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Grab
Hier wird die Grabstätte abgehandelt, weiteres siehe Grab (Begriffsklärung)
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Ein Grab ist ursprünglich eine Erdgrube zur Bestattung der sterblichen Überreste eines Menschen.
Neben den Erdgräbern hat sich die Bezeichnung Grab auch für andere Bestattungsorte etabliert. Mit der Begräbniskultur finden wir die Spuren der ältesten menschlichen Kultur, teilweise der reichsten und vielfältigsten überhaupt.
Gräberformen
Erdgräber
Gräber sind sowohl als Körpergräber wie als Brandgräber erhalten. Das älteste erhaltene Grab (Qafzeh, Israel) lässt sich auf 100.000 Jahre datieren. Die Blickrichtung der Bestatteten einer frühen Kultur ist immer nach einer Himmelsrichtung orientiert.
- Das Hockergrab gilt als die älteste Grabform der Menschheit. Dort liegt der Leichnam gleichsam wie ein Embryo in Hockstellung im Mutterleib. Diese Position wurde als Rückkehr zu den Ursprüngen des Lebens gedeutet.
- Das sogenannte Hünengrab ist eine Megalithanlage und stellt die älteste Form des Monumentalbaus in Mitteleuropa dar. Es besteht aus einer (in Deutschland bis zu 29 m, in Dänemark bis zu 12 m langen) aus Findlingen gebauten Kammer.
Höhlen
Zu den ältesten Plätzen an denen menschliche Skelette gefunden wurden zählen Höhlen. Der Begriff Höhlengräber (älteste 60.000 Jahre Kebarahöhle, Israel) ist jedoch im Bezug auf eine allgemeine Grablege falsch, da nur wenige Plätze dafür genutzt wurden. Später dienten artifizielle Höhlen (Mastabas, Rock-cut-tombs) oder Katakomben als Deponierungsorte für menschliche Überreste, die in vielen Fällen jedoch Opfer gewesen sein können.
Gräber in bestimmten Kulturen und Religionen
- In bestimmten alten Kulturen wurden Tote nicht beerdigt, sondern auf Bäume oder Türme verbracht und der Verwesung bzw. den Vögeln überlassen.
- Baumgräber: Die Seminolen setzten ihre Toten in hohlen Bäumen bei.
- Im Judentum gibt es aus religiösen Gründen das Körpergrab (Glaube an die Auferstehung), das außerhalb der Stadt angelegt wurde. (Bestattungsriten)
- Dieser Tradition folgte das Christentum, bis zum Aufkommen des Urnengrabes mit der Feuerbestattung. Mit der Praxis der Heiligenverehrung wurden zunächst die Gräber von Heiligen, dann auch die Gräber von Klerus und Laien ins Zentrum, in den Raum in und um die Kirche herum verlagert. Die Anordnung der Gräber erfolgte gemäß dem gesellschaftlichen Status zu Lebzeiten. Im 18. / 19. Jahrhundert erfolgte die Verlagerung der Gräber aus Gründen der Hygiene auf Friedhöfe an die örtliche Peripherie.
Grabmale
Friedhöfe]]
Grabmale und Gruften sind besondere Gräber für Einzelpersonen von besonderem Rang. Bedeutende Grabmäler sind Pyramiden, Mausoleen oder auch Grabkapellen (Grabkapelle (Württemberg) für Königin Katharina Pawlowna).
Sonderformen
In bestimmten Ländern (z.B. Tirol, Paris, Alentejo) erfolgte zeitweilig die Sammlung der Gebeine in Ossuarien (Beinhäusern) zu deutsch: Karner.
Im Zuge bestimmter Katastrophen, besonders der Neuzeit, kommt es zur Anlage von Massengräbern.
Siehe auch
- Ehrengrab, Felsengrab, Bestattung, Epitaph, Friedhof, Grabkammer, Grabstein, Kenotaph, Larnax, Mastaba, Pyramide (Bauwerk), Sarg, Sarkophag, Totenschild, Steingrab, Kriegsgrab, Seekriegsgrab, Totengräber
Literatur
- Philipe Aries: Geschichte des Todes. dtv, ISBN 3-423-30169-4
Weblinks
Kategorie:Grabbau
ja:墓場
Grab (Begriffsklärung)Der Ausdruck Grab bezeichnet die Grabstätte: Grab
weiteres
- Heiliges Grab
Art von Snowboard- oder Skitrick
- Grab (Snowboardtrick)
Ortsnamen
- Grab (Großerlach)
Personen
- Walter Grab
Leichnam
Unter einer Leiche oder einem Leichnam versteht man in der Regel einen toten Körper, in Verwesung begriffene Leichen nennt man Kadaver. Der Begriff Leiche wird jedoch überwiegend für den toten menschlichen Körper verwendet, der Begriff Kadaver überwiegend für tote Tiere (allerdings ist die Kadaverspende das Gegenteil der Lebendspende bei Organtransplantationen).
Recht
Strafrecht
Der Leichnam eines Menschen ist keine Sache im Sinne des Strafgesetzbuches, da die Menschenwürde auch über den Tod hinaus wirkt. Nach anderer Ansicht handelt es sich doch um eine Sache, die aber nicht eigentumsfähig ist. Jedenfalls ist es nicht möglich eine Leiche zu stehlen. Als Straftat kommt insofern nur die Störung der Totenruhe in Betracht. Eine Ausnahme besteht, wenn eine Leiche zu Forschungs- oder Ausstellungszwecken verwendet wird und daher nicht mehr für eine Bestattung vorgesehen ist.
Zivilrecht
Im Zivilrecht fällt der menschliche Leichnam unter den Begriff der Sache. Folglich kann auch Besitz an einer Leiche begründet werden (da es sich dabei lediglich um die Ausübung realer Herrschaftsmacht handelt) oder ein Abwehranspruch nach § 1004 BGB geltend gemacht werden. Es besteht aber, mit der Ausnahme von Anatomieleichen usw., kein Eigentumsrecht an einer Leiche - der Mensch ist auch nach dem Tod sein "eigener Herr". Auch diese Aussagen sind in der Rechtswissenschaft umstritten. Insbesondere wird die Auffassung vertreten, dass sich die Einordnung als Sache verbiete und die sachenrechtlichen Grundsätze (Besitz und dergleichen) wie bei Tieren nur entsprechend anzuwenden seien. Für Tiere findet sich diese Regelung in § 90a Satz 3 BGB. Eine gesetzliche Regelung z.B. über die Verwendung von Leichen in der Wissenschaft besteht nicht.
Totenfürsorge
Die Totenfürsorge ist von der Einordnung des Leichnams unabhängig und obliegt den nächsten Angehörigen, soweit der Verstorbene gemäß seinem postmortalen Selbstbestimmungsrechts keine anderen Anordnungen getroffen hat.
Siehe auch unter
Sterbefall, Totenfürsorge, Bestattung, Bestattungsrecht, Bestattungsgesetz, Friedhof, Bestattungsvorsorge, Testament, Erbrecht, Todeserklärung, Testament, Leichenschau, Obduktion,
Weblinks
- [http://www.bestatter.de Bundesverband der Bestattungsunternehmen]
- [http://www.horstdeinert.de/todesfall.htm Weitere Hinweise zum Todesfall- und Bestattungsrecht]
Kategorie:Pathologie
Kategorie:Rechtsmedizin
EmbryoDer oder das Embryo (griechisch έμβρυο [sächlich]), auch der Keim oder der Keimling, ist ein Lebewesen in der frühen Form der Entwicklung.
Bei höheren Pflanzen besteht der Embryo aus Keimwurzel (Radicula), Sprossknospe (Plumula) und Keimblatt (Kotyledon) beziehungsweise Keimblättern (Kotyledonen). Im Rahmen der Keimung entwickelt sich aus ihm der Keimling.
Bei Tieren wird der sich aus einer befruchteten Eizelle (Zygote) neu entwickelnde Organismus als Embryo bezeichnet, solange er sich noch im Muttertier oder in einer Eihülle oder Eischale befindet.
Beim Menschen wird der Embryo nach Ausbildung der inneren Organe ab der neunten Schwangerschaftswoche als Fetus (auch Fötus geschrieben) bezeichnet.
Juristische Aspekte
In der Rechtsprechung wird der Begriff Embryo allerdings anders verwendet. So ist die Forschung mit menschlichen Embryonen in etlichen Ländern bis zum 14. Lebenstag erlaubt. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich nach derzeit geltenden Definitionskritirien noch kein individueller Mensch entwickelt, da die Bildung des Primitivstreifens des Zentralnervensystems erst nach dem 14. Entwicklungstag stattfindet. Manche Forscher sprechen daher in den ersten Lebenstagen eines Embryos von einem präembryonalen Stadium oder einem Präembryo, nicht aber von einem echten Embryo. Daraus leitet die Rechtsprechung eine abgeschwächte Verpflichtung ab, das Leben des Embryo bis dahin zu schützen.
Tierische und menschliche Embryonen werden von der Wissenschaft oft für experimentelle Zwecke genutzt. Für die medizinische Forschung werden aus menschlichen Embryonen und abgetriebenen Föten beispielsweise Stammzellen gewonnen. In einigen Ländern ist das therapeutische Klonen zugelassen. Zur Rechtfertigung werden meistens folgende Argumente vorgebracht:
- Bis zum 14. Tag gebe es bei menschlichen Embryonen keine Individualität.
- Daraus ergebe sich, dass der Lebensschutz auf diesen frühen Embryonalstadien nicht so hoch angesetzt werden müsse, wie bei einem menschlichen Lebewesen, bei dem die Individualität feststeht, denn der Nutzen der Experimente an embryonalen Zellen für die Menschheit sei höher zu bewerten.
- Wenn die Experimente im eigenen Land verboten seien, würden sie in anderen Ländern gemacht, so dass es aus Gründen des wissenschaftlichen Fortschritts günstiger sei, die Versuche im eigenen Land zu erlauben.
Das österreichische Fortpflanzungsmedizingesetz von 1992 und das deutsche [http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/eschg/index.html Embryonenschutzgesetz] von 1990 erlauben weder das therapeutische Klonen noch die Verwendung von Embryonen für therapeutische Zwecke. In Deutschland wird seitdem intensiv darüber diskutiert, ob die Forschung mit embryonalen Stammzellen nicht doch erlaubt werden sollte.
Literatur
Erich Blechschmidt: Wie beginnt das menschliche Leben? Vom Ei zum Embryo. Stein am Rhein, 1989, ISBN 3-7171-0653-8
Siehe auch
- Embryonalentwicklung
- Embryonenschutzgesetz
Weblinks
- [http://embryotox.de Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie]
Kategorie:Zoologie
Kategorie:Embryologie
Kategorie:Pränatalmedizin
ja:胚
simple:Embryo
Hünengrab]Hünengrab ist eine volkstümliche deutsche Bezeichnung für ein so genanntes Großsteingrab, das aus großen Steinen, so genannten Megalithen errichtet wurde und heute neutraler (da der Grabcharakter umstritten ist) die Bezeichnung Megalithanlage trägt.
Klassische Hünengräber gibt es in Südskandinavien und der norddeutschen Tiefebene, von der Weichsel bis in die östlichen Niederlande. In den Niederlanden heißen die Anlagen Hunebedden (Hünenbetten). In Dänemark u. a. Dyssen oder Jaettestuen (Riesenstube); in Schweden Dösen oder Röjr (Röser). Die heute oft nur noch als Steinhaufen (sh. Bild) sichtbaren Kammern lagen ursprünglich (oder liegen noch) unter runden oder länglichen Erdhügeln, die Dolmen und Ganggräber und ggf. Steinkisten (Galeriegräber) enthalten können oder kammerlos waren.
Die Archäologen datieren diese nordische Variante der Anlagen in die Jungsteinzeit (etwa zwischen 3.500 und 2.800 v. Chr.
Die Comic-Figur Obelix hantiert mit „Hinkelsteinen“, jenen Steinen, aus denen Hünengräber erbaut oder als „Steinreihen“ aufgerichtet wurden.
