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| Ich |
IchIch ist die Bezeichnung einer (grammatischen) ersten Person in der Einzahl, zurückweisend auf das Selbst des Aussagenden. Beispiel: „Ich denke, also bin ich“, von René Descartes: cogito ergo sum.
Das Ich in Wissenschaft und Psychologie
Die Kategorie des Ich findet besondere Berücksichtigung im philosophischen System Johann Gottlieb Fichtes, mit zumindest wissenschaftlichem Anspruch angegangen wurde es erstmals in der Psychoanalyse Sigmund Freuds.
Das Ich in der Psychoanalyse Freuds
Sigmund Freud war der erste, der sich mit dem Ich psychologisch ausführlich befasste. Seiner Meinung nach ist die menschliche Psyche in drei Teile geteilt:
- Das Es, der vegetative Teil der Psyche, der meist im Unbewussten verbleibt und die grundlegenden Instinkte des Menschen umfasst.
- das Über-Ich, das die Funktion des Gewissens einnimmt und das Ich leitet. Es wird von Freud als das Überbleibsel der elterlichen Autorität in der Kindheit angesehen.
- das Ich, mit dem Freud das bewusst Erfahrene bezeichnet. Dieses Ich wird sowohl vom Über-Ich als auch vom Es beeinflusst und nähert sich demnach einem dieser beiden an. Ichstärke
Das Selbst in anderen Bereichen der Psychologie
Die Erforschung des Selbst ist ein wichtiger Bestandteil der modernen Psychologie. Spezielle Forschungsbereiche umfassen z. B. die Bedeutung des Selbstwertes, der Selbstsicherheit, der Selbstkontrolle oder der Selbstwirksamkeitserwartung.
Das Ich im Symbolischen Interaktionismus
Einen großen Stellenwert nahm das Ich in der in den USA entwickelten mikrosoziologischen Theorie des Symbolischen Interaktionismus ein. Diese Theorie ging von der philosophischen Richtung des Pragmatismus aus, die den Menschen als ein aktives Wesen bezeichnet, das sich seine Welt mittels Interaktion mit ihr selbst konstruiere. Mit anderen Worten: Ohne das Individuum existiere die Welt nicht.
Im Symbolischen Interaktionismus sind die Theorien von Charles Cooley, George Herbert Mead und Erving Goffman richtungsweisend.
Charles Cooley war der erste, der sich mit dem Ich im Rahmen dieser Theorie beschäftigte. Für ihn entsteht das Selbst bzw. das Ich einzig und allein in der Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt. Sein Modell wird auch Spiegel-Ich genannt, da sich das Individuum seiner Theorie zufolge nach der Weise definiert, wie es von anderen Menschen wahrgenommen wird.
George Herbert Mead ging von einer ähnlichen Theorie aus, nach ihm gibt es jedoch zwei Dimensionen des Ich, das I und das ME. Das ME entspricht in etwa dem Spiegel-Ich Cooleys, es besteht aus der Reflexion mit dem Umweg über die Gesellschaft in Form von Normen und Regeln. Das I jedoch ist eine autonome, unvorhersehbare, individuelle Dimension des Ich. Hier befindet sich laut Mead die menschliche Kreativität. I und ME befinden sich in einer permanenten Interaktion untereinander.
Erving Goffman sieht das Ich dagegen in seinem sogenannten Dramaturgischen Modell als eine Art Schauspieler an, das in verschiedenen Situationen verschiedene Formen annimmt. Laut Goffmann ist es unmöglich, das Ich einer Person wirklich zu definieren, da dieses Ich auch in der Selbstreflexion verschiedene Rollen annehmen kann.
Physikalische Theorien über das Ich
Derzeit steht die Physik noch mit der Frage, ob und wie es ein Ich im Menschen auch physikalisch gibt, vor einem großen Rätsel. Es gibt zwar mehrere Theorien, von denen aber der Großteil als reine Spekulationen abgetan werden müssen. Es gibt sogar Wissenschaftler, die behaupten, das menschliche Gehirn sei nicht fähig, sich selbst zu erkennen, also zu definieren, was das Ich ist.
Neurobiologische Aspekte
Früher dachte man, das Ich sei auf ein bestimmtes Hirnareal beschränkt. Als heute einigermaßen anerkannte Theorie kann man dagegen die Theorie des Bindungprinzips ansehen. Diese Theorie geht davon aus, dass sich das Ich auf das gesamte Gehirn (eventuell auch auf das gesamte Nervensystem) ausdehnt, wobei die Nervenzellen über einen noch nicht verstandenen Mechanismus miteinander interagieren und sich so als Ganzheit vereinigen (die dann mehr als die Summe ihrer Teile ist).
Das Selbst im spirituellen und philosophischen Bereich
Das Transzendieren, die bewusste Klärung von Ich (Ego) und Selbst, ist das Hauptthema und Ziel im Hinduismus und im Buddhismus. Der Schüler (Tschela) eines geistigen Weges im Hinduismus (Yoga) erkennt, dass sein Ich sich im „inneren Selbst“ (dem Atman) auflöst und damit die Einheit mit dem Göttlichen (Brahman) als Selbsterkenntnis stattfindet.
Im Buddhismus hingegen wird die Existenz einer Seele und von etwas Göttlichem abgestritten, alle Phänomene sind letztendlich Leerheit und der Weg ist lediglich ein Erwachen zur Erkenntnis der Realität.
Dieses Erlebnis wird Samadhi genannt, im japanischen Buddhismus Satori. Alle Yogapraxis (Jnana-Yoga, Raja-Yoga) dient nur dazu, diese Täuschung einer eigenen separierten Existenz des Ichs (Egos) zu überwinden. Es gibt in der Erfahrung des eigenen Selbst das Licht-Erlebnis des Einen ohne ein Zweites (Erleuchtungserlebnis).
Das Ich (Ego) gibt seine Täuschungs-Existenz auf und wird eins mit dem Ganzen (mit dem spirituellen Licht des ewigen Lebens).
Tatsächlich „wird“ es nicht eins: Da das Ich (Ego) tatsächlich nie existiert hat, wird diese Einheit nach dem Loslassen von der Täuschung eines „Ichs“ als allumfassende Glückseligkeit im ewigen Licht erlebt.
Im ursprünglichen (Theravada) Buddhismus existiert dieses spontane Erleuchtungserlebnis zwar auch, wird aber letztlich als Täuschung bzw. ohne bleibenden Wert begriffen. Das „kleine Tor“ (Lankavatara Sutra) des Erleuchtungserlebnisses ist dort lediglich ein erster Kontakt mit dem durch Übung zu beschreitenden Weg, und kein erstrebenswerter Zustand.
Entsprechende Licht-Erlebnisse haben Eingang in die religiöse Literatur aller Kulturen gefunden, obwohl sie nicht überall als zentrales Gotteserlebnis begriffen werden. Diese Selbsterfahrung wird auch in der Bibel bei Johannes beschrieben: Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis. Weiter wird Jesus ein Satz in den Mund gelegt, womit er sich selbst, aber auch das Prinzip der Selbst-Erkenntnis meinte: Das Licht leuchtet in der Finsternis (Ego), und die Finsternis hat es nicht begriffen.
Auch der Satz über dem Eingang zum Orakel von Delphi Erkenne dich selbst!, als Imperativ auch als Leitsatz dem Sokrates zugeschrieben, handelt von der Transzendenz des Egos hin zum göttlichen Selbst (Licht).
Im christlichen Bereich ist besonders der Mystiker Joel S. Goldsmith (†1964) zu erwähnen, der die philosophischen Grundlagen für das Loslassen des menschlichen Ichs (Egos) hin zum göttlichen Selbst in seinen Büchern beschreibt:
- Das mystische Ich
- Der Donner der Stille
- The infinite way
In der Psychologie der Sufis (islamische Mystiker) existieren sieben verschiedene Stufen des Selbst (arabisch: nafs), die unterste ist an-nafs al-ammara, das niedere Selbst, die höchste an-nafs al-safiya, das reine Ich. Dazwischen liegen die Stationen der Gottessuchenden auf dem Weg zur göttlichen Einheit (tauhid).
Werke mit dem Titel „Ich“
tauhid
„Ich“ ist der Titel des 34. Bandes von Karl Mays gesammelten Werken, erschienen im Karl May Verlag. Der Band enthält zum Teil von fremder Hand bearbeitete autobiographische Schriften, u. a. die 1910 erschienene Autobiographie Mein Leben und Streben.
„Ich“ ist ein Roman von Wolfgang Hilbig, welches 1993 erschien und autobiografische Züge hat.
Am südlichen Mainufer in Frankfurt steht das „Ich“-Denkmal, das von Hans Traxler entworfen und am 24. März 2005 eingeweiht wurde. Auf einer Tafel hat Traxler seine Idee illustriert, dass den Denkmalsockel jeder benutzen kann, um sich darauf fotografieren zu lassen, und als Kommentar hinzugefügt: Jeder Mensch ist einzigartig. Das gilt natürlich auch für alle Tiere..
„Das Ich“ ist eine deutschsprachige Musikgruppe Das Ich
„Ich“ als Wort
Als Wort spielt „Ich“ in der Kommunikation eine spezielle Rolle, wo es in Beziehung zu einem „Du“ tritt oder „etwas“ über eine Sache oder 3. Person mitteilt. Für Psychologie oder Soziologie und in Gesprächen ist es interessant, ob und wann das „Ich“ umschrieben wird (etwa durch „man“ oder „wir“), und wieweit dies mit Unsicherheit und Selbstwertgefühl zu tun hat. Siehe auch Grammatik, Singular.
Zitat
Das Leib-Seele-Problem ist eine philosophische Fragestellung, die sich mit der Konzeption des Ichs auseinandersetzt: Bin ich nur mein Körper als Biomaschine, oder besitze ich eine Seele, die eventuell sogar unabhängig von der materiellen Substanz von mir existiert. Auch die Neurologie und die Hirnforschung vermögen diese Frage noch nicht abschliessend zu beantworten, und so bleibt die Fragestellung weiterhin eine Domäne der Metaphysik und der Religion. Siehe auch bei Immanuel Kant:
:Ich, als denkend, bin ein Gegenstand des innern Sinnes und heiße Seele. Dasjenige, was ein Gegenstand äußerer Sinne ist, heißt Körper. - Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft, B 400)
Siehe auch
- Autismus, autonom, Egoismus, Freier Wille, Ich-Botschaft, Philosophie, Selbstbewusstsein, Subjekt (Philosophie), Lyrisches Ich, Ich-AG, Das Ich, Spiegelstadium
Kategorie:Erkenntnistheorie
Kategorie:Philosophie des Geistes
Kategorie:Psychoanalyse
ja:自我
EinzahlDer Singular (Abk.: „Sg.“) bezeichnet in der Grammatik einen Numerus und repräsentiert die Einzahl. Er ist der grundlegendste Numerus und geht allen anderen Formen voran.
Ein Substantiv, das nur im Singular gebräuchlich ist (Milch, Regen), wird Singularetantum genannt.
Siehe auch: Dual, Trial, Quadral, Paukal, Plural
Kategorie:Grammatik
als:Singular
Cogito ergo sumcogito, ergo sum (lat.: ich denke, also bin ich) bezeichnet bei René Descartes (1596 - 1650) innerhalb eines methodischen Zweifels einen idealistischen Ausgangspunkt seiner Philosophie:
Das Bewusstsein erfährt sich im Denken als Selbstbewusstsein, d. h. als einzig sicheren Punkt im Erkenntnisprozess, an dem zu zweifeln nicht möglich ist:
: „Aber es gibt einen, ich weiß nicht welchen, höchst mächtigen und verschlagenen Betrüger, der mich geflissentlich stets täuscht. - Nun, wenn er mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin.
: Er täuschte mich, soviel er kann, niemals wird er es doch fertigbringen, daß ich nichts bin, solange ich denke, daß ich etwas sei. Und so komme ich ...schließlich zu dem Beschluss, daß dieser Satz:
: Ich bin, ich existiere, so oft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist“ (Descartes, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, II 3)
In der lat. Urfassung hieß es "cogito, ego sum", wurde erst in der franz. Übersetzung als "cogito, ergo sum" von Descartes toleriert, und wurde seitdem oft kritisiert. Wenn der Latinist explizit das "ego" verwendet, hat dies meistens einen emphatischen Hintergrund. Descartes bekräftigte also seine Existenz, es war anfänglich von ihm nicht als logischer Schluß gedacht. Aus diesem Grunde stellte er seine Existenz eben auf drei Säulen der Kognition (Getäuscht werden, Erkennen, Denken), von welchen jedoch nur das "cogito" zur Berühmtheit gelangte.
Sprachanalytische Betrachtung von „cogito, ergo sum“ bei Rudolf Carnap
Rudolf Carnap unterzog diese Aussage von Descartes einer sprachlichen Analyse(1), wonach der Satz zwei logische Fehler enthält:
- der erste Fehler liegt im Schlusssatz „ich bin“. Das Verbum „sein“ ist hier zweifellos im Sinne der Existenz gemeint, denn eine Kopula kann ohne Prädikat nicht gebraucht werden. Das „ich bin“ des Descartes ist ja auch stets in diesem Sinne verstanden worden. Dann verstößt aber dieser Satz gegen Kants Erkenntnis, dass Existenz nur in Bezug auf ein Prädikat, nicht in Bezug auf einen Nominator (Subjekt, Eigennamen) ausgesagt werden kann; denn "Sein ist offenbar kein reales Prädikat" (Kritik der reinen Vernunft, B 626). Ein Satz wie "ich existiere" hat nicht die Form „der Gegenstand "ich" hat die Eigenschaft, existent zu sein", sondern „es existiert ein x, von dem gilt: x ist ich".
- der zweite Fehler liegt in dem Übergang von „ich denke“ zu „ich existiere“. Soll aus dem Satz „P(a)“ („dem a kommt die Eigenschaft P zu“) ein Existenzsatz abgeleitet werden, so kann dieser die Existenz nur in Bezug auf das Prädikat P, nicht in Bezug auf das Subjekt a der Prämisse aussagen. Aus „ich bin ein Europäer“ folgt nicht „ich existiere“, sondern „es existiert ein Europäer“. Aus „ich denke“ folgt nicht „ich bin“, sondern „es gibt etwas Denkendes“.
