit die Verhaltensweise in einer mehrere Entwicklungsmöglichkeiten beinhaltende Situation festgelegt. Dies findet in einem Entschluss, Plan, einer Verordnung, Weisung u.a. seinen Ausdruck. Die durch die Entscheidung ausgelösten Handlungen sollen die gegebene Situation verändern. Das gesetzte Ziel ist bei minimalem Aufwand an Zeit, Kräften und Mitteln mit bestmöglichen Ergebnissen zu erreichen. Dieses optimierende Bestreben resultiert aus der Voraussetzung, daß eine hinreichende Motivation für das Erreichen des Ziels vorliegt. Der Inhalt des Begriffs der Entscheidung wird abstrakt-mathematisch in der Spieltheorie erfasst; jeder Zug eines Spielers oder die Wahl einer bestimmten Strategie für die Führung des Spieles stellen Entscheidungen dar. Mit dem Prozess der Entscheidung wird die Bedeutung des Handelns der Menschen im Gegensatz zum bloßen Wissen betont. Untersuchungen zur Entscheidung stammen zunächst von Psychologen bei der Analyse von Willenshandlungen der Persönlichkeit. Als spezifische Entscheidungsakte kann man Schätzung, Bewertung und Messung bezeichnen. Die Entscheidung ist Ausdruck des bewußten Handelns der Menschen, von Interessen und Motivationen abhängig und wird von Emotionen im Entscheidungsprozess begleitet. Im Entscheidungsprozess wirken objektive und subjektive Faktoren. Die objektive Grundlage der Notwendigkeit, einer Entscheidung zu treffen, liegt in der gesetzmäßigen Herausbildung verschiedener Möglichkeiten in der objektiven Realität. Diese müssen erkannt und gegeneinander abgewogen werden; ausgewählt wird entsprechend der konkreten Situation und dem Ziel und dem Nutzen der Handlung. Subjektive Faktoren liegen im Wissen und Können sowie den Charaktereigenschaften der Persönlichkeit. Nach Untersuchungen dominieren bei Entscheidungen oft subjektive Faktoren. Entscheidungen erfordern daher sowohl Verantwortungsbewusstsein, fachliches Wissen und Können als auch moderne Leitungsmethoden, Anwendung der Systemtheorie und Mathematik sowie hinreichende Rechentechnik. Vor allem die programmorientierte Entscheidungsfindung ist zum erkenntnistheoretisch-philosophischen Problemfeld geworden.

Entscheidung und Information

Der Unterschied zwischen einer Entscheidung und einer Berechnung liegt darin, dass für eine Entscheidung nicht alle Fakten, die zu einer Berechnung erforderlich wären, erhoben werden können. Entweder weil die Erhebung unwirtschaftlich wäre oder weil die Faktoren, die einfließen, so verschieden sind, dass sie sich nicht vergleichen lassen. Verkürzt kann man sagen: Eine Entscheidung beruht immer auf Unsicherheit. Daher sind Entscheidungen oft umstritten, da jeder die verbleibende Unsicherheit mit anderen Annahmen belegt. Die wichtigste Regel zum Fällen von Entscheidungen ist, dass die Entscheidung um so leichter fällt, je kleiner die Unsicherheit ist - jede Entscheidung fällt leichter, wenn mehr Informationen zum Entscheidungsbedarf vorliegen.

Entscheidungstheorie

Für die theoretische Durchdringung des Entscheidungsprozesses gewinnt die Entscheidungstheorie an Bedeutung. Sie wird definiert als ein System von allgemeinen Regeln, Gesetzen und Erfahrungen, das dazu dient, eine Entscheidung vorzubereiten, zu treffen und zu realisieren. Ziel der Entscheidungstheorie ist es, im Entscheidungsprozess ein optimales Entscheidungsverhalten zu gewährleisten. Für Entscheidungsvorbereitung und Entscheidungsfindung haben operationale Modelle und Methoden Bedeutung. In der Entscheidungstheorie werden Methoden wie z.B. die einfache Nutzwertanalyse (NWA) oder der präzisere Analytic Hierarchy Process (AHP) angewandt, bei dem Kriterien im Sinne von Gesichtspunkten und Alternativen im Sinne von Lösungsvorschlägen dargestellt, verglichen und bewertet werden, um die optimale Lösung zu einer Entscheidung oder Problemstellung zu finden.