Siehe auch
- Steinsetzung
- Schiffssetzung
- Nordische Megalitharchitektur
Kategorie:Archäologie
Kategorie:Kultbau
ja:支石墓
Findling
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Ein Findling, auch Erratischer Block genannt, ist ein meist einzeln liegender großer Gesteinsblock, der durch Gletscherströme in den Eiszeiten an die heutige Stelle verdriftet (transportiert und abgelegt) wurde. Sie gehören auch zum Formenschatz der glazialen Serie.
Kulturhistorie
In der Steinzeit wurden Findlinge zum Bau von Hünengräbern verwendet. Diese
Großsteingräber sind im norddeutschen Raum (Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt) zu finden.
Viele dieser Steinblöcke tragen seltsame Namen, die meist mit Sagen und Legenden verbunden sind. Der Transport des Gesteins über offensichtlich weite Strecken erregte jahrhundertelang die Fantasie der Menschen, ehe die Wissenschaft plausible Erklärungen anbieten konnte.
Funde
Die Gletscher haben auf der Endmoräne Fläming bei Treuenbrietzen in Brandenburg verschiedene Findlinge hinterlassen wie beispielsweise den Bismarckstein oder den Landwehrmannstein, die auf dem ausgeschilderten Wanderweg Steintour besichtigt werden können.
Etwa 300 m vor der Küste Göhrens liegt der größte bekannte deutsche Findling, der Buskam. Sein Volumen beträgt zwischen 600 und 700 m³, was einer Masse von 1.800 Tonnen entspricht.
Weitere bekannte Findlinge
- [http://www.nlfb.de/geologie/downloads/geotope/Infoblatt_Giebichenstein.pdf Giebichenstein (pdf)] bei Nienburg (Weser), Niedersachsen, Deutschland
- Markgrafenstein bei Bad Saarow, Brandenburg, Deutschland
- Findling Babelsberg, Großbeerenstraße, Potsdam-Babelsberg, Brandenburg, Deutschland
- Findling Ewald in Hennickendorf, Ortsteil der Gemeinde Nuthe-Urstromtal, Brandenburg
- der Findling Alter Schwede hat ein Gewicht von 217 Tonnen und einen Umfang von 19,7 Meter bei einer Höhe von 4,5 Metern. Er wurde 1999 bei Ausbaggerarbeiten in der Elbe gefunden und am Elbstrand bei Övelgönne aufgestellt.
- Findling "Großer Stein" auf dem Klosterberg in Demmin: Länge 8,2 m, Breite 6 m, Höhe 5,2 m = 133 m³ = 360 Tonnen (Granit).
- Siebenschneiderstein auf Rügen
- der 1000 Kubikmeter große Pflugstein in Herrliberg, Kanton Zürich, Schweiz
- die 1200 Kubikmeter messende Grossi Flue in Steinhof, Kanton Solothurn, Schweiz.
- der Findling im Val Masino (Italien, Sondrio) ist nicht der grösste in diesem Tal.
- der Findling am Monte Cimino (vic. Orvieto, Italien) ist vulkanischen Ursprungs. Dieser Stein wurde bereits von Plinius beschrieben, denn dieser mehrere Tonnen wiegende Findling lässt sich bewegen, das heisst er hält sich an der Auflagefläche die Waage.
Findlinge als Problem für die Wissenschaft
Im wissenschaftlichen Weltbild des 18. Jahrhunderts, das die Erdgeschichte seit der Schöpfung als weitgehend statisch betrachtete, waren Gesteinsblöcke, die in Gebieten zu finden waren, aus denen sie geologisch offensichtlich nicht stammen konnten, ein großes Problem.
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts beschäftigten sich Geologen intensiv mit der Frage, durch welche Kräfte die Findlinge über so weite Strecken transportiert worden waren, z.B. in die Norddeutschen Tiefebene und ins Alpenvorland. Sagenhafte Erklärungen, wie Riesen, die die Steine durch die Luft geschleudert hätten, wurden im Zeitalter der Aufklärung nicht mehr akzeptiert. Statt dessen wurden vulkanische Vorgänge in Betracht gezogen, die Toteislöcher wurden als Krater gedeutet. 1787 hatte zwar schon der schweizer Politiker und Heimatkundler Bernhard Friedrich Kuhn als Ursache Gletschertätigkeiten vermutet, auch der schottische Geologe James Hutton hatte sich dahingehend geäußert, aber die Vorstellung von einer Vergletscherung weiter Teile Europas widersprach dem gängigen Weltbild. Der Begriff Eiszeit war noch nicht geprägt. Eher konnte man sich vorstellen, dass die riesigen Gesteinsbrocken bei der Sintflut oder anderen Überschwemmungskatastrophen auf Eisschollen aus dem Norden an ihre heutigen Fundorte in Norddeutschland getragen worden seien. Die Findlinge im Alpenvorland könnten ebenfalls durch große Wassermassen von den Alpengipfeln bis weit ins Vorland gelangt sein, so vermutete man. Goethe, der in dieser Zeit selbst als Geologe tätig war, beschrieb in seinem Drama Faust II die Probleme mit den Findlingen in Spottversen.
Die These, dass einstmals die Gletscher weite Teile der Schweiz sowie Teile Europas überzogen hätten, wurde 1822 von Ignatz Venetz aufgestellt. Gehör fand er lediglich bei Jean de Charpentier, dem Salinendirektor in Bex (Kanton Waadt) im schweizerischen Tal der Rhône.
Erst ab dem Jahr 1835 reiste der deutsche Naturforscher, Geologe und Botaniker Karl Friedrich Schimper, mit Vorträgen über das Problem der Findlinge und seine Vorstellungen über einen "Weltwinter" durch Deutschland und die Schweiz und prägte den Begriff Eiszeit. Zusammen mit Charpentier und dem schweizer Naturforscher Louis Agassiz wurde die Theorie weiterentwickelt und durch Forschungen an rezenten Gletscherlandschaften erhärtet. Das Problem des Transports der Findlinge durch das Eis der langsam fließenden Gletscher konnte als gelöst betrachtet werden. Es dauerte jedoch noch bis in die 70erjahre des 19. Jahrhunderts, bis sich die Theorie der Eiszeiten durchsetzte. Der Beitrag Schimpers, der keine Bücher schrieb, sondern nur mündliche Berichte oder kurze Schreiben abgegeben hatte, geriet dabei fast in Vergessenheit.
Siehe auch
- Lesestein
- Lesesteinhaufen
- Block
- Stein
- Findling (Rebsorte)
Weblinks
- [http://www.badsaarow.tv/gast-geschichte-steinschale.php Geschichte der Rauener Steine]
- [http://www.hamburg.de/Behoerden/Umweltbehoerde/geotope/Alter_Schwede/%F6velg%F6nne.htm Webseite zum Findling Alter Schwede in Hamburg]
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Nicht zu verwechseln ist der Findling mit dem Findelkind.
Kategorie:Glaziologie
Kategorie:Geologie
Kategorie:Geomorphologie
KatakombenKatakomben (vom römischen Flurnamen ad catacumbas, der vom griechischen κατα κυμβας - kata kymbas = "in den Höhlungen, in der Vertiefung" herrührt) sind unterirdische Gänge mit in den Felsen eingehauenen Grabkammern, unterirdische Leichengewölbe. In der Regel wurden die Toten jedoch nicht direkt dort beigesetzt, sondern die Gebeine auf den Friedhöfen exhumiert und in die Katakomben überführt.
Besonders bekannt sind die von den ersten Christen in Rom für heimliche Gottesdienstfeiern benutzten unterirdischen Grabanlagen.
Entgegen dieser durch einschlägige Romane und Pseudoantik-Filme herrührenden landsläufigen Meinung wurde durch Forschungen inzwischen festgestellt, daß die Katakomben nie für christliche Versammlungen oder gar als Verstecke genutzt wurden. Ihr Entstehen ist ganz einfach darin begründet, daß im römischen Reich innerhalb der Stadtmauern keine Erdbestattungen statt finden durften, Feuerbestattungen aber der damaligen christlichen Glaubensauffassung widersprachen. Daher wurden im Lauf der Zeit von befreundeten römischen Familien Christen zur Verfügung gestellte Grabstätten unterirdisch erweitert und ausgebaut, wobei die Anlage in weichem Vulkantuff-Gestein dem Ausbau entgegenkam. Heute sind beispielsweise in der Katakombe von San Callisto an der Via Appia antica in Rom ungefähr 20km Gänge und Räume bekannt.
Katakomben befinden sich in vielen Städten. Unter anderem an den folgenden Orten :
- Wien
- Paris
- Rom (Coemeterium Callisti, die Katakomben von San Callisto; San Sebastiano; St. Domitilla; St. Agnes; St. Priscilla)
- Malta
- Venedig
- Neapel
In einigen Orten können Teile der Katakomben besichtigt werden.
Weblink
- [http://www.catacombe.roma.it/indice_td.html Beschreibung und Deutung der römischen Katakomben]
Siehe auch
- Katakomben von Paris
- Katakomben in Rom
- Beinhaus
Kategorie:Grabbau
ja:カタコンブ
Judentum
Unter Judentum versteht man die Gesamtheit aus Kultur, Geschichte, Religion und Tradition des sich selbst als Volk Israel (he. am jisrael, bnei jisrael) bezeichnenden jüdischen Volkes. Mit dem Begriff können auch gezielt die jüdische Religion oder, als Gruppe, die sowohl ein Volk als auch eine Glaubensgemeinschaft darstellenden Juden (he. jehudim) angesprochen werden.
Das Judentum zählt zu den Weltreligionen; Christentum und Islam haben viele ihrer Überlieferungen aus ihm übernommen.
Geschichte des jüdischen Volkes
Islam
Nach der Tora, der jüdischen Bibel, beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes mit dem Bund, den Gott mit Abraham schließt (1.Mose 12). Die jüdische Tradition sieht Abraham als den Begründer des monotheistischen Glaubens an einen einzigen, unsichtbaren Gott. Diesen Bund setzt Gott mit Abrahams Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob fort, der seit dem Ringkampf am östlichen Ufer des Flusses Jabbok (1.Mose 32) Jisrael genannt wurde. Jakob hatte zwölf Söhne, die zu den Stammvätern der Zwölf Stämme Israels (Israeliten) wurden: Ruben, Simeon, (Levi), Juda, Issaschar, Sebulon, Benjamin, Dan, Naphtali, Gad, Asser und Joseph (mit seinen Söhnen Ephraim und Manasse). Diese ziehen von Kanaan, dem heutigen Palästina bzw. Israel nach Ägypten, wo ihre Nachfahren (die Hebräer) vom Pharao versklavt werden. Aus dieser Sklaverei werden die von Mosche (Moses) angeführten Hebräer durch Gott befreit, der ihnen am Berg Sinai die (schriftliche und mündliche) Tora offenbart. Nach 40jähriger Wüstenwanderschaft siedeln sich die zwölf Volksstämme in Kanaan an. Sie bildeten nach der Bibel in ihrer Gesamtheit das Volk Israel, das erwählte Volk Gottes. Die Erwählung bedeutet dabei die Aufgabe, durch Einhaltung der Mizwot (der in der Tora festgelegten Ge- und Verbote) der Menschheit ein Beispiel für ein ethisches Leben zu geben. Obwohl das jüdische Volk an dieser Aufgabe häufig scheitert, was die späteren Propheten immer wieder beklagen, bleibt der Bund mit Gott ungebrochen.
Die Bezeichnung "Juden" bedeutete ursprünglich "Judäer" und geht auf das Königreich Juda zurück, das seinen Namen wiederum von den darin lebenden Angehörigen des Stammes Juda hatte. Der Name "Judentum" bezieht sich ursprünglich nur auf diesen einen von den Stämmen Gesamtisraels.
Nach der so genannten babylonischen Gefangenschaft wurden alle Bewohner der Region von den umliegenden Völkern als "Judäer" bezeichnet und damit der Name "Juden" auf alle Israeliten ausgedehnt. In der Diaspora wurde der Name "Juden" dann zu ihrer Selbstbezeichnung.
