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Identität

Identität

Unter Identität (v. lat.: identitas = Wesenseinheit) versteht man entweder die Identität eines Lebewesens, insbesondere eines Menschen, oder einer Sache mit sich selbst. Oder aber der Begriff bezeichnet eine größtmögliche Übereinstimmung zweier unterscheidbarer Größen. Im ersten (sozial)psychologischen Sinne wird unter Identität häufig die Summe der Merkmale verstanden, anhand derer wir uns (sie sich) von anderen unterscheiden. Diese Identität erlaubt dann auch eine eindeutige Identifizierung im physiologischen Sinne. Im zweiten philosophisch-mathematischen Sinne meint Identität den gleichen Umfang arithmetischen oder sprachlicher Ausdrücke bzw. Begriffe.

Identität bei Lebewesen

Um zu berücksichtigen, dass bei Lebewesen eine Änderung von Merkmalen nicht notwendig eine Änderung der Identität bedeutet – der Kater "Eugen" bleibt beispielsweise "Eugen", auch nachdem ihm die Nachbarskatze ein Ohr abbeißt –, bietet sich folgende Definition der Identität an: Identität besitzt ein Lebewesen,
- a) wenn es von anderen Lebewesen seiner Gattung unterscheidbar ist, und
- b) wenn es auf eine Weise veränderlich ist, die diese Unterscheidung nicht unmöglich macht. (Veränderlichkeit gilt als Wesensmerkmal von Lebewesen.)

Identität bei Menschen

Die Identität eines Menschen besteht darin, dass - dieser Mensch von anderen Menschen unterscheidbar ist, und - dieser Mensch als derselbe/dieselbe identifizierbar bleibt, auch wenn er/sie sich verändert. Da Identität auf Unterscheidung beruht und "Unterscheidung" ein Verfahren ist, das ein Ganzes untergliedert ("scheidet"), kann etwas nur als Teil eines Ganzen "Identität" erlangen. Daher wird verständlich, weshalb Menschen ihre "Identität" als bestimmte Menschen in einem Wechselspiel von "Dazugehören" und "Abgrenzen" entwickeln.

