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Gothic (Kultur)Die Gothic-Kultur ist eine Subkultur, die Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk- und New Wave-Umfeld hervorging. Sie existierte in den 1980er und 1990er Jahren im Rahmen der Dark Wave-Bewegung und bildet heute den Hauptbestandteil der so genannten Schwarzen Szene.
Die Anhänger der Gothic-Kultur werden meist als Goths, Gothics oder auch Grufties bezeichnet. Hin und wieder wird der ursprünglich negativ behaftete Begriff „Gruftie“ heute als Selbstbezeichnung genutzt, konträr dazu wurde er jedoch größtenteils aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verdrängt.
Werte
Die Gothic-Szene gilt als sehr ästhetische, introvertierte und ausgesprochen friedliche Kultur mit meist sensiblen, wenn auch mitunter etwas wirklichkeitsfremden Mitgliedern, die meist der Mittelschicht entstammen.
Die Durchschnittsbevölkerung wird vom Goth zum Teil negativ wahrgenommen, etwa als konservativ, konsumorientiert, intolerant, egoistisch und vom Gesetz der sozialen Bewährtheit geleitet. Aus der Ablehnung dieser Werte resultiert eine demonstrative Distanzierung zur Gesellschaft. Aus dem Versuch der Bewältigung der Zwänge, der emotionalen Kälte und der Vereinheitlichung des Individuums in der heutigen Gesellschaft treten wiederum die zelebrierte Melancholie und die Ideale des Individualismus und der Toleranz hervor, das was die Szene größtenteils ausmacht. Die im Kontrast zum gesellschaftlichen „Jugendwahn“, sprich der förmlichen Sucht nach ewiger Jugend, stehende Akzeptanz des Todes als natürlichen Bestandteil des Lebens, wird häufig nach außen getragen und ist u. a. eine Ursache für die scheinbare „Todessehnsucht“ der Szene-Anhänger. Diese so genannte „Todessehnsucht“, kann man also sagen, ist ein Aufschrei gegen diesen allgemeinen Zwang zur unnötigen Erhaltung der Jugend. „Egal in welchem Alter man sich befindet, man sollte es in vollen Zügen genießen.“ (Zitat R. St.)
Der Drang zum Individualismus innerhalb der Gothic-Szene, wobei die Dunkelheit und die Unfarbe schwarz eine besondere Rolle bei fast allen Gothics spielen, erschwert eine eindeutige Definition dieser, sowie die Zuordnung ihrer Mitglieder. Religiöse und politische Fragen werden unter Gothics durchaus thematisiert, allerdings nicht einheitlich beantwortet. Eine gewisse Sehnsucht nach dem Mittelalter und seinen Mythen und Sagen ist bei einigen Mitgliedern der Szene anzutreffen. Dabei handelt es sich jedoch häufig um ein romantisiertes Bild des Mittelalters, das viele Gothics vor Augen haben und das in manchen Fällen eine Flucht vor der realen Welt ermöglichen soll, jedoch auch teilweise einfach genossen wird wie etwa durch Mittelaltermusik.
Die Dunkelheit wird gelegentlich als ein schützender Mantel oder Zufluchtsort empfunden, woraus man beispielsweise den Hang zur hauptsächlich schwarzen Kleidung ableiten kann.
Religion
Die Zugehörigkeit einer Person zur Gothic-Kultur ist unabhängig vom Glauben und Religionszugehörigkeit. Gothics beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Religion und ziehen individuelle Schlüsse, weshalb eine eindeutige Zuordnung nicht möglich ist. Einige Teile der Szene lehnen die Institution Kirche, z.B. aufgrund ihrer Kritik an deren Verfehlungen im Laufe der Geschichte, allerdings völlig ab. Bei manchen Goths kann man eine Sehnsucht nach den Ursprüngen des Glaubens und dem Heidentum feststellen, welches durch die Kirche gewaltsam zerstört wurde. Das drückt oftmals den Wunsch nach den eigenen Ursprüngen und Wurzeln aus. Mystik war zu Urzeiten ein zentrales Thema des alltäglichen Lebens. Viele Gothics versuchen sie wiederaufleben zu lassen.
Es lässt sich ein überdurchschnittliches Interesse an okkulten oder neuheidnischen Inhalten feststellen. Damit einher geht eine Tendenz zum Synkretismus (auch „Patchworkreligion“).
Obwohl sich etliche Anhänger der Gothic-Bewegung ganz klar vom Satanismus distanzieren und ein völlig anderes Lebensgefühl auszudrücken versuchen, werden sie auf Grund ihrer äußeren Erscheinung oft mit diesem in Verbindung gebracht und von Außenstehenden belächelt oder gar als potentiell gefährlich eingestuft. Häufig wird mit okkulten Symbolen, z. B. dem vorchristlichen Pentagramm oder dem Petruskreuz, zum Zwecke der Provokation gespielt. Oft ist es jedoch nur die in der Szene verbreitete Faszination an Mystik, die Gothics zum Tragen okkulter Symbole bewegt. Die gesellschaftlichen Vorurteile treffen allerdings die in sich uneinheitliche Szene in ihrer Gesamtheit. Sie mögen gerade bei jüngeren Personen, die in diese Subkultur hineinwachsen, den Glauben verstärken, eine Ablehnung des christlichen Glaubens oder gar eine Hinwendung zum Satanismus sei Voraussetzung, um als Szeneangehöriger anerkannt zu werden. Dies ist jedoch absolut nicht der Fall. Die Szene honoriert eher Individualismus, als Zugehörigkeit zu einer bestimmten, dogmatisch geprägten Glaubensgemeinschaft. Insofern gehört die Gothic-Kultur zu den aufgeschlossenen und toleranten Subkulturen unserer Gesellschaft.
Ein kleiner Teil der Szene ist christlich geprägt. Ein Beispiel hierfür liefert das jährlich am Vorabend des Wave-Gotik-Treffen stattfindende „spirituelle Warm-up“.
Kunst
Die Gothic-Kultur hat verschiedene Künstler beeinflusst, nicht nur Musiker - sondern auch Maler, Fotografen und Schriftsteller. Allen gemein ist die Hinwendung zu mystischen, morbiden und romantischen Themen und Motiven. Dabei wird relativ wahlfrei auf Stilmittel früherer Epochen zurückgegriffen.
So unterschiedlich die Gothic-Kultur an sich ausfällt, so unterschiedlich erscheinen auch ihre Kunstformen: In der Fotografie und Malerei reicht das Spektrum von Fetischdarstellungen bis hin zu Bildern von Elfen oder Göttern. In der Literatur dominieren die Genre Poesie, Horror und Fantasy. Allen gemein ist eine Vorliebe für dunkle Farben und Stimmungen, ähnlich den Gothic Novels oder den Präraffaeliten und Malern des Jugendstils. Zu den der Gothic-Kultur nahe stehenden Fotografen zählen Viona Ielegems aus Belgien, Anni Bertram aus Deutschland, Stéphane Lord aus Kanada, Nadja Lev aus den USA, Simon Marsden aus England und Lord Heathcliff aus Frankreich. Unter den Zeichnern sind vor allem Rachel Huntington, Brom und Dave McKean zu nennen.
Politik
Eine eindeutige politische Ausrichtung der Gothic-Szene ist nicht feststellbar. Allerdings sind konservative oder rechtslastige Ideologien eher selten anzutreffen. Auf Grund ihrer Wurzeln im Punk interessieren sich einige Gothics für linksalternative Politikansätze, andere wiederum vertreten gänzlich unpolitische Ansichten. Dies machte sich u. a. in den frühen 90er Jahren bemerkbar. Zeitschriften wie das Bonner Szene-Magazin „Gothic Press“ wiesen 1992 auf die Gefahr von Rechts hin und sprachen sich klar gegen rechte Gewalt aus. Gleichzeitig distanzierte sich ein Großteil der Szene von jeglichen politischen Ideologien und sah Aktionen gegen Rechtsradikalismus und Rassenhass als selbstverständlich an. Man könnte die Gothic-Kultur insofern als politisch bezeichnen, dass sie sehr stark auf Grundsätze des Humanismus baut.
Geschichtliche Entwicklung
Vorläufer und vergleichbare Bewegungen
Im angelsächsischen Sprachraum wird der Begriff Gothic erstmals in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verwendet. Vor allem die so genannten Gothic Novels mit schaurigen Handlungsplätzen wie Friedhöfen, Spukschlössern, Ruinen und anderen Orten erfreuten sich großer Beliebtheit. Der große Erfolg dieser Gothic Novels und die gleichzeitig aufkommende Romantik-Bewegung im 18. und 19. Jahrhundert war auch eine Gegenreaktion auf die rationale entmystifizierende Sicht der Aufklärung. Ähnliche Motivationen liegen den verschiedenen Reformbewegungen (wie z.B. Wandervogel, FKK-Bewegung) Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zugrunde, die sich gegen die Technisierung und Industrialisierung der Lebensumwelt wandten. Im Rückzug in eine idealisierte naturgemäße bzw. menschlichere Lebensweise findet sich sowohl bei den Romantikern und Lebensreformern als auch bei Anhängern der Jugendkultur Gothic eine Tendenz zur Weltflucht.
Die Anfänge in den 1980er Jahren
Die Gothic-Szene entstand Anfang der 1980er Jahre in England aus den Trümmern der Punk- und New Romantic-Bewegung. „Gothic“, anfangs nur für die unheimlich wirkende und schräge Spielweise des Punk verwendet, wurde ab 1982/1983 auf die Anhänger dieser Kultur übertragen und lebt in vielen Teilen der Welt bis heute als Selbstbezeichnung fort.
Bereits in der Entstehungszeit und der vollendeten Herausbildung der Gothic-Kultur galt die erste Welle der Gothic-Musik ca. 1984 als erloschen. Wichtige Vertreter wie Bauhaus, UK Decay oder Specimen wandelten ihren musikalischen Stil oder gingen getrennte Wege. Während die Gothic-Bewegung in England praktisch eine Mode-Erscheinung unter vielen war, konnte sie gerade im restlichen Europa, vorzugsweise in Deutschland, innerhalb der New Wave-Bewegung Fuß fassen. Hierzulande nutzte man hauptsächlich die Bezeichnungen „Gruftie“ oder verallgemeinernd „Waver“, die allerdings ab Mitte der 1990er Jahre stufenweise durch den Begriff „Gothic“ ersetzt wurden.
Haartrachten und Kleidungstile orientierten sich in erster Linie an dem Outfit der musikalischen Hauptvertreter. Insbesondere Künstler wie Robert Smith (The Cure) oder Siouxsie Sioux (Siouxsie & The Banshees) waren lange Zeit Idole in der Gothic- und Wave-Kultur. Hinzu kam der Einfluss der New Romantic-Szene, die einige Jahre zuvor in London ihren Ausgangspunkt nahm.
Durch das Ableben der noch stark vom Punk geprägten Gothic-Musik der Anfangszeit und durch die Entstehung des Gothic Rock unter Einfluss des Hard Rock, folgte ab Mitte bis Ende der 1980er Jahre eine zweite Gothic-Welle. Führende Musiker dieser Ära, u.a. Andrew Eldritch (The Sisters Of Mercy) und Carl McCoy (Fields Of The Nephilim) beeinflussten die Mode einer neuen Generation von Gothics nachhaltig.
Die 1990er Jahre
In den frühen 1990er Jahren erlebte die Kultur einen kleinen Aufschwung, durch das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland wuchs das Interesse an Musik. Es erfolgte ein Austausch zwischen zwei Kulturen und verschiedene Newcomer-Bands und Independent-Labels konnten sich innerhalb der nunmehr gesamtdeutschen Wave- und Gothic-Szene etablieren. Darüber hinaus wurden vermehrt mittelalterliche Klänge bevorzugt, Musikprojekte und Ensembles wie Dead Can Dance, Qntal oder Estampie genossen einen hohen Stellenwert. Durch diese neue Vielfalt entstanden kleinere Gruppierungen im Innern der Szene. Obgleich sie sich derselben Kultur zugehörig fühlten, unterschieden sich Gothics, die beispielsweise zum Punk neigten von solchen, die verstärkt zum Mittelalter tendierten, sehr stark, sowohl was ihr äußeres Erscheinungsbild, ihren Musikgeschmack als auch teilweise ihre Lebensansichten anbelangte.