Bereits in hellenistischer Zeit fanden Auswanderungsbewegungen aus Palästina statt: Das so genannte Hellenistische Judentum entstand. Spätestens seit der Zerstörung des jüdischen Staates im 1. Jhd. nach Christus und der Zerstörung Jerusalems unter Hadrian (der Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannte) zerstreuten sich die Juden als regional greifbares und geschlossenes Volk endgültig, wobei jedoch die große Mehrheit innerhalb des Römischen Reiches siedelte. In der Spätantike und dem frühen Mittelalter verschob sich der Schwerpunkt nach Babylonien, damals Teil des Reiches der Sassaniden.
Die übrigen Anhänger des Judentums verteilten sich im Hochmittelalter auch in andere Teile Europas, im Spätmittelalter, im Zuge der Pestpogrome und der Ausweisung beispielsweise aus Frankreich, besonders nach Osteuropa, ferner in die islamische Welt und im Anschluss (Vertreibung aus Spanien 1492) wieder ins heutige Palästina sowie auch in die Neue Welt. Juden wurden oft verfolgt und ghettoisiert, konnten sich stellenweise aber auch unter Beibehaltung von Glaube und Tradition als integraler Bestandteil der lokalen Gesellschaften etablieren.
Siehe auch: Geschichte des jüdischen Volkes
Jüdische Religion
Die jüdische Religion basiert auf den religiösen Überlieferungen des jüdischen Volkes. Diese Überlieferungen teilen sich auf in eine schriftliche (Thora) und eine mündliche Lehre (Mischna, Talmud, Schulchan Aruch usw.).
Siehe: Jüdische Religion, Jüdischer Glaube
Aktueller Kontext
Der Begriff Jude bezeichnet nach dem jüdischen Recht des rabbinischen Judentums seit der modernen Zeitrechnung einen Menschen mit einer jüdischen Mutter und jene, die rechtmäßig zum jüdischen Glauben übergetreten sind (siehe Gijur).
Das Judentum ist seit Jahrtausenden häufig religiösen, ideologischen und politischen Anfeindungen und dabei Pogromen und Verfolgungen ausgesetzt. Einmalig in der Geschichte ist dagegen der Versuch der planmäßigen und quasi-industriellen Ausrottung des jüdischen Volkes durch das nationalsozialistische Deutschland.
Im Jahre 1934 wurden 17 Millionen jüdische Menschen auf der Welt gezählt. Sechs Millionen davon, mehr als ein Drittel, fielen dem Holocaust zum Opfer. Dies beschleunigte nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs die Umsetzung der zionistischen Bestrebungen und führte 1948 zur internationalen Anerkennung des Staates Israel als jüdische Heimstätte.
Der heutige Staat Israel, eine Demokratie nach westlichem Vorbild, begründet seine territoriale Außen- und Innenpolitik staatlich-souverän, seine Innenpolitik ist jedoch in einigen Feldern auch stark religiös geprägt. So ist eine bürgerliche Heirat in Israel nach wie vor nicht möglich, da das Familienrecht den jeweiligen Religionsgruppen unterstellt ist. Dies kann zum Beispiel bei Scheidung zu Problemen für Frauen führen, wenn sich der Ehemann weigert, der Frau den Scheidungsbrief (Get) zu überreichen. Solche Scheidungsverweigerer können zwar vom Rabbinatsgericht in Erzwingungshaft gesteckt werden, doch ohne einen Get bleibt nach traditionellem jüdischen Recht die von ihrem Mann getrennte Frau "gebunden" und kann nicht wieder heiraten.
Aufgrund der besonderen Geschichte und Tradition des Judentums ist das Verständnis einer jüdischen Identität ausgeprägt, die sich auf ein gemeinsames Schicksal bezieht und nicht notwendigerweise religiös begründet wird. Viele Juden betrachten sich gleichzeitig z.B. als Briten oder US-Amerikaner, bis 1933 auch als patriotische Deutsche, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben für ihre europäische Heimat riskierten oder opferten.
Jüdische Gemeinden in der Welt
Heute gibt es etwa 14 Millionen Juden in der Welt, von denen die meisten in den USA und in Israel leben. Durch verschiedene Emigrations- und Imigragtionswellen hat sich die Verteilung der Juden in der Welt in den letzten Jahren sehr verändert. Vor 15 Jahren lebte noch ein Großteil der Juden in der ehemaligien Sowjetunion. Nach ihrer Auflösung wanderten viele Menschen nach Israel (siehe Alijah), in die USA und nach Deutschland aus.
Heute leben die meisten Juden in:
Die religiösen Strömungen des Judentums der Gegenwart
In der Gegenwart können verschiedene kategorisierende Gruppierungen der Strömungen des religiösen Judentums vorgenommen werden. Dabei betreffen die Unterschiede nicht primär, aber auch die Gottesvorstellungen und den Glauben. Es werden orthodoxe und nicht-orthodoxe jüdische Strömungen unterschieden. Hierbei ist wichtig, dass für das Adjektiv nicht-orthodox synonym auch progressiv, reformiert oder liberal (wobei hier liberal nicht vom politischen Liberalismus abgeleitet ist, sondern den Schwerpunkt auf verstärkte Assimilation setzt) in einem weiteren Sinne genommen wird. Konservativ ist hingegen mit dem Begriff konservatives Judentum belegt, einer seit dem 19. Jahrhundert sich entwickelnden Strömung des Judentums, die eine Stellung zwischen Orthodoxie und dem liberalen Judentum einnimmt.
Der grundlegende Unterschied zwischen orthodoxem Judentum und den nicht-orthodoxen Strömungen beginnt beim Verständnis der Offenbarung am Berg Sinai (Mosche empfängt die Tora).
Das nicht-orthodoxe Judentum versteht diese Offenbarung nicht als absolut, sondern als einen progressiven (= fortschreitenden) Prozess des Dialoges Gottes mit seinem Volk, in der Zeit und in den Kulturen. Im Kontext dieser historisch-kritischen Auslegung der Offenbarung entstanden alle nicht-orthodoxen Strömungen des Judentums. Da sie alle die Entwicklung betonen, gehören diese alle zum progressiven Judentum im weitesten Sinne. Im engeren Sinne bestimmt der Begriff progressives Judentum jedoch alle Gruppen des Reform-Judentums, die sich im Verband Weltunion für progressives Judentum zusammengeschlossen haben.
Zwei Drittel des religiös geprägten Judentums sind nicht zur Orthodoxie gehörend, ein Drittel zählt sich zum orthodoxen Judentum mit seinen verschiedenen Unterströmungen.
Alle religiösen jüdischen Strömungen der Gegenwart haben ihren Ausgang in den Impulsen der Geistesgeschichte vor allem Deutschlands und Europas ab Ende des 18. Jahrhunderts. -
Der Fokus der Entwicklung des Judentums liegt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. -
Aus Deutschland sind die Beiträge zur Entwicklung jüdischen Denkens und Geistesleben nach der Shoa unbedeutend. Langsam entwickelt sich dieses aber zunehmend unter der Zuwanderung jüdischer Menschen aus der ehemaligen UdSSR, aus der Diaspora Osteuropas und Asiens.
Hauptströmungen des Judentums der Gegenwart:
: Orthodoxes Judentum
: Liberales Judentum
: Konservatives Judentum
: Rekonstruktionismus
Andere, kleinere religiöse Strömungen des Judentums der Gegenwart:
: Ultraorthodoxes Judentum
: Neoorthodoxes Judentum
: Jüdische Mystik (siehe: mittelalterliche Kabbala)
: Chassidismus
: Jewish Renewal, oder Neo-Chassidismus
Andere laizistische Strömungen des Judentums der Gegenwart:
: Säkulares Judentum
: Humanistisches Judentum
Siehe auch: Strömungen des Judentums, Säkularismus
Aufteilung in ethnische Gruppen
In der Geschichte wurden Juden in vier größere Gruppen eingeteilt:
- Die Aschkenasim, deren Vorfahren in Deutschland oder Frankreich lebten, bevor sie nach Osteuropa und teilweise später in die USA auswanderten,
- die Sephardim, deren Vorfahren auf der iberischen Halbinsel (Spanien, Portugal) lebten,
- die orientalischen Juden (Misrachim), die im Nahen Osten und in Nordafrika lebten, aber auch nach Mittel- und Südasien wanderten (orientalische Juden werden oft auch als sephardisch bezeichnet, da ihre Traditionen weitgehend übereinstimmen) und
- die jemenitischen Juden (Teimanim), die lange von den übrigen Juden isoliert waren und dadurch eigene Riten entwickelten, aber auch alte Traditionen länger bewahrten (Hebräische Sprache,Kabbalah).
Die sephardischen Juden flohen 1492 vor der spanischen Inquisition, und siedelten sich überwiegend im Mittelmeerraum, teilweise aber auch in Mittel- und Westeuropa an (z.B. in Hamburg und Altona). Ihre gemeinsame Sprache ist das Ladino, das unterschiedliche regionale Ausprägungen hat.
Kleinere Gruppen sind
- die äthiopischen Juden (Eigenbezeichnung Beita Israel, andere Bezeichnung Falascha,
- die Bene Israel aus Bombay in Indien,
- die Bnei Israel (auch Shinlung in Nordostindien und Burma, sie stammen angeblich vom jüdischen Stamm der Menaseh (Manasse) ab),
- die Romanioten, griechischsprechende Juden des Balkan,
- die Tat sprechenden Bergjuden des Kaukasus (Dagestan, Aserbaidschan),
- die turksprachigen Krimtschaken auf der Krim und
- die Religionsgemeinschaft der Karaiten, die eine wesentliche Rolle bei der Bekehrung der Chasaren gehabt haben soll.
Umstritten ist die Stellung
- einer afghanischen Gruppe, die auf den antiken Stamm Ephraim zurückgehen soll,
- der Lemba in Simbabwe, sowie
- der messianischen Juden (Eigenbezeichnung) oder modernen Judenchristen – zum Christentum, meist evangelikaler Prägung, konvertierte Juden, die an ihrer jüdischen Identität festhalten sowie ein paar jüdische Traditionen pflegen und hauptsächlich in den USA zu finden sind. "Messianische" Juden sind nach dem Verständnis aller anderen Strömungen des Judentums (orthodox, konservativ, liberal, reformiert) im religiösen Sinn keine Juden, da ihre Interpretation der Tradition christlich ist. Hier unterscheiden sich Selbstwahrnehmung und Außenwahrnehmung.
Die Samaritaner sind eine frühzeitige Abspaltung von den Juden im engeren Sinne, die dennoch gewollt oder ungewollt lange deren Schicksal teilten: Aufstände der Juden zogen oft auch die Samaritaner in das Geschehen ein, da die Römer Probleme hatten, diese zu unterscheiden.
Wie es in Rom jüdische Synagogen gab, so gab es auch samaritanische. Heute gibt es nur noch sehr wenige Samaritaner.
Religiöse Führung
Jüdische Gemeinden werden geistlich und rechtlich von einem Rabbiner geleitet. Sephardische Juden sowie die Karäer bezeichnen ihren geistlichen Leiter auch als Chacham (Weiser). Im Jemen bei den Teimanin ist der Begriff Mori (mein Lehrer) gebräuchlich.
Die Gottesdienste werden im allgemeinen von einem Kantor, Chasan, oder allgemeiner gesagt von einem Vorbeter geleitet; zu ihrer Durchführung wird ein Quorum bzw. (hebräisch) Minjan, d.h. die Versammlung zehn jüdischer Männer, benötigt.
Die allgemeine, weltliche Leitung einer jüdischen Gemeinde hingegen liegt bei einem von den Gemeindemitgliedern zu wählenden Gemeindevorstand.
Historische jüdische Sekten
Fast alle Juden der Neuzeit folgen dem in Mischna und Talmud enthaltenen mündlich überlieferten Gesetz; sie werden als Rabbinisches Judentum bezeichnet.
Innerhalb des rabbinischen Judentums gibt es verschiedene Richtungen, wie etwa das Orthodoxe oder das Reformjudentum.
- Die kleine Gruppe der Karäer stellt eine Abspaltung von der Mehrheit der Juden dar. Sie lehnt die in Mischna und Talmud enthaltenen Lehren ab.
- Die Samariter haben als heilige Schriften eine Version der Torah, die Memar Markah sowie eine eigene Liturgie, Gesetze und Auslegungsschriften. Ein Großteil des Tanach (jüdische Bibel) gilt ihnen nicht als inspiriert. Die Autorität von Mischna und Talmud lehnen sie ebenfalls ab. Es gibt nur noch wenige Anhänger der samaritischen Religion.
