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| Inquisition |
InquisitionInquisition bezeichnet eine Form mittelalterlichen Gerichts, die heute vor allem in kirchlichem Zusammenhang in Erinnerung ist.
Allgemein
Im Unterschied zu uns heute bekannten Gerichtsformen stand dabei die inquisitio (lat.: Befragung, Untersuchung) im Vordergrund, und nicht etwa die Anklage. Das heißt, alle für einen Prozess nötigen Ermittlungen wurden in dem Prozess selbst erledigt. Vor mittelalterlichen Gerichten, und vor diesem insbesondere, hatten Sachbeweise keine Gültigkeit. Das heißt, zu Beweis von Schuld oder Unschuld gab es nur die Möglichkeit der Zitierung von Zeugen. Durch diese Verfahrenseigenschaften uferten Inquisitionsprozesse oft aus, wobei manchmal ganze Stadtbevölkerungen in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Kirchliche Inquisition
Als Inquisition wurde im Mittelalter auch die inquisitio haereticae pravitatis genannte Behörde bezeichnet, die für die Bekämpfung solcher Lehren eingesetzt wurde, die von der römisch-katholischen Kirche als ketzerische Irrlehren verurteilt worden waren. Technisch hat diese jedoch mit der Gerichtsform an sich wenig zu tun.
Inquisitionsprozesse von kirchlicher Seite wurden ursprünglich vom Papst an die Bischöfe delegiert; erst als sich dieser Weg als wenig effektiv herausstellte, wurde allmählich eine Institution gebildet.
Die alte römische Inquisition als Organ des Vatikans wurde 1908 umbenannt in Sacra congregatio Romanae et universalis Inquisitionis seu Sancti Officii oder kurz Sanctum Officium. Seit der Umstrukturierung der römischen Behörden im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils ist die Kongregation für die Glaubenslehre mit geänderter Aufgabenstellung an ihre Stelle getreten.
Geschichte
Überblick
In den Urgemeinden des Christentums konnten nur Bischöfe gegen Häretiker vorgehen. Nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war, wurden Irrlehrer aufgrund eines Edikts Kaiser Theodosius' I. von 380 auch reichsgesetzlich verfolgt und Todesstrafe angedroht. Der erste tatsächlich hingerichtete Ketzer war Priscillian im Jahr 385.
Die eigentliche Inquisition entwickelte sich erst um 1100 mit dem Aufkommen der Bogomilen, Albigenser, Katharer und Waldenser, die aufgrund ihrer Zahl eine Kirchenspaltung erwarten ließen und auch als gesellschaftliche Bedrohung empfunden wurden. Die Gründung der Inquisition als Behörde erfolgte im 13. Jahrhundert. Man bezog sich dabei auf Bibelstellen und Kirchenväter in mittelalterlicher Interpretation, insbesondere auf Augustinus von Hippo.
Das Neue Testament
Von Auseinandersetzungen innerhalb der Urgemeinde zeugen eine Reihe biblischer Urteilssätze, die im Mittelalter auf den Umgang der Kirche mit Häretikern ausgelegt wurden. Die Exkommunikation als Übergabe an den Satan wird durch den Apostel Paulus gleichsam als pädagogische Maßnahme empfohlen „damit sie in Zucht genommen werden und nicht mehr lästern“ (1. Timotheus 1,20), hatte in den Zeiten der Inquisition den geistlichen und weltlichen Ruin zur Folge. Jesus, der den Abgefallenen im Gleichnis sagt „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen“ (Johannesevangelium 15,6), wurde von der Inquisition wörtlich interpretiert. Hier ist zu beachten, dass Augustinus an ein 1000-jähriges irdisches Reich dachte, was eine Legitimation für Gewalt darstellte, während Jesus das Endgericht und das ewige Reich Gottes im Blick hat. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", sagt Jesus in diesem Zusammenhang zu seinen Jüngern (siehe auch Johannesevangelium, 18. Kap., V. 36ff.). Jesus wurde gekreuzigt - ein wahrer Nachfolger Christi tötet niemals, auch wenn er selbst Verfolgung oder Tod erleiden müsste.
Ein weiteres Beispiel, dass die Toleranz mit "Abweichlern" zu betont: So solle das "Unkraut" nicht vorzeitig ausgerissen werden, sondern das Einbringen der Ernte abgewartet werden, Gottvater selbst werde die Spreu vom Weizen trennen. Richtig verstandene Kirchenzucht hat immer die Umkehr des "Sündenbockes" im Blick.
Frühe Kirche
Es hat zu allen Zeiten Gruppen mit einer besonderen Lehre gegeben, die die Ansicht vertraten, dass sie die einzigen wirklichen Christen seien (Marcion, Montanismus) und ebenso gab es praktisch von Anfang an Gruppen, die das Christentum mit anderen Religionen vermischten (Gnosis, Manichäismus).
Bereits im 2. und 3. Jahrhundert gab es einen gewissen Konsens im Christentum darüber, was die allgemeine christliche Lehre sei, was als Variante akzeptiert werden kann und was die Lehre einer Randgruppe ist, beispielsweise bei Irenäus von Lyon.
Ab dem vierten Jahrhundert, beginnend mit dem Konzil von Nicäa 325 konnten die Bischöfe der damaligen Welt zusammenkommen, um auf einem Konzil über Fragen der Lehre zu entscheiden. Solchen Entscheiden gingen oft lange und heftige Auseinandersetzungen voraus und in einigen Fällen trennten sich Gruppen aufgrund von solchen Lehrentscheidungen von der allgemeinen Kirche, zum Beispiel nach dem Konzil von Chalcedon. Der Kirche stand zur damaligen Zeit als Sanktionsmöglichkeit nur die Exkommunikation zur Verfügung.
Die Verbannung des Arius nach dem Konzil von Nicäa lässt sich aufgrund der innigen Verwobenheit von Weltlichem und Geistlichem in jener Epoche nicht sicher als eine rein weltliche Strafe sehen. Kaiser Konstantin I. verhängte sie, weil er in Arius eine Gefahr für die Einheit des Reichs sah. Aus ähnlichen Gründen haben er und seine Nachfolger im vierten Jahrhundert auch Athanasius und zahlreiche andere orthodoxe Bischöfe verbannt.
Augustinus als „Theologe der Inquisition“
Die Inquisition bezog sich auf Schriften von Augustinus von Hippo, die er aus der konkreten – teilweise für ihn lebensgefährlichen – Auseinandersetzung mit den Donatisten heraus geschrieben hat.
Ursprünglich suchte Augustinus die Häretiker zu überzeugen. Später empfahl er „gemäßigte Strenge“ (temperata servitas), schließlich Maßnahmen der weltlichen Macht wie Geißelung, Buße und Verbannung, in Extremfällen auch die Todesstrafe.
Die Inquisition griff insbesondere zwei Argumente von Augustinus heraus:
- Einem Abtrünnigen den rechten Weg zu zeigen, wenn er diesen nicht gehen wolle, auch unter Zwang, sei ein Akt christlicher Nächstenliebe. Häretiker seien verirrte Schafe, die die kirchlichen Hirten notfalls mit Stock und Knüppel wie züchtigende Eltern gegenüber dem Kinde zur Herde zurückführen würden. Folter sei legitim, da sie nur das sündige Fleisch, nicht aber die Seele schädige. In der Konsequenz sei es besser, die Häretiker zu verbrennen, als „in den Verirrungen zu erstarren“. Die Häretiker „töten die Seelen der Menschen, während die Obrigkeit nur ihre Leiber der Folter unterwirft; sie rufen ewigen Tod hervor, aber beklagen sich dann, wenn die Behörden sie dem zeitlichen Tod überantworten“.
- Die Androhung der Folter stelle den Häretiker nachdrücklich vor die Entscheidung, entweder in seiner Verirrung zu verharren sowie den „Feuerofen der Qual“ samt dem Verlust des Lebens in Kauf zu nehmen. Liebe und Vertrauen zu Gott und in die einmal erkannte Wahrheit dürfte hier die einzig glaubwürdige Motivation sein, siehe auch: "Die drei Männer im Feuerofen", Daniel Kap. 3, V. 17.18, wo es heißt: "Wenn unser Gott, den wir verehren, will, so kann er uns erretten; aus dem glühenden Ofen und aus deiner Hand, o König, kann er erretten. Und wenn er's nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht ehren und das goldene Bild, das du hast aufrichten lassen, nicht anbeten wollen." Die Alternative war „klüger zu werden“, um in den Schoß der Kirche zurückzukehren.
Die Inquisition übersah allerdings Aussagen, die ihre Sicht in Frage stellten, wie etwa die von Augustinus in Corrigi eos volumus, non necari, nec disciplinam circa eos negligi volumus, nec suppliciis quibus digni sunt exerceri. „Wir möchten sie verbessert haben, nicht getötet; wir wünschen uns den Triumph der Kirchenzucht, nicht den Tod, den sie verdienen.“ oder Johannes Chrysostomos: „Einen Ketzer zum Tod verurteilen, ist ein Vergehen ohne mögliche Wiedergutmachung“ und die energischen Proteste von Ambrosius von Mailand und Martin von Tours gegen die Hinrichtung eines Häretikers durch den Kaiser.
Mittelalter
Im Mittelalter bildete sich im Westen parallel zum aufkommenden Frankenreich eine zentrale, von Rom aus hierarchisch organisierte Kirche. Auch nach der Teilung des Frankenreichs blieb die Identifikation der Könige und Kaiser mit dem Christentum bestehen und wegen der engen Verbindung von Kirche und weltlicher Herrschaft wurden abweichende Gruppen nicht nur als Risiko für die Einheit der Kirche, sondern auch als Gefahr für die öffentliche Ordnung gesehen.
Heinrich der Löwe bot sich 1147 zu einem Kreuzzug gegen die teilweise christianisierten Wenden an. 1150 wird die Zwangstaufe letztmalig im Decretum Gratiani verboten.
Ketzerverfolgungen mit Hinrichtungen gab es in Frankreich, Deutschland und Italien schon seit der Jahrtausendwende, sowohl durch weltliche Herrscher wie auch durch lokale kirchliche Autoritäten. Gegen Ketzer ging man zunächst per ad hoc-Anzeige vor. 1184 wurde eine Kommission in Reaktion auf die Katharerbewegung in Südfrankreich gegründet. Nachdem Papst Alexander III. auf dem Konzil von Tours die Notwendigkeit zeitlicher Strafen gegen Abweichler betont hatte, verfügte Papst Lucius III. (1181 - 1185) in Zusammenarbeit mit Friedrich Barbarossa auf dem Konzil von Verona 1183 mit der Bulle [http://www.bod-koeln.de/ad_abolendam.html Ad abolendam], dass Ketzer mit dem ewigen Kirchenbann zu bestrafen seien. 1199 sandte er zwei Mönche der Zisterzienser nach Südfrankreich, die weitreichende Vollmachten zur Niederwerfung der Katharer und Albigenser hatten. Das 4. Laterankonzil forderte 1215 gegen verurteilte Ketzer Einzug des Eigentums, Verbannung und Ausschluss vom Begräbnis in geweihter Erde.