In England verknüpften Bands wie Paradise Lost oder My Dying Bride Metal mit Gothic Rock und legten im Jahr 1992 den Grundstein zur Herausbildung des Gothic Metal. Diese Entwicklung zeigte spätestens ab Mitte der 1990er Jahre im Rahmen der Gothic-Kultur ihre Wirkung. Szene-Magazine wie „Orkus“ oder „Sonic Seducer“ berichteten vermehrt über Metal-Bands, wodurch die konventionelle Gothic-Musik schrittweise in den Hintergrund trat. Mit nachkommenden Generationen erfolgte nun eine Ära, die durch eine zunehmende Abkehr von den ursprünglichen Wurzeln und eine Öffnung hin zu anderen Szenen (vor allem Metal und Electro) gekennzeichnet ist. Fremde Musikstile fusionierten mit Elementen der bestehenden Gothic-Musik zu neuen Subgenres. Dabei machten sich auch erstmals nichtromantische Einflüsse bemerkbar, da Romantik z. B. innerhalb der Metal- und Elektro-Kultur als fremd gilt.
Überdies nahm die Neugier Außenstehender an der Gothic-Kultur drastisch zu. Die Medien stürzten sich auf das Phänomen Gothic, was anschließend zur endgültigen „Entmystifizierung“ der Szene beitrug.
Gothic heute
Seit Ende der 1990er ist eine zunehmende Kommerzialisierung der Szene zu beobachten – ein Phänomen, das nicht zuletzt auf die relative Langlebigkeit und hohe Kontinuität der Szene zurückzuführen sein dürfte. Viele Gothics behalten ihren Lebensstil oder die damit verbundenen Vorlieben bis weit ins Erwachsenenalter und länger bei. Im Unterschied zu klassischen Jugendkulturen entsteht so ein altersübergreifender Dialog. Dieser wiederum führt – bedingt durch die vielfältigeren Kontakte berufstätiger Gothics – dazu, dass sich Gothic im allgemeinen Bewusstsein zunehmend von der Subkultur zu einem Breitenphänomen wandelt und damit auch als Konsumentenzielgruppe erfassbar und kommerziell interessant wird. Dies geschieht in Ländern mit ausgesprägten und großen Gothic-Szenen; wie den USA, Japan, England und auch Deutschland, dessen schwarze Kultur inzwischen auf die Gothics der Nachbarländer einen starken Einfluss ausübt. Eine weitere bedeutende Gothic-Szene entwickelt sich in Mexiko, die aber aufgrund fehlender Kaufkraft ihrer Mitglieder von der Kommerzialisierung unberührt geblieben ist.
Erscheinungsbilder
Jugendkultur
In der Gothic-Kultur zeichnen sich keine einheitlichen Merkmale bezüglich Kleidung und Aussehen ab. Goths, die ihre Lebenseinstellung auch durch ihr äußeres Erscheinungsbild auszudrücken versuchen, bevorzugen im Allgemeinen die Farbe Schwarz. In Anlehnung an die Wurzeln des Punk werden Strumpfhosen oder Netzhemden absichtlich mit Rissen oder Löchern versehen. Ebenso erinnern manche Frisuren an die Punk-Kultur. Jedoch legen Gothics sehr großen Wert auf ein sauberes, gepflegtes und stilvolles Äußeres. Mittelalterliche Kleidungsstile sind ebenso präsent wie ein an das viktorianische Zeitalter erinnerndes Outfit. Hierbei handelt es sich zum Teil um ein Relikt der New Romantic-Szene, andererseits gelten die Helden romantischer Vampirfilme als modische Vorbilder, wie auch der japanische Visual Kei mit seinem Gothic Lolita Stil. Andere Gothics orientieren sich stärker am amerikanischen Cyberpunk. Lackkleidung sowie (augenscheinlich) eine mit reflektierenden Formen beschlagene Kleidung wird hierbei favorisiert. Die Haare werden oftmals mit Clips verlängert und auffällig gefärbtes Fremd-/Kunsthaar wird eingearbeitet.
Insgesamt gesehen gibt es allerdings zu viele Splittergruppen, im Kleidungsstil sowie auch in Fragen Einstellung, das man nicht allzu konkrete Angaben machen kann.
Markante Merkmale können sein:
- Blasse, meist geschminkte Gesichtsfarbe (Viktorianische Ästhetik), häufig hervorgehoben durch dunkle Schminke an Augen und Mund
- Ungewöhnliche Frisuren: Irokesenschnitt (seitlich ausrasierte Haare), Undercut (zusätzlich Hinterkopf), teilweise sehr hoch toupiert, meist schwarz oder auffällig gefärbt. Teilweise eine Seite des Schädels kahl rasiert oder zu „Barock“-Frisuren frisiert. Sehr häufig sind auch (gerade bei eher mittelalterlich orientierten bzw. Metal-Musik präferierenden) Gothics überschulterlange Haare zu beobachten.
- Piercings und Tätowierungen (seit Anfang der 90er Jahre durch Einflüsse aus der Fetisch- und SM-Szene)
- Nieten, Sicherheitsnadeln, Schnallen und Glöckchen
- Religiöse, okkulte oder esoterische Symbole als Schmuck, fast ausschließlich aus Silber
- Androgyn gekleidete Männer
- Lederhosen und Netzhemden, teils zerrissene Kleidung (ursprünglicher Gothic Punk- bzw. Death Rock-Look)
- Lange Kleider und Röcke (oft aus Samt; meist mittelalterlich oder viktorianisch) sowie Rüschenhemden, Bundfaltenhosen und Pikes
- Korsetts und Corsagen bei Frauen, häufig in Kombination mit weiten Reifröcken
- Herrenröcke, Schottenröcke
- Lederhosen und -mäntel (End-80er Gothic Rock-Stil)
- Lack- und Latex-Kleidung (seit Mitte der 90er Jahre durch Einflüsse aus der Fetisch- und SM-Szene)
- Schnür- & Kampfstiefel (Rangers), Pickers (ähnlich Stiefeletten für Motorradfahrer), Stiefel mit sehr hohen Absätzen („Transformerboots“)
Diese Liste bietet allerdings nur eine kurze Übersicht der Vielfalt der Stile, die in der Gothic-Szene verbreitet sind.
Für eine genaue Stilbeschreibung gibt es zu viele Splittergruppen, die sich allerdings nicht ausschließlich durch einen spezielleren Kleidungsstil kennzeichnen lassen.
Literatur
- Klaus Farin & Kirsten Wallraff: Die Gothics - Weiß wie Schnee, Rot wie Blut und Schwarz wie Ebenholz, 1999, ISBN 3-933773-09-1 (siehe auch Archiv der Jugendkulturen)
- Volkmar Kuhnle: Gothic-Lexikon, 1999, ISBN 3-89602-203-2
- Peter Matzke & Tobias Seeliger: Gothic! - Die Szene in Deutschland aus Sicht ihrer Macher, 2000, ISBN 3-896023-32-2
- Peter Matzke & Tobias Seeliger: Gothic II - Die internationale Szene aus Sicht ihrer Macher, 2002, ISBN 3-89602-396-9
- Peter Matzke & Tobias Seeliger: Das Gothic- und Dark Wave-Lexikon, 2002, ISBN 3-89602-277-6
- Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes - Stereotyp und Vorurteile in Bezug auf jugendliche Subkulturen am Beispiel der Schwarzen Szene, 2004, ISBN 3-8334-1351-4
- Axel Schmidt & Klaus Neumann-Braun: Die Welt der Gothics - Spielräume düster konnotierter Transzendenz, 2005, ISBN 3-531-14353-0
Veranstaltungen
- Wave-Gotik-Treffen
- M'era Luna Festival
- Feuertanz Festival
Weblinks
- [http://www.angelfire.com/on3/darkalliance/texte/diplom.htm Diplomarbeit: Ideologie einer Jugendkultur am Beispiel der Gothic- und Darkwave -Szene]
- [http://www.gothicinfo.de Gothic Info - Informationen zur Gothic-Subkultur für Außenstehende]
- [http://www.jugendszenen.com/gothic/ Jugendszenen - Kurzer Überblick über die Szene]
- [http://www.scathe.demon.co.uk/histgoth.htm Scathe Demon - ausführliche Infos zur Geschichte in englischer Sprache]
- [http://www.musicfanclubs.org/cure/press/I112.html The Beautiful People (Interview mit Musikern der 1980er Szene zu deren Anfängen)]
- [http://www.sekten-sachsen.de/gothic.htm Gothic - Grufties (Weltanschauungsfragen im Bistum Dresden-Meißen)]
Siehe auch: Gothic Lolita, Mittelalterszene
Verwandte Szenen & Begriffe: Punk, Vampirismus
Kategorie:Subkultur
Kategorie:Gothic
Kategorie:Jugendkultur
SubkulturEine Subkultur („Unterkultur“) bezeichnet in der Soziologie eine bestimmte Untergruppe (Teilmenge) einer Kultur, deren grundsätzliche Werte und Normen die Mitglieder der Subkultur teilen. Die verschiedenen subkulturellen Gruppierungen einer Kultur unterscheiden sich durch sekundäre kulturelle Elemente voneinander.
Beispiele
- Ein typisches Beispiel für Subkulturen sind traditionell eng vernetzte Berufsgruppen, z. B. die Anwälte oder die Schausteller.
- Als ein sehr gewichtiges Beispiel lassen sich die sozialen Klassen auch als "Subkultur" fassen. Die Mitglieder jeder sozialen Klasse (z. B. der Adel, die Bourgeoisie, das Proletariat) kultivieren eigene Werte, Normen und Verhaltensweisen, über die sie sich von der restlichen Kultur differenzieren, ohne jedoch die grundsätzlichen kulturellen Werte und Normen der dominanten Hauptkultur in Frage zu stellen.
- Andere Beispiele finden sich in den so genannten Jugendkulturen. Diese unterscheiden sich oft über Kleidung, Musik und bestimmte Verhaltensweisen von der sie umgebenden Hauptkultur, ohne diese jedoch grundsätzlich in Frage zu stellen.
- Weitere bekannten Subkulturen sind die homosexuelle und die BDSM Subkultur.
Umgangssprachlich wird der Begriff "Subkultur" heute oft auch auf die so genannte "Gegenkultur" (counterculture) angewandt, die sich aber als im genauen Gegensatz zu den herrschenden Werten betrachtet (z. B. christliche Fundamentalisten in einer sehr liberalen Gesellschaft).
Aber auch neue Trends in Philosophie, Literatur, Mode, Kunst oder Musik werden oft zuerst von kleineren Gruppen gestartet oder aufgegriffen, die damit in Opposition zum Mainstream (siehe auch Bürgertum) stehen. (Nicht nur musikalische) Subkulturen der 80er stellten Punk, New Wave, Disco oder der frühe Hip Hop dar. in den 90ern gab es dann Alternative Rock, House, Techno, Gothic etc., und ihre jeweiligen Sub-Subkulturen (z.B. Gabber), die weit über die Musik hinaus gingen und ganze Lebensstile prägten. In der Welt der Technik stellen die Hacker eine Subkultur dar. Auch Personen, die eine bestimmte Sportart betreiben, so wie die Surfer oder Skateboarder, haben eigene Subkulturen. Heute vermischen sich zunehmend Mainstream und Subkultur durch zunehmende Kommerzialisierung neuer Trends seitens interessierter Industrien.
Literatur
Der Schriftsteller Rolf Schwendter hat verschiedene Aspekte und Motivationen von Subkulturen untersucht. Sein Buch Theorie der Subkultur erschien im EVA Taschenbuch Verlag in Hamburg (ISBN 3-434-46210-4).