Entscheidungsprozess

Der Entscheidungsprozess wird charakterisiert als Gesamtheit der notwendigen Schritte von der Erkenntnis der Problemsituation bis zur Entscheidungsfindung. Folgende Stufen sind dabei zu unterscheiden: #Erkenntnis der Problemsituation und Vorentscheidung über das(die) Ziel(e) der Handlung #Analyse der Problemsituation in Form eines Vergleichs der sich bietenden Möglichkeiten um das(die) Ziel(Ziele) zu erreichen #Erkenntnis und Fixierung der wichtigen Faktoren als Aufgabenstellung unter Berücksichtigung von möglichen Störungen und Risikofaktoren, wobei auch mögliche Versagenssituationen durchgespielt werden können, um das Ziel selbst unter erschwerten Bedingungen zu erreichen #Verteilung der Aufgaben entsprechend zu beschreitender Wege, anzuwendender Mittel und Methoden #Erarbeiten von Teilanalysen im Vergleich zwischen Ausgangssituationen und gegenwärtiger Situation zur Festlegung von Kriterien für die optimale Entscheidung unter Hervorhebung des Nutzeffekts #Vorentscheidung über Prämissen zur Lösung der Problemsituation und Auswahl sowie Ausarbeitung günstiger Varianten nach festgelegten Optimalkriterien #Bewertung der Varianten zur Ermittlung der optimalen Entscheidung sowie Realisierung der Entscheidung.

Klassifikation

Entscheidungen können eingeteilt werden:
- nach der Bedeutung in strategische oder Führungsentscheidungen und taktische Entscheidungen
- nach dem Gegenstand in Ziel-, Mittel-, Maßnahmeentscheidungen
- nach dem Grad der Schwierigkeit der Entscheidungsfindung in Routine-, programmierbare, nicht programmierbare und schöpferische Entscheidungen
- nach dem Entscheidungssubjekt in Einzel- und Gruppenentscheidungen
- nach dem Zeitraum ihrer Realisierung in operative, planende, perspektivische und prognostische Entscheidungen, wobei diese in kurz-, mittel- und/oder langfristige Zeitintervalle fallen.
- nach der Groesse der Chance, mit einer gefaellten Entscheidung leben zu koennen
- nach der Frage, ob eine Entscheidung endgueltig ist oder nicht

Programmierbare und nicht-programmierbare Entscheidungen

Programmierbare Entscheidungen treten in Routinefällen auf, in denen aufgrund von Erfahrungen bereits Lösungen gegeben und neue Erkenntnisse minimal sind. Es liegt ein bekannter und definierter operativer Prozess vor, der klar strukturiert ist und nur noch wenig Beurteilung erfordert. Im Gegensatz dazu stellen nicht-programmierbare Entscheidungen eine große Herausforderung dar, weil sie in einer neuartigen, sich nicht wiederholenden Situation getroffen werden müssen. Manager sind dazu aufgefordert, Lösungsalternativen für eine einzigartige Situation zu entwickeln und die beste auszuwählen. Kreatives Denken fördert die Qualität dieser operativen oder strategischen Entscheidungen und sollte nicht vernachlässigt werden.

Individuelle oder Gruppenentscheidungen

Aufgrund der zunehmenden Dezentralisierung von Organisationen, werden Individuen darin bestärkt, Entscheidungen in bestimmten Situationen selbst zu treffen und für die Konsequenzen alleine Verantwortung zu tragen. Entscheidungen von Gruppen werden hingegen von mehreren Personen in der Organisation gemeinsam gefällt. Der Vorteil dieses Entscheidungsstils besteht darin, dass die Beteiligten im Entscheidungsprozess eingebunden sind und zum Erfolg der Entscheidungsfindung beitragen können, indem sie Fachwissen und neue Ideen austauschen. Dabei erhöhen Verbundenheit und Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern die Fähigkeit, Lösungsalternativen zu ermitteln und Probleme effektiv zu lösen. Ist die Situation jedoch nicht förderlich und die Personen nicht motiviert, so werden sich die Gruppenmitglieder für die getroffene Entscheidung weniger verantwortlich fühlen und sich den Konsequenzen entziehen wollen. Ob die individuelle oder Gruppenentscheidung gewählt werden soll, hängt deshalb auch von der Situation und der Moral der Personen ab.

Zitat

Wenn es für die Alternativen gleich gute Argumente gibt, kann man den Zufall entscheiden lassen. - Werner Winkler (Probleme schnell und einfach lösen, ISBN 3636070010, S. 137)

Siehe auch


- Option
- Rationalität
- Entscheidungstheorie
- Entscheidungsstil
- Dezisionismus

Literatur


- Domschke, W, Scholl A: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre - Eine Einführung aus entscheidungsorientierter Sicht, Springer Verlag 2003. ISBN 3-5404-3993-5
- Dinkelbach, W, Kleine A.: Elemente einer betriebswirtschaftlichen Entscheidungslehre, Springer Verlag 1996. ISBN 3-5406-1569-5
- Werner, L.: Entscheidungsunterstützungssysteme, Physica-Verlag Heidelberg 1992. ISBN 3-7908-0637-4
- Mag, W.: Entscheidung und Information, Verlag Franz Vahlen München 1988. ISBN 3-8006-0617-8
- Simon, H.A.: Models of Man Taylor & Francis 1987. ISBN 0-8240-8217-6 Kategorie:Betriebswirtschaftslehre Kategorie:Entscheidungstheorie Kategorie:Kybernetik