1224 erließ Kaiser Friedrich II. ein Edikt zur Ketzerverbrennung. Ketzerei war zugleich Beleidigung der kaiserlichen Majestät, worauf die Todesstrafe stand. Das Edikt Friedrichs wurde von Gregor IX. akzeptiert, aber er verlangte, dass nur die Kirche entscheiden kann, wer ein unverbesserlicher und rückfälliger Ketzer ist. Im Albigenserkreuzzug 1209 - 1229 wurden die Katharer verfolgt und verbrannt.
Zwischen den beiden Autoritäten Friedrich II. als römischem Kaiser und Gregor IX. als Papst bestand allerdings kein totaler Konsens über die Beurteilung von Ketzerei: Im Konflikt mit den lombardischen Städten warf der Kaiser diesen Ketzerei vor - ein zumindest z.T. berechtigter Vorwurf - und forderte den Papst zum gemeinsamen Vorgehen gegen die Städte Mailand u.a. auf; Gregor verweigerte dieses, da ihm die diese Städte als Gegengewicht zur kaiserlichen Macht dienten.
Das Konzil von Toulouse 1229 verschärfte die Bestimmungen. Die geheimen Zufluchtsorte der Ketzer sollten aufgespürt und entdeckte Ketzer gefangen gesetzt werden, wozu auch das Mittel der heimlichen Denunziation angewandt werden sollte. Wer einen Ketzer verbarg wurde mit dem Verlust des Vermögens oder gar mit dem Tod bedroht. Jedes Haus, in dem man einen Ketzer fände, sollte niedergerissen werden. Wer mit einem Ketzer verkehrte - sei es auch nur in einem Wirtshaus - oder ihm Almosen gab oder mit ihm verheiratet war, war ebenso verdächtig. Der auf eine Vorladung nicht Erschienene oder Flüchtige galt ohne weiteres als schuldig. Wer erschien, wurde allerdings eingekerkert.
Der Beginn der Inquisition
Der bedeutende Theologe Thomas von Aquin legte mit dem Satz „Accipere fidem est voluntatis, sed tenere fidem iam acceptam est necessitatis“ (»Die Annahme des Glaubens ist freiwillig, den angenommenen Glauben beizubehalten notwendig«) den theoretischen Grundstein der mittelalterlichen Inquisition. Für Häretiker forderte er die Exkommunikation und die Todesstrafe.
1231 setzte Papst Gregor IX. eine ständige Kommission zur Bekämpfung der Häresie ein und erließ eine Verordnung, die lebenslängliche Haft mit dem Verlust des Heils für Ketzer androhte und die Höchststrafe für Rückfällige. Gregor entband die Bischöfe und Erzbischöfe von der Untersuchungspflicht und beauftragte damit allein die Dominikaner, wenn auch viele Inquisitoren Mitglieder anderer Orden oder des weltlichen Klerus waren. Der Grund für den Einsatz der Dominikaner war der Umstand, daß die Ketzerei in den ärmeren Schichten am stärksten war und die Dominikaner mit armen Lebensumständen am besten vertraut waren. Dies war für die Ausforschung von wesentlicher Bedeutung. 1235 setzte der Papst offiziell die Inquisition ein. Diese übergab nach Beweisaufnahme durch Befragung den überführten Ketzer der weltlichen Macht, die die Bestrafungen ausführte.
1235
Kaiser Friedrich II. ordnete 1238 die Todesstrafe durch Verbrennen für alle überführten Ketzer an. 1252 genehmigt Papst Innozenz IV. zur Wahrheitsfindung die Folter, die in der weltlichen Justiz der damaligen Zeit üblich war. Ende des 13. Jahrhunderts war die Inquisition eine allgemeine Einrichtung, die in vielen Regionen über ein Amt zu ihrer Unterstützung verfügte.
Die Inquisitionsprozesse waren im zeitgenössischen Rechtswesen fair, insbesondere auch verglichen mit der späteren Hexenverfolgung. Ein Angeklagter hatte z.B. das Recht, seine Feinde aufzuzählen und wenn diese mit den Anklägern identisch waren, wurde die Anklage niedergeschlagen. Falsche Ankläger wurden hart bestraft. Die Mehrheit der Fälle wurde nicht mit dem Tod bestraft, sondern es wurden gute Werke wie Gottesdienstbesuch, Stiftungen oder Wallfahrten verordnet. Teilnahme an Kreuzzügen, Geldbußen oder Pranger waren auch häufige Strafen.
Die mittelalterliche Inquisition beschränkte sich geographisch auf Zentral- und Südeuropa - in den skandinavischen Ländern gab es sie nicht und in England nur vereinzelte Fälle.
Verfolgungen ausgesetzt sahen sich hauptsächlich als häretisch eingestufte christliche Gruppen, wie die Waldenser, Katharer (Albigenser), Wiedertäufer, Beginen, Begharden und Hussiten, aber auch kleinere Gruppen oder einzelne Leute mit abweichenden Ansichten, beispielsweise Pierre Abaelard oder Girolamo Savonarola. Besonders rücksichtslos war die Inquisition in den Fällen, wo parallel eine weltliche Macht eine politische Agenda hatte, zum Beispiel bei Savonarola oder Jeanne d'Arc.
Die deutsche Inquisition
In Deutschland wurde die Inquisition bereits kurz nach ihrer Begründung eingeführt. Doch bereits der erste Ketzerrichter, Konrad von Marburg, wurde 1233 ermordet. Gegen großen Widerstand der Bevölkerung und mancher Fürsten mußte Friedrich II. Verordnungen zur Ausführung des Blutgerichts erlassen, die Karl IV. durch weitere Mandate schützen mußte.
Papst Urban V. sandte 1367 zwei Dominikanermönche als Inquisitoren für Deutschland, von denen Walter Kerlinger sich als besonders grausam hervortat. Papst Innozenz VIII. dehnte die Inquisition 1484 durch die Bulle Summis desiderantes affectibus weiter aus. In dieser sogenannten Hexenbulle, welche der eifrige Inquisitor Heinrich Kramer entworfen hatte, bezeichnete Innozenz VIII. feierlich das Hexenwesen als etwas Reales. Seine beiden Inquisitoren Heinrich Kramer und Jakob Sprenger veröffentlichten 1487 eine Darstellung des Inquisitionsprozesses im Hexenhammer (malleus maleficarum).
Mit der Reformation verschwand die Inquisition größtenteils aus Deutschland.
Die spanische Inquisition
Viele ältere Schilderungen der spanischen Inquisition waren protestantische Propaganda religiöser und politischer Gegner Spaniens, die von Zehntausenden oder gar Hunderttausenden auf dem Scheiterhaufen verbrannter Opfer sprachen. Moderne Forschungen ergeben etwa 1.200 bis 2.000 Todesurteile, etwa zwei Prozent der Fälle, die die spanische Inquisition bearbeitete.
Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgten gegen Juden und Muslime rassistisch motivierte Pogrome seitens der Bevölkerung, deren Ausschreitungen Papst Nikolaus V. zunächst als Diskriminierungen verurteilte.
Die spanische Inquisition lag beinahe vollständig in der Hand der Monarchen. Die römische Kurie hatte auf ihren Verlauf nur einen sehr begrenzten Einfluss. Sie wurde 1481 durch Ferdinand II. und Isabella I. eingerichtet, um solche Juden (so genannte Conversos) und Mauren (Moriscos) aufzuspüren und zu bestrafen, die öffentlich zum Christentum konvertiert waren, aber privat ihre vorherige Religion weiter ausübten und so per Definition Ketzer blieben. Vor ihrer Vertreibung aus dem Land 1492 waren nichtkonvertierte Juden oder Moslems auch noch nicht von der Inquisition betroffen. Papst Sixtus IV., der die Einrichtung genehmigen musste, zögerte zuerst, da die Italiener der Renaissance die Spanier für bigott, gierig und rassistisch hielten. Als Spanien jedoch Neapel eingenommen hatte, gab er 1478 nach.
Das Verfahren der spanischen Inquisition war standardisiert: Angeklagte Häretiker wurden erst einmal verwarnt und nur verhört, wenn sie solche Warnungen nicht beachteten. Die ersten Verhöre fanden durch Theologieprofessoren und Rechtsgelehrte statt. Als Beweise gab es Zeugenaussagen bezüglich Beobachtungen und Charakter, öffentliche Aussagen und den Grad der Frömmigkeit des Beschuldigten - großzügige Spenden an die Kirche waren dabei ein bewährter Weg, um Frömmigkeit zu beweisen. Die spanische Inquisition wandte Folter an, aber normalerweise erst, wenn deutliche Hinweise auf die „Schuld“ eines nicht geständigen Beschuldigten vorlagen.
Nach älteren Berichten waren von 1478 bis 1530 über 90 % der Angeklagten zum Christentum konvertierte Juden, die angeblich an ihrem früheren Glauben festhielten. In der Hälfte aller Fälle (ca. 900 allein in Toledo) wurden sie beim so genannten Autodafé zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. In Guadalupe waren 82 % der Beschuldigten zum Tode verurteilt worden. Die Verurteilten hatten eine Caroja, eine Ketzermütze, zu tragen. Der Anteil der konvertierten Juden nahm mit der Zeit ab, denn die meisten waren längst vertrieben worden.
Neuere Forschungen haben ergeben, dass die Todesstrafe für geständige Ketzer nicht die Regel war. Unter den verschiedenen möglichen Strafen war Einzug von Vermögen ein häufiges Urteil, da sich die Inquisition durch das Eigentum der Ketzer finanzierte. Wenn ein Ketzer sich weigerte umzukehren, wurde er zur Exekution den königlichen Gerichten übergeben, was bei etwa zwei Prozent der Fälle geschah. Viele überführte Häretiker entkamen jedoch während der ersten Stadien der Untersuchung und wurden nur „in effigie“ verbrannt.
Gemäß 2004 publizierter Daten aus den Vatikan-Archiven wurden im 16. und 17. Jahrhundert von der spanischen Inquisition 44.647 Prozesse durchgeführt. Davon führten 1,8 Prozent zu Todesurteilen und weitere 1,7 Prozent zu „Verbrennung in effigie“ (Verbrennung einer Strohpuppe), da der Angeklagte unbekannten Aufenthalts war.
Anfang des 17. Jahrhunderts ließ König Philipp III. alle Moriscos aus Spanien vertreiben. Zwischen 1721 und 1725 wurden noch 160 Juden hingerichtet. Die meisten Ketzer waren aber inzwischen ganz „normale“ Gotteslästerer, Humanisten, „Lutheranos“ und so genannte Bigamisten. Unter napoleonischer Herrschaft (1808-1812) wurde die Inquisition ausgesetzt, um dann mit der Wiedereinsetzung König Ferdinands VII. von Spanien wieder eingeführt zu werden. Am 31. Juli 1826 gab es in Valencia ein letztes Todesurteil der spanischen Inquisition. 1834 wurde sie abgeschafft.
