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Gilde

Gilde

Eine Zunft, auch Gilde oder Einigung - von althochdeutsch "zumft" (zu ziemen) - ist eine ständische Körperschaft von Handwerkern, Gewerbetreibenden und anderen Berufsgruppen (Notare), die im Mittelalter entstand und bis ins 19. Jahrhundert existierte. Notar Die Zunft galt allgemein für die handwerklichen Berufe, wobei die Gilde vor allem der Zusammenschluss von Händlern und Gewerbetreibenden zur wechselseitigen Hilfe war...

Geschichte

Die Anfänge liegen im Hochmittelalter im Zusammenhang mit der Entstehung eines städtischen Bürgertums als Gegenentwurf zur feudalistisch bedingten Leibeigenschaft ("Stadtluft macht frei"). Innere Erstarrung verbunden mit der Aufhebung der Zunftverfassung und der Einführung der Gewerbefreiheit leiteten das Ende der Zünfte ein. Mit dem Aufkommen von Manufakturen und der vorindustriellen Massenproduktion verloren die Zünfte zu Beginn des 19. Jahrhunderts an Bedeutung und wandelten sich von Handwerkerinnungen zu exklusiven Altherrenclubs und zu Karnevalsgesellschaften.

Kodex

Für Zunftmitglieder galt ein Ehrenkodex. Bei Verstößen gegen diesen Kodex, dem unzünftigem Verhalten, konnte man der Mitgliedschaft verlustig gehen. Als äußeres Zeichen des Ausschlusses wurde häufig ein zur Zunfttracht gehörender Ohrring aus dem Ohrläppchen, welcher eigentlich als Entgelt für den Bestatter diente, gerissen. Das hierdurch entstehende Schlitzohr wurde sprichwörtlich zur Bezeichnung für listige, durchtriebene Menschen.

Elite

Um die Zahl der Handwerksmeister künstlich klein zu halten, wurden die Aufstiegschancen zum Meister erschwert. Die Gesellen, die ihre Meisterprüfung ablegen wollten, hatten folgende Bedingungen zu erfüllen:
- ein Meisterstück auf eigene Kosten anfertigen
- das Bürgeraufnahmegeld zahlen
- sich einen eigenen Brustpanzer anfertigen lassen
- verschiedene Beträge an die Zunft zahlen
- für die Zunftkirche Wachskerzen kaufen
- einen Hausbesitz oder das nötige Geld dazu vorlegen und
- ein Mahl von mehreren Gängen für alle Meister der Zunft spenden. Doch bei den geringen Löhnen war es für die Gesellen unmöglich, diese Bedingungen zu erfüllen. Um sich gegen die schlechten Arbeitsverhältnisse zu wehren, organisierten sich die Gesellen in Brüderschaften oder Verbänden. Durch Androhung von Streik konnten sie z.B. Lohnerhöhungen, die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit, über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, durchsetzen.

Zugang

Nur bei vier Zünften wurden Frauen als Zunftmitglieder akzeptiert: die Garnmacher, die Goldspinner, die Seidenweber und die Seidenmacher. Starb ein Meister, musste die Witwe innerhalb ein oder zwei Jahren erneut heiraten, ansonsten verlor sie die Werkstatt ihres Mannes. In einigen Städten war es auch möglich, dass die Witwe, wenn sie einen Sohn und Nachfolger besaß, den Laden bis zu dessen Mündigkeit weiterführte. Für die Ausübenden eines bestimmten Berufszweiges bestand Zunftzwang. Juden war die Mitgliedschaft in einer Zunft verwehrt.

Soziologie

Die Zünfte bildeten ein soziales, ökonomisches und religiöses System zur Regelung von Rohstofflieferungen, Beschäftigungszahlen, Löhnen, Preisen, Absatzmengen bis hin zur Witwenversorgung. Sie bestanden teilweise aus mehreren Berufsgruppen und symbolisierten sich häufig durch Wappen und/oder Zunftzeichen und Zunftkleidung. Die Zünfte schrieben ihren Mitgliedern häufig auch die Produktionsmethoden vor. Dadurch wehrten sie zwar einerseits Überproduktionen ab, andererseits verhinderten sie die Einführung neuer, produktiverer, gelegentlich weniger gesundheitsgefährdender Produktionstechniken. Dadurch garantiert er seinen Mitgliedern ein standesgemäßes, "gerechtes" Einkommen und den Verbrauchern ein stabiles Preis-Leistungs-Verhältnis. Ökonomisch betrachtet verhinderten Zünfte, dass möglicherweise geeignete Menschen einen Beruf ausüben konnten.

Regionale Besonderheiten


- In Hamburg und Schleswig-Holstein hießen diese Handwerkerzusammenschlüsse "Amt".
- In Köln wirkten sie in den als "Gaffeln" bezeichneten Corporationen mit.
- Im Rahmen der Burgergemeinde Bern sind die Zünfte heute noch Körperschaften des öffentlichen Rechts.
- In Zürich findet jedes Jahr das Sechseläuten, ein Umzug der Zünfte statt. Kategorie:Handwerk Kategorie:Wirtschaftsgeschichte ja:ギルド

Althochdeutsch

Als Althochdeutsch (Ahd.) bezeichnet man die älteste schriftlich bezeugte Form der deutschen Sprache in der Zeit etwa von 750 bis 1050. 1050 Das Althochdeutsche ist keine einheitliche Sprache, wie der Begriff suggeriert, sondern die Bezeichnung für eine Gruppe von westgermanischen Dialekten, die südlich der so genannten „Benrather Linie“ (die von Düsseldorf-Benrath ungefähr in west-östlicher Richtung verläuft) gesprochen wurden. Diese Dialekte unterscheiden sich von den anderen westgermanischen Sprachen oder Dialekten durch die Durchführung der Zweiten (oder Hochdeutschen) Lautverschiebung. Die Dialekte nördlich der „Benrather Linie“, das heißt, im Bereich der norddeutschen Tiefebene und im Gebiet der heutigen Niederlande, haben die Zweite Lautverschiebung nicht durchgeführt. Diese Dialekte werden zur Unterscheidung vom Althochdeutschen unter der Bezeichnung Altsächsisch (seltener: Altniederdeutsch) zusammengefasst. Aus dem Altsächsischen hat sich das Mittel- und Neuniederdeutsche entwickelt. Da das Althochdeutsche eine Gruppe nahe verwandter Dialekte war, gab es im frühen Mittelalter auch keine einheitliche Schriftsprache; die überlieferten Textzeugnisse lassen sich den einzelnen Dialekten zuweisen, so dass man oft treffender von Altfränkisch, Altbairisch, Altalemannisch etc. spricht. Die althochdeutsche Überlieferung besteht zu einem großen Teil aus geistlichen Texten (Gebeten, Taufgelöbnissen, Bibelübersetzung); nur vereinzelt finden sich weltliche Dichtungen (Hildebrandslied) oder sonstige Sprachzeugnisse (Inschriften, Zaubersprüche). Charakteristisch für die althochdeutsche Sprache sind die noch vokalisch volltönenden Endungen (vgl. Latein), zum Beispiel: Im Zusammenhang mit der politischen Situation ging im 10. Jahrhundert die Schriftlichkeit im Allgemeinen und die Produktion deutschsprachiger Texte im Besonderen zurück; eine Neueinsetzung einer deutschsprachigen Schriftlichkeit und Literatur ist ab etwa 1050 zu beobachten. Da sich die schriftliche Überlieferung des 11. Jahrhunderts in lautlicher Hinsicht deutlich von der älteren Überlieferung unterscheidet, bezeichnet man die Sprache ab etwa 1050 als Mittelhochdeutsch.

Literatur


- Rolf Bergmann u. a. (Hrsg.): Althochdeutsch # Grammatik. Glossen. Texte. Winter, Heidelberg 1987, ISBN 3-533-03877-7 # Wörter und Namen. Forschungsgeschichte. Winter, Heidelberg 1987, ISBN 3-533-03940-4
- Wilhelm Braune: Althochdeutsche Grammatik. Niemeyer, Tübingen 2004, ISBN 3-484-10861-4
- Rudolf Schützeichel: Althochdeutsches Wörterbuch.Niemeyer, Tübingen 1995, ISBN 3-484-10636-0
- Stefan Sonderegger: Althochdeutsche Sprache und Literatur: eine Einführung in das älteste Deutsch. Darstellung und Grammatik. de Gruyter, Berlin (u. a.) 1987, ISBN 3-11-004559-1

Siehe auch

Deutsche Sprachgeschichte, althochdeutsche Literatur

Weblinks


- [http://www.cis.uni-muenchen.de/ahdeutsch/haupt.html www.cis.uni-muenchen.de/ahdeutsch/haupt.html] – Althochdeutsches Wörterbuch des 8. Jahrhunderts
- [http://www.koeblergerhard.de/germanistischewoerterbuecher/althochdeutscheswoerterbuch/nhd-ahd.pdf Neuhochdeutsch-althochdeutsches Wörterbuch] – im PDF-Format Kategorie:Deutsche Sprache Kategorie:Sprachstufe

Stand

Der Begriff Stand bezeichnet
- die Haltung des Stehens, insbesondere in Bezug auf die Körperhaltung des Menschen, davon abgeleitet:
  - im Yoga die Übung Tadasana
- den Zustand ohne Bewegung (einen festen Stand haben), davon abgeleitet:
  - beim Klettersport den Ort, an dem das nichtkletternde Mitglied einer Seilschaft das andere Mitglied sichert, siehe Stand (Klettern)
  - im Grafikdesign und Druck (Reproduktionstechnik) die Position eines Textes, Bildes oder Elements auf der Seite
  - in der Biologie der Blütenstand
- den momentanen Zustand einer Entwicklung (siehe Situation, vgl. Stand der Dinge; gegensätzlich zu Missstand), davon abgeleitet:
  - bei statistischen Angaben das Stichdatum, auf das sich die Angaben beziehen
- der zahlenmäßige Bestand einer Population, vor allem in der Jägersprache der Wildbestand in einem Revier, siehe Population (Biologie)
- gegenständlich einen Markt- oder Verkaufsstand
- einen der Stände der feudalen Ständeordnung im - Adel, Klerus, Dritter Stand, (seltener vor den Bauernkriegen:) Bauernstand, zu Ende der Feudalordnung auch das Bürgertum. In diesem Zusammenhang aber auch:
  - im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation die Reichsstände
  - im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Staat die Landstände
  - im vorrevolutionären Frankreich die Generalstände
  - im politischen System der Schweiz die Kantone, siehe Kanton (Schweiz)
  - allgemein von dieser Verwendung abgeleitet eine soziale Schicht
- figürlich im Österreichischen die starke Zuneigung zu einer Person (einen Stand auf jemanden haben von auf jemanden stehen). Im Plural ist Stände darüber hinaus eine Biersorte

Handwerker

Handwerk Kategorie:Berufliche Funktion

Notar

Der Notar (lat. notarius, Geschwindschreiber) ist als unabhängiger Träger eines öffentlichen Amtes für die Beurkundung von Rechtsvorgängen und für andere Aufgaben auf dem Gebiet der vorsorgenden Rechtspflege in den Ländern bestellt. In Deutschland gibt es etwa 10.000 Notare. Regional verschieden sind entweder hauptberufliche Notare (sog. Nur-Notare) zu finden, oder Anwaltsnotare, die zugleich als Rechtsanwalt zugelassen sind. Der Erstbewerber für ein Notaramt darf nicht älter als 60 Jahre sein und kann sein Amt bis zur Vollendung seines 70. Lebensjahres ausüben. Zum Notar darf nur ein deutscher Staatsangehöriger bestellt werden, der die Befähigung zum Richteramt nach dem Deutschen Richtergesetz erlangt hat, also ein Volljurist mit erfolgreich abgelegtem 2. Staatsexamen (siehe Deutsches Richtergesetz). Ausnahmen gibt es allein in Baden-Württemberg. In Württemberg ist ein Teil der Notare nicht Volljurist, der dortige "Bezirksnotar" hat eine dem Rechtspfleger vergleichbare Ausbildung an der Württembergischen Notarakademie erhalten. Der badische "Amtsnotar" ist zwar Volljurist, aber nicht "unabhängiger" Träger eines öffentlichen Amtes, sondern verbeamtet. Das Berufsrecht der Notare ist bundeseinheitlich in der Bundesnotarordnung (BNotO) geregelt. Notare müssen unabhängig und unparteiisch sein und unterliegen der Verschwiegenheitspflicht. Sie unterliegen der Aufsicht der Landesjustizverwaltung. Sie sind verpflichtet, eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen.