Dialektischer Materialismus

Der Begriff Dialektischer Materialismus wurde im Rahmen der Systematisierung des Marxismus vor allem von Lenin und Stalin als Einheit mit dem Historischen Materialismus gebildet und entwickelt die Geschichtstheorie von Karl Marx und Friedrich Engels als Lehre in der Sowjetideologie. Abkürzend wird er auch als Diamat bezeichnet. Die für die Praxis gravierendste Formulierung stammt von Josef Stalin: "Über Dialektischen und Historischen Materialismus (Stalin)".

Grundlagen

Der dialektische Materialismus basiert grundlegend auf der von Marx' geistigem Lehrer, dem deutschen Philosophen Hegel entwickelten Dialektik. Diese geht davon aus, dass die Realität aus Widersprüchen besteht, welche zwangsläufig ihre eigene Veränderung sowie die Zukunft erzeugen und bestimmen. Nach dieser Theorie gerät der Geist mit sich selbst in Widerspruch und generiert so das Werden der objektiven Wirklichkeit. Marx dreht die Hegel'sche Dialektik um (stellt sie "vom Kopf auf die Füße") und postuliert, dass sich die Welt, die objektive Wirklichkeit, aus ihrer materiellen Existenz und deren Entwicklung erklären lässt (Materialismus) und nicht als Verwirklichung einer göttlichen "absoluten Idee" (Idealismus) oder des menschlichen Denkens. Das heißt, objektive Realität existiert also außerhalb und unabhängig des menschlichen Bewusstseins. Daher stammt Marx' berühmter Satz: "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein" (im Gegensatz zu Hegel'schem Denken, demzufolge das Bewusstsein das Sein bestimmen würde). Dieser Satz ist eine Grundlage des marx'schen Denkens. Vier Grundregeln liegen der Theorie des dialektischen Materialismus zugrunde:
- das Universum muss als Ganzes angesehen werden;
- dieses Ganze besteht aus untereinander in Beziehung stehenden, gegenseitig abhängigen und sich in ständiger Bewegung befindenden Materien (objektiver Zusammenhang);
- diese Bewegung ist aufsteigend, vom Einfachen zum Komplexen fortschreitend und durchläuft dabei bestimmte Ebenen; jeder Ebene entsprechen bestimmte qualitative Veränderungen;
- die jeweilige Entwicklung einer bestimmten Ebene resultiert nicht aus einem harmonischen Fortschreiten, sondern entsteht durch den Konflikt und die Aktualisierung der jeweiligen, den entsprechenden Phänomenen innewohnenden Gegensätzlichkeiten ("Grundwidersprüche"). Die materialistische Dialektik - von Marx "meine dialektische Methode" genannt - wurde anfangs durch die Neu-Interpretation der Geschichte entwickelt, später von Marx durch die Beschreibung der Produktion des Kapitals und durch Friedrich Engels in einer "Dialektik der Natur". Engels stellte gegenüber späteren Theoretikern fest, dass nach Marx und seiner Auffassung Materielles ideelle Prozesse freilich "nur in letzter Instanz" festlege und beeinflusse.

Aufbau der Gesellschaft

Nach Marx ist der Mensch ein "Opfer" seiner Bedürfnisse, und die Gesellschaft befindet sich in einem permanenten Kampf gegen die Natur, mit dem Ziel, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Dieser Kampf gegen die Natur ist nur mithilfe einer bestimmten materiellen und wirtschaftlichen Basis möglich: die so genannte Infrastruktur oder Unterbau. Der so genannte Unterbau besteht aus zwei, sich ebenfalls widersprüchlich gegenüberstehenden Elementen: a) Die Produktivkräfte, d. h. alle am Produktionsprozess beteiligten Kräfte. Darunter versteht Marx die Arbeitskräfte einerseits und die Produktionsmittel (natürliche Ressourcen, zur Verfügung stehende Technologie, etc.) andererseits. Die Produktionskräfte verändern sich im Laufe der Zeit - einer bestimmten Entwicklung der Produktionskräfte entspricht eine bestimmte Art der Produktionsverhältnisse.
b) Die Produktionsverhältnisse, d. h. die gesellschaftliche Arbeitsteilung einerseits und die Besitzverteilung andererseits. Dieser von den materiellen Verhältnissen bestimmte "Unterbau" bestimmt seinerseits den so genannten "Überbau", d. h. das gesellschaftliche Bewusstsein der zu einem bestimmten Zeitpunkt dominierenden Klassen. Zum Überbau gehören u. a. das politische System, das Bildungswesen, die Sprache, das Rechtssystem, die Religion (Theologie), die Wissenschaften, die Künste, etc. Stalin veränderte diese Theorie dahin gehend, dass er für ein bestimmtes Entwicklungsstadium der Gesellschaft genaue Erkenntnisse über den Unterbau angeben konnte. Außerdem brachte er die Naturwissenschaften, die Kunst und auch die Linguistik, die bisher von metaphysischen Überlegungen gesteuert waren, in Einklang mit der Theorie des dialektischen Materialismus. siehe auch: Historischer Materialismus; Wissenschaftlicher Sozialismus