Psychische Identität

Die psychische Identität stellt keine wie auch immer geartete eindeutige Essenz oder ein unveränderliches Wesen dar. Im Gegenteil: Identität als psychologisches Konzept geht geradezu davon aus, dass sich ein Mensch mit etwas "identifiziert", also ein äußeres Merkmal einer bestehenden Gruppenidentität als sein eigenes Wesensmerkmal annimmt. In gewisser Hinsicht erscheint dies als notwendiger Prozess zur Heranbildung einer eigenen Persönlichkeit, aber es bleibt stets ein Element der Fremdbestimmung und Zuschreibung. So hat vielleicht jemand, der gerne homosexuellen Sex praktiziert, keine Lust, sich identitär als "lesbisch" oder "schwul" zu bezeichnen, wird jedoch dennoch von seiner Umgebung in diese Identität gedrängt. Die psychische Identität wird einerseits durch Gruppenzugehörigkeiten und sozialen Rollen bestimmt: Das "Wir". Eine Identität kann jedoch nicht nur auf diesem "Wir" basieren. In unserer westlichen Gesellschaft besteht Identität auch in der Erfahrung der Einzigartigkeit, im "Ich", in dem eine Person sich als anders erlebt. Verlust der Identität
Für Menschen ist ein ungewollter Identitätsverlust psychisch ein großes Problem, denn sämtliche Gruppenzugehörigkeiten (Familie, Volk bzw. Nation, Kollegen und Freunde, Clique ...) sind damit verloren. Die Person identifiziert sich nicht mehr mit diesen Gruppen und wird so physisch und psychisch isoliert. Im Feminismus und anderen Strömungen wird der Ausbruch aus einer festgelegten Identität allerdings auch positiv bewertet: weibliche Identität wird nicht mehr als Ideal empfunden, sondern als fremdbestimmtes Set von Verhaltensmustern, Stereotypen und Erwartungen. Männlichkeit oder "nationale Identität" erscheinen ähnlich problematisch. Identität als Identifikation mit einer Gruppe ist eben oftmals auch eine Integration durch Zwang, der Ausbruch aus der identitären Festlegung ein Akt der Emanzipation. Ziel dieser Emanzipation ist nicht die Isolation, wohl aber die Sprengung von fremdbestimmten Identitäten - hier bewusst im Plural, denn ein Individuum verkörpert stets mehrere sich überschneidende Identitäten: als Mann, als Europäer, als Intellektueller... etc. Allgemein verliert ein Mensch dann ihre/seine Identität, wenn - sie/er sich so verändert, dass wesentliche Kriterien entfallen, anhand derer sie/er identifiziert wird, oder - wesentliche Instanzen, welche die Identifizierung vornehmen, entfallen oder wesentliche Kriterien der Identifizierung geändert werden.
Die wohl wichtigsten Identitäts-Werte sind
- 1) eine passende Arbeit und
- 2) eine harmonische Familie Zu 1) Ohne berufliche Anbindung kann jemand vielleicht ein Ehrenamt ausüben oder vorübergehend nur Freizeitwerte pflegen. In einer Zeit von immer mehr oft ungewollten Singles/Alleinstehenden, die ihre massgebliche Identität über ihren Beruf beziehen, wird hohe Arbeitslosigkeit zu einem besonderen Problem. Zu 2) Ohne familiäre Anbindung kann jemand vielleicht sich in eine Ersatzfamilie integrieren oder vorübergehend nur Single-Werte pflegen. In einer Zeit von immer mehr unfreiwillig Arbeitslosen, die ihre massgebliche Identität über ihre Familie beziehen, wird die Familienlosigkeit zu einem besonderen Problem. In beiden Fällen empfiehlt sich psychohygienisch /-therapeutisch dringend, trotzdem eine Identität stabilisieren. Denn das Loslassen, umbewerten von schwerem Geschehen (...ist zum besten") kann fordern, kumulierend aber auch überfordern. Dann kränkt eine (zu kleine) Identität ohne Beruf und Familie, die sich beispielsweise über die Mitgliedschaft in einem Verein oder allgemeine Werte wie Gesundheit definiert. Die Logotherapie geht davon aus, dass in jeder Lebenslage ein grösstmöglicher Sinn steckt, der sich am Gewissen ausrichtet und auch auf Verzicht oder Vorbild sein hinauslaufen kann. Vorbeugend ist allgemein wichtig, dass Menschen mehrere Werte im Leben haben und aufbauen, weil ein Wegfall immer vorkommen kann. Das Angewiesensein auf (eher) weltliche Identitätswerte ist in einem höheren Sinn vielleicht zu hinterfragen, ihr Wegfall dann sogar zu begrüssen. Glaube o.ä. allein ersetzt sie schwer. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu identifizieren, nennt man Identitätsbewusstsein. Der Identitätsbegriff nach Prof. Dr. Lothar Krappmann
Nach dem Verständnis des Soziologen Lothar Krappmann wird Identität über Sprache vermittelt. Er geht so weit mit seiner Definition, dass für ihn Identität erst durch die Kommunikation eines Individuums mit seinen Mitmenschen in jeder Situation neu entsteht. Dadurch ist Identität nichts Starres, sondern verändert sich immer wieder von Situation zu Situation. Treffen zwei Gesprächspartner aufeinander, so tauschen sie über Sprache, und mit Hilfe von Gestik / Mimik Absichten, Wünsche und Bedürfnisse aus. Dies geschieht über die von ihm bezeichnete „Umgangssprache“ (S. 13, Soziologische Dimension der Identität, 1993), die im Wesentlichen drei Funktionen im Interaktionsprozess erfüllen muss, um das Entstehen von Identität möglich zu machen. Zum einen muss diese Sprache in der Lage sein, die besonderen Erwartungen, die mehrere Interaktionspartner in einer speziellen Situation haben, dem Gegenüber zu übersetzen: :„[...] sie muss sich also insofern bewähren, als das sie den unausbleiblichen Informationsverlust bei der Darstellung individueller Erfahrungen in einem allgemeinen, da gemeinsamen Bedeutungssystem möglichst gering hält.“ ( S. 12, Soziologische Dimensionen der Identität, 1993) Zum anderen muss es möglich sein mit Hilfe dieser Umgangssprache Problemlösungen zu finden, sie muss also über einen differenzierten begrifflichen Apparat verfügen, der das möglich macht. Als drittes verbleibt die notwendige Funktion Überschussinformationen weitergeben zu können: :„[...] „Überschüssig“ ist die Information, insofern sie nicht nur die Erwiderung auf eine vorangegangene Aussage bietet, sondern der Sprechende mit verbalen oder außerverbalen Mitteln seine besondere Einstellung zum Inhalt der Mitteilung kennzeichnet. Erst durch diese nähere Qualifikation der Mitteilung wird die Bedeutung einer Aussage für den Interkommunikationszusammenhang sichtbar; denn nun übermittelt sie nicht nur durch den manifesten Inhalt eine dem Handlungszusammenhang selbst äußerliche „Regieanweisung“, sondern definiert implizit den Charakter der sozialen Beziehung mit in deren Rahmen sie steht (vgl. Watzlawick u. a. 1967)“ (S. 13, Soziologische Dimensionen der Identität, 1993). Erfüllt Sprache nun diese drei Funktionen, so entsteht in jeder Situation neu Identität in einem Interaktionsprozess. In diesem Prozess hat das Individuum die Aufgabe, einen Balanceakt zu vollführen, zwischen den normierten Erwartungen nach einer perfekten Identität als Tochter, Freund, Mutter, etc. und der Erkenntnis, dass man diesen Ansprüchen nicht genügen kann. Diese Erwartungen an das Individuum stellen die Erwartungen der Außenwelt an die soziale Identität dar. Erwartungen von außen an die persönliche Identität sind die Erwartungen, die eine individuelle, einzigartige Identität des Einzelnen erwarten, wobei beachtet werden muss, dass das Festhalten an Gemeinsamkeiten notwendig ist, um die Interaktion aufrecht zu erhalten. In beiden Fällen, durch die Unmöglichkeit den Erwartungen zu entsprechen, agieren die Kommunikationspartner auf einer „als – ob - Ebene“, sie geben vor diese Erwartungen zu erfüllen, ohne dem nachkommen zu können. Das Individuum versucht sich durch das Verknüpfen früherer, anderer Interaktionsbeteiligungen mit den Erwartungen der aktuellen Situation in seiner besonderen Individualität zu präsentieren in der es eigene Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche hat, und diese dem Gegenüber zu vermitteln. Allerdings muss die Person dabei aufpassen, in dem vom Kommunikationspartner gesteckten Rahmen der möglichen Präsentation seiner selbst zu bleiben, um in seiner persönlichen Besonderheit akzeptiert zu werden. Dafür werden dem Individuum Modelle und Rollen entsprechend den Erwartungen des Gesprächspartners über Sprache angeboten, denen es allerdings nicht vollkommen entsprechen kann. Geht man von einer gelungenen Identitätsbildung aus, so ordnet das Individuum die gemachten Erfahrungen mit diversen Gesprächspartnern zu einer möglichst konstanten Biographie, die ihm so beständigere Handlungsorientierungen schafft. Es entwickelt sich eine Identität, die sich von denen anderer Menschen unterscheidet. Die Ausbildung einer individuellen Identität ist folglich das Ergebnis vieler Interaktionsprozesse, die miteinander verknüpft wurden und so ein beständigeres Bild von Identität vermitteln, als die unabhängig nebeneinander stehenden einzelnen Ereignisse der Kommunikation. Dieses Selbstbild von Identität, dass der Mensch mit dieser Leistung erworben hat, versucht er nun in den auftretenden Interaktionssituationen aufrecht zu erhalten. Dem entsprechen nun die ihm eigenen Erwartungen und Bedürfnisse, die ja demnach auch aus der Kommunikation und den Vorstellungen der verschiedenen Interaktionspartner entstanden sind. Immer neu kombiniert das Individuum also die verarbeiteten vorangegangenen Kommunikationssituationen mit den in der momentanen Situation auftretenden Erwartungen und setzt sich zu dem Ganzen in Distanz. Der Identitätsbegriff nach Prof. Dr. Hans-Peter Frey und Dr. Karl Haußer
Hans-Peter Frey und Karl Haußer bezeichnen Identität als einen selbstreflexiven Prozess des Individuums. Ein Mensch stellt demnach Identität über sich her, indem er verschiedene Arten von Erfahrungen, so zum Beispiel innere, äußere, aktuelle sowie gespeicherte, über sich selber verarbeitet. „Identität entsteht aus situativer Erfahrung, welche übersituativ verarbeitet und generalisiert wird.“ ( S. 21, Identität, 1987). Teilbereiche der Identität eines Menschen sind das Selbstkonzept, das Selbstwertgefühl und die Kontrollinstanz. Die Aufgabe des Individuums besteht nun darin, diese drei Instanzen miteinander in Verbindung zu setzen. Die kognitive Komponente der menschlichen Identität ist das Selbstkonzept. Das Individuum entwirft ein Selbstbild von sich nach den Fragestellungen: Wer / Was / Wie bin ich? Dabei hat der Mensch verschiedene Möglichkeiten vorzugehen. Einmal kann objektiv vorgegangen werden, indem das Individuum zum Beispiel feststellt: „Ich bin ziemlich klein.“ Als Selbstbewertung könnte das Individuum äußern, dass es davon genervt ist. Selbstwertgefühle sind das Empfinden eines Menschen, stolz oder wütend auf sich zu sein. Selbstideale steckt sich der Mensch indem er zum Beispiel gerne der perfekte Sohn wäre. Die emotionale Komponente der Identität ist das Selbstwertgefühl das sich entwickelt, stabilisiert und verändert. Dies geschieht einmal durch die Verdichtung von situativen Selbstwertgefühlen, bzw. Selbstwahrnehmungen. Auch durch die Bewertung einzelne Aspekte des Selbstkonzeptes und durch die Beeinflussung seitens der Kontrollüberzeugung finden hier auch Entwicklungen und Veränderungen statt. Bei der motivationalen Komponente oder Kontrollüberzeugung, gibt es zwei unterschiedliche Haltungen der Individuen. Einmal die generalisierte Haltung der Menschen die eigenen Situationen gestalten zu können, zum anderen die Haltung, der eigenen Lage ausgeliefert zu sein. Durch das Zusammenspiel der drei Komponenten entsteht eine Identitätsdynamik, die die Eigenleistung des Individuums ist. Die Identitätsdynamik hat vier Problemstellungen oder Leistungen, die der Mensch erbringen muss, um eine Identität auszubilden. Das Realitätsproblem, oder die Realitätsleistung hat zum Gegenstand das Verhältnis von Innen- und Außenperspektive. Dies lässt sich in vier Stufen einteilen. Zuerst nimmt das Individuum die Außenwelt wahr, es eignet sich die Außenperspektive zu einer Innenperspektive an. In einem Entwicklungsprozess verwertet das Individuum dann diese Informationen durch vergessen, selektieren, vergleichen, erinnern, etc. Dem folgt die Darstellung des Individuums nach außen, ist allerdings keine Kopie des außen, da die Informationen nun verarbeitet sind. „Der Kreis schließt sich durch das allmähliche Einsickern individueller Innovationen in die soziokulturelle Ordnung.“ ( S.18, Identität, 1987). Das Konsistenzproblem, oder die Konsistenzleistung besteht in der Relation verschiedener Elemente der Innenperspektive, das Individuum stellt sich selbst vor die Frage, wie trotz unterschiedlicher Identitätsdarstellungen in den unterschiedlichen Situationen immer noch der gleiche Mensch sein kann. Das Kontinuitätsproblem, die Kontinuitätsleistung beinhalte die gleiche Fragestellung, allerdings auf die zeitliche Entwicklungen und Veränderungen bezogen. Das Individualitätsproblem, stellt das Individuum schließlich vor das Problem eine einzigartige, individuelle Identität auszubilden, die sich von denen anderer Menschen unterscheidet. Der Identitätsbegriff nach George Herbert Mead
George Herbert Mead vertritt die Auffassung, dass sich Geist und Identität erst aus gesellschaftlichen Interaktionssituationen heraus über Sprache entwickelt: „Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“ (S.177, Geist, Identität und Gesellschaft,1998). Somit steht die Identität eines Menschen mit dem eigenen physiologischen Erscheinungsbild nicht in direktem Zusammenhang, wobei Mead einräumt, dass das Erscheinungsbild für die Ausformung der Identität von entscheidender Bedeutung ist. Nach seiner Ansicht teilt sich die menschliche Identität in zwei Teilaspekte, das Ich ( I ) und das ICH ( ME ). Vergangene Erfahrungen und Erinnerungen werden innerhalb des Identitätsbereiches des ICH sortiert und gespeichert, ergeben einen Teil der Identität, der objektiviert, also vom Individuum selber betrachtet werden kann. Betrachtet wird dieser Bereich vom Ich, dem subjektiven Bereich von Identität. Somit besteht die Identität eines Menschen aus einem Objekt und einem Subjekt, das in der Lage ist dieses Objekt zu betrachten. Das Ich löst Reaktionen des Individuums einer bestimmten Person, Personengruppe oder Situation gegenüber aus, die nicht vorhersehbar sind, nicht einmal vom Handelnden selbst. Im Nachhinein geht diese Handlung wiederum in den Bereich des ICH über, den Erinnerungen und vergangenen Erfahrungen. Allerdings gehen nicht alle Erfahrungen dauerhaft in die Erinnerungen und somit in das ICH der Identität ein, sondern nur solche, die für das Individuum relevant sind. Diese Erinnerungen werden auf der „Schnur der Identität“ (S.177, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998) organisiert, der zeitlichen Einordnung der Erinnerungen in den Lebenslauf des Individuums. Das ICH verkörpert „[...]die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt“ (S.218, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998), während das Ich als „[...]Reaktion des Organismus auf die Haltungen anderer[...] (S.218, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998) gesehen werden kann, der in der Erinnerung zum ICH wird, im Gegensatz zu diesem aber Freiheit und Initiative verkörpert. Durch das Ich entwickeln sich neue Erinnerungen, das ICH besteht aus diesen vorangegangenen Erinnerungen, wird also vom Ich erzeugt. Diese Gesamtidentität ist individuell, da jeder Mensch über eigene Erfahrungen verfügt: „Die Tatsache, dass sich jede Identität durch den oder im Hinblick auf den gesellschaftlichen Prozess bildet und sein individueller Ausdruck ist – oder vielmehr Ausdruck der für sie typisch organisierten Verhaltensweisen, die sie in ihren jeweiligen Strukturen erfasst - , ist sehr leicht mit der Tatsache zu vereinbaren, dass jede einzelne Identität ihre eigene spezifische Individualität, ihre eigenen einzigartigen Merkmale hat, weil jede einzelne Identität innerhalb dieses Prozesses, während sie seine organisierten Verhaltensstrukturen spiegelt, ihre eigene und einzigartige Position innerhalb seiner formt und somit in seiner organisierten Struktur einen anderen Aspekt dieses ganzen gesellschaftlichen Verhaltensmusters spiegelt als den, der sich in der organisierten Struktur irgendeiner anderen Identität innerhalb dieses Prozesses spiegelt [...]“ (S.245, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998). Die Ausbildung einer ( individuellen ) Identität ist folglich maßgeblich abhängig von sozialen Interaktionen der einzelnen Individuen mit anderen Menschen. Das geschieht über Sprache und andere Mittel der Kommunikation wie Gestik und Mimik. Allerdings kann sich eine entwickelte Identität selbst ihre gesellschaftlichen Erfahrungen schaffen, wenn die sozialen Erfahrungen mit anderen Menschen nicht mehr möglich sind. Nach der Vorstellung Meads wird in der reflektiven Intelligenz das Handeln des Individuums geplant, um innerhalb gesellschaftlicher Prozesse zu bleiben. Hier wird der psychologische Anteil der Identität deutlich, die Möglichkeit der Menschen sich in die Rolle ihres Gegenübers zu versetzen und sich und das eigene gezeigte Verhalten über Sprache als Objekt zu sehen und reflektiv zu verarbeiten. Das Denken bereitet diese gesellschaftlichen Handlungen außersprachlich vor, es dient der Übermittlung des Nicht - Gesagten, der Mimik und Gestik, also solcher Informationen, die nicht ausgesprochen werden, aber trotzdem eine Bedeutung im Interaktionsprozess haben: „Man überdenkt etwas, schreibt vielleicht ein Buch darüber, doch ist es immer noch ein Teil des gesellschaftlichen Verkehrs, in dem man andere Personen und gleichzeitig sich selbst anspricht und die Rede zu anderen Personen durch die Reaktionen auf die eigene Geste kontrolliert.“ (S.184, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998). In diesem Verhalten tritt nun Identität auf. Allerdings wird dem Interaktionspartner immer nur ein Ausschnitt der Gesamtidentität präsentiert, die Kernidentität spaltet sich in verschiedene Teilidentitäten. Verantwortlich für das Auftreten einer bestimmten Teilidentität ist der gesellschaftliche Prozess in dem sich das Individuum befindet. Diese ist sonst nicht vorhanden, nur in dieser speziellen Situation. Laut Mead konstituieren, bzw. organisieren diese verschiedenen elementaren Identitäten zusammen die vollständige Identität eines Menschen. Als Voraussetzung für die Entwicklung von Identität sieht Mead das menschliche Vorhandensein von Selbst-Bewusstsein, dass sich vom normalen Bewusstsein des Menschen unterscheidet. Unter Bewusstsein versteht er das Empfinden von Gefühlen wie beispielsweise Schmerzen, oder Freude, was zunächst nicht mit der Identität selber zusammenhängt. Das Selbst-Bewusstsein ordnet dieses Gefühl dann dem eigenen Organismus zu, so dass es der eigenen Identität zugeordnet, der Schmerz der eigenen Identität wird. Das Selbst-Bewusstsein setzt Mead gleich mit einem Identitätsbewusstsein, durch das sich das Individuum der eigenen Identität bewusst wird, also mit dem weiter oben geklärten Begriff des Ich in der Auseinandersetzung mit dem ICH.

Sexuelle Identität

siehe Sexuelle Identität

Ich-Identität nach Erikson und Habermas

Erik Erikson definiert Ich-Identität ist der "Zuwachs an Persönlichkeitsreife, den das Individuum am Ende der Adoleszenz der Fülle seiner Kindheitserfahrungen entnommen haben muss, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet zu sein." Ich-Identität ist somit "eine soziale Funktion des Ichs", die darin besteht, "die psychosexuellen und psychosozialen Aspekte einer bestimmten Entwicklungsstufe zu integrieren und zu gleicher Zeit die Verbindung der neu erworbenen Identitätselemente mit den schon bestehenden herzustellen". Es handelt sich um das Gefühl für ein inneres Sich-Selbst-Gleichsein, ein Wissen um die eigene Unverwechselbarkeit und deren Bejahung. Oder mit Goffman im Anschluß an Erikson ausgedrückt "das subjektive Empfinden seiner eigenen Situation und seiner eigenen Kontinuität und Eigenart, das ein Individuum allmählich als ein Resultat seiner verschiedenen sozialen Erfahrungen erwirbt." Jürgen Habermas greift in seinem Aufsatz "Moralentwicklung und Ich-Identität" auf dieses Verständnis von Ich-Identität zurück.