Haupttätigkeiten

Die Haupttätigkeit des Notars ist die Beurkundung von Rechtsgeschäften jeglicher Art und die Beglaubigung von Unterschriften und Abschriften. Dabei ist er unbedingt zur Unparteilichkeit verpflichtet, was ihn gerade vom Rechtsanwalt, der die Interessen einer Partei vertritt, unterscheidet. Die Kerntätigkeit des Notars bezieht sich auf folgende Rechtsgebiete: - Grundstücksrecht (v.a. Grundstücksübertragungen, Grundschulden, Hypotheken). - Erbrecht (Beurkundung von Testamenten, Erbverträgen, Erbscheinsanträgen etc.). - Familienrecht (Eheverträge, Vorsorgevollmachten, Erklärungen im Kindschaftsrecht). - Gesellschaftsrecht (Gründungen von GmbHs und Aktiengesellschaften, Umwandlungen, Satzungsänderungen, Handelsregisteranmeldungen). Eine Besonderheit der notariellen Urkunde besteht (bei entsprechender Gestaltung) darin, dass die darin enthaltenen Ansprüche "sofort vollstreckbar" sind. Dies heißt, dass ohne ein vorheriges Klageverfahren etwa der Verkäufer eines Grundstückes mittels staatlichen Zwanges (Gerichtsvollzieher etc.) die Bezahlung des Kaufpreises durchsetzen kann. Für die Ausübung seiner Amtstätigkeit steht dem Notar ein Dienstsiegel zur Verfügung. Des Weiteren ist der Notar verpflichtet, die Urkundsbeteiligten zu betreuen und in juristischen Fragen so "umfassend" zu beraten, daß er ihren Willen urkundlich erfassen kann. Ohne triftigen Grund darf ein Notar keine Amtshandlung verweigern. Wegen der Unparteilichkeit und Neutralität des Notaramtes darf der Notar nicht tätig werden in Angelegenheiten, die ihn selbst betreffen oder von denen er betroffen ist sowie in Angelegenheiten seiner nahen Verwandten. Aufklärung und Belehrung sind weitere Amtspflichten des Notars, bei deren Nichteinhaltung der Notar mit seinem gesamten Vermögen zu haften hat, wobei eine Haftung über die gesetzlich vorgeschriebene Notarhaftpflichtversicherung zunächst abgedeckt ist.

Hauptberufliche Notare

Hauptberufliche Notare gibt es in Bayern, Rheinland-Pfalz, in Teilen Baden-Württembergs und Nordrhein-Westfalens (sog. "rheinisches Notariat"), in Hamburg, im Saarland und in allen neuen Bundesländern. Hauptberufliche Notare dürfen keine weitere bezahlte Amtstätigkeit oder einen weiteren gewerblichen Beruf ausüben (daher auch "Nur-Notar"). Eine bezahlte Nebentätigkeit darf nur auf Antrag bei und mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde ausgeübt werden, ebenso eine Tätigkeit im Vorstand, im Aufsichtsrat oder als Berater eines Unternehmens. Der Anwaltsnotar hingegen kann daneben Rechtsanwalt, Patentanwalt, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder vereidigter Buchprüfer sein. Um hauptberuflicher Notar zu werden, muss man sich bei der Landesjustizverwaltung des Landes bewerben, in dem man später als Notar arbeiten will. Von dieser wird man, nach entsprechender fachlicher und persönlicher Eignung zum Notarassessor ernannt und nach Anhörung der örtlichen Notarkammer von dessen Präsidenten an einen Notar überwiesen. Der Dienst als Notarassessor geht in der Regel über drei Jahre. Der Notarassessor kann sich auf frei werdende Notarstellen, die ausgeschrieben werden, bewerben. Ist seine Bewerbung erfolgreich, wird er nach Anhörung der Notarkammer von der Landesjustizverwaltung zum Notar ernannt. Ihm wird ein Amtssitz zugewiesen. Das sind Städte unter 100.000 Einwohner oder, wenn mehr Einwohner, ein Stadtteil oder Amtsgerichtsbezirk. Der Amtsbereich eines Notars umfasst den Bezirk des Amtsgerichtes, in dem der Notar seinen Amtssitz hat. Der Amtsbezirk des Notars wiederum ist der Bereich des Oberlandesgerichtsbezirkes, in dem der Notar seinen Amtssitz hat.

Anwaltsnotar

Gerichtsbezirke, die vor dem 1. April 1961 das Amt des Notars als Nebenberuf mit einem Anwalt besetzten, müssen dies auch weiterhin. Anwaltsnotare finden sich daher in Bremen, Berlin, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Teilen Nordrhein-Westfalens, Hessen und Teilen Baden-Württembergs. Um Anwaltsnotar zu werden, muss der sich bewerbende Anwalt eine mindestens fünfjährige Berufserfahrung aufweisen und in dem Amtsbereich, in dem er tätig werden möchte, drei Jahre ununterbrochen als hauptberuflicher Anwalt tätig gewesen sein. Dazu muss er bestimmte Fortbildungen absolviert haben. Seine Bestellung verläuft wie die eines hauptberuflichen Notars. Der Anwaltsnotar ist Rechtsanwalt und gleichfalls Notar. Er muss im Einzelfall klar zum Ausdruck bringen, ob er als Rechtsanwalt oder Notar tätig wird. Wird er als Notar tätig, ist er ohne Einschränkungen an die Bundesnotarordnung gebunden, insbesondere also an seine Pflicht zur Unparteilichkeit. Als Rechtsanwalt dagegen ist er in Übereinstimmung mit den für Rechtsanwälten geltenden gesetzlichen und standesrechtlichen Vorschriften verpflichtet, als Interessenvertreter seines Mandanten zu agieren. Im Einzelfall ergeben sich häufig Abgrenzungsschwierigkeiten. Die Zulassung zum Anwaltsnotariat erfolgt auf Grund unterschiedlicher, landesrechtlicher Vorschriften, die aufgrund der neuesten Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes derzeit überarbeitet werden.

Amtsnotare

Besonderheiten gelten aus historischen Gründen gemäß §§ 114, 115 BNotO in Baden-Württemberg. Im Bezirk des Oberlandesgerichts Stuttgart (württembergisches Rechtsgebiet) gibt es neben hauptberuflichen Notaren und Anwaltsnotaren auch beamtete Notare (Bezirksnotare). Diese erwerben die Befähigung zum Amt eines Bezirksnotars durch eine besondere Ausbildung an der Notarakademie und Ablegung der Notarprüfung. Im Bezirk des Oberlandesgerichts Karlsruhe (badisches Rechtsgebiet) hingegen gibt es ausschließlich beamtete Notare mit der Befähigung zum Richteramt. Die Bezirksnotare im Bezirk des Oberlandesgerichts Stuttgart sind auch als Grundbuch-, Nachlass- und Vormundschaftsrichter tätig. Die Amtsnotare im Bezirk des Oberlandesgerichts Karlsruhe sind auch als Nachlass- und Grundbuchrichter tätig. Die Notarakademie Baden-Württemberg ist die Studieneinrichtung für die Notaranwärter im Vorbereitungsdienst für die Laufbahn des Bezirksnotars in Württemberg. Nach einem fünfjährigen Studium, das neben dem fachwissenschaftlichen Inhalten auch praxisorientiert ist, erwerben die Studenten mit erfolgreicher Absolvierung der Notarprüfung die Befähigung zum Amt des Bezirksnotars. Die Notarakademie Baden-Württemberg ist darüber hinaus auch für die Fortbildung der beamteten Notare in Baden-Württemberg und für Auskünfte nach § 4 1. VVLFGG über das internationale Privatrecht (IPR) zuständig. (IPR-Auskünfte werden allerdings nur Gerichten und staatlichen Notariaten in Baden-Württemberg erteilt.)

Vergütung

Notare erheben für ihre Tätigkeit Gebühren nach der Kostenordnung (KostO). Diese müssen vom Notar erhoben werden, abweichende Kostenvereinbarungen mit ermässigten oder erhöhten Kosten sind unwirksam (§140 S.2 KostO). Damit soll die Unparteilichkeit des Notars gewährleistet werden. In aller Regel werden einem Amtsgeschäft des Notars nach einer Kostentabelle wertmäßig gesetzlich festgelegte Kosten zugeordnet. Nach der Gesellschaftsrichtlinie der EU Notargebühren in Gesellschaftssachen ist die Tätigkeit nach Aufwand abzurechnen, jedoch nur dann, wenn die Notargebühren dem Staat und nicht dem Notar selbst zufließen. Das ist in Deutschland nur in Baden-Württemberg der Fall. Der Notar kann seine Vergütung durch einen genauen Kostenvoranschlag angeben.

Der Notarberuf in anderen Ländern

In vielen Ländern findet sich - ebenso wie in Deutschland - das Berufsbild des Notars lateinischer Prägung, d.h. des Notars, der unabhängiger und unparteiischer Berater ist und dem sein Amt vom Staat als öffentliches Amt verliehen wird. So sind Notare in der Schweiz, in Italien, Österreich oder Frankreich mit den Notaren in der Bundesrepublik Deutschland vergleichbar, um nur wenige Länder zu nennen. Auch außerhalb Europas ist das lateinische Notariat, das seine Ursprünge im römischen Recht findet, weit verbreitet. Die Berufsorganisationen aus 73 Ländern mit lateinischem Notariat haben sich in der Internationalen Union des Lateinischen Notariats (U.I.N.L.) zusammengeschlossen. Gänzlich anders ist der "notary" oder "notary public" des angelsächsischen Rechtskreises einzuordnen. In den USA und Großbritannien hat der Notary meist nur die Aufgabe, Unterschriften zu beglaubigen, eine rechtliche Beratung übernimmt er nie. Aber selbst in Teilen der USA (Lousianna) und Kanadas gibt es das lateinische Notariat. Zur besseren Unterscheidbarkeit wird der Notar lateinischer Prägung im englischen als "Civil Law Notary" bezeichnet.

Weblinks

Notarsuche:
- [http://www.deutsches-notarverzeichnis.de Notarauskunft/Notarverzeichnis]
- [http://www.notar.at Notarauskunft/Notarverzeichnis Österreich] Kammern und Verbände:
- [http://www.bnotk.de Bundesnotarkammer (BNotK)]
- [http://www.dnoti.de/lnotk.htm Verzeichnis der einzelnen Notarkammern]
- [http://www.dnotv.de Deutscher Notarverein]
- [http://www.onpi.org.ar/aleman/index.php4 Internationale Union des lateinischen Notariats] Fachinformationen und Institute:
- [http://www.notarakademie.de Notarakademie Baden-Württemberg]
- [http://www.dnoti.de Deutsches Notarinstitut (DNotI) (hochwertige Linksammlung)] Gesetze
- [http://www.bnotk.de/texte_berufsrecht/bnoto/bnoto1.htm Bundesnotarordnung (BNotO)]
- [http://www.bnotk.de/texte_berufsrecht/beurkg/beurkundungsgesetz_portal.htm Beurkundungsgesetz (BeurkG)]
- [http://www.bnotk.de/texte_berufsrecht/donot/dienstordnung2001_main.htm Dienstordnung für Notarinnen und Notare (DONot)]
- [http://www.bnotk.de/texte_berufsrecht/kosto/kostenordnung_main.htm Kostenordnung (KostO)]
- [http://ris.bka.gv.at/bundesrecht Notariatsordnung - Österreich: bei Kurztitel/Abkürzung 'NO' eingeben] Kategorie:Freiwillige Gerichtsbarkeit Kategorie:Freie Berufe

Hochmittelalter

Als Hochmittelalter wird in der Mediävistik die Epoche von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zum Beginn beziehungsweise der Mitte des 13. Jahrhunderts bezeichnet. Wichtig dabei ist, dass sich dieser Begriff im wissenschaftlichen Sinne ausschliesslich auf West- und Mitteleuropa bezieht; er trifft weder (oder nur sehr begrenzt) für den benachbarten byzantinischen noch für den islamischen Bereich zu. Von der außereuropäischen Geschichte ganz abgesehen. Die Abgrenzung des Hochmittelalters zum Frühmittelalter wird unterschiedlich vorgenommen. Eine Möglichkeit ist die Mitte des 11. Jahrhunderts, weil sich ab dieser Zeit ein umfassender Wandel in Europa vollzog. Dieser Wandel wurde durch ein bis in das 14. Jahrhundert anhaltendes Bevölkerungswachstum ausgelöst. Neue Gebiete mussten erschlossen, Produktionsmethoden zur Erhöhung der Erträge verbessert werden. Dies förderte Handwerk und Handel, und damit wiederum die Geldwirtschaft. Neue Märkte entstanden, die wiederum die Kassen der Städte füllten. Eine seit der Antike nicht gekannte soziale Mobilität entwickelte sich, sowohl örtlich als auch den sozialen Stand betreffend. Die Kirche mit dem herausgebildeten Papsttum entwickelte nach innen eine klare Hierarchie und nach außen kämpfte sie mit den weltlichen Herrschern um die Vormacht. Diese Machtkämpfe wurden von vielen Zeitgenossen kritisch beurteilt. So entstanden in Deutschland kirchliche Reformbewegungen, es kam in dieser Zeit allerdings auch zum Investiturstreit. Das Hochmittelalter war auch eine Blütezeit der geistlichen Orden, wie beispielsweise der Zisterzienser oder Prämonstratenser. Bildung wurde in den Vordergrund gerückt. Es entstanden Dom- und Klosterschulen und die ersten Universitäten wurden gegründet; allerdings nicht in den deutschen Ländern des Heiligen Römischen Reichs. Neben Theologie wurden vor allem die Fächer Medizin (vor allem in Frankreich) und Jura (vor allem in Italien und dort insbesonders in Bologna) gelehrt. Diese Bildungsrevolution wurde durch die Wiederentdeckung antiker Schriften ermöglicht (wie des Aristoteles), die aus dem arabischen beziehungsweise byzantinischen Bereich nach Westeuropa gelangten. In Folge dieses Prozesses bestimmte nun die Scholastik das wissenschaftliche Denken. Lesen und Schreiben waren nicht mehr nur Fertigkeiten des Klerus, sondern zunehmend auch von Teilen der Laien (Ministeriale) und Teilen des Adels. Die Literatur bediente die neuen Leser, indem sie nicht nur geistliche und philosophische Themen verarbeitete. Es wurde nicht mehr nur in lateinischer Sprache, sondern auch in Landessprache geschrieben. In der Malerei wandte man sich von der Darstellung geistlicher Themen hin zur Darstellung von Natur und Alltag. In der Architektur herrschte die Romanik vor. Die Menschen, denen dies möglich war, konnten sich relativ sicher frei innerhalb weiten Teilen Westeuropas bewegen. Das Hochmittelalter war allerdings auch die Zeit der Kreuzzüge, welches als die erste europäische Kolonisation betrachtet werden kann. Das Hochmittelalter war auch die Blütezeit des Rittertums, welches sich in Folge der Kreuzzüge neu definierte (siehe Ritterorden). Im staatlichen Bereich büßte in jener Zeit das Heilige Römische Reich an Macht ein, während die "nationalen Königreiche" (England und Frankreich) an Macht und Einfluss gewannen. Im wirtschaftlichen Bereich kam es zur Ausbildung eines Bankensystems, vor allem in Oberitalien. Die auf das Hochmittelalter folgende Epoche wird als das Spätmittelalter bezeichnet. Siehe auch: Mittelalter und die entsprechenden Geschichtsabschnitte der einzelnen Länder.