Weblinks


- http://club-dialektik.de/texte/materialismus_bei_marx.html
- http://kulturkritik.net/begriffe/di.html#dialektischermaterialismus Dialektische Materialismus im Kulturkritischen Lexikon Kategorie:Marxismus-Leninismus ja:唯物弁証法 ko:DIAMAT

Karl Marx

Karl Heinrich Marx (
- 5. Mai 1818 in Trier; † 14. März 1883 in London) war Philosoph, politischer Journalist und Kritiker der bürgerlichen Ökonomie. Ökonomie

Überblick

Ökonomie Ökonomie Marx gilt als bedeutendster Vordenker der frühen Arbeiterbewegung zusammen mit Friedrich Engels, der wichtige Anregungen zur Kritik der politischen Ökonomie gab und nach Marx' Tod dessen letzte Arbeiten veröffentlichte. In seinem Hauptwerk Das Kapital, einer empirisch mathematischen Wirtschaftstheorie, analysiert Marx die allgemeinen Grundgesetze der modernen kapitalistischen Produktionsweise, der Warenzirkulation und der Geldzirkulation. In seiner Analyse zeigt er weiter die grundlegenden Abhängigkeiten und Machtverhältnisse der Gesellschaftsmitglieder in einer kapitalistischen Gesellschaft auf. Das Kapital kann von zwei Standpunkten aus betrachtet werden. Erstens, vom Standpunkt des Kapitaleigners, der die dargestellten Gesetzmäßigkeiten und Verhältnisse zum Aufbau und zur Verbesserung seiner Wirtschaft und Produktion nutzt. Zweitens, vom Standpunkt des Angestellten, der damit die Verhältnisse versteht und sich gegen eine Unterdrückung wehren kann. Beide Standpunkte sind in ihren Grundlagen hier erstmals dargestellt und heute noch aktuell. Unsere heutige kapitalistische Gesellschaft fußt auf den in diesem Werk dargestellten Grundlagen. Mit dem Kapital wurde Marx zum historischen Begründer des Wissenschaftlichen Sozialismus, eine (von Engels in Absetzung zu sozialistischen Weltverbesserungs-Utopien gewählte) Bezeichnung, die weitgehend synonym mit Kommunismus und auch Marxismus wurde. Eine seiner zentralen Thesen in Bezug auf den Kapitalismus war, dass die Interessen von Kapitalisten und Lohnarbeitern in unvereinbarem Gegensatz stehen und der Kapitalismus sich nur entwickelt und floriert, indem er "... zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter" (Das Kapital Bd. I, S. 530). Diese Inhalte werden aber von späteren marxistischen Strömungen durchaus gegensätzlich interpretiert: Das reicht von der demokratisch-sozialreformerischen Politik der Sozialdemokratie über libertäre Konzepte bis zu denen des "Realen Sozialismus" der ehemaligen Sowjetunion oder der Volksrepublik China uwm. (vergleiche auch Artikel Kommunistische Partei). Zu Marx´ bekanntesten Werken neben dem Kapital zählt das zusammen mit Friedrich Engels verfaßte Kommunistische Manifest, publiziert im europäischen Revolutionsjahr 1848. Heute ist auch die Schrift "Die Deutsche Ideologie" beider Autoren von Bedeutung, darin auch die kurzen elf Thesen über Feuerbach; vor allem für die gemeinsame Verständigung der Autoren geschrieben, wurde das Werk erst 1932 veröffentlicht. Ein weiteres wichtiges Werk von Marx ist die Kritik des Gothaer Programms (vgl. Gothaer Programm) der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) von 1875, der Vorgängerpartei der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, in dem er in Auseinandersetzung mit dem Programm der sich damals auf ihn berufenden Arbeiterpartei wichtige Aspekte der politischen Organisation des Proletariats postuliert. In seiner Kritik wendet er sich gegen die kompromisslerische Anpassung der Partei an den eher reformorientierten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), mit dem sich die Vorgängerpartei, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) zur SAP fusioniert hatte.