Identitätsethik und das Konzept der personalen Identität

siehe: Person, Personalität In der Debatte um Personale Identität, die eng mit der philosophischen Fragestellung um den menschlichen Geist (Philosophie des Geistes) verbunden ist, wird die Frage behandelt, was unsere Identität ausmacht. Diese Frage ist schwierig, da sie im abstraktesten Sinn eine tiefere Frage nach Identität überhaupt (in der Mathematik und Logik) betrifft. Das zentrale Problem der Debatte, die maßgeblich durch Derek Parfit und Sidney Shoemaker geprägt worden ist, lautet: woran machen wir unsere Identität eigentlich fest? - an unserem Gedächtnis?, an unserem Bewußtsein? - an etwas Sozialem oder schlicht und ergreifend an unserer Biologie? Personale Identität ist die subjektive Verarbeitung biographischer Kontinuität bzw. Diskontinuität und ökologischer Konsistenz bzw. Inkonsistenz durch eine Person vor dem Hintergrund einerseits von Selbstansprüchen und andererseits von sozialen Erwartungen (nach Haußer K., Identität, in: Endruweit, G./Trommsdorff, G. (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1989, S. 279-281). Mitunter wird personale Identität als Summe der "Repräsentationen und Beliefs einer Person über ihre Einzigartigkeit als einmaliges Individuum" defnitiert. Dabei lässt sich personale Identität nach Lucas Derks auf sechs verschiedene Arten ausgedrückt werden:
- 1) synonym, z.B. "Ich bin ich"
- 2) über den eigenen Namen, z.B. "Ich bin Max Mustermann"
- 3) über eine Metapher, z.B. "Ich bin wíe ein Elefant"
- 4) über eine persönliche Eigenschaft, z.B. "Ich bin sportlich"
- 5) über einen Namen für eine soziale Kategorie, z.B. "Ich bin ein Lehrer"
- 6) über eine bewertete Eigenschaft in einer sozialen Kategorie, z.B. "Ich bin ein guter Lehrer" Durch diese sechs Arten wird auch ein Spektrum von der individuellen zur sozialen Identität beschrieben, die als die zwei Pole der personalen Identität gelten können. Unter individueller Identität versteht man die Selbstinterpretation als eigenständiges Individuum. Es handelt sich um einen subjektiven Konstruktionsprozess, "in dem Individuen eine Passung von innerer und äußerer Welt suchen" und ein "individuelles Rahmenkonzept" entwickeln, "innerhalb dessen ... Erfahrungen interpretiert" werden (Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 9-12). Unter sozialer Identität versteht man die Summe aller Zuschreibungen, die man im Vergleich mit Merkmalen in der Gruppe zwar für sich selbst, aber als ein an einer Gemeinschaft teilnehmendes Individuum trifft (soziale Identifikationen als Teil des Ganzen). Man unterscheidet zwischen positiver sozialer Identität und negativer sozialer Identität, je nachdem ob eine Person die Eigengruppe von der Fremdgruppe positiv oder negativ abzugrenzen versucht. In die personale Identität fließen das Selbst-Bild und das kinästhetische Selbst ein. In dieser Form spielt es in der Neurolinguistik eine bedeutende Rolle Weitergehend ist dann das Konzept der kollektiven Identität bzw. der kulturellen Identität als "Wir-Identität" einer Gesellschaft. Dazu gehört auch die nationale Identität.

Literatur

Quante, Michael (Hrsg.): Personale Identität, Paderborn 1999 (darin u.a. auch die Texte von Parfit und Shoemaker)

Identitätspolitik und das Konzept der kollektiven Identität

Identitätspolitik wird sowohl von dominanten Gruppen zur Erhaltung als auch von dominierten Gruppen zur Änderung des Status Quo benutzt. Als Identitätspolitik der dominanten Gruppen bezeichnet man Vorstellungen zur Gestaltung der gesellschaftlichen und staatlichen Verhältnisse, die die Subjekte dadurch bindet, dass sie sie auf die Verwirklichung einer "im Wesen liegenden" Norm verpflichtet. Als Normen in diesem Zusammenhang können z.B. gelten Frau-sein, Deutsch-sein, Weiß-sein etc. Dieser Festschreibung auf etwas konstruiert Wesentliches, also der so genannten „Ontologisierung“, von bestimmten Eigenschaften sozialen Ursprungs, führt für Kritiker in letzter Konsequenz zu ausgrenzenden totalitären und universalistischen Weltanschauungen und Handlungskonzepten. Als identitätspolitische Konzepte gelten insbesondere Patriarchat, Diskriminierung, Othering, Biologismus, Apartheid, Ethnopluralismus, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus. Siehe auch: Kollektiv, Nation, Nationalität Demgegenüber versucht die Identitätspolitik der dominierten Gruppen zu einem "Wir-Gefühl" zu finden, um emanzipatorische Forderungen zu entwicklen und durchzusetzen. Es geht in den dominierten Gruppen darum, sich selber zu repräsentieren und den von außen auferlegten Zuschreibungen eine Selbstdefinition entgegenzusetzen. Dies schließt gegebenenfalls eine Politik der Seperation mit ein (z.B. Autonome Feministinnen). Ein Konzept von Identitätspolitik ist die "Positive Diskriminierung" oder auch "affirmative action". Identitätspolitik in diesem Sinne fordert nicht nur Anerkennung für die dominierten Gruppen, sondern auch Bildungszugänge, soziale Mobilität, etc.. Auch die Standpunkt-Theorie basiert auf Identitäspolitik, da sie behauptet, dass die Gewinnung von Erkenntnis sozial situiert sei, dass die dominierte Gruppe ein besserer Ort zur Erkenntnisgewinnung / -produktion sei. Dominierte Gruppen verstehen ihre Identitätspolitik oftmals als vorübergehendes notwendiges Stadium, um in einem dialektischen Prozess zur Aufhebung der Differenzen zu gelangen (z.B. klassenlose Gesellschaft). Analysen zu und Kritik an identitätspolitischen Konzepten wurden von sehr unterschiedlichen Gesellschaftskritikern entwickelt, so von den Theoretikern der Kritischen Theorie wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, den Poststrukturalisten wie Jacques Derrida, Michel Foucault (s. Diskursanalyse), Jacques Lacan und Zygmunt Bauman, von den Theoretikerinnen der Postkolonialismus wie z.B. Gayatri Chakravorty Spivak sowie den Theoretikerinnen der Gender Studies wie Judith Butler.

Identität im Recht

Im Kontext des Rechts bezeichnet Identität die Übereinstimmung der personenbezogenen Daten mit einer natürlichen Person. Diese Identität kann formal durch eine rechtsverbindliche Identitätsfeststellung bestimmt werden. Der rechtswidrige Missbrauch der persönlichen Daten einer natürlichen Person wird als Identitätsdiebstahl bezeichnet. Die Identität einer Person besteht, wenn Personengleichheit mit einem amtlichen Lichtbildausweis besteht. Hierzu wird eine Identitätsfeststellung (z. B. nach § 163 b Abs. 1 StPO) oder ein Personenfeststellungsverfahren vorgenommen. Des Weiteren kann auch der Vergleich von DNA, Lichtbildern (z.B. Täterbilder), Biometrie, Fingerabdrücke u.a. eine Identitfizierung herbeiführen. Siehe auch: Identitätsfeststellung (Recht)

Identität in der Mathematik

siehe Identität (Mathematik)=Identische Abbildung "Gleichungen zwischen arithmetischen Ausdrücken" Sind A1 und A2 arithmetische Ausdrücke, so heißt die Zeichenreihe A1 = A2 eine Gleichung. Eine Gleichung A1 = A2 heißt allgemeingültig oder auch Identität genau dann, wenn für jede Belegung φ gilt: Wert(A1,φ) ∈ ℝ, Wert(A2,φ) ∈ ℝ und Wert(A1,φ) = Wert(A2,φ). Anmerkung: Das Zeichen = tritt in dieser Definition in zwei unterschiedlichen Bedeutungen auf, und zwar einmal als syntaktisches Zeichen zwischen den Ausdrücken A1 und A2 und zum andern als Bezeichnung der Gleichheit in ℝ. Wir beschränken uns bei dieser Bemerkung zur Identität auf eine Interpretation arithmetischer Ausdrücke über dem Körper der reellen Zahlen ℝ. Die Interpretation der arithmetischen Ausdrücke erfolgt durch eine eindeutige Abbildung, Wert, die in Abhängigkeit von einer Belegung \phi gewisse arithmetische Ausdrücke in die Menge ℝ der reellen Zahlen abbildet. Das Bild eines solchen Ausdrucks A (also die ihm zugeordnete Zahl) heißt Wert von A bei der Belegung \phi, bezeichnet mit Wert(A,φ) ∈ ℝ. Beispiel: (x+a)² ≡ x² + 2ax + a² Identitäten werden oft notiert mit einem Gleichheitszeichen, das nicht aus zwei, sondern drei Strichen besteht (≡). Stichworte sind: Unterschied von (semantischer) Gleichheit und (syntaktischer) Identität logischer Formeln; Gleichheit; Identische Funktion. siehe auch:
- Euler'sche Identität=Eulersche Identität
- Moufang-Identitäten
- Ward-Identität
- Jacobi-Identität

Identität in der philosophischen Logik

Siehe
- Identitätssatz=Satz der Identität - Satz von der unbedingten Identität - Satz der bedingten Identität
- Satz vom ausgeschlossenen Dritten= Tertium non datur (zur Motivation des Mengenbegriffs beispielsweise ℝ).
- Abstrakte Identität - Konkrete Identität - Absolute Identität

Identität von Begriffen

Der Ausdruck identische Begriffe bezeichnet Begriffe, die ein und denselben Begriffsumfang besitzen. Dies kann so interpretiert werden, dass sie denselben Gegenstand widerspiegeln. In diesem Zusammenhang bezeichnet ( lat.) identitatis notionum die Beziehung der Identität zwischen Begriffen. Siehe auch: Extensionale Identität

Philosophische Probleme der Identität

Der Begriff der „Identität“ ist Gegenstand einiger Fragen und Auseinandersetzungen in der Philosophie (vgl. Subjekt). Bedeutsam ist die Frage, wie weit man bei Dingen überhaupt von „Identität“ sprechen kann: welche Dinge sind identisch, welche nicht? Hier kommt es zu Problemen, wenn man den alltäglichen Sprachgebrauch ungeprüft in eine formale Sprache bringen will. So wird man im Alltag kaum behaupten: „Dieser Baum dort ist nicht mehr derselbe Baum wie eben“, nur weil er einige Blätter verloren hat; oder „Diese Person ist nicht mehr dieselbe“, nur weil ihre Haare geschnitten wurden. Wann man vom Gleichbleiben eines Dinges, von der Veränderung eines Dinges oder sogar dem Entstehen eines neuen Dinges redet, ist in der Umgangssprache nicht festgelegt; die Grenzen sind fließend. Auf die Widersprüche, die sich aus diesem unklaren Sprachgebrauch ergeben können, wies etwa Thomas Hobbes mit einem Beispiel hin. Er spricht über das Schiff des Theseus: :"Werden in diesem Schiff nach und nach alle Planken durch neue ersetzt, dann ist es numerisch dasselbe Schiff geblieben; hätte aber jemand die herausgenommenen alten Planken aufbewahrt und sie schließlich sämtlich in gleicher Richtung wieder zusammengefügt und aus ihnen ein Schiff gebaut, so wäre ohne Zweifel auch dieses Schiff numerisch dasselbe Schiff wie das ursprüngliche. Wir hätten dann zwei numerisch identische Schiffe, was absurd ist." :(in: T. Hobbes, Grundzüge der Philosophie. Erster Teil. Lehre vom Körper) Dieses Paradox entsteht, wenn wir beim Austausch von nur einer einzigen Planke nicht annehmen, dass sich das Schiff wesentlich verändert hätte: es scheint uns immer noch dasselbe zu sein. Werden aber viele kleine Veränderungen nacheinander vorgenommen, die wir einzeln vernachlässigen, erscheint ein paradoxes Ergebnis. Dies zeigt, dass die alltägliche Sichtweise der Identität nicht ohne weiteres übernommen werden kann. Weitere Widersprüche ergeben sich etwa, wenn z.B. eine Raupe, die sich verpuppt und zum Schmetterling wird, die ganze Zeit als „dasselbe“ Wesen angesehen wird. Dies ist ein Widerspruch zu einer Definition der Identität, die völlige Gleichartigkeit der Eigenschaften verlangt. Eine klassische Definition der Identität, die dieses vermeiden soll, gibt das Leibniz-Gesetz, das sich so formulieren läßt: „Zwei Dinge sind identisch, wenn alle ihre Eigenschaften identisch sind.“ Ein Hilfssatz, etwa von Sigwart formuliert, lautet nun: „am selben Ort des Raumes kann zu einer bestimmten Zeit nur ein Ding existieren.“ Diese Definition scheint einfach, sie wirft aber Probleme auf. Ein Problem ist, was unter „Eigenschaft“ verstanden wird. Wenn darunter auch die räumliche und zeitliche Bestimmtheit fallen, ergibt sich mittels des Hilfssatzes eine leichte Identifizierung: denn wenn man von zwei Dingen feststellt, dass sie in allen Eigenschaften übereinstimmen und sich insbesondere zur selben Zeit am selben Ort befinden, kann man schließen, dass sie identisch sind. Jedoch ergibt sich ein weiteres, vielfach aufgeworfenes Problem, das etwa Ludwig Wittgenstein beschäftigte: wie kann ich überhaupt sagen, dass „zwei Dinge identisch sind“, wo doch „zwei Dinge“ naturgemäß nicht identisch (sondern eben „zwei“) sind und man bei völliger Identität nicht von „zwei Dingen“ sprechen kann? Ähnliche Kritik wurde von anderen Philosophen vorgebracht. Ein Ansatz zur Lösung geht davon aus, dass der Mensch die Identität von Dingen zunächst nicht erkenne und deswegen zunächst zwei verschiedene Dinge annimmt; wenn dann deren Identität bewiesen ist, ergibt sich, dass er von Anfang an nur ein Ding betrachtet hat, diesem aber zuvor irrtümlich unterschiedliche Bezeichnungen gegeben hat. Gegen diesen Ansatz wurde wiederum eingewendet, dass etwa die Gleichung „2+2 = 4“ trotzdem fragwürdig sei: wenn „2+2“ exakt dasselbe sagt wie „4“, wäre es ja überflüssig, die Gleichung hinzuschreiben. Vertreter des genannten Ansatzes halten dies für ein Missverständnis: tatsächlich sei es ja überflüssig, die rein tautologische Gleichung hinzuschreiben.