Jüdische Kultur
Die jüdische Kultur steht in starker Wechselwirkung zu den Kulturen, in denen die jeweilige jüdische Gemeinschaft ihr kulturelles Leben entfaltet, so dass sie kaum isoliert betrachtet werden kann. Dabei spielt die Religion eine unterschiedlich große Rolle.
Durch die Aufsplittung des Europäischen Judentums in die
Aschkenasim und Sephardim haben sich hier zwei auch durch die Sprache unterschiedene Kulturräume entwickelt.
Siehe auch: Jüdisches Brauchtum, Jüdische Feste, Jüdischer Kalender, Jüdische Küche
Jüdischer Humanismus
Die Verarbeitung von Pogromerfahrungen geben den jüdischen Einflüssen in der Kultur nicht selten eine stark humanistische und egalitäre Prägung (bzw. wird hier der jüdische Einfluss am ehesten offensichtlich).
Viele Künstler bekennen sich zum Judentum als Nation und begreifen sich gleichzeitig als Atheisten.
Sprache
Hebräisch ist die Sprache der ältesten jüdischen Schriften und war Umgangssprache der Juden in der antiken Periode ihrer Unabhängigkeit. Es wurde als Umgangssprache nach Jahrhunderten vom Aramäischen verdrängt, blieb aber bis in unsere Tage hinein Gottesdienstsprache, z.T. auch Gelehrtensprache. Das Aramäische ist eine zum Hebräischen sehr ähnliche Sprache, die auch das schriftliche Hebräisch späterer jüdischer Schriftwerke beeinflusst hat. Einige Passagen in den Schriften des Alten Testamentes wurden schon auf aramäisch verfasst. Jesus und seine jüdischen Landsleute sprachen aramäisch. In der Diaspora nahmen die Juden die Sprachen der Länder an, in denen sie lebten (siehe Jüdische Sprachen). Einige Sonderfälle sind Sprachen, die jüdische Gemeinschaften aus verschiedenen Gegenden der Welt übernommen haben und aufgrund der historischen Umstände zu selbständigen Sprachen (wenn man will, zu Dialekten) weiterentwickelt haben. Siehe dazu: Jiddisch (die Sprache der Aschkenasim), Ladino (oder Sephardisch) (die Sprache der Sephardim), Judeo-Berberisch (die Sprache jüdischer Berber in Marokko), Tat (auch: Judeo-Tat, die Sprache der Bergjuden des Kaukasus (Dagestan, Aserbaidschan)). Im Alltag sprechen Juden die Sprache des Landes, in dem sie leben.
Das Iwrith, welches heute in Israel gesprochen wird, stellt eine gelungene Wiederbelebung des antiken Hebräisch dar, das um einen modernen Wortschatz erweitert wurde und auch in der Grammatik einige Anpassungen erfuhr. Es entwickelt sich heute im lebendigen Gebrauch weiter wie andere Sprachen auch.
Siehe auch
- Portal:Judentum
- Haskala, Haggada, Kabbalah, Schma Israel
- Israel, Israeliten, Zentralrat der Juden in Deutschland, Zionismus
- Jewish Encyclopedia,
- Kawwana, Tachles
- Proselyt, Judenmission
- Zarathustrismus, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus, Judenchristen
- Davidstern
Literatur
- Jonathan Magonet: Einführung ins Judentum, Jüdische Verlagsanstalt Berlin (JVB), 2003, ISBN 3-934658-43-1
- Max Dinemann: Liberales Judentum, Jüdische Verlagsanstalt Berlin (JVB), 2000, ISBN 3-934658-13-X
- Jonathan A. Romain/Walter Homolka: Progressives Judentum, Knesebeck, 1999, ISBN 3-89660-046-X
- Gilbet S. Rosenthal/Walter Homolka: Das Judentum hat viele Gesichter, Knesebeck, 1999, ISBN 3-89660-045-1
- Hans Küng: "Das Judentum", Piper Buchverlag, ISBN 3492228275
- Meyer, Hajo: Das Ende des Judentum, Neu-Isenburg 2005, ISBN 3-937389-58-X
- Paul Spiegel: "Was ist Koscher?", Ullstein 2003, ISBN 3-550-07575-8
- Arthur Herzberg: Wer ist Jude? Hanser 2000, ISBN 3-446-19760-5
- Jens J. Schreiner: Vom "Gelben Flicken" zum "Judenstern"? Genese und Applikation von Judenabzeichen im Islam und christlichen Europa (841-1941), Frankfurt am Main/Berlin/Bern u.a. : Peter Lang Verlag 2004, 169 S., 12 Tab., ISBN 3-631-52553-2
- Monika Grübel: Judentum. DuMont Buchverlag, Köln 1997, ISBN 3770134966
- Dominique Aubier Der Jüdische Fall Le Cas Juif, die ontologische Kraft der hebräischen Sprache, die jüdische spezifische Besonderheit, Verlag Mont Blanc, Genf"1970".
- Dominique Aubier Antwort auf Hitler, der jüdische Auftrag Erklärung der Shoa, Verlag Qorban, 1979. [http://www.dominique-aubier.org]
Weblinks
- aus jüdischer Sicht
- [http://www.hagalil.com www.hagalil.com] - deutschsprachiges jüdisches Internetportal
- [http://www.talmud.de www.talmud.de] - Jüdisches Leben in Deutschland -heute
- [http://www.papdam.net www.papdam.net] - praktisches Judentum mit viel Hintergrundinfos, Zielgruppe: Juden
- [http://www.jinfo.org Bedeutende jüdische Persönlichkeiten aus Naturwissenschaft, Philosophie, Musik etc.]
- http://www.zadoq.com deutschsprachiges jüdisches Religionsportal
- [http://www.synagoge.de/ jüdische Gemeinden in Deutschland]
- [http://www.jewfaq.org Online-Lexikon Judaism 101 - englisch]
- [http://www.juedisches-recht.de/ Quellen und Prinzipien des jüdischen Rechts]
- Über das Judentum aus nichtjüdischer Sicht
- [http://www.buchklub.at/gorilla/hoffnungsreich/cybertour/judentum.htm Judentum - kurze Einführung]
- [http://www.politische-bildung-brandenburg.de/publikationen/pdf/juedische_kultur_und_geschichte.pdf Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte. Hrsg: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung. 5. Auflage 2003]
ja:ユダヤ教
ko:유대교
ms:Yahudi
nb:Jødedom
simple:Judaism
th:ยูได
zh-min-nan:Iu-thài-kàu
Bestattungsriten der Israeliten
Die Form der Bestattung im Felsengrab ist zunächst bei Ägyptischen Königen üblich, später dann auch bei den Israeliten bekannt. Während Verbrennung im Volke Israel als Frevel galt (Am 2,1) und nur bei schlimmen Verbrechen verhängt wurden (Lev 20,14 und 21,9), waren bei den Stämmen der vor-kanaanitischen Zeit, Leichenverbrennungen üblich.
Die Behandlung des Leichnams
Der Tote wurde gewaschen (Apg 9,37), gesalbt (Mk 16,1) und mit leinenen Tüchern umwickelt (Mt 27,59 – Joh 11,44) und bis zur Bestattung aufgebahrt (Apg 9,37).
Bestattung
Die Bestattung des unrein geltenden Leichnams, erfolgte aufgrund des heißen Klimas direkt am gleichen Tage. Der Tote wurde nicht in ein Einzelgrab, sondern in das Grab der Sippe gelegt (Ri 8,32 - 2 Sam 2,32). Die größte Strafe war, nicht im Familiengrab bestattet zu werden (1 Kön 13,22 - 2 Chr 21,20; 28,27 - Jer 22,19).
Nach der Mischna (Balba Bathra 2,9) musste ein Grab etwa 50 Ellen, das sind etwa 25 m, von der Stadtmauer entfernt sein (Quelle: Gerhard Kroll, Auf den Spuren Jesu, 10. Auflage 1988 [Vorauflage], S. 373, Kapitel "Die Grabeskirche"). Dies deckt sich mit den archäologischen Befunden.
Die königlichen Gräber befanden sich in der Stadt Jerusalem (2 Kön 8,24; Ez 43,7 spricht davon, dass ihre Leichen den "heiligen Namen des Herrn beflecken"). Im Falle Jesu waren Garten und Grab beisammen (Joh 19,41), lagen aber außerhalb der Stadtmauern (Joh 19,20 und 19,41, Hebr 13,12, aus denen sich ergibt, dass der Kreuzigungsort außerhalb der Stadt und das Grab in dessen Nähe lag).
Form des Grabes
Die älteste Art war die natürliche Höhle, später das unterirdische Grabhaus mit Schachtzugang. Diese Schachtform wird später abgelöst durch den seitlichen Eingang, durch einen großen Stein verschlossen (Mk 16,3 – Joh 11,38), der zum leichteren Wegschaffen als Rollstein ausgeführt wurde.
Große Grabwohnungen der wohlhabenden Bevölkerung hatten verschiedene Stockwerke und die Kammern wurden ähnlich wie die Zimmer der menschlichen Wohnungen geformt. Die Toten lagen entweder auf dem Boden, auf Steinbänken oder in Steintrögen.
Beim Bau der Felsgräber grub man zunächst einen offenen Gang, gewöhnlich mit einigen abwärts führenden Stufen, um schneller die nötige Tiefe zu erreichen, in einen Berghang. Hinter einer sehr niedrigen Öffnung schlug man in den Felsen eine quadratische Kammer, deren Seitenwände aus dem Felsen gemeißelte Sitzbänke aufweisen. In diesem Vorraum befanden sich steinerne Sitzbänke. Er wurde mit der o.g. steinernen Platte oder dem Rollstein verschlossen.
An den Vorraum schloss sich die eigentliche Grabkammer an. Nach der Mischna musste ihre Größe 4x4 Ellen betragen, das sind rund 2x2 m (Quelle: Gerhard Kroll, a.a.O., S. 369). Diese Grabkammer gab es in unterschiedlichen Ausführungen: als Schiebegrab, als Bankbogengrab und als Troggrab bzw. Trogbogengrab.
Beim Schiebegrab wurden die Toten in Stollen (Kokim) hinein geschoben, die horizontal in den Felsen getrieben waren. Nach der Mischna bot der Normaltyp einer Grabkammer für 8-9 Schiebegräber Platz (Quelle: Gerhard Kroll, a.a.O. S. 369).
Beim Bankbogengrab wurde der Tote flach auf eine Felsbank gelegt, die über einem Rundbogen aus dem Felsen gehauen war. Beim ansonsten gleich ausgeführten Trog(bogen)grab wurde die Felsbank ausgehöhlt, so dass ein Trog entstand, in den der Tote hinein gelegt wurde.
Grabbeigaben
Den Toten wurden Eß- und Trinkgeschirr, Speisevorräte, Schmuck und Waffen (Ez 32,27) als Beigaben ins Grab gestellt. Dies gilt nur für Unbeschnittene, also nicht für Juden (Ez 32,27!)
Arme Bevölkerung
Bei der armen Bevölkerung wurden die Toten in die Erde gebettet und mit einem Kreis von Steinen umgeben. In Jerusalem gab es Begräbnisstätten für das gemeine Volk (2 Kön 23,6 – Jer 26,23) und für fremde Pilger (Mt 27,7). Die Gräber der Armen lagen in Jerusalem am Berghang verstreut und man ging achtlos über sie hinweg (Lk 11,44). Damit sich die Pilger z.b. an Passah nicht durch das Betreten des Grabes verunreinigten, wurden die Gräber weiß angestrichen (Mt 23,27).
Hingerichtete
Die Hingerichteten wurden auf den Totenplatz der Ruchlosen (Jes 53,9) gebracht. Nicht bestattet zu werden, war das schwerste Los, das den Menschen treffen konnte, weil dann seine Seele in der Unterwelt keinen richtigen Platz bekam (Ez 32,24 – Jes 14,19).
Im Gegensatz zu normal Verstorbenen wurde keine Waschung des Leichnams vorgenommen, da der Glaube, dass der Körper leibhaftig auferstehen würde, jede Kleinigkeit die zum Körper gehört (Blut) mit der Leiche bestattet werden musste.