Leben

Jugend und politische Anfänge (1818-1841)

fusion fusion (Geburtshaus)]] Karl Marx wurde 1818 als drittes Kind des Advokatanwaltes (Hirschel) Heinrich Marx (
- 1777; † 1838) und Henrietta Marx (
- 1788; † 1863; geborene Presborck) in Trier geboren. Heinrich Marx stammte aus einer bedeutenden Rabbinerfamilie (ursprünglich Marx Levi). 1824 konvertierte sein Vater zum Protestantismus, da er als Jude unter der preußischen Obrigkeit sein - unter napoleonischer Regierung angetretenes - Amt als Justizrat nicht hätte weiterführen dürfen. Gleichzeitig wurde auch Karl konvertiert. Von 1830 bis 1835 besuchte Karl Marx das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier, wo er mit 17 Jahren als Jahrgangsbester das Abitur ablegte. 1836 verlobte er sich in Trier mit seiner späteren Ehefrau Jenny von Westphalen. 1835 ging er zum Jurastudium nach Bonn (wo er der „Landsmannschaft der Treveraner“ (Trierer) beitrat); ein Jahr später nach Berlin, wo das Jura-Studium in den Hintergrund trat gegenüber Philosophie und Geschichte. Hier stieß Marx zum Kreis der Jung- oder Linkshegelianer. Hegel starb 1831 und er hatte Zeit seines Lebens einen starken Einfluss auf die Universitäten und auf das intellektuelle Leben in Deutschland. Das Hegelianische Establishment (auch bekannt als Alt- oder Rechtshegelianer) meinte, dass die preußische Gesellschaft die Serie der dialektischen Entwicklungen beendet hatte: eine effiziente Bürokratie, gute Universitäten, Industrialisierung und ein hoher Beschäftigungsgrad. Die Linkshegelianer, zu denen Marx gehörte, erwarteten weitere dialektische Änderungen, eine Weiterentwicklung der preußischen Gesellschaft, die sich mit Problemen wie Armut, staatlicher Zensur und der Diskriminierung der Menschen, die sich nicht zum lutherischen Glauben bekannten, zu befassen hatte. 1841 promovierte Marx per Post an der Universität Jena mit einer Arbeit zur Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie zum Doktor der Philosophie. Auf eine Professur rechnend zog Marx hierauf nach Bonn; doch verwehrte die Politik der preußischen Regierung ihm - wie Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer u.a. - die akademische Laufbahn, denn Marx galt als ein führender Kopf der oppositionellen Linkshegelianer. Um diese Zeit gründeten liberale Bürger in Köln die Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe als gemeinsames Organ der verschiedenen oppositionellen Strömungen von monarchistischen Liberalen bis zu radikalen Demokraten; Marx wurde ein Hauptmitarbeiter des Blattes, das am 1. Januar 1842 erstmals erschien. Im Oktober 1842 übernahm Marx die Leitung der Zeitung, welche von da an einen radikal oppositionellen Standpunkt vertrat. Die preußische Obrigkeit verhängte zunächst eine doppelte, dann dreifache Zensur, die jedoch von Marx´ Redaktion regelmäßig unterlaufen wurde; zum 1. April 1843 wurde schließlich das Erscheinen der Zeitung untersagt.

Übergang zum Kommunismus (1842-1849)

Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe ]] Ebenfalls 1843 heiratete er seine Verlobte Jenny von Westphalen und ging mit ihr nach Paris, wo Marx mit Arnold Ruge die "Deutsch-Französischen Jahrbücher" herausgab. Von dieser Zeitschrift erschien allerdings nur die erste Ausgabe; die Fortsetzung scheiterte teils an den Schwierigkeiten der heimlichen Verbreitung in Deutschland, teils an den bald zutage tretenden prinzipiellen Differenzen zwischen den beiden Redakteuren. Ruge blieb der Hegelschen Philosophie und der bürgerlichen Demokratie verhaftet; Marx studierte die politische Ökonomie sowie die französischen Sozialisten und entwickelte selbst einen kommunistischen Standpunkt. Wegen gemeinsamer Arbeit an den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" war Marx in Briefwechsel mit Friedrich Engels getreten, der ihn im September 1844 einige Tage besuchte; damit begann eine lebenslange enge Zusammenarbeit. Deren erstes Ergebnis war eine Streitschrift gegen Bruno Bauer, mit dem sie - wie mit der ganzen Schule der Junghegelianer - ebenfalls prinzipiell auseinandergekommen waren: "Die heilige Familie. Gegen B.[runo] Bauer und Konsorten". Marx beteiligte sich an der Redaktion des in Paris erscheinenden deutschen Wochenblattes "Vorwärts!", das den Absolutismus der deutschen Länder - besonders Preußens - angriff, unter Marx´ Einfluß bald mit deutlich sozialistischer Ausrichtung. Die preußische Regierung setzte deswegen seine Ausweisung aus Frankreich durch. Anfang 1845 siedelte Marx nach Brüssel über, wohin Engels ihm folgte. Bei einer gemeinsamen Studienreise nach England im Sommer 1845 schlossen sie Verbindungen zum revolutionären Flügel der Chartisten. Marx gab im Dezember 1845 die Preußische Staatsbürgerschaft auf, nachdem er erfahren hatte, dass die preußische Regierung vom belgischen Staat seine Ausweisung erwirken wollte. In Brüssel veröffentlichte Marx 1847 sein "Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons ´Philosophie des Elends´" (Original französisch als "Misère de la philosophie. Réponse à la philosophie de la misère de M. Proudhon"), eine Kritik der ökonomischen Theorie Proudhons und darüber hinausgehend der kapitalistischen Gesellschaft selber. Außerdem schrieb er gelegentlich Artikel für die "Deutsche-Brüsseler-Zeitung". Anfang 1846 gründeten Marx und Engels in Brüssel das Kommunistische Korrespondenzkomitee, dessen Ziel inhaltliche Einigung und organisatorischer Zusammenschluss der revolutionären Kommunisten und Arbeiter Deutschlands und anderer Länder war; so wollten sie den Boden für die Bildung einer proletarischen Partei bereiten. So traten sie auch in Verbindung mit dem sozialistischen "Bund der Gerechten" Wilhelm Weitlings, in dem Marx 1847 Mitglied wurde. Noch im selben Jahr setzte er die Umgründung zum "Bund der Kommunisten" durch und erhielt den Auftrag, dessen Manifest zu verfassen. Dieses wird im Revolutionsjahr 1848 veröffentlicht und geht als Kommunistisches Manifest (eigentlich: Manifest der Kommunistischen Partei) in die Geschichte ein. Kurz darauf löste die französische Februarrevolution in ganz Europa politische Erschütterungen aus; als diese Brüssel erreichten wurde Marx verhaftet und aus Belgien ausgewiesen. Da ihn inzwischen die neueingesetzte provisorische Regierung der französischen Republik wieder nach Paris eingeladen hatte, kehrte er dorthin zurück; nach Ausbruch der deutschen Märzrevolution ging Marx nach Köln. Dort war er einer der Führer der revolutionären Bewegung in der preußischen Rheinprovinz und gab die Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie“ heraus. Diese konnte am 19. Mai 1849 zum letzten Mal erscheinen, bevor die preußische Reaktion ihr Erscheinen unterband und Marx als Staatenlosen auswies.

Londoner Exil (1849-1883)