Siehe auch


- Spiegelstadium

Literatur


- Christoph Brecht / Wolfgang Fink (Hrsg.): "Unvollständig, krank und halb?" Zur Archäologie moderner Identität. Bielefeld: Aisthesis 1996
- Richard van Dülmen (Hrsg.): Entdeckung des Ich: Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Böhlau, Köln 2001.
- Hans-Peter Frey (Hrsg.): Identität. Entwicklungen psychologischer und soziologischer Forschung. Enke, Stuttgart 1987).
- Aaron J. Gurjewitsch: Das Individuum im europäischen Mittelalter. C.H.Beck, München 1994.
- Kien Nghi Ha: Ethnizität und Migration reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs. Neuausg. wvb, Berlin 2004, ISBN 3-86573-009-4
- Angelika Magiros: Kritik der Identität. "Bio-Macht" und "Dialektik der Aufklärung". Zur Analyse (post-)moderner Fremdenfeindlichkeit - Werkzeuge gegen Fremdenabwehr und (Neo-)Rassismus. Unrast Verlag 2004, ISBN 3-89771-734-4
- Alfred Schobert, Siegfried Jäger (Hg.): Mythos Identität. Fiktion mit Folgen. Unrast Verlag 2004, ISBN 3-89771-735-2. (international angelegter Überblick über Nationen- und Identitätenbildung)

Belletristik


- Milan Kundera: Die Identität. Carl Hanser Verlag, München/Wien 1998, ISBN 3596143578 Kategorie:Identifikationstechnik Kategorie:Mathematik Kategorie:Philosophie des Geistes Kategorie:Soziologie

Latein

Als Latein bzw. Lateinisch (lat. lingua Latina: „lateinische Sprache“) bezeichnet man die Sprache, die ursprünglich vom Volksstamm der Latiner gesprochen wurde, der Bewohner von Latium mit Rom als Zentrum. Innerhalb der indogermanischen Sprachen gehört Latein zur Gruppe der italischen Sprachen. Es bildete die Grundlage für alle heutigen romanischen Sprachen.

Entwicklung

romanischen Sprachen Ursprünglich in Rom und dem umliegenden Gebiet (Latium) gesprochen, wurde Latein später an humanistischen Gymnasien unterrichtet. Neben Griechisch war Latein die Amtssprache des römischen Reiches. Wegen der kulturellen Überlegenheit des Ostens verlor es dabei zeitweise in Nordafrika und selbst in Rom seine Vorrangstellung. So war die Liturgiesprache der römischen Christen bis um 300 das Griechische. In dieser Zeit drangen viele griechische Lehnwörter ins Lateinische ein. Während der Spätantike begannen sich verschiedene Volkssprachen, aus denen im Mittelalter die romanischen Sprachen entstehen sollten, phonetisch und grammatikalisch von der lateinischen Hochsprache wegzuentwickeln. Doch noch im 6. Jahrhundert entstanden hochsprachliche lateinische Werke. Im Oströmischen Reich war Latein bis ins frühe 7. Jahrhundert neben Griechisch eine der beiden Amtssprachen. Im Westen übernahmen die Germanen mit den Grundelementen der spätrömischen Verwaltung auch die lateinische Sprache, die in der Administration bis in die frühe Neuzeit vorherrschend blieb. Seit der Völkerwanderung und der Christianisierung der (zunächst zumeist arianischen) Germanenvölker wurde Latein im Westen des früheren Römischen Reiches und in den römisch-katholischen Folgestaaten die Sprache des Klerus (Kirchenlatein), der Rechtswissenschaft (Glossatoren) und der sich bildenden Hochschulen (studia generalia). Es bildete somit die Schriftsprache, vor allem für das kirchliche und weltliche Urkundenwesen (Diplomatik) im frühen Europa. In völkerrechtlichen Verträgen (z. B. im Westfälischen Frieden von 1648) dominierte Latein bis in das 17. Jahrhundert hinein. Es bildet noch bis ins 20. Jahrhundert den Affixvorrat für die Fachterminologie in den Wissenschaften und verliert durch die fortschreitende Absorption in die englische und andere Sprachen lediglich an direkter, nicht jedoch an indirekter Bedeutung. Es wird noch an vielen Schulen unterrichtet.

Antike

Antike Schreibweise

Die lateinische Sprache wurde ursprünglich als scriptio continua, d. h. als zusammenhängender Fluss von Zeichen ohne Zwischenräume geschrieben. Auch Satzzeichen und Kleinbuchstaben wurden in der Antike nicht verwendet. Auf Wachstafeln war nämlich wenig Platz zum Schreiben, und Papyrus war teuer. Die antiken lateinischen Texte sind für uns heute daher schwer zu lesen. Vergleiche folgendes Beispiel: Alte Schreibweise: AVREAPRIMASATAESTAETASQVAEVINDICENVLLO SPONTESVASINELEGEFIDEMRECTVMQVECOLEBAT POENAMETVSQVEABERANTNECVERBAMINANTIAFIXO AERELEGEBANTVRNECSVPPLEXTVRBATIMEBAT IVDICISORASVISEDERANTSINEVINDICETVTI NONDVMCAESASVISPEREGRINVMVTVISERETORBEM MONTIBVSINLIQVIDASPINVSDESCENDERATVNDAS NVLLAQVEMORTALESPRAETERSVALITORANORANT NONDVMPRAECIPITESCINGEBANTOPPIDAFOSSAE NONTVBADIRECTINONAERISCORNVAFLEXI NONGALEAENONENSISERANTSINEMILITISVSV MOLLIASECVRAEPERAGEBANTOTIAGENTES Heutige Schreibweise: Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo, sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat. poena metusque aberant nec verba minantia fixo aere legebantur, nec supplex turba timebat iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti. nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem, montibus in liquidas pinus descenderat undas, nullaque mortales praeter sua litora norant. nondum praecipites cingebant oppida fossae, non tuba directi, non aeris cornua flexi, non galeae, non ensis erant: sine militis usu mollia securae peragebant otia gentes. Auszug aus Ovids Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter) Details zu den verwendeten Buchstaben finden sich in dem Artikel Lateinisches Alphabet. Siehe zu diesem Thema auch: Paläografie (dort Lateinische Paläografie), Capitalis, Versalschrift und Majuskel.

Antike Aussprache

Auf die antike Aussprache der lateinischen Sprache wird im Artikel Lateinische Aussprache eingegangen.

Literatur

Mit Antiker Literatur des Lateinischen beschäftigt sich u. a. der Artikel Lateinische Literatur.

Gegenwart

Auch heute ist Latein noch an vielen Gymnasien aller Fachrichtungen zu finden. Etwa ein Drittel aller Gymnasiasten im deutschen Sprachraum lernt Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. An humanistischen Gymnasien wird dem Lateinischen, neben dem Griechischen, noch eine herausgehobene Bedeutung zugemessen, was früher auf eine aktive Beherrschung des Lateinischen zielte. Tatsächlich werden auch heute noch für zahlreiche Studiengänge das Latinum oder Lateinkenntnisse gefordert, insbesondere in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fächern. Das Latinum ist als Studienvoraussetzung für die Fächer Medizin und Jura weitestgehend abgeschafft, häufig aber nicht in Fächern wie Anglistik, Philosophie oder sogar Musikwissenschaften. Unabhängig von den Studienanforderungen wird von Befürwortern des Lateins betont, dass das Erlernen der lateinischen Sprache weiterhin Basis für die korrekte Verwendung von Fremdwörtern sei, das Erlernen anderer romanischer Sprachen wesentlich erleichtere und erhebliche Transfer-Effekte für die Denkschulung aufträten. Das Übersetzen lateinischer Texte fördere auf Grund der erheblichen Komplexität vieler lateinischer Sätze auch das logische Denken. Von den Gegnern ist hingegen zu hören, dass die Auseinandersetzung mit jeder Art von Grammatik, egal welcher Sprache, das strukturierte Denken fördere, und dass das Erlernen moderner romanischer Sprachen, welche im Gegensatz zu Latein noch gebraucht werden, mindestens ebenso gut dazu geeignet sei, die zahlreichen lateinischen Lehnwörter im Deutschen korrekt zu verwenden und andere romanische Sprachen zu erlernen. In der Tat sind viele gesamtromanische, also in allen romanischen Sprachen auftretende Wörter nicht im klassischen Latein vorhanden und müssen dann neu gelernt werden: guerra „Krieg“, testa „Kopf“, cavallo „Pferd“, mangiare/manger „essen“, andare
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„gehen“ , boc(c)a/bouche „Mund“, blanco/blanc „weiß“, die Himmelsrichtungen etc. Viele dieser Wörter erklären sich nämlich aus dem umgangssprachlichen oder dem späten Latein oder stammen aus der Soldatensprache, also aus Varietäten, die nicht in der Schule gelehrt werden. Aus deutschen und US-amerikanischen Untersuchungen geht hervor, dass zwischen absolviertem Lateinunterricht und der Beherrschung der englischen Sprache in Schrift und vor allem Wort eine signifikante Korrelation besteht. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht nachgewiesen worden – möglicherweise macht eine hohe sprachliche Begabung eines Kindes die Wahl des als schwierig geltenden Latein wahrscheinlicher. Da auch im modernen Lateinunterricht die Sprachproduktion eindeutig der Rezeption (Leseverstehen) untergeordnet ist, glauben viele, Latein falle Menschen mit ausgeprägter Begabung für Mathematik und formelle Denkvorgänge generell leichter als andere Fremdsprachen, wohingegen Menschen mit ausgeprägter Begabung für intuitives Erlernen von Sprachen andere Fremdsprachen leichter fänden. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nicht häufig verifizieren: Die Erfahrung zeigt, dass die Schülerleistungen in Latein überwiegend Hand in Hand mit denen in der Muttersprache und anderen Fremdsprachen gehen.