Nach den üblichen jüdischen Riten stehen 2 Punkte im Widerspruch zu den Aussagen des NT:
1. Eine Grablegung in ein "Fürstengrab" des Josef von Arimathäa (Mk 15,46 - Mt 27,57 - Lk 23,50), ein Ratsmitglied, dürfte im krassen Widerspruch zu der Verurteilung als "Verbrecher" gestanden haben und von den übrigen Ratsmitgliedern nicht ohne Widerspruch hingenommen worden sein.
Kritik: Nach Mt 27, 52-66 gingen die Hohenpriester und die Pharisäer, d.h. die Vertreter des Rates (Synhedrion) zu Pilatus und ersuchten ihn, das Grab bewachen zu lassen, weil sie befürchteten, der Leichnam könne von den Jüngern Jesu entfernt werden, um dessen Auferstehung vorzutäuschen. Diese noch am Sabbat, d.h. ohne Rücksicht auf die Sabbatruhe in höchster Eile durchgeführte Aktion ist nur verständlich, wenn sie von der Grablegung am Vortag übberrascht wurden. Dass Josef von Aritmathäa die anderen Ratsmitglieder nicht um Erlaubnis gefragt hat, ist auch deshalb anzunehmen, weil er nach Joh 19,40 "aus Furcht vor den Juden" nur heimlich ein Jünger Jesu war.
2. Eine rituelle Waschung wie in Joh 19,40 angenommen, widerspricht ebenfalls den Riten.
Kritik: Joh 19,40 berichtet nichts von einer rituellen Waschung, sondern lediglich davon, dass der Leichnam Jesu zusammen mit wohlriechenden Salben in Leinenbinden gewickelt wurde.
Kategorie:Bestattungsritual
Kategorie:Feste und Brauchtum (Antike)
FeuerbestattungUnter Feuerbestattung (auch Leichenverbrennung) versteht man in unserem Sprachgebrauch die Verbrennung einer Leiche in einem Krematorium und die anschließende Beisetzung der Asche in einer Urne. Wird die Asche nicht beigesetzt, sondern ins Meer gesenkt, spricht man von einer Seebestattung.
Geschichte
Die Verbrennung des Körpers eines Verstorbenen ist in vielen Kulturen bekannt und gebräuchlich. Der Umgang mit der Asche war dabei verschieden: Sie wurde verstreut - an Land oder auch in einem Gewässer - oder aufbewahrt in einer Urne, einer Vase oder einen Krug.
Im Christentum wurde dagegen die Feuerbestattung jahrhundertelang abgelehnt. Der Grund ist in einem engen, wörtlichen Verständnis der Auferstehung der Toten zu suchen. Wenn der Körper des Verstorbenen bei der Auferstehung wieder zum Leben erweckt werden sollte, durfte er nicht verbrannt werden.
Die Erdbestattung orientierte sich dagegen an der Grablegung Jesu Christi.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von Freidenkern die Feuerbestattung propagiert, häufig in bewusster Abgrenzung zur christlichen Bestattungskultur. Dies führte zum Beispiel 1905 zur Gründung des Verbandes "Freidenker für Feuerbestattung".
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Feuerbestattung mehr und mehr akzeptiert. In Großstädten sind heute mehr als die Hälfte
aller Beisetzungen Feuerbestattungen.
Heutige Praxis
Die Durchführung einer Feuerbestattung bedarf einer gesonderten Genehmigung. Insbesondere dürfen keine Zweifel an der Todesursache bestehen, da eine nachträgliche Untersuchung der Leiche (Exhumierung) nach der Verbrennung nicht mehr möglich ist.
Eine Trauerfeier kann bei einer Feuerbestattung vor der Verbrennung mit dem Sarg des Verstorbenen stattfinden oder nach der Verbrennung mit der Urne.
Der Leichnam wird mit dem Sarg in einem Krematorium verbrannt. Ein Schamottestein mit einer Nummer, der zum Leichnam gelegt wird, gewährleistet die eindeutige Zuordnung der Asche. Die Asche wird nach der Verbrennung gemahlen, um eventuelle größere Überreste zu zerkleinern. Anschließend wird ein Teil in eine Aschenkapsel gefüllt. In deren Deckel werden Name, Geburts-, Todes- und Einäscherungsdatum eingeprägt. Zur Beisetzung kommt die Aschenkapsel in eine Überurne, die überwiegend dekorative Zwecke hat. Die restliche Asche mit Knochenreste, die aufgrund von Amalgamfüllungen, Herzschrittmacherbatterien u.ä. belastet ist, wird entsorgt(!).
In Deutschland besteht trotz einiger Diskussionen um diese Frage nach wie vor die Pflicht zur Beisetzung der Urne auf einem Friedhof (Friedhofszwang).
Die starke Zunahme der Feuerbestattung in den letzten Jahrzehnten hat seinen Grund zum einen in den deutlich höheren Kosten für eine Erdgrabstelle im Vergleich zum Urnengrab. Andererseits spielen auch ästhetische und hygienische Überlegungen eine Rolle. Im Gegensatz zur Verwesung des Leichnams im Boden gilt die Verbrennung als sauber. Auch ist die Schadstoffbelastung des Bodens nach der Verbrennung geringer.
Weblinks
- [http://www.freidenker.de] - Deutscher Freidenker-Verbandes e.V.
- [http://www.trauerkultur.org] - Trauerkultur.org des Deutschen Freidenker-Verbandes e.V.
- [http://www.tod-kultur.org] - Fachverband für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur e.V.
- [http://www.humanismus.de] - Humanistischer Verband Deutschland e.V.
Kategorie:Bestattungsritual
HeiligHeilig stammt wortgeschichtlich von "Heil" ab, was eine besondere Gabe bezeichnet (siehe das Stichwort) und sich abgeschwächt noch in heil = ganz wieder findet (vgl.: im englischen: heilig = holy von whole).
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Heilig ein religiöser Begriff mit der zugedachten Bedeutung zur göttlichen Sphäre zugehörig, einer Gottheit geweiht.
Gleichbedeutend wird das Fremdwort sakral gebraucht, auch als Gegensatz zu profan (weltlich).
Das Heilige ist das "Ganz-andere", das nicht zur naturwissenschaftlich definierbaren Welt gehört, das sich dem rationalen Zugriff entzieht, und durch Theologie oder Philosophie nur umschrieben, aber nicht definiert werden kann, da der normale Mensch in der Lehre vieler Religionen als unvollkommenes Wesen dargestellt wird, das das Vollkommene nicht begreifen kann.
Der Begriff des Heiligen wird auch als Grunderfahrung der Menschheit angesehen. Alle Religionen kennen in irgendeiner Form das Heilige, die Sphäre göttlicher Macht, und im Gegensatz dazu das Profane, das Weltliche, den Bereich menschlichen Lebens außerhalb des Heiligen Bezirks. Die Wurzel vieler Religionen liegt darin, das Heilige durch kultische und rituelle Vorgehensweisen abzusondern, damit es nicht durch das Profane entweiht oder verunreinigt wird.
Manche Stätten, Gebäude, Bäume, oder Berge werden als heilige Orte bezeichnet, besonders im Animismus; aber auch im Christentum, etwa, wenn ein Heiliger (Vollkommener) dort gewirkt hat. Häufig wurden auch christliche Kirchen an ehemals heidnischen Heiligtümern errichtet.
Die Bezeichnung heiliger Gegenstand wie Altar, Gefäße oder Geräte für kultischen Gebrauch wird von Menschen erstellt. In der Bibel wird bei der Verehrung von Gegenständen von Götzendienst gesprochen.
In Religionen, in denen schriftliche Überlieferungen eine wichtige Rolle spielen, werden die heiligen Schriften -- im Islam der Koran, im Christentum die Bibel, im Judentum die Torah -- als heilig angesehen.
Im Judentum, Christentum und im Islam wird zwischen profan und heilig unterschieden; dabei werden von den Gläubigen auch innerweltliche Orte oder Gegenstände mit heilig bezeichnet und verehrt, z.B. die Ka'aba in Mekka, die Torarolle, die konsekrierte Hostie, der geweihte Altar überhaupt, wobei "heilig" hier auch die Bedeutung von Tabu annimmt, so dass beispielsweise der Ort Mekka von Nichtmuslimen nicht betreten, die Torarolle, die Hostie nur vom dazu Ermächtigten berührt werden darf.
Der Buddhismus gibt zu bedenken, dass das Wort "heilig" schnell zu einem Gefängnis durch Anhaften, Festhalten, Ergreifen etc. (upadana) werden kann und damit den Prozess des Loslassens behindert.
Der Begriff Heilig im Christentum
Im Neuen Testament gibt es drei griechische Wörter, die mit heilig übersetzt werden:
- άγιoς - hagios - die Übersetzung des hebräischen qadosch in der Septuaginta, im Lateinischen dann mit sanctus übersetzt. Es ist mit Abstand der häufigste der drei Begriffe im Neuen Testament. Diese Bezeichnung wird für den Heiligen Geist gebraucht, für die Heiligen (die, die Jesus ihren Herrn nennen), damit sind nicht die gesetzlich Frommen gemeint, sondern die von Gott Berufenen.
- όσιoς - hosios - die Übersetzung des hebräischen chasid in der Septuaginta. Mit chasid oder hosios wird der bezeichnet, der gemäß den göttlichen Geboten handelt - die Heiligung des Lebenswandels fällt unter diesen Begriff.
- ιερός - hieros - im Lateinischen dann mit sacer übersetzt. Das, was der göttlichen Macht gehört oder von ihr erfüllt ist - der Gegensatz zu hieros ist profan.
HEILIGKEIT: Heiliger Zustand oder heiliges Wesen. Heiligkeit bedeutet „religiöse Reinheit“; „Heiligung“. Unter dem hebräischen Wort qó·dhesch verstand man ursprünglich auch einen Zustand des Abgesondertseins oder des Geheiligtseins für Gott, der heilig ist; für den Dienst Gottes bestimmt sein. In den Christlichen Griechischen Schriften bedeuten die mit „heilig“ (hágios) und „Heiligkeit“ (hagiasmós [auch: „Heiligung“] hagiótes; hagiosýne) wiedergegebenen Wörter ebenfalls „Absonderung für Gott“; sie werden auch auf die Heiligkeit als Eigenschaft Gottes und auf die Reinheit oder Vollkommenheit des Wandels eines Menschen angewandt
Im Neuen Testament ist das Wort heilig weniger im Zusammenhang mit Kultus wichtig, sondern in den von Gott gewirkten Lebensäußerungen. Die Grenze zwischen heilig und profan wird relativiert, im Gegensatz zur strengen Trennung der beiden im Judentum: Gott ist Geist, damit erübrigt sich die Frage nach dem rechten Ort für die Anbetung, rein und unrein ist weniger wichtig, als die Liebe zum Nächsten (Gleichnis vom Samariter), das Prädikat heilig gilt nicht nur den Priestern sondern allen Christen.
Heilige wurden in der frühchristlichen Zeit mit der Hilfe von Heiligenscheinen dargestellt.
Literatur
- Colpe, C. (Hrsg.): 'Die Diskussion um das Heilige', Darmstadt 1977
- Eliade, M.: 'Die Religionen und das Heilige', Frankfurt 1986
- Eliade, M.: 'Das Heilige und das Profane', Frankfurt: 3. Aufl. 1987
- Otto, Rudolf: 'Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen' (1917). Nachdruck, München 1988
- Pöltner, Günther (Hrsg.): 'Auf der Spur des Heiligen: Heideggers Beitrag zur Gottesfrage', 1991, 107 S., kartoniert, ISBN 3-205-05375-3, BÖHLAU, 23.50 Euro
- Ajahn Buddhadasa Bhikkhu: Das Gefängnis des Lebens (Kann als PDF-Datei bei [http://www.dhamma-dana.de/buecher.htm dhamma-dana.de] gratis heruntergeladen werden)
Weblinks
- [http://www.theologie-systematisch.de/spiritualitaet/heilig.htm Aktuelle Literatur zur Heiligkeit]
Siehe auch
Heil, Heilige, Heilige Schrift, Liste von Heiligen, Selige, Heiligenkalender, Heilung, Sankt, Heiligsprechung, Kunst
Kategorie:Religion
KlerusDer Klerus (altertüml. auch Klerisei, Clerisei) ist der Stand, die Gesamtheit oder eine Gruppe von Klerikern .