Literatur


- Michael Borgolte: Europa entdeckt seine Vielfalt. 1050-1250, (Handbuch der Geschichte Europas 3), Stuttgart 2002. Hervorragende Einführung mit zahlreichen Literaturangaben. Es wird auch den sozialen und kulturellen Strömungen Rechnung getragen.
- Hermann Jakobs: Kirchenreform und Hochmittelalter 1046-1215 (Oldenbourg Grundriß der Geschichte 7), München 1999 (unv. ND der 4. Aufl. 1994). Über 1400 Literaturangaben und Überblick über den Stand der Forschung Kategorie:Zeitalter Kategorie:Mittelalter

Bürgertum

Bürgertum ist eine Gesellschaftsschicht, die traditionell gegenüber dem Adel und Klerus einerseits, gegenüber Bauern und später Arbeitern andererseits abgegrenzt wird.

Entstehung und Grundzüge des Bürgertums

Als Wort und Begriff für eine Bevölkerungsgruppe ausgehend von dem mittellateinischen burgus, einer vor den Mauern gelegene Vorburg, in der die Kaufleute wohnten, hat das Bürgertum im Lauf der geschichtlichen Entwicklung einen sozialgeschichtlichen Wandel durchlaufen, insbesondere sehr verschiedene Unterformen des Bürgertums ausgeprägt. Der Begriff des Bürgertums als solcher ist deswegen nur sehr allgemein definierbar. Zudem ist der Begriff des Bürgertums in den verschiedenen Staaten aufgrund teils unterschiedlicher geschichtlicher Entwicklung nicht bedeutungsgleich. Das Bürgertum ist eine ökonomische, eine politische und eine kulturelle Erscheinung. Es prägte in der Zeit des Frühkapitalismus die "bürgerliche Weltanschauung" aus, die eng mit den "bürgerlichen Tugenden" Leistung, Fleiß und Sparsamkeit verbunden ist. In der Zeit des abendländischen Feudalismus erkämpfte sich das Bürgertum in Abgrenzung zu Bauern und Adel seine bürgerlichen Freiheiten. Die in der französischen Revolution von den Bürgern erkämpften Bürgerrechte gelten heute als Menschenrechte.

Kritik und Auflösung des Bürgertums

Das Bürgertum in seinen verschiedenen Ausprägungen ist andererseits selbst Gegenstand lang anhaltender Kritik (gewesen). Während die kommunistische Kritik einerseits die Bourgeoisie als Klassengegner definierte und Abweichler intern als nicht-proletarische "Kleinbürger" ausgrenzte, wurde der Begriff des Bürgers auch in anderem Zusammenhang negativ verwendet, wie die Ausdrücke "Verbürgerlichung" oder "verbürgerlichtes Christentum" deutlich machen. Gleiches gilt für den von der Jugendbewegung schon des 17. Jahrhunderts übernommenen Begriff der "Spießbürgers", ein aus der verächtlichen Rede des Ritterheeres übernommenes Schimpfwort. In den Niedergang des (z.B. "viktorianischen" oder "wilhelminischen") Bürgertums in späten 19. Jahrhundert gehört bereits das sich - teils vom Adel her - verbreitende Ideal, dass die Frau nur noch Repräsentationspflichten besitze und den Haushalt allenfalls noch beaufsichtige. Für die Hausarbeit gab es Personal. So hatte die bürgerliche Frau Zeit, dem Geld verdienenden Mann die bürgerlichen Bildungsanstrengungen abzunehmen, die Geselligkeit in den jeweiligen Verkehrskreisen zu organisieren, ggf. auch wohltätig zu sein. Mit Blick auf den gesellschaftlichen Wandel wird schon seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vertreten, dass das Bürgertum insgesamt zu Ende gegangen sei. Hervorgegangen sei eine nachbürgerliche Gesellschaft von Angestellten, Beamten und anderen Gruppierungen, die im wesentlichen in einem neuen Mittelstand verschmolzen seien und sich ungeachtet ihrer Wurzeln im Bürgertum im Stil nicht vom allgemeinen Stil der Industriegesellschaft unterschieden. (Vgl. auch die Nivellierte Mittelstandsgesellschaft.)

Weiterführende Artikel


- Bürger
- Großbürger
- Kleinbürger
- Bildungsbürgertum
- Bourgeoisie
- Citoyen
- Adel
- Soziale Schicht
- Soziologie

Typische Beispiele für verschiedene Bürgergruppen (Deutschland)

Aufgeführt sind - mit Ausnahme der gesondert zu behandelnden Kleinbürger - Familien, die in der Vergangenheit den genannten Bürgergruppen zugehörten. Während die Krupp erloschen sind oder wie die Gründerfamilien Howaldt und Overbeck ihre herausgehobene Stellung verloren haben, behaupten andere Familien auf Grund des in ihren Händen erhaltenen Kapitals wie die Quandt und die Siemens oder auf Grund der Leistungsfähigkeit einzelner Familienmitglieder wie die Weizsäcker oder die Jauch über den erfolgreichen Moderator, Fernsehproduzenten und Mäzen Günther Jauch eine wahrnehmbar über dem Durchschnitt liegende Stellung in der heutigen Gesellschaft. Soweit einzelne Familien oder Familienzweige noch vor Abschaffung des Adels - wie z.B. die v. Siemens 1888 oder die Freiherrn v. Weizsäcker 1916 - nobilitiert wurden, ändert dies nichts an ihrer für die vorliegenden Zwecke zutreffenden soziologischen Einordnung als Bürger.

Bildungsbürger


- Delbrück
- Krummacher
- Mann (Schriftstellerfamilie)
- Overbeck
- Weizsäcker

Großbürger


- Jauch

Industrielle


- Howaldt
- Krupp
- Quandt
- Siemens
- Thyssen

Kleinbürger

Unter den in Wikipedia zu findenden Familien sind, da diese insgesamt oder ihre Mitglieder bessere Chancen haben, in Enzyklopädien zu erscheinen, eher Groß- oder Bildungsbürger. Die von diesen im Lebensstil abgehobenen Kleinbürger sind - relativ zu ihrem zahlenmäßigen Anteil am Bürgertum - unterrepräsentiert oder oft gar nicht als solche gekennzeichnet. Als typisches Beispiel sei Joschka Fischer genannt, dessen Vorfahren über sechs Generationen in Ungarn das Metzgerhandwerk ausübten.

Literatur


- Oskar Köhler, Artikel "Bürger, Bürgertum" in: Staatslexikon Band 1, Spalten 1040ff, Freiburg im Breisgau 1985 ISBN 3-451-19301-9 mit zahlreichen weiter führenden Literaturangaben
- Manfred Hettling, Bernd Ulrich (Hgg.), Bürgertum nach 1945, Hamburg (Hamburger Edition), 2005, ISBN 3-936096-50-3 ja:市民 Kategorie:Politischer Begriff Kategorie:Sozialgeschichte Kategorie:Migration Kategorie:Nationalismus Kategorie:Behörde

Feudal

Der Begriff Lehnswesen, auch Feudalwesen (Feudalismus) oder Benefizialwesen, bezeichnet das politisch-ökonomische System der Beziehungen zwischen Lehnsherren und belehnten Vasallen. Es bildete die Grundlage der hochmittelalterlichen Gesellschaftsordnung der abendländischen Staaten, vor allem aber des Heiligen Römischen Reichs. Auch in anderen Kulturen, insbesondere in Japan (siehe Samurai) entstanden Strukturen, die sich mit dem europäischen Lehnswesen vergleichen lassen. Diese sollen hier aber nicht behandelt werden. Der Begriff feudal wird auch in Bezug auf ausschweifendes bzw. in Reichtum schwelgendes Leben gebraucht. („Er lebt feudal...“) Im Frühmittelalter bildete sich das Lehnswesen nach dem Vorbild des römischen Klientelwesens und aus dem germanischen Gefolgsschaftswesen. Der Lehnsherr, welcher der rechtliche Eigentümer von Grund und Boden oder bestimmten Rechten war, verlieh diese dem Lehenempfänger auf Lebenszeit. Dafür musste der Lehenempfänger dem Lehnsherrn persönliche Dienste leisten. Beide verpflichteten sich zu gegenseitiger Treue: Der Lehnsherr zu Schutz und Schirm, der Lehnsempfänger zu Rat und Hilfe. Oberster Lehensherr war der jeweilige oberste Landesherr, König oder Herzog, der Lehen an seine Fürsten vergab. Diese konnten wiederum Lehen an andere Adelige vergeben, die sich von ihnen belehnen lassen wollten und oft in der Adelshierarchie unter dem Lehensgeber standen.

Begriffe

Adelige Man versteht unter Lehen (Lehnrecht, lat. Feudum, Feodum, Beneficium) das ausgedehnteste erbliche Nutzungsrecht an einer fremden Sache, welches sich auf eine Verleihung seitens des Eigentümers gründet, die zugleich zwischen diesem und dem Berechtigten das Verhältnis wechselseitiger Treue hervorruft. Lehen (Lehnsgut) wird auch diese Sache selbst, zumeist ein Grundstück oder ein Komplex von Grundstücken, genannt. Der betreffende Eigentümer ist der Lehnsherr (Lehnsgeber, dominus feudi, senior), der Berechtigte der Vasall (Lehnsmann, vassus, vasallus), beide schwören einen Lehnseid. Sprachlich hängt der Ausdruck "Lehen" mit "leihen" zusammen, bedeutet also so viel wie geliehenes Gut, während das Wort "Feudum" nach einigen vom lat. fides (Treue), richtiger aber wohl vom altdeutschen feo (das heißt Vieh, dann überhaupt "Gut") abzuleiten ist. Den Gegensatz zum Lehen bildet das freie Eigentum, Allodium. Die dem Vasallen zustehende Berechtigung nähert sich tatsächlich dem Eigentum so sehr, dass man dieselbe oft als nutzbares Eigentum (dominium utile) und das Recht des eigentlichen Eigentümers als Obereigentum (dominium directum) bezeichnet. Die Rechtsgrundsätze über das Lehnswesen bilden das Lehnrecht im objektiven Sinn.

Geschichte des Lehnswesens

Entstehung

Im Lehen kamen verschiedene Rechtsinstitute karolingischer Zeit zusammen, die seither unabhängig voneinander bestanden. Diese Institutionen waren
- Die Antrustiones - das war das engere Gefolge des Königs, sie zeichneten sich dadurch aus, dass für sie ein Vielfaches des üblichen Wergeldes gezahlt werden musste.
- Die vassi - Freie, die nicht mehr selbst für sich sorgen konnten, konnten sich in die Hand eines Mächtigeren kommendieren, erhielten dafür Schutz und Unterhalt und waren im Gegenzug zu Treue und Dienst verpflichtet. Ihren Status als Freie verloren sie durch die Kommendation nicht, das Königsgericht war weiter für sie zuständig. Die Kommendation geschah durch den sogenannten Handgang, das heißt, der künftige vassus legte seine gefalteten Hände in die seines Herrn, die dieser umschloss. Diese Geste macht das Verhältnis der beiden sehr deutlich.
- Das beneficium - schon im frühen Mittelalter wurde Land verpachtet, es kam aber auch vor, dass man Land ohne Gegenleistung verlieh, etwa unter Zwang oder um jemanden einen Gefallen zu tun. Man blieb dann zwar Eigentümer des Landes, war aber nicht mehr sein Nutznießer. Erst aus der Verbindung dieser Institutionen und insbesondere als sich immer mehr Herren mit hoher sozialer Stellung kommendierten, entstand das Lehenswesen. Dabei blieb der Handgang, der zusammen mit dem Treueid später als „homagium“ (lat.), „hommage“ (franz.), oder „mannschaft“ (dt.), bezeichnet wurde, bis ins 12. Jahrhundert der entscheidende rechtliche Akt. Erst mit der Verbreitung des Urkundenwesens wurde der Handgang vom Treueid, der sich viel besser schriftlich fixieren lässt, abgelöst. Kommendationen kamen weiterhin in allen Schichten vor. In niederen Schichten entstand daraus die Grundherrschaft, in hohen Schichten das Lehenswesen. Die Vergabe von Lehen ersetzte oft auch den Arbeitslohn. Das war nötig, weil das Geldwesen im frühen Mittelalter für regelmäßige Zahlungen zu unterentwickelt war.