Modernes Latein

Auch heute werden deutsch-lateinische Lexika aufgrund neulateinischen Wortgutes herausgegeben, z. B. das „lexicon auxiliare“ oder das vom Vatikan herausgegebene „lexicon recentis latinitatis“, welches erst im Jahre 2004 eine Neubearbeitung erfuhr. Der finnische Rundfunksender YLE (Yleisradio) verbreitet Wochennachrichten in neulateinischer Sprache. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig die Nuntii Latini in schriftlicher und gesprochener Version. Seit April 2004 veröffentlicht auch die deutschsprachige Redaktion bei Radio Vatikan Nachrichten auf Lateinisch. Dabei handelt es sich um ursprünglich deutsche Meldungen. Gero P. Weishaupt übersetzt sie für die Redaktion ins Lateinische. Sehr beliebt ist auch die lateinische Fassung der Asterix-Comics, die der deutsche Altphilologe Graf v. Rothenburg (Rubricastellanus) verfasst hat. Der Autor Nikolaus Groß, beruflich seit zehn Jahren Deutsch-Lektor in der südkoreanischen Hauptstadt, hat 2004 eine komplett latinisierte Übertragung von Patrick Süskinds Das Parfum im Brüsseler Verlag der Fundatio Melissa, einem überregionalen Verein zur Pflege des gesprochenen Lateins, veröffentlicht. Dem Buch ist mit dem „Glossarium Fragrantiae“ eine größere Liste aktualisierter Neuschöpfungen beigegeben. Vom selben Wortartisten existiert des weiteren ein Buch über den Baron Mynchusanus (Münchhausen). 2003 erschien bereits der erste Teil der Harry Potter-Bücher von J. K. Rowling auf Latein (Harrius Potter et Philosophi Lapis). Daneben gibt es noch viele weitere Übersetzungen „klassischer“ Werke ins Lateinische, so zum Beispiel Karl Mays Winnetou III, oder Der kleine Prinz (Regulus) von St. Exupéry. Durch das Internet ist die Verfügbarkeit alter lateinischer Texte sowie das Entstehen neuer lateinischer Texte erheblich begünstigt worden. Inzwischen gibt es sogar lateinische Fassungen von Popsongs. Daneben entstehen auch neue Popsongs in lateinischer Sprache, etwa Cursum Perficio, gesungen von Enya, Liberatio, eines von vielen lateinischen Musikstücken der Gruppe „Krypteria“, oder bei Gruppen der Dark Wave bzw. Gothic (Jugendkultur). Roma Ryan hat neben Cursum Perficio für Enya noch weitere Songs in lateinischer Sprache verfasst. In Internetforen wie Grex Latine Loquentium kommunizieren Teilnehmer aus vielen Ländern ausschließlich in Latein. In der klassischen beziehungsweise neoklassischen Musik findet Latein ebenfalls Verwendung. So hat etwa der niederländische Komponist Nicholas Lens auf seinem Werk Flamma Flamma ein lateinisches Libretto vertont, für sein Werk Terra Terra hat Lens selbst ein Libretto in lateinischer Sprache verfasst. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Vertonungen lateinischer Gedichte wie z. B. von Jan Novák. Carl Orff unterlegte mehreren seiner Vokal-Kompositionen Texte in Latein oder Griechisch. Igor Strawinski ließ das nach Sophokles von Jean Cocteau in französischen Versen verfasste Libretto zu Ödipus Rex“ von Jean Daniélou ins Lateinische übersetzen. Das Lehrbuch Lingua Latina per se illustrata des dänischen Autors Hans H. Ørberg hat die bisher hauptsächlich für den Unterricht in modernen Sprachen eingesetzte einsprachige Lehrmethode auf den altsprachlichen Unterricht übertragen. Das Lehrbuch erfreut sich in verschiedenen Ländern einer steigenden Beliebtheit.

Latein in den Wissenschaften

In der Biologie erfolgt die Namensbildung der wissenschaftlichen Namen lateinisch und griechisch, wobei neuere Vorschläge vorsehen, die Regeln nur aus der lateinischen Sprache zu entnehmen. In der Medizin sind die anatomischen Fachbegriffe lateinisch, für die einzelnen Organe wird zusätzlich auch latinisiertes Griechisch verwendet. Die Krankheitsbezeichnungen leiten sich aus dem Griechischen ab. Zahlreiche Sprichwörter haben einen lateinischen Ursprung und sind teilweise auch in der deutschen Übersetzung zu geflügelten Worten geworden. In den Rechtswissenschaften existieren verschiedene lateinische Lehrsätze und Fachbegriffe (Latein im Recht). Auch in der Geschichtswissenschaft spielt vor allem Latein weiterhin eine große Rolle. In der Meteorologie werden lateinische Begriffe in der Wolkenklassifikation eingesetzt.

Latein in der katholischen Kirche

Latein ist neben Italienisch die Amtssprache des Vatikanstaats. Die katholische Kirche veröffentlicht alle amtlichen Texte von weltkirchlicher Bedeutung in Latein. Das gilt für die liturgischen Bücher, den Katechismus, den Codex des kanonischen Rechts sowie die päpstlichen Rechtsvorschriften (canones, decretales) und Rundschreiben (Enzykliken). Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war Latein die offizielle Gottesdienstsprache und ist dies (laut Sacrosanctum Concilium) offiziell noch heute, wobei andere Sprachen jedoch gleichfalls erlaubt sind. Tatsächlich werden nur noch sehr wenige Gottesdienste in Latein gehalten. Der gegenwärtig amtierende Papst Benedikt XVI. bevorzugt bei seinen Messen aber das Lateinische vor dem Italienischen. Siehe auch: Lateinische Kirche

Referenzlisten


- Lateinische Präpositionen
- Liste lateinischer Ortsnamen
- Liste lateinischer Präfixe
- Liste lateinischer Redewendungen
- Liste lateinischer Suffixe
- Liste von lateinischen Palindromen
- Lateinische Zahlwörter

Siehe auch


- Grammatik des Lateinischen
- Lateinische Aussprache
- Lateinische Sprichwörter
- Küchenlatein
- Vulgärlatein
- Mittellatein
- Lateinische Literatur
- Sprachen im Römischen Reich
- Jägerlatein
- Panlatinismus

Weblinks


- [http://www.commtec.de/wb/ Wörterbuch Latein-Deutsch-Latein auxilium online (mit Download-Möglichkeit)]
- [http://www.latein-pagina.de/iexplorer/stil.htm Lateinische Stilblüten]
- [http://www.thelatinlibrary.com/ The Latin Library – klassische Texte im Original]
- [http://www.albertmartin.de/latein/ Latein-Deutsch-, Deutsch-Latein-Wörterbuch mit hilfreichen Extras]
- [http://www.radiobremen.de/online/latein/ Nuntii latini bei Radio Bremen]
- [http://www.latein-pagina.de/ Latein-Pagina]
- [http://www.antikeundeuropa.de/Alte_Sprachen_heute/alte_sprachen_heute.html Alte Sprachen heute]
- [http://www.fh-augsburg.de/~harsch/a_chron.html Sammlung lateinischer Texte/bibliotheca Augustana]
- [http://www.music.indiana.edu/tml/ Lateinische Musiktraktate im Original]
- [http://www.lateinservice.de/index.htm Die deutsche Latein-Seite]
- [http://www.alcuinus.net/GLL/ Grex Latine Loquentium (Internetforum in lateinischer Sprache)]
- [http://www.kreienbuehl.ch/lat/ Latein und Altgriechisch Site]
- [http://www.latein24.de/ Übersetzungen vieler klassischer lateinischer Texte bei Latein24.de] Kategorie:Einzelsprache
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als:Latein ja:ラテン語 ko:라틴어 simple:Latin language th:ภาษาละติน zh-min-nan:Latin-gí

Summe

In der Mathematik ist eine Summe das Ergebnis einer Addition.

Wortgeschichte und -bedeutungen

Das Wort Summe wurde im Mittelhochdeutschen vom lateinischen summa entlehnt. Summa war bis in das 19te Jahrhundert neben Summe gebräuchlich. Das lateinische summa geht auf den Superlativ summus (zu superus, superior), der das oberste, höchste, größte bezeichnet, zurück. Im weiteren Sinne bezeichnet Summe eine Gesamtheit oder einen Inbegriff. In der Alltagssprache bezeichnet Summe einen Geldbetrag unhängig davon, ob er durch Addition zustande gekommen ist.

Summe als Ergebnis einer Addition

In dem mathematischen Term :2+3 heißen die Zahlen 2 und 3 Summanden. Der gesamte Term wird als die "Summe von 2 und 3" bezeichnet. Man kann eine Summe von mehr als zwei Summanden bilden, so zum Beispiel :4+7+1. Aufgrund der Assoziativität der Addition muss dabei nicht angegeben werden, in welcher Reihenfolge die Additionen auszuführen sind. So gilt, dass (4+7)+1 = 4+(7+1) ist und die Summe kann auch ohne Klammern geschrieben werden. Aufgrund des Kommutativgesetzes der Addition ist auch die Reihenfolge der Summanden egal, d.h. es ist zum Beispiel :4+7+1 = 7+4+1. Wird n -mal die gleiche Zahl a addiert, dann kann die Summe auch als Produkt n \cdot a geschrieben werden.

Summe einer Folge, Reihe

Wenn eine Summe sehr viele Summanden hat, ist es zweckmäßig, eine abgekürzte Schreibweise zu vereinbaren. Die Summe der ersten 100 natürlichen Zahlen kann zum Beispiel als :1+2+...+100 angegeben werden, denn es ist leicht zu erraten, welche Summanden durch die Auslassungspunkte ersetzt wurden. So wie man in der elementaren Arithmetik von Zahlenrechnungen wie 2+3=5 zu Buchstabenrechnungen wie 2+x=y übergeht, so kann man z.B. die Summe von hundert ganz bestimmten Zahlen zur Summe einer beliebigen Anzahl beliebiger Zahlen verallgemeinern. Dazu wird zunächst eine Variable gewählt, zum Beispiel n , die die Anzahl der Summanden bezeichnet. Im obigen Fall, der Summe der ersten einhundert natürlichen Zahlen, wäre n =100 . Da beliebig große n zugelassen sein sollen, ist es nicht möglich, alle n Summanden durch n verschiedene Buchstaben zu bezeichnen. Stattdessen wird ein einzelner Buchstaben z.B. a gewählt und um einen Index ergänzt. Dieser Index nimmt nacheinander die Werte 1, 2, ... an. Die Summanden heißen dementsprechend a_1,\ a_2, \dots . Die Summanden bilden somit eine Zahlenfolge (siehe Folge (Mathematik)). Wir können nun für beliebige natürliche Zahlen n die Summe der ersten n Glieder der Zahlenfolge als : s_n = a_1 +a_2 + \dots + a_n schreiben. Wenn man für n verschiedene Werte 1, 2, ... einsetzt, bilden die s_1 ,\ s_2 , \dots ihrerseits ebenfalls eine Folge. Eine solche Folge von Partialsummen über die Anfangsglieder einer Folge wird als Reihe bezeichnet. Beispiel: Für die Folge der Quadratzahlen ist a_1 =1 , a_2 =4 , a_3=9 . Ganz allgemein gilt :a_n=n^2. Die Reihe der Partialsummen dieser Folge beginnt mit s_1=1 , s_2=5 , s_3=14 . Eine Summationsformel besagt nun für beliebige n : :s_n=\frac. Weitere Summationsformeln wie zum Beispiel Der kleine Gauß :1+2+...+n = \frac finden sich in der Formelsammlung Algebra. Der Beweis solcher Formeln erfolgt über vollständige Induktion.