Siehe auch
- Streetwear
- Underground
- Simple living
- Postmoderne
- Pop
- DIY
- Gegenkultur
Weblinks
- [http://www.criminologia.de/downloads/Subkulturtheorie.pdf Übersicht zu den klassischen kriminologischen Theorien der Subkultur]
- [http://www.jugendszenen.com www.jugendszenen.com liefert Einblicke in 17 jugendkulturelle Szenen]
Kategorie:Soziologie
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ja:サブカルチャー
th:วัฒนธรรมย่อย
PunkDas Wort Punk bezeichnet
- eine Jugendkultur, die Mitte der 1970er in New York entstand, und bald international, speziell in London, ihren „Boom“ erlebte.
- die zugehörige Musikrichtung der Rockmusik, siehe Punk (Musik)
- eine Person, die sich als Angehöriger der Jugendkultur Punk bezeichnet; Punk, Plural: Punks, deutsche Fremdbezeichnung auch: Punker.
Herkunft des Wortes
Das Wort Punk // aus dem Englischen ist älter als oft angenommen wird. Es taucht bereits bei Shakespeare auf z.B. in Maß für Maß und bezeichnet eine Prostituierte. Aus einer anderen Bedeutung von Punk „faules Holz“ ergeben sich weitere durch Übertragung: Punk bezeichnet allgemein etwas Niedriges, Minderwertiges, also „Unsinn“; auf Personen bezogen „Anfänger, unerfahrene Person; Strolch, Kleinkrimineller, Landstreicher“, oder gar „Abschaum, Dreck“.
Heute ist mit Punk vor allem eine Person gemeint, die sich nicht den gerade geltenden gesellschaftlichen Normen angepasst hat. Punk zeichnet sich auch durch revoltive Kleidung und Verhaltensweise aus.
Im Musikbereich wurde der Begriff Punk-Rock 1972 von Lenny Kaye eingebracht, dem Gitarristen der Patti Smith Group, in den Erläuterungen einer von ihm veröffentlichten Anthologie des amerikanischen Garagenrocks der 1960er Jahre.
Der Punk-Veteran Donny the Punk hat erklärt, dass das Wort Punk von einem Slangausdruck für Vergewaltigungen im Gefängnis kommt („I punked that kid“). Ein Punk ist in diesem Zusammenhang das Opfer.
Geschichte
Der Ursprung des modernen Punk liegt in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Vorreiter dieser Zeit waren die Gruppen The Stooges, MC5, The Sonics und The Velvet Underground. Punk war vor allem in seinen Ausdrucksformen eine Reaktion auf die Hippie-Bewegung. Er wendete sich sowohl gegen den Idealismus als auch gegen die Haltung der Hippies. Stattdessen setzte Punk auf offene Ablehnung der Gesellschaft.
Analyse der Entstehung
Greil Marcus' Auffassung zufolge ist Punk unweigerlich mit dem Situationismus der 1960er Jahre verknüpft. Diesen Standpunkt wollte auch Malcolm McLaren als einer der frühen Hauptprotagonisten, in der Arbeit mit den Sex Pistols (als Mentor dieser Gruppe) gerne als den Ausgangspunkt dieser Bewegung ausgeben.
Allerdings ist der Situationismus durch politische Ziele des Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus gefärbt. Der Anarchismus bei den frühen Punks wie Steve Jones, Paul Cook und Sid Vicious gleicht jedoch eher Nihilismus oder einer gewaltsamen diebischen Anomie (im wörtlichen Sinne).
Anomie
Dass zwischen dem Situationismus und dem Punk kaum eine Verbindung besteht, geht auch eindeutig aus dem Buch „Sex Pistols - The Inside Story“ von Fred und Judy Vermorel hervor. Dieses bildet aus heutiger Sicht eine der zuverlässigsten Quellen der Geschehnisse um die Sex Pistols und der frühen Punkbewegung Londons, da es zeit- und protagonistennah erstellt wurde.
Durch die Autobiographie Johnny Rottens No Irish, No Blacks, No Dogs wird die These, dass die Londoner Punk-Szene losgelöst vom Situationismus zu betrachten ist, zusätzlich unterstützt.
USA
Die Punkbewegung war immer eng mit der gleichnamigen Musikrichtung verbunden. Punk stellte sich gegen einst als progressiv geltende Bands, die nach Meinung der Bewegung durch rein kommerzielle Strategien in die Hitparaden gepuscht wurden und gegen Bands wie Pink Floyd, Genesis oder Led Zeppelin, die sich in immer unglaublicherer Gigantomanie auf LP und im Konzert verbreiteten. Welches die erste Punkrock-Band war, darüber lässt sich streiten. Genannt werden in dem Zusammenhang, oder als Vorläufer, The Velvet Underground, eine Band um Andy Warhol, die schon in den 1960ern aktiv waren, The Stooges, Iggy Pop, The New York Dolls, MC5, die Ramones oder auch
Patti Smith.
Alle diese Bands kommen aus den USA. Als amerikanisches Zentrum des Punks gilt der Club CBGB in New York City. Als britischer Vorläufer gelten the Who, die frühen Kinks und Bands wie The Troggs.
Großbritannien
Die Entstehung des englischen Punks – in den frühen 1970ern – ist aus vielen Gründen sehr speziell und lässt sich im Großen und Ganzen nicht mit der US-amerikanischen Entwicklung vergleichen.
Grundlage des englischen Punks war ein in erster Linie apolitischer Groll auf sämtliche institutionellen Organisationen. Fehlender oder mangelhafter Halt durch die Bildungsinstitutionen und nach dem Verlassen dieser die mangelnden Aussichten (soziale und kulturelle Armut) – bedingt durch das steife englische Klassensystem - überhaupt eine Arbeit zu finden, geschweige denn einen gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb dieses Systems, bildeten das Fundament für die punkimmanente Grundeinstellung.
Derart ausgeschlossen aus dem Kreise der Geldverdiener, war es den Jugendlichen (die den Hauptanteil der Bewegung ausmachten) verwehrt, an den Dingen – die ihr Herz begehrte oder begehren gemacht wurde – wie modischer Bekleidung, neue und neueste Musik in allen Formen und im Allgemeinen dem Konsum von Getränken in Gaststätten teilzuhaben.
So kann die jugendliche Punkbewegung Londons – wo das Zentrum der Entstehung war – als ein seit dem Anfang der 1970er sich über mehrere Jahre entwickelnde spätpubertäre Antihaltung sowohl gegenüber politischen Establishment als auch gegenüber der Kulturindustrie (insbesondere der Musikindustrie) und dem Bürgertum allgemein verstanden werden.
Die Alternative hieß Eigenproduktion unter anderem der Bekleidung, wenn auch aus dem Altkleidercontainer, Musik (am Beispiel der Sex Pistols mit geklautem Equipment), und dazugehörige Vertriebswege und -mittel. So bahnte sich langsam aber sicher eine neue Kultur den Weg an die Oberfläche.
Grundsätze waren: Ekstase, Verschwende dich selbst, glaube niemandem, do it yourself, stelle Autorität oder Stars in Frage.
Es entstand eine junge, zynische, flüchtige und schnelllebige Subkultur, mit eigenen poetischen, politischen und apolitischen Ausdrucksformen: Sicherheitsnadeln im Gesicht, ein Feiern von Hässlichkeit, Kopierte Fanzines, in denen man gegen alles und jeden Stellung bezog, aber auch spontane dadaistische Aktionskunst, exzessiver Konsum von Alkohol, Drogen und Sex, alles selbstorganisiert und selbstverwaltet.
Die Musik war eine schnelle, sehr einfache effektive und reduzierte Variante von Rock'n'Roll, wenn man drei Akkorde auf der Gitarre beherrschte, konnte man sie schon spielen. Virtuosität, Gitarren-Soli und ähnliche Star-Gesten waren verhasst. Die Texte bestanden aus knappen Anklagen und Beschimpfungen, Reflexionen über das eigene Leben oder reinem Dadaismus.
Es war die Zeit, in der die alten Rockdinosaurier, die seit Jahren die Hitparaden beherrschten, sich mit der aufkommenden Disco-Kultur vereinten, weltweit waren Massenarbeitslosigkeit und Krisen auf dem Vormarsch. Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Helmut Kohl standen in der Politik für eine Abkehr von der sozialdemokratischen Dekade der 70er (Willy Brandt) mit ihren Appellen an Bürgersinn und Demokratie und der Hoffnung auf Wandel in Folge der 68er-Generation. Konservative Werte waren nun wieder auf dem Vormarsch, und Leistung sollte sich wieder lohnen. Diesem offiziellen Optimismus setzten die Punks demonstrativ einen radikalen Pessimismus entgegen, der aber auch die Ziele der Arbeiterbewegung oder die Neue Linke zurückwies. Im Mittelpunkt stand die eigene Subjektivität, das eigene Leiden am Zustand der Welt, das sichtbar gemacht und so gegen sie gewendet werden sollte. Man war nicht der Auffassung, das Kritik auch konstruktiv sein müsse. Bands dieser Zeit sind die Slits, die X-Ray Spex, die Adverts oder Wire.
Einige der frühen Punkmusiker studierten an Kunsthochschulen und kannten ältere radikale Avantgarde-Konzepte, andere waren aus kleinen Verhältnisse stammende Arbeitslose oder Arbeitsverweigerer, die alles zurückwiesen, was es an Kultur und Sinnstiftung zuvor gegeben hatte. Ihnen gemeinsam war eine ständige latente Aggressivität als Attitüde, auch untereinander. Ohne sich dezidiert politisch zu engagieren, waren Ideen von Emanzipation unter Punks trotzdem wie selbstverständlich verbreitet. Die Kleidung und dieses Auftreten, und die Zurückweisung aller positiven Werte der Gesellschaft als Lügen, die für den Mainstream eine einzige Provokation darstellten, stießen oft auf völliges Unverständnis, offene Feindseligkeiten und Hass in der Gesellschaft. Gleichzeitig wurde Punk unter Jugendlichen aber auch zu einer Art Popkultur.
Parallel zum Entstehen des Punks entwickelte sich zeitgleich die ebenso radikale Industrial Culture mit Vorreitern wie Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire und SPK.
Die nächsten Generationen
Erst die zweite, dritte und vierte Generation politisierte den Punk zunehmend.
SPK
Von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird die langsam entstehende Punk-Kultur 1976 in England, als die Sex Pistols mit ihren Singles (Anarchy in the UK, und 1977 God Save The Queen) Furore machen. Zeitgleich schießen aber viele andere Bands aus dem Boden, und die Punk-Bewegung diversifiziert in fast ebensoviele Richtungen, wie Anarcho-Punk, Oi Punk, Skapunk, Fun Punk, Skatepunk, und viele mehr. Eine etwas mehr auf den Massengeschmack ausgerichtete Nachfolgebewegung war New Wave. Einen Versuch, den Geist des Punk zu bewahren bildete die Hardcore-Bewegung, die Anfang der Achtziger Jahre entstand. Als wichtigste Bands seien an dieser Stelle Agnostic Front, Dead Kennedys, Black Flag, Minor Threat und Sick Of It All erwähnt.
Sick Of It All
Es gibt gemeinsame Merkmale, die typisch sind für die Punk-Kultur: Punk bringt seine Kritik durch Punkmusik, den Kleiderstil, aber auch Fanzines und eine bestimmte Grafik (Collagen, Xerographien und Comic-Zeichnungen) zum Ausdruck. Punk betont das Hässliche und will provozieren. Er stellt sich gegen die Gewohnheiten, die herrschende Klasse, die Konsumgesellschaft, das Bürgertum und gegen Snobismus. Durch seine strikte Antihaltung und einer Lebensart von „Anarchie und Chaos”, wendet er sich gegen das ihm vorgelebte hierarchische Gesellschaftssystem. Manche Punks sehen für sich keine Zukunftsperspektive (Schlagwort: „No Future” auf sich selbst angewendet), somit ist auch die oft körperschädigende Lebensart vieler Punks zu erklären. Es gibt aber auch komplett gegenteilige Tendenzen in der Punk-Szene, wie die Veganer- und Straight Edge-Bewegung.