Die französische Inquisition
Die französische Inquisition begann zunächst im Süden des Landes. Schon 1234 gab es einen allgemeinen Aufstand gegen sie in Narbonne und 1242 in Avignon. Unter dem weltlichen Schutz von Ludwig IX. und dessen Nachfolgern erhielt sie sich noch bis ins 14. Jahrhundert, dann verlor sie mehr und mehr an Macht. Trotz der Wiederbelebungsversuche durch Franz I. und Heinrich II. mit der Schaffung eines außerordentlichen Gerichtshofes, der Chambre ardente, war sie in der Folge wenig erfolgreich.
Die Inquisition bestand in Frankreich bis 1772.
Bekanntester Inquisitor war wohl der Dominikanermönch Bernard Gui, der nach Mutmaßungen einer südfranzösischen Adelsfamilie entstammte. Er lebte in der Zeit 1261-1331 und sein Leben stand ganz im Zeichen des Dominikanerordens und der Kirche. Bernard Gui verfasste zahlreiche Schriften, die Ketzer mit einfachen Fragen im Verhör der Ketzerei überführen sollen. Anhand solcher Schriften wurden schließlich die Ketzer ohne Verhandlung verurteilt.
Die römische Inquisition
Die römische Inquisition (Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis), die 1542 von Papst Paul III. als ständige Kardinalskongregation gegründet wurde, ist von den drei Varianten als mildeste und vergleichsweise humane anzusehen. Im Gegensatz zur mittelalterlichen Ketzerinquisition verfolgte sie nicht mehr als häretisch erachtete Bewegungen, sondern sie sah ihre Aufgabe darin, den Glauben unverletzt zu halten und zu verteidigen, sowie Irrlehren und "häretische" theologische und wissenschaftliche Positionen zu überprüfen und zu verwerfen.
Der Inquisitor befragte den Angeklagten in Anwesenheit von mindestens zwei Zeugen. Dem Beschuldigten wurde eine Zusammenfassung der Anklagen vorgelegt, dieser musste beeiden, dass er die Wahrheit sagte. Verschiedene Mittel wurden angewandt, um ein Geständnis des Beschuldigten zu erhalten. Zwar hatte die Folter keine Tradition im christlichen kanonischen Gesetz, kam aber Mitte des 13. Jahrhunderts auf. Die Ergebnisse der Inquisition wurden vor einem Publikum vorgetragen; die Büßer schworen auf Knien mit auf die Bibel gelegter Hand ab.
Das Strafmaß erstreckte sich vom Kirchenbesuch über Pilgerfahrten, Kreuztragen, Gefängnis (üblich war lebenslänglich) und, wenn der Beschuldigte nicht abschwören wollte, bis zur Hinrichtung.
Die Hinrichtung erfolgte durch das Verbrennen am Pfahl durch die weltlichen Behörden. In einigen Fällen, wenn der Beschuldigte gestorben war, bevor das Verfahren eingeleitet werden konnte, geschah es, dass der Tote oder seine Überreste exhumiert und verbrannt wurden. Die Hinrichtung oder lebenslängliche Gefangenschaft war stets mit der Beschlagnahme des Eigentums des Verurteilten verbunden.
Inquisition gegen Protestanten
Mit der päpstlichen Bulle Licet ab initio 21. Juli 1542 von Papst Paul III. richtete sich die Inquisition nun auch direkt gegen Protestanten, wobei auch vorher bereits erste Maßnahmen gegen Protestanten verhängt worden waren (siehe Jakob van Hoogstraten in Köln). Sie endete erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Spanien, wo sie seit Tomás de Torquemada als staatliches Terrorinstrument am Leben erhalten worden war.
Gegenwart
1908 wurde die römische Inquisition von Pius X. umbenannt in Sacra Congregatio Sancti Officii oder kurz Sanctum Officium. Diese Kongregation wurde zum Aufsichtsorgan der lokalen Inquisitionen. Der Papst selbst trug den Titel Präfekt, nahm aber keine Tätigkeit wahr. Statt dessen ernannte er einen Kardinal zum Sekretär. Letzter Sekretär des Sanctum Officium war der zu Lebzeiten gefürchtete, heute fast unbekannte, Kardinal Alfredo Ottaviani.
Papst Paul VI. restruktuierte 1965 im Rahmen einer Kurienreform auch dieses Dikasterium. Es verlor seine Sonderstellung als oberste Kongregation (lat. suprema congregatio) und wurde in „Kongregation für die Glaubenslehre“ umbenannt. Präfekt ist seitdem nicht mehr der Papst selbst, sondern - wie bei allen anderen Kongregationen auch - ein Kurienkardinal. Der letzte Präfekt war der jetzige Papst Benedikt XVI., der nun den kalifornischen Erzbischof William Levada zum Leiter der Glaubenskongregation ernannt hat. Die Kongregation besteht heute aus 25 Mitgliedern (Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe aus 14 verschiedenen Nationen). Hinzu kommen 38 Mitarbeiter und 28 Konsultoren (Berater, in der Regel Theologieprofessoren unterschiedlicher Fachrichtungen).
Siehe auch
- Mihna
Literatur
- Hans Wollschläger: Die Gegenwart einer Illusion. Reden gegen ein Monstrum (1978; ISBN 3257205767)
- Peter Godman: Die geheime Inquisition. 2001, ISBN 3548602010
- Gerd Schwerhoff: Die Inquisition. 2004, ISBN 3-406-50840-5
- Emil van der Vekene: Bibliotheca Bibliographica Historiae Sanctae Inquisitionis. Bibliographisches Verzeichnis des gedruckten Schrifttums zur Geschichte und Literatur der Inquisition. Band 1 - 3. 1982-1992, ISBN 3-289-00272-1, ISBN 3-289-00578-X. 7110 Titel zum Thema Inquisition.
- Emmanuel Le Roy Ladurie, Montaillou. Ein Dorf vor dem Inquisitor, Berlin 2000, ISBN 3-548-26571-5
- Carlo Ginzburg, Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, 5. Aufl. Berlin 2002, ISBN 3-8031-2444-1
Weblinks
- [http://rcswww.urz.tu-dresden.de/~frnz/Inquisition%20Einleitung.htm Anmerkungen und Auswahlbibliographie zu dem Buch von Gerd Schwerhoff]
- [http://www.inquisition2000.de Die Inquisition im Mittelalter (Entstehung, Verfahren, Quellen)]
- [http://www.rarebooks.nd.edu/exhibits/inquisition/text/directory.html Originaldokumente der Spanischen Inquisition (spanisch, teilweise mit englischer Übersetzung und Kommentar)]
- [http://www.foltermuseum.com/index_de.html Mittelalterliches Foltermuseum, Rüdesheim, Rhein]
Kategorie:Christentumsgeschichte (Mittelalter)
Kategorie:Gegenreformation
Kategorie:Inquisition
Kategorie:Folter
ja:異端審問
Latein
Als Latein bzw. Lateinisch (lat. lingua Latina: „lateinische Sprache“) bezeichnet man die Sprache, die ursprünglich vom Volksstamm der Latiner gesprochen wurde, der Bewohner von Latium mit Rom als Zentrum.
Innerhalb der indogermanischen Sprachen gehört Latein zur Gruppe der italischen Sprachen. Es bildete die Grundlage für alle heutigen romanischen Sprachen.
Entwicklung
romanischen Sprachen
Ursprünglich in Rom und dem umliegenden Gebiet (Latium) gesprochen, wurde Latein später an humanistischen Gymnasien unterrichtet. Neben Griechisch war Latein die Amtssprache des römischen Reiches. Wegen der kulturellen Überlegenheit des Ostens verlor es dabei zeitweise in Nordafrika und selbst in Rom seine Vorrangstellung. So war die Liturgiesprache der römischen Christen bis um 300 das Griechische. In dieser Zeit drangen viele griechische Lehnwörter ins Lateinische ein.
Während der Spätantike begannen sich verschiedene Volkssprachen, aus denen im Mittelalter die romanischen Sprachen entstehen sollten, phonetisch und grammatikalisch von der lateinischen Hochsprache wegzuentwickeln. Doch noch im 6. Jahrhundert entstanden hochsprachliche lateinische Werke. Im Oströmischen Reich war Latein bis ins frühe 7. Jahrhundert neben Griechisch eine der beiden Amtssprachen.
Im Westen übernahmen die Germanen mit den Grundelementen der spätrömischen Verwaltung auch die lateinische Sprache, die in der Administration bis in die frühe Neuzeit vorherrschend blieb. Seit der Völkerwanderung und der Christianisierung der (zunächst zumeist arianischen) Germanenvölker wurde Latein im Westen des früheren Römischen Reiches und in den römisch-katholischen Folgestaaten die Sprache des Klerus (Kirchenlatein), der Rechtswissenschaft (Glossatoren) und der sich bildenden Hochschulen (studia generalia). Es bildete somit die Schriftsprache, vor allem für das kirchliche und weltliche Urkundenwesen (Diplomatik) im frühen Europa.
In völkerrechtlichen Verträgen (z. B. im Westfälischen Frieden von 1648) dominierte Latein bis in das 17. Jahrhundert hinein. Es bildet noch bis ins 20. Jahrhundert den Affixvorrat für die Fachterminologie in den Wissenschaften und verliert durch die fortschreitende Absorption in die englische und andere Sprachen lediglich an direkter, nicht jedoch an indirekter Bedeutung. Es wird noch an vielen Schulen unterrichtet.
Antike
Antike Schreibweise
Die lateinische Sprache wurde ursprünglich als scriptio continua, d. h. als zusammenhängender Fluss von Zeichen ohne Zwischenräume geschrieben. Auch Satzzeichen und Kleinbuchstaben wurden in der Antike nicht verwendet. Auf Wachstafeln war nämlich wenig Platz zum Schreiben, und Papyrus war teuer. Die antiken lateinischen Texte sind für uns heute daher schwer zu lesen.
Vergleiche folgendes Beispiel:
Alte Schreibweise:
AVREAPRIMASATAESTAETASQVAEVINDICENVLLO
SPONTESVASINELEGEFIDEMRECTVMQVECOLEBAT
POENAMETVSQVEABERANTNECVERBAMINANTIAFIXO
AERELEGEBANTVRNECSVPPLEXTVRBATIMEBAT
IVDICISORASVISEDERANTSINEVINDICETVTI
NONDVMCAESASVISPEREGRINVMVTVISERETORBEM
MONTIBVSINLIQVIDASPINVSDESCENDERATVNDAS
NVLLAQVEMORTALESPRAETERSVALITORANORANT
NONDVMPRAECIPITESCINGEBANTOPPIDAFOSSAE
NONTVBADIRECTINONAERISCORNVAFLEXI
NONGALEAENONENSISERANTSINEMILITISVSV
MOLLIASECVRAEPERAGEBANTOTIAGENTES
Heutige Schreibweise:
Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,
sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.
poena metusque aberant nec verba minantia fixo
aere legebantur, nec supplex turba timebat
iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti.
nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem,
montibus in liquidas pinus descenderat undas,
nullaque mortales praeter sua litora norant.
nondum praecipites cingebant oppida fossae,
non tuba directi, non aeris cornua flexi,
non galeae, non ensis erant: sine militis usu
mollia securae peragebant otia gentes.