Notation mit dem Summenzeichen

Summen über endliche oder unendliche Reihen können statt mit Auslassungspunkten auch mit dem Summenzeichen notiert werden: :\sum_^a_k = \sum_a_k = a_m + a_ + \dots + a_n Das Summenzeichen besteht aus dem großen griechischen Buchstaben Sigma, gefolgt von einem Folgenglied, das durch einen zuvor nicht benutzten Index (hier k ) bezeichnet wird. Dieser Index heißt Lauf- oder Zählvariable. Welche Werte die Laufvariable annehmen kann, wird an der Unterseite, gegebenenfalls auch der Oberseite des \Sigma angezeigt. Es gibt dafür zwei Möglichkeiten: Entweder wird unten ein Start- und oben ein Endwert angegeben (hier: m und n ), oder es werden unten eine oder mehrere Bedingungen für die Zählvariable gestellt (hier: m). Diese Angaben können reduziert oder weggelassen werden, wenn angenommen werden kann, dass der Leser sie aus dem Kontext heraus zu ergänzen vermag. Für m=n besteht die Summe aus einem einzigen Summanden a_n . Es hat sich als nützlich erwiesen, für n=m-1 folgende Konvention einzuführen: :\sum_^a_k := 0\ (leere Summe). In der Tensorrechnung vereinbart man häufig die Einsteinsche Summationskonvention, der zufolge das Summationszeichen weggelassen werden kann, da aus dem Kontext klar ist, dass über alle doppelt vorkommenden Indizes zu summieren ist. Für Doppelsummen gilt in der mathematischen Physik die Konvention, dass ein Apostroph am Summenzeichen :\sum_ \dots = \sum_ \dots\, besagt, dass bei der Summation Summanden auszulassen sind, für die die beiden Laufvariablen übereinstimmen. Zur Bezeichnung von Zählvariablen werden meistens die Buchstaben i , j und k verwendet. Wenn nicht eindeutig hervorgeht, welche Variable die Zählvariable ist, muss dies im Text angemerkt werden. Beim Programmieren entspricht das Summenzeichen einer For - next Schleife mit Aufsummierung des Ergebnisses aus jedem Schleifendurchgang. Siehe auch:
- http://de.wikibooks.org/wiki/Gambas:_Rechnen#Das_Summenzeichen__programmieren

Unendliche Summen

Wenn unendlich viele Ausdrücke summiert werden, also zum Beispiel :\sum_^ a_j = \sum _ a_j = a_1 + a_2 + a_3 + \dots mit unendlich vielen Summanden ungleich Null, müssen Methoden der Analysis angewendet werden, um den entsprechenden Grenzwert zu finden. Eine solche Summe wird unendliche Reihe genannt. Als Obergrenze schreibt man das Symbol für Unendlichkeit ( \infty ). Siehe dazu den Artikel Reihe (Mathematik). Es ist aber anzumerken, dass nicht jede Summe, die ∞ als Obergrenze besitzt, eine unendliche Summe sein muss. Zum Beispiel hat die Summe :\sum_ \left[\frac\right] = \left[\frac\right] + \left[\frac\right] + \left[\frac\right] + \dots für Primzahlen p und der Ganzzahl-Funktion [x] , zwar unendlich viele Summanden, aber nur endlich viele sind ungleich Null. (Diese Summe gibt an, wie oft der Faktor p in der Primfaktorzerlegung von n! vorkommt.)

Verwandte Begriffe

Die disjunkte Vereinigung von Mengen hat eine gewisse formale Ähnlichkeit mit der Addition von Zahlen; sind beispielsweise X und Y endliche Mengen, so ist die Anzahl der Elemente von X\sqcup Y gleich der Summe der Elementanzahlen von X und Y. Das kartesische Produkt ist distributiv über dieser Summenbildung: : X\times(Y\sqcup Z)\cong(X\times Y)\sqcup(X\times Z). Die aus kategorieller Sicht analoge Konstruktion für Vektorräume oder abelsche Gruppen wird als direkte Summe bezeichnet; allgemein spricht man von einem Koprodukt. Kategorie:Arithmetik Kategorie:Folgen und Reihen Kategorie:Menge

Identifizierung

Eine Identifizierung ist der Vorgang, der zum eindeutigen Erkennen einer Person oder eines Objektes dient. Identifizierung ist nicht zu verwechseln mit der Identifikation als Einfühlung in einen anderen Menschen, obwohl beide Bezeichnungen oft synonym verwendet werden. Die Identifizierung erfolgt anhand kennzeichnender Merkmale oder mit Hilfe eines Identifikators und beruht auf dem Identitätssatz. Identifizierung in der Gerichtsmedizin ist die Feststellung der Identität des Opfers. Siehe auch: Identität, Identitätsfeststellung, Duplikaterkennung Kategorie:Identifikationstechnik

Definition

Eine Definition (lat. de ab, weg; finis Grenze, also Definitio = Abgrenzung) ist die Verdichtung von Merkmalen zu einem Begriff, dessen Sachverhalt (Definiendum) danach auf Eigenschaften (Definiens) zurückgeführt wird. Kurz: Eine Definition ist eine sprachliche Verkürzung eines Sachverhalts. Jede Definitionskette lässt sich nur auf eine natürliche Sprache und die in dieser Sprache verständlichen Grundaussagen zurückführen.

Wissenschaftstheoretische Klassifikation

Nominal- vs. Realdefinitionen

Die in der Wissenschaftstheorie meist an erster Stelle gennannte, traditionelle Klassifikation von Definitionen ist die Unterscheidung zwischen Nominal- und Realdefinition. Während die Nominaldefinitionen einen neuen Begriff aus alten zusammenstellt, zerlegt die Realdefinition einen gängigen Begriff in seine Merkmale. Während Nominaldefinitionen besonders der Domäne der Strukturwissenschaften zuzuordnen sind, lassen sich Realdefinitionen vor allem in den Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften finden. Da in diesen meist die (notwendigerweise) vagen und ambigen bereits vorhandenen Begriffe der natürlichen Sprache begründet werden, empfiehlt sich für Realdefinitionen der treffendere Ausdruck der Begriffsexplikation oder -zerlegung.

Identitäten vs. Gebrauchsdefinitionen

Man spricht von Gebrauchsdefinition (oder Kontextdefinition), weil das Definiendum darin nur so definiert wird, wie man es innerhalb von Sätzen gebraucht. Fällt beispielsweise eine allgemeine Definition des Prädikates "'adäquat"' schwer, so lässt sich leicht definieren, dass die Aussage "'X ist ein adäquater Kalkül"' genau dann wahr ist, wenn X ein Kalkül ist der vollständig und korrekt ist. Adäquatheit wurde damit nur im Kontext "'Kalkül"' definiert, und die Frage wann überhaupt etwas adäquat ist, beziehungsweise welche Dinge unter diesen Begriff fallen, stellt sich nicht. Dieser ontologische Unterschied erspart beispielsweise der modernen Mathematik die philosophische Frage nach dem Wesen der Zahl (empirisch, psychologistisch, oder logisch). Die mathematischen Axiome sagen nicht was eine Zahl ist, sondern wann sich etwas Zahl nennen darf und welche arithmetischen Eigenschaften dann für diese gelten. Dass zum Beispiel die Gruppenaxiome gerade davon leben, dass sie verschiedenste Interpretationen erlauben, widerspricht zudem der klassischen Anschauung, Definitionen müßten eindeutig sein.

Totale versus Partielle Definitionen

Während in totalen Definitionen Definiendum und Definiens äquivalent sind, gilt dies in partiellen Definitionen nur für einen Teilbereich, das heißt nur für den Fall, dass eine Vorbedingung erfüllt ist. Operationale Definitionen sind häufig partiell. In ihnen ist die Vorbedingung die Operation mit der man die zu definierende Eigenschaft überprüft. Die zugehörige Gattung der Dispositionsbegriffe wie "wasserlöslich" beschreibt keine Eigenschaften die direkt ablesbar sind, sondern ist an eine (Prüf-)bedingung geknüpft. Zum Beispiel: "Wenn man den Gegenstand in Wasser gibt, dann löst er sich auf".

Explizite vs. Rekursive Definitionen

Eine im Zusammenhang mit Definitionen stets genannte Regel ist die, dass das Definiendum im Definiens selbst nicht vorkommen darf. Unter Beachtung dieser Regel entstehenden die sogenannten Explizitdefinitionen. Wie die Definition der Ackermannfunktion jedoch zeigt, kann eine Definition einer Funktion unter direkter oder indirekter Rückführung auf Terme mit ebendieser Funktion eben doch zweckmäßig sein. Diese Fälle erfordern vielmehr eine genauere Betrachtung und die Angabe spezieller Kriterien zur Vermeidung von Zyklen. Im Einzelnen geschieht dies, indem sich die stufenweise Elemination des Definiendums auf die natürlichen Zahlen abbilden lassen muß.

Notwendigkeit von wissenschaftlichen Definitionen


- Die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Definition ergibt sich in der Regel dann, wenn im Laufe des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnes Hypothesen und Theorien aufgestellt oder Modelle konstruiert werden, welche von verschiedenen Wissenschaftlern nachvollzogen und diskutiert werden sollen. Um den Kriterien der Wissenschaftlichkeit zu genügen, muss deshalb Einvernehmen über die Bedeutung der verwendeten Begriffen herrschen.
- Definitionen bewirken durch ihren abkürzenden Charakter eine leichtere Formulierung und ein leichteres Verständnis von Theorien
- Zwar sind, wie sich formal beweisen lässt Definitionen notwendiger Weise weder wahr, noch falsch, jedoch tragen sie durch den Auswahlprozess beim Definieren bereits Erkenntnis mit sich.

Definitionsregeln und -anforderungen

Die klassischen Definitionsregeln gehen auf Aristoteles zurück (Vergleiche Analytica Posteriora, Organon) (zitiert nach Kondakow 1983, S. 81): # Ein Begriff wird durch seine nächste Gattung und den Artunterschied definiert (Praecisio definitionis). (veraltet) # Der Artunterschied muss ein Merkmal oder eine Gruppe von Merkmalen sein, die nur dem vorliegenden Begriff zukommen und bei anderen Begriffen fehlen, die zur selben Gattung gehören. (veraltet) # Eine Definition muss angemessen sein, d.h. weder zu weit noch zu eng gefasst sein. # Eine Definition darf keinen Zirkelschluss enthalten. # Eine Definition darf keine logischen Widersprüche enthalten. # Eine Definition darf nicht nur negativ bestimmt sein # Eine Definition darf keine Mehrdeutigkeiten enthalten. Anstatt dieser größtenteils überholten Anforderungen sind die inzwischen entscheidenden formalen Kriterien an Definitionen Eliminierbarkeit und Nicht-Kreativität. Eliminierbar ist ein Begriff dann, wenn er innerhalb einer Theorie vollständig zu Gunsten seines Definiens ersetzt werden kann, ohne den Wahrheitswert der Theorie zu beeinflussen. Nicht-Kreativität bedeutet, dass unter Hinzunahme der Definition zu einer Theorie nichts erschlossen werden kann, was nicht bereits ohne jene Definition erschließbar wäre. Eine weitere klassische Form der Definition ist die unter Angabe eines genus proximus (Gattung) und einer diferenzia specifica (Spezifisches Abgrenzungskriterium). Während man lange Zeit glaubte es handle sich dabei um eine universelle Form, zeigt bereits das einfache Beispiel "Ein Skandinavier ist ein Mensch der aus Dänemark, Norwegen oder Schweden kommt", dass sinnvolle Definitionen diesem Schema nicht folgen müssen. Im praktischen Betrieb der (nicht-formal-)Wissenschaften, erweisen sich folgende Anforderungen als sinnvoll:
- Die Anzahl unterschiedlicher Interpretationsmöglichkeiten soll so weit wie möglich reduziert werden.
- Trotzdem soll eine Definition so einfach wie möglich sein.
- Eine Definition ist um so besser, je schärfer die Grenzen zu anderen Begriffen gezogen sind.
- Es dürfen nur Begriffe verwendet werden, die schon als Allgemeinbegriff eindeutig sind oder die bereits innerhalb der jeweiligen Wissenschaft definiert sind.
- Eine Definition soll möglichst keine Ausnahmeregelungen enthalten.
- Definitionen sind weder wahr noch falsch, Realdefinitionen sollten jedoch (nach Carnap) die 4 Kriterien zur Adäquatheit erfüllen:
- # Ähnlichkeit von Explikat und Explikandum
- # Exaktheit des Explikats
- # Fruchtbarkeit für das Aufstellen vieler Gesetze
- # Einfachheit der Definition selbst und der resultierenden Gesetze

Beispiele


- Realdefinition: "Eine Definition ist die genaue Bestimmung eines Begriffes durch Beschreibung und/oder Erklärung seines Inhalts."
- Nominaldefinition: "Eine Primzahl ist eine natürliche Zahl mit genau zwei natürlichen Teilern."
- Gebrauchsdefinition:: "Die natürliche Zahl n ist Primzahl :\iff n besitzt genau zwei natürliche Teiler"
- Rekursive Definition: Ackermannfunktion
- Empirische Definition, besser: empirische Analyse: "Der Mensch ist ein ungefiederter Zweibeiner."