Weitere Ansätze einer Interpretation
Laut Jaakko Hintikka ist das „Cogito ergo sum“ kein logischer Schluss, sondern die Vermeidung eines performativen Widerspruchs. D.h. wenn ich versuche meine Nichtexistenz anzunehmen, muss ich unweigerlich meine Existenz anerkennen. Aber auch diese Ansicht ist bereits kritisiert worden und ist nicht unproblematisch.
Eine syllogistische Analyse dieses Ausspruchs von Descartes, wie sie beispielsweise Rudolf Carnap vornahm, führt insofern auf Abwege, als das Wort Existenz als "sein" im Sinne einer relativen Substanz-Akzidenz-Beziehung verstanden wird. Existenz wird also "sein/ist/bin/sind/etc." gleichgesetzt, was sich im Laufe der Jahrhunderte so eingebürgert hat, und auch heute noch vorwiegend so verwendet wird. Daß dies jedoch im Falle Descartes' zu Ungereimtheiten führt, zeigt ein Beispiel: Worin besteht der Unterschied, ob jemand sagt "ich existiere" oder er sagt "ich bin existent" ? Vielleicht versteht man hier etwas besser Descartes' Anliegen.
Verballhornungen des Satzes
Davon gibt es eine Reihe. Einer davon ist Coito, ergo sum. Die Willensphilosophie Schopenhauers, der im Willen zum Leben und Überleben sogar das Ding an sich sah, könnte der Satz sogar gut zusammenfassen. (Allerdings wäre das korrekte lateinische Wort co-eo, nicht coito.)
Siehe auch:
- Ikone (Medien)
- Spiegelstadium
Literatur
- (1) Rudolf Carnap, Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache, in: Erkenntnis, 2. Band, 1931, S.233f
Kategorie:Philosophie des Geistes Kategorie:Lateinische Phrase Kategorie:Erkenntnistheorie
PsychoanalyseUnter der Psychoanalyse (griechisch ψυχανάλυση, psichanálissi, wörtlich die Auflösung der Seele im Sinne von die Untersuchung, Enträtselung der Psyche) versteht man
# ein Konzept zur Beschreibung, Erklärung und Verständnis des Menschen als biopsychosoziales Wesen unter besonderer Berücksichtigung mentaler, psychodynamischer, unbewusster Prozesse, das teilweise der Humanwissenschaft zugeordnet wird, dessen prinzipielle Wissenschaftlichkeit jedoch umstritten ist (psychoanalytische Wissenschaft)
# eine Gruppe von psychotherapeutischen Behandlungsverfahren (psychoanalytische bzw. psychodynamische Therapie) und
#eine Methodologie zur Untersuchung mentaler und kultureller Phänomene (psychoanalytische Methodik).
Die Psychoanalyse ist eine Schule der Tiefenpsychologie. Begründet wurde die Psychoanalyse um 1900 vom Wiener Neurologen Sigmund Freud. Bis heute wird sie von psychoanalytischen Klinikern und Forschern weiterentwickelt und verändert, so dass die (post)moderne Form der Psychoanalyse durch einen theoretischen, methodischen und therapeutischen Pluralismus charakterisiert ist.
Definition
- Psychoanalyse als Wissenschaft
Die Psychoanalyse bezeichnet sich nicht nur als Wissenschaft vom Unbewussten, sondern verfolgt – wie bereits Freud – den weitaus höheren Anspruch, ein umfassendes Konzept des Mentalen inklusive seiner Verbindungen zu den Sphären des Somatischen und des Soziokulturellen zu entwickeln. Aus diesem Grund wurde sie von Alfred Lorenzer auch als eine Wissenschaft zwischen den Wissenschaften bezeichnet, die sich inmitten eines Dreiecks von Biologie, Psychologie und Soziologie befinde. Psychoanalytiker der nachfolgenden Generationen haben die Psychoanalyse in vielfältige Richtungen weiterentwickelt, dabei teils mit Freud übereinstimmend, teils weit von ihm abweichend. Diese stetige Differenzierung der psychoanalytischen Theorie hat - ergänzt um integrative Bemühungen - zur Entstehung einer Vielzahl von psychoanalytischen Schulen mit bestimmten Schwerpunkten geführt. Dazu zählen z.B. Triebpsychologie, Ichpsychologie, Objektbeziehungspsychologie, Selbstpsychologie, Relationale und Intersubjektive Psychoanalyse und Strukturalistische Psychoanalyse. Als komplexes, mehrschichtiges Programm wird die Psychoanalyse als nahe zu den Humanwissenschaften eingeordnet. Beinahe jede wissenschaftstheoretische Denkrichtung hat die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse untersucht. Die verschiendenen Ergebnisse geben ein immer noch umstittes Bild ab. Einige Grundannahmen der Psychoanalyse konnten auch empirisch nachgewiesen werden (siehe dazu Tiefenpsychologie). Einige Kritiker vertreten auch den Standpunkt, die Psychoanalyse sei eine Pseudowissenschaft (siehe auch #Kritik).
- Psychoanalyse als Methodik
Des weiteren versteht man unter Psychoanalyse eine von Freud in ihren Grundzügen entwickelte Methodologie zur Untersuchung menschlichen Erlebens und Verhaltens sowie kultureller Objektivationen. Leitidee hierbei ist, dass sich hinter der deskriptiven Oberfläche der Phänomene eine unbewusste Bedeutung verbirgt, welche sich durch diverse Irritationen im Material, wie z.B. Fehlleistungen, Widersprüche, Metaphern, verrät. Ungeachtet aller Probleme, welche eine Operationalisierung psychoanalytischer Theorien und eine Kodifizierung psychoanalytischer Methodik mit sich bringen, konnten Psychoanalytiker in den vergangen drei bis vier Jahrzehnten eine mittlerweile beachtliche Phallanx von Analysemethoden entwickeln. Mit diesen lassen sich z.B. Texte psychoanalytisch interpretieren (Lorenzer: Szenisches Verstehen), Übertragungsprozesse messen (Benjamin: SASB; Luborky: ZBKT), die Persönlichkeitsstruktur und Konflikte diagnostizieren (Arbeitskreis OPD: OPD) oder Erzählstrukturen analysieren (Boothe: Erzählanalyse JAKOB).
- Psychoanalyse als Therapie
Außerdem versteht man unter Psychoanalyse eine Gruppe von psychotherapeutischen Behandlungsmodalitäten, welche unter dem Oberbegriff psychoanalytische bzw. psychodynamische Therapie firmieren. Die Psychoanalyse zählt zu den Einsichtstherapieen, welche versuchen, dem Kranken die Einsicht in die Ursachen seines Leidens zu vermittlen und somit zu heilen. Dazu zählt unter anderem auch die klassische Psychoanalyse, welche mehrmals wöchentlich über einige Jahre hinweg stattfindet, und bei der der Patient (Analysand) auf der Couch liegt und frei assoziiert, während der hinter ihm sitzende Analytiker mit der Haltung der gleichschwebenden Aufmerksamkeit zuhört. Hinzu kommen, die heutzutage weit verbreiteten psychoanalytischen Psychotherapien, bei denen sich Analytiker und Analysand gegenübersitzen und lediglich ein bis zweimal wöchentlich treffen. Erwähnenswert sind noch die zunehmend häufiger durchgeführten psychoanalytischen Fokaltherapien bzw. psychodynamischen Kurzzeittherapien, in denen ein klar umschriebenes Problem in insgesamt ca. 20 bis 30 Sitzungen behandelt wird. Außerdem gibt es noch psychoanalytische Paar- und Familientherapie, Gruppenpsychoanalyse, stationäre psychodynamische Therapie, psychoanalytische Supervision. Gemeinsam ist all diesen Verfahren, dass sich in der therapeutischen Beziehung aktualisierende Übertragungen und Widerstände des Patienten unter Mithilfe der Gegenübertragung des Analytikers aufgespürt, interpretiert und so einer Veränderung zugänglich gemacht werden.
Zu bedeutenden Psychoanaltikern der ersten Generationen zählen neben Freud noch Karl Abraham, Alfred Adler, Siegfried Bernfeld, Helene Deutsch, Paul Federn, Otto Fenichel, Sandor Ferenczi, Ernest Jones, Carl Gustav Jung, Hermann Nunberg, Sandor Rado, Otto Rank, Theodor Reik, Wilhelm Reich.
Wichtige Vertreter der Ichpsychologie sind Heinz Hartmann, Anna Freud, Erik H. Erikson, Margaret Mahler, René A. Spitz. Exponenten der Objektbeziehungstheorie sind D.W. Winnicott, Melanie Klein, Michael Balint, W.R.D. Fairbairn. Die Selbstpsychologie wurde von Heinz Kohut begründet. Bedeutende Vertreter der Psychoanalyse in Frankreich sind Jacques Lacan, Andre Green, Jean Laplanche. Die so genannte Neo-Psychoanalyse ist mit den Namen Karen Horney, Harry Stack Sullivan und Erich Fromm verbunden. Bedeutende zeitgenössische Psychoanalytiker sind Otto Kernberg, Peter Fonagy, Daniel Stern. Als Begründer der Bindungstheorie, welche innerhalb wie außerhalb der Psychoanalyse weite Verbreitung fand, gilt der Psychoanalytiker John Bowlby.
Grundlagen der psychoanalytischen Theorie
Die Grundzüge der Psychoanalyse als erste umfassende Theorie des Mentalen unter besonderer Berücksichtigung unbewusster Prozesse wurden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vom Wiener Neurologen Sigmund Freud entwickelt. Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche und auch dem Unbewussten ist freilich älter und kann bis zur Antiken Philosophie zurückverfolgt werden. Unmittelbare Vorgänger Freuds waren die Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, aber auch in den Werken bedeutender Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe und Arthur Schnitzler können literarische Analogien psychoanalytischer Theorien gefunden werden. Freud kommt so gesehen nicht das Verdienst zu, das Unbewusste entdeckt, sondern es als Erster untersucht und beschrieben zu haben.
Dazu ging Freud teilweise von der Untersuchung von Alltagsphänomenen wie Mythen, Bräuchen, Witzen, Träumen und Fehlleistungen aus, welche zuvor nur wenig Interesse von Seiten einer seriösen Wissenschaft geerntet haben. Weitere Daten, auf die sich Freud stützte, waren seine intensive Selbstanalyse sowie die psychologische bzw. psychotherapeutische Behandlung von neurotischen Patienten. Ausgehend von diesen Phänomenen, die er mithilfe der freien Assoziation erforschte, konnte er psychische Modalitäten und Funktionsweisen entdecken, die in der einen oder anderen Form bei allen Menschen angetroffen werden können.
Bei jeder Darstellung der Grundlagen von Freuds Theorien muss erstens vorweggeschickt werden, dass Freuds Theorie nicht in geschlossener Form vorliegt, da er sein ganzes Leben über an seinen Theorien gefeilt und diese immer wieder überarbeitet hat, wenn sich ihm neue Erkenntnisse aufgedrängt haben, und zweitens, dass die Psychoanalytiker der nachfolgenden Generationen diese Theorien vielfach eigenständig weiterentwickelten, auch gänzlich neue Konzepte und Theorien eingeführt haben, sodass die Psychoanalyse in ihrer zeitgenössischen Form keineswegs mit dem Werk Freuds gleichgesetzt werden darf.
Traumatheorie
Bis 1897, der sogenannten Frühphase der Psychoanalyse steht Freud ganz unter dem Eindruck der Behandlung hysterischer Patientinnen, die ihm eine vielfältige Symptomatik präsentierten, und häufig von sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit berichteten. Aufgrunddessen betonte Freud die zentrale Stellung, welche Traumatisierungen (primär, aber nicht nur sexueller Natur) in der Entstehung von psychischen Erkrankungen zukommt. Später relativierte er diese Auffassung dahingehend, dass auch andere Faktoren wie z.B. innere Konflikte eine bedeutende Rolle in der Ätiologie der Neurosen einnehmen können, ohne jedoch die Traumatheorie völlig zu verwerfen. Im Allgemeinen wird jenes Modell, das psychische Erkrankungen als eine Folge von Erlebnissen erklärt, welche aufgrund ihrer überwältigenden Intensität, die normalen Schutzmechnismen der Persönlichkeit zusammenbrechen lassen, als Traumatheorie bezeichnet.
Objektbeziehungstheoretisch orientierte Psychoanalytiker wie René A. Spitz und Massud Khan haben im Gegensatz zu einmalig auftretenden Extremtraumatisierungen noch die Wichtigkeit so genannter kumulativer Traumatisierungen bzw. Mikrotraumatisierungen herausgestellt. Hierbei handelt es sich um unzählige Male wiederholte Erschütterungen der kindlichen Persönlichkeit durch ein konstant unzureichendes Milieu. Die fatalen Auswirkungen so einer mangelnden Akzeptanz des Kindes auf das in Entstehung befindliche Selbst wurden von Heinz Kohut herausgearbeitet. Insbesondere Psychoanalytiker, die Kinder von KZ-Überlebenden in Behandlung hatten, konnten zudem feststellen, dass schwer traumatisierte Menschen, die ihre katastrophalen Erfahrungen nicht verarbeiten konnten, ihr Trauma in modifizierter Form an die nächste Generation weitergeben (transgenerationale Traumatisierung). Heute gibt es eine eigene Domäne, welche sich der Analyse und Behandlung von traumatischen Erfahrungen verschrieben hat, und die viele psychoanalytische Theorien integriert hat: die Psychotraumatologie. Viele Hauptvertreter dieser Richtung, wie z.B. Gottfried Fischer sind Psychoanalytiker
Triebtheorie
Ein weiteres wichtiges Bestimmungsstück im Werk Freuds ist die so genannte Triebtheorie. Eng damit verbunden ist das Konfliktmodell, welches innere Widersprüche bzw. Konflikte zwischen unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen oder auch der Person und der Umwelt als krankheitsverursachend betrachtet. Insofern ergänzt es die oben dargestellten traumatheoretischen Überlegungen. Eng verknüpft mit den triebtheoretischen Überlegungen ist auch das so genannte Lustprinzip, welches besagt, der Mensch suche nach lustbringenden Aktivitäten und vermeide unlustvolle.