Ein Kleriker ("der zum Klerus Gehörige", v. lat.: clerus, mlat. clericia, mhd. pfafheit aus griech.: klerós = Los, Anteil) ist ein Amtsträger in der orthodoxen, katholischen und anglikanischen Kirche.
Amt bedeutet in diesem speziellen Sinne, dass er eine der drei Stufen des Weihe-Sakraments empfangen hat.
Kleriker sind damit:
- Diakone
- Priester
- Bischöfe
Der höhere Klerus genoss - ähnlich wie der Adel, dem er fast ausnahmslos entstammte - bis in die Neuzeit als Zweiter Stand verschiedene Privilegien gegenüber dem Dritten Stand.
Im Unterschied zu den Klerikern bezeichnet man alle anderen Gläubigen als Laien.
Siehe auch: Klerikalismus
Kategorie:kirchliches Amt
19. Jahrhundert
Das 19. Jahrhundert begann am 1. Januar 1801 und endete am 31. Dezember 1900. Es gehört zur Epoche der Neuzeit, die um die Jahrhundertwende zum 16. Jahrhundert begonnen hatte.
Neue Organisationsformen: Der Nationalstaat
Fragt man nach den Organisationsformen, danach in welchen Einheiten sich die Menschen wahrnahmen, dann dürfte dies die große Veränderung sein, die mit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eintrat: Der Nationalstaat wurde als neue politische Institution aufgebaut. Er forderte neue Themen, neue Bildungssysteme, neue wirtschaftliche Strukturen, eine neue Vorstellung seitens derer, die in ihm lebten: die Bereitschaft, sich als Bürger zu sehen und sich dementsprechend zu organisieren.
Herrschaft geht im 18. Jahrhundert noch von den Herrschaftshäusern und politischen Parteiungen aus, sowie von mächtigen Adeligen, die hinter den Parteiungen stehen. Kriege werden im 18. Jahrhundert dementsprechend wahrgenommen: Regenten wollen sie, und lassen "ihr" Geld in sie fließen. Militärische Niederlagen werden im 18. Jahrhundert nicht als nationale Demütigungen empfunden, sondern als Teil einer von Regenten gestalteten Machtpolitik. Hier entwickelt sich im 19. Jahrhundert eine ganz neue Wahrnehmung. Sie ist vor allem eine Folge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, die von einem ganz neuen Heer getragen werden - einem aus Staatsbürgern zusammengesetzten. Insbesondere Deutschland hat dem französischen Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts wenig entgegenzustellen. Das Heilige Römische Reich ist in Einzelstaaten zersplittert, die von Napoleon gegeneinander ausgespielt werden. Der Reichsverband wird aufgelöst. Deutschlands Intellektuelle fordern in der Reaktion auf die Bedrohung einen Nationalstaat, der erst noch gegründet werden muss, der jedoch auf diesem Weg mit einem ganz neuen Bewusstsein von Staatsbürgerlichkeit ausgestattet wird. Ende des 19. Jahrhunderts sind militärische Niederlagen dann mit enormen nationalen Gesichtsverlusten verbunden. Ein deutsches Heer zieht 1870 durch Frankreich und erzwingt in Versailles, dem traditionelle Ort der von Frankreich ausgehenden Herrschaft ein Eingeständnis der Niederlage, das als nationale Schmach empfunden werden muss (und 1918 eine internationale Gegenantwort, eine verheerende Demütigung Deutschlands nach sich zieht).
Nationale Euphorien, wie sie in der Befreiung Griechenlands von den Türken in den 1820ern und im Einigungsprozess Italiens Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommen, bleiben ohne Parallele im 18. Jahrhundert - weder die englische Glorious Revolution von 1688 noch die Französische Revolution waren von vergleichbaren nationalen Sentimenten der Vereinigung begleitet. Europas Intellektuelle wie der Romantiker Lord Byron, der bei einem militärischen Kommando in Griechenland stirbt, entwickeln eine romantische Identifikation mit den neuen nationalen Bewegungen, die vom Volk getragen werden müssen, um zu funktionieren. Authentischer als Politik des 18. Jahrhunderts, echter, den Wurzeln näher, erscheint der neue Nationalismus.
Das 19. Jahrhundert legte hier Grundsteine für Entwicklungen die im 20. neue Ausprägungen und globale Dimensionen gewinnen sollten. Der Faschismus und der Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts werden sich als national-völkischen Bewegungen manifestieren. Hochtechnisierte und hochgerüsteten Staaten werden sich hier in romantischen Rückbesinnungen auf Völkische Ursprünge definieren und Konflikte globaler Dimensionen austragen, die die Welt neu ordnen werden.
Die Nation als von ihrer Wirtschaft lebende Einheit
Entscheidende Bedeutung für die Ausbildung des Nationalstaates gewinnt im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung, die ein Ringen um wirtschaftliche Macht zwischen Europas Nationen auslöst. Im 18. Jahrhundert suchen die Regenten Europas nach Möglichkeiten, ihre Staatshaushalte zu sanieren - Staatshaushalte, die im wesentlichen ihre persönlichen familiären Haushalte sind. Geld leihen sie sich von privaten Finanziers, Steuereinnahmen erhöhen sie, soweit dies geht, im besonderen Fall ziehen sie Geld aus der kursierenden Münze. Es geht aus der Sicht der Haushalte des 17. und 18. Jahrhunderts darum, den Abfluss von Edelmetall ins Ausland verhindern. Infrastrukturmaßnahmen, wie die Ansiedlung von Manufakturen, bleiben im 18. Jahrhundert von den Regenten gesteuerte Maßnahmen. Der Kameralismus entwickelt sich als eigene Wissenschaft der wirtschaftlichen Sanierung eines Territoriums durch den Landesherrn.
Mit dem 19. Jahrhundert verändert sich die Sicht auf wirtschaftliche Entwicklungen. Großbritannien wurde als Kolonialmacht und als Land der hier früh einsetzenden Industrialisierung bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Wirtschaftsimperium. Amsterdam verlor seine Stellung als zentraler Handelsplatz. London, die Hauptstadt des Commonwealth übernahm diese Position. Die nationale Einigung Deutschlands geschieht am Ende im 19. Jahrhundert maßgeblich in einem Aufholprozess, der auf dem Gebiet des Nationalismus mit Frankreich konkurriert, wirtschaftlich und militärisch jedoch mit dem industrialisierten und hochgerüsteten Großbritannien. Ohne die Industrialisierung, wie sie England leistete, kann das aufstrebende Preußen, die Kernmacht des neuen deutschen Reichs, Großbritannien keine Flotte entgegenstellen, und ohne eine Flotte wird die neue Nation keine Chance haben, noch Kolonien zu akquirieren.
Europas Nationen müssen die Rahmenbedingungen für die Industrialisierung stellen, wollen sie einander gegenüber bestehen.
Der wirtschaftliche Konzentrationsprozess wird von neuen Debatten begleitet: Mit der Auseinandersetzung um den Liberalismus geht es im 19. Jahrhundert um die Kernfrage, ob dem Nationalstaat mehr mit einer staatlich gelenkten Wirtschaft gedient ist, oder damit, dass er seinen Bürgern und ihrer Initiative größte Freiheit lässt. Der Kommunismus gewinnt in der Auseinandersetzung zwischen deutschen Debatten und der Realität des englischen Wirtschaftssystems Mitte des 19. Jahrhunderts seine Programmatik. Er prognostiziert, dass mit der neuen wirtschaftliche Integration die Klasse der Arbeiter eigene Kontur gewinnt - eine Klasse, die am Ende das Ende der Nationalstaaten herbeiführen wird, eine Weltherrschaft der Arbeiterklasse, gestützt auf die Produktion, die letztlich von der Arbeiterklasse ausgehen muss.
Der Sozialismus strebt Kompromisse mit dem Nationalstaat an, soziale Sicherungssysteme, die Massenarmut verhindern und den Staat stabilisieren.
Europas Nationen im Wettbewerb um Kolonien
Der Kolonialismus des 19. Jahrhunderts geht im wesentlichen bis in das 16. und 17. Jahrhundert zurück, er weist jedoch gänzlich neue Züge auf. Spanien und Portugal nutzten ihr Kolonien vordringlich, um Gold aus ihnen zu beziehen - das Edelmetall war von kurzem Profit, der Goldfluss führte zu einem Preisverfall, weniger jedoch zum Aufbau sich selbst erhaltender wirtschaftlicher Strukturen. Einen zweiten Entwicklungsschub leistete der niederländische Kolonialismus des 17. Jahrhunderts, der Amsterdam zum Weltfinanzort machte. Ihn prägte der Zusammenschluss Amsterdamer Kaufleute in Handelsgesellschaften, die die größere Erschließung von Wirtschaftsräumen zwischenfinanzierten. Importiert wurden aus den Kolonien Handelswaren. Der Reichtum der Niederlande resultierte aus dem Zwischenhandel und der Veredelung von Rohstoffen in Manufakturen des Landes.
Was dem niederländischen Kolonialismus fehlte, war die staatliche Deckung, die er in Großbritannien entwickelte. Die Unterwerfung des Mogul-Reichs Mitte des 18. Jahrhunderts mit britischer Militärmacht bedeutet hier am Ende eine Weichenstellung in den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Private Kapitalgesellschaften bilden das Rückgrat des britischen Kolonialismus. Der Staat deckt sie durch den Aufbau der Nationalbank. In den Kolonien baut der erstarkende Staat Substrukturen seiner selbst auf: Eigene Bildungszentren, eine eigene ständige Armee als Ordnungsmacht, eigene staatliche Strukturen, aus denen im 20. Jahrhundert führende Nationen der Dritten Welt hervorgehen.
Der Wettstreit der Nationen um Kolonien wird im 19. Jahrhundert zum zentralen Thema europäischer nationaler Selbstwahrnehmung. Große Projekte wie der Bau des Sueskanals werden zu Kristallisationspunkten des neuen Bewusstseins. Die eigene, europäische Überlegenheit gegenüber dem kolonialen Raum schafft einen Rassismus, der im 18. Jahrhundert nicht bestand, und ein eigenes Feld der Kulturtheorie, in dem es um die Frage geht, unter welcher Bedingung sich Kulturnationen entwickeln.
Rohstoffe, Energiereserven und Industrie
Innerhalb der einzelnen Länder wird die Industrialisierung und die Erschließung der Kohlevorkommen zum Gegenpol des Kolonialismus. Zu verarbeitende Güter werden importiert, Energiereserven müssen im Land für ihre Verarbeitung erschlossen werden. Die Kohlevorkommen Nord und West Englands, Lothringens und des Rheinlands werden der Reihe nach wirtschaftlich nutzbar gemacht. Großbritannien muss sich Ende des 19. Jahrhunderts der wirtschaftlichen Konkurrenz des erstarkten europäischen Kontinents stellen, bevor die USA im 20. Jahrhundert mit einer eigenen Wirtschaftspolitik und Dank ihrer schieren Marktgröße Europas Nationen überholen.
Die Erfindung der Dampfmaschine geht in das frühe 18. Jahrhundert zurück. Im Zusammenspiel mit der Erschließung neuer Energievorkommen und dem Rohstoffimport aus den Kolonien erlaubt sie den Aufbau des industrialisierten Europas. Europas Landkarte verändert sich im Prozess. Reich waren im 17. und 18. Jahrhundert vor allem die Herrschaftszentren. Mit der Erschließung von Rohstoffvorkommen werden Regionen, die bislang uninteressant waren, als Wirtschaftsstandorte attraktiv. Das Rheinland und der Raum um Lüttich machen hier Karrieren.
Neue Verkehrsmittel und Medien
Mit der Industrialisierung wird die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt aufgebaut - beides Erfindungen, die nötig sind, um die flächendeckende Erschließung von Wirtschaftsräumen überhaupt zu durchzuführen. Auf dem Kontinent erlaubte die Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts den Transport von Waren, die verarbeitet werden sollen an die Orte, an denen Rohstoffvorkommen die Energiereserven stellen. Zwischen den Kohleabbaugebieten, den industrialisierten Zentren, und den bestehenden Handelsmetropolen entwickeln sich Verkehrsnetze.