Auszug aus Ovids Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter)
Details zu den verwendeten Buchstaben finden sich in dem Artikel Lateinisches Alphabet. Siehe zu diesem Thema auch: Paläografie (dort Lateinische Paläografie), Capitalis, Versalschrift und Majuskel.
Antike Aussprache
Auf die antike Aussprache der lateinischen Sprache wird im Artikel Lateinische Aussprache eingegangen.
Literatur
Mit Antiker Literatur des Lateinischen beschäftigt sich u. a. der Artikel Lateinische Literatur.
Gegenwart
Auch heute ist Latein noch an vielen Gymnasien aller Fachrichtungen zu finden. Etwa ein Drittel aller Gymnasiasten im deutschen Sprachraum lernt Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. An humanistischen Gymnasien wird dem Lateinischen, neben dem Griechischen, noch eine herausgehobene Bedeutung zugemessen, was früher auf eine aktive Beherrschung des Lateinischen zielte.
Tatsächlich werden auch heute noch für zahlreiche Studiengänge das Latinum oder Lateinkenntnisse gefordert, insbesondere in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fächern. Das Latinum ist als Studienvoraussetzung für die Fächer Medizin und Jura weitestgehend abgeschafft, häufig aber nicht in Fächern wie Anglistik, Philosophie oder sogar Musikwissenschaften.
Unabhängig von den Studienanforderungen wird von Befürwortern des Lateins betont, dass das Erlernen der lateinischen Sprache weiterhin Basis für die korrekte Verwendung von Fremdwörtern sei, das Erlernen anderer romanischer Sprachen wesentlich erleichtere und erhebliche Transfer-Effekte für die Denkschulung aufträten. Das Übersetzen lateinischer Texte fördere auf Grund der erheblichen Komplexität vieler lateinischer Sätze auch das logische Denken. Von den Gegnern ist hingegen zu hören, dass die Auseinandersetzung mit jeder Art von Grammatik, egal welcher Sprache, das strukturierte Denken fördere, und dass das Erlernen moderner romanischer Sprachen, welche im Gegensatz zu Latein noch gebraucht werden, mindestens ebenso gut dazu geeignet sei, die zahlreichen lateinischen Lehnwörter im Deutschen korrekt zu verwenden und andere romanische Sprachen zu erlernen. In der Tat sind viele gesamtromanische, also in allen romanischen Sprachen auftretende Wörter nicht im klassischen Latein vorhanden und müssen dann neu gelernt werden: guerra „Krieg“, testa „Kopf“, cavallo „Pferd“, mangiare/manger „essen“, andare - „gehen“ , boc(c)a/bouche „Mund“, blanco/blanc „weiß“, die Himmelsrichtungen etc. Viele dieser Wörter erklären sich nämlich aus dem umgangssprachlichen oder dem späten Latein oder stammen aus der Soldatensprache, also aus Varietäten, die nicht in der Schule gelehrt werden.
Aus deutschen und US-amerikanischen Untersuchungen geht hervor, dass zwischen absolviertem Lateinunterricht und der Beherrschung der englischen Sprache in Schrift und vor allem Wort eine signifikante Korrelation besteht. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht nachgewiesen worden – möglicherweise macht eine hohe sprachliche Begabung eines Kindes die Wahl des als schwierig geltenden Latein wahrscheinlicher.
Da auch im modernen Lateinunterricht die Sprachproduktion eindeutig der Rezeption (Leseverstehen) untergeordnet ist, glauben viele, Latein falle Menschen mit ausgeprägter Begabung für Mathematik und formelle Denkvorgänge generell leichter als andere Fremdsprachen, wohingegen Menschen mit ausgeprägter Begabung für intuitives Erlernen von Sprachen andere Fremdsprachen leichter fänden. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nicht häufig verifizieren: Die Erfahrung zeigt, dass die Schülerleistungen in Latein überwiegend Hand in Hand mit denen in der Muttersprache und anderen Fremdsprachen gehen.
Modernes Latein
Auch heute werden deutsch-lateinische Lexika aufgrund neulateinischen Wortgutes herausgegeben, z. B. das „lexicon auxiliare“ oder das vom Vatikan herausgegebene „lexicon recentis latinitatis“, welches erst im Jahre 2004 eine Neubearbeitung erfuhr.
Der finnische Rundfunksender YLE (Yleisradio) verbreitet Wochennachrichten in neulateinischer Sprache. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig die Nuntii Latini in schriftlicher und gesprochener Version. Seit April 2004 veröffentlicht auch die deutschsprachige Redaktion bei Radio Vatikan Nachrichten auf Lateinisch. Dabei handelt es sich um ursprünglich deutsche Meldungen. Gero P. Weishaupt übersetzt sie für die Redaktion ins Lateinische. Sehr beliebt ist auch die lateinische Fassung der Asterix-Comics, die der deutsche Altphilologe Graf v. Rothenburg (Rubricastellanus) verfasst hat.
Der Autor Nikolaus Groß, beruflich seit zehn Jahren Deutsch-Lektor in der südkoreanischen Hauptstadt, hat 2004 eine komplett latinisierte Übertragung von Patrick Süskinds Das Parfum im Brüsseler Verlag der Fundatio Melissa, einem überregionalen Verein zur Pflege des gesprochenen Lateins, veröffentlicht. Dem Buch ist mit dem „Glossarium Fragrantiae“ eine größere Liste aktualisierter Neuschöpfungen beigegeben. Vom selben Wortartisten existiert des weiteren ein Buch über den Baron Mynchusanus (Münchhausen). 2003 erschien bereits der erste Teil der Harry Potter-Bücher von J. K. Rowling auf Latein (Harrius Potter et Philosophi Lapis). Daneben gibt es noch viele weitere Übersetzungen „klassischer“ Werke ins Lateinische, so zum Beispiel Karl Mays Winnetou III, oder Der kleine Prinz (Regulus) von St. Exupéry.
Durch das Internet ist die Verfügbarkeit alter lateinischer Texte sowie das Entstehen neuer lateinischer Texte erheblich begünstigt worden. Inzwischen gibt es sogar lateinische Fassungen von Popsongs. Daneben entstehen auch neue Popsongs in lateinischer Sprache, etwa Cursum Perficio, gesungen von Enya, Liberatio, eines von vielen lateinischen Musikstücken der Gruppe „Krypteria“, oder bei Gruppen der Dark Wave bzw. Gothic (Jugendkultur). Roma Ryan hat neben Cursum Perficio für Enya noch weitere Songs in lateinischer Sprache verfasst. In Internetforen wie Grex Latine Loquentium kommunizieren Teilnehmer aus vielen Ländern ausschließlich in Latein.
In der klassischen beziehungsweise neoklassischen Musik findet Latein ebenfalls Verwendung. So hat etwa der niederländische Komponist Nicholas Lens auf seinem Werk Flamma Flamma ein lateinisches Libretto vertont, für sein Werk Terra Terra hat Lens selbst ein Libretto in lateinischer Sprache verfasst. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Vertonungen lateinischer Gedichte wie z. B. von Jan Novák. Carl Orff unterlegte mehreren seiner Vokal-Kompositionen Texte in Latein oder Griechisch. Igor Strawinski ließ das nach Sophokles von Jean Cocteau in französischen Versen verfasste Libretto zu „Ödipus Rex“ von Jean Daniélou ins Lateinische übersetzen.
Das Lehrbuch Lingua Latina per se illustrata des dänischen Autors Hans H. Ørberg hat die bisher hauptsächlich für den Unterricht in modernen Sprachen eingesetzte einsprachige Lehrmethode auf den altsprachlichen Unterricht übertragen. Das Lehrbuch erfreut sich in verschiedenen Ländern einer steigenden Beliebtheit.
Latein in den Wissenschaften
In der Biologie erfolgt die Namensbildung der wissenschaftlichen Namen lateinisch und griechisch, wobei neuere Vorschläge vorsehen, die Regeln nur aus der lateinischen Sprache zu entnehmen. In der Medizin sind die anatomischen Fachbegriffe lateinisch, für die einzelnen Organe wird zusätzlich auch latinisiertes Griechisch verwendet. Die Krankheitsbezeichnungen leiten sich aus dem Griechischen ab. Zahlreiche Sprichwörter haben einen lateinischen Ursprung und sind teilweise auch in der deutschen Übersetzung zu geflügelten Worten geworden. In den Rechtswissenschaften existieren verschiedene lateinische Lehrsätze und Fachbegriffe (Latein im Recht). Auch in der Geschichtswissenschaft spielt vor allem Latein weiterhin eine große Rolle. In der Meteorologie werden lateinische Begriffe in der Wolkenklassifikation eingesetzt.
Latein in der katholischen Kirche
Latein ist neben Italienisch die Amtssprache des Vatikanstaats. Die katholische Kirche veröffentlicht alle amtlichen Texte von weltkirchlicher Bedeutung in Latein. Das gilt für die liturgischen Bücher, den Katechismus, den Codex des kanonischen Rechts sowie die päpstlichen Rechtsvorschriften (canones, decretales) und Rundschreiben (Enzykliken).
Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war Latein die offizielle Gottesdienstsprache und ist dies (laut Sacrosanctum Concilium) offiziell noch heute, wobei andere Sprachen jedoch gleichfalls erlaubt sind. Tatsächlich werden nur noch sehr wenige Gottesdienste in Latein gehalten. Der gegenwärtig amtierende Papst Benedikt XVI. bevorzugt bei seinen Messen aber das Lateinische vor dem Italienischen.