Unter einem Trieb versteht man ein angeborenes, innerpsychisches, sich selbst reproduzierendes Grundbedürfnis. Diesem kann man sich im Unterschied zu externen Reizquellen nicht entziehen; d.h. es ist zwar ein Aufschub der Befriedigung möglich, die Intensität des Bedürfnisses nimmt aber kontinuierlich zu. Bis zu einem gewissen Grad sind allerdings Ersatzbefriedigungen möglich.
Die wesentlichen Bestimmungsstücke eines Triebs sind Quelle, Drang, Ziel und Objekt. Unter der Quelle versteht man jene physiologischen Regionen, in denen ein psychisch erlebter Reiz entsteht. Quellen des Sexualtriebs (Libido) wären z.B. die orale oder die genitale Zone. Der Drang wiederum beschreibt die imperative Qualität des sich als Affekt und Vorstellung äußernden Triebs (z.B. Hunger). Das Ziel des Triebes ist definiert als ein Verhaltenskomplex, welcher den offensichtlichsten Bestandteil des Triebs darstellt. Im Falle des Selbsterhaltungstriebs wären mögliche Ziele Essen oder Trinken, im Falle des Sexualtriebs der Koitus. Das Objekt schlussendlich ist der variabelste Teil am Trieb und mit diesem lediglich aufgrund seiner Eigenschaft verknüpft, die erwünschte Befriedigung zu verschaffen. Das Objekt des Sexualtriebs kann so gesehen ein gegengeschlechtlicher Partner, aber auch einfach nur ein Stück Latex sein.
Was Art und Anzahl der Triebe anbelangt, ist Freud weitgehend Dualist geblieben. Anfangs (1905-1914) stellt er den der Arterhaltung dienenden Sexualtrieb den der Selbsterhaltung dienenden Ichtrieben gegenüber. Die Libido (Sexualtrieb) betrachtet Freud einer in Phasen verlaufenden Entwicklung unterworfen (der Mensch ist von Geburt an ein sexuelles Wesen: oral, anal, phallisch-genital; ödipal). 1914 unterschied Freud innerhalb des Sexualtriebs zwischen einer narzisstischen Libido, welche auf das eigene Selbst gerichtet ist und einer Objekt-Libido, die Zuwendung auf andere Personen richtet. 1920 postuliert er schließlich einen großen Antagonimus von Lebenstrieben mit ihrer Tendenz, Bindungen herzustellen, und Todestrieben mit zersetzend-destruktiver Tendenz.
Freuds letzter Triebtheorie, darunter vor allem der Annahme eines Todestriebs, wollten die meisten Psychoanalytiker nicht folgen, wohl weil sie auf einem zu hohen Abstraktionsniveau angesiedelt war. Auch die hinter dem Wirken von Trieben vermuteten Energiequanten stoßen heute nicht mehr auf breiten Konsens.
Es ist ein Verdienst der Objektbeziehungstheorie das Primat der Libidotheorie zur Erklärung allen menschlichen Verhaltens gebrochen zu haben und realen und phantasierten zwischenmenschlichen Interaktionen Anerkennung als eigenständiges und nicht nur von der Libido abgeleitetes Grundmotiv verschafft zu haben. Einer der Pioniere auf diesem Feld war Fairbairn, der - allerdings noch in libidotheoretischer Terminologie - argumentierte, die Libido suche eigentlich nicht nach Lust, sondern nach dem Objekt. Besondere Bedeutung kommt auch Melanie Klein zu, welche die Uranfänglichkeit der Objektbeziehung betonte und zwischen einer paranoid-schizoiden und einer depressiven Position in der frühesten Entwicklung unterschied. Nicht zu vergessen John Bowlby, Begründer der Bindungstheorie, in dessen Werk die Mutter-Kind-Beziehung und ihre Folgen im Mittelpunkt stehen. Margaret Mahler schließlich hat die Entwicklung von der am Anfang des Lebens bestehenden Symbiose zwischen der Mutter und ihrem Baby hin zur schrittweisen Unabhängigkeit, der Individuation beschrieben.
Den unterschiedlichen, im Verlauf der Geschichte der Psychoanalyse diskutierten Grundbedürfnissen Rechnung tragend hat Joseph D. Lichtenberg eine Theorie der Motivationssysteme entwickelt und fünf menschliche Grundbedürfnisse postuliert:
#. das Bedürfnis nach Regulation physiologischer Erfordernisse;
#. das Bedürfnis nach Bindung; #. das Bedürfnis nach Exploration und Selbstbehauptung;
#. das Bedürfnis, aversiv zu reagieren;
#. das Bedürfnis nach sinnlicher Lust und sexueller Erregung.
Topographisches Modell und Instanzenmodell
Das topographische Modell versucht psychische Inhalte hinsichtlich des Grads ihrer Bewusstheit zu klassifizieren und zu Systemen zusammenzufassen, deren Relationen untereinander von einem Zensor geregelt werden. Das System Bw (Bewusstsein) kann mit einem psychischen Raum verglichen werden, dem es obliegt, Reizkonfigurationen der inneren Welt und der äußeren Realität zu erfassen. Es ist ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten. Das System Vbw (Vorbewusstes) enthält jene psychischen Inhalte, welche zwar momentan im Bewusstsein nicht präsent sind, aber mittels willentlicher oder zum Teil auch unwillentlicher Aufmerksamkeitsausrichtung abgerufen werden können. Das System Ubw (Unbewusstes) besteht aus psychischen Inhalten, welche selbst durch gezielte Konzentration nicht ins Bewusstsein gehoben werden können. Es gibt verschiedene Arten unbewusster Prozesse, von denen Freud dem Verdrängten am meisten theoretischen Platz eingeräumt hat. Hierbei handelt es sich um von Individuum und/oder Kultur verfemte Impulse und Vorstellungen, die abgewehrt bzw. ins Ubw verdrängt werden. Die therapeutische Erfahrung hat Freud gelehrt, dass die verdrängten Inhalte sich in entstellter Art wieder Zugang zum Bw verschaffen (Wiederkehr des Verdrängten).
Theoretische Schwierigkeiten mit diesem Modell haben Freud zur Entwicklung des Drei-Instanzen-Modells veranlasst, dem bekanntesten Persönlichkeitsmodell der Psychoanalyse. Es versteht die menschliche Psyche als in drei Instanzen untergliedert, welche teilweise interagieren und teilweise in Konflikt miteinander geraten können. Das Ich sitzt räumlich gesprochen an der Oberfläche der Persönlichkeit und gehorcht dem Realitätsprinzip. Es steuert das Selbst, die Interaktionen mit und die Anpassung an die Umwelt. Es kontrolliert Wahrnehmung und Motilität, was ihm die Aufgabe moderater Triebbefriedigung zukommen lässt. Die synthetische Funktion des Ich beschreibt seine Aufgabe zwischen den Anforderungen der verschiedenen Instanzen und der Außenwelt zu vermitteln. Das Es, ein von Georg Groddeck geprägter Begriff, ist jener völlig unorganisierte Teil der Persönlichkeit, in dem die verdrängten Wünsche und archaischen Verhaltensmuster beheimatet sind. Es ist die Quelle der Triebregungen und im Gegensatz zum Ich und zum Über-Ich gänzlich unbewusst. Das Über-Ich, die moralische Instanz, besteht aus den durch die erzieherischen Einflüsse verinnerlichten Verboten und Geboten. Freud hat die drei Instanzen mit einem Gleichnis aus der Reiterei veranschaulicht: Das Ich entspricht dem Reiter, das Es dem Pferd und das Über-Ich der Rolle des Reitlehrers.
Da Konflikte nicht nur zwischen den Instanzen auftreten können (z.B. zwischen Es und Ich), sondern auch zwischen widersprüchlichen Tendenzen innerhalb einer Instanz (z.B. zwei entgegengesetzte moralische Forderungen des Über-Ich), wurde von der späteren Psychoanalyse zwischen intersystemischen Konflikten und intrasystemischen Konflikten differenziert. Ein weiteres Problem ergab sich dadurch, dass Freud den Begriff Ich auf zweierlei Art und Weise verwendete: Einmal um ein Sammelsurium psychischer Funktionen zu beschreiben und einmal um damit die ganze Person zu bezeichnen. Dies machte eine Trennung von Ich und Selbst erforderlich, wobei der Begriff Ich für die erlebnisfernen psychischen Funktionen reserviert blieb und der Terminus Selbst fortan die Summe der erlebnisnahen Vorstellungen von der eigenen Person beschrieb. Eng verwandt mit dem Konzept des Selbst ist das der Identität.
Entwicklungstheorie
Die Psychoanalyse geht davon aus, dass die menschliche Persönlichkeit sich das ganze Leben über in Entwicklung befindet und dabei verschiedene Phasen mit je besonderen thematischen Schwerpunkten durchläuft. Besonders prägenden Einfluss auf die erwachsene Form der Psyche haben die frühen Phasen der Entwicklung, deren Störung durch erhöhte Vulnerabilität und/oder ein inadäquates Milieu pathologische Entgleisungen anbahnen kann. In der psychoanalytischen Entwicklungsforschung werden sowohl Informationen erwachsener Personen über ihre Kindheit als auch direkte Beobachtungen von Individuen in den entsprechenden Entwicklungsphasen zur Theoriebildung benutzt. Freud konzentrierte seine theoretische Aufmerksamkeit hierbei auf die psychosexuelle Entwicklung. Die infantile Sexualität wird von ihm als polymorph-pervers bezeichnet, womit zum Ausdruck gebracht werden soll, dass das Kind noch über keine stabile sexuelle Identität verfügt und unterschiedliche Arten des Lustgewinns praktiziert, welche teilweise an sexuelle Devianzen erwachsener Patienten erinnern. Freud postulierte eine orale (ca. erstes Lebensjahr), eine anale (ca. zweites/drittes Lebensjahr) und eine phallisch-genitale Phase in der Entwicklung der Libido, welche von Karl Abrahm um zusätzliche Phasen ausdifferenziert wurden. Die Entwicklung der kindlichen Sexualität kulminiert im so genannten Ödipuskonflikt (ca. viertes bis sechstes/siebentes Lebensjahr), in dem das Kind seine Liebe auf den gegengeschlechtlichen Elternteil richtet und mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil um dessen Gunst rivalisiert. Form und Brisanz des Konflikt weisen erhebliche interkulturelle und interfamiliäre Differenzen auf. Der Untergang des Ödipuskonflikts leitet die Latenzphase ein und wird durch den Verzicht auf den gegengeschlechtlichen Elternteil und die Errichtung eines stabilen Über-Ichs mit Inzesttabu charakterisiert. In der Adoleszenz werden die unterschiedlichen Partialtriebe schließlich unter das Primat der Genitalität gestellt.
Wesentlich erweitert und ausgebaut wurden diese Gedanken Freuds durch Erik H. Erikson, der die menschliche Entwicklung des Menschen in acht Phasen von der Geburt bis zum hohen Alter einteilte. In seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung geht er davon aus, dass die individuelle Lösung jeder dieser Phasen den Ausgang eines ihr inhärenten Konflikts zwischen zwei antagonistischen Tugenden bestimmt. Dabei nimmt die Art der Lösung der vorhergehenden Phasen, welche wesentlich von den Umwelterfahrungen, die der Mensch macht, determiniert wird, einen Einfluss auf Ausgestaltung und Bewältigung der folgenden phasentypischen Krisen. So entscheidet z.B. das grundsätzliche Angenommenwerden des Kindes durch seine Bezugspersonen in der allerfrühesten Zeit des Lebens darüber, ob ein Mensch mit einem gesunden Urvertrauen oder Urmisstrauen durchs weitere Leben geht.
D.W. Winnicott und Margaret Mahler haben ihre Aufmerksamkeit auf die zu Beginn des Lebens extrem enge Verbidnung zwischen Mutter und Kind gerichtet und die schrittweise Entwicklung hin zu größerer Autonomie beschrieben. René A. Spitz hat die Entwicklung der Objektbeziehung und den präverbalen Dialog zwischen dem Baby und seiner Bezugsperson untersucht. Seine Forschungen in Säuglingsheimen, in denen die Kinder zwar medizinisch versorgt waren und genügend Nahrung zur Verfügung hatten, aber trotzdem an mysteriösen psychosomatischen Erkrankungen und einer hohen Sterblichkeitsrate litten, konnten den Nachweis erbringen - was zur damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich war -, dass der Entzug zwischenmenschlicher Zufuhr, die soziale Deprivation, dafür verantwortlich war. Einen bedeutenden Beitrag dazu hat auch John Bowlby geleistet, dessen theoretischer Schwerpunkt die zwischenmenschliche Bindung war. Die Entwicklung einzelner Ichfunktionen wurde von Anna Freud thematisiert. Zu den bedeutendsten zeitgenössischen psychoanalytischen Entwicklungsforschern zählen Daniel N. Stern, ein international renommierter Säuglingsforscher, der die Entwicklung des Selbstempfindens beschrieben hat, Robert N. Emde, ein Schüler von Rene Spitz, der sich unter anderem mit der Entwicklung der Affektvität auseinandersetzt sowie Peter Fonagy, der sich um die Integration von Bindungstheorie und Psychoanalyse kümmert und die Entwicklung von Mentalisierung (theory of mind) und Affektregulierung erforscht. Im deutschen Sprachraum hat sich Martin Dornes einen Namen in der psychoanalytischen Säuglingsforschung gemacht. Was die Ableitung bestimmter psychischer Störungen von Komplikationen in gewissen Entwicklungsphasen anbelangt, so geht man gemäß Freuds Konzept der Ergänzungsreihen davon aus, dass physische, psychische und soziale Faktoren an der Genese beteiligt sind. Entscheidend für den Ausbruch einer psychischen Erkrankung oder Resilienz ist ein kompliziertes Wechselspiel von Risikofaktoren und protektiven Faktoren.