Zitate

"Omnia determinatio negatio est." (deutsch: Jede Begriffsbestimmung ist eine Abgrenzung.) (Spinoza) "Was man überhaupt sagen kann, das kann man auch klar und verständlich sagen" (Ludwig Wittgenstein) ”Wir sind unfähig, die Begriffe, die wir gebrauchen, klar zu umschreiben - nicht, weil wir ihre Definition nicht wissen, sondern weil sie keine wirkliche ”Definition” haben. Die Annahme, daß sie eine solche Definition haben müssen, wäre wie die Annahme, daß ballspielende Kinder grundsätzlich nach strengen Regeln spielen.” (Ludwig Wittgenstein) „Alle Definitionen sind wissenschaftlich von geringem Wert.“ Friedrich Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 77. „Definitionen sind für die Wissenschaft wertlos, weil stets unzulänglich. Die einzig reelle Definition ist die Entwicklung der Sache selbst, und diese ist aber keine Definition mehr.“ Friedrich Engels, 20, 578. "[...] als die Creme der im Südwesten tätigen Archäologen zur gleichen Zeit an einem Ort versammelt war und zwei unschätzbare Tage damit verbrachte, die Frage: "wann ist ein Kiva kein Kiva" zu diskutieren. Nicht nur konnten sie sich nicht über diese negative Behauptung einigen, sondern, was viel schlimmer war, sie entschieden auch nie im positiven Sinne, was ein Kiva war. Und das - es mag zu ihrer Schande und ihrem Unbehagen berichtet werden- zu einer Zeit, als jeder Mann, jede Frau und jedes Kind unter ihnen sofort einen Kiva erkannte, soweit ihn überhaupt ein Auge erblicken konnte." Ann Morris, zitiert nach C. W. Ceram in "Der erste Amerikaner". Siehe auch: Prädikat (Logik), Terminus, Terminologie

Literatur


- N. Kondakow: Wörterbuch der Logik (2. Aufl.). Leipzig 1983
- Lothar Schmidt (Auswahl, 1971): Schlagfertige Definitionen. Von Aberglaube bis Zynismus - ISBN 3-499-16186-9
- Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Eine kritische Einführung. Stuttgart, 1989.

Weblinks


- http://achimwagenknecht.de/Definitionslehre/diephysi.htm
- http://www.phillex.de/def.htm
- Definitionen [http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/CL_Lehr/Begriffe/Begriffe_Definition.html] (Eine gründliche Einführung in den Begriff der "Definition") ! Kategorie:Wissenschaftstheorie ja:定義 simple:Definition

Familie (Soziologie)

Unter einer Familie versteht die Soziologie eine engere Verwandtschaftsgruppe. (Im weiteren Sinn umfasst sie auch Schwiegerfamilien.) Das Wort entstammt dem lateinischen Begriff familia (von famulus, Haussklave), wo es zunächst nicht das Ehepaar und dessen Kinder bezeichnete, sondern Name für die Gesamtheit der zum Hausstand des Pater familias gehörenden Familienangehörigen, Freigelassenen und Sklaven war. Die alte Redewendung ein Mann ohne Familie besagte, dass der Gemeinte von Haus aus kleinen Verhältnissen entstamme.

Funktionen der Familie

Die Familie bündelt biologisch und sozial viele Funktionen: Ob die biologische Reproduktions-Funktion der Spezies "Mensch" der Institution "Familie" bedarf, ist bereits umstritten. Zur biologischen Basis gehören jedoch die Gebärfähigkeit der Frau und die Zeugungsfähigkeit des Mannes, das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen und die extreme Dauerpflegebedürftigkeit der Säuglinge. Als soziale Funktionen sind zu nennen: Für in ihr geborene Kinder erbringt sie rechtlich eine legitime Platzierung in der jeweiligen Gesellschaft.
Bei mächtigen Familien besonders auffällig ist die politische Funktion (z.B. die Bündnisfunktion im Adel). Sie hat auch religiöse Funktionen, was in modernen Kleinfamilien wenig auffällt (Beispiele: Vater spricht das Tischgebet; er schmückt den Weihnachtsbaum), früher aber in vielen Bräuchen verdeutlicht wurde (Beispiele: Der Vater bestimmte, ob ein Neugeborenes lebensfähig sei oder ausgesetzt werde; die Aussaat mit der Hand darf nur der Bauer selber vornehmen). Ihre wirtschaftliche Funktion ist hingegen deutlich: So erbringt sie Schutz und Fürsorge (auch materielle) für Säuglinge, aber auch für kranke und alte Familienangehörige, ernährt, kleidet und behaust sie. Ihre erzieherische Funktion wird durch ihre Fähigkeit zur sozialen Kontrolle, zur Erleichterung der Sozialisation und der Formierung von Motivationen und Fähigkeiten von Heranwachsenden erleichtert (vgl. hier z.B. Gelehrtenfamilie); sie bildet ein erstes dichtes Soziales Netzwerk bereits für den Säugling und bildet Kinder und Jugendliche auch primär aus. In modernen Gesellschaften werden rechtliche, politische, religiöse, wirtschaftliche und erzieherische Funktionen der Familie oft weitgehend auf andere gesellschaftliche Institutionen (z.B. Staaten, politische Gemeinden, Versicherungsanstalten, Schulwesen, Sport) übertragen und treten im Familienalltag dann stark zurück, was sich in Notzeiten durchaus rasch ändern kann. Damit verliert die Familie vordem alltägliche Fertigkeiten der Erziehung, so dass sie z.B. eigens aufgefordert wird, erzieherisch den Kindern Umgangsformen, außerschulische Bildung und Bildungsmotive zu vermitteln und auch dazu auch wirtschaftlich beizutragen, so dass die wirtschaftliche Funktion stärker als geldliche Belastung erscheint.

Einzelterminologie

Unterschieden wird, ob ein junges Ehepaar nach der Hochzeit zur Familie der Frau zieht (Uxorilokalität) oder zu der des Mannes (Virilokalität), oder ob es sich an einem dritten Wohnort niederlässt (Neolokalität). Auch wird unterschieden, ob materielle, kulturelle und spirituelle Ressourcen in einer Familie vom Vater auf den Sohn übergehen (Patrilinearität), oder ob sie über die Mutter laufen (Matrilinearität), was nicht ausschließen muss, dass Männer in der Familie herrschen (dann vererbt ein Mann auf die Männer seiner Töchter oder auf die Söhne seiner Schwester - vgl. dazu auch Stiefmutter) ). Diese Begriffe sind nicht mit den Bezeichnungen für inner- oder außerfamiliären Formen der Herrschaft von Frauen bzw. Männern zu verwechseln - vgl. dazu Matriarchat und Patriarchat, auch Paternalismus; sowie Heiratsregel.

Familienformen

Im westlichen Kulturkreis wird heute unter "Familie" meist die so genannte Kernfamilie verstanden, d.h. Vater, Mutter und deren Kinder. Die Kernfamilie erscheint in der Tat in den meisten modernen Gesellschaften als überwiegend vorkommendes Modell. Moderne Formen, wie Wohngemeinschaften oder das Zusammenleben zweier Elternteile mit je eigenen Kindern (ob verheiratet oder nicht) bleiben minoritär. Gleichwohl können sie die historische Dynamik bezeichnen und vieles, was diese neuen Familienformen prägt, mag auch in "normalen" Ehen gültig geworden sein. Begrifflich darf die "Kernfamilie" in diesem Sinn nicht mit der "Kleinfamilie" verwechselt werden, die wenig Mitglieder umfasst; eine "Kernfamilie" mit zwölf ehelichen Kindern ist keine "Kleinfamilie". Historisch betrachtet gibt es in Europa eine ganze Reihe von Familienformen. Gegenstand der Diskussion waren insbesondere das "Ganze Haus" und die "Große Haushaltsfamilie". Beide Formen der Großfamilie gibt es in erheblichen Variationen, sowohl, was die Zahl der Mitglieder, die einbezogenen Generationen oder Seitenlinien, als auch, was den Einbezug Nicht-Blutsverwandter (Mündel, Gesinde, Haussklaven) angeht. Auch die Interpretation von "Abstammung" unterscheidet sich vgl. z.B. die Institutionen der Adoption und Pflegekindern / -eltern). In matriarchalischen Gesellschaften wurde die Familie von der Mutter geleitet, in patriarchalischen Familien vom Vater. Als "Ganzes Haus" wird nach Wilhelm Heinrich Riehl die seit dem Mittelalter vor allem in "Westeuropa" entstandene Familienform der Bauern und Stadtbürger bezeichnet, die neben der Kernfamilie primär durch den Einbezug von Gesinde und unverheirateten Verwandten ausgezeichnet ist. Wenn auch von der Zahl der Haushalte her minoritär (grob um ein Drittel), lebten in ihnen doch zum Stichtag um 50% der sesshaften Menschen. Und sehr viel mehr Menschen haben Zeiten ihres Lebens im "Ganzen Haus" gelebt, das mit der Industrialisierung sehr stark zurück trat. Umstritten ist die "ideologische" Bedeutung dieser Lebensform: Einerseits gilt sie als harmonischer Hort unterschiedlicher sozialer Stände, als vorbildhaftes Modell patriarchaler Lebensform, andererseits wird seine soziale Kluft zwischen Herrschaft und Gesinde betont und die Bedeutung des "Ganzen Hauses" gegenüber der Kernfamilie relativiert - die zahlenmäßig immer überwiegt, aber in einer mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Gesellschaft kaum mit der heutigen Kernfamilie gleichgesetzt werden kann. Erst ab dem 18. Jh. liegen Quellen vor, die Haushalte mit allen in ihr lebenden Mitgliedern verzeichnen (Kameralistik; Steuer- und Zensuslisten); zuvor weisen Quellen oft ausschließlich Großfamilien der Oberschichten aus. René König hat darauf verwiesen, dass die Geschichtsschreibung deswegen oft die frühere Bedeutung von Kleinamilien vernachlässigt habe. Die "Große Haushaltfamilie" bezeichnet Lebensformen, bei denen mehrere Generationen und u. U. mehrere parallele Ehen (z. B. von Brüdern) inclusive Gesinde unter einem Dach in einem Lebens- und Wirtschaftsverband lebten. Sie kam eher in Süd-Osteuropa vor (von anderen Welt-Regionen abgesehen - vgl. z.B. den nordfriesischen Haubarg).

Wandel der Familienstruktur in jüngerer Zeit

Mit dem Wachstum der Städte und der Entwicklung des Bürgertums und der Verbürgerlichung des Industrieproletariats in Europa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht auch die Vorstellung der sogenannten 'Normalfamilie'. Diese wandelt sich ihrerseits und bot in den 1950er Jahren noch etwa folgendes Bild: Verheiratet mit eigenen Kindern, beide leibliche Eltern im Haushalt, lebenslange Ehe (auch Monogamie und heterosexuelle Ehe), der Mann als Haupternährer und "Familienvorstand", die Frau mit hausfraulicher Arbeit. Heute (2004) kennt die Familiensoziologie mehrere typische Formen. Zwar hat die Familie nach wie vor eine hohe Wertigkeit und gehört fest in den Lebensplan vieler junger Menschen, doch die Formen der Familie entsprechen immer seltener dem Familienideal der bürgerlichen Familie. Empirisch ist der Wandel der Familienstrukturen an einer Schrumpfung der Haushaltsgröße (zahlreiche kinderlose oder Ein-Kind-Familien), einem Rückgang der Eheschließungen (nicht notwendig aber der Paarbindungen), der Zunahme der Scheidungen, einem Rückgang der durchschnittlichen Geburten pro Frau und einer Zunahme der Frauenerwerbsarbeit feststellbar.

Familienbezogene Wissenschaften

Wegen ihrer Funktionenvielfalt befassen sich zahlreiche Wissenschaften mit der Familie. Zu nennen wären:
- die Medizin (z.B. siehe Hausgeburt)
- die Pädagogik (z.B. siehe Hausaufgabe)
- die Rechtswissenschaft (besonders im Familien- und Erbrecht)
- die Psychologie (z.B. die Familientherapie)
- die Soziologie (besonders die hier bereits herangezogene Familiensoziologie)
- die Ethnologie (besonders ihre Studien zur Verwandtschaft)
- die Geschichtswissenschaft (besonders im Rahmen ihrer Hilfswissenschaften Genealogie und Heraldik)
- die Volkskunde (besonders die Subdisziplin volkskundliche Familienforschung)
- die Volkswirtschaftslehre (besonders innerhalb der Sozialpolitik die Familienpolitik)
- die Ökotrophologie (Haushaltswissenschaft) Erinnert sei auch an familienbezogene Berufsspezifikationen, wie z. B. in der Sozialarbeit.

Zitate

Die Vorstellung, dass die Familie die gesellschaftliche Zelle und der Staat eine Art aufgeblähter Familie sei, ist ein Hindernis für den Fortschritt der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Politik und noch manches anderen. José Ortega y Gasset (Aufbau und Zerfall Spaniens, 1921)

Literatur

Einführend


- Paul B. Hill/Johannes Kopp: Familiensoziologie. Grundlagen und theoretische Perspektiven, 3. überarbeitete Auflage, Wiesbaden (VS Verlag) 2004
- Rosemarie Nave-Herz: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Weinheim / München (Juventa) 2004
- Rüdiger Peuckert: Familienformen im sozialen Wandel, 5. überarbeitete Auflage, Wiesbaden (VS Verlag) 2004

Darstellungen und Spezialuntersuchungen


- A. Burguière, C. Klapisch-Zuber, M. Segalen, F. Zonabend (Hrsg.): Geschichte der Familie, 4 Bde., Campus Verlag, Frankfurt a.M. 1997 [Original: Histoire de la famille, Armand Colin, Paris, 1986]

Kritische Aspekte


- Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt a.M.: Suhrkamp-Verlag
- Max Horkheimer: Studien über Autorität und Familie

Weitere Stichworte

Alleinstehender, Amme, Ehe, Einelternfamilie, Familie (Recht), Familiäre Integration, Familiärer Lebenszyklus, Familienpflegepotential, Familienstrukturen, familiäre Beziehung, Familientherapie, Familienserie, Geschwister, Klan, Kleinfamilie, Mündel, Mutterliebe, Patchworkfamilie, Pflegekind, Pflegeeltern, Phratrie, Regenbogenfamilie, Schwiegermutter (Soziologie), Single, Sippe, Stieffamilie, Vaterliebe, Verschwägerung, Verwandtschaft

siehe auch


- Familiengeschichte

Weblinks

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Nation

Der Begriff Nation (über franz. nation aus lat. natio "Geburt; Herkunft; Volk(sstamm)") bezeichnet eine größere Gruppierung von Personen, die sich aus ihren Traditionen, Sitten und Gebräuchen konstituiert. Sie ist eine vorgestellte Gemeinschaft (vgl. Benedict Anderson), die auf primordialen Bindungen (vgl. Clifford Geertz, Edward Shils) beruht und nur dadurch existiert, dass sich ihre Mitglieder zu ihr bekennen (vgl. Ernest Renan)....( Staatsvolk)...

Allgemeines

Im 18. Jahrhundert, in Folge der Französischen Revolution entstanden und durch zunehmende Mobilität begünstigt, entfaltete die Idee der Nation eine hohe Dynamik, die anfangs gegen Feudalismus und Autokratie (Frankreich, Deutschland), gegen wirtschaftlich und politisch einengende Kleinstaaterei (Deutschland), oder aber gegen imperiale Herrschaft (Russland, Donaumonarchie) gerichtet war. Die Vorstellung vom ethnisch homogenen Nationalstaat gipfelte im 20. Jahrhundert in verschiedenen ethnischen Säuberungen.

Ebenen des Begriffs "Nation"

1. Nation wird als ethnische Homogenität (als "Volk"), aber auch als Stamm (Stammesvolk, früher Völkerstamm) verstanden (vgl. dazu Tribalismus, Reservation). : Diese Definition der Nation geht von der gemeinsamen Abstammung der Angehörigen der Nation und einer daraus resultierenden Kultur- und Spracheinheit aus. Lange Zeit war diese Auffassung vorherrschend, besonders im Mittel- und Osteuropa des 19. und 20. Jahrhunderts, wo sie zur massenwirksamen Ideologie ausgebaut wurde. Heute wird dieses Konzept vielfach angegriffen und kritisiert, dazu unten mehr. 2. Nation ist Homogenität der Sprache und Tradition (Kulturnation) : Nation ist dann die durch die Geschichte bewahrte Einheit in Sprache, Kultur und Traditionen (zahlreiche Überlappungen mit dem in der Romantik geprägten "Volks"-Begriff). Sie lässt sich nicht durch territoriale Grenzen definieren. Dies gilt für die Kulturnation Deutschland, ebenso für andere überstaatliche nationale Gemeinschaften. Noch im 21. Jahrhundert bilden beispielsweise die türkischen Völker eine Kulturnation. Noch heute empfinden sie sich als Staats- und Kulturnation im eurasischen Raum, da sie auf die Staaten Türkei, Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisien und in weiteren Turkrepubliken verteilt leben (dort sind sie „Staatsnation“) und nie das Zusammengehörigkeitsgefühl verloren haben (in diesem Sinne eben „Kulturnation“). Gegenwärtig ist z.B. ein gewisses Streben nach einer Nation z.B. unter den Kurden beobachtbar. Der Gedanke einer kurdischen Nation wurde erstmals im Vertrag von Sèvres 1919 berücksichtigt, der jedoch mangels Ratifizierung durch die Türkei nicht in Kraft getreten ist. Der Prozess wird von heftigen Auseinandersetzungen von innen und außen begleitet. Dieses Streben nach einer Nation gilt aber auch für andre Völker, z. B. die Iren in Nordirland, die sich von den Briten trennen und sich wieder mit der Republik Irland zu einer Nation zusammen schließen möchten. Dies wird aber vornehmlich von den protestantischen Menschen in Nordirland, eingewanderte Briten, verhindert. 3. Nation ist ein politischer Zusammenschluss als Staat (Staatsnation) : Nation ist dann die politisch souverän organisierte und geordnete Staatsnation. Territorialer Zusammenhang kann, muss aber nicht sein. Ethnische, religiöse und sprachliche Gegebenheiten sind nachrangig. Ein Musterbeispiel ist die Schweiz. Fehlen territoriale, ethnische oder kulturelle Klammern, sind solcherlei Nationen leicht Angriffen von innen und außen ausgesetzt und können häufig nur durch totalitäre, autokratische oder absolutistisch-bürokratische Regierungsformen existieren. Beispiele in der Geschichte: Jugoslawien, Sowjetunion, verschiedene postkoloniale Nationen in Afrika und Asien. 4. Nation als religiöser Zusammenschluss (Religionsstaat, Staatsreligion) : Eine in der Geschichte häufiges konstituierendes Element von Nation war und ist bis heute in einigen feudalen Ländern die Staatsreligion. Gab es in der Geschichte viele Nationen, die sich über die Religion definierten (das Spanien der Reconquista, das Frankreich Ludwigs XIV., das England Heinrichs VIII.), so waren in den Staaten des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation nach dem Westfälischen Frieden 1648 regelmäßig die Religion des Fürsten ausschlaggebend (cuius regio eius religio - lateinisch für Wes das Land, des die Konfession). Dass die Bevölkerung einen Glaubenswechsel nicht mitmachen brauchte, gab es allerdings auch (in Preußen war der König kalvinistisch, die Bevölkerung jedoch lutherisch, und in Sachsen der Kurfürst katholisch, die Bevölkerung lutherisch). Beispiele für Religionsstaaten: Israel als jüdischer Staat, der Iran des Ayatollah Chomeini, Afghanistan der Taliban, Saudi Arabien der wahabitischen Saudi-Familie. Eine bedeutende Rolle spielt die Religion im Gegensatz zwischen Kroatien und Serbien (katholisch | christlich-orthodox).

Ideengeschichte

Begründungen von Nation

Die Vorstellungen von Nation beruhen unter anderem auf zwei sehr unterschiedlichen Begründungen der Nation, die bis heute einen großen Einfluss haben: # Die essentialistische Definition, die Johann Gottlieb Fichte zugeschrieben wird, nach der Nation überzeitlich existent sei und lediglich noch der Artikulation bedürfe. Fichte sieht demnach die Nation als eine von Gott geschaffene, in alle Ewigkeit und unabhängig von der Geschichte bestehende ontologische Einheit. - Die essentialistische Definition der Nation war eine der Grundlagen für den deutschen Nationalismus. An essentialistische Vorstellungen von Volk und Nation knüpft auch Carl Schmitt an, was bis heute vor allem für die Repräsentationslehre von Bedeutung ist und durch den solche Vorstellungen in der deutschen Staatsrechtslehre wirksam sind. # Die jakobinische Vorstellung von Nation, die in der Nation eine Einheit sieht, die politisch gebildet werden muss. Siehe die klassische Definition einer Staatsnation von Ernest Renan.

Die Nation als "vorgestellte Gemeinschaft"

Nach Benedict Anderson Seit den 1980er Jahren wird in der Soziologie die Nation verstärkt als Kunst und Funktionsbegriff analysiert. Wesentlich dazu beigetragen hat Benedict Anderson, der den Begriff als vorgestellte politische Gemeinschaft analysierte. Für die Erschaffung, Festigung oder Verteidigung einer Nation bedarf es einer ideologischen Basis, dem Nationalismus, der von entsprechenden Bewegungen getragen wird. Diese Bewegungen können ökonomische, ideologische, sprachliche, kulturelle u.a. Gemeinsamkeiten haben. Dabei wird die Nation als soziale Organisationsform verstanden, die geschichtlich sehr jung ist. Die Nationalenmythen, die zur Nationenbildung (Nation-Building - s. Karl W. Deutsch) bemüht werden, beziehen sich aus der Vergangenheit und beanspruchen Zeitlosigkeit, werden jedoch je nach Bedarf umgedeutet und neue erfunden. Erzeugt werden dazu kollektive Bilder. "Schließlich wird die Nation als Gemeinschaft vorgestellt, weil sie, unabhängig von realer Ungleichheit und Ausbeutung, als 'kameradschaftlicher' Verbund von gleichen verstanden wird." (Benedict Anderson) Aus diesem Grund bezeichnet Anderson Nationen als „vorgestellte politische Gemeinschaften“. Nation vereinnahme (homogenisiere) Menschen, die nicht ausschließlich über unmittelbare soziale, wirtschaftliche oder familiäre Beziehungen verbunden sind. In der Tat sind alle Gemeinschaften, die größer sind als die dörflichen mit ihren Face-to-face-Kontakten, vorgestellte Gemeinschaften. Gemeinschaften sollten nicht durch ihre Authentizität voneinander unterschieden werden, sondern durch die Art und Weise, in der sie vorgestellt werden. Für besonders konstituierend für die Nation hält Anderson die Sprache: Die weitaus wichtigste Eigenschaft der Sprache ist (...) ihre Fähigkeit, vorgestellte Gemeinschaften hervorzubringen, indem sie besondere Solidaritäten herstellt und wirksam werden läßt. Terminologisch mit dem gleichen Problem befasst, hat bereits Ferdinand Tönnies geurteilt, dass eine Nation (anders als z.B. eine Polis) nie zur Hauptsache eine "Gemeinschaft", sondern stets überwiegend eine "Gesellschaft" sei (vgl. dazu "Gemeinschaft und Gesellschaft").

Semantisches Netz (Schlag- und Stichwörter)


- Nation-Building, Vielvölkerstaat, Nationalismus, Uniliteralität, Multiliteralität, Nationalgefühl, Nationalbewusstsein, Willensnation, Sozialismus in einem Land, Nationale Symbole, Nationalepos, Nationaldichter, Nationalhymne
- Volk (Nation), Volk, Liste von Völkern, Volksstamm, Multikultur, Tribalismus, Horde, lingua franca
- Staat, Stadtstaat, Bürgerschaft, Dynastie, Reich, Pax Romana, Staatsrecht, Völkerrecht, Krieg, Dreißigjähriger Krieg,
- Staatengemeinschaft, Föderation, Konföderation, Bundesstaat. Staatenbund, Internationalität, Supranationalität, UNO, Internationale, Minderheiten