Siehe auch: Lateinische Kirche
Referenzlisten
- Lateinische Präpositionen
- Liste lateinischer Ortsnamen
- Liste lateinischer Präfixe
- Liste lateinischer Redewendungen
- Liste lateinischer Suffixe
- Liste von lateinischen Palindromen
- Lateinische Zahlwörter
Siehe auch
- Grammatik des Lateinischen
- Lateinische Aussprache
- Lateinische Sprichwörter
- Küchenlatein
- Vulgärlatein
- Mittellatein
- Lateinische Literatur
- Sprachen im Römischen Reich
- Jägerlatein
- Panlatinismus
Weblinks
- [http://www.commtec.de/wb/ Wörterbuch Latein-Deutsch-Latein auxilium online (mit Download-Möglichkeit)]
- [http://www.latein-pagina.de/iexplorer/stil.htm Lateinische Stilblüten]
- [http://www.thelatinlibrary.com/ The Latin Library – klassische Texte im Original]
- [http://www.albertmartin.de/latein/ Latein-Deutsch-, Deutsch-Latein-Wörterbuch mit hilfreichen Extras]
- [http://www.radiobremen.de/online/latein/ Nuntii latini bei Radio Bremen]
- [http://www.latein-pagina.de/ Latein-Pagina]
- [http://www.antikeundeuropa.de/Alte_Sprachen_heute/alte_sprachen_heute.html Alte Sprachen heute]
- [http://www.fh-augsburg.de/~harsch/a_chron.html Sammlung lateinischer Texte/bibliotheca Augustana]
- [http://www.music.indiana.edu/tml/ Lateinische Musiktraktate im Original]
- [http://www.lateinservice.de/index.htm Die deutsche Latein-Seite]
- [http://www.alcuinus.net/GLL/ Grex Latine Loquentium (Internetforum in lateinischer Sprache)]
- [http://www.kreienbuehl.ch/lat/ Latein und Altgriechisch Site]
- [http://www.latein24.de/ Übersetzungen vieler klassischer lateinischer Texte bei Latein24.de]
Kategorie:Einzelsprache
-
als:Latein
ja:ラテン語
ko:라틴어
simple:Latin language
th:ภาษาละติน
zh-min-nan:Latin-gí
Mittelalter]]
Das Mittelalter bezeichnet eine Epoche in der europäischen Geschichte
zwischen der Antike und der Neuzeit, die christliche, antike und
keltische, germanische und slawische Entwicklungen zusammenführt.
Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform ist der Feudalismus.
Grundzüge des Mittelalters sind die nach Ständen geordnete Gesellschaft, die gläubig christliche Geisteshaltung in Literatur, Kunst und Wissenschaft, Latein oder Griechisch als gemeinsame Kultur- und Bildungssprache, die Idee der Einheit der christlichen Kirche (die aber faktisch nach dem großen Schisma mit der Ostkirche nicht mehr bestand) und ein recht einheitliches Weltbild.
Zeitliche Festlegung
Im Groben ordnet man das Mittelalter in die Zeit von 500 bzw. 600 n. Chr. bis 1500 n. Chr. ein. Wesentlich genauer sind jedoch folgende Merkmale:
Das Mittelalter erstreckt sich ungefähr vom Ende der Völkerwanderung (375-568) bzw. vom Untergang des weströmischen Kaisertums 476 bis zum Zeitalter der Renaissance seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bzw. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Bezüglich der Problematik der Datierung des Beginns des Mittelalters siehe Spätantike.
Die Datierungen sind nicht immer einheitlich, es kommt oft darauf an, welche Aspekte der Entwicklung bevorzugt werden und von welchem Land man ausgeht. Stellt man zum Beispiel den Einfluss des Islam in den Vordergrund, kann man Mohammeds Hidschra (622) oder den Beginn der arabischen Expansion ab 632 als Beginn sehen. Ebenso gibt es unterschiedliche Datierungsmöglichkeiten für das Ende des Mittelalters, beispielsweise die Erfindung des Buchdrucks (um 1450) oder auch die Reformation (1517).
Fokussiert man einzelne Länder, kann man auch zu verschiedenen Eckdaten kommen. So endete die Antike am Rhein oder in Britannien sicher früher als etwa in Syrien. Und so war zum Beispiel um 1420 in Italien bereits das Zeitalter der Renaissance angebrochen, während man zur gleichen Zeit in England mit gutem Grund noch vom Mittelalter spricht.
Mittelalter bezieht sich in erster Linie auf die Geschichte des christlichen Abendlands vor der Reformation - der Begriff wird kaum im Zusammenhang mit außereuropäischen Kulturen verwendet.
Die Einteilung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter
Man kann das Mittelalter grob in 3 Phasen gliedern:
- Frühmittelalter (Mitte 6. Jahrhundert bis Anfang 11. Jahrhundert)
- Hochmittelalter (Anfang 11. Jahrhundert bis ca. 1250)
- Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500)
Frühmittelalter
In das Frühmittelalter fällt unter anderem auch die Zeit der Völkerwanderung, wobei die Forschung aber mittlerweile dazu tendiert, diese aus dem Mittelalter herauszunehmen, sie als Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter zu sehen und der Spätantike zuzurechnen.
Weitere einschneidende Entwicklungen sind die weitgehende Christianisierung Europas, der Aufstieg des Fränkischen Reiches, der Einfall der Wikinger, der Beginn des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Kämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum. Außerdem wirkt der Aufstieg des Islam und sein schnelles Ausgreifen bis nach Europa prägend.
Wirtschaftlich stellt das Frühmittelalter eine Zeit der Naturalwirtschaft dar, wobei besonders das System der Grundherrschaft herauszustellen ist.
Wesentliche Kulturträger sind das Byzantinische Reich, die Klöster, insbesondere die des Benediktinerordens, sowie die Gelehrten des arabisch-muslimischen Kulturkreises.
Siehe auch Hauptartikel: Frühmittelalter.
Hochmittelalter
Das Hochmittelalter ist die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen Kaiserreichs, des Lehnswesens und des Minnesangs. Es ist auch die Epoche der Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Macht im Investiturstreit, welcher die Einsetzung mehrerer Gegenpäpste zur Folge hatte. Innerhalb der Scholastik wird Aristoteles zur wichtigsten nicht-christlichen Autorität. Der Einfluss der Kirche zeigt sich vor allem an den Kreuzzügen gegen den Islam, denen auch Juden zum Opfer fallen. Im Zuge der Kreuzzüge entwickelt sich ein Fernhandel mit der Levante, von dem insbesondere die italienischen Stadtstaaten profitieren. Die Geldwirtschaft gewinnt gegenüber der Naturalwirtschaft immer stärker an Bedeutung. Die wichtigsten Orden des Hochmittelalters sind neben den Zisterziensern die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner. Im Hochmittelalter entsteht das Zunftwesen, das die sozialen und wirtschaftlichen Vorgänge in den Städten stark prägt.
Siehe auch Hauptartikel: Hochmittelalter.
Spätmittelalter
Hochmittelalter]]
Das Spätmittelalter ist die Zeit des aufsteigenden Bürgertums der Städte und der Geldwirtschaft. In dieser Zeit steigt die Hanse zur Handelsmacht auf. Seit etwa 1280 bis einige Jahrzehnte nach der "Großen Pest" (Schwarzer Tod) in der Zeit von 1349 bis 1351 macht die europäische Geschichte einige krisenhafte Entwicklungen, die zu einem starken Bevölkerungsrückgang (Wüstung, Pest) führen, aber auch zu starken Veränderungen der Gesellschaftstruktur, die allmählich zur Neuzeit überleiten (siehe auch: Krise des 14. Jahrhunderts).
Siehe auch Hauptartikel: Spätmittelalter.
Ende des Mittelalters
Als wesentlich für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit betrachtet man im Allgemeinen die Zeit der Renaissance (je nach Land spätes 14. Jahrhundert bis 16. Jahrhundert), die Entdeckung insbesondere der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus 1492, die Erfindung des Buchdrucks 1450 und die damit beschleunigte Verschriftlichung des Wissens, den Verlust des Einflusses der institutionalisierten katholischen Kirche und den Beginn der Reformation. Diese Ereignisse sind alle rund um die Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert anzusiedeln.
Auch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) wird als ein Ereignis genannt, das das Ende des Mittelalters markiert. Dies ist nicht nur eine zeitlich passende Vereinfachung, sondern hat einige Berechtigung, weil mit dem Untergang des Byzantinischen Reiches das letzte lebendige Überbleibsel der Antike unterging. Des Weiteren war der dadurch ausgelöste Strom byzantinischer Flüchtlinge und Gelehrter nach Italien hauptverantwortlich für den Beginn der Renaissance. Darüber hinaus wurden die Handelsrouten nach Asien durch die Ausbreitung des Osmanischen Reiches blockiert, so dass westeuropäische Seefahrer neue Wege erkundeten. Dabei wurde unter anderem Amerika entdeckt – zumindest war es das erste Mal, dass die Existenz Amerikas innerhalb weniger Jahre in ganz Europa bekannt wurde.
Auf musikalischem Gebiet ist das Ende des Mittelalters am besten mit der Umstellung von Quint-Oktavklängen zu terzhaltigen Harmonien zu bestimmen. Die englischen Komponisten waren hier sehr früh (Anonymus 4 spricht bei dieser Entwicklung auf dem Kontinent sogar direkt von englischem Einfluss); vor allem Dunstable ist hier zu nennen. Ab ca. 1430 lässt sich dieser Wandel in Italien dingfest machen, wobei terzhaltige Klänge nicht sofort die reinen Intervalle als Ruhepole der Komposition ablösten und vor allem am Schluss einer Komposition das ganze 15. Jahrhundert hindurch noch der Klang ohne Terz bevorzugt wurde.
Der Begriff Mittelalter
Der Begriff Mittelalter, erstmals im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten benutzt, hatte schon von Beginn an eine negative Bedeutung, weil sie das Mittelalter als „dunkle“ Epoche zwischen der Antike und ihrer Zeit ansahen, in der antike Traditionen wiedergeboren wurden. Aber erst im 17. Jahrhundert wurde diese Einteilung endgültig vorgenommen. Demnach begann das Mittelalter mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahre 476 und endete mit der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch die Osmanen.
Im Englischen spricht man für den Zeitraum nach Ende der römischen Besatzung bis etwa zur Zeit König Alfreds von Wessex, also für die Zeit der Einwanderung der Angeln, Sachsen und Jüten, aufgrund der mangelhaften schriftlichen Quellen von „The Dark Ages“.
Noch heute bezeichnen wir eine Denkweise als „mittelalterlich“, wenn wir sie als starr und veraltet kritisieren wollen. Auch die umgangssprachliche Wendung „Rückkehr ins Mittelalter“ ist negativ besetzt. In der Romantik wurde das Mittelalter allerdings auch wieder positiver gesehen, teilweise auch systematisch verklärt. In der modernen Forschung werden die originären Leistungen des Mittelalters und die wenigstens teilweise vorhandene Kontinuität der antiken Kultur betont. Der bekannte und angesehene französische Mediävist Jacques Le Goff betonte erst jüngst die Geburt Europas im Mittelalter.
Sonstiges
In der japanischen Geschichte wird die Zeit von ca. 1200 bis ca. 1600 als Mittelalter bezeichnet. Diese Epoche zeichnete sich durch eine starke Dominanz des Buddhismus und des Feudalismus aus.
Siehe auch
- Portal:Mittelalter
Literatur
Wichtige Quellen sind im großen Umfang gesammelt in der Monumenta Germaniae Historica. Siehe auch die dt.-latein. Ausgaben der Freiherr-vom-Stein Gedächtnisausgabe (FSGA). Wichtige Quellen stellen u.a. neben der Geschichtsschreibung auch Constitutionen und andere Aktenquellen sowie Regesten dar.