Affekttheorie
Die Affekttheorie hat ebenso wie die Triebtheorie verschiedene Umformungen durchlaufen. Freud selbst hat drei Affektmodelle entwickelt und sein Hauptaugenmerk im zuge dessen stets auf den Affekt der Angst gerichtet, dem ihm zufolge eine Schlüsselstellung in jeder Pathologie zukommt. Im ersten Affektmodell Freuds wird primär die Rolle des Affekts im traumatischen Geschehen untersucht. Freud ging hierbei davon aus, dass der durchs Trauma freigesetzte und in seiner Abfuhr blockierte Affekt für die Symptombildung verantwortlich ist. Später ergänzt Freud diese Annahmen dahingehend, dass der Angstaffekte auch das Ergebnis eine Konflikts zwischen der nach Befriedigung drängenden Libido und deren Hemmung sein kann (so z.B. im Falle der Angstneurose). Mit der Entwicklung des Instanzenmodells kommt es zu einer neuerlichen Modifizierung der Affekttheorie: der Theorie der Signalangst. Diese hebt den adaptiven Wert des Affekts als Signal an das Ich hervor, eine drohende innere (Trieb) oder äußere (Trauma) Gefahr mit den zur Verfügung stehenden Mitteln (Abwehrmechanismen) abzuwenden. Dieser Signalaspekt des Affekts wird später von der Ichpsychologie auf weitere differenzielle Affekte wie z.B. Traurigkeit, Ekel, Wut oder Schuld ausgedehnt. Ebenfalls von dieser Schule eingehender erforscht wurde das Verhältnis von Affekt und Vorstellung, also von den emotionalen und den eher kognitiv-imaginativen Erlebensweisen, sowie unbewussten Affekten, welche zwar nicht als solche bewusst erlebt werden, sehr wohl aber ätiologisch relevant für psychische und psychosomatische Symptombildungen werden können.
Die Objektbeziehungstheorie schließlich hat die interaktive Funktion der Affekte unterstrichen. Affekte spielen nämlich auch eine Rolle in der Anbahnung interpersoneller Beziehungen und der Regulation von Subjekt-Objekt-Interaktionen. Heute setzen sich weitgehend Komponentenmodelle der Affektivität durch, welche das relativ ganzheitliche Affektgeschehen als aus Bestandteilen zusammengesetzt ansehen. Ein solches von sechs Komponenten ausgehendes Affektmodell stammt von Rainer Krause. Es untergliedert das Affektsystem in: 1. Expressive Komponente (mimischer und gestischer Ausdruck des Affekts); 2. Physiologische Komponente (endokrine und neuronale Ebene des Affekts); 3. Motivationale Komponente (Innervation der Skelettmuskulatur); 4. Wahrnehmung/Bewusstes Erleben des Affekts; 5. Sprachliche Benennung des Erlebens; 6. Bewusste Wahrnehmung des Affekts als inneres Bild und als spezifische situative Bedeutung der Welt und der Objekte. Diese sechs Komponenten entwickeln sich nicht ontogenetisch synchron und sind in mehrfacher Hinsicht störanfällig.
Da Affekte mit höherer Geschwindigkeit operieren als rationale Denkprozesse kann man sie als phylogentisch ältere und ganzheitlichere Bewertung all unserer Erlebnisse verstehen. Sie sind eine besondere Art der Information im Rahmen psychischer Regulationsprozesse wie z.B. Triebansprüchen, zwischenmenschlichen Beziehungen oder Werten. So gesehen lassen sich Affekte am adäquatesten als eine Art Interface verstehen, das die psychische Ebene einschließlich ihrer unterschiedlichen Systembereiche mit der biologischen und der sozialen Ebene vernetzt. Das ist auch der Grund weshalb der Affekttheorie eine Zentralstellung in der gesamten psychoanalytischen Theorie und Therapie zukommt. Die enge wechselseitige Verbindung von Affekt und Kognition hat es mit sich gebracht, dass auch Piagets Ideen zur kognitiven Entwicklung in der Psychoanalyse breit rezipiert und mit der affektiven Entwicklung verbunden wurden (Ulrich Moser).
Abwehrtheorie
Kulturpsychoanalyse, Politische Psychoanalyse, Ethnopsychoanalyse
Psychoanalytische Ichpsychologie
Funktion des Ich
Ich bezeichnet jene psychische Strukturinstanz, die mittels des selbstkritischen Denkens (Verstand und Vernunft)und mittels kritisch-rational gesicherter moralischer Prinzipien, Normen, Werte und Weltbild-Elementen realitätsgerecht vermittelt "zwischen den Ansprüchen des Es, des Überich und der sozialen Umwelt mit dem Ziel, psychische und soziale Konflikte konstruktiv aufzulösen (= zum Verschwinden zu bringen)." (Rupert Lay, Vom Sinn des Lebens, 212)
Elemente des Ich
Zu den Elementen des Ichs zählt man zuallererst die Bewusstseinsleistungen des Wahrnehmens, des Denkens und des Gedächtnisses, weil sie dem Ich helfen, seiner spezifischen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich realitätsgerecht (konfliktauflösend) zwischen den Ansprüchen aus dem Es, dem Überich und dem Sozial-Außen zu vermitteln – also um psychische und soziale Konflikte konstruktiv zu lösen. Ein Kriterium dafür, ob das Ich realitätsdicht oder realitätsfern an der Entfaltung des Lebens orientiert ist, ist das Freisein von destruktiven Sozial- und Individualkonflikten über längere Zeit und die Fähigkeit des Ich, Konflikte konstruktiv lösen zu können. Weil nur das Ich realitätsgerechtes Handeln zu sichern vermag, heißt das, dass nur das Ich ein wahrhaft menschliches Handeln zu sichern vermag. Diese Teile der Psyche sind keine Produkte des Es wie die Emotionen und Bedürfnisse, weil diese nicht aus dem Es hervorgehen durch den (An)Passungskonflikt zwischen Trieben und sozialisierender Umwelt, sondern weil sie ihre eigene, davon abgehobene spezifische Entwicklung durchlaufen.
Zum Ich zählt man in weiterentwickelten psychoanalytischen Theorien das Ich-Gewissen (die vom Ich kritisch und selbstkritisch geprüften obersten handlungsleitenden moralischen Prinzipien, Werte und moralischen Einzelnormen aus dem Überich und aus den Ansprüchen der sozialen Umwelt) und die kritisch und selbstkritisch geprüften Selbstrepräsentanzen (Vorstellungen über das bzw.) des Selbst (siehe hierzu weiter untern "Psychoanalytische Selbstpsychologie").
Entstehung des Ich
Nach den ersten Lebensmonaten erfährt ein Neugeborenes immer deutlicher, dass es von Dingen und anderen Menschen unterschieden ist. Es entwickelt ein erstes Bewusstsein von den eigenen Körpergrenzen und Selbstgefühlen. "In den folgenden vier Lebensjahren lernt ein Kind (vorsprachlich und deshalb auch unbewusst) die Fragen zu beantworten: 'Wer bin ich?' - 'Was kann ich?' und somit sein Selbstbewusstsein auch inhaltlich zu füllen." (Rupert Lay, Ethik für Wirtschaft und Politik, 68) Um das Es herum wird also eine Zone aufgebaut, die man als frühes Ich bezeichnen kann. Das frühe Ich, das sich wie eine Hülle um das Es legt, wird somit von den frühen Körperrepräsentanzen und den frühen Selbstrepräsentanzen gebildet. Die frühen Körperrepräsentanzen sind die kindlich grundgelegten Bewusstseins- und Gefühlsinhalte über Körperbereiche. Zu den frühen Selbstrepräsentanzen zählen die kindlich grundgelegten Bewusstseins- und Gefühlsinhalte bezüglich der eigenen Person. Sie bestimmen den Sozialcharakter und all unsere später erworbenen Selbstvorstellungen (wer wir sind, was wir fürchten und erhoffen, was wir uns zutrauen...) auf unterschiedliche Weise mit.
Zum frühen Ich zählte Freud auch den sozialisationsgebildeten Charakter eines Menschen: die bewusstseinsfähigen Emotionen und Bedürfnisse, die in Art und Intensität aus den Grundtrieben des Es durch den Sozialisationsprozess geformt worden sind. Dabei bezeichnete Freud die sozialisationsgeformten Emotionen und Bedürfnisse als Triebabkömmlinge des Es im Ich. Das Es mit seinen angeborenen Triebimpulsen wird hier mit einem Baumstamm verglichen, aus dem das frühe Ich als Krone herauswächst. Deswegen nennt Freud diesen Teil des Ichs ein Produkt des Es: er ist aus dem Material des Es (Grundtrieben) entwickelt worden. Man sollte die Emotionen und Bedürfnisse aber unter das Es subsumieren, weil dies begrifflich klarer und weniger verwirrend ist. Man ist vielleicht verführt, die Emotionen und Bedürfnisse zum Ich zu zählen, weil man alles Bewusste mit dem Ich gleichsetzen möchte und die Emotionen und Bedürfnisse ja bewusst werden können. Aber nicht alles Bewusste gehört zum Ich, denn Überichinhalte können bewusst werden. Und nicht alles Unbewusste gehört zum Es, wie die Überichinhalte zeigen. Bei allen drei psychischen Strukturen gibt es Bewusstes, Unbewusstes und Vorbewusstes ( = was bewusst gelernt wurde, aber zu einem unbewussten Habitus wurde wie Autofahren, Fremdsprache...). Zum Beispiel kann ein durch Ich-Einsatz bewusst eingeübtes Handeln automatisiert werden und damit vorbewusst sein. Und was man bewusst erlebt hat, kann im Gedächtnis versinken, es kann vergessen werden und damit unbewusst sein, aber auch wiedererinnert werden.
Psychoanalytische Objektbeziehungstheorie
Bindungstheorie
Psychoanalytische Selbstpsychologie
Selbst bezeichnet die Menge von Vorstellungen über einen selbst und seine Beziehungen zur Umwelt, die das Ich bei der Selbstverwirklichung leiten. Sie nennt man auch Selbstrepräsentanzen.
Dass das Ich realitätsgerecht zwischen den Ansprüchen des Es, des Überich und der sozialen Umwelt zu vermitteln hat, besagt, dass es orientiert ist an seinen eigenen psychischen Fähigkeiten und Möglichkeiten und an den möglichen und realen Gegebenheiten der Naturwelt und der Kulturwelt. Den Wissens-Erwerb über die eigenen psychischen Fähigkeiten und Möglichkeiten und Realitäten und Möglichkeiten von Natur- und Kulturwelt nennt man Selbsterkenntnis: Erkenne dich selbst! (Wahlspruch in der Griechischen Philosophie) Selbsterkenntnis ist also Voraussetzung nahezu jeder glückenden Selbstverwirklichung. "Glück" soll hier jetzt nur ganz allgemein bedeuten, dass ein Mensch am Ende seines Lebens von sich sagen kann, sei Leben sei ihm geglückt: sinnstiftend, produktiv, erfahrungsreich gewesen.
Das Ich benötigt also für seine Vermittlungs-Funktion realitätsgerechte Vorstellungen über sich selbst, die man >Selbst< bzw. >Selbstrepräsentanzen< heißt. Aus den Selbstrepräsentanzen bezieht ein Mensch seine Selbstdefinition, seine psycho-soziale Identität.
Auf den ersten Blick scheint es, dass zwischen dem Ich und dem Selbst kaum Unterschiede bestehen. Der Schein trügt. Denn das Selbst, als die strukturierten Bilder über sich selbst, ist natürlich nicht reflexions- und kritikfähig. Nur das Ich mit seinen Funktionen des Wahrnehmens, Denkens und des Gedächtnisses vermag zu reflektieren und selbstkritisch zu sein. Die Ausbildung eines kritischen Selbst ist eine der Hauptfunktionen des Ich.
Ein Selbst kann man dann kritisch nennen bzw. die Selbstrepräsentanzen sind dann vom Ich kritisch erfasst und ausgebildet worden, wenn sie die Grenzen des Selbst (der Person) zureichend realistisch erfassen und dem Bewusstsein widerspiegeln. Dass man sich realistisch wahrnimmt, setzt Selbsterkenntnis voraus. Selbsterkenntnis ist die oft demütigende und schmerzhafte Erkenntnis der realen Grenzen des Selbst. Schmerzhaft ist diese Erkenntnis, weil wir uns alle gerne ungefährdeter, bedeutender, sicherer... sehen, als wir in Wahrheit sind. Diesen Sachverhalt bezeichnet man als Narzissmus. Erwachsene sollten ein realistisches Bild von sich haben - am besten eines, das ihrer Realität am nächsten kommt. Und sie sollten sich lieben und annehmen lernen so wie sie sind - und nicht, wie ein unrealistische Überich-Ichideal sie gerne hätte. Und sie sollten sich nicht kleiner sehen, als es ihren Möglichkeiten entspricht, sonst können sie nicht der werden, der sie sein könnten und sein sollten.
"Werde, der du bist (= von deinen Fähigkeiten und Möglichkeiten her, von deinen Wesens-Anlagen her und Wesens-Möglichkeiten her) ist zunächst scheinbar ein Anspruch, der von der erzieherischen Umwelt her einer Person angetragen werden und durch Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen ins Überich hineinsozialisiert werden. Aber es ist auch ein mehr oder weniger unbewusster Anspruch aus dem Es: Der psychosomatische Bewegungsdrang, der Neugierdrang (Wahrnehmungsinteresse) und Bestätigungs-Drang (Primär-Narzissmus) führen unbewusst, also wie automatisch, dazu, sich zu erproben, zu behaupten und Probleme lösen zu wollen. Das Ich muss jedoch die Handlungsimpulse und Handlungsansprüche aus dem Es, dem Überich und aus der sozialen Umwelt kritisch und vor allem selbstkritisch prüfen und dann handlungsleitend einsetzen, so dass man sagen kann: "Werde, der du bist" ist ein Anspruch des ichfunktional gebildeten Gewissens.