1849 Marx kehrte zunächst nach Paris zurück, wurde aber schon einen Monat später vor die Wahl gestellt, sich entweder in der Bretagne internieren zu lassen oder Frankreich zu verlassen. Marx ging daraufhin mit seiner Familie ins Exil nach London, wo er in anfangs dürftigen Verhältnissen von journalistischer Tätigkeit sowie finanzieller Unterstützung durch Engels überlebte, welcher Marx nach England folgte. Politisch widmete er sich der internationalen Agitation für den Kommunismus und erarbeitete den endgültigen Stand seiner Kritik des Kapitalismus. In London erschien zunächst Marx' Werk "Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850" (als Artikelreihe 1849-1850); daran anknüpfend "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte" (1852) über die Machtergreifung Napoleons III.. Von 1852 an war Marx Londoner Korrespondent und jahrelang quasi Redakteur für Europa der "New York Tribune". Die Artikel sind keine gewöhnlichen Berichte, sondern umfassende Analysen der politischen und ökonomischen Lage einzelner europäischer Länder, oft als ganze Artikelreihe. Die Mitarbeit an der "Tribune" endete mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Seine ökonomischen Hauptwerke entstanden: Als erste systematische Darstellung der Marx'schen ökonomischen Grundgedanken erschien 1859 "Zur Kritik der politischen Ökonomie"; eigentlich als erstes Heft zur Fortsetzung bestimmt, entdeckte Marx bald, dass er mit der Detail-Ausführung des Gesamtplans noch unzufrieden war. So begann er seine Arbeit von neuem und erst 1867 erschien der erste der drei Bände seines Hauptwerks Das Kapital. Während er das "Kapital" ausarbeitete (der zweite und dritte Band wurden nach seinen Manuskripten postum von Engels herausgegeben), bot sich Marx auch wieder Gelegenheit zu praktischer Tätigkeit in der Arbeiterbewegung: Marx beteiligt sich 1864 federführend an der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation (kurz Erste Internationale) und nimmt in ihr bis zur faktischen Auflösung 1872 (durch Verlegung der Zentrale in die USA, formeller Auflösungsbeschluß 1876) die leitende Position ein. Marx entwarf die Statuten und das grundlegende Programm, die "Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation", unter denen so disparate Sektionen wie deutsche Kommunisten, englische Gewerkschafter und französische Proudhonisten zusammenwirkten. Internationalen Arbeiter-Assoziation ]] In den deutschen Staaten trieb Marx zunächst die Schaffung einer revolutionären sozialistischen Partei voran; dies geschah in Abgrenzung zum sozialreformerisch ausgerichteten "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" des früheren Marx-Schülers Ferdinand Lassalle, mit dem er sich in den politischen Zielen entzweit hatte. In Verbindung mit Marx gründete Wilhelm Liebknecht 1869 die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei", welche sich 1875 mit den Lassalleianern zur "Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" vereinigte, der späteren Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Auch nach der Auflösung der Ersten "Internationale" blieb Marx in ständiger Verbindung mit fast allen wichtigen Figuren der europäischen und amerikanischen Arbeiterbewegung, die ihn oft für wichtige Fragen persönlich zu Rate zogen. Karl und Jenny Marx hatten insgesamt sieben Kinder, von denen jedoch nur die drei Töchter Eleanor, Jenny und Laura überlebten; sie waren wie ihre Eltern in der sozialistischen Bewegung tätig. Laura heiratete 1868 Paul Lafargue, Jenny 1872 Charles Longuet, Eleanor lebte ab 1883 zusammen mit Edward Aveling; alle drei Schwiegersöhne Marx' betätigten sich als sozialistische Agitatoren, die ersten beiden in Frankreich, der dritte in Großbritannien. Außerdem hatte Marx einen unehelichen Sohn namens Frederick mit seiner aus Deutschland stammenden Haushälterin Helene Demuth; die Vaterschaft übernahm offiziell Friedrich Engels. An der Vollendung seiner stetig vorangetriebenen ökonomischen Arbeiten hinderte Marx seine zunehmende Kränklichkeit. 1881 starb Jenny Marx, 1883 die gleichnamige Tochter. Marx verstarb noch im selben Jahr im Alter von 64 Jahren in London und ist dort auf dem "Highgate Cemetery" begraben. Hier errichtete 1954 die Kommunistische Partei Großbritanniens einen Gedenkstein mit der Inschrift "Arbeiter aller Länder vereinigt Euch!" ("Workers of all lands, unite!").

Marx' Analyse des Kapitalismus

Marx entwickelte aus der Kritik der klassischen politischen Ökonomie seine Mehrwert- und Ausbeutungstheorie als Theorie der Akkumulation des Kapitals. Er kritisierte das herrschende kapitalistische Wirtschaftssystem als unterdrückerisches Gewaltverhältnis zur Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse. Der Staatsgewalt warf er die Absicherung dieser Unterdrückung mittels bürgerlichem Recht und politischer Ordnung vor. So sind im bürgerlichen Recht alle Untertanen ideell gleichgestellt. Nach Marx´scher Auffassung bemäntelt das nicht nur den Gegensatz von Arbeit und Besitz, es stellt ihn sogar her: Die Gleichbehandlung von materiell ungleich Ausgestatten sorge dafür, dass sich die ökonomischen Unterschiede auswirkten - zum Schaden der Lohnarbeiter. Mit dem Recht auf Eigentum werde die Eigentumslosigkeit der breiten Massen erhalten, weil sie so von der Verfügung über Produktionsmittel getrennt seien. Darum sei die bürgerliche Freiheit auch nur so viel wert wie die ökonomischen Mittel der Personen. Für die mittellosen Arbeiter bedeute sie den Zwang, ihre Arbeitskraft den Kapitalisten zur Ausbeutung anzubieten. Laut Marx ist der Lohnarbeiter "frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen." (Karl Marx, "Das Kapital", Berlin/DDR 1962, S. 183). Die bürgerliche Demokratie lehnte Marx als politischen Überbau dieser Unterdrückung ab: Mit der Rechtsordnung stehe die Herrschaft des Eigentums fest, zur Wahl stehe nur noch das Exekutiv-Personal dieses Zweckes. Die Interessen der lohnabhängigen Massen würden dabei den gegensätzlichen Interessen des bürgerlichen Gemeinwesens untergeordnet: Im Dienste des Wirtschaftswachstums sollen die Profite der Kapitalisten steigen und darum die Lohnarbeit, also der Lebensunterhalt der arbeitenden Klasse billig ausfallen. Diese Rechnung ginge zu Lasten der Proletarier aus, die für einen beschränkten Lohn möglichst lange und möglichst intensiv arbeiten müssten. Der kommunistische Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft ist eine gesellschaftliche Assoziation, worin die verrichtete Arbeit zum Mittel wird, zum Zweck der Bereicherung und Erweiterung des Lebensprozesses, statt der Vermehrung des Kapitals zu dienen. Marx und Engels empfahlen den Arbeitern, sich für die Abschaffung der bürgerlichen Demokratie zu entscheiden und eine kommunistische Revolution einzuleiten. Sie hätten dann allerdings mit einer "proslavery rebellion" (Pro-Sklaverei-Revolte) der alten Mächte zu rechnen. Marx trat dafür ein, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" (Karl Marx, "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung", in: MEW 1, Berlin/DDR 1976, S. 385). Dafür müssten die Proletarier das Privateigentum an den Produktionsmitteln abschaffen und eine gemeinsame Planwirtschaft zur bestmöglichen Versorgung aller mit möglichst wenig Aufwand einrichten.