Entwicklung

Da die Dienste des Lehnsmannes insbesondere Kriegsdienste umfassten, wurde das Lehnswesen in der fränkischen Monarchie Jahrhunderte lang die Grundlage der Heerverfassung und der sozialen Organisation des Heiligen Römischen Reiches. (siehe Personenverbandsstaat) Dabei nahm nicht nur der König Vasallen auf, sondern dieses Verfahren wurde bald von weltlichen und geistlichen Großen nachgeahmt. Nach und nach bildete sich dann der Grundsatz der Erblichkeit der Lehen und der Zulässigkeit des Weitervergebens in Afterlehen aus. Letztere wurden 1037 von Konrad II. ebenfalls für erblich erklärt. So kam es, dass im 12. Jahrhundert bereits alle Herzogtümer und Grafschaften als Lehen vergeben waren. Innerhalb dieser einzelnen geistlichen und weltlichen Territorien bestand aber wiederum ein vielgliedriges Lehnswesen. Mit dem Sinken der kaiserlichen Macht entwickelte sich dann aus dem Lehnswesens die Landeshoheit der Reichsfürsten, so dass die schließliche Auflösung des Deutschen Reichs seine Wurzel zum Teil im mittelalterlichen Lehnswesen hat. Übrigens blieb das Lehnswesen keineswegs auf das Gebiet des öffentlichen Rechts beschränkt, sondern zog in Deutschland auch in die Privatrechtsverhältnisse ein, indem die verschiedenartigsten Gegenstände "ins Lehen gereicht" und die verschiedenartigsten Berechtigungen als lehnrechtliche konstituiert wurden. In England wurde schon durch die Revolution von 1649 und dann durch eine ausdrückliche Verordnung Karls II. von 1660 der Lehnsverband beseitigt, ebenso in Frankreich durch die Beschlüsse der Nationalversammlung vom 4. und 5. August 1789. In Deutschland wurden mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs 1806 die vorhandenen Reichslehen teilweise allodifiziert, indem deren Inhaber souveräne Fürsten wurden. Bei anderen Reichslehen dagegen trat an die Stelle von Kaiser und Reich derjenige Landesherr als Lehnsherr, in dessen Gebiet das Lehnsgut gelegen war, indem die Lehnsträger mediatisiert wurden. Zudem entsagten in der Rheinbundsakte, Artikel 34 (der so genannte Verzichtsartikel), die verbündeten Fürsten gegenseitig allen Lehnrechten, welche dem einen bezüglich des Gebiets des anderen zustehen möchten. Innerhalb der einzelnen Territorien wurde in der Folge der Lehnsverband vielfach für ablösbar erklärt und so die Möglichkeit der Umwandlung des Lehens in volles Eigentum gegeben, so zuerst 1836 in Hannover. Darüber hinaus wurde die Errichtung neuer Lehen gesetzlich untersagt, zum Beispiel in Preußen durch das Gesetz von 1852, wie denn auch die deutschen Grundrechte von 1848 bestimmt hatten: "Aller Lehnsverband ist aufzuheben".

Auflösungserscheinungen

Ursprünglich war eine Lehensbindung ein lebenslanges Treueverhältnis, das nur der Tod beenden konnte. Es war auch unvorstellbar, dass man mehreren Herren Lehnsdienst leistete. Mehrfache Vasallität entstand aber sehr rasch und lockerte die Treuepflicht des Lehnsmanns erheblich. Auch die Möglichkeit, ein Lehen zu vererben, minderte die Eingriffsmöglichkeiten des Lehnsherrn und lockerte die persönliche Treuepflicht des Lehensmanns. Mit der Zeit nahm die Bedeutung des Lehnsgutes immer mehr zu, während die Treuepflicht immer mehr in den Hintergrund trat, und am Ende war ein Lehen einfach ein Landgut, für das der Erbe eine bestimmte Zeremonie durchführen musste.

Wesentliche Grundsätze des Lehnrechts im Heiligen Römischen Reich

Im Allgemeinen wurde der Lehnsmann als Gegenleistung für seine Dienste mit Land oder Freihäusern ausgestattet. Es kam auch vor, dass er am Hof des Herrn Dienste versah und dort verpflegt wurde. Meist erhielten diese sogenannten servi non cassati aber ein Lehen, sobald eines frei wurde. Aber auch Ämter und Hoheitsrechte über ein bestimmtes Territorium (feuda regalia) konnten als Lehen vergeben werden. Auf diese Weise kam das Haus Thurn und Taxis an sein Postlehen. Dazu kommen dann zahlreiche Lehen an Kirchensachen und kirchlichen Rechten, Kirchenlehen (Stiftslehen, feuda ecclesiastica) und Beleihungen mit den mit einem Altar verbundenen Stiftungen (feudum altaragli). Auch Barzahlungen aus dem Kronschatz oder Gewinne aus bestimmten Zöllen konnten als Lehen vergeben werden.

Begründung des Lehens

Die Begründung eines Lehens geschah der Regel nach durch Investitur (constitutio feudi, infeudatio). In fränkischer Zeit geschah das durch den sogenannten Handgang im Mittelpunkt, d. h. der Lehnsmann legte seine gefalteten Hände in die Hände des Lehnsherrn, die dieser umschloss. Damit begab er sich symbolisch in den Schutz seines neuen Herrn. Seit Ende des 9. Jahrhundert wird dieser Akt durch einen Treueid ergänzt, bei dem meist eine Reliquie geleistet wurde. Der Eid sollte nicht nur die Bindung der Partner herstellen, sondern betonte, dass der Lehnsmann seinen Status als Freier nicht verlor, denn nur Freie konnten sich durch Eid binden. Im 11. Jahrhundert gehörten zur Investitur das homagium (homage oder mannschaft) aus dem Handgang und einer Willenserklärung des Lehnsmanns. Eine Willenserklärung des Herrn konnte ebenfalls erfolgen, unterblieb aber oft. Anschließend folgte der Treueid und manchmal ein Kuss. Weil im Mittelalter zu einem Rechtsakt auch ein sichtbares Zeichen gehört, wurde symbolisch ein Gegenstand übergeben, dies konnte ein Stab oder eine Fahne sein, der König konnte auch sein Szepter überreichen (das er nach der Zeremonie natürlich zurück erhielt). Mit zunehmender Schriftlichkeit wurde über die Beleihung auch eine Urkunde ausgestellt, die mit der Zeit immer detaillierter die Güter auflistete, die der Lehnsmann erhielt. Im Spätmittelalter wurde für die Belehnung eine Gebühr verlangt, die man häufig auf den Jahresertrag des Lehensgutes festsetzte. Das Lehnsgut (Benefizium) das der Lehnsmann erhielt, konnte Eigenbesitz des Lehnsherrn sein, oder das Lehen eines anderen Herrn. Manchmal verkaufte oder schenkte auch der Lehnsmann seinen Besitz dem Herrn und empfing es dann als Lehen zurück (oblatio feudi). Meist geschah dies in der Hoffnung, der Herr könnte das Land besser bei einem Streit im Felde oder vor Gericht verteidigen. Dieser kaufte oder nahm das Geschenk an, weil er damit die Absicht oder Hoffnung verband, z.B. bisher unverbundene Lehnsgüter zu verbinden und dadurch seinen Einflussbereich z.B. auf die Gerichtsbarkeit oder die Besetzung von Pfarrerstellen zu mehren.

Rechtsbeziehung zwischen Lehnsherren und Vasallen

Seit dem 11. Jahrhundert wurden die Pflichten des Vasallen meist mit auxilium et consilium (Hilfe und Rat) beschrieben. Dabei bezieht sich Hilfe meist auf den Kriegsdienst, den der Vasall zu leisten hatte. Diese konnte unbeschränkt sein, d. h. der Vasall musste den Herrn in jedem Krieg unterstützen, oder er wurde zeitlich, räumlich und nach der Menge der ausgehobenen Soldaten beschränkt. Mit dem Aufkommen der Söldnerheere wurde das Aufgebot der Vasallen weniger wichtig und ihr Dienst wurde immer häufiger in Dienste bei Hof und in der Verwaltung umgewandelt. Consilium bedeutete vor allem die Pflicht, zu Hoftagen zu erscheinen Insbesondere in England wurden die Kriegsleistungen in Geldleistungen verwandelt ("adäriert") und der englische König verwandte das Geld zur Finanzierung von Söldnern. Auch zu Geldzahlungen konnte der Vasall verpflichtet sein, und zwar insbesondere um ein Lösegeld für den Kriegsgefangenen Herrn zu zahlen, beim Ritterschlag des ältesten Sohnes, für die Mitgift der ältesten Tochter und für die Fahrt ins Heilige Land. Die Pflichten des Herren waren dagegen weniger genau umschrieben, sie waren mit der Übergabe des Lehens weitgehend abgeleistet, aber natürlich war auch der Herr zu Treue verpflichtet und musste seinen Vasallen darüber hinaus auch vor Gericht vertreten. Der Lehnsherr konnte ferner von dem Vasallen bei Verlust des Lehens die Lehnserneuerung (renovatio investiturae) fordern und zwar sowohl bei Veränderungen in der Person des Lehnsherrn (Veränderungen in der herrschenden Hand, Herrenfall, Hauptfall, Thronfall) als auch bei Veränderungen in der Person des Vasallen (Veränderung in der dienenden Hand, Lehnsfall, Vasallenfall, Nebenfall). Letzterer musste binnen Jahr und Tag (1 Jahr 6 Wochen 3 Tage) ein schriftliches Gesuch (Lehnsmutung) einreichen und um Erneuerung der Investitur bitten; doch konnte diese Frist auf Nachsuchen durch Verfügung des Lehnsherrn (Lehnsindult) verlängert werden. Partikularrechtlich war der Vasall dabei, abgesehen von den Gebühren für die Wiederbelebung (Schreibschilling, Lehnstaxe), zuweilen auch zur Zahlung einer besondern Abgabe (Laudemium, Lehnsgeld, Lehnsware, Handlohn) verpflichtet. Endlich konnte der Lehnsherr bei einer Felonie des Vasallen das Lehen durch die so genannte Privationsklage einziehen, Verschlechterungen des Gutes nötigenfalls durch gerichtliche Maßregeln verhüten und dritten unberechtigten Besitzern gegenüber das Eigentumsrecht jederzeit geltend machen. Der Vasall hatte dem Lehnsherrn gegenüber ebenfalls den Anspruch auf Treue (Lehnsprotektion), und ein Bruch derselben zog für den Lehnsherrn den Verlust seines Obereigentums nach sich. Am Lehnsobjekt hatte der Vasall das nutzbare Eigentum.

Ökonomische Bewertung

Mit dem Lehnswesen ist eine weitgehende Monopolisierung des Landbesitzes und der Produktion verbunden. Das ökonomische Gewicht der Allodien nimmt bis zum Ende des Mittelalters tendenziell ab. Damit einher geht eine weitgehend ungehemmte und unproduktiv machende Ausbeutung der Bauern - sowohl der leibeigenen wie der freien, die in Form sowohl von Frondiensten wie Geld und Naturalabgaben den Lehnsherren bereichern und dem Bauern kaum das Lebensminimum übrig lassen. Das Erwirtschaften von Überschüssen, mit denen neue Investitionen vorgenommen werden könnten, ist der Bauernklasse deshalb praktisch unmöglich. Die Aristokratie und der geistliche Stand ihrerseits sind nicht genug an der Erwirtschaftung von Überschüssen (z.B. zur Vorratshaltung und zur Produktivitätssteigerung) und an Investitionen und Innovationen interessiert, sondern suchen sich zunehmend in Luxusausgaben für Wohnung, Kleidung, Nahrung, Festen und Waffen gegenseitig zu überbieten, um mit Ansehen auch Macht zu verbinden. Verachtung der Arbeit und häufig fehlendes technisches und ökonomisches Verständnis lassen Produkte des Wirtschaftslebens aus Sicht des Adels nur als Beute erscheinen. Sein Betätigungsfeld, Jagd und Kriegsführung, verursachen zudem erhebliche, nicht zuletzt auch wirtschaftliche Zerstörungen. Bewirken die Hetzjagden nicht selten beträchtliche Ernteverluste, nicht zuletzt weil Bauern die Treiber zu stellen hatten, die damit ihre Tätigkeiten auf Äckern und in Ställen vernachlässigen müssen, aber das Wild auf ihren Äckern nicht töten dürfen, so beruht die Kriegführung des Mittelalters zu einem erheblichen Maße auf der planmäßigen Vernichtung der wirtschaftlichen und sozialen Macht des Gegners durch Vergiftung von Brunnen, Brand und Vernichtung der Ernten, Bauwerke und Dörfer. Auch der Klerus, der die "vita activa" lehrt, ohne sie selbst zu praktizieren, verachtet dennoch das tätige Leben der Bauern und imitiert mit seiner Sammlung von Pfründen, seiner Prachtentfaltung in Bauten, Festlichkeiten, Textilien, Gold- und Silbergegenständen seinerseits das Leben des Adels. Auch die Klöster, die sich mit Chroniken, Hagiographien und Bibliotheken beschäftigen, bringen dem "opus aedificiale", dem Bau und der Ausschmückung von Kirchen und Klöstern mehr Interesse entgegen als dem "ora et labora". Handwerker und Künstler finden durch die Bauaktivitäten in der Gotik und die Kunstsammlungen des Klerus zwar Arbeit, die jedoch aus wirtschaftlicher Sicht keine produktiven Investitionen darstellen. Zusammenfassend beruht das Lehnswesen im Wesentlichen auf zwei Komponenten, dem persönlichen und dem dinglichen Element. Persönliches Element: Der Lehnsherr sowie Vasall verpflichten sich zu gegenseitiger Treue. Sichtbarer Ausdruck der Ergebenheitshandlung ist das Einlegen der Hände in die des Herrn (Handgang -vergleichbar mit dem heutigen Handschlag). Dingliches Element: Auf der Basis dieses Treuegelöbnisses zwischen denselben stellt der Lehnsherr dem Vasallen Land zur Verfügung und erhält vom Vasallen Abgaben.