Die Herausbildung des Selbst ist ein Vorgang der Kompromissbildung, insofern das Ich bei der Selbstverwirklichung zwischen den Ansprüchen des Es, des Überich und des Sozialaußen vermittelt. Das optimale Ziel der Kompromissbildung ist die Findung eines stabilen, d.h. konfliktfähigen Selbst: eines Selbst, das menschliches Handeln in einem konflikthaftend Leben lebensentfaltend (konfliktauflösend und konfliktminimierend) zu organisieren vermag. Diese Kompromissbildung des Selbst ist mitunter ein schwer zu lösendes Lebensproblem. Die Frage 'Wer bin ich' stellt sich oft manifest als Sinnkrise, wenn man nicht mehr sinnvoll sagen kann, warum man sich weiter abmühen soll, ob das, was man bisher glaubte, sinnvoll ist, wahr ist..., wenn man sich selbst zu einem unauslotbaren Abgrund wird.
Jacques Lacan und die Strukturale Psychoanalyse
Neopsychoanalyse und Interpersonelle Psychoanalyse
Relationale und Intersubjektive Psychoanalyse
Methoden der therapeutischen Psychoanalyse
Freud, Breuer und Hypnose
Mit dem 14 Jahre älteren Wiener Familienarzt Josef Breuer wandte Freud in seiner 1886 eröffneten nervenärztlichen Praxis neben Elektrotherapie auch Hypnose an. Das war für ihn eine Brücke zum Unbewussten, die Verdrängtes und Vergessenes als Ursache für spätere Störungen zugänglich machten sollte. Breuer ruft Freud 1892 zu einem Fall, der unter dem Pseudonym Anna O. (Bertha Pappenheim) in die Annalen der Psychoanalyse eingehen sollte: Eine Patientin, die bis dahin einen völlig geschlechtslosen Eindruck auf die beiden Ärzte gemacht hatte, zeigte alle Symptome eines (hysterischen) Geburtsvorgangs, worauf Breuer, erschreckt, fluchtartig das Haus verlässt. Freud unter dem Eindruck dieser Behandlung: "So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz allgemein als Störungen der Sexualfunktion zu erkennen und zwar die so genannten Aktualneurosen als direkten toxischen Ausdruck, die Psychoneurosen als psychischen Ausdruck dieser Störungen." ... (Freud, S. [1930] 1982, Bd. 9, 220).
Entwicklung der Psychoanalyse aus der Hypnose:
# Hypnose mit Zielsuggestionen (mit hypnotischem Auftrag)(1887 [1950], Briefe an Fließ, Brief Nr. 2. In Aus den Anfängen der Psychoanalyse
# Hypnose mit dem analytischen Ansatz: Das Wachrufen von Erinnerungen mit Katharsis (1889).
# Hypnose mit Einsicht durch Interpretation (1892).
# Freie Assoziation und Traumdeutung mit Einsicht durch Interpretation und Analyse von Übertragung und Widerstand (1912). (nach Frank & Frank, 1977, S. 63).
Die Hypnose als Behandlungsform wurde aber aus folgenden Gründen nach und nach aufgegeben:
- Nur ein Teil der Menschen ist hypnotisierbar.
- Heilungserfolge waren begrenzt.
- Traumatisierende Erfahrungen, die unter Hypnose zugänglich waren, konnten von den Patienten außerhalb der Hypnose nicht wiederbelebt werden.
Allgemeine Einleitung
Generell geht die Psychoanalyse davon aus, dass schwere, unverarbeitbare Erfahrungen in der Kindheit verdrängt werden müssen, weil die kindliche Persönlichkeit anderenfalls darunter zusammenbrechen würde. Kein Kind kann zum Beispiel längere Zeit ertragen, von Elternteilen nicht geliebt oder gar teilweise gehasst zu werden. Die Psychoanalyse verspricht sich Heilung von der Bewusstmachung des Verdrängten, oder wie Freud es ausdrückte: "Wo Es war, soll Ich werden." Verdrängte Erfahrungen sind einer Bearbeitung und Verarbeitung durch das Bewusstsein entzogen und können nicht in die Persönlichkeit integriert werden. Dies soll in der Analyse allmählich und unter gleichzeitigem persönlichen Wachstum und persönlichem Erstarken, unterstützt von der menschlichen Hilfe der Analytiker, nachgeholt werden. Teilweise muss Trauerarbeit nachgeholt werden, alte Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster müssen, nachdem sie als Teil der persönlichen Geschichte erkannt wurden, durch neue ersetzt oder ergänzt werden. Teilweise heilt die Psychoanalyse auch dadurch, dass in der Beziehung zum Analytiker neue, korrigierende Erfahrungen gemacht werden, zum Beispiel, in dem in der Analyse zum ersten Mal die Erfahrung einer konstanten, unverbrüchlichen und haltgebenden zwischenmenschlichen Beziehung gemacht wird. Oder an der Person des Analytikers wird erlebt, dass verselbständigende und Abgrenzungs-Tendenzen keine negativen Reaktionen nach sich ziehen. Oder, dass die Person des Psychoanalytikers jemanden darstellt, der mit erotischen Anteilen einer Beziehung umgehen kann usw.
Unverarbeitete Anteile einer Lebensgeschichte oder Defizite an Nähe und Wärme schränken die Persönlichkeit ein und/oder führen zu unangemessenen Verhaltensmustern. Oft kommt es auch zu dem so genannten Wiederholungszwang. Freud erkannte, dass wir manche für uns kritischen und unverarbeitbaren Situationen unbewusst immer wieder herstellen (inszenieren), in der gleichfalls unbewussten Hoffnung, dieses Problem doch noch zu lösen. So sucht sich eine Frau, die als Kind unter ihrem kalten, unnahbaren Vater gelitten hat, oft wieder unbewusst eine solchen Ehemann aus und wiederholt mit ihm die alten Kämpfe und Konflikte. Manchmal projiziert sie auch nur diese Merkmale auf ihren Mann und bringt ihn auf unterschwellige Weise dazu, sich so uneinfühlsam wie früher ihr Vater ihr gegenüber zu verhalten. Oft ergänzen sich solche Muster bei Paaren auch auf unheilvolle Weise und führen zu einer Dynamik, aus der die Paare alleine nicht mehr herausfinden.
Eine andere Möglichkeit, wie sich solche Erfahrungen niederschlagen können, sind zum Beispiel Depressionen. Im Verständnis der Psychoanalyse sind Depressionen das Ergebnis von Beziehungsverlusten oder Beziehungsabbrüchen in der Kindheit, die aber nicht in der Schwere des Verlusts gefühlt und betrauert werden konnten, d. h. mit anderen Worten partiell geleugnet werden. Das kann zum Beispiel bei der Geburt eines jüngeren Geschwisters passiert sein, wenn sich die Eltern teilweise oder ganz von dem älteren Kind abwendeten, und niemand Augen für dessen Trauer und Wut hatte und ihm durch Verständnis und Zuwendung half, diese Situation zu verarbeiten. Manchmal können solche Depressionen auch erst aufbrechen, nachdem in der gegenwärtigen Lebenssituation ein Verlust durchzumachen war, bei dem unbewusst wieder die 'alte Wunde' aufbrach.
Das Setting
Die sog. klassische Psychoanalyse findet im Liegen statt, wobei der Analytiker außerhalb des Blickfeldes seines Analysanden saß. (Bei anderen Formen, z.B. der Fokaltherapie, sitzen sich beide gegenüber.) Der Grundgedanke der Psychoanalyse ist, dass der Analytiker als Persönlichkeit möglichst im Hintergrund bleibt, quasi eine weiße Wand, auf die der Patient alle seine frühen Beziehungspersonen, wie Vater, Mutter und Geschwister projizieren kann. Das macht der Patient in der Regel nicht absichtlich oder freiwillig, sondern unbewusst und automatisch. So erscheint der Analytiker zum Beispiel einmal unkonzentriert und wird dadurch zum Vater, der einem nie zugehört hat und sowieso kein Interesse an einem hatte. Die ursprüngliche Wut gegen den Vater richtet sich nun gegen den Analytiker(-Vater) und kann so vielleicht zum ersten Mal wirklich erlebt und gefühlt werden, weil die bedrohliche Aggressivität des tatsächlichen Vaters dies früher eventuell unmöglich gemacht hat. Ein anderes Beispiel wäre, dass dadurch, dass der Analytiker auf pünktlichem Stundenende besteht, er als versagende Mutter erlebt wird. Oder der Patient erlebt stürmische Verliebtheit in seinen Analytiker, was eine ödipale Situation wiederbelebt usw. Diesen Vorgang der Verschiebung auf den Analytiker nennt die Psychoanalyse Übertragung.
Die Übertragung
Den Vorgang des Hineinlegens früher Beziehungspartner und früher Beziehungserfahrungen in den Analytiker nannte Freud die Übertragung. Diese Übertragung ist zentraler Baustein einer jeden Analyse und wichtiger Bestandteil der Beziehung zwischen Analytiker und Analysand. Ein Beispiel: es können möglicherweise bei einem Analysanden frühe Erfahrungen der Geschwisterrivalität wiedererweckt werden durch einen weiteren Patienten, dem er im Wartezimmer begegnet oder der angesichts eines bevorstehenden Stundenendes gar ungeduldig an die Tür des Behandlungszimmers klopft und so die Stunde des Analysanden stört. Der Mitpatient wird dann vielleicht als verdrängendes Geschwister und der Analytiker als treuloser Beziehungspartner erlebt. Das kann sich zum Beispiel in heftigen Angriffen gegen den Analytiker äußern, der solchem Verhalten von Seiten des Mitpatienten nicht in ausreichendem Maße einen Riegel vorschiebe usw. Solche und generell Alltagssituationen, die in den Stunden besprochen werden, erlauben es oft, frühe Erfahrungen in Zusammenarbeit mit dem Analytiker wiederzubeleben und neu zu verarbeiten.
Man unterscheidet positive und negative Übertragung. Bei der positiven Übertragung werden positive Anteile früherer Beziehungen auf den Analytiker projiziert, bei der negativen Übertragung negative Anteile.
Die Gefühle und Vorstellungen, die der Analytiker wiederum als Reaktion auf das Verhalten der Patienten bekommt, nennt man die Gegenübertragung des Analytikers. In unserem Beispiel kann sich unser Analytiker vielleicht einen Moment lang völlig unzulänglich, nachlässig und treulos fühlen, so wie der Patient früher seine Eltern erlebt hat. Der Analytiker sollte in seiner eigenen Analyse bzw. Lehranalyse gelernt haben, eigene Gefühle und Vorstellungen von durch Patienten erzeugten Gefühlen und Vorstellungen zu unterscheiden, um angemessen damit umgehen zu können, statt mit dem Patienten unbewusst mitzuagieren.
Wenn der Patient im Analytiker aktuell vor allem Züge von sich selbst sieht, spricht man von einer Spiegelübertragung.
Von komplementärer Gegenübertragung spricht man, wenn der Analytiker sich in der Rolle des früheren Beziehungspartners des Analysanden wahrnimmt, zum Beispiel in der Vater- oder Mutterrolle.
Von konkordanter Gegenübertragung oder Spiegelgegenübertragung spricht man, wenn in einer Therapiesituation sich der Therapeut mit der Rolle und dem Erleben des Patienten identifiziert, sich in diesen hineinversetzt und das Erleben des Patienten nachempfindet.
Das freie Assoziieren
Die psychoanalytische Grundregel und das freie Assoziieren:
Freud hat eine so genannte Grundregel aufgestellt, die dem Patienten zu Beginn der Behandlung mitgeteilt werden soll, nämlich, dass er alles, was ihm in den Stunden einfällt, mitteilen soll, auch wenn er es für bedeutungslos hält oder sich seiner Gedanken schämt. Er solle seine Gedanken nicht hemmen, sondern ihnen freien Lauf in jedwede Richtung lassen, was Freud das freie Assoziieren nannte. Freud nahm an, dass sich in dieser Form verkleidetes, unbewusstes Material äußere, und man es so für die Behandlung nutzbar machen könne. Da unbewusste Inhalte zunächst einmal als bedrohlich, peinlich oder schmerzhaft empfunden werden, setzt das Unbewusste des Patienten dem Aufdecken dieser Inhalte einen Widerstand entgegen, ein weiterer wichtiger Begriff in der Psychoanalyse. Der Therapeut geht zu Beginn der Behandlung mit dem Patienten ein so genanntes Arbeitsbündnis ein, d.h. der Patient stellt seinen Wunsch zur Gesundung, seine gesunden Persönlichkeitsanteile und seine Kooperationsbereitschaft mit dem Analytiker in den Dienst der gemeinsamen Aufgabe. Überspitzt gesagt, wird das Verdrängte von Patient und Therapeut als "unbekannte Landschaft" angesehen, die man mit vereinten Kräften gemeinsam entdeckt. Gerade die gemeinsame Beziehung wird aber durch unbewusste Konflikte immer wieder gefährdet, deshalb ist die Allianz zwischen Patient und Therapeut immer nur teilweise verlässlich und gleichzeitig ist diese Beziehung der Punkt, wo die Werkzeuge der Psychoanalyse wirksam angesetzt werden können, und wo exemplarisch die ursprünglichen Konflikte aufgearbeitet werden können.
Das Übertragen alter Konflikte auf die therapeutische Beziehung nennt man, bezogen auf einzelne Störungen, auch die Übertragungsneurosen, d.h. die Lebensneurosen werden in der Behandlung zu Übertragungsneurosen. So können sich manchmal schon durch diesen Prozess Alltagsbefindlichkeiten verbessern, weil der Druck der Störung aus dem Alltag etwas herausgehalten werden kann und stattdessen seinen Raum in der Beziehung zum Therapeuten findet. Das Problem ist mit diesem ersten Schritt aber keinesfalls schon gelöst.