Ende der 1970er traten in England verschiedene Bands wie Crass, Conflict oder Zounds auf, die sich einem radikalen Antikommerzialismus verschrieben hatten. Ihr Protest richtete sich nicht nur direkt gegen Institutionen wie Politik, Kapital und Geistlichkeit, sondern gegen die Gesellschaft und deren grundlegende Werte, insbesondere die Konsumgesellschaft. So lebten die Mitglieder der Band Crass nahe London auf einer Farm in dem Versuch einer autarken und selbstversorgten, in kommunenartiger Struktur organisierter Lebensweise. Tonträger dieser Bands wurden meist zum Selbstkostenpreis verkauft, Konzerteintrittspreise waren, wenn sie überhaupt erhoben wurden, lediglich kostendeckend. Im Bezug auf Alkohol und Drogen, die in der restlichen Punkszene häufig konsumiert wurden, ging diese Strömung auch auf Gegenkurs: Um nicht von Händlern und Herstellern der Alkoholika und Drogen finanziell und moralisch abhängig zu sein, wurden diese Produkte strikt abgelehnt. Ähnlich verhielt es sich mit Fleischverzehr. Es wurde versucht, sich in keinem Lebensbereich durch etablierte Strukturen vereinnahmen zu lassen, bzw. ihnen zu folgen.
1980er und 1990er
Punk war in den 1980ern die dominierende Kultur in den meisten Autonomen Zentren. Die Chaostage in Hannover waren von 1982 bis 1984 ein fester Treffpunkt der Szene. Diese wurden 1994/1995 wiederholt, führten zu bundesweiten Medienberichten und sorgten für ein kleines Revival der Szene.
Dass soviel „Anti” trotzdem von der Mode vereinnahmt werden konnte, überraschte in den frühen 1980ern manche Punks selber. Malcolm McLaren und die Sex Pistols hatten allerdings immer darauf beharrt, dass es sich bei der ganzen Angelegenheit um The great Rock'n'Roll Swindle, also den großen Rock'n'Roll-Schwindel handelte, einen bewusst herbeigeführten Hype, und die kommerzielle Verwertung und somit Verbreitung ihrer absolut antikommerziellen, antibürgerlichen Werte und Lieder war in ihren Augen begrüßenswert.
Die Mode fand sich innerhalb der Szene. Bestimmten Bands wie zum Beispiel The Exploited wurde vorgeworfen konservativ einen Stil zu bewahren um kommerziell erfolgreich zu sein. Punk beeinflusste aber auch die Mainstream-Kultur. Die Neue Deutsche Welle wurde ursprünglich von Bands getragen, die der Punk-Szene sehr nahe standen, bevor die Musikindustrie den Trend entdeckte und eigene Bands ins Rennen schickte.
In den späten 80ern und 90ern gehörte der Punk dann zum selbstverständlichen Straßenbild in Europa. In London ließen sich besonders gestylte Punks zusammen mit Touristen fotografieren. Selbst in Kinderbüchern oder der Fernsehserie Lindenstrasse tauchten Punks auf.
Mit massenkompatiblen Bands wie Die Toten Hosen oder Die Ärzte war Punk zum Teil des Mainstreams avanciert und wurde ähnlich verkauft. Von der anfänglichen, noch apolitischen, naiven Radikalität über eine politische Radikalität von Teilen der nächsten Generationen entwickelte sich Punk zur mehrheitsfähigen, konstruktiv kritischen Stimme, und ging schließlich in der Grunge- oder Alternative-Bewegung auf. Zugleich entstand eine Gegenbewegung innerhalb der Szene, von vielen wurden die politische und kulturelle Ausrichtung zwar weiterhin fortgesetzt, die Punk-Mode aber als Klischee (Tracht (Kleidung)) empfunden, das den ursprünglichen Reiz des Experimentellen, Nie-Dagewesenen eingebüßt hatte.
Andererseits verbreitete sich die Subkultur von Punk in verschiedenen Geschwindigkeiten, von London und New York aus trat sie in Deutschland zunächst in Hamburg und Berlin, später in anderen Großstädten, und noch später dann in den ländlichen Gebieten auf. Was man unter Punk verstand, wurde dabei immer wieder neu erfunden.
Viele Leute sind der Ansicht, dass alle Punks, die nach der ersten Welle kamen, nur noch modische Nachahmungen sein könnten und den Kernsatz des „alles neu” der anfänglichen Punkbewegung, oder die im Punk oft verkörperten politischen Ansichten (z. B. Anarchie) gar nicht mehr erfüllen können.
Einige dieser Strömungen konstituierten die Hardcore Punk-Bewegung oder später die Hamburger Schule, andere wandten sich auch den neuen elektronischen Musikstilen zu (Atari Teenage Riot), in denen sie das Element des „neu“ wiederentdeckten. Wieder andere gingen in den politischen Strömungen der Antifa, den Autonomen oder der Hausbesetzer-Kultur auf. Waren ursprünglich für die Punks Plastik, Künstlichkeit und Müll interessant, wendete man sich nun manchmal auch der Ökologie zu.
Gleichzeitig schwappte in den 90ern in der Folge von Grunge eine neue Welle aus den USA nach Europa. Allen voran die Band Nirvana (Seattle) welche den Punk oder Grunge erstmals erfolgreich vermarkteten und somit auch salonfähig machten. Nach dem Selbstmord des Frontsängers Kurt Cobain, folgten Bands wie Green Day und The Offspring. Diese Bands äußerten sich teilweise auch politisch, stellten aber oft den Spaß-Aspekt in den Vordergrund. Die Bands hatten Videos auf MTV und erreichten Erfolge in Charts. Für viele der älteren Punks waren sie zu harmlos und kommerziell.
Aber die alte Provokation scheint auch weiterhin wirksam zu sein, noch heute kommt es immer wieder zu Punkerverboten, also dem Verbot der Versammlung von Punks, zum letzten mal etwa im Frühling 2005 in Hamburg-Ottensen, als nach öffentlichen Trinkgelagen von Punks diese von Hundertschaften der Polizei vertrieben wurden und sogar ein Verbot des öffentlichen Abspielens von Punkrock ausgesprochen wurde. Zur Verwirrung trug dabei die Tatsache bei, dass im Zuge eines Retro-Revivals der 80er viele zufällig anwesende Jugendliche, die sich wohl nicht als Punks sehen würden, aus Mode-Gründen auch Nietengürtel, zerrissene Jeans oder Punkfrisuren trugen, und so auch von polizeilichen Maßnahmen betroffen waren.
Während zum Anfang der Punkszene die meisten noch recht jung waren, sind mittlerweile die „Altpunks“ über 40 Jahre alt, einige von ihnen stehen heute in der Mitte der Gesellschaft. Charlie Harper, Frontmann der englischen „UK Subs“, feierte 2004 gar seinen 60. Geburtstag.
Eine futuristische Fortsetzung fand die Punk-Weltsicht im Cyberpunk-Genre.
Heute wird der Punk oft von jungen Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren kopiert, ohne Hintergrundwissen darüber zu besitzen. So wird diese Subkultur in ihrem Wesen beschmutzt, wodurch sie auch unter "echten" Punks stark verachtet sind.
Szenetypische Erscheinung
Obwohl Punk als Idee gerade gegen Normen und für Individualität auftritt, hat sich seit den 80ern ein gewisser Dresscode herausgebildet, der innerhalb der Szene vorherrscht, auch wenn er keinesfalls verpflichtend ist. Wegen der Vielzahl der Strömungen, die jeweils eigene Codes hervorgebracht haben, ist es schwierig, „den“ Punk zu beschreiben. Auch solche Leute, deren Aussehen nicht sehr auffällig ist, bezeichnen sich oft selbst als Punks.
Im Allgemeinen treten bei beiden Geschlechtern Kombinationen folgender Elemente auf:
Frisuren
Punks sind berüchtigt für ihre auffälligen Haarschnitte. Am bekanntesten ist der sog. „Irokesenschnitt“, bei dem die Seiten abrasiert werden und ein Haarstreifen vom Nacken bis zur Stirn stehenbleibt, der kammartig aufgestellt wird. Wenn dieser nicht aufgestellt ist bezeichnet man diesen als „Mohawk“. Variationen mit mehreren parallel verlaufenden „Iros“ kommen vor. Bei der „Spike“-Frisur stehen die Haare zu Stacheln geformt vom Kopf ab. In der Regel werden die Haare zusätzlich grell gefärbt, oft in mehreren Farben. Dazu wurde früher gerne Autolack benutzt, was heute nur noch selten vorkommt, da die Haare danach abbrechen können. Weitere Frisuren, die es gibt, entstehen z. B. auch durch das Abrasieren der Haare auf der einen Seite oder des Färbens der rechten und linken Seite in unterschiedlichen Farben.
Die auffallenden Frisuren, genauso wie die Kleidung u. ä., sind Provokation um auf sich aufmerksam zu machen und dadurch auch auf seine Einstellung hinzuweisen.
Körperschmuck
Piercingschmuck ist in der Punkszene verbreiteter als in anderen Jugendbewegungen. Schon um 1980 haben sich Punks Sicherheitsnadeln durch die Haut gestochen, um sie als Schmuck zu tragen. Tätowierungen sind ebenfalls sehr häufig. Besonders extreme Formen von Piercings und Tattoos finden sich besonders bei der Szeneströmung der Fetischpunks...
Kleidung
Punks tragen gerne sogenannte „Springerstiefel“, oftmals handelt es sich um BW(Bundeswehr) Kampfstiefel, die in Second-Hand-Shops oder
im „Army“–Versandendhandel preisgünstig zu erwerben sind. Seit einigen Jahren werden jedoch bevorzugt Boots (Doc Martens) getragen. Auch „Modepunks“ bevorzugen dieses Schuhwerk. Aber auch Turnschuhe werden gerne getragen. (Chucks)(Converse All Stars).
Weitere Kleidungsmerkmale:
- Enge Hosen, z. B. Jeans, oftmals gebleicht mit verschiedenen Mustern. Beliebt in der Szene sind jedoch sog. Bondagehosen in buntem Karomuster, die mit zahlreichen Reißverschlüssen und Stoffbändern versehen sind. Dazu gehört oft eine Art Kilt.
- Nietengürtel und Ketten.
- Lederjacken (oft bestückt mit Nieten, Sicherheitsnadeln, Sprüchen, Aufnähern, Schottenrockmuster und Felle mit Zebra oder Leopardenmuster), auch Bomberjacken , Harringt`s oder sogar Parkas.
- Nietenarm- und Halsbänder, Stiefelbänder und Ketten als Accessoires
Punkkleidung ist oft zerrissen, bemalt, beschriftet oder anderweitig von ihrem Träger verändert.
- Verzierungen wie Buttons;Aufnäher oder z.B Sicherheitsnadeln
Zitate
:Heute ist Punk eine Möglichkeit, den Alltag aus den Angeln zu heben. Für mich ist eine Frau, die einen LKW nach Indien fährt, eine gute Punkrockerin. Punk ist für mich ein Straßenbahnfahrer, der 30 Jahre lang seine Bahn durch die Stadt fährt. Punk ist ein Friseur, der eine Frisur macht, die voll scheiße aussieht. Punk ist ein Taxifahrer in Budapest, der über alle roten Ampeln heizt, bloß weil du ihm gesagt hast „Gib Gas, Mann!“. Punk ist sicherlich keine schwarze Lederjacke, das ist nämlich gar Nichts [...] Punk ist wie Gott! Man glaubt dran, und jeder stellt sich was anderes darunter vor [die Ärzte],Die Toten Hosen]
Zitate:
Sängerin einer Punkband:
: Ich bin einfach ich. Ich mache einfach nur das, worauf ich Lust habe. Tu, was dir gefällt. Individualismus. Darum gehts doch, oder?