Ortsnamen

Die frühere Bedeutung des Lehnswesens spiegelt sich heute noch in einer Vielzahl von Ortsnamen, die das Lehen in sich tragen.

Literatur


- Marc Bloch: Die Feudalgesellschaft. Durchgesehene Neuausgabe. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-91234-7

Weblinks


- [http://netzwerk.wisis.de/text/372.htm Lexikon Lehnswesen, Besitz und Herrschaft ° SUSAS Netzwerk für Wissensweitergabe] Kategorie:Verwaltung Kategorie:Rechtsgeschichte Kategorie:Mittelalter

Stadtluft macht frei

Der Ausspruch "Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag" umschreibt einen Rechtsgrundsatz im Mittelalter. Aus Siedlungen rund um Burgen und Klöster, die etwa ab dem 11. Jahrhundert von freigekauften Leibeigenen und anderen Angehörigen des 3. Standes gegründet wurden, entstanden neben den alten römischen oder auch germanischen Gründungen weitere Städte. Dabei setzten sich immer mehr Leibeigene in die Städte ab, wo sie für ihre Dienstherren zumeist unauffindbar waren. So wurde es Rechtsbrauch, dass ein in einer Stadt wohnender Unfreier nach Jahr und Tag nicht mehr von seinem Dienstherrn zurückgefordert werden konnte und somit ein freier Bürger war. Kategorie:Rechtsgeschichte

Manufaktur

Eine Manufaktur (von lat. manus - Hand, lat. factura - das Machen, die Herstellung) ist ein Betrieb in der Übergangsform vom Handwerk zur Fabrik. Manufakturen entstanden während der Frühen Neuzeit und wurden von privaten Unternehmern oder vom Staat betrieben. Manufakturen entstanden auf zwei verschiedene Arten. Eine Entstehungsform ist die Zusammenfassung verschiedener Handwerke in einem Arbeitshaus, also beispielsweise die Schaffung einer Kutschenmanufaktur, in dem die zuvor eigenständigen Drechsler, Schlosser, Vergolder und andere zusammenarbeiteten. Die andere historische Entstehungsform ist die Zerlegung eines einzelnen Handwerks, wie das des Nadlers, in viele Einzeloperationen, die jeweils von einem Teilarbeiter verrichtet wurden. Die Manufaktur entwickelt in beiden Fällen die Arbeitsteilung mit höherer Produktivität ohne jedoch die handwerkliche Basis der Produktion zu überwinden. Der technische Fortschritt, den sie hervorbringt, beschränkt sich zumeist auf die Entwicklung neuer und die Verfeinerung bestehender Werkzeuge.

Entstehung

Die Wirtschaftslehre des Merkantilismus forderte die Fürsten auf, Importe zu verringern und Exporte zu fördern. Zu diesem Zweck wurden z. B. Seiden- und Porzellanmanufakturen errichtet. Wenn die Manufakturprodukte keinen Absatz fanden, zwangen die Fürsten manchmal die Bürger, besonders die Juden, zum Kauf der Erzeugnisse, z. B. in Brandenburg. Bei Arbeitskräftemangel wurden auch schon mal Waisenkinder oder Bettler zur Arbeit in den Manufakturen gezwungen. In Dresden z. B. wurde 1685 das Waisenhaus als Manufaktur (Spinnerei) errichtet. Das ökonomische Prinzip des Kapitalismus scheint bei der Errichtung der Manufakturen erstmals durch, bevor es in der Industrialisierung vom gesamten Wirtschaftsleben Besitz ergreift: Die Organisation der Arbeit ist das Mittel, die hergestellten Waren zu verbilligen, in dem die notwendige Arbeitszeit zu ihrer Herstellung verkürzt wird, und dadurch die weitere Anhäufung von Kapital zu beschleunigen.

Kritik

Trotz der höheren Produktivität hatte die Schaffung von Manufakturen auch Nachteile für die Handwerker und Arbeiter.
- Die wiederholte Ausführung einfacher Detailarbeit belastet bestimmte Körperteile einseitig und führt zu Krankheiten.
- Die Arbeit ist stumpfsinnig.
- Da für viele Arbeiten eine geringe Qualifikation erforderlich ist, sind die Arbeiter austauschbar und können stärker ausgebeutet werden. Adam Smith, der große Nationalökonom der Manufakturperiode, beschreibt in seinem Hauptwerk "Wealth of Nations" diese Konsequenzen der Manufaktur für den Teilarbeiter: Sie zerstört selbst die Energie seines Körpers und verunfähigt ihn, seine Kraft schwunghaft und ausdauernd anzuwenden, außer in der Detailbeschäftigung, wozu er herangezogen ist. In der Manufakturperiode entsteht erstmals - wenn auch zuerst nur in geringem Umfang - eine Hierarchie der Arbeiter. Es entstehen Arbeitsplätze mit sehr einfachen Anlerntätigkeiten, auf denen die Arbeiter schlechter entlohnt werden als auf anderen Arbeitsplätzen, die größere Spezialisierung erfordern.

Der Begriff heute

Die dem Begriff der Manufaktur, also der Produktion durch Handarbeit, - tatsächlich oder vermeintlich - innewohnende Vorstellung von Qualität und Luxus wird in Namensgebung und Werbung von Firmen aufgegriffen.
- In der gläsernen Manufaktur fertigt Volkswagen den VW Phaeton
- DaimlerChrysler betreibt die Maybach-Manufaktur. Kategorie:Absolutismus Kategorie:Arbeit

19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert begann am 1. Januar 1801 und endete am 31. Dezember 1900. Es gehört zur Epoche der Neuzeit, die um die Jahrhundertwende zum 16. Jahrhundert begonnen hatte.

Neue Organisationsformen: Der Nationalstaat

Fragt man nach den Organisationsformen, danach in welchen Einheiten sich die Menschen wahrnahmen, dann dürfte dies die große Veränderung sein, die mit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eintrat: Der Nationalstaat wurde als neue politische Institution aufgebaut. Er forderte neue Themen, neue Bildungssysteme, neue wirtschaftliche Strukturen, eine neue Vorstellung seitens derer, die in ihm lebten: die Bereitschaft, sich als Bürger zu sehen und sich dementsprechend zu organisieren. Herrschaft geht im 18. Jahrhundert noch von den Herrschaftshäusern und politischen Parteiungen aus, sowie von mächtigen Adeligen, die hinter den Parteiungen stehen. Kriege werden im 18. Jahrhundert dementsprechend wahrgenommen: Regenten wollen sie, und lassen "ihr" Geld in sie fließen. Militärische Niederlagen werden im 18. Jahrhundert nicht als nationale Demütigungen empfunden, sondern als Teil einer von Regenten gestalteten Machtpolitik. Hier entwickelt sich im 19. Jahrhundert eine ganz neue Wahrnehmung. Sie ist vor allem eine Folge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, die von einem ganz neuen Heer getragen werden - einem aus Staatsbürgern zusammengesetzten. Insbesondere Deutschland hat dem französischen Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts wenig entgegenzustellen. Das Heilige Römische Reich ist in Einzelstaaten zersplittert, die von Napoleon gegeneinander ausgespielt werden. Der Reichsverband wird aufgelöst. Deutschlands Intellektuelle fordern in der Reaktion auf die Bedrohung einen Nationalstaat, der erst noch gegründet werden muss, der jedoch auf diesem Weg mit einem ganz neuen Bewusstsein von Staatsbürgerlichkeit ausgestattet wird. Ende des 19. Jahrhunderts sind militärische Niederlagen dann mit enormen nationalen Gesichtsverlusten verbunden. Ein deutsches Heer zieht 1870 durch Frankreich und erzwingt in Versailles, dem traditionelle Ort der von Frankreich ausgehenden Herrschaft ein Eingeständnis der Niederlage, das als nationale Schmach empfunden werden muss (und 1918 eine internationale Gegenantwort, eine verheerende Demütigung Deutschlands nach sich zieht). Nationale Euphorien, wie sie in der Befreiung Griechenlands von den Türken in den 1820ern und im Einigungsprozess Italiens Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommen, bleiben ohne Parallele im 18. Jahrhundert - weder die englische Glorious Revolution von 1688 noch die Französische Revolution waren von vergleichbaren nationalen Sentimenten der Vereinigung begleitet. Europas Intellektuelle wie der Romantiker Lord Byron, der bei einem militärischen Kommando in Griechenland stirbt, entwickeln eine romantische Identifikation mit den neuen nationalen Bewegungen, die vom Volk getragen werden müssen, um zu funktionieren. Authentischer als Politik des 18. Jahrhunderts, echter, den Wurzeln näher, erscheint der neue Nationalismus. Das 19. Jahrhundert legte hier Grundsteine für Entwicklungen die im 20. neue Ausprägungen und globale Dimensionen gewinnen sollten. Der Faschismus und der Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts werden sich als national-völkischen Bewegungen manifestieren. Hochtechnisierte und hochgerüsteten Staaten werden sich hier in romantischen Rückbesinnungen auf Völkische Ursprünge definieren und Konflikte globaler Dimensionen austragen, die die Welt neu ordnen werden.

Die Nation als von ihrer Wirtschaft lebende Einheit

Entscheidende Bedeutung für die Ausbildung des Nationalstaates gewinnt im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung, die ein Ringen um wirtschaftliche Macht zwischen Europas Nationen auslöst. Im 18. Jahrhundert suchen die Regenten Europas nach Möglichkeiten, ihre Staatshaushalte zu sanieren - Staatshaushalte, die im wesentlichen ihre persönlichen familiären Haushalte sind. Geld leihen sie sich von privaten Finanziers, Steuereinnahmen erhöhen sie, soweit dies geht, im besonderen Fall ziehen sie Geld aus der kursierenden Münze. Es geht aus der Sicht der Haushalte des 17. und 18. Jahrhunderts darum, den Abfluss von Edelmetall ins Ausland verhindern. Infrastrukturmaßnahmen, wie die Ansiedlung von Manufakturen, bleiben im 18. Jahrhundert von den Regenten gesteuerte Maßnahmen. Der Kameralismus entwickelt sich als eigene Wissenschaft der wirtschaftlichen Sanierung eines Territoriums durch den Landesherrn. Mit dem 19. Jahrhundert verändert sich die Sicht auf wirtschaftliche Entwicklungen. Großbritannien wurde als Kolonialmacht und als Land der hier früh einsetzenden Industrialisierung bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Wirtschaftsimperium. Amsterdam verlor seine Stellung als zentraler Handelsplatz. London, die Hauptstadt des Commonwealth übernahm diese Position. Die nationale Einigung Deutschlands geschieht am Ende im 19. Jahrhundert maßgeblich in einem Aufholprozess, der auf dem Gebiet des Nationalismus mit Frankreich konkurriert, wirtschaftlich und militärisch jedoch mit dem industrialisierten und hochgerüsteten Großbritannien. Ohne die Industrialisierung, wie sie England leistete, kann das aufstrebende Preußen, die Kernmacht des neuen deutschen Reichs, Großbritannien keine Flotte entgegenstellen, und ohne eine Flotte wird die neue Nation keine Chance haben, noch Kolonien zu akquirieren. Europas Nationen müssen die Rahmenbedingungen für die Industrialisierung stellen, wollen sie einander gegenüber bestehen. Der wirtschaftliche Konzentrationsprozess wird von neuen Debatten begleitet: Mit der Auseinandersetzung um den Liberalismus geht es im 19. Jahrhundert um die Kernfrage, ob dem Nationalstaat mehr mit einer staatlich gelenkten Wirtschaft gedient ist, oder damit, dass er seinen Bürgern und ihrer Initiative größte Freiheit lässt. Der Kommunismus gewinnt in der Auseinandersetzung zwischen deutschen Debatten und der Realität des englischen Wirtschaftssystems Mitte des 19. Jahrhunderts seine Programmatik. Er prognostiziert, dass mit der neuen wirtschaftliche Integration die Klasse der Arbeiter eigene Kontur gewinnt - eine Klasse, die am Ende das Ende der Nationalstaaten herbeiführen wird, eine Weltherrschaft der Arbeiterklasse, gestützt auf die Produktion, die letztlich von der Arbeiterklasse ausgehen muss. Der Sozialismus strebt Kompromisse mit dem Nationalstaat an, soziale Sicherungssysteme, die Massenarmut verhindern und den Staat stabilisieren.