Eine hervorragende Bibliographie findet sich [http://www.histsem.uni-bonn.de/proseminar/lsma15.htm hier (erstellt vom Historischen Seminar der Uni. Bonn)] sowie [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/tutorium/literatur/literatur.htm hier (Uni. Tübingen; umfangreiche Liste mit Quellen- und Literaturangaben)]. Ansonsten sei auf die Angaben im Lexikon des Mittelalters oder den Bibliographien der unten aufgeführten Werke verwiesen.
Nachschlagewerke
- The New Cambridge Medieval History, Cambridge 1995 ff. Noch im Entstehen begriffen, mit hervorragender Bibliographie.
- Lexikon des Mittelalters, 9 Bde., Ausgabe des dtv-Verlags, München 2002 (in Hardcover München-Zürich 1980-1998). Grundlegendes Werk
Sekundärliteratur
- Hartmut Boockmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters, mehrere Neuauflagen, München 2001. Wohl die beste strukturelle Einführung ins Mittelalter, mit guten bibliographischen Angaben.
- Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt/M., Berlin 1988 ISBN 3-548-34004-0
- Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten: Welten des Mittelalters, München 1988 ISBN 3-492-03152-8
- Fischer Weltgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit (4 Bände) ISBN 3596507324
- Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter, Verlag C. H. Beck, München 1987 ISBN 3-406-32052-X
- Horst Fuhrmann: Überall ist Mittelalter : von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, Verlag C. H. Beck, München 1996 ISBN 3-406-40518-5
- Friedrich Heer: Mittelalter. Von 1100 bis 1350, Zürich 1964
Weblinks
- [http://www.erlangerhistorikerseite.de/ma_resso.html Virtuelle Bibliothek – Geschichte / Mittelalterliche Geschichte (Internet-Ressourcen der Erlanger Historikerseite)]
- [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/indexstart.htm Historisches Seminar der Universität Tübingen, Abteilung für Mittelalterliche Geschichte (zahlreiche Links und Materialsammlungen)]
- [http://netzwerk.wisis.de/text/42.htm Mittelalter - SUSAS Netzwerk für Wissensweitergabe - Ausführliche Texte und zahlreiche Erklärungen zu Wirtschaft, Gesellschaft und Ereignisgeschichte]
- [http://www.genealogie-mittelalter.de/ Genealogie Mittelalter] Mittelalterliche Genealogie im Deutschen Reich bis zum Ende der Staufer
- DER SPIEGEL: [http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltraum/0,1518,381627,00.html Wie die Erde zur Scheibe wurde] - das Bild vom rückständigen Mittelalter als moderner Mythos
!Mittelalter
Kategorie:Zeitalter
ja:中世
simple:Middle Ages
KetzereiHäresie (von griechisch αιρεσις, hairesis „Wahl, Auswahl“) bedeutet im frühchristlichen Griechisch Wahl des Glaubens oder auch Partei (von der Orthodoxie abweichenden Gläubigen). Synonym verwendet werden Irrlehre und Ketzerei (von griech. καθαρος, katharós: rein; nach dem Namen der mittelalterlichen Bewegung der Katharer). Während der Begriff der Häresie einen Irrglauben bezeichnet, wird die Abspaltung von der (offiziellen) Kirche als Schisma bezeichnet. Beides kann, muss jedoch nicht einhergehen. So kann ein katholischer Häretiker den Papst als solchen anerkennen und ein Schismatiker alle Glaubensinhalte der Kirche teilen. Der Begriff wird ebenfalls nicht verwendet bei Angehörigen einer anderen Religion, die als Ungläubige bezeichnet werden. Des Weiteren hat sich der Begriff Häretiker als allgemein verwendeter Oberbegriff für bestimmte christliche Bewegungen des Mittelalters durchgesetzt.
Begriffsverwendung
Die Bezeichnung wird besonders in christlichen Kirchen, dem Katholizismus, den orthodoxen Kirchen, protestantischen Kirchen und im Judentum verwendet, das Konzept gibt es jedoch auch im Islam und in einigen anderen Religionen (siehe unten).
Häresie bedeutet „Heterodoxie“ (Andersglaube) im Gegensatz zu Orthodoxie (Rechtgläubigkeit). Als solches kann eine Lehre prinzipiell nur von ihren „orthodoxen“ Gegnern als häretisch bezeichnet werden, nicht von einem objektiven Standpunkt aus. Das Wort Katharer/Ketzer war dagegen ursprünglich eine Selbstbezeichnung bestimmter Gruppen und wurde erst später zum Synonym für Häretiker.
Häresie wird unterschieden von Apostasie (dem völligen - individuellen - Lossagen von einer Religion), von Blasphemie (der gotteslästerlichen Äußerung) und von Schisma (der Trennung von der Organisation einer Kirche, deren Rechtmäßigkeit bestritten wird - wobei die Lehre ebenfalls gemeint sein kann oder auch nicht).
Häresien im Christentum
Häresien im Ur- und Frühchristentum
Bereits im Urchristentum traten Lehrer auf mit mehr oder weniger kontroversen und/oder von der apostolischen Autorität abweichenden Meinungen bezüglich Christus, Gott, Erlösung und anderen zentralen Glaubensaussagen. Für die Kirche erwuchs die Notwendigkeit der Unterscheidung, welche dieser Lehren akzeptabel, und welche zu verwerfen waren.
Zu Lebzeiten der Apostel lag die letzte Autorität über die richtige Lehre bei den Aposteln (zum Beispiel beim Apostelkonzil).
Die Alte Kirche kannte bis ins 4. Jahrhundert zunächst keine zentrale Autorität, die über solche Fragen der Lehre hätte entscheiden können (auch der Bischof von Rom war zur damaligen Zeit keine solche Autorität). Es entwickelten sich zuerst drei gleichberechtigte kirchliche Metropolen in Antiochia, Alexandria und Rom. Konstantinopel und in weit geringerem Maße Jerusalem kamen später noch hinzu. Deren Bischöfe waren in ihrem Umkreis bestimmend.
Daneben entstanden durch herausragende Personen im Laufe der Zeit auch noch andere theologische Schwerpunktzentren wie zum Beispiel in Nordafrika durch Augustinus und in Kleinasien durch die Kappadozier. Diese Theologen setzten sich mit den in ihrer Umgebung kursierenden abweichenden Lehren auseinander, wobei ihnen außer Argumenten und der Exkommunikation (dem Kirchenausschluss) nicht viele Machtmittel zur Verfügung standen. Eine solche Exkommunikation traf den Häretiker in der damaligen Zeit weit weniger als im europäischen Mittelalter, da das Christentum ja noch nicht Staatsreligion war. Außerdem war der Häretiker ja davon überzeugt, dass er dem rechten Glauben anhing, und sich die Kirche im Irrtum befände.
Vom 4. bis ins 8. Jahrhundert waren es die ökumenischen Konzilien, die Lehrentscheidungen für die ganze Kirche treffen konnten. Diese Lehrentscheidungen sind bis heute bei den orthodoxen, katholischen und den meisten protestantischen Kirchen anerkannt. Sie wurden ja auch zeitlich weit vor dem Schisma (Abtrennung von der orthodoxen Kirche) und der protestantischen Bewegung beschlossen.
Gewöhnlich ging einer Verurteilung einer Lehre durch ein ökumenisches Konzil eine Zeit der intensiven Auseinandersetzung, Diskussion und Argumentation voraus.
Die Lehrentscheidungen der ersten Jahrhunderte wurden in der Regel auf der Basis eines Mehrheitskonsenses getroffen. In einigen Fällen, zum Beispiel bei der Auseinandersetzung mit dem Arianismus lag die politische Macht allerdings auf der nicht-orthodoxen Seite (siehe auch Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz, Ambrosius von Mailand).
Synkretistische Häresien
Eines der frühesten Probleme des Christentums war, sich in der synkretistischen Kultur des Hellenismus gegenüber synkretistischen Religionen wie Gnostizismus und Manichäismus abzugrenzen, die die christlichen Dogmen ganz oder teilweise mit anderen Religionen oder Eigenkonstruktionen vermischten. Solche Bewegungen waren
- Gnostizismus
- Markionismus
- Montanismus
- Manichäismus
Das apostolische Glaubensbekenntnis entstand als Reaktion auf synkretistische Häresien.
Christologische Häresien
Die orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen lehren, dass Christus völlig göttlich („wahrer Gott“) und gleichzeitig völlig menschlich sei („wahrer Mensch“) und dass die Personen der Trinität gleich und ewig seien.
Die Formulierung der trinitarischen Lehre wurde im Verlauf von Jahrhunderten entwickelt, wobei die Definitionen immer wieder verfeinert wurden, um neu aufgekommene Meinungen bezüglich der Natur Jesu Christi, dem Verhältnis zwischen Christus und Gott der Vater und der Trinität abzuwehren.
Zu diesen Häresien gehörten:
- Adoptionismus oder dynamischer Monarchianismus erstmals im 2. und 3. Jahrhundert: Jesus sei bei seiner Taufe von Gott adoptiert worden. Jesus sei nicht Gott, sondern ein Mensch durch und in dem Gott wirke. Wird heute von Christadelphians und Unitariern vertreten.
- Apollinarianismus, von Apollinaris von Laodicea dem Jüngeren um 360 in Syrien: Jesus Christus könne nicht gleichzeitig Gott und Mensch sein, sondern der göttliche Logos sei an die Stelle einer menschlichen Seele getreten. Nur sein Körper sei menschlich geblieben.
- Arianismus, als Lehre erstmals im 3. Jahrhundert: Jesus Christus stände unter Gott und sei eine geschaffene Kreatur, allerdings vor allen anderen Wesen geschaffen und somit auch nicht Mensch im üblichen Sinne.
- Modalismus, modalistischer Monarchianismus, Patripassianismus, Sabellianismus, erstmals im 2. und 3. Jahrhundert: Gott sei eine einzige Person, die sich während der Geschichte auf verschiedene Art (als Schöpfer, als Jesus Christus, als Heiliger Geist) offenbart habe. Wird heute von manchen Pfingstgemeinden (Oneness Pentecostals) und der Vereinigten Apostolischen Kirche vertreten.
- Monophysitismus, Doketismus 2. Jahrhundert, 5. Jahrhundert: Jesus habe nur eine - göttliche - Persönlichkeit, sei entweder nur scheinbar Mensch, oder seine menschliche Natur sei in der göttlichen aufgegangen wie ein Tropfen im Ozean.
- Nestorianismus: 5. Jahrhundert, lehrt Jesus habe zwei klar unterschiedene Persönlichkeiten als Gott und Mensch, die vor allem den Körper gemeinsam hatten.
Das nicäische Glaubensbekenntnis ist als Reaktion auf christologische Häresien entstanden.