:Aber natürlich bin auch ich eine politische Person, die sich damit auseinandersetzen muß, wie ich meine Texte mit meinem Leben in Einklang bringe. Ich versuche dies, ohne Dogmen zu verfallen, nach denen kein Mensch leben könnte. Gerade das habe ich von CRASS gelernt: Ich bewundere sie auf der einen Seite, auf der anderen war es immer mein Anliegen, die CRASS-Botschaft ohne all die festen Regeln und diesen Ernst rüberzubringen.
Sänger einer Punkband(Dead Kennedys)
:(...) das ist Punk in den Neunzigern: Die Leute wollen einfach nur noch dazugehören, sie wollen keine Regeln mehr brechen. Ich hasse zum Beispiel den Begriff 'old school'. Als wir mit den DEAD KENNEDYS begannen, wollten wir gerade nicht Teil irgendeiner fucking school sein, sondern wir wollten es den fucking teachers zeigen und die ganzen gottverdammten Schulen in die Luft sprengen, die einem damals die Luft zum Atmen raubten. – [[Jello Biafra]
Literatur
- Martin Büsser: If the Kids are united... - von Punk zu Hardcore und zurück. Ventil Verlag, 2000. ISBN 3-930-55948-X
- Greil Marcus: Lipstick Traces - von dada bis punk, eine geheime Kulturgeschichte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996. ISBN 3-499-60102-8
- Jürgen Teipel: Verschwende deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. (=Suhrkamp Taschenbuch 3271) Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001. ISBN 3-518-39771-0
- Paul Ott und Hollow Skai (Hgg.): Wir waren Helden für einen Tag. Aus deutschsprachigen Punk-Fanzines 1977-1981. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1983. ISBN 3-499-17682-3
- Jan Off: Vorkriegsjugend. Ventil Verlag, 2004. ISBN 3-930-55988-9
- Legs McNeil, Gillian McCain: Please Kill Me!. Hannibal, 2004. ISBN 3-854-45237-3
- John Savage, Englands Dreaming - Anarchy, Sex Pistols, Punk Rock and Beyond. Edition Tiamat, Berlin 2001. ISBN 3-893-20045-2
- Klaus N.Frick: Vielen Dank, Peter Pank. Verlag Thomas Tilsner, 1998. ISBN 3-910-07956-3
- [[Oxford English Dictionary]]
- Eva Bude: Verpisst Euch!. Europa Verlag Hamburg, 2005. ISBN 3-203-75526-2
Weblinks
- http://www.jugendszenen.com/punk Guter Überblick über die Szene
[[Kategorie:Subkultur
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Kategorie:Lebensart
New Wave (Musik)New Wave (engl. für: "Neue Welle") ist ein Begriff der ca. 1977 zunächst für Punk Bewegung verwendet wurde. Im Laufe der Zeit erhielt der Begriff jedoch verschiedene Bedeutungen:
- Als Oberbegriff Für verschiedene musikalische Spielarten, und Bands die sich während der Punk Bewegung Ende der 1970er Jahre neu gegründet hatten.
- Als Oberbegriff für einige Jugendkulturen der frühen 1980er Jahre.
- Seit den 1990ern als Bezeichnung für den Mainstream in der Popmusik der 1980er Jahre.
Die Bezeichnung "neue Welle" als undefinierter Oberbegriff bot sich an von verschiedenen Generationen benutzt zu werden. Jede Generation verwendete den Begriff ohne auf den ursprünglichen Kontext in dem er entstanden war zu beachten bzw. zu kennen. Daraus resultierten auch die Schwierigkeiten im Umgang mit dem Begriff, der je nachdem welche Generation fokussiert wurde zu unterschiedlichen Interpretationen führte.
Geschichte
Die 1970er Jahre
Die Ursprüngliche Bedeutung lag darin, daß die Punk Bewegung als eine "neue Welle" betrachtet wurde. In ihrer Gesamtheit (Musik, Mode, Attitüde) stellte die Punk Bewegung etwas Neues dar. Nur wenige glaubten allerdings Punk sei eine dauerhaft anhaltende Erscheinung. Diese Zweifel schlugen sich in dem Begriff "Welle" nieder, der den angeblich kurzlebigen und vorübergehenden Charakter unterstrich. Eine ähnliche Verwendung fand der Begriff New Wave in der Science Fiction Literatur der 1960er oder beim französischen Film gegen Ende der 1950er Jahre.
Für die zunehmende Vielfalt an neuen Bands und verschiedenen Musikstilen eignete sich der Begriff New Wave besser, als die konkrete Bezeichnung Punk und wurde deshalb von der Industrie und den Medien immer mehr bevorzugt. Auf diese Weise wurden dann musikalisch differenzierte Interpreten wie z.B. die Disco-Hits von Blondie und den Punk-Rock der The Sex Pistols gemeinsam unter einem Begriff vermarktet. Mit einbezogen wurden auch die Interpreten der verschiedenen, damals aufkommenden Revivals, wie Ska, Garagenrock oder die Mod Bewegung.
Doch schon während des Punk kristallisierten sich Bands heraus die später in den 80ern den Grundstein für das legten, was dann als New Wave von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Es war das erste Album von der Band Ultravox dessen konzeptuelle Mischung 1976 aus den futuristischen Elementen des Glam-Rock und der kalten, technokratischen Distanziertheit von Kraftwerk aufsehen erregte. Diesem Konzept folgten dann 1977 Bands wie The Human League oder Tubeway Army. Vor allem The Human League setzten ihren musikalischen Schwerpunkt auf die Verwendung von Synthesizern und zählen daher auch mit zu den Pionieren des Synthie-Pop.
In Deutschland leitete Alfred Hilsberg 1979 die Bezeichnung Neue Deutsche Welle vom englischen Begriff New Wave ab.
Die 1980er Jahre
Zu Begin der 80er Jahre veränderte sich die Bedeutung des Begriffs New Wave. Die Oi!-Punks und darauf folgenden Hardcore-Punks distanzierten sich von dem als kommerziell verschrienen Begriff New Wave. Andere Gruppierungen ließen sich ebenfalls nicht mehr dem New Wave unterordnen. So z.B. die Anhänger der Mod-Bewegung weil mit dem Begriff New Wave eine Nähe zum Punk assoziiert wurde den die Szene verabscheute. Fortan wurde dem New Wave alles zugeordnet, was sich nicht eindeutig dem Punk oder einem Revival zuordnen ließ. Die Punk Szene hatte jedoch Varianten entwickelt die langsam an Eigenständigkeit gewannen. Diese Varianten hatten, sowohl modisch als auch musikalisch einen, mal mehr mal weniger, starken Bezug zum Punk. Sie unterschieden sich aber z.T. in ihrer Lebensart und Einstellung zum Punk. Dazu gehörten die frühen Gothics, sowie die Anhänger des Synthie-Pop oder die ersten New Romantics. Für diese Gruppierungen gab es anfänglich keine eigene Bezeichnung. In der Öffentlichkeit wurden die Unterschiede zwischen den Gothics, New Romantics und Synthie-Popper kaum wahrgenommen und so entstand der Begriff Waver für alles was "Punk-Ähnlich" war. Nur für die permanent in schwarz gekleideten Angehörigen dieser Gruppierungen entstand die leichte Abwandlung Dark Waver. Damit etablierte sich, zumindest in Deutschland der New Wave als Oberbegriff für eine nur schwer zu definierende Jugendkultur.
Viele der Synthie-Pop Bands griffen thematisch Ultravox und Tubeway Army auf. Die Musik von The Cure oder Joy Division läßt sich ebenfall mit kühl und distanziert, im Sinne einer Introvertiertheit beschreiben. Die New Romantics versuchten dem entgegenzuwirken, indem sie einen sehr romantischen Aspekt in die Szene der frühen 80er mit einbrachten. Aber auch dieser resultierte aus dem Futurismus des Glam-Rock und schuf, wohl ungewollt, mit dem Ideal des perfekten Stylings die Ergänzung zu der, von vielen als kühl empfundenen New Wave-Ästhetik der 80er Jahre.
Mit dem zunehmenden kommerziellen Erfolg, vor allem der Synthi-Pop Bands entwickelte sich der Begriff des Post Punk als alternativer Begriff für Bands die sich nicht im, von kommerziellen Zielen geprägten Umfeld anderer Bands einordnen ließen.
In Deutschland wurde der Erfolg des New Wave von der TV-Sendung Formel Eins die als erste Sendung 1983 Videoclips präsentierte mit getragen. Das Medium kam gerade den New Romantics entgegen, da diese auf eine visuelle Präsentation aufbauten. Viele der Videos waren damals für MTV produziert worden.
Die 1990er Jahre
Die acht teilige und sehr erfolgreiche Compilation-Serie Pop & Wave von 1992 war ausschlaggebend für ein kleines 80er Revival. Die Zusammenstellung änderte das Bild vom New Wave erneut und reduzierte den Begriff überwiegend auf die Hits aus der Zeit des New Romantic oder Synthie-Pop. Zusätzlich befanden sich schlichte Pop Interpreten auf der Zusammenstellung wie z.B. A-ha oder Peter Gabriel. Dem Prinzip folgten unzählige Nachahmer. Damit implizierte der Begriff New Wave die Art des Mainstream-Pop der 80er Jahre.
Siehe auch
- Liste von New-Wave-Bands
!
Kategorie:Elektronische Musik
Kategorie:Rock
ja:ニューウェーブ
Dark Wave
Dark Wave (engl. dark = „dunkel, trüb“) ist ein zusammenfassender Begriff für musikalische Spielarten, die sich im Zuge der New Wave-Bewegung herausgebildet haben und sich vermehrt dunkler, elegischer und sehnsuchtsvoller Klänge bedienten.
Hierzu zählen unter anderem Gitarren-Wave im Stil von Post Punk-Gruppen wie The Cure oder Joy Division, oftmals rein elektronisch arrangierter New Wave (beispielsweise Anne Clark) oder aber britischer Neofolk, wie er von Bands wie Death In June seit den 1980er Jahren produziert wird.
Entwicklung
Vordenker
Bereits vor Beginn der New Wave-Ära gab es im Rahmen der Populärmusik einige Musiker, die Kompositionen voller Frustration und Wehmut schufen. Als eine herausragende Persönlichkeit gilt in diesem Fall die deutsche Künstlerin Nico alias Christa Päffgen. Die von ihr erschienenen, teils mittelalterlich anmutenden Alben „The Marble Index“ (1969) und „Desertshore“ (1970) zählen zu bedeutendsten Veröffentlichtungen dieser Zeit.
Die 1980er Jahre
Ab Ende der 1970er Jahre formierten sich innerhalb der New Wave-Bewegung verschiedene Bands und Projekte, die ihre Musik weitaus melancholischer und düsterer umsetzten und sich damit vom allgemein als positiv empfundenen New Wave-Sound lösten. Diese Künstler und Bands reflektierten die aus der Punk-Bewegung bekannten Zukunftsängste - No Future - sowie die weiteren Ängste vor einem drohenden Atomkrieg, Umweltkatastrophen oder Krankheiten wie AIDS. Interpreten wie Joy Division, The Human League, Depeche Mode oder Anne Clark können hierfür neben vielen anderen genannt werden.
Einen wichtigen Stellenwert nimmt das britische Independent-Label 4AD ein, das in den 1980ern mit seinen Veröffentlichungen bedeutenden Einfluss ausübte. Hier erschienen die Alben von Dead Can Dance („Dead Can Dance“), This Mortal Coil („It'll End In Tears“), Cocteau Twins („Head Over Heels“), Clan Of Xymox („Medusa“) oder Pieter Nooten & Michael Brook („Sleeps With The Fishes“). Plattenfirmen wie Hyperium Records oder Projekt Records sind offenkundig durch das Output von 4AD inspiriert worden, speziell auch in Hinsicht auf die graphischen Umsetzungen Vaughan Olivers.