Mit der Ausdehnung der wirtschaftlich nutzbaren Fläche wächst die Bevölkerung im 19. Jahrhundert. Zu den neuen Verkehrsmitteln kommt ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Aufbau der modernen Telekommunikation. Das erste Transatlantikkabel wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelegt. Nachrichten können wenig später mit Lichtgeschwindigkeit weltweit transportiert werden - für den Wettstreit zwischen den USA und Europa, der mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt, ist das fast die entscheidende Voraussetzung.
Mit den neuen Medien nimmt die staatliche Struktur selbst neue Formen an. Herrschaft bedurfte im Mittelalter immer wieder der persönlichen Präsenz des Regenten, der im Bedarfsfall von Pfalz zu Pfalz reiste, um Herrschaftsansprüche zu vor Ort geltend zu machen. Die frühe Neuzeit erlaubte die zentrale Machtausübung, den Absolutismus als neue Herrschaftsform. Eine zentrale Steuer- und Geldpolitik und eine bis an die Landesgrenzen reichende militärische Präsenz sicherten die neue Herrschaftsform wie die neuen Medien des Informationsmarkts: der Druck machte im 17. Jahrhundert Zeitungen allerorten verfügbar. Noch breiteten sich Nachrichten jedoch mit der Geschwindigkeit des Postverkehrs aus, und dieser Informationsfluss ließ bis in das 19. Jahrhundert kaum beschleunigen.
Die Kommunikation über die Telegrafie erlaubt Mitte des 19. Jahrhunderts die Produktion von Zeitungen und Journalen, in denen weltweit am selben Tag dieselben Nachrichten verfügbar werden. Die Machtausübung zwischen Regierungszentralen und lokalen Behörden gewinnt Intensität. Das Gefühl jederzeit und an jedem Ort des Landes von den Entscheidungen der Regierung betroffen zu sein, von Entscheidungen die ihre Informationen vorort erheben, schafft ein neues Bewusstsein bei den Bürgern von der übergeordneten staatlichen, das gesamte Gebiet erfassenden Einheit.
Bürgertum und Interessenverbände
Die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und dem Staat werden im Verlauf des 19. Jahrhunderts in den Nationalstaaten grundlegend neu organisiert. Das 18. Jahrhundert trug noch immer den Traditionen der Ständegesellschaft Rechnung. Privilegien wurden einzelnen Ständen garantiert. In den Städten wurden Berufsgruppen mit Privilegien ausgestattet. Wirtschaftlichem Wachstum waren im 18. Jahrhundert ganz handfeste Grenzen gesetzt: Die meisten Städte Europas waren im 18. Jahrhundert ummauert. Manufakturen mussten vor den Stadtmauern ohne den Schutz errichtet werden, den die Stadt gewährte. In der Stadt wiederum wurden die einzelnen Handelsbefugnisse vom Rat der Stadt verwaltet und nicht vermehrt. Wer im 18. Jahrhundert in einer Stadt ein neues Geschäft aufmachen wollte, musste in eine Familie mit der Gewerbebefugnis seiner Wahl einheiraten oder eine verwaiste Gewerbebefugnis erwerben.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schleifen die größeren Städte Europas ihre Befestigungsanlagen. Wo die Mauern standen, entstehen Ringstraßen. Wirtschaftliche Ansiedlungen und Villenviertel greifen an den neuen Sternstraßen aus, die die Städte des 19. Jahrhunderts anlegen. Die Voraussetzung dieser Entwicklung war der militärtechnischer Fortschritt: Als sich Städte nicht mehr verteidigen ließen, wurden ihre großen Befestigungsanlagen unnütz, neue Armeen mussten die Landessicherung vornehmen. Mit dem 19. Jahrhundert entwickeln sich die Großstädte Europas zu Wirtschaftszentren.
Zutrittsbedingungen zu den Berufen werden liberalisiert. Neuansiedlungen von Unternehmen werden gefördert. Ein neues Verständnis staatsbürgerlicher Initiative und privaten Unternehmertums ist die Folge. Das Bürgertum, das zur treibenden initiativen Kraft wird, benötigt und schafft neue Organisationsformen. Berufsverbände und ein komplexes Geflecht an Gesellschaften und Interessengruppen, die das wirtschaftliche Leben bestimmen und den kulturellen Austausch prägen.
Nation und Bildung
Eines der wichtigsten Probleme, das die Französische Revolution Europas Nationen hinterließ war das der stabilen sozialen Ordnung. Eigene Ideologien nehmen sich im 19. Jahrhundert der zentralen Frage der sozialen Mobilität und ihrer konfliktfreien Gewährleistung an - der Positivismus, der anfänglich der französische Revolution nahe steht und dann mit dem Liberalismus einhergeht, begründet die Soziologie als Wissenschaft des geregelten und für die Menschheit fruchtbaren Zusammenlebens. Der Sozialismus und der Kommunismus knüpfen weiterreichende politische Forderungen an die Entwicklung der Staaten.
Eine ganz andere Lösung des Problems sozialer Mobilität richtet sich mit den Bildungssystemen ein. Die Nationen Europas garantieren ihren Bürgern - unabhängig von Schicht und Konfession - gleiche Aufstiegschancen. Statt der Revolution einer Klasse, kann das Individuum versuchen, in privater Initiative sich empor zu arbeiten.
Die Chancen dazu muss das Bildungssystem liefern, das allen offen steht. Die Schulpflicht wird eingeführt. Zu sozialer Unruhe führt das neue System dabei gerade nicht: Jeder einzelne kann theoretisch aufsteigen, wenn er den entsprechenden Bildungsweg nimmt. Praktisch haben die finanzstarken Schichten des Bürgertums und des Adels nicht wettzumachende Vorteile, ihren Kindern in den nationalstaatlich organisierten Bildungssytemen die optimalen Startbedingungen zu geben. Arbeiterkinder werden frühzeitig aus der Schulbildung genommen, um für den Familienunterhalt zu sorgen.
Mindestens so wichtig für die soziale Stabilisierung werden die nationalen Diskussionsthemen, die in den Schulunterricht eingeführt werden. Sie sorgen für ein tiefergehendes Klassenbewusstsein. Über Kunst, Literatur und Musik spricht man in den oberen Schichten - gebildet. In den unteren Schichten bietet eine populäre Kultur eigene Diskursgegenstände an mit dem Ergebnis, dass eine Vermischung der Schichten für alle Beteiligten unattraktiv wird. Man teilt die Themen nicht, die in den verschiedenen Schichten interessant sind, sobald man Schichten wechselt.
Kulturnationen und Säkularisation
Die Schulbildung und alle nationalen Debatten blieben im 18. Jahrhundert mit religiösen Themen ausgestattet. Die Religionen stellten entscheidend die Öffentlichkeit her, innerhalb derer Diskussionen stattfinden konnten. Europas Landkarte war nicht nur territorial zersplittert, sie war zudem nach den drei Konfessionen geteilt, ohne das dabei ein einheitliches Muster zustande kam. Die Konflikte zwischen den Nationen deckten sich nicht mit der konfessionellen Landkarte. Konflikte einzelner Nationen mit Interessengruppen, die konfessionell gebunden waren, führten in der Regel darum immer sofort auch Konflikte zwischen den Nationen herbei, die sich für die benachteiligten religiösen Gruppen verantwortlicher fühlten.
Anfang des 19. Jahrhunderts erfasst eine Säkularisations-Welle Kontinentaleuropa. Die Kirche wird dem Staat untergeordnet. Einzelne Territorien wie Bayern und Württemberg überwinden ihre Zersplitterung in kleine isolierten regionale Gebiete durch spektakuläre Aneignungen kirchlichen Besitzes. Eine Verlagerung gesellschaftlicher Debatten muss die Säkularisation absichern. Die Nation muss die Diskussionen dominieren, will sie die Macht der Kirchen zurückdrängen. Sie tut dies indem sie gerade den Schutz der bürgerlichen Freiheiten anbietet.
Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts führt die Gleichberechtigung der Religionen ein, bevor er den Bürgern gänzliche Freiheit des Bekenntnisses einräumt. Von entscheidender Bedeutung wird diese Entwicklung für Europas Juden, die bislang in allen Territorien eine diskriminierte Minderheit waren. Wohl finden sie auch jetzt kaum Zugang zu Positionen in Militär und Politik, doch können sie in Wirtschaft und Bildung zunehmend frei investieren und eine eigene Bedeutung in der Gesellschaft damit entwickeln.
Gegenüber den von der Religion dominierten Debatten kommen neue Debatten- und Bildungsgegenstände auf: Nationaltheater werden in den Städten aufgebaut, um der Nationalliteratur einen Raum zu geben. Auf dem Buchmarkt werden die Veränderungen mit einer Umstrukturierung des Angebots greifbar: Die Buchhandlungen des 18. Jahrhunderts boten überwiegend Theologica - kontroverse Theologica, große Lehrwerke, "praktische" Theologie vom Gebetbuch bis zum religiösen Verhaltensratgeber. Im 19. Jahrhundert verliert die Theologie ihre Marktbedeutung, die Belletristik und in dieser die Nationalliteratur nehmen ihren Platz ein. Zusatzdiskussionen kommen auf: Die Kunstdebatte, die jetzt bildende Kunst zum neuen Gegenstand hat, die ernste Musik, die einen eigenen Konzertbetrieb aufbaut.
Mit beiden Debattenfeldern wird die nationale Literaturdiskussion um zwei internationale Plattformen erweitert. Alle drei großen Debatten werden im Austausch über die "Kultur" zusammengefasst. Die Frage, was eine Kulturnation auszeichnet, beschäftigte Europas Intellektuelle im Blick auf die "unterentwickelten" Länder Afrikas wie im Wettstreit der europäischen Kulturnationen um nationale Identität. Er findet auf dem Gebiet der Kultur seinen Hauptaustragungsort.
Identifizierten sich Großbritannien und Frankreich mit längerer Tradition als Nachfahren Roms, so wählt Deutschland im 19. Jahrhundert einen folgenschweren nationalen Sonderweg. Das Mittelalter wird zur eigenen großen Phase der Nation gemacht. Über das Mittelalter gründet sich die neue Nation auf "germanische" Wurzeln. Als Option war dies bereits in Debatten der Humanisten angelegt. Nun jedoch wird ein spezifischer Nationalcharakter und eine neue Ethik hinzuentwickelt. Deutschland bricht im 19. Jahrhundert mit Idealen des christlichen Humanismus. Das Germanische wird als Gegenkultur aufgebaut, in der das Volk am Ende die Ethik rechtfertigen soll - es wird zur vitalen biologischen Einheit, die die Nation als Organisationsform hervorbringt, und die von der Nation aggressiv gegen Einfluss der Nachbarnationen geschützt werden muss. Von der Romantik geht hier eine Entwicklung in die Philosophie Friedrich Nietzsches, die einen über der Moral stehenden Übermenschen denkbar macht, in den Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts, wo der Übermensch und das Volk rassistische Qualitäten gewinnen gegenüber den "Untermenschen" im Land und "in den slawischen Völkern" des Ostens, deren Unterwerfung und Ausrottung Programm des wirtschaftlich und militärisch modernen Nationalstaates werden - eines Nationalstaats, der die verqueren Traditionsangebote des 19. Jahrhunderts zusammenbringt und der schließlich zum Schutz der "arischen Rasse" schreitet.
Die Literatur, die Kunst und die Musik werden zu Bereichen eines pluralistischen Austauschs
Die Literatur, jetzt definiert als der Bereich der nationalsprachlichen Überlieferung (siehe hierzu eingehender den Artikel Literatur), die Kunst, jetzt definiert als Feld der Dinge, die ob ihrer Ästhetik gewürdigt sein wollen und die Musik werden in Europas Nationen zu privilegierten Debattenfeldern. Die Entwicklung kommt maßgeblich über die Sekundären Diskurse zustande, die sich diesen Produktionen im Feuilleton und an den Schulen und Universitäten annehmen.