Europas Nationen im Wettbewerb um Kolonien

Der Kolonialismus des 19. Jahrhunderts geht im wesentlichen bis in das 16. und 17. Jahrhundert zurück, er weist jedoch gänzlich neue Züge auf. Spanien und Portugal nutzten ihr Kolonien vordringlich, um Gold aus ihnen zu beziehen - das Edelmetall war von kurzem Profit, der Goldfluss führte zu einem Preisverfall, weniger jedoch zum Aufbau sich selbst erhaltender wirtschaftlicher Strukturen. Einen zweiten Entwicklungsschub leistete der niederländische Kolonialismus des 17. Jahrhunderts, der Amsterdam zum Weltfinanzort machte. Ihn prägte der Zusammenschluss Amsterdamer Kaufleute in Handelsgesellschaften, die die größere Erschließung von Wirtschaftsräumen zwischenfinanzierten. Importiert wurden aus den Kolonien Handelswaren. Der Reichtum der Niederlande resultierte aus dem Zwischenhandel und der Veredelung von Rohstoffen in Manufakturen des Landes. Was dem niederländischen Kolonialismus fehlte, war die staatliche Deckung, die er in Großbritannien entwickelte. Die Unterwerfung des Mogul-Reichs Mitte des 18. Jahrhunderts mit britischer Militärmacht bedeutet hier am Ende eine Weichenstellung in den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Private Kapitalgesellschaften bilden das Rückgrat des britischen Kolonialismus. Der Staat deckt sie durch den Aufbau der Nationalbank. In den Kolonien baut der erstarkende Staat Substrukturen seiner selbst auf: Eigene Bildungszentren, eine eigene ständige Armee als Ordnungsmacht, eigene staatliche Strukturen, aus denen im 20. Jahrhundert führende Nationen der Dritten Welt hervorgehen. Der Wettstreit der Nationen um Kolonien wird im 19. Jahrhundert zum zentralen Thema europäischer nationaler Selbstwahrnehmung. Große Projekte wie der Bau des Sueskanals werden zu Kristallisationspunkten des neuen Bewusstseins. Die eigene, europäische Überlegenheit gegenüber dem kolonialen Raum schafft einen Rassismus, der im 18. Jahrhundert nicht bestand, und ein eigenes Feld der Kulturtheorie, in dem es um die Frage geht, unter welcher Bedingung sich Kulturnationen entwickeln.

Rohstoffe, Energiereserven und Industrie

Innerhalb der einzelnen Länder wird die Industrialisierung und die Erschließung der Kohlevorkommen zum Gegenpol des Kolonialismus. Zu verarbeitende Güter werden importiert, Energiereserven müssen im Land für ihre Verarbeitung erschlossen werden. Die Kohlevorkommen Nord und West Englands, Lothringens und des Rheinlands werden der Reihe nach wirtschaftlich nutzbar gemacht. Großbritannien muss sich Ende des 19. Jahrhunderts der wirtschaftlichen Konkurrenz des erstarkten europäischen Kontinents stellen, bevor die USA im 20. Jahrhundert mit einer eigenen Wirtschaftspolitik und Dank ihrer schieren Marktgröße Europas Nationen überholen. Die Erfindung der Dampfmaschine geht in das frühe 18. Jahrhundert zurück. Im Zusammenspiel mit der Erschließung neuer Energievorkommen und dem Rohstoffimport aus den Kolonien erlaubt sie den Aufbau des industrialisierten Europas. Europas Landkarte verändert sich im Prozess. Reich waren im 17. und 18. Jahrhundert vor allem die Herrschaftszentren. Mit der Erschließung von Rohstoffvorkommen werden Regionen, die bislang uninteressant waren, als Wirtschaftsstandorte attraktiv. Das Rheinland und der Raum um Lüttich machen hier Karrieren.

Neue Verkehrsmittel und Medien

Mit der Industrialisierung wird die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt aufgebaut - beides Erfindungen, die nötig sind, um die flächendeckende Erschließung von Wirtschaftsräumen überhaupt zu durchzuführen. Auf dem Kontinent erlaubte die Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts den Transport von Waren, die verarbeitet werden sollen an die Orte, an denen Rohstoffvorkommen die Energiereserven stellen. Zwischen den Kohleabbaugebieten, den industrialisierten Zentren, und den bestehenden Handelsmetropolen entwickeln sich Verkehrsnetze. Mit der Ausdehnung der wirtschaftlich nutzbaren Fläche wächst die Bevölkerung im 19. Jahrhundert. Zu den neuen Verkehrsmitteln kommt ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Aufbau der modernen Telekommunikation. Das erste Transatlantikkabel wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelegt. Nachrichten können wenig später mit Lichtgeschwindigkeit weltweit transportiert werden - für den Wettstreit zwischen den USA und Europa, der mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt, ist das fast die entscheidende Voraussetzung. Mit den neuen Medien nimmt die staatliche Struktur selbst neue Formen an. Herrschaft bedurfte im Mittelalter immer wieder der persönlichen Präsenz des Regenten, der im Bedarfsfall von Pfalz zu Pfalz reiste, um Herrschaftsansprüche zu vor Ort geltend zu machen. Die frühe Neuzeit erlaubte die zentrale Machtausübung, den Absolutismus als neue Herrschaftsform. Eine zentrale Steuer- und Geldpolitik und eine bis an die Landesgrenzen reichende militärische Präsenz sicherten die neue Herrschaftsform wie die neuen Medien des Informationsmarkts: der Druck machte im 17. Jahrhundert Zeitungen allerorten verfügbar. Noch breiteten sich Nachrichten jedoch mit der Geschwindigkeit des Postverkehrs aus, und dieser Informationsfluss ließ bis in das 19. Jahrhundert kaum beschleunigen. Die Kommunikation über die Telegrafie erlaubt Mitte des 19. Jahrhunderts die Produktion von Zeitungen und Journalen, in denen weltweit am selben Tag dieselben Nachrichten verfügbar werden. Die Machtausübung zwischen Regierungszentralen und lokalen Behörden gewinnt Intensität. Das Gefühl jederzeit und an jedem Ort des Landes von den Entscheidungen der Regierung betroffen zu sein, von Entscheidungen die ihre Informationen vorort erheben, schafft ein neues Bewusstsein bei den Bürgern von der übergeordneten staatlichen, das gesamte Gebiet erfassenden Einheit.

Bürgertum und Interessenverbände

Die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und dem Staat werden im Verlauf des 19. Jahrhunderts in den Nationalstaaten grundlegend neu organisiert. Das 18. Jahrhundert trug noch immer den Traditionen der Ständegesellschaft Rechnung. Privilegien wurden einzelnen Ständen garantiert. In den Städten wurden Berufsgruppen mit Privilegien ausgestattet. Wirtschaftlichem Wachstum waren im 18. Jahrhundert ganz handfeste Grenzen gesetzt: Die meisten Städte Europas waren im 18. Jahrhundert ummauert. Manufakturen mussten vor den Stadtmauern ohne den Schutz errichtet werden, den die Stadt gewährte. In der Stadt wiederum wurden die einzelnen Handelsbefugnisse vom Rat der Stadt verwaltet und nicht vermehrt. Wer im 18. Jahrhundert in einer Stadt ein neues Geschäft aufmachen wollte, musste in eine Familie mit der Gewerbebefugnis seiner Wahl einheiraten oder eine verwaiste Gewerbebefugnis erwerben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schleifen die größeren Städte Europas ihre Befestigungsanlagen. Wo die Mauern standen, entstehen Ringstraßen. Wirtschaftliche Ansiedlungen und Villenviertel greifen an den neuen Sternstraßen aus, die die Städte des 19. Jahrhunderts anlegen. Die Voraussetzung dieser Entwicklung war der militärtechnischer Fortschritt: Als sich Städte nicht mehr verteidigen ließen, wurden ihre großen Befestigungsanlagen unnütz, neue Armeen mussten die Landessicherung vornehmen. Mit dem 19. Jahrhundert entwickeln sich die Großstädte Europas zu Wirtschaftszentren. Zutrittsbedingungen zu den Berufen werden liberalisiert. Neuansiedlungen von Unternehmen werden gefördert. Ein neues Verständnis staatsbürgerlicher Initiative und privaten Unternehmertums ist die Folge. Das Bürgertum, das zur treibenden initiativen Kraft wird, benötigt und schafft neue Organisationsformen. Berufsverbände und ein komplexes Geflecht an Gesellschaften und Interessengruppen, die das wirtschaftliche Leben bestimmen und den kulturellen Austausch prägen.

Nation und Bildung

Eines der wichtigsten Probleme, das die Französische Revolution Europas Nationen hinterließ war das der stabilen sozialen Ordnung. Eigene Ideologien nehmen sich im 19. Jahrhundert der zentralen Frage der sozialen Mobilität und ihrer konfliktfreien Gewährleistung an - der Positivismus, der anfänglich der französische Revolution nahe steht und dann mit dem Liberalismus einhergeht, begründet die Soziologie als Wissenschaft des geregelten und für die Menschheit fruchtbaren Zusammenlebens. Der Sozialismus und der Kommunismus knüpfen weiterreichende politische Forderungen an die Entwicklung der Staaten. Eine ganz andere Lösung des Problems sozialer Mobilität richtet sich mit den Bildungssystemen ein. Die Nationen Europas garantieren ihren Bürgern - unabhängig von Schicht und Konfession - gleiche Aufstiegschancen. Statt der Revolution einer Klasse, kann das Individuum versuchen, in privater Initiative sich empor zu arbeiten. Die Chancen dazu muss das Bildungssystem liefern, das allen offen steht. Die Schulpflicht wird eingeführt. Zu sozialer Unruhe führt das neue System dabei gerade nicht: Jeder einzelne kann theoretisch aufsteigen, wenn er den entsprechenden Bildungsweg nimmt. Praktisch haben die finanzstarken Schichten des Bürgertums und des Adels nicht wettzumachende Vorteile, ihren Kindern in den nationalstaatlich organisierten Bildungssytemen die optimalen Startbedingungen zu geben. Arbeiterkinder werden frühzeitig aus der Schulbildung genommen, um für den Familienunterhalt zu sorgen. Mindestens so wichtig für die soziale Stabilisierung werden die nationalen Diskussionsthemen, die in den Schulunterricht eingeführt werden. Sie sorgen für ein tiefergehendes Klassenbewusstsein. Über Kunst, Literatur und Musik spricht man in den oberen Schichten - gebildet. In den unteren Schichten bietet eine populäre Kultur eigene Diskursgegenstände an mit dem Ergebnis, dass eine Vermischung der Schichten für alle Beteiligten unattraktiv wird. Man teilt die Themen nicht, die in den verschiedenen Schichten interessant sind, sobald man Schichten wechselt.

Kulturnationen und Säkularisation

Die Schulbildung und alle nationalen Debatten blieben im 18. Jahrhundert mit religiösen Themen ausgestattet. Die Religionen stellten entscheidend die Öffentlichkeit her, innerhalb derer Diskussionen stattfinden konnten. Europas Landkarte war nicht nur territorial zersplittert, sie war zudem nach den drei Konfessionen geteilt, ohne das dabei ein einheitliches Muster zustande kam. Die Konflikte zwischen den Nationen deckten sich nicht mit der konfessionellen Landkarte. Konflikte einzelner Nationen mit Interessengruppen, die konfessionell gebunden waren, führten in der Regel darum immer sofort auch Konflikte zwischen den Nationen herbei, die sich für die benachteiligten religiösen Gruppen verantwortlicher fühlten. Anfang des 19. Jahrhunderts erfasst eine Säkularisations-Welle Kontinentaleuropa. Die Kirche wird dem Staat untergeordnet. Einzelne Territorien wie Bayern und Württemberg überwinden ihre Zersplitterung in kleine isolierten regionale Gebiete durch spektakuläre Aneignungen kirchlichen Besitzes. Eine Verlagerung gesellschaftlicher Debatten muss die Säkularisation absichern. Die Nation muss die Diskussionen dominieren, will sie die Macht der Kirchen zurückdrängen. Sie tut dies indem sie gerade den Schutz der bürgerlichen Freiheiten anbietet. Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts führt die Gleichberechtigung der Religionen ein, bevor er den Bürgern gänzliche Freiheit des Bekenntnisses einräumt. Von entscheidender Bedeutung wird diese Entwicklung für Europas Juden, die bislang in allen Territorien eine diskriminierte Minderheit waren. Wohl finden sie auch jetzt kaum Zugang zu Positionen in Militär und Politik, doch können sie in Wirtschaft und Bildung zunehmend frei investieren und eine eigene Bedeutung in der Gesellschaft damit entwickeln. Gegenüber den von der Religion dominierten Debatten kommen neue Debatten- und Bildungsgegenstände auf: Nationaltheater werden in den Städten aufgebaut, um der Nationalliteratur einen Raum zu geben. Auf dem Buchmarkt werden die Veränderungen mit einer Umstrukturierung des Angebots greifbar: Die Buchhandlungen des 18. Jahrhunderts boten überwiegend Theologica - kontroverse Theologica, große Lehrwerke, "praktische" Theologie vom Gebetbuch bis zum religiösen Verhaltensratgeber. Im 19. Jahrhundert verliert die Theologie ihre Marktbedeutung, die Belletristik und in dieser die Nationalliteratur nehmen ihren Platz ein. Zusatzdiskussionen kommen auf: Die Kunstdebatte, die jetzt bildende Kunst zum neuen Gegenstand hat, die ernste Musik, die einen eigenen Konzertbetrieb aufbaut. Mit beiden Debattenfeldern wird die nationale Literaturdiskussion um zwei internationale Plattformen erweitert. Alle drei großen Debatten werden im Austausch über die "Kultur" zusammengefasst. Die Frage, was eine Kulturnation auszeichnet, beschäftigte Europas Intellektuelle im Blick auf die "unterentwickelten" Länder Afrikas wie im Wettstreit der europäischen Kulturnationen um nationale Identität. Er findet auf dem Gebiet der Kultur seinen Hauptaustragungsort. Identifizierten sich Großbritannien und Frankreich mit längerer Tradition als Nachfahren Roms, so wählt Deutschland im 19. Jahrhundert einen folgenschweren nationalen Sonderweg. Das Mittelalter wird zur eigenen großen Phase der Nation gemacht. Über das Mittelalter gründet sich die neue Nation auf "germanische" Wurzeln. Als Option war dies bereits in Debatten der Humanisten angelegt. Nun jedoch wird ein spezifischer Nationalcharakter und eine neue Ethik hinzuentwickelt. Deutschland bricht im 19. Jahrhundert mit Idealen des christlichen Humanismus. Das Germanische wird als Gegenkultur aufgebaut, in der das Volk am Ende die Ethik rechtfertigen soll - es wird zur vitalen biologischen Einheit, die die Nation als Organisationsform hervorbringt, und die von der Nation aggressiv gegen Einfluss der Nachbarnationen geschützt werden muss. Von der Romantik geht hier eine Entwicklung in die Philosophie Friedrich Nietzsches, die einen über der Moral stehenden Übermenschen denkbar macht, in den Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts, wo der Übermensch und das Volk rassistische Qualitäten gewinnen gegenüber den "Untermenschen" im Land und "in den slawischen Völkern" des Ostens, deren Unterwerfung und Ausrottung Programm des wirtschaftlich und militärisch modernen Nationalstaates werden - eines Nationalstaats, der die verqueren Traditionsangebote des 19. Jahrhunderts zusammenbringt und der schließlich zum Schutz der "arischen Rasse" schreitet.