Weitere Künstler wie Deine Lakaien, Death In June oder Fields Of The Nephilim intensivierten die dunklen oder schwermütigen Klänge, die augenscheinlich erst später unter der Bezeichnung „Dark Wave“ zusammengefasst werden sollten. Auffällig ist hierbei, dass dem Dark Wave überwiegend Musikgruppen zugeordnet werden, die verschiedene musikalische Stilmittel der 1980er Jahre einsetzen und diese miteinander verknüpfen. In Folge dessen sind diese Bands oftmals nur schwer rubrizierbar.
Die 1990er Jahre
Aus der Perspektive Deutschlands umfasst die Dark Wave-Epoche etwa den Zeitraum zwischen Anfang der 1980er und Ende der 1990er Jahre. In anderen Ländern, wie beispielsweise Spanien, Frankreich, Italien, Brasilien oder den USA, konnten viele der Spielarten jedoch bis heute konserviert und verfeinert werden.
Stilistische Untergliederung
Prinzipiell wurden Stile in das Dark Wave-Genre eingegliedert, die über die 1980er Jahre hinweg verteilt entstanden sind. Einige Richtungen, wie beispielsweise der Neofolk, gelten heute allerdings als selbständige Genres mit eigener Subkultur.
Cold Wave
:Cold Wave (engl. cold = „kalt, kühl“) war ein sporadisch gebräuchlicher Begriff, der in Zusammenhang mit Gruppen wie Joy Division, Cocteau Twins, The Cure, Clair Obscur, And Also The Trees oder Pink Turns Blue Verwendung fand. Er bezog sich demnach auf Gitarren-Wave-Bands der 1980er Jahre, deren Musik vermutlich als kühl oder weniger lebhaft wahrgenommen wurde. Die Bezeichnung selbst scheint größtenteils in Nordfrankreich - u. a. in Relation mit der französischen Plattenfirma New Rose Records oder deren Sublabel Lively Art Records - geläufig gewesen zu sein, einen Überblick hierüber verschaffen beispielsweise auch Compilations wie „Transmission 81-89 - The French Cold Wave“.
:Anderen Quellen zufolge war Cold Wave identisch mit Stilen wie Minimal Electro bzw. Electro Wave. So lässt das Wave-Magazin Glasnost im Jahre 1990 verlauten:
:
:Dies galt als Anspielung auf die charmant wirkenden, analogen Synthesizer-Klänge der 1980er Jahre. Eine großflächige Verbreitung erfuhr der Begriff Cold Wave allerdings nie, was offenbar auf seine unpräzise Aussage zurückzuführen ist.
- Bedeutende Vertreter: Joy Division / The Cure / Cocteau Twins / And Also The Trees / Clair Obscur / Pink Turns Blue / Asylum Party / Martin Dupont / KaS Product
Electro Wave
:Electro Wave diente bis Mitte der 1990er Jahre als Bezeichnung für Kompositionen, die schwerpunktmäßig durch Synthesizer erzeugt wurden. Man fasste dabei vor allem die Musik von Künstlern wie Gary Numan, John Foxx, The Human League oder Anne Clark zusammen. Hinzu kamen seit den späten 1980ern weitere Projekte wie Deine Lakaien („First Album“), The Fair Sex („Demented Forms“) oder Project Pitchfork („Entities“).
:Electro Wave lenkte jedoch nur bedingt in das Dark Wave-Umfeld. Ausschlaggebend für eine Zuordnung waren in erster Linie die bedrückenden Klänge von Alben wie „The Sitting Room“ von Anne Clark (1982) oder die selbstbetitelte Mini-LP „Kirlian Camera“ von Kirlian Camera (1981).
:Nichtsdestotrotz bezogen zahlreiche Musiker wie Fortification 55, Second Voice, The Mao Tse Tung Experience oder The Invincible Spirit ihre Einflüsse aus dem Synth Pop- oder EBM-Bereich und wurden infolgedessen nicht durch die Dark Wave-Kategorie abgedeckt.
- Bedeutende Vertreter: Anne Clark / Kirlian Camera / Deine Lakaien / Project Pitchfork / The Eternal Afflict / Silke Bischoff (Debut Album)
Ethereal
Silke Bischoff
:In den USA ist die Bezeichnung Ethereal (dt. „ätherisch“) verbreitet, die dort zum Teil bedeutungsgleich zu Dark Wave verstanden wird. Gemeint sind hier oftmals sanft schwebende Gitarrenklänge in Zusammenspiel mit weiblichem Gesang. Aber auch rein elektronisch arrangierte Stücke mit starken Ambient-Einflüssen oder Kompositionen, basierend auf klassischem Instrumentarium wie Flöten oder Violinen, werden unter diesem Begriff zusammengefasst. Die Musik gilt im Allgemeinen als sphärisch, verhalten und weltentrückt, was dieser Richtung ihren Namen verlieh.
:Überlagerungen gibt es insbesondere mit Shoegazing, einem Stil, der sich Ende der 1980er in England herausbildete und mit Bands wie Slowdive oder Ride in etwa der Mitte der 1990er Jahre seinen Höhepunkt erreichte. Des weiteren ist die Musik der frühen Cocteau Twins erwähnenswert, da sie für beide Stile, Shoegazing und Ethereal, zweifellos als Inspirationsquelle diente.
:Ethereal ist grundsätzlich gleichzusetzen mit der im deutschen Sprachraum verbreiteten Bezeichnung Heavenly Voices, die Anfang der 1990er Jahre als reiner Marketingbegriff kreiert wurde und anschließend bei einer fünfteiligen Compilation-Serie zur Anwendung kam.
- Bedeutende Vertreter: Black Tape For A Blue Girl / Autumn's Grey Solace / Chandeen / Love Spirals Downwards / Soulwhirlingsomewhere
Gothic Punk
:Inwieweit man den Gothic Punk in seiner Gesamtheit dem Dark Wave-Umfeld zuordnete, ist nicht eindeutig geklärt. Vorzugsweise in England wurde dieser Stil bis Mitte der 1980er Jahre als eine positive Variante der Punk-Musik verstanden (Positive Punk). Gothic Punk steuerte somit ursprünglich in eine entgegengesetzte Richtung. Andererseits gab es auch hier Musikgruppen wie z. B. The Danse Society, die vereinzelt mit Titeln wie „The Night“ (vom 1984er Album „Heaven Is Waiting“) in weitaus wehmütigere Bereiche abdrifteten.
:Darüber hinaus wurden bedeutende Künstler wie Siouxsie & The Banshees, Joy Division oder The Cure generell im New Wave-Genre angesiedelt. Einen Hinweis darauf, dass auch weitere, mitunter stärker im Punk verwurzelte Gruppen wie Specimen oder UK Decay unter die Rubriken New Wave bzw. Dark Wave fielen, gibt es bisher nicht.
- Bedeutende Vertreter: Bauhaus / Siouxsie & The Banshees / UK Decay / Play Dead / The Danse Society / Sex Gang Children
Gothic Rock
:Der Gothic Rock löste in der Mitte der 1980er Jahre den Gothic Punk ab. Interessant erscheint hierbei die Tatsache, dass die Bezeichnung „Gothic Rock“ erstmals 1967 in einem Bericht über die Psychedelic Rock-Band The Doors erwähnt wurde.
:Progressive-, Psychedelic- und Hard Rock-Elemente tauchen zudem bei den Hauptvertretern, wie beispielsweise The Sisters Of Mercy oder Fields Of The Nephilim, auf und ziehen sich bis in die 1990er Jahre wie ein roter Faden durch die Geschichte des Gothic Rock. In den darauffolgenden Jahren waren es hauptsächlich Bands wie The Tors Of Dartmoor, Dreadful Shadows oder The House Of Usher, die diese Spielart beibehielten, ehe Gothic Rock schrittweise durch Dark Wave-untypische Stile (Gothic Metal, Neue Deutsche Härte) verdrängt wurde.
- Bedeutende Vertreter: The Sisters Of Mercy / Fields Of The Nephilim / The Tors Of Dartmoor / Dreadful Shadows / The Garden Of Delight
Neofolk
Fields Of The Nephilim]
:Galt der Neofolk von jeher als naher Verwandter der Industrial-Kultur, so konnte er dennoch gerade im Rahmen der Dark Wave-Bewegung großen Anklang finden.
:Death In June aus England begründeten den Stil in den 1980ern, obwohl die musikalische Richtung der Band damals noch nicht klar definiert war. Sie pendelte vorerst zwischen Gitarren-Wave, Electro Wave, Synth Pop, Folk und Industrial, bevor man sich endgültig auf einen einheitlichen Stil beschränkte. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei das in der Mitte der 1980er Jahre veröffentlichte Album „Nada!“, das in den frühen 1990ern u. a. mit den Bonustracks „The Last Farewell“ und „The Torture Garden“ (beide bereits 1984 entstanden) neu aufgelegt wurde. Dieses Album gilt durch seine Vielfalt als wegweisend für weitere Musikprojekte aus dem Dark Wave-Umfeld und zeigt die ersten Tracks im Neofolk-Gewand.
:Neofolk-Kompositionen entstehen hauptsächlich durch die Verwendung von Akustikgitarren, Trommeln und Synthesizern. Textlich widmet man sich primär dem Heidentum, aber auch Themen aus der Zeit des Dritten Reiches werden ästhetisiert in Szene gesetzt, wodurch der Stil häufig in Kritik gerät.
- Bedeutende Vertreter: Death In June / Sol Invictus / Current 93 / Forseti / Hagalaz' Runedance / Of The Wand & The Moon
Neoklassik
:Die Neoklassik schöpft aus allen Epochen der Klassischen Musik, oft in Zusammenspiel mit weiblichem opereskem Gesang, seltener auch Madrigal. Bei den zumeist apokalyptisch anmutenden Musikstücken handelt es sich in der Regel um Eigenkompositionen. Sie sind nicht an traditionelle Kompositionen angelehnt, können dabei dennoch auf traditionellen Instrumenten interpretiert werden. Weit verbreitet sind auch der Einsatz von Synthesizern oder orchestralen Samples. Zeitgenössische Filmmusik hat hier ebenso ihre Spuren hinterlassen wie Elemente aus Stilen wie Ritual oder Dark Ambient.
:Der Ursprung der Neoklassik geht auf Bands aus dem Post Punk- bzw. Cold Wave-Umfeld zurück. So wandten sich unter anderem Künstler wie Dead Can Dance oder In The Nursery nach mehreren, vor allem gitarrenlastigen Veröffentlichungen stufenweise der Klassischen Musik zu und gelten spätestens seit 1987 als Vorreiter der Neoklassischen Musik.
- Bedeutende Vertreter: Dead Can Dance / In The Nursery / Stoa / Dargaard / Ophelia's Dream / Arcana / Love Is Colder Than Death
Neue Deutsche Todeskunst
:Ende der 1980er Jahre bildete sich im Süden Deutschlands die Neue Deutsche Todeskunst (NDT) heraus, eine deutsch-sprachige und außerordentlich destruktive Spielart, die im Umfeld des Dark Wave entstanden ist. Hierbei wurden zumeist poetische, teils abstrakte Liedertexte mit betontem Sprechgesang vorgetragen. Eine feste musikalische Ausrichtung gab es in diesem Fall nicht. Gewöhnlich wurden Elemente aus Gothic Rock und Electro Wave verwendet, auch Einflüsse aus der Neoklassik, der Avantgarde oder dem Post-Industrial (Einstürzende Neubauten) wurden oftmals miteinander vermengt.