Bedeutung
Die Psychoanalyse als Therapie und klinische Theorie spielt an Universitäten hauptsächlich im Bereich der Psychosomatischen Medizin, auch noch der Psychiatrie und in geringem Ausmaß der Klinischen Psychologie eine Rolle. Rezipiert wird sie als Theorie und Methodik noch von Literaturwissenschaft, Soziologie, Philosophie, Pädagogik, Film- und Theaterwissenschaften, Kultur- und Sozialwissenschaften. Aus den interdisziplinären Verbindungen, die sie im Laufe ihrer Geschichte eingegangen ist, sind eine Reihe von fruchtbaren Kooperationen entstanden. So z.B. die Psychoanalytische Pädagogik, die Ethnopsychoanalyse, die Neuropsychoanalyse, die Psychohistorie und die Psychogeographie.
Einige ihrer Termini wie z.B. Verdrängung, Fehlleistung, Unbewusstes, Trauma sind in die Alltagssprache eingegangen, werden aber nur selten in der korrekten Definition des Worts verwendet.
Als Psychotherapiemethode nimmt die Psychoanalyse in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung neben anderen Therapiemethoden eine wichtige Stellung ein. In einigen Ländern wie z.B. der Bundesrepublik Deutschland wird ein begrenztes Kontingent von der Krankenkasse finanziert, während in anderen Ländern wie z.B. Österreich Psychotherapie privat finanziert werden muss. Da unter psychoanalytischer Therapie häufig fälschlicherweise noch immer einzig und allein die hochfrequente und langandauernde Therapie im Couchsetting verstanden wird, muss der Vollständigkeit halber hier erwähnt werden, dass solche klassischen Psychoanalysen nur einen geringen Prozentsatz aller durchgeführten psychoanalytischen Therapien ausmachen und in den meisten Fällen in einem niederfrequenten Setting mittlerer Dauer oder mit einer psychoanalytischen Kurzzeittherapie gearbeitet wird.
Außerdem haben sich die Beratungsformen der Supervision aus der lehranalytischen Praxis entwickelt. Ruth Cohn übertrug die analytische Arbeit auf Gruppen und entwickelte die Themenzentrierte Interaktion. Abgesehen davon hat die psychoanalytische Theorie und Therapie einen Einfluss auf die Entwicklung vieler weiterer Psychotherapiemethoden ausgeübt. Darunter die Transaktionsanalyse, die Katathym-imaginative Therapie und die Existenzanalyse. Darüberhinaus hatten Psychoanalytiker als Lehrmeister auch einen Einfluss auf Begründer von Psychotherapiemethoden, die sich stärker von der Psychoanalyse abgrenzen als die eben genannten. So wurde z.B. Carl Rogers, der Begründer der Klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie,stark vom Psychoanalytiker Otto Rank beeinflusst, und einige Methoden, die heute in der Verhaltenstherapie zum Standardrepertoire gehören, wurden erstmals bereits von Psychoanalytikern der ersten Generation empfohlen. So hat Sigmund Freud (1919a) die Konfrontation mit dem phobischen Objekt für Angstpatienten unumgänglich gehalten und Wilhelm Stekel mit der Technik der Reizüberflutung experimentiert.
Film und Psychoanalyse
Freud als Begründer der Psychoanalyse lehnte es selbst ab, an der Produktion eines Filmes über dieses Thema teilzunehmen. Für ihn war das Medium Film minderwertig in dem Sinne, dass es nur eine Simulation darstellt. Dennoch ist gerade die Verbindung zwischen Traum und Film offensichtlich. Psychoanalytiker wie auch Filmtheoretiker weisen darauf hin, dass es große Ähnlichkeiten zwischen dem Traumzustand und dem Zustand des Film-Schauens gibt. Diese manifestieren sich vor allem durch
- die Flüchtigkeit der Bilder
- den Dämmerzustand sowohl des Schlafens als auch im Kinosaal
- die assoziativen Verknüpfungen der Bilder bzw. Szenen
- die Rolle des Träumenden/Schauenden als Beobachter, der nicht eingreifen kann
Wenn man die Methoden der Psychoanalyse auf den Film anwenden will, so wird der Film gewissermaßen zum Klienten bzw. Patienten; es gilt also, die verschiedenen Ebenen der Bilder, die der Film zeigt, zu durchdringen. Dabei ist es wichtig, nicht den Drehbuchschreiber oder den Regisseur als zu analysierendes Objekt zu sehen, da man nicht davon ausgehen kann, dass die Filmbilder auch dessen Traumbildern entsprechen - egal, wie autobiographisch der Film ist. Vielmehr soll es darum gehen, die Wirkungsweise des Films auf den Zuschauer zu analysieren, die verwendeten Mittel wie Licht, Musik, Bewegung, Großaufnahmen etc. daraufhin zu untersuchen, was sie beim Publikum auslösen und inwiefern sie die Freudschen Urfantasien erfüllen. Dabei spielen Vorgänge wie Identifikation und das unbewusste Verarbeiten ödipaler oder narzisstischer Strukturen eine große Rolle. Vor allem Linda Williams geht davon aus, dass Filme nur dann erfolgreich sind, wenn sie die Urfantasien ansprechen, da der Zuschauer dadurch den Film tatsächlich miterlebt und unbewusst auf sich selbst beziehen kann. Maßgeblich ist bei der psychoanalytischen Filmtheorie, dass scheinbar unwichtige oder nebensächliche Details eine weitaus größere Wirkung auf die Psyche des Zuschauers haben, als dieser bewusst erfassen kann. Wichtige Vertreter dieser Filmtheorie sind Mechthild Zeul, Christian Metz, Teresa de Lauretis und Mary Ann Douane. Gemeinhin stützt sich die psychoanalytische Filmtheorie auf die Theorien von Jacques Lacan, etwas seinem Spiegelstadium, da auch in diesem Gebiet Freud mittlerweile z.T. als überholt gilt.
Kritik
Die Psychoanalyse begegnete von Anfang an zahlreicher Kritik. Karl Kraus hielt sie für nutzlos und bezeichnete sie als die Krankheit, für deren Heilung sie sich halte. Die Kirchen hingegen warfen ihr vor allem die Rechtfertigung von Unzucht und Pansexualismus vor. Auch die Nationalsozialisten vertraten diese Ansicht und führten gegen die psychoanalytischen Grundannahmen den Begriff des „Adel der Seele“ ins Feld. Weil seine Bücher diesen angeblich in den Schmutz zögen, wurden Freuds Bücher am 10. Mai 1933 von nationalsozialistischen Studenten öffentlich verbrannt.
Kritiker aus der Wissenschaft werfen der Psychoanalyse vor, ein empirischer Nachweis der Grundannahmen Freuds sei nie erfolgt: Weder für die Existenz des Ödipuskomplexes noch des Penisneids gebe es zufriedenstellende Belege, ebensowenig für die Sinnhaftigkeit von Äußerungen des Unbewussten (freudsche Fehlleistung, Traumdeutung, Neurose), für die Lehre von der psychischen Energie oder für die Existenz der drei psychischen Instanzen, auf denen die Psychoanalyse beruht. Freuds Theoriebildung basiere kaum oder gar nicht auf quantitativer und experimenteller Forschung, sondern auf intuitiv, impressionistisch oder induzierend aus den einzelnen Erfahrungen, die er mit seinen (nach Empirie-Maßstäben vergleichsweise wenigen) Patienten in seiner Praxis gemacht hätte. Eine Zusammenfassung der Argumente der empiristischen Kritiker wurden 1986 polemisch in Tiefenschwindel - Die endlose und die beendbare Psychoanalyse des Literaturwissenschaftlers Dieter E. Zimmer zur Sprache gebracht, das jedoch als überspitzt kritisiert wurde. Behavioristische Wissenschaftler wie Hans Eysenck gehen dagegen weniger von der Nichtexistenz sämtlicher mentaler Prozesse als von deren Unerkennbarkeit aus und werfen der Psychoanalyse vor, sie behindere mit ihren zum Teil mehrjährigen Langzeittherapien eher die Spontanheilung psychischer Erkrankungen, als dass sie dabei helfe (Eysenck 1952). Später revidierte Eysenck diese Ansicht mit dem Hinweis, dass der Nachweis seinerzeit noch nicht erbracht worden sei (1993).
Auf erkenntnistheoretischer Ebene wurde die Psychoanalyse von dem Wissenschaftstheoretiker Karl Raimund Popper kritisiert, der den kritischen Rationalismus begründete und darin den heute im akademischen Feld stark favorisierten Standpunkt vertrat, ein entscheidendes Kriterium für Wissenschaftlichkeit sei die prinzipielle Falsifizierbarkeit. Er warf der Psychoanalyse vor, sie sei als Ganzes unwissenschaftlich, da bei den psychoanalytischen Deutungshandlungen eine solche prinzipielle Falsifizierbarkeit nicht gegeben sei: Wenn Freud z. B. erklärt, dass der Traum einer jungverheirateten Frau von einem halbleeren Theater den latenten Wunsch zum Inhalt habe, sie hätte besser nicht so früh (und wohl auch nicht denjenigen) geheiratet, dann gebe es keine Möglichkeit mehr, sich gegen diese Deutung zu wehren – hätte die junge Frau widersprochen, wäre ihr das als Widerstand und somit als Indiz dafür ausgelegt worden, dass die Deutung stark libidinös besetzt sei und daher erst recht richtig sein müsse. Es bestehen also keine Möglichkeiten, unter denen Freud hätte zugeben müssen, dass seine vorgeschlagene Deutung falsch sei. Mit dieser Begründung wird der Psychoanalyse vorgeworfen, eine sich selbst abdichtende Weltanschauung oder eine Pseudowissenschaft
Sigmund Freud
Sigmund Freud (ursprünglich Sigismund Schlomo Freud) ( - 6. Mai 1856 in Freiberg (Mähren); † 23. September 1939 in London) war ein österreichischer Neurologe und Tiefenpsychologe, der als Begründer der Psychoanalyse und als Religionskritiker Bekanntheit erlangte. Obwohl seine Theorien heute umstritten sind und die Methode der Psychoanalyse in den meisten Fällen als ineffektiv oder zumindest ineffizient im Vergleich zu anderen Therapiemethoden betrachtet wird, gilt Freud nach wie vor als einflussreicher Denker des letzten Jahrhunderts.
Leben
Kindheit und Jugend
Freud wird am 06.05.1856 als Sohn jüdischer Eltern in Freiberg (Mähren) geboren, wohin die Familie im 14./15. Jahrhundert aus Köln infolge von Judenverfolgungen gekommen war. Obwohl Freud später Atheist wurde, hat er stets die Bedeutung seines Judentums für sich betont.
Sein Vater Kallamon Jacob Freud (1815 - 1896), ein verarmter Wollhändler, war bei Sigmunds Geburt schon fast vierzig und zum dritten Mal verheiratet. Freud hatte zwei ältere Halbbrüder aus den früheren Ehen seines Vaters, sowie sieben jüngere leibliche Geschwister. 1859 zog die Familie über Leipzig nach Wien. Dort wurde Freud 1865 ins Leopoldstädter Communal-Realgymnasium aufgenommen, wo er 1873 die Matura mit Auszeichnung bestand.
Nach anfänglichen Plänen, Jura zu studieren, immatrikulierte er sich 1873 an der medizinischen Fakultät der Universität Wien. 1876 befasste er sich während eines Forschungsstipendiums an der Zoologischen Versuchsstation in Triest u.a. mit Aalhoden. Im selben Jahr wechselte er in Wien an das Physiologische Institut unter Ernst Wilhelm Brücke. Am 30.03.1881 promovierte Freud dort mit dem Thema "Über das Rückenmark niederer Fischarten" zum Doktor der Medizin...
Wirken als Arzt
1882 trat Freud eine Stelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus unter Theodor Meynert an, wo er bis 1885 blieb. 1884-87 befasste er sich mit Forschungen zum Kokain. Die Studie "Über Coca" erscheint nach Selbstexperimenten. Der Versuch, einen morphiumsüchtigen Freund mit Kokain zu heilen, misslingt.
Während einer Studienreise nach Paris 1885 besucht er u.a. die psychiatrische Klinik am Hôpital Salpêtrière, wo Jean-Martin Charcot wirkt, ein als "Napoleon der Hysteriker" bekannter Professor für Pathologische Anatomie. Des Weiteren lernt der junge Freud den Arzt Josef Breuer kennen. Der Fall "Anna O." (Bertha Pappenheim), führt zur gemeinsamen Erfindung der so genannten "Sprechtherapie", die praktisch eine Vorstufe der Psychoanalyse darstellt. Nach seiner Habilitation erhält er im September eine Dozentur für Neuropathologie an der Universität Wien.
Am 25.04.1886 lässt sich Freud als Arzt nieder und leitet die neurologische Abteilung im Ersten Öffentlichen Kinder-Krankeninstitut von Max Kassowitz bis 1897. Sein im Oktober 1886 gehaltener Vortrag "Über männliche Hysterie" stößt beim Publikum, der "Gesellschaft der Ärzte", auf Ablehnung.
1889 besucht Freud in Nancy Hippolyite Bernheim, der Versuche mit der so genannten posthypnotischen Suggestion (Hypnose) betreibt. Aus diesen Versuchen schließt Freud, dass es ein Unbewusstes geben müsse, welches verantwortlich für einen Großteil menschlicher Handlungen ist. In den folgenden Jahren entwickelt er seine Theorie noch weiter (vgl. Verführungstheorie).
Private Wege
1886 heiratet Freud Martha Bernays (1861-1951). Aus der Ehe werden die Kinder Mathilde (1887), Jean Martin (1889-1967), Oliver (1891-1969), Ernst (1892-1970), Sophie (1893-1920) und Anna (1895-1982) hervorgehen. 1891 zieht Freud innerhalb Wiens in die Berggasse 19 um, wo er die nächsten 47 Jahre verbringen wird.
Die Geburt der Psychoanalyse
In einem Brief an Wilhelm Fliess formuliert Freud 1897 nach selbstanalytischen Betrachtungen erstmals den "Ödipus-Komplex", also das Phänomen libidinöser Bindungen zur eigenen Mutter bei einem gleichzeitigen Rivalitätsverhältnis zum Vater.