Die Literatur, die Kunst und die Musik werden zu Bereichen eines pluralistischen Austauschs

Die Literatur, jetzt definiert als der Bereich der nationalsprachlichen Überlieferung (siehe hierzu eingehender den Artikel Literatur), die Kunst, jetzt definiert als Feld der Dinge, die ob ihrer Ästhetik gewürdigt sein wollen und die Musik werden in Europas Nationen zu privilegierten Debattenfeldern. Die Entwicklung kommt maßgeblich über die Sekundären Diskurse zustande, die sich diesen Produktionen im Feuilleton und an den Schulen und Universitäten annehmen. Eine Neuordnung des Marktes ist die Folge: Hoch stehen die kulturtragenden national gewürdigten Produktionen, niedrig dagegen eine neue kommerzielle Kultur, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die Vermarktung gegenüber den unteren Schichten als neuem Massenpublikum abzielt. Die hohe Produktion der anspruchsvollen Kunst, Literatur und Musik, die die Kunstausstellungen, die Konzertsäle und die Literaturzeitschriften erobert, wird unter der massiven gesellschaftlichen Würdigung, die sie erfährt, mit der Wende ins 19. Jahrhundert zum Austragungsort aller wichtigen Debatten. Staatstragender Kunst steht dabei eine permanente Revolte der Kunst gegen bestehende Moral und Ästhetik gegenüber. Eine übergreifende Debatte begleitet den Weg der Kunst und der Literatur in die gesellschaftsweiten Diskussionen: Die Debatte, wie weit Kunst sich anderen Zwecken zur Verfügung stellen kann, respektive wie stark der Künster auf der Autonomie der Kunst beharren kann, sich ganz seiner Arbeit verpflichtet fühlen darf - einer Arbeit, auf die der sekundäre Diskurs zukommen muss, und die durchaus nicht einfach nach seinen Ansprüchen gebildet wird. Unter dem Motto L’art pour l’art erweitert die als Ästhetizismus ausgewiesene Option das Spektrum bis dahin bestehender Schulen, die zu unterschiedlichen Interessengruppen unterschiedliche Nähe entwickelten - von der staatsragenden Kunst des akademischen Historismus bis zu den Schulen, die die Kunst in den Dienst sozialer Anliegen stellen. Unterhalb dieser in der hohen Kultur ausgefochtenen Kämpfe entwickelt sich eine breite Produktion, die an kommerziellen Bühnen und im Angebot der Trivialliteratur ein Massenpublikum erobert, bevor dieses mit dem Sport als neuem Ereignislieferanten und einer allgemeinen Massenpresse einen eigenen Status als politische Macht und ganz eigene Medien und in ihnen transportierte Informationen gewinnt.

Wissenschaften

Massiv zeichnen sich die skizzierten Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb ab: Bis in das 18. Jahrhundert hinein wurden die Wissenschaften an kirchlichen und landesherrlichen Institutionen unterrichtet. Die Fächer Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie teilten den Wissenschaftsbetrieb unter sich auf. Nationale Akademien der Wissenschaften kamen mit dem 17. Jahrhundert ins Spiel und gaben der "Gelehrtenrepublik" neue Dachstrukturen. Die Naturwissenschaften blieben jedoch bis in das späte 18. Jahrhundert trotz der spektakulären Erkenntnisse seit Galilei und Newton eine Domäne für Liebhaber. Es gibt für sie im 18. Jahrhundert keinen wirtschaftlichen Nutzen und keine Berufe, in denen sie sich auszahlen könnten. Die Sicht auf die Naturwissenschaften ändert sich im 18. Jahrhundert maßgeblich durch die Leistungen der Royal Society, die als Wissenslieferantin den Aufbau der Kolonien begleitet. Die Verbesserung der Navigation und ihr dienend der Zeitmessung, die Sammlung geographischer Informationen gehören zu den ersten Angeboten der auf die Naturwissenschaften ausgerichteten wissenschaftlichen Gesellschaft. Verbesserungen landwirtschaftlicher Anbauverfahren, die am Ende wirtschaftliche Profite abwerfen, kommen als Errungenschaft der Wissenschaften im späten 18. Jahrhundert in die Diskussion. Mit der Industrialisierung wird in den Nationen Europas diskutierbar, dass technische Universitäten aufgebaut werden müssen, um Grundlagenwissen zu produzieren. Das alte Gefüge der Wissenschaften wird aufgebrochen:
- Die Naturwissenschaften beliefern die technischen Wissenschaften mit Erkenntnis,
- die Ingenieurwissenschaften greifen in die Praxis aus,
- die Geisteswissenschaften werden aufgebaut, um die großen gesellschaftlichen Debattengegenstände mit hierarchisierbaren Diskussion auszustatten: Die Geschichte, die Literatur, die Kunst, die Musik werden Bereiche des Universitätsbetriebs,
- Sozialwissenschaften kommen im 19. Jahrhundert hinzu, behalten aber einen Außenseiterstatus.

Europa und die Welt

Der Nationalstaat wurde in der größeren Perspektive die Einheit, die die weltweite Expansion mit neuer Koordinationskraft übernehmen konnte. Afrika hatte dem europäischen Konzept ethnische Kulturen entgegenzustellen und wurde am härtesten von der neuen Entwicklung getroffen: Europas Nationen teilten Afrika unter sich auf und schufen eigene Pseudonationen in Afrika: Gebiete, deren Grenzen mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen wurden, Gebiete wie sie in Europa Nationen praktisch gewesen wären, die lange in einzelne Machtdomänen zersplittert waren. In Afrika konnten die Nationen ihre eigenen Organisationsstrukturen auf in ihren Augen kaum vorhandene Organisationsstrukturen aufsetzen, ein Problem, das Sprengkraft im 20. Jahrhundert entfaltete, als dieselben künstliche geschaffenen Einheiten in "Unabhängigkeiten" entlassen wurden, die letztlich alles andere als Unabhängigkeit erlaubten. Anders entfaltete sich der Nationalismus in Asien: Hier traf Europa im 18. Jahrhundert auf politische Einheiten, die ganz wie europäische Einheiten organisiert waren. Das Kaiserreich China schien europäischen Beobachtern überlegen in seiner Organisation, hier hatte man einen vollendet zentral organisierten Staat aufgebaut. Indien schien Europa dagegen unterlegen: das Moghul-Imperium blieb das Projekt einer einzelnen Dynastie, die am Ende in blutigen Erbschaftsquerelen unterging. Großbritannien, Frankreich und Dänemark suchten das Machtvakuum zu nutzen, das sich Mitte des 18. Jahrhunderts in Indien abzeichnete, Großbritannien blieb dabei erfolgreich. Mit dem 19. Jahrhundert und dem Aufbau der europäischen Nationalstaaten errangen diese eine überlegene Organisationsstruktur: die Integration wirtschaftlicher, militärischer Macht unter dem Dach einer zentralen Außenpolitik staatlicher Deckung. Die Nationen Europas handelten am Ende untereinander ihre Machtansprüche aus. Die Länder Asiens mussten den Weg eigener Nationalstaatlichkeit wählen. Japan ging ihn mit der Revolution der 1860er als einzige asiatische Nation erfolgreich mit einer Übernahme politischer Strukturen von Großbritannien und einer Übernahme des Bildungssystems insbesondere von Deutschland. Der Aufbau einer Militärmacht und einer Wirtschaftsmacht folgte mit verheerenden Konsequenzen für die benachbarten asiatischen Nationen. Die unterlegenen Nationen Asiens gerieten mit dem 20. Jahrhundert in Europas Machtgeschiebe, und gewannen erst hier die Chance, Gegengewichte zur europäischen und amerikanischen Macht als aufsteigende Nationen aufzubauen.

Sich verändernde Wahrnehmungen: Entwicklungen werden ein zentrales Thema

Bestimmte Worte waren dem 18. Jahrhundert weitgehend fremd. Das Wort "Entwicklung" gehört zu ihnen. "Veränderung" ist das Wort, das sich im frühen 18. Jahrhundert überall dort findet, wo man im 19. Jahrhundert Entwicklungsthesen sucht. Eine Veränderung kann in einem Menschen vorgehen, er fasst einen neuen Entschluss, wird von einer neuen Stimmung erfasst, verändert sich von da auf grundlegend. Veränderungen, Revolutionen, sind im 18. Jahrhundert nicht minder in allen historischen Prozessen gesucht. Reiche gehen unter, andere werden gegründet. Man geht im 18. Jahrhundert davon aus, dass Kultur des Entschlusses bedarf. Adam entschied sich, erwachsen auf die Welt gekommen, am ersten Tag seiner Existenz, die Dinge zu benennen und aus einer einfachen Kombination von Vorstellungen die wesentlichen Erfindungen wie Schiffe, Häuser, und Städte zu begründen. Der historischer Raum war für das 18. Jahrhundert kurz. Auf die Weltschöpfung folgten etwa 1600 Jahre bis zur Sintflut, dann um das Jahr 2300 v. Chr. kam es mit der erneuten Besiedelung der Welt durch die drei Söhne Noahs zum Aufbau der jetzige Kulturräume - 1000 Jahre später war dieses Werk abgeschlossen, die Antike Welt lag so besiedelt vor, wie die ersten antiken Schriftsteller und die Schreiber des Alten Testaments sie wahrnahmen. Europa rühmte sich seiner Aufklärung gerade da es von einer kurzen Geschichte ausging, die verworrenen langen Regentenreihen mied, mit denen die Chinesen etwa ihre Geschichte ausstatteten. Die Welt müsste, so europäische Aufklärer im 18. Jahrhundert, von antiken Ruinen übersät sein, wäre die Welt älter und schon länger von Menschen besiedelt. Zur kurzen Weltgeschichte gehört das Individuum, das Kultur jederzeit und aus dem beliebigen Entschluss hervorbringt, ein Indivduum, mit dem das 19. Jahrhundert bricht.