- Bedeutende Vertreter: Goethes Erben / Das Ich / Lacrimosa / Relatives Menschsein / Endraum / Misantrophe
Anmerkungen zum Begriff
Die Herkunft der Bezeichnung Dark Wave ist umstritten. Die bisher älteste bekannte Erwähnung innerhalb des deutschen Sprachraums geht auf das Jahr 1988 zurück. Hierzulande wurde der Begriff vor allem in den frühen 1990er Jahren genutzt und konnte sich einige Zeit später auch in den USA neben der Bezeichnung Ethereal etablieren.
USA
Besonders nennenswert ist in diesem Zusammenhang das in Brooklyn (New York City) beheimatete Label Projekt Records, das lange Zeit mit der deutschen Plattenfirma Hyperium Records zusammenarbeitete. Überdies besaß die deutsche Firma Gymnastic Records (später Chrom Records, das Label der Deine Lakaien) ein Schwesterlabel in Los Angeles. Für einen regen Ausstausch zwischen den Kontinenten war somit gesorgt.
Ab Mitte der 1990er Jahre kam der Begriff Dark Wave in Deutschland zunehmend außer Gebrauch oder wurde schrittweise von der (inzwischen recht schwammigen) Bezeichnung „Gothic“ verdrängt, obwohl es dennoch vereinzelt Gruppen wie Diary Of Dreams, Silke Bischoff oder Sopor Aeternus gab, die den düster-melodischen Wave weiterführten.
Subkultur
Eine Dark Wave-Subkultur ist durchaus vorhanden. Nichtsdestotrotz wird sie als solche von den Medien kaum wahrgenommen. Die Hörerschaft bezeichnete man in den 1980er und 1990er Jahren generell als „Waver“, bevor dieser Begriff allmählich durch die hauptsächlich im englischen Sprachraum verbreitete Bezeichnung „Gothic“ ersetzt wurde. Allerdings gelten Gothics gegenwärtig als extravertiert, nur gelegentlich werden neben bekannteren Stilen wie Mittelalterrock, Gothic Metal oder Gothic Electro tatsächlich auch die für Dark Wave typischen Stile favorisiert.
Oft finden sich Menschen unter den Hörern, die sich mit der modernen Gothic-Musik und deren Kultur nicht identifizieren können und vielmehr obsolete oder ruhigere Klänge bevorzugen. Inwieweit sie sich selbst als Gothics verstehen, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Die wenigsten davon verwenden jedoch die Bezeichnung „Gothic“ in Bezug auf die eigene Person.
Die Wave-Kultur ist aufgrund ihrer musikalischen Strömungen sehr vielschichtig gestaltet. Einen vorgegebenen Kleidungsstil gibt es somit nicht. Auffällig sind jedoch meist dezente und dunkle Farben, durch die – oft auch unbewusst – eine gewisse Introversion und Besinnlichkeit nach außen getragen wird.
Literatur
- Bücher:
:Das Gothic- und Dark Wave-Lexikon, Peter Matzke & Tobias Seeliger, 2002, ISBN 3-89602-277-6
- Zeitschriften:
:Glasnost Wave Magazin
:Graeffnis - Wave Culture & More
Veröffentlichungen mit Schlüsselqualitäten
Kategorie:Musikgenre
Kategorie:New Wave
MelancholieMelancholie bezeichnet einen Zustand der Schwermut, der Traurigkeit, evtl. der Trauer (bei vorhergegangenem Ereignis), des Trübsinns oder der Depression in Bezug auf einen Menschen, seine psychische und körperliche Disposition. Der Begriff kann auch die Wirkung oder den Charakter eines Kunstwerks, einer Landschaft oder einer Situation bezeichnen. Der Begriff ist bereits antik.
In Bezug auf eine psychische Disposition oder ein Krankheitsbild ist der Begriff Melancholie im 20. Jahrhundert weitgehend durch den Begriff der Depression ersetzt worden. Im Begriff der Melancholie schwingt aber eine Bandbreite von Bedeutungen mit, die über die Jahrhunderte im Spannungsfeld von Philosophie, Medizin, Psychologie, Religion, Literatur, Kunst und Musik entstanden sind.
Melancholie in der Medizin
Die historische Entwicklung der Melancholie hat ihren Ausgangspunkt in der antiken Humoralpathologie (oder Viersäftelehre), die dem griechischen Arzt Hippokrates von Kós (um 400 v.Chr.) zugeschrieben wird. Er erklärte die melancholia (griechisch: μελαγχολια) als einen Überschuss an schwarzer, verbrannter Galle, der sich ins Blut ergießt (μελας, melas, "schwarz", + χολη, cholé, "Galle").
Galen (2. Jahrhundert n.Chr.), der das medizinische Wissen seiner Zeit zusammenfasste und den Vorstellungen der Hippokratiker folgte, sah den Ursprung der Melancholie ebenfalls in einem Überschuss an schwarzer Galle, einer der vier Körpersäfte oder humores, die in der Milz und den Hoden produziert werde. Sie bestimme in der Temperamentenlehre den Charakter der Melancholiker und korrespondiere mit dem Element Erde, dem Herbst, dem Erwachsenenalter, dem Nachmittag und in der mittelalterlichen Auffassung mit den Sternbildern Waage, Skorpion, Schütze. Später sah die Melancholiker unter dem Einfluss des Planeten Saturn.
Ein Fragment mit dem Titel "XXX,1", zeitweise dem Aristoteles zugeordnet, vermutlich aber von Theophrast verfasst, äußerte sich als einziges antikes Zeugnis auch positiv über die Melancholie, wo diese zur Voraussetzung für den "göttlichen Wahnsinn" (mania) wird.
Warum sind alle hervorragenden Männer, ob Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler, offenbar Melancholiker gewesen?
Dieser Gedanke sollte später die Genieästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts stark beeinflussen.
Mit der Entdeckung des Blutkreislaufs 1628 durch den englischen Forscher William Harvey entsprach diese Theorie zum körperlichen Ursprung der Melancholie nicht mehr dem wissenschaftlichen Stand der Zeit. Der Begriff und seine Assoziationen übten aber, genau wie die Viersäftelehre, weiterhin Einfluss auf die verschiedensten Wissensgebiete aus.
Melancholie in der Psychologie
In seinem Aufsatz Trauer und Melancholie von 1917, grenzt Sigmund Freud die Melancholie von der Trauer ab: sie sei dadurch gekennzeichnet, dass die Herabsetzung des Selbstgefühls nicht durch die positive Trauerarbeit behoben wird.
Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert.
Diese selbstzerstörerischen Aspekte sieht Freud als Ursache für die Selbstmord-Gefährdung der Melancholiker.
In der heutigen Diskussion ist der Begriff der Melancholie fast völlig durch den der Depression ersetzt worden. Dabei ist es die endogen psychotische Depression, die der Melancholie am nähesten kommt.
Melancholie in der Religion
Im Mittelalter wurde die Melancholie als Mönchskrankheit bekannt. Sie wird auf lateinisch als acedia bezeichnet und ist ein häufiges Thema in der theologischen Literatur, zum Beispiel bei Thomas von Aquin in der Summa Theologica (besonders Frage 35). Sie galt gleichzeitig als eine der sieben Todsünden. Im Protestantismus des 16. Jahrhunderts erfuhr die Melancholie dann eine gewisse Umdeutung: Sie galt nicht mehr in erster Linie als zu vermeidende Sünde, sondern als eine Versuchung des Teufels, die der Gläubige wie eine Prüfung bestehen müsse. Gerade das zeitweise Versinken in Verzweiflungszuständen erschien vor diesem Hintergrund als eine Bestätigung der Ernsthaftigkeit des eigenen Glaubens. Auf der anderen Seite erkannte man auch die zerstörerische Kraft der Melancholie und empfahl als Therapie geistliche Mittel wie Gebete oder geistliche Lieder und weltliche Zerstreuung durch Musik (nach dem biblischen Vorbild von David und Saul) und heitere Gesellschaft. Dabei spielte auch die persönliche Erfahrung Luthers, der häufig von Schwermut überfallen wurde, eine stilbildende Rolle. Luther und seine Nachfolger aus der protestantischen Orthodoxie des 16. Jahrhunderts haben sich in zahlreichen Trostschriften mit der Melancholie auseinandergesetzt. In der ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einsetzenden Propaganda der katholischen Kirchenreform wurde die Melancholie deswegen häufig als typische Krankheit der Protestanten bezeichnet.
Philosophie und Kunstwissenschaft
Stichwörter:
- Melancholie als Muse, Personifizierung, Zeichen von Genie
- Søren Kierkegaard:
Zitat Es liegt in Schwermut etwas Unerklärliches. Wer Leid oder Kummer hat, weiß, weshalb er traurig oder bekümmert ist. Fragt man einen Schwermütigen, was der Grund seiner Schwermut sei, was als Last auf ihn drücke, so wird er antworten: ich weiß es nicht, ich kann es nicht erklären. Darin liegt die Unendlichkeit der Schwermut. Jene Antwort ist durchaus richtig; denn sobald der Mensch den Grund weiß, ist die Schwermut behoben. Dahingegen ist bei dem Trauernden das Leid ganz und gar nicht damit behoben, daß er weiß, weshalb er Leid trägt.
- Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. (ISBN 3518286102)
Bildende Kunst
- Albrecht Dürer: Melencolia I (Holzschitt)
- Giorgio de Chirico
Ausstellung
Zum Thema findet zur Zeit in Paris eine Ausstellung (über 250 Bilder, Figuren) statt. Nächstes Jahr von 16. Februar bis 7. Mai in Berlin (dt. Titel):
Melancholie - Genie und Wahnsinn im Abendland - Génie et folie en Occident
Galeries nationales du [http://fr.wikipedia.org/wiki/Grand_Palais|Grand Palais], Eingang: Place Clemenceau
- 13. Oktober 2005 - 16. Januar 2006
- Tel. +33 1 44 13 17 17 - Kontakt
- www: [http://www.rmn.fr/melancolie/04allemand/index.html deutsch] - www.rmn.fr/melancolie/
- Öffnungszeiten
- - Täglich, außer dienstags, von 10h bis 20h, mittwochs von 10h bis 22h. Kassenschluss 45 Minuten vorher.
Leitung Jean Clair, Kurator und Direktor des Musée Picasso, Paris.
Publikationen dazu
- Katalog unter der Leitung von Jean Clair, 504 Seiten, 380 Illustrationen, darunter 300 in Farbe, gebunden. Edition RMN /Gallimard, Vertrieb Sodis, erhältlich auch online.
- Le Petit Journal des grandes expositions, von Hélène Prigent, 16 Seiten, 30 Farbillustrationen, erhältlich nur am Ausstellungsort, éditions RMN.
- Hélène Prigent: Mélancolie. Les métamorphoses de la dépression. 160 Seiten, 200 Illustrationen, broschiert, Edition RMN / Gallimard, Vertrieb Sodis.
Literatur
Paris
- Marsilio Ficino
- Robert Burton: Anatomie der Melancholie (1621)
- Dt. Neuübersetzung: ISBN 3821845295
- [http://www.gutenberg.net/1/0/8/0/10800/10800-h/10800-h.htm Englischer Volltext (Project Gutenberg Edition)]
- Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther (1774)
- Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns
- Deutsche Romantik
- Christian Morgenstern: Melancholie (1906)
- Giacomo Leopardi
- Georg Trakl
- Charles Baudelaire: z.B. die Spleen-Gedichte in der Sammlung Les Fleurs du Mal (1857)
- Jean Starobinski: Die Melancholie im Spiegel
- Julia Kristeva: Soleil noir
- Jon Fosse: Melancholie
- Raymond Klibansky/ Erwin Panofsky/ Fritz Saxl: Saturn und Melancholie - Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst (Frankfurt a.M. 1990)
Steiger, Johann Anselm: Melancholie, Diätetik und Trost. Konzepte der Melancholie-Therapie im 16. und 17.Jahrhundert. Heidelberg 1996.
Musik
- John Dowland
- Placebo (Band)
Kategorie:Emotion
Kategorie:Psychologie
IndividualismusDer Individualismus ist ein Gedanken- und Wertesystem, in dem das Individuum im Mittelpunkt der Betrachtung und der Werte steht. Im Gegensatz zum Individualismus steht der Kollektivismus.