Marx´ Nachwirkung und Kritiker

Marx-Widerleger

Planwirtschaft ]] Die wirtschaftswissenschaftliche Kritik an Marx' ökonomischer Theorie beruft sich unter anderem auf Böhm-Bawerk, der sich kritisch mit der marxschen Wirtschaftstheorie befasste. Die Produktion von Maschinen erfordere nicht nur Arbeit im ökonomischen Sinn, sondern auch zeitweiligen Konsumverzicht zur Anhäufung notwendigen Kapitals. Böhm-Bawerk begründete so Zinsen, ohne die Böhm-Bawerk zufolge niemand zu sparen bereit wäre, um später aus dem Konsumverzicht profitieren zu können. Niemand würde zur Erhöhung des Sozialprodukts beitragen wollen. Marx aber widersprach explizit der Existenzberechtigung von Profit und propagierte Arbeit für die planmäßige Produktion von Gebrauchsgütern statt für die ökonomische Wertschöpfung; dafür sollte die Arbeiterklasse das Eigentum an den Produktionsanlagen abschaffen und in gesellschaftliche Nutzung übernehmen. Auch die Marxsche Krisentheorie wird kritisch gesehen. Weil sie auf einer anderen Ebene (der Produktion des Mehrwerts) ansetzt, ist sie prinzipiell unvereinbar mit klassischen Modellen. Auch ist es diskussionswürdig, dass technischer Fortschritt (s. dort) stets einseitig arbeitssparend sein soll, wie Marx es behauptete. Zu den bekanntesten Marx-Kritikern lässt sich Karl Popper zählen. Popper greift bei seiner Kritik auch philosophische Aspekte Marx' auf. Fälschlich wurde Marx eine antisemitische Haltung unterstellt, vor allem im Zusammenhang mit seiner Schrift "Zur Judenfrage". Tatsache ist aber, dass er in diesem Text die rechtliche Gleichstellung der Juden fordert. Er führt aus, dass in einem modernen Staat die Religion Privatsache sei. Andererseits identifiziert Marx die Juden vor allem im zweiten Teil der Schrift einseitig mit "Schacher" und scheint populäre Vorurteile zu bedienen. Marx, der 1843, zum Zeitpunkt der Niederschrift 25 Jahre alt war, hat sich in seinem späteren Wirken in einigen Punkten korrigiert. Sicher ist, dass Marx, selbst jüdischer Abstammung, als Vertreter einer areligiösen Philosophie weder vom Judentum noch vom Christentum etwas hielt.

Marxistische Diskussionen

Innerhalb des heutigen Marxismus, der in zahlreiche sich teilweise völlig widersprechende Richtungen geteilt ist, werden beinahe alle Elemente der marxschen Theorie kontrovers diskutiert. Besonders umstrittene Punkte sind zum Beispiel:
- die Rolle der Arbeiterklasse und ihr Verhältnis zu anderen sozialen Bewegungen
- die Definition (und Organisation) von "sozialistischer Demokratie"
- die Voraussetzungen einer sozialistischen Umgestaltung einer Gesellschaft
- verschiedene Fragen der Wertschöpfung
- Verhältnis Basis und Überbau (Marxismus) Zahlreiche Werke von Marx sind nicht vollendet (er starb dafür zu früh) und auch der Marxismus ist kein abgeschlossenes System. Dies ermöglicht sowohl verschiedenste Interpretationen der Werke von Marx und Engels als auch ein verschiedenes Maß an Einordnung der Theorie, bzw. einzelner Elemente, in einen historischen Kontext. Auch haben Marx und Engels einige ihrer Ansichten mit der Zeit geändert. Z.B. gibt es widersprüchliche Aussagen darüber, ob eine sozialistische Revolution zwingend in einem hochentwickelten kapitalistischen Land stattfinden muß, oder ob die Phase des Kapitalismus nicht sogar unter besonderen Umständen übersprungen werden kann, wie Marx in seinem Brief an Wera Iwanowna Sassulitsch schreibt Der Sozialwissenschaftler