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InstitutionInstitution (lat. institutio – Einrichtung) ist in der Soziologie eine mit Handlungs-Rechten, Handlungs-Pflichten oder normativer Geltung belegte soziale Wirklichkeit, durch die Gruppen und Gemeinschaften nach innen und nach außen hin verbindlich (geltend) wirken oder handeln.
Umgangssprachlich wird unter einer Institution auch eine Organisation (s. dort) verstanden.
Begriffsgeschichte
Die Betrachtung politischer Institutionen geht mindestens auf Jean-Jacques Rousseau zurück. Die frühen politischen Theorien sahen politische Institutionen jedoch lediglich als Arenen in denen politische Handlungen statt finden, die jedoch von fundamentaleren Kräften bestimmt wurden. In der vergleichenden Regierungslehre befasste man sich mit der institutionellen Grundlage der verfassungsmäßigen Ordnung, insbesondere der westlichen Welt. Es ging also um formalen Institutionen.
Seit Mitte der 1970er Jahren begann sich ein neuer Institutionalismus zu entwickeln. Hierbei handelte es sich um eine Gegenbewegung zu herkömmlichen behaviouristischen Theorieansätzen und zu rational choice Ansätzen, die weitgehend als institutionenblind anzusehen sind. Im Neo-Institutionalismus werden, in Abgrenzung zum klassischen Institutionalismus, neben den formalen Institutionen auch nicht-formale betrachtet. Wie weit im einzelnen der Begriff Institution zu fassen ist, bleibt strittig. Wirtschaftswissenschaftlich inspirierte Wissenschaftler definieren den Begriff enger, als soziologisch inspirierte Wissenschaftler, die auch kognitive Regeln des menschlichen Handelns als Institution begreifen.
Als kleinster gemeinsamer Nenner kann gelten, dass eine Institution ein Regelsystem ist, dass eine bestimmte soziale Ordnung hervorruft.
Der Begriff wird in der Volkswirtschaftslehre für die Erklärung der Bildung von Unternehmen und Unternehmensgrenzen verwendet – oft aus Unzufriedenheit mit dem dort (und in der Betriebswirtschaftslehre) vielfach entfalteten Organisationsbegriff.
Der Brockhaus definiert die Institution als eine "gesellschaftliche, staatliche oder kirchliche Einrichtung, in der bestimmte Aufgaben, meist in gesetzlich geregelter Form, wahrgenommen werden." (Brockhaus Enzyklopädie Bd. 10 1989, S. 544)
Die jüngere Soziologie vermied es gern, komplexe Sachverhalte wie Familie oder Bundestag als "Institution" zu bezeichnen, da sie sowohl Aspekte der Institution als auch der Organisation umfassen und organisationssoziologisch weniger Grundlagenprobleme aufzuwerfen scheinen. (Die Institution der Ehe ist derart genommen eine Organisation, deren Mitglieder die jeweilige Ehefrau und der jeweilige Ehemann sind.) Jedoch hat z.B. 2003 Michael Wildt den "Institutions"-Begriff wieder fruchtbar aufgenommen, um das Reichssicherheitshauptamt in der Zeit des Nationalsozialismus zu erklären.
Beispiele
Beispiele für Institutionen sind jegliche Regeln und Normen, Verfassung, Kartellrecht, Strafrecht, Verträge (allgemein), StVO, DIN-/ISO Norm, Unternehmensleitsätze, Landessprache, Benimmregeln, Sitten und Bräuche.
Auf die oft mit parallelen sozialen Prozessen befasste soziologische Debatte zum Ritual ist zu verweisen.
Ziele
Institutionen leiten das Handeln von Menschen, beschränken die Willkür (den Kürwillen) des individuellen Handelns, definieren den gemeinsamen Handlungsrahmen und mit ihm verbundene Verpflichtungen. Zu diesem Regelsatz bilden sich zugehörige Legitimierungsstrategien und Sanktionsmechanismen heraus. Damit üben Institutionen eine entlastende Funktion aus, indem sie eine kollektiv organisierte Bedürfnisbefriedigung sicherstellen und den einzelnen von elementaren Vollzügen freisetzen. Andererseits schützen sie die Gesellschaft vor individuell willkürlichen und chaotisch gegeneinander laufenden Handlungen und überführen sie in gesellschaftlich wohlgeordnete Abläufe.
Nach dem philosophischen Anthropologen Gehlen ersetzen Institutionen dem Menschen, was dem Tier als Instinkt verfügbar ist; Dieter Claessens hat dies biosoziologisch kritisiert und differenziert (Konzept der „Instinktstümpfe“). Sie sind nach Gehlen notwendigerweise undurchschaubar und entfremdet, bieten aber damit die Möglichkeit für eine "höhere" Freiheit des Handelns.
Institutionen regeln für das Individuum und die Gesellschaft elementare Bereiche wie: Reproduktion, (Familie, Verwandtschaft), Erziehung, Bildung und Ausbildung, Nahrungsbeschaffung, Warenproduktion und Verteilung (Wirtschaft) und die Aufrechterhaltung einer gesellschaftlichen Ordnung (Recht, Politik), sowie der Kultur (siehe Bernhard Schäfers 1995 S. 134-137). Sie sind "bewährte Problemlösungen" für den Alltag - welche man sich auch als Komplex von Handlungs- und Beziehungsmustern vorstellen kann. Institutionen können ihr Abbild in Organisationen finden, sind aber davon deutlich zu unterscheiden. Während Institutionen handlungsleitende Regeln zur Verfügung stellen, definieren Organisationen formell Ziele, Mitgliedschaft und Organisationsabläufe.
Wichtig ist hierbei, dass Institutionen beachtet sein müssen, um ihre Wirkung zu entfalten.
Hierarchie
Insitutionen werden häufig in eine hierarchische Ordnung nach dem Grad der Einschränkung von Gestaltungsfreiräumen gebracht. Je weiter unten die Ebene, desto spezifischer ist die zugehörige Institution.
Die erste Ebene stellt hierbei die soziale Verankerung dar. In dieser Ebene sind insbesondere informelle Institutionen wie Tradition, Weltanschauung und Kultur von Bedeutung. Die Institutionen dieser Ebene entwickeln sich nur sehr langsam über eine evolutionäre Veränderung. Die theoretische Basis wird durch die Soziologie gegeben.
Die zweite Ebene wird durch grundsätzliche formelle Spielregeln dargestellt, etwa eine Verfassung und Regeln des Rechts. Die theoretische Basis wird durch die Theorie der Verfügungsrechte gegeben.
Die dritte Ebene ist das Steuerungs- und Anreizsystem. Grundlage sind private Verträge. Die theoretische Basis wird durch die Transaktionskostenökonomik gegeben.
Die vierte Ebene betrifft schließlich die Ressourcenallokation. Die theoretische Basis wird durch die Prinzipal-Agent-Theorie gegeben.
Risiken und Chancen durch Institutionen
Totale Institutionen wie Gefängnisse, Psychiatrische Anstalten, Schiffsbesatzungen, Klöster oder Internate kontrollieren alle Lebensäußerungen ihrer Mitglieder, können also den Freiraum des Individuums überaus stark einschränken und soziale Entwicklungen verhindern. Sie weisen folgende Merkmale auf (nach Goffman):
#Totale Institutionen sind allumfassend. Das Leben aller Mitglieder findet nur an dieser einzigen Stelle statt und sie sind einer einzigen zentralen Autorität unterworfen.
#Die Mitglieder der Institution führen ihre alltägliche Arbeit in unmittelbarer (formeller) Gesellschaft und [informaler] Gemeinschaft ihrer Schicksalsgefährten aus.
#Alle Tätigkeiten und sonstigen Lebensäußerungen sind exakt geplant und ihre Abfolge wird durch explizite Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.
#Die verschiedenen Tätigkeiten und Lebensäußerungen sind in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen.
Auf der anderen Seite bergen Prozesse der Deinstitutionalisierung, z. B. in gesellschaftlichen Wandlungsphasen, Risiken des Rückfalls in riskantes, rücksichtsloses und nur auf Durchsetzung der Eigenwünsche bedachtes Verhalten.
Siehe auch: Institutionsvertrauen
Wirkungsmechanismus
Institutionen entfalten ihre Wirkung über Anreize, hierbei insbesondere inhaltliche Vorgaben und Sanktionen.
Auf diese Weise lassen sich Erwartungen, Entscheidungen und Handlungen der Individuen beeinflussen. Letztlich hat dies Einfluss auf kollektive, also etwa gesamtwirtschaftliche, Ergebnisse.
Literatur
- Hartmut Esser, Soziologie. Spezielle Grundlagen'#. Band 5: Institutionen. Frankfurt a. M./New York: Campus 2000
- Arnold Gehlen, Der Mensch, Wiesbaden: UTB 1995
- Arnold Gehlen, Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung, Gesamtausgabe Bd. 4, Frankfurt a. M. 1983
- Erving Goffman, Asyle, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972 (zu Totalen Institutionen)
- Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie. Opladen: Leske + Budrich, 4.Auflage 1995
- o.V.: Brockhaus Enzyklopädie Bd. 10, 1989, S. 544
Siehe auch
Ritual, Organisation, Sitte, Brauch
Kategorie:Soziologie
Kategorie:Körperschaft
Kategorie:Volkswirtschaftslehre
ja:制度
ko:기관 (조직)
Latein
Als Latein bzw. Lateinisch (lat. lingua Latina: „lateinische Sprache“) bezeichnet man die Sprache, die ursprünglich vom Volksstamm der Latiner gesprochen wurde, der Bewohner von Latium mit Rom als Zentrum.
Innerhalb der indogermanischen Sprachen gehört Latein zur Gruppe der italischen Sprachen. Es bildete die Grundlage für alle heutigen romanischen Sprachen.
Entwicklung
romanischen Sprachen
Ursprünglich in Rom und dem umliegenden Gebiet (Latium) gesprochen, wurde Latein später an humanistischen Gymnasien unterrichtet. Neben Griechisch war Latein die Amtssprache des römischen Reiches. Wegen der kulturellen Überlegenheit des Ostens verlor es dabei zeitweise in Nordafrika und selbst in Rom seine Vorrangstellung. So war die Liturgiesprache der römischen Christen bis um 300 das Griechische. In dieser Zeit drangen viele griechische Lehnwörter ins Lateinische ein.
Während der Spätantike begannen sich verschiedene Volkssprachen, aus denen im Mittelalter die romanischen Sprachen entstehen sollten, phonetisch und grammatikalisch von der lateinischen Hochsprache wegzuentwickeln. Doch noch im 6. Jahrhundert entstanden hochsprachliche lateinische Werke. Im Oströmischen Reich war Latein bis ins frühe 7. Jahrhundert neben Griechisch eine der beiden Amtssprachen.
Im Westen übernahmen die Germanen mit den Grundelementen der spätrömischen Verwaltung auch die lateinische Sprache, die in der Administration bis in die frühe Neuzeit vorherrschend blieb. Seit der Völkerwanderung und der Christianisierung der (zunächst zumeist arianischen) Germanenvölker wurde Latein im Westen des früheren Römischen Reiches und in den römisch-katholischen Folgestaaten die Sprache des Klerus (Kirchenlatein), der Rechtswissenschaft (Glossatoren) und der sich bildenden Hochschulen (studia generalia). Es bildete somit die Schriftsprache, vor allem für das kirchliche und weltliche Urkundenwesen (Diplomatik) im frühen