Im November 1899 veröffentlicht Freud sein auf 1900 vordatiertes Werk „Die Traumdeutung“. Traditionell setzt man den Beginn der Psychoanalyse mit dem Publikationsjahr dieses Buches an.
1902 wird er zum außerordentlichen Professor ernannt und gründet die Psychologische Mittwochsvereinigung, die neben Ferenczi und anderen auch von Alfred Adler besucht. Ihren Namen hat sie von dem Wochentag, an dem regelmäßig neueste Forschungsergebnisse diskutiert werden und die neue Kunst der Deutung geübt wird.
1908 beruft er den Ersten internationalen psychoanalytischen Kongress nach Salzburg ein, es folgen weitere Kongresse 1910 in Nürnberg, 1911 in Weimar, 1913 in München, 1918 in Budapest und 1920 in Den Haag und Berlin. 1910 gründet Freud die "Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" (IPV), es folgen 1911 die "amerikanische psychoanalytische Vereinigung" sowie 1919 die "britische psychoanalytische Vereinigung".
1913 erscheint die Schrift Totem und Tabu, in der sich Freud mit dem kulturgeschichtlichen Phänomen des Inzestverbots auseinandersetzt.
Freud und Jung
1906 beginnt Freud einen Briefwechsel mit seinem Fachkollegen Carl Gustav Jung. Bei einem Treffen 1907 redet man 13 Stunden lang ohne eine einzige Unterbrechung. Jung wird von Freud als "Kronprinz" angesehen. 1909 reisen die beiden Psychoanalytiker mit Ferenczi in die USA. Freuds 1914 veröffentlichte Streitschrift "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung" führt gemeinsam mit vorangegangenen Differenzen zum Bruch mit C. G. Jung, der aus der von Freud gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung austritt.
Auf dem Höhepunkt des Schaffens
In den zwanziger Jahren erscheinen zahlreiche von Freuds zentralen Werken, die seinen internationalen Ruhm als Psychoanalytiker begründen. Zu nennen sind insbesondere
- "Jenseits des Lustprinzips" (1920), in dem es um die biologischen Grundlagen der Psychoanalyse geht und die Begriffe "Wiederholungszwang" und "Todestrieb" eingeführt werden.
- "Massenpsychologie und Ich-Analyse" aus dem Jahr 1921.
- "Das Ich und das Es" von 1923
- "Die Zukunft einer Illusion" von 1927, das Freuds kulturtheoretisch-religionspsychologischen Werke einleitet.
- Das Unbehagen in der Kultur von 1930
1930 verleiht die Stadt Frankfurt Freud gegen den Protest antisemitischer Kreise den Goethe-Preis, 1935 wird er Ehrenmitglied der British Royal Society of Medicine
Zu Freuds 80. Geburtstag hält Thomas Mann 1936 den Festvortrag "Freud und die Zukunft".
Schicksalsschläge
1920 stirbt Freuds Tochter Sophie in Hamburg an der Grippe. Zwei Jahre später erkrankt Freud selbst an Gaumenkrebs, der sich trotz zweier 1923 durchgeführter Operationen mit Entfernung von Teilen von Kiefer und Gaumen bis zu seinem Tod beständig verschlimmert. 1930 stirbt Freuds Mutter.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten fallen auch Freuds Werke der Bücherverbrennung vom Mai 1933 anheim. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich am 12.03.1938 und dem Verhör seiner Tochter Anna durch die Gestapo emigriert Freud am 4. Juni nach London, wo er ein Haus im Stadtteil Hampstead kauft (20 Maresfield Gardens).
Am 23.09.1939 um 3 Uhr morgens stellt Dr. Schur, Freuds Hausarzt, nach einer Morphiuminjektion von zwei mal zwei Zentigramm Freuds Tod fest.
Erbe
Freuds Arbeit wurde von seiner Tochter, der Volksschullehrerin und Kinderanalytikerin Anna Freud, weitergeführt. Er gilt als Stammvater der modernen Psychoanalyse und hat Einfluss auf nahezu alle Vertreter dieses Fachs ausgeübt.
Ein Sigmund Freud Museum wurde 1971 in Freuds alter Wohnung in der Berggasse 19 in Wien eröffnet. Im Londoner Freud-Museum, welches nach dem Tod von seiner Tochter Anna eröffnet wurde, befindet sich die Mehrzahl von Freuds Büchern, Sammlungsstücken und Möbeln (einschließlich der berühmten Couch). 1964 wurde in Frankfurt ein Sigmund-Freud-Institut errichtet.
Auch wurde in den 90ern Jahren der 1874 errichtete Feldhof in Graz in "Landesnervenklinik Sigmund Freud" umbenannt, dabei handelt es sich um eine Einrichtung für Menschen mit psychischen, neurologischen und psychosomatischen Erkrankungen.
Werk
Freud erforschte zunächst die Hypnose und deren Wirkung, um psychisch kranken Personen zu helfen.
Später wandte er sich von dieser Technik ab und entwickelte eine Behandlungsform, die u.a. auf freien Assoziationen und Traumdeutung beruhte, um die seelische Struktur des Menschen zu verstehen und zu behandeln (Psychoanalyse). Nach ihm ist der „freudsche Versprecher“ als offensichtlichstes Beispiel einer Fehlleistung benannt.
Fehlleistung
Um zu erklären, wie die menschliche Psyche funktioniert, entwickelte Freud eine damals ungewöhnliche Technik, bei der er seine Patienten und deren freie Assoziationen analysierte und hermeneutisch (textauslegend) deutete. Aus diesen Beobachtungen und Deutungen entwickelte er seine Idee der dreiteiligen psychischen Struktur. Seinem Vorschlag zufolge setzt sich die Struktur der Psyche eines Menschen aus drei Teilen (Instanzen) zusammen, dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Er vertrat die Ansicht, dass ca. 89-90 % der menschlichen Entscheidungen unbewusst motiviert sind und nur ein geringer Teil „sichtbar“ ist.
Sein "Drei-Instanzen-Modell" der Psyche entwickelte Freud in zwei Schritten. So veröffentlichte er im Laufe seiner Forschungen verschiedene topische Modelle über die Struktur und die Dynamik des psychischen Apparates.
Ich, Es und Über-Ich
In der ersten Topik unterschied er das "Bewusste" vom größeren und einflussreicheren "Unbewussten" und legte dar, wie das Unbewusste das Bewusstsein beeinflusst. In der zweiten Topik, die er vor allem in seiner Schrift Das Ich und das Es (1923) entwickelte, beschrieb Freud erstmals seine Theorie über das Es, das Ich und das Über-Ich.
- Dabei tritt das Es an die Stelle des Unbewussten. Es bildet das triebhafte Element der Psyche und kennt weder Negation, noch Zeit oder Widerspruch. Das Es ist von Anfang an vorhanden, es ist angeboren. Außerdem ist es dem Bewusstsein nicht möglich, darauf zuzugreifen. Damit bezeichnet Freud also jene psychische Struktur, in der die Triebe (z.B. Essen, Sexualtrieb), Bedürfnisse (z.B. Geltungsbedürfnis, Angenommenseinsbedürfnis) und Affekte (Neid, Hass, Vertrauen, Liebe) gründen. Die Triebe, Bedürfnisse und Affekte sind auch Muster (psychische „Organe“), mittels denen wir weitgehend unwillentlich bzw. unbewusst wahrnehmen und unser Handeln leiten.
- Das Ich: Randgebiet des "Es"; bezeichnet jene psychische Strukturinstanz, die mittels des selbstkritischen Denkens und mittels kritisch-rational gesicherter Normen, Werte und Weltbild-Elementen realitätsgerecht vermittelt "zwischen den Ansprüchen des Es, des Überich und der sozialen Umwelt mit dem Ziel, psychische und soziale Konflikte konstruktiv aufzulösen (= zum Verschwinden zu bringen)." (Rupert Lay, Vom Sinn des Lebens, 212)
- Denken, Erinnern, Fühlen, Ausführen von Willkürbewegungen;
- Vermittler zwischen impulsiven Wünschen des ES und dem Über-Ich;
- sucht nach rationalen Lösungen
- ist zum größten Teil bewusst
- Das Über-Ich bezeichnet jene psychische Struktur, in der die aus der erzieherischen Umwelt verinnerlichten Handlungsnormen, Ichideale, Rollen und Weltbilder gründen.
- "Gewissen"
- moralische Instanz, Wertvorstellungen
- Gebote und Verbote der Eltern dienen als Vorbild
- Vorstellungen von Gut und Böse
- der Gegenpart zum Es
Das Ich und das Über-Ich entstehen aus dem Es. Die verdrängenden Vorstellungen werden dem Über-Ich zugeschrieben. Es ist ein Teil des Ich und beurteilt die Gedanken, Gefühle und Handlungen des Ich. Das Über-Ich entsteht nach Freud mit der Auflösung des Ödipus-Komplexes (ca. im 5. Lebensjahr). Nach Freud entsteht ein Großteil der Motivation menschlichen Verhaltens aus dem unbewussten Konflikt zwischen den triebhaften Impulsen des Es und dem strengen bewertenden Über-Ich (vgl. die Konzepte zur Abwehr & Sublimierung). Nach Freud unterliegt auch die Gesellschaft einer solchen Triebdynamik.
Entwicklungsmodell der Psyche
Nach den ersten Lebensmonaten erfährt ein Neugeborenes immer deutlicher, dass es von Dingen und anderen Menschen unterschieden ist. Es entwickelt ein erstes Bewusstsein von den eigenen Körpergrenzen und Selbstgefühlen. "In den folgenden vier Lebensjahren lernt ein Kind (vorsprachlich und deshalb auch unbewusst) die Fragen zu beantworten: 'Wer bin ich?' - 'Was kann ich?' und somit sein Selbstbewusstsein auch inhaltlich zu füllen." (Rupert Lay, Ethik für Wirtschaft und Politik, 68) Um das Es herum wird also eine Zone aufgebaut, die man als frühes Ich bezeichnen kann. Das frühe Ich, das sich wie eine Hülle um das Es legt, wird somit von den frühen Körperrepräsentanzen und den frühen Selbstrepräsentanzen gebildet. Die frühen Körperrepräsentanzen sind die kindlich grundgelegten Bewusstseins- und Gefühlsinhalte über Körperbereiche. Zu den frühen Selbstrepräsentanzen zählen die kindlich grundgelegten Bewusstseins- und Gefühlsinhalte bezüglich der eigenen Person. Sie bestimmen den Sozialcharakter und all unsere später erworbenen Selbstvorstellungen (wer wir sind, was wir fürchten und erhoffen, was wir uns zutrauen...) auf unterschiedliche Weise mit.
Gesellschaftliche Wertung und Kritik
Es ist Sigmund Freuds großer Verdienst, die Erkenntnis von unbewussten und inneren Kräften für die Entstehung von psychischen Fehlentwicklungen ausgewertet zu haben. Die Psychoanalyse wird von ihren Anhängern gerne als eine umfassende Theorie betrachtet, die das komplexe menschliche Erleben und Verhalten erschöpfend beschreiben und erklären kann.
Die Freudschen Theorien sind nichtsdestoweniger auch einigen Kritikpunkten ausgesetzt. Vorausgeschickt werden sollte hierbei aber, dass die Psychoanalyse in ihrer modernen Form in vielfältige Richtungen weiterentwickelt wurde und nicht mehr in allen Punkten mit den Freudschen Auffassungen übereinstimmt. Zu erwähnen sind die in den USA vorherrschende Ich-Psychologie, die durch Melanie Klein v.a. in Großbritannien verbreitete Objektbeziehungstheorie und die Selbstpsychologie von Heinz Kohut.
So wurde z.B. die Existenz eines Todestriebs nicht nur von Wissenschaftlern anderer Fachgebiete, sondern auch von den meisten Psychoanalytikern angezweifelt, anderseits von dem Soziologen Franz Borkenau zum Ausgangspunkt einer Theorie der Dynamik der Kulturen ausgebaut. Auch die klassische Triebtheorie, welche von einem Antagonismus zwischen Libido und Aggression ausging, wurde um zusätzliche menschliche Grundbedürfnisse, wie z.B. Bindung, Individuation und Exploration erweitert. Der Pansexualismusvorwurf, welcher in nuce besagt, die Psychoanalyse führe alles auf Sexualität zurück, übersieht zum einen, dass Freud einen sehr viel umfassenderen Begriff von "Sexualität" als wir heute hatte, und zum anderen, dass die Sexualtheorie in der modernen Psychoanalyse nur eine Randstellung innehat.
- Sigmund Freuds Menschenbild zeigt pessimistische Züge, das davon ausgeht, dass aufgrund der menschlichen Triebgebundenheit eine Verbesserung der sozialen und kulturellen Zustände nur sehr schwer möglich ist.
- Persönlichkeitseigenschaften wie Abhängigkeit und Unterwürfigkeit sind typisch 'weibliche' Eigenschaften, die auf die Penislosigkeit, und der damit verbundenen Minderwertigkeit der Frauen, zurückzuführen ist.
- Für viele Wissenschaftler sind die Aussagen Freuds zu wenig wissenschaftlich fundiert, d.h. empirisch nicht ausreichend belegt.
- Eine grundsätzlichere Kritik der Psychoanalyse besagt, dass sie nicht in hinreichendem Maße wissenschaftlich formuliert sei, um überhaupt empirisch überprüfbar zu sein.
Freuds Werk zeigt deutliche Prägungen seiner Kindheits- und Jugendzeit im bürgerlichen Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts und seiner humanistischen Bildung. So benennt er viele innerpsychische Komplexe nach Vorbildern der griechischen Mythologie. Manche seiner Beschreibungen über den Zwiespalt zwischen den triebhaften und als bedrohlich erlebten Impulsen des Es auf der einen und den harten moralischen Vorgaben des Über-Ich auf der anderen Seite, werden aus heutiger Sicht als Ausdruck des damals vorherrschenden gesellschaftlichen Anspruchs verstanden.