Eine Neuordnung des Marktes ist die Folge: Hoch stehen die kulturtragenden national gewürdigten Produktionen, niedrig dagegen eine neue kommerzielle Kultur, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die Vermarktung gegenüber den unteren Schichten als neuem Massenpublikum abzielt.
Die hohe Produktion der anspruchsvollen Kunst, Literatur und Musik, die die Kunstausstellungen, die Konzertsäle und die Literaturzeitschriften erobert, wird unter der massiven gesellschaftlichen Würdigung, die sie erfährt, mit der Wende ins 19. Jahrhundert zum Austragungsort aller wichtigen Debatten. Staatstragender Kunst steht dabei eine permanente Revolte der Kunst gegen bestehende Moral und Ästhetik gegenüber. Eine übergreifende Debatte begleitet den Weg der Kunst und der Literatur in die gesellschaftsweiten Diskussionen: Die Debatte, wie weit Kunst sich anderen Zwecken zur Verfügung stellen kann, respektive wie stark der Künster auf der Autonomie der Kunst beharren kann, sich ganz seiner Arbeit verpflichtet fühlen darf - einer Arbeit, auf die der sekundäre Diskurs zukommen muss, und die durchaus nicht einfach nach seinen Ansprüchen gebildet wird. Unter dem Motto L’art pour l’art erweitert die als Ästhetizismus ausgewiesene Option das Spektrum bis dahin bestehender Schulen, die zu unterschiedlichen Interessengruppen unterschiedliche Nähe entwickelten - von der staatsragenden Kunst des akademischen Historismus bis zu den Schulen, die die Kunst in den Dienst sozialer Anliegen stellen.
Unterhalb dieser in der hohen Kultur ausgefochtenen Kämpfe entwickelt sich eine breite Produktion, die an kommerziellen Bühnen und im Angebot der Trivialliteratur ein Massenpublikum erobert, bevor dieses mit dem Sport als neuem Ereignislieferanten und einer allgemeinen Massenpresse einen eigenen Status als politische Macht und ganz eigene Medien und in ihnen transportierte Informationen gewinnt.
Wissenschaften
Massiv zeichnen sich die skizzierten Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb ab: Bis in das 18. Jahrhundert hinein wurden die Wissenschaften an kirchlichen und landesherrlichen Institutionen unterrichtet. Die Fächer Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie teilten den Wissenschaftsbetrieb unter sich auf. Nationale Akademien der Wissenschaften kamen mit dem 17. Jahrhundert ins Spiel und gaben der "Gelehrtenrepublik" neue Dachstrukturen. Die Naturwissenschaften blieben jedoch bis in das späte 18. Jahrhundert trotz der spektakulären Erkenntnisse seit Galilei und Newton eine Domäne für Liebhaber. Es gibt für sie im 18. Jahrhundert keinen wirtschaftlichen Nutzen und keine Berufe, in denen sie sich auszahlen könnten.
Die Sicht auf die Naturwissenschaften ändert sich im 18. Jahrhundert maßgeblich durch die Leistungen der Royal Society, die als Wissenslieferantin den Aufbau der Kolonien begleitet. Die Verbesserung der Navigation und ihr dienend der Zeitmessung, die Sammlung geographischer Informationen gehören zu den ersten Angeboten der auf die Naturwissenschaften ausgerichteten wissenschaftlichen Gesellschaft.
Verbesserungen landwirtschaftlicher Anbauverfahren, die am Ende wirtschaftliche Profite abwerfen, kommen als Errungenschaft der Wissenschaften im späten 18. Jahrhundert in die Diskussion. Mit der Industrialisierung wird in den Nationen Europas diskutierbar, dass technische Universitäten aufgebaut werden müssen, um Grundlagenwissen zu produzieren. Das alte Gefüge der Wissenschaften wird aufgebrochen:
- Die Naturwissenschaften beliefern die technischen Wissenschaften mit Erkenntnis,
- die Ingenieurwissenschaften greifen in die Praxis aus,
- die Geisteswissenschaften werden aufgebaut, um die großen gesellschaftlichen Debattengegenstände mit hierarchisierbaren Diskussion auszustatten: Die Geschichte, die Literatur, die Kunst, die Musik werden Bereiche des Universitätsbetriebs,
- Sozialwissenschaften kommen im 19. Jahrhundert hinzu, behalten aber einen Außenseiterstatus.
Europa und die Welt
Der Nationalstaat wurde in der größeren Perspektive die Einheit, die die weltweite Expansion mit neuer Koordinationskraft übernehmen konnte. Afrika hatte dem europäischen Konzept ethnische Kulturen entgegenzustellen und wurde am härtesten von der neuen Entwicklung getroffen: Europas Nationen teilten Afrika unter sich auf und schufen eigene Pseudonationen in Afrika: Gebiete, deren Grenzen mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen wurden, Gebiete wie sie in Europa Nationen praktisch gewesen wären, die lange in einzelne Machtdomänen zersplittert waren. In Afrika konnten die Nationen ihre eigenen Organisationsstrukturen auf in ihren Augen kaum vorhandene Organisationsstrukturen aufsetzen, ein Problem, das Sprengkraft im 20. Jahrhundert entfaltete, als dieselben künstliche geschaffenen Einheiten in "Unabhängigkeiten" entlassen wurden, die letztlich alles andere als Unabhängigkeit erlaubten.
Anders entfaltete sich der Nationalismus in Asien: Hier traf Europa im 18. Jahrhundert auf politische Einheiten, die ganz wie europäische Einheiten organisiert waren. Das Kaiserreich China schien europäischen Beobachtern überlegen in seiner Organisation, hier hatte man einen vollendet zentral organisierten Staat aufgebaut. Indien schien Europa dagegen unterlegen: das Moghul-Imperium blieb das Projekt einer einzelnen Dynastie, die am Ende in blutigen Erbschaftsquerelen unterging. Großbritannien, Frankreich und Dänemark suchten das Machtvakuum zu nutzen, das sich Mitte des 18. Jahrhunderts in Indien abzeichnete, Großbritannien blieb dabei erfolgreich. Mit dem 19. Jahrhundert und dem Aufbau der europäischen Nationalstaaten errangen diese eine überlegene Organisationsstruktur: die Integration wirtschaftlicher, militärischer Macht unter dem Dach einer zentralen Außenpolitik staatlicher Deckung. Die Nationen Europas handelten am Ende untereinander ihre Machtansprüche aus. Die Länder Asiens mussten den Weg eigener Nationalstaatlichkeit wählen. Japan ging ihn mit der Revolution der 1860er als einzige asiatische Nation erfolgreich mit einer Übernahme politischer Strukturen von Großbritannien und einer Übernahme des Bildungssystems insbesondere von Deutschland. Der Aufbau einer Militärmacht und einer Wirtschaftsmacht folgte mit verheerenden Konsequenzen für die benachbarten asiatischen Nationen.
Die unterlegenen Nationen Asiens gerieten mit dem 20. Jahrhundert in Europas Machtgeschiebe, und gewannen erst hier die Chance, Gegengewichte zur europäischen und amerikanischen Macht als aufsteigende Nationen aufzubauen.
Sich verändernde Wahrnehmungen: Entwicklungen werden ein zentrales Thema
Bestimmte Worte waren dem 18. Jahrhundert weitgehend fremd. Das Wort "Entwicklung" gehört zu ihnen. "Veränderung" ist das Wort, das sich im frühen 18. Jahrhundert überall dort findet, wo man im 19. Jahrhundert Entwicklungsthesen sucht. Eine Veränderung kann in einem Menschen vorgehen, er fasst einen neuen Entschluss, wird von einer neuen Stimmung erfasst, verändert sich von da auf grundlegend. Veränderungen, Revolutionen, sind im 18. Jahrhundert nicht minder in allen historischen Prozessen gesucht. Reiche gehen unter, andere werden gegründet. Man geht im 18. Jahrhundert davon aus, dass Kultur des Entschlusses bedarf. Adam entschied sich, erwachsen auf die Welt gekommen, am ersten Tag seiner Existenz, die Dinge zu benennen und aus einer einfachen Kombination von Vorstellungen die wesentlichen Erfindungen wie Schiffe, Häuser, und Städte zu begründen.
Der historischer Raum war für das 18. Jahrhundert kurz. Auf die Weltschöpfung folgten etwa 1600 Jahre bis zur Sintflut, dann um das Jahr 2300 v. Chr. kam es mit der erneuten Besiedelung der Welt durch die drei Söhne Noahs zum Aufbau der jetzige Kulturräume - 1000 Jahre später war dieses Werk abgeschlossen, die Antike Welt lag so besiedelt vor, wie die ersten antiken Schriftsteller und die Schreiber des Alten Testaments sie wahrnahmen.
Europa rühmte sich seiner Aufklärung gerade da es von einer kurzen Geschichte ausging, die verworrenen langen Regentenreihen mied, mit denen die Chinesen etwa ihre Geschichte ausstatteten. Die Welt müsste, so europäische Aufklärer im 18. Jahrhundert, von antiken Ruinen übersät sein, wäre die Welt älter und schon länger von Menschen besiedelt.
Zur kurzen Weltgeschichte gehört das Individuum, das Kultur jederzeit und aus dem beliebigen Entschluss hervorbringt, ein Indivduum, mit dem das 19. Jahrhundert bricht.
Geschichte als Entwicklungsraum
Die Geschichte der Welt und der Menschheit wird bereits mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts länger. Versteinerungen, Fossile, erfordern neue geologische Theorien - bislang hatte man sie ohne weiteres als Beweis der Sintflut gesehen. Die Bibel wird im ersten Anlauf durch Auslegungen verteidigt, die den Schöpfungsmythos symbolisch lesen. Aus den einzelnen Tagen werden Jahrtausende der Entwicklung.
Der Zunehmende Kontakt mit außereuropäischen Kulturen macht es Ende des 18. Jahrhunderts denkbar, dass kulturelle Entwicklungen lange menschheitsgeschichtliche Prozesse voraussetzen. Gleichzeitig entwickelt gerade die Romantik des frühen 19. Jahrhunderts eine große Begeisterung für die "Naturvölker", deren eigene Kultur der hohen westlichen Zivilisation in manchen Aspekten plötzlich überlegen scheint.
Das 19. Jahrhundert zeigt sich begeistert von Kulturunterschieden, von der Option, dass gerade sehr lange Entwicklungen zu dem Zivilisationsstand führten, der in Europa herrscht. Die Andersartigkeit der Antike und des Mittelalters werden Untersuchungsgegenstände. Kulturelle Fremdheit wird produziert und im Historismus gegenüber der Vergangenheit in Anschlag gebracht.
Maler des 17. und 18. Jahrhunderts hatten historische Szenen zumeist nur geringfügig mit fremdem Zeitkolorit versehen, der aktuelle Orient inspirierte dabei. Maler des 19. Jahrhunderts entdecken fremde Ästhetiken. Die Gotik wird als eigene Ästhetik konstruiert und von den Romantikern in großen Gemälden inszeniert. Die Antike findet eine neue, archäologische Forschung, in der es um die Rekonstruktion fremder Sitten, und vergangener Formen des Zusammenlebens geht.
Die Sprachwissenschaft des 18. Jahrhunderts kannte keine Sprachentwicklungen, sie ging von Sprüngen und Neuschöpfungen aus. Anders die Sprachwissenschaft, die im 19. Jahrhundert aufkommt und die Entwicklungsgesetze postuliert und untergegangene Sprachstufen wie das Indogermanische rekonstruiert.
Einen tiefen Einschnitt bedeutet für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts das Aufkommen der Evolutionstheorie und des Darwinismus. Die Abstammung des Menschen vom Affen ist weniger als Bruch mit der biblischen Überlieferung problematisch - von ihr hatte man sich an den entscheidenden Stellen bereits getrennt. Die Verwandtschaft des Menschen mit dem Affen wird vielmehr als provokante Kulturthese wahrgenommen. Sie kratzt am Selbstverständnis, mit dem sich die Menschen in den Nationen
Europas als Kulturträger feiern, bevor ein eigener Rassismus sich von derselben These abspaltet: Die Theorie, die weiße Rasse könnte in der Evolution eine höhere Entwicklungsstufe erreicht haben, als die anderen Rassen der Welt.
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