Entwicklung und Folgen des Individualismus
Geschichte
Das Verhältnis des einzelnen Individuums und der Gemeinschaft (bzw. Gesellschaft), in der es lebt, ist seit jeher Gegenstand kontroverser Diskussionen. Während Aristoteles den Menschen als Gemeinschaftslebewesen ("zóon politikón", wörtlich etwa "das auf eine Polis angewiesene Tier") auffasste und dies für lange Zeit vorherrschende Ansicht blieb, gab es in neuerer Zeit eine stärkere Betonung des Individuums. Geistesgeschichtlich geschah dies durch den Liberalismus sowie durch den Anarchismus. Im Extremfall wurde der Individualismus zum Egoismus verschärft. Gegenpositionen zum Individualismus wurden z.B. im Sozialismus, im Nationalismus, im Panarabismus oder im Islamismus aufgestellt. Auch religiöse Gemeinschaften wie das Christentum stehen dem Individualismus meist sehr skeptisch gegenüber.
Die Grundidee des Individualismus ist also eine Befreiungsidee. Die Befreiung des Einzelnen von zu vielen Zwängen wird als angenehm empfunden, das Kollektiv als behindernd und beengend.
Eine weitere Begründung für den Individualismus wird durch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gegeben. Das westlich-individualistische System sei das offenkundig leistungsfähigste dieser Erde. Mit diesem Argument wird der allgemeine Wohlstand als Ergebnis vieler Egoismen betrachtet (vgl. Adam Smith).
Soziale und rechtliche Implikationen
Der Individualismus hat in unserem Leben eine Fülle von Folgen, die uns nicht immer als Erscheinungen des Individualismus bewusst sind. Dazu gehören die Auflösungen der Familie sowie der Dorf- und anderer Gemeinschaften. Noch vor etwa einhundert Jahren haben sich die Menschen innerhalb ihrer Gemeinschaften organisiert, häufig innerhalb ihrer Berufsgemeinschaften. Es gab Eisenbahnersportvereine, Lehrergesangsvereine und andere Standes- und Berufsvereinigungen, die das gesamte Leben durchzogen.
Der Individualismus läuft parallel zu wirtschaftlichen Entwicklungen. Familiäre Rücksichten bei der Arbeitsplatzwahl werden sozial diskreditiert und in vielen Fällen von der Arbeitsagentur nicht als legitim anerkannt. Der Kapitalismus entwickelt sich um so schneller, je mehr die Menschen ihre früher als normal angesehen Bindungen an Familie, Beruf, Heimat, Volk und Staat verlieren. Umgekehrt ist es daher auch die Wirtschaft, die den Individualismus fördert und widerstrebende Neigungen negativ bewertet. Mobilität und Flexibilität sind die Stichworte, unter denen die Menschen zur Einschränkung oder gar Aufgabe gewachsener Bindungen motiviert werden.
Auf der anderen Seite entwickelten sich während der Industrialisierung neue Gemeinschaften (z.B. Vereine), mit der Möglichkeit, die individuellen Interessen zusammen mit gleich Interessierten auszuüben. Unter diesem Aspekt wachsen Individualität und Gemeinschaft paradoxerweise zusammen: Individualität wird meist mit anderen und überlappenden Interessen ausgeübt. Trotzdem bleibt der
Gegensatz zum Kollektiv, dass nun Gemeinschaften sich aufgrund individueller Interessen frei bilden können.
Deutlich werden die Veränderungen auch im Sport. Es gibt eine allmähliche, aber signifikante Zunahme der Individualsportarten gegen über den Mannschaftssportarten. Auch in der Breitenkultur gewinnt die kleine Gesangsgruppe ein stärkeres Gewicht gegeünber dem großen Chor. Gleiche Kleidungsstücke als Ausdruck der Zusammengehörigkeit werden in deutlich geringerem Umfang eingesetzt. So hat auch die Uniformierung in vielen Berufen abgenommen oder wurde gänzlich aufgehoben, in anderen wird sie außerhalb des beruflichen Bereichs schneller abgelegt als früher.
Im Verwaltungsrecht wurden im Laufe der Jahrzehnte zunehmend die Rechte der Individuen (Anwohner, "Betroffene" usw.) gestärkt. Das Gemeinschaftsinteresse wird stärker durch die Rechte einzelner gehindert, als dies früher der Fall war. Die Gewichte verschieben sich. Dies gilt für alle Arten von Vorhaben der Gemeinden, Länder und des Bundes. Das Verwaltungsverfahrensrecht kennt eine stetige Stärkung der Rechte des individuellen Bürgers.
Wirtschaftliche Betrachtungen
In der Wirtschaft und auch in den staatlichen Verwaltungen stößt der Individualismus allerdings bereits an Grenzen. Indivduelle Ziele werden häufig durch Teamziele ergänzt oder ersetzt. Insbesondere in kritischen Bereichen breitet sich die Gemeinschaftsbildung durch "Teams" wieder aus. Höchstleistungen werden oftmals in Gemeinschaft erbracht. In den Managementtrainings gibt es daher heute sowohl Veranstaltungen mit dem Ziel der Förderung des Egoismus des Einzelnen als auch solche zur Förderung des Teamgeistes.
Literatur:
Karl Hackstette: Individualistische Unternehmensführung. Eine wirtschaftsphilosophische Untersuchung, Marburg 2003
Politischer Individualismus
Der Individualismus spricht sich für das unabhängige Leben des Menschen ohne Manipulation durch den Staat oder durch die Gruppe aus und entspricht damit dem Anarchismus oder in abgeschwächter Form dem Liberalismus.
Bedeutende Theoretiker des Individualismus
Der Denkansatz zum Individualismus wird bei Stirner besonders deutlich. Sein Buch Der Einzige und sein Eigentum beginnt mit der Klage ""Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.""
Kulturvergleich
Der Individualismus hat in der westlichen Welt eine Ausbreitung erfahren, wie es noch nie in der Geschichte der Fall war. Damit steht der Westen im Gegensatz zu den eigenen Traditionen, die nicht-individualistisch waren, aber insbesondere zu allen anderen Kulturkreisen.
Bemerkens- und bedenkenswert ist jedoch, dass keine der Strömungen des westlichen Individualismus, nicht einmal die radikalen Vertreter des US-amerikanischen libertarianism oder Anarchokapitalismus (Murray Rothbard, Ayn Rand), sich auf Max Stirner berufen, sondern sich sogar ausdrücklich von ihm distanzieren.
Literatur
- Franciscus Suarez: Über die Individualität und das Individuationsprinzip (Fünfte metaphysische Disputation), lateinisch deutsch, herausgegeben, übersetzt und mit Erläuterungen versehen von Rainer Specht, Hamburg 1976
Weblinks
- [http://www.schumpeter.info/text1~1.htm Joseph Alois Schumpeter: Individualismus und gebundene Wirtschaft(1928)]
- [http://wn.elib.com/Steiner/Articles/DeInPh_index.html Rudolf Steiner: Der Individualismus in der Philosophie (1899)]
- [http://www.lsr-projekt.de/msinda.html Bernd A. Laska: Anarchistischer Individualismus / Individualanarchismus (1998)]
- [http://www.lsr-projekt.de/msakap.html Bernd A. Laska: Die Anarcho-Kapitalisten und Max Stirner (2000)]
- [http://www.lsr-projekt.de/msee.html Max Stirner: Der Einzige und sein Eigenthum. (1845)]
Siehe auch
Individualisierung, Nimby, Bobo
Kategorie:Ethische Theorie
Kategorie:Wertvorstellung
ja:個人主義
Toleranz
Der Ausdruck Toleranz [] bezeichnet die soziale, kulturelle und religiöse Nichtverfolgung von Einzelnen oder Gruppen, deren Glaubens- und Lebensweise vom etablierten religiösen oder gesellschaftlichen System abweichen.
Autoritäre Systeme praktizieren das der Toleranz Entgegengesetzte: die Intoleranz. Toleranz als gutmütige "Duldung" ist aber nicht gleichbedeutend mit Übereinstimmung und stellt die Vorstufe zur Akzeptanz dar. Toleranz umfasst einerseits die Vollmacht zur Sanktionierung des Abweichlers und andererseits die bewusste Entscheidung, davon Abstand zu nehmen. Sie wird normalerweise bei gewaltlosem, auf Einigung zielendem Verhalten geübt. Toleranz kann Gewalt vermindern.
Im weiteren soziologischen Sinn gilt, dass "Intoleranz" und Konformität Gewalt und soziale Destabilisierung bewirken. "Toleranz" ist folglich die Schaffung eines Spielraums für Menschen abweichenden sozialen Verhaltens und anderer Normen. Toleranz richtet sich nur auf Menschen, die wegen ihrer Andersartigkeit ausgeschlossen sind. Anders als die Masse, die gegen das Abweichende rigide vorgeht, erforderte die "Toleranz", dass andersgeartete Parteien oder Gruppen diesbezüglich leiblich wie seelisch nicht behindert werden.
Politik und Religion
Historisch gesehen war die politische und religiöse Toleranz der wichtigste Aspekt der Toleranz, da Unterschiedlichkeiten in politischen und religiösen Systemen zu zahllosen Kriegen, Verfolgungen und anderen Verbrechen geführt haben. Die Philosophen und Autoren der Aufklärung, besonders Voltaire und Lessing verhalfen wohl der religiösen Toleranz nachdrücklich zum Durchbruch und waren von großem Einfluss auf die westliche Gesellschaft (siehe Pluralismus). Sie vermochten jedoch nicht mit entsprechender Beharrlichkeit den bedeutsamen Bereich der politischen Toleranz auszubauen. Wohl ist der Mangel an religiöser Toleranz gegenwärtig für viele Probleme in der Welt verantwortlich, politische Meinungsverschiedenheiten haben jedoch Hunderte Millionen Todesopfer allein im zwanzigsten Jahrhundert gefordert.
Grenzen und potentielle Problematik von Toleranz
Das Zitat "es gibt nur eine Sache, die ich nicht zulassen kann – das ist die Intoleranz" veranschaulicht, dass es Begrenzungen der Toleranz gibt. Insbesondere kann eine tolerante Gesellschaft keine solche Intoleranz zulassen, die sie zerstören würde.
Es gibt daher ein Paradoxon der Toleranz. Wer Intoleranz toleriert ist sowohl tolerant als auch intolerant. Man kann zwar sagen, das der, der Intoleranz intoleriert, tolerant ist, aber so einfach geht das nicht. Besonders deutlich wird dieses Problem anhand einer Massenmeinung A und einer Massenmeinung B. Beide Meinungen sind völlig verschieden und halten sich für richtig und die andere für verwerflich. Deshalb halten beide Meinungen die andere für intolerant. Die Prinzipien beider Ansichten sind unbeweglich und unveränderbar. Beide meinen, dass Toleranz dort aufhört, wo Intoleranz toleriert wird. Eine tolerante Meinung kann keine solche Intoleranz zulassen, die sie zerstören würde. Aber welche Meinung ist nun tolerant?
Andererseits bringen restriktive Maßnahmen eine rasche Minderung einer allgemein herrschenden Toleranz mit sich, und eine "Diktatur der Toleranz", die unter der Bezeichnung Toleranz Übereinstimmung der Meinungen oder ethischen Überzeugung fordert ("du musst mir recht geben, sonst bist du intolerant"), ist ebenfalls eine massive Einschränkung der Meinungsfreiheit - im Gegensatz dazu Toleranz nach Voltaire: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst."
Es ist schwierig, ein Gleichgewicht herzustellen, und verschiedene Gesellschaften sind sich keineswegs über die Details einig. In Deutschland etwa gilt eine gesetzlich sanktionierte Intoleranz gegen den Nazismus.
In vielen Ländern kommt es zu Problemen mit der Toleran | | |