Geschichte als Entwicklungsraum

Die Geschichte der Welt und der Menschheit wird bereits mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts länger. Versteinerungen, Fossile, erfordern neue geologische Theorien - bislang hatte man sie ohne weiteres als Beweis der Sintflut gesehen. Die Bibel wird im ersten Anlauf durch Auslegungen verteidigt, die den Schöpfungsmythos symbolisch lesen. Aus den einzelnen Tagen werden Jahrtausende der Entwicklung. Der Zunehmende Kontakt mit außereuropäischen Kulturen macht es Ende des 18. Jahrhunderts denkbar, dass kulturelle Entwicklungen lange menschheitsgeschichtliche Prozesse voraussetzen. Gleichzeitig entwickelt gerade die Romantik des frühen 19. Jahrhunderts eine große Begeisterung für die "Naturvölker", deren eigene Kultur der hohen westlichen Zivilisation in manchen Aspekten plötzlich überlegen scheint. Das 19. Jahrhundert zeigt sich begeistert von Kulturunterschieden, von der Option, dass gerade sehr lange Entwicklungen zu dem Zivilisationsstand führten, der in Europa herrscht. Die Andersartigkeit der Antike und des Mittelalters werden Untersuchungsgegenstände. Kulturelle Fremdheit wird produziert und im Historismus gegenüber der Vergangenheit in Anschlag gebracht. Maler des 17. und 18. Jahrhunderts hatten historische Szenen zumeist nur geringfügig mit fremdem Zeitkolorit versehen, der aktuelle Orient inspirierte dabei. Maler des 19. Jahrhunderts entdecken fremde Ästhetiken. Die Gotik wird als eigene Ästhetik konstruiert und von den Romantikern in großen Gemälden inszeniert. Die Antike findet eine neue, archäologische Forschung, in der es um die Rekonstruktion fremder Sitten, und vergangener Formen des Zusammenlebens geht. Die Sprachwissenschaft des 18. Jahrhunderts kannte keine Sprachentwicklungen, sie ging von Sprüngen und Neuschöpfungen aus. Anders die Sprachwissenschaft, die im 19. Jahrhundert aufkommt und die Entwicklungsgesetze postuliert und untergegangene Sprachstufen wie das Indogermanische rekonstruiert. Einen tiefen Einschnitt bedeutet für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts das Aufkommen der Evolutionstheorie und des Darwinismus. Die Abstammung des Menschen vom Affen ist weniger als Bruch mit der biblischen Überlieferung problematisch - von ihr hatte man sich an den entscheidenden Stellen bereits getrennt. Die Verwandtschaft des Menschen mit dem Affen wird vielmehr als provokante Kulturthese wahrgenommen. Sie kratzt am Selbstverständnis, mit dem sich die Menschen in den Nationen Europas als Kulturträger feiern, bevor ein eigener Rassismus sich von derselben These abspaltet: Die Theorie, die weiße Rasse könnte in der Evolution eine höhere Entwicklungsstufe erreicht haben, als die anderen Rassen der Welt.

Die Zukunft als neues Thema

Die utopischen Entwürfe des 16. und des 17. Jahrhunderts kamen bezeichnenderweise alle ohne die Zukunft als Projektionsfläche aus. Utopia, wie es Thomas Morus entwarf, war ein fiktives Eiland. Großbritannien konnte, den Entschluss vorausgesetzt, sofort einen vergleichbaren Staat einrichten. Zukunftsprospekte bleiben im 17. und 18. Jahrhundert selten. Die Memoirs of the Twentieth Century mit denen Samuel Madden 1731 sich in der Phantasie der Romanwelt bis in das Jahr 1999 wagt zeichnen eine kaum veränderte Welt des frühen 18. Jahrhunderts. Welche Erfindungen sollten noch kommen, so musste sich der Autor des frühen 18. Jahrhunderts fragen, wo doch alle Erfindungen in jedem Moment möglich waren. Mit der Ausdehnung der Vergangenheit wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Zukunft zum Raum, in dem eine neue Menschheit leben könnte. Louis-Sébastien Mercier wagt sich hier 1770 mit seinem Roman L'An 2440 in eine aufgeklärtere Zukunft, die sich erheblich von der Gegenwart unterscheidet. Im 19. Jahrhundert kommen technologische Phantasien auf, die Science Fiction entsteht mit Welten, in denen die Wissenschaften und die Technik für ganz neue Formen des Zusammenlebens sorgen. Politische Richtungen und philosophische Schulen entwickeln ein dem gleichkommendes Interesse an der Zukunft als Raum politischer Zielsetzungen. Der Positivismus geht im frühen 18. Jahrhundert aus den Erfahrungen der französischen Revolution und den Diskussionen der neuen Naturwissenschaften hervor. Sein Gründer Auguste Comte konzipiert einen Siegeszug der Wissenschaften, der am Ende das menschliche Zusammenleben revolutionieren soll. Die Soziologie wird als Wissenschaft aufgebaut, um das Zusammenleben zu erforschen und Modelle eines bestmöglichen Zusammenlebens zu entwickeln. Der Positivismus selbst wird zum wissenschaftlichen Ersatz der Religionen ausgebaut. Ihn trägt die größere Kulturthese, nach der die Menschheit sich über die Religion zu den Wissenschaften entwickeln muss, die am Ende als Produzenten des Fortschritts das beste Zusammenleben ermöglichen. Gegenüber dem Positivismus positioniert sich Mitte des 19. Jahrhunderts der Marxismus mit dem Kommunismus. Statt einer fließenden kulturellen Entwicklung fordert er den Bruch, die Weltrevolution, einen Siegeszug der benachteiligten Klassen, die den neuen Lebensstandard des 19. Jahrhunderts als billige austauschbare Arbeitskräfte ermöglichen. Zukunftsprognosen bestimmen die Debatten des 19. Jahrhunderts neben historischen Entwicklungsthesen, die dieselben Zukunftsprognosen beweisen müssen. Gerade die Zeit, die davon ausgeht, dass alle Entwicklungen langsam verlaufen, produziert im Gegenzug extrem beschleunigte Entwicklungen. Die Welt, wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts aussah, unterschied sich in vielem nicht von der Welt des Mittelalters - Informationen benötigten ebenso lange auf ihren Wegen durch Europa wie Jahrhunderte zuvor, die Verkehrsmittel waren dieselben, in Dörfern und Städten lebte man ähnlich. Ende des 19. Jahrhunderts sind Europas Metropolen weitgehend elektrifiziert, Schienennetze verbinden sie miteinander, Informationen werden ohne Zeitverzug elektronisch vermittelt. Reisegeschwindigkeiten sind durch den Zugverkehr verkürzt. Die Dampfschifffahrt verbindet die Kontinente. Die Wirtschaft ist Ende des 19. Jahrhunderts weltweit eng vernetzt. Im 20. Jahrhundert wird sie ihre erste weltweite Katastrophe erleben.

Das Individuum als Entwicklungsraum

Bis in das 18. Jahrhundert war vor allem die Religion für das Individuum und sein Innenleben zuständig. Die Medizin entwickelte grundlegende Theorien zu bestimmten Gemütsverstimmungen, die sie auf Ungleichgewichte im Säftehaushalt zurückbezog. Eine Wissenschaft der Psychologie brachte das 18. Jahrhundert nicht hervor. Sie entsteht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Konzeption eines neuen Individuums, das sich durch persönliche Schwächen definiert und "sympathisch", wörtlich attraktiv für Mitgefühl, macht. Attraktivität lag im frühen 18. Jahrhundert in der Bereitschaft, die eigene Reputation zu verteidigen. Im späten 18. Jahrhundert werden zartfühlende Helden attraktiv, die das Verständnis ihrer Umwelt einfordern, deren Schutz verlangen. Eine eigene Wissenschaft entwickelt sich mit dem neuen Individuum. Sie kümmert sich um dessen Bildung, die nun zur entscheidenden Prämisse späterer Chancen im gemeinen Leben wird. Die Erziehung wird mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum zentralen Thema - eine Erziehung, die die Möglichkeiten ausbilden muss, die im Individuum je nach seinen persönlichen Fähigkeiten schlummern. Für Persönlichkeitsprobleme werden im Verlauf des 19. Jahrhunderts in der Folge eigene Humanwissenschaften zuständig. Die Medizin erforscht persönliche Anlagen. Grundsätzliche Fragen gelten der Asozialität, die womöglich vererbbar ist, zumindest aber Zeichen einer Degeneration sein muss, für die das Individuum oder die Gesellschaft Verantwortung tragen. Der Strafvollzug wird auf Korrektion ausgerichtet. Die Erziehungsanstalten werden auf die Formung des Menschen verpflichtet. Geistige und körperliche Ertüchtigung werden Themen. Die Abhärtung und Sport kommen in Mode - beides Lebensbereiche die im frühen 18. Jahrhundert noch undenkbar waren. Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert werden am Ende zur Epoche der modernen Psychologie - der Wissenschaft, die Fehlentwicklungen in Dispositionen und schlecht verarbeiteten Erfahrungen aufspürt. Mit ihr ist der Zustand erreicht, an dem das Individuum der Theorie nach über sich weniger weiß als die neuen Humanwissenschaften, die Daten erheben, klassifizieren, Schädel vermessen, Krankengeschichten sammeln - ein komplexes Inventar an Interaktionen eingerichtet haben, mit denen die Wissenschaften dem Individuum begegnen. Eigene Phantasien setzte das im 18. Jahrhundert frei - von der Frankensteinphantasie bis zur Phantasie der positivistische wohlgeordneten Welt. Neue Phantasien werden dies im 20. Jahrhundert freisetzen: Die von Zwangsstaaten, die dem Individuum keinen eigenen Entwicklungsraum mehr lassen werden.

Ereignisse

Überblick

Den wichtigsten organisatorischen Modernisierungsschub bringt in Frankreich die Französische Revolution. Mit den Napoleonischen Kriegen sehen sich zwei Jahrzehnte später Europas Nationen gezwungen, adäquate Organisationsstrukturen zu entwickeln. Napoléon Bonaparte verbreitet zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seinen Eroberungsfeldzügen die Ideen der Französischen Revolution europaweit Der Code Civil, die bürgerlichen Gesetzesgrundlagen werden in seinem zeitweiligen Herrschaftsbereich ausgebreitet. Trotz seiner letztlichen Niederlage und dem Versuch der europäischen Fürsten, mit der Politik der Restauration nach dem Wiener Kongress von 1815, die bürgerlichen Fortschritte rückgängig zu machen, bleiben die neuen Ideen von nationaler Einheit und liberaleren Rechten in den Gesellschaften Europas, vor allem unter den intellektuellen Eliten festgesetzt. Der deutsche Sprachraum ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts politisch zersplittert. Deutsche Intellektuelle sehen im deutschen Nationalstaat die einzige Option, bürgerliche Freiheiten zu erlangen sowie eine Organisationsstruktur aufzubauen, die sich gegenüber Frankreich und Großbritannien verteidigen kann. Der Nationalstaat unter Führung der Gebildeten scheitert 1849. Die wirtschaftliche Entwicklung lässt in den meisten Territorien zu wünschen übrig. Preußen nutzt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die militärische Vormachtstellung, um die politische Vereinigung von oben herab durchzusetzen. Eine eigene Sozialstaatlichkeit wird unter Bismarck von oben herab eingeführt. Großbritannien ist seit 1703 vereinigt und verfügt seit der Glorious Revolution über eine funktionale Machtaufteilung zwischen König, Parlament und Parteiensystem. Modernisierungsschübe, wie sie Frankreich nahm, folgen in Großbritannien glimpflich, insbesondere da die wachsende Prosperität Konflikte in der Klassengesellschaft entschärft. Großbritannien kann seine Vorreiterrolle als Wirtschaftsmacht bis an das Ende des Jahrhunderts verteidigen. Der katholische Mittelmeerraum kam mit der Neuzeit in ein technologisches Hintertreffen gegenüber den nördlicheren Nationen. Das 19. Jahrhundert bringt Griechenland und Italien nationale Bewegungen und den Aufbau moderner staatlicher Strukturen. Die USA haben 1776 die nationale Unabhängigkeit errungen, bleiben jedoch bis Mitte des 19. Jahrhunderts technologisch rückständig. Hiefür ist sowohl die Sklaverei verantwortlich, die Aufbau einer industrialisierten Gesellschaft lange entbehrlich macht wie die Ausrichtung des Südens auf eine agrarische Produktion. Einen technologischen Schub brachte der Bürgerkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts mit sich. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts steht insbesondere in den Nordstaaten unter dem Zeichen einer wirtschaftlichen Aufholjagd. Der Kapitalismus findet mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika dank der schieren Größe des Wirtschaftsraums, dem Bevölkerungszuwachs (vor allem durch Immigration) und der sehr viel freieren Entwicklungsmöglichkeiten (im gesellschaftlich nicht durch Traditionen gehinderten Kulturraum eine eigene Ausprägung - jene die es den USA im 20. Jahrhundert erlauben sollten die Führungsrolle als Weltmacht zu übernehmen. Eigene Kolonien bauten die USA dabei nicht auf, als zukunftweisend erwies sich dagegen eine Politik gegenüber dem "Hinterhof" der USA - die zweite Erschließung Südamerikas durch amerikanische Konzerne. Südamerika prosperierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend durch europäische Emigranten, die die wirtschaftliche Erschließung vorantrieben, bleibt jedoch im der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hinter Nordamerika zurück. Afrika und Asien geraten im 19. Jahrhundert in ein epochales Abseits, aus dem Ende des 19. Jahrhunderts allein Japan als zukünftige Wirtschafts- und Militärmacht heraustritt.

Klima


- Die Kleine Eiszeit endet.
- Das Jahr 1816 geht als Jahr ohne Sommer in die Klimageschichte ein: der Ausbruch eines Vulkans in Indonesien im April 1815 hat zur Folge, dass in Nordamerika und Europa im Juli und August Temperaturen unter Null Grad herrschen.

Europa


- Kaiser Napoléon Bonaparte von Frankreich erobert Anfang des 19. Jahrhunderts große Teile Europas. Er reformiert viele Fürstentümer mit dem Code Civil und exportiert damit einige Errungenschaften der französischen Revolution, bis nach dem Scheitern des Russlandfeldzuges sein Niedergang beginnt.
- 1806 endet das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Unter der Federführung Napoleons werden die nordwestdeutschen Staaten zum Rheinbund zusammengeschlossen.
- In den Befreiungskriegen werden die napoleonischen Truppen besiegt (Völkerschlacht bei Leipzig). Napoleon wird auf die Mittelmeerinsel Elba verbannt, von wo er 1815 nach Frankreich zurück kehrt und die Macht für kurze Zeit zurück erobert.
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