Seine Theorien und später auch seine Behandlungsmethoden erregten im Laufe der Zeit zunehmend Aufsehen, so dass er im Laufe der Zeit auch andere Ärzte in seiner Psychoanalyse ausbildete. Unter ihnen war auch C.G. Jung, der sich später von seinem Lehrer abwandte und mit der analytischen Psychologie eine veränderte Form der Psychoanalyse entwickelte.
Kritik erntete S. Freud für seine Aussagen zum Thema sexuellen Missbrauchs, auf das er in seinen Analysen immer wieder durch Erinnerungen, Träume und andere Hinweise seiner Patientinnen gestoßen war. Als er diese Erkenntnisse veröffentlichte, erhielt er heftige Gegenreaktionen von vielen akademischen und gesellschaftlichen Institutionen und Personen. Er ordnete die Aussagen seiner Patientinnen in späteren Veröffentlichungen als 'ödipal gefärbte Wunschphantasien' ein. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis sich die Einsicht durchsetzen konnte, dass Freuds erste Einschätzung des Themas die richtigere war.
Eine der meist bezweifelten Theorien Freuds ist die vom so genannten "Penisneid": Dieser stehe in der psychischen Entwicklung von Mädchen symmetrisch der Kastrationsangst der Jungen gegenüber. In Freuds Analysen ergab sich ihm, dass psychisch fehlgeleitete Handlungen von Frauen oft auf die mangelhafte psychische Verarbeitung der Beobachtung zurück gingen, dass ihnen der Penis eines Jungen unerreichbar fehle, woraus ein Gefühl des Neides resultiere. (Dabei verkannte die Kritik nicht selten, dass "Neid" etwas ganz Anderes als "Habsucht" beschreibt.)
Obwohl Freuds Theorien und Behandlungsmethoden in späteren Jahrzehnten von anderen Ärzten und Psychotherapeuten immer wieder kritisiert worden sind, wird sein Beitrag zum Verständnis des menschlichen Erlebens und Verhaltens meistens als außergewöhnliche Leistung eingeordnet. Viele der von ihm geprägten Begriffe wie "das Unbewusste" oder der Ödipuskomplex sind im Laufe der Jahre in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen worden.
Bekannte Veröffentlichungen
- 1887 Studie "Über Coca"
- 1893 "Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene" zusammen mit Breuer.
- 1895 "Entwurf einer Psychologie" (Manuskript; gemeinsam mit Josef Breuer)
- 1895 "Studien über Hysterie".
- 1896 Aufsatz Zur Ätiologie der Hysterie (Erste Verwendung des Begriffes "Psychoanalyse")
- 1900 "Die Traumdeutung"
- 1901 "Zur Pathologie des Alltagslebens"
- 1904/05 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
- 1914 Streitschrift "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung"
- 1915 Essay "Zeitgemäßes über Krieg und Tod"
- 1916 "Trauer und Melancholie"
- 1920 "Jenseits des Lustprinzips"
- 1920 Falldarstellung "Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität". - 1921 "Massenpsychologie und Ich-Analyse"
- 1923 "Das Ich und das Es"
- 1925 "Selbstdarstellung"
- 1927 "Die Zukunft einer Illusion"
- 1930 Das Unbehagen in der Kultur
- 1933 "Warum Krieg?"
Freuds Patienten
Das Unbehagen in der Kultur
Dies ist eine unvollständige Liste von Patienten, deren Behandlungsverlauf von Freud veröffentlich wurde. Die richtigen Namen wurden durch die angegebenen Pseudonyme ersetzt.
- Cäcilie M. = Anna von Lieben
- Dora = Ida Bauer (1882-1945)
- Frau Emmy von N. = Fanny Moser
- Fräulein Elizabeth von R.
- Fräulein Katharina = Aurelia Kronich
- Fräulein Lucy R.
- Kleiner Hans = Herbert Graf (1903-1973)
- Rattenmann = Ernst Lanzer (1878-1914)
- Wolf Mann = Sergius Pankejeff (1887-1979)
Veröffentlichte psychoanalytische Beobachtungen an Leuten, die keine Patienten Freuds waren:
- Anna O. = Bertha Pappenheim (1859 - 1936)
- Daniel Paul Schreber (1842-1911)
Weitere Patienten:
- H.D. (1886-1961)
- Emma Eckstein
- Gustav Mahler (1860-1911)
Literatur
- Hans-Martin Lohmann: Sigmund Freud zur Einführung, Hamburg: Junius, 2002, 5. Aufl., ISBN 388506362X
- F.-W. Eickhoff: Sigmund Freud, Abriss der Psychoanalyse, ISBN 3596104343
- (kritisch) Dieter E. Zimmer: Tiefenschwindel, ISBN 3499187752
Siehe auch
Gustav Mahler
- Portal:Psychotherapie
- orale Phase, anale Phase, ödipale Phase, genitale Phase (unter Triebtheorie)
- Sigmund-Freud-Preis
- Wilhelm Fließ
- Viktor Frankl
- Wilhelm Reich
- Geschichte der Medizin
- Liste bedeutender Mediziner und Ärzte
- Pansexualismus
- Scham
- Sublimierung
- Überdeterminierung
Weblinks
-
- [http://www.mediathek.ac.at/wissenschaft_kunst/freud_sigmund.htm Hörprobe aus der österreichischen Mediathek: Sigmund Freud] einzige Tonaufnahme der Stimme Sigmund Freuds (London 1939)
- [http://www.freud-museum.at/ Wiener Sigmund Freud Museum]
- [http://www.freud.org.uk/ Freud Museum London]
- Andreas Weigel: Karl Kraus und Sigmund Freud. http://members.aon.at/andreas.weigel/Kraus01.htm
- [http://www.bruehlmeier.info/Freud.htm Die Psychoanalyse Sigmund Freuds, eine Einführung von Arthur Brühlmeier]
- [http://www.lsr-projekt.de/wrfreud.html Sigmund Freud contra Wilhelm Reich]
- [http://www.vsfi.at/ Virtuelles Sigmund Freud Institut]
-
- [http://www.sicetnon.org/modules.php?op=modload&name=PagEd&file=index&topic_id=52&page_id=280 detaillierte Studie zu Macht und Freiheit bei Freud und Marcuse]
- [http://people.freenet.de/oliverwalter/Psychotherapie/Psychoanalyse/psychoanalyse.htm#Kritik detaillierte Kritik an Freud und eine Zusammenfassung seiner Psychoanalyse]
Freud, Sigmund
Freud, Sigmund
Freud, Sigmund
Freud, Sigmund
Freud, Sigmund
Freud, Sigmund
Freud, Sigmund
Freud, Sigmund
ja:ジークムント・フロイト
ko:지그문트 프로이트
Psyche
Psyche (griechisch ψυχή bedeutet Seele, Hauch, Atem oder Schmetterling) bezeichnet das System, in dem Wahrnehmen und Denken gründen, also das, worin die affektiven und rationalen Motive des Verhaltens und Handelns gründen.
Psyche ist auch der Name einer 1947 von Alexander Mitscherlich gegründeten psychoanalytischen Zeitschrift.
Mythologie
Psyche ist in der griechischen Mythologie der Name jenes Seelenvogels mit Schmetterlingsflügeln, der als die Personifikation der menschlichen Seele gilt. Das Märchen Amor und Psyche des römischen Dichters Apuleius beschreibt ihre Liebesbeziehung mit Eros.
C. S. Lewis hat mit Till we have Faces eine moderne Interpretation dieser Geschichte gegeben.
Allgemein
Unter Psyche wird ein Wirklichkeitsphänomen bezeichnet, das Lebewesen zu bewusstseinsfähigen Lebewesen macht (nicht zu Lebewesen, wie in der Griechischen Philosophie gedacht). Auch Tiere haben eine Psyche: eine Affekt-, Gefühls- und Wahrnehmungswelt. Bei Menschen kommt in der Psyche eine Wirklichkeitsstufe vor, die Tiere nicht haben, und die der Grund dafür ist, dass man Menschen für ihre Taten verantwortlich macht und Tiere nicht.
In der Psyche als dem Grund unseres Wahrnehmens, Träumens und Denkens gibt es bewusst rationale als auch emotionale Inhalte als Motive von Handlungen. Vegetative Körperfunktionen (Atmung, Herzschlag, Verdauung), also somatische Teile unserer Person, stehen zwar im Zusammenhang mit der Psyche (Psychosomatik), aber theoretisch ist es sinnvoll, diese Peronen-Bereiche zu unterscheiden und somit begrifflich zu trennen. Instinktive Reflexe, Triebe und bestimmte Bedürfnisse gehören aber zur Psyche, die man ihren unbewussten Bereich zuschreibt, der jedoch mehr oder weniger bewusst gemacht werden und kontrolliert werden kann.
Rein sensorische Funktionen unseres Körpers, wie z. B. Informationswahrnehmung durch die Netzhaut des Auges, sind keine psychischen Prozesse; erst die Auswahl eines bestimmten Sehbereiches ist wieder ein psychischer Akt. Da Signale im Körper über das Nervensystem und über Hormone übertragen werden, ist ein intakter Körper Grundlage einer funktionierenden Psyche. Nach wissenschaftlicher Auffassung sind psychische Aktivitäten nach dem Tod nicht mehr möglich.
Der Begriff Psyche ist eng verwandt mit den Begriffen Seele oder Geist. Er fasst auch all das zusammen, womit sich die Psychologie und die Tiefenpsychologie beschäftigen. Mit den Krankheiten der Psyche und deren Heilung beschäftigen sich die Psychiatrie, die Psychotherapie und die Psychoanalyse. Das Eigenschaftswort psychisch ist mit den deutschen Worten seelisch und geistig fast gleichgesetzt und hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch gegenüber seelisch durchgesetzt. Der Begriff Seele wird oft im theologischen Sinne verwendet. Psychisch heißt hier das seelische Erleben und den seelischen Zustand betreffend. Im Gegensatz dazu stehen die Wörter physisch oder somatisch (körperlich). Beide Ausdrücke (seelisch und körperlich) vereint der Begriff psychosomatisch.
Seit Computer allgegenwärtig sind, wird die Psyche gerne mit dem Betriebssystem verglichen. Diese Vorstellung geht auf die im Zeitalter der Wissenschaft aufgekommene Frage, wie sich denn ein chemisch aufgebauter Mensch von einer physikalischen Maschine unterscheide, zurück. Die mechanistische Sichtweise, wie sie etwa von Thomas Hobbes vertreten wurde, degradierte den Menschen nach Ansicht mancher Wissenschaftler zum deterministischen Automaten. René Descartes versuchte, den Freien Willen des Menschen mit Hilfe eines dualistischen Zugangs sicherzustellen: Im Menschen wohne ein vom Körper separater Geist, der auch als "Geist in der Maschine" bezeichnet wird. Nach diesem Verständnis steuert dieser Geist (Seele, Psyche) den Körper und kann das Gehirn nach eigenem Willen gestalten. Die Psyche wird damit Sitz des menschlichen Willens und der menschlichen Verantwortung. Je nach Weltbild ist die Psyche völlig autonom (in vielen Religionen) oder von genetischen Grundlagen und der Umwelt geprägt. (siehe auch: Leib-Seele-Problem)
Freudianische Psychologie
Allen unseren Handlungen liegen Motive aus unserer Psyche zu Grunde. >Motive< bezeichnet Antriebsgründe und Beweggründe, die unseren Handlungen psychisch letztlich zugrunde liegen. >Psyche< bezeichnet das System, in dem Wahrnehmen und Denken gründen, also das, worin die affektiven und rationalen Motive unserer Handlungen gründen. >System< (Organismus) bezeichnet ein Gebilde, dessen wesentliche Elemente (Teile) so aufeinander bezogen sind, dass sie eine Einheit (ein Ganzes) abgeben. Systeme organisieren und erhalten sich durch Strukturen. >Struktur< bezeichnet das Muster (Form) der Systemelemente und ihrer Beziehungsgeflechte, durch die ein System funktioniert (entsteht und sich erhält). Die Motive unserer Handlungen können gemäß der freudianischen Theorie in drei prinzipiell unterscheidbaren Strukturen wurzeln: in Es, Überich und Ich.
>Es< bezeichnet jene psychische Struktur, in der die
- Triebe (z.B. Nahrungstrieb, Sexualtrieb),
- Bedürfnisse (z.B. Geltungsbedürfnis, Angenommenseinsbedürfnis)
- und Affekte (Neid, Hass, Vertrauen, Liebe) gründen.
Die Triebe, Bedürfnisse und Affekte sind auch psychische Muster (psychische „Organe“), mittels derer wir weitgehend unwillentlich bzw. unbewusst wahrnehmen und die das menschliche Handeln leiten.
>Überich< bezeichnet jene psychische Struktur, in der die aus der erzieherischen Umwelt verinnerlichten Handlungsnormen, Ichideale, Rollen und Weltbilder gründen.
>Ich< bezeichnet jene psychische Strukturinstanz, die mittels des selbstkritischen Denkens und mittels kritisch-rational gesicherter Normen, Werte und Weltbild-Elementen realitätsgerecht vermittelt "zwischen den Ansprüchen des Es, des Überich und der sozialen Umwelt mit dem Ziel, psychische und soziale Konflikte konstruktiv aufzulösen (= zum Verschwinden zu bringen)." (Rupert Lay, Vom Sinn des Lebens, 212)
Nach den ersten Lebensmonaten erfährt ein Neugeborenes immer deutlicher, dass es von Dingen und anderen Menschen unterschieden ist. Es entwickelt ein erstes Bewusstsein von den eigenen Körpergrenzen und Selbstgefühlen. "In den folgenden vier Lebensjahren lernt ein Kind (vorsprachlich und deshalb auch unbewusst) die Fragen zu beantworten: 'Wer bin ich?' - 'Was kann ich?' und somit sein Selbstbewusstsein auch inhaltlich zu füllen." (Rupert Lay, Ethik für Wirtschaft und Politik, 68) Um das Es herum wird also eine Zone aufgebaut, die man als >frühes Ich< bezeichnen kann. Das frühe Ich, das sich wie eine Hülle um das Es legt, wird som | | |