Ekklesiologische Häresien
- Donatismus 4. Jahrhundert: Gültigkeit christlicher Sakramente (insbesondere Taufe, Priesterweihe) hingen vom Charakter und Glauben des Priesters ab (das heißt Taufen und Priesterweihen durch während der Verfolgung abgefallene Priester sind ungültig und müssen von einem nicht abgefallenen Priester neu gespendet werden; Abgefallene dürften nach der Verfolgung nicht wieder in die Kirche aufgenommen werden.)
- Pelagianismus: 5. Jahrhundert. Lehnt die Erbsünde ab und lehrt, der Mensch könne von sich aus alle Gebote Gottes einhalten.
Gruppierungen, die in irgendeiner Form am jüdischen (Ritual-)Gesetz festhalten wollten:
- Nazoräer, Nazarener
- Ebioniten
- Elksaiten
- Hebräer
Katholische Kirche und Häresie
Definition von Häresie in der Katholischen Kirche
Die katholische Kirche differenziert zwischen einzelnen abweichenden Erscheinungsformen des Glaubens und deren Nähe zur ausdrücklichen Häresie.
Nur ein Glaube, der direkt einem Artikel des Glaubens zuwiderhandelt oder der ausdrücklich festhält, was durch die Kirche zurückgewiesen wird, wird tatsächlich Häresie genannt, wobei zwingende Voraussetzung ist, dass der Häretiker vorher katholischer Christ war. Häresie ist die beharrliche Leugnung oder das beharrliche Zweifeln an einer zu glaubenden Wahrheit, nachdem die Taufe empfangen wurde. Während die Bezeichnung häufig von Laien verwendet wurde, um jeden möglichen falschen Glauben als Heidentum zu denunzieren, kennzeichnet diese Definition nur jenen als Häretiker, der als ursprünglicher Gläubiger der Katholischen Kirche später von dieser rechtgläubigen Kirche zugunsten eines gegensätzlichen Glaubens abwich.
Einen Glauben, der die Kirche nicht direkt abgewiesen hat, oder der im Gegensatz zu einer weniger wichtigen Kirchenlehre steht, nennt man sententia haeresi proxima, „eine Meinung nahe der Häresie“.
Ein theologisches Argument oder ein Glaubenssystem, das keine Häresie behauptet, aber zu häretischen Schlussfolgerungen führen könnte, nennt man propositio theologice erronea, eine „irrige theologische Angelegenheit“.
Wenn eine theologische Position nur Konflikte wohl denkbar macht, aber nicht notwendigerweise dazu führt, sprach man abgemildert von suspecta sententia de haeresi, „vermuteter Abweichung“.
Vorgehen gegen Häresie
Im Mittelalter war Häresie nicht nur ein Problem der Kirche, sondern ebenso der weltlichen Macht, die eine Abweichung vom rechten Glauben einer staatsfeindlichen Haltung gleichsetzte. Es kam vor, dass weltliche Fürsten von der Kirche forderten, Häretiker zur Ordnung zu rufen.
Im 11. und 12. Jahrhundert befahlen Päpste, Häresie mit Gefangenschaft und Einzug des Eigentums zu bestrafen und drohten den Fürsten, die Häretiker nicht bestraften, mit Exkommunikation.
Exkommunikation galt im Mittelalter als schwerste Bestrafung, und wurde auch so empfunden, da sie die einzelne Person vom Leib Christi, seiner Kirche, trennte und somit die Erlösung verhinderte. Die Exkommunikation oder die Androhung der Exkommunikation genügten oft, Häretiker zum Abgehen von ihren Überzeugungen zu bewegen.
Nach Auseinandersetzungen mit Sekten wie den Katharern (Albigensern) oder kirchlichen Gruppierungen wie den Waldensern wurde im 13. Jahrhundert die Inquisition gegründet, nachdem Kaiser Friedrich II. ein Gesetz erlassen hatte, das Ketzer zum Feuertod verurteilte. Die Inquisition war von Anfang an eine Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat gegen Häretiker.
So klagt König Philip IV. von Frankreich (Philip der Schöne) den Templerorden wegen Ketzerei und Homosexualität an. Da er hoch verschuldet war, unter anderem auch bei den Templern, wollte er sich die legendären Reichtümer des Ordens aneignen. Am 13. Oktober 1307 wurden alle Templer in Frankreich verhaftet. Am 22. März 1312 hebt Papst Klemens V. auf dem Konzil von Vienne unter dem Druck von König Philip den Orden auf. Am 18. März 1314 werden der letzte Großmeister des Templerordens, Jacques de Molay, zusammen mit Geoffroy de Charnay in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Näheres siehe Inquisition.
Die katholische Kirche und die Reformation
Die Reformation wurde von der katholischen Kirche zuerst auch als Häresie angesehen und in katholischen Gegenden entsprechend verfolgt.
Der moderne Protestantismus an sich wird heute von der katholischen Kirche nicht mehr als Häresie angesehen, wohl aber wurden die einzelnen Personen, die an seiner Entstehung beteiligt waren und die der katholischen Lehre in wesentlichen Punkten widersprachen, durch die Kirche zu Häretikern erklärt. Einige der Lehren des Protestantismus, die die katholische Kirche als häretisch einstuft, sind der Glaube, dass die Bibel einzige Quelle und Richtschnur des Glaubens sei („sola scriptura“) (und nicht wie im katholischen Verständnis Schrift und Tradition), dass nur der Glaube alleine zum Heil führen könne („sola fide“) und dass das allgemeine Priestertum der Glaubenden das Weihepriestertum nicht nur ergänze, sonden überflüssig mache.
Sobald die Protestanten grundsätzlich die römisch-katholische Kirche in Frage stellten, galten sie als Schismatiker, nicht als Häretiker.
Eine Reaktion auf die Reformation war die Einrichtung der Kongregation für die Glaubenslehre (Sanctum Officium), die bis heute in der katholischen Kirche die letzte Instanz für Glaubensfragen ist.
Häretische Gruppen in der Neuzeit
In der Neuzeit wurde die Lehre von häretischen Gruppen offiziell vom Papst als Häresie verurteilt, es kam jedoch nicht mehr zu weltlichen Bestrafungen von Häresie.
Neuzeitliche Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche, die als Häresie verurteilt wurden:
- Jansenismus, 17. Jahrhundert, lehrt absolute Prädestination (ähnlich wie Johannes Calvin, aber innerhalb der katholischen Kirche).
- Gallikanismus Der Papst unterstehe dem Konzil, sei nicht unfehlbar und habe keine Macht über weltliche Fürsten
- Sozinianismus und Psilanthropie: Unitarische Bewegung im 17. Jahrhundert, besonders in Polen
Evangelische Kirchen und Häresie
Auch der Protestantismus glaubte bereits in der Reformationszeit die Notwendigkeit zu sehen, sich gegen radikale Bewegungen abzugrenzen, wobei die Bezeichnung Häresie im protestantischen Kontext kaum gebräuchlich ist. Zu weltlichen Strafen wegen Häresie kam es im evangelischen Raum nur im 16. und 17. Jahrhundert.
Dabei wurde in protestantischen Gegenden das Bündnis von Staat und Kirche gegen Häresien weitergeführt, wobei die abweichende Lehre manchmal auch eher das war, was der Staat als gefährlich ansah.
Lehren der katholischen Kirche, die bereits in der Reformation als Häresie gegen das biblische Christentum gesehen wurden, sind die Heiligenverehrung und die Lehre von der Transsubstantiation. Später kam auch die Marienverehrung dazu, die von den Reformatoren selbst nicht verurteilt wurde.
Verfolgt und verurteilt wurden bereits während der Reformationszeit Vertreter der radikalen Reformation, zum Beispiel Thomas Müntzer, die Wiedertäufer, oder der Antitrinitarier Michael Servetus.
Im 18. Jahrhundert kam es zu gegenseitigen Lehrverurteilungen von Calvinisten und Methodisten, insbesondere wegen der unterschiedlichen Auffassung von Prädestination. Dies blieb jedoch im Rahmen von theologischen Disputen ohne weltliche Konsequenzen - und da die Kontrahenten unterschiedlichen Kirchen angehörten auch ohne Kirchenstrafen.
Im 20. Jahrhundert hat der Gnadauer Verband und die deutsche Evangelische Allianz in der Berliner Erklärung von 1909 die Pfingstbewegung als Bewegung von unten (das heißt vom Teufel) verurteilt, was von manchen pietistischen Kreisen immer noch so gesehen wird. Auch da handelt es sich um eine theologische Stellungnahme ohne weltliche oder kirchliche Strafen.
1934 erklärte die Barmer Theologische Erklärung, verfasst vom evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth, die damalige protestantische Mehrheit der "Deutschen Christen", das "Führerprinzip" und den nationalsozialistischen Weltanschauungsstaat zur "falschen Lehre" (= Häresie). Diese "Verwerfung" wurde zum Bekenntnis der Bekennenden Kirche, die sich damit als die wahre evangelische Kirche verstand. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Barmer Erklärung nach 1945 in ihre Bekenntnisschriften aufgenommen. Einige ihrer Landeskirchen ordinieren ihre Pastoren ausdrücklich darauf.
1974 erklärte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) den Rassismus für unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Dies richtete sich in erster Linie gegen rassistische Theologien, wie sie etwa unter weißen reformierten Buren Südafrikas vertreten wurden. Auch damit wurde faktisch eine „Häresie“ verurteilt und ausgegrenzt.
Ein Versuch von Christen in der Traditionslinie Karl Barths, auch die Massenvernichtungsmittel als „bekenntniswidrig“ (häretisch) zu verwerfen, wurde 1958 von der Mehrheit der evangelischen Synodalen abgelehnt.
Fundamentalistische protestantische Gruppierungen sehen oft alles als Häresie an, was ihrer eigenen Ausprägung (die als die absolut Wahre gilt) widerspricht, insbesondere die katholische Kirche, aber auch die großen evangelischen Kirchen, die Ökumene und die Evangelische Allianz.
Häresien im Judentum
Das orthodoxe Judentum stuft als häretisch ein, was von den traditionellen - biblisch-talmudischen - jüdischen Grundregeln des Glaubens abweicht. Zwei schon in der Antike beziehungsweise Spätantike bekannte heterodox-häretische Gruppen bilden die nationale Sondergruppe der Samaritaner und die antitalmudischen Karäer. Im 17. Jahrhundert haben die messianisch inspirierten Anhänger des Sabbatai Zwi als jüdische Häretiker von sich reden gemacht.
Das heutige ultraorthodoxe Judentum ist der Ansicht, dass überhaupt alle Juden, die ihr spezifisches Verständnis von Maimonides' 13 Grundregeln des jüdischen Glaubens zurückweisen, Häretiker sind. Ultraorthodoxe Juden und die meisten modernen orthodoxen Juden betrachten jüdische Reformbestrebungen (Reformjudentum, Rekonstruktionismus, teilweise sogar schon das konservative Judentum) als häretische Bewegungen.
Allerdings bedeutet eine Verurteilung als Häretiker im Judentum nicht, dass die Verurteilten aus Sicht der Verurteilenden keine Juden mehr wären. Ihr Judentum, als Zugehörigkeit zur jüdischen Schicksalsgemeinschaft, bleibt bestehen, nur ihr rechter Glaube wird in Frage gestellt. Nichtjüdische Konvertiten, die zu einer als häretisch angesehenen Richtung des Judentums übertreten, werden allerdings von den Orthodoxen auch nach ihrer Konversion als nichtjüdisch betrachtet.
Häresien im Islam
Die zwei islamischen Hauptbekenntnisse, die Sunna (offizielles Bekenntnis der meisten arabischen Länder und Hauptströmung in der - im übrigen laizistischen - Türkei) und die Schia (Staatsreligion in Iran seit 1501), sahen einander lange Zeit gegenseitig als jeweils häretisch an. Schon viel früher als Katholische und Orthodoxe Kirche im Christentum (Aufhebung des gegenseitigen Bannes Anfang 1964) haben sie sich jedoch in den 1930er Jahren zu gegenseitiger Anerkennung durchgerungen.
Folgende Gruppierungen im Islam können als häretisch gelten:
Ahmadiyya, Assassinen, Babis und Baha'i, Drusen, Hurufi, Karmaten, Chawaridsch, Mu´tazila, Kadariyya, Murdschia
Andere Bewegungen oder religiöse Haltungen, vor allem mystisch inspirierte (vergleiche Sufi, Derwischtum, Bektaschi), sind wohl allgemein einem erhöhten Misstrauen von Seiten der Orthodoxie ausgesetzt, können aber keinesfalls an sich als häretisch bezeichnet werden. Zudem werden heute je nach Land einige dieser Gruppen zugelassen, beziehungsweise von islamischen Gerichten und religiösen Institutionen respektiert, während andere, zum Beispiel die Ahmadis seit 1974 in Pakistan, ausgeschlossen und verfolgt werden.
Im tibetischen Buddhismus hat der Dalai Lama vor der Dorje Shugden-Verehrung gewarnt. Buddhisten, die diese praktizieren, sollen nicht zu seinen Einweihungen kommen, da die Basis für eine vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung fehle. Zudem gab er Gelug-Klöstern den Rat, von der Shugden-Verehrung abzulassen. Die Neue Kadampa Tradition wurde aus der Deutschen Buddhistische Union wegen ihres Verhaltens gegen den Dalai Lama ausgeschlossen. Im japanischen Nichiren-Buddhismus betrachten die verschiedenen Schulen sowohl den Amida-Buddhismus, als auch sich gegenseitig als häretisch.
Weitere Religionen und Weltanschauungsgruppen
Die Häresie ist ein grundlegendes Problem fast aller Weltreligionen, aus strukturellen Gründen aber besonders der monotheistischen - von fundamentalistischen Sondergruppierungen („Sekten“), die Häretiker (wenn nicht gar „Dämonen“) am laufenden Band produzieren und bekämpfen, ganz zu schweigen.
Die Scientology Organisation verwendet die Bezeichnung squirreling für nicht autorisierte Änderungen ihrer Lehre oder Methoden, bezeichnet Häretiker als Verbrecher und verfolgt sie, insbesondere unter der Anklage wegen angeblicher Copyright-Verletzungen. Die Freie Zone wird von der Scientology Kirche als Häretiker angesehen und mit allen Mitteln bekämpft.
Auch rein säkulare Ideologien der Moderne sind hier oft als Erben des alten monotheistischen Einzigkeits- und Einheitsanspruches zu erkennen. Besonders oft hervorgehoben oder vermutet wird diese Parallele für den Marxismus-Leninismus: in der Form des Stalinismus hat die Verfolgung und Verurteilung von Abweichlern (von der offiziellen Parteidoktrin), die man als Opportunisten, Revisionisten oder Renegaten brandmarkte, in ihrer mörderischen Intoleranz deutliche Parallelen zur den christlichen und islamischen Ketzerverfolgung und übertraf diese oft noch an Opferzahlen. Das gleiche gilt, oft mit starken Einschränkungen, auch für viele nationale, oft antikoloniale Erweckungsbewegungen weltweit. Schließlich ist zu erwähnen, dass in vielen schulbildenden Beiträgen zum Ideenreservoir der Moderne (zum Beispiel Psychoanalyse, Surrealismus, Ökologiebewegung und so weiter) das häretische Problem zumindest latent anwesend ist.
Siehe auch
- Inquisition, Hexenverfolgung, Ketzer, Minderheit, Sekte, Apostat, Lollarden
- Liste der Konfessionen,
- Chronologie der christlichen Kirchen, Konfessionen und Sondergruppen
- Messianische Bewegungen
- Gnostizismus
Weblinks
- http://www.katharer.de: die bedeutendste mittelalterliche Häresie
- [http://www.theologie-recherche.de/erkenntnislehre/7wahrheit.htm Aktuelle Literatur zur Häresie und zur Wahrheit des christlichen Glaubens]
- [http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/Patschovsky/kurs/referate.html Ketzer im Mittelalterlichen Recht] (Universität Konstanz, Sommersemester 2003; mit umfangreichen Literaturhinweisen)
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Kategorie:Religion
ja:異端
ko:이단
1908
- 3. Januar: Das Gebiet des Kaziranga-Nationalparks in Indien wird unter Schutz gestellt
- 8. März: Der italienische Traditions-Fußballclub Inter Mailand wird gegründet
- 14. Mai: Die Birresborner Lindenquelle wird als gemeinnützig anerkannt
- 8. November: Seligsprechung der Christina von Stommeln
- 4. Juni: In Hamburg wird die Laeiszhalle, eine Konzerthalle eingeweiht
Katastrophen
- 30. April: Untergang des Kleinen Kreuzers „Matsushima“ nach einer Munitionsexplosion bei Makung (Pescadores Inseln). Von den 347 Mann Besatzung kommen 206 Mann ums Leben
- 30. Juni: In Sibirien geschieht das Tunguska-Ereignis
- 17. September: Der erste Tote durch ein Flugzeugunglück in den USA
- 12. November: In der Zeche Radbod im münsterländischen Bockum Hövel (heute Stadt Hamm) ereignet sich eine Schlagwetterexplosion; 348 Bergleute kommen zu Tode. Infolgedessesn wird die Bergaufsicht im Ruhrgebiet verstärkt und im Bereich der Sicherheitsanforderungen die Grundlagenforschung (Ausgasungsverhalten der Kohle, Wetterführung) intensiviert. Nach diesem Unglück werden für den Bergbau elektrische Gruben- und Helmlampen zwingend vorgeschrieben
- 28. Dezember: Die sizilianischen Städte Messina und Reggio di Calabria werden durch ein schweres Erdbeben zerstört und über 70.000 Menschen sterben
Politik
- Streik der Warenhausangestellten in Berlin
- 1. Januar: Ernst Brenner wird erneut Bundespräsident in der Schweiz
- 1. Januar: Der Wirtschaftsausgleich zwischen Österreich und Ungarn tritt in Kraft
- 1. Januar: Das Gesetz über Nummernschilder für Fahrräder tritt in Frankreich in Kraft
- 1. Februar: Der portugiesische König Karl I. und sein Sohn, Kronprinz Ludwig Philipp, werden in Lissabon erschossen. Neuer König wird der Ludwig Philipps jüngerer Bruder Manuel II
- 4. April: Der finnische Landtag wird wegen „staatsfeindlicher Gesinnung“ vom Zaren mit sofortiger Wirkung aufgelöst
- 31. Mai Landtagswahlen: Mit 99 Sitzen bleibt das Zentrum stärkste Partei in Bayern
- 24. Juli: Auf Druck der Jungtürken setzt der osmanische Sultan Abdülhamid II. die liberale Verfassung von 1876 wieder in Kraft
- 5. Oktober: Bosnische Annexionskrise. Österreich-Ungarn proklamiert die Annexion Bosnien und Herzegowinas, was zu einer europäischen Krise führt
- 5. Oktober: Ferdinand von Bulgarien proklamiert das vom Osmanischen Reich unabhängige Zarentum Bulgarien und ernennt sich zum Zaren
- 2. Dezember: Der zweijährige Pu Yi wird in Peking zum chinesischen Kaiser gekrönt
Wissenschaft und Technik
- Ernest Rutherford und Hans Geiger entwickeln den ersten Ionisationsdetektor
- Melitta Bentz erfindet den Kaffeefilter: Aus ihrer Idee entsteht vom „Eine-Frau-Betrieb“ ein Weltunternehmen, die Melitta Unternehmensgruppe
- 13. Januar: Erstmalige Nutzung der neuen drahtlosen telegrafischen Verbindung zwischen Paris und Casablanca
- Mai: Heike Kamerlingh Onnes verflüssigt zum ersten Mal Helium (Siedepunkt 4,2 K = -269 °C)
- 7. August: Die Venus von Willendorf, eine ca. 10 cm grosse, etwa 35'000 Jahre alte Statuette aus Kalkstein, wird von Archäologen in Willendorf (Niederösterreich) gefunden
- 12. August: In Detroit wird das erste Model T der Ford Motor Company fertiggestellt
- 28. Oktober: Erster Motorflug in Deutschland durch Hans Grade in Magdeburg
- 31. Dezember: Der US-Amerikaner Wilbur Wright legt in einem Flugzeug in Le Mans (Frankreich) in knapp 2 1/2 Stunden 124,7 km zurück, was einen neuen neuen Weltrekord bedeutet
Kultur
- 1. Januar: Neuer Dirigent der Metropolitan Opera in New York wird der österreichische Komponist Gustav Mahler
- 2. Januar: John D. Rockefeller spendet der ehemals von im gegründeten Universität von Chicago rund 2.2 Millionen USD
- 2. Januar: Die Oper „Ein Wintermärchen“ von Karl Goldmark wird in Wien uraufgeführt
- 21. Januar: Uraufführung der Operette Der Mann mit den drei Frauen von Franz Lehár am Theater an der Wien in Wien
- 28. April: In der Schweiz wird der Esperanto-Weltbund gegründet, die „Universala Esperanto-Asocio“
- 17. August: Erste Trickfilmvorstellung der Welt im Théatre du Gymnase in Paris
- 4. November: Uraufführung der Oper Versiegelt von Leo Blech in Hamburg
- 7. November: Uraufführung der Operette Die lustigen Weiber von Robert Stolz in Brünn, (Brno)
- 14. November: Uraufführung der Operette Der tapfere Soldat von Oscar Straus am Theater an der Wien in Wien
- 23. Dezember: Uraufführung der Operette Die geschiedene Frau von Leo Fall am Carl-Theater in Wien
- August Strindbergs „Gespenstersonate“ wird uraufgeführt
- Der österreichische Architekt Adolf Loos veröffentlicht seinen Aufsatz Ornament und Verbrechen, indem eine klare Forderung nach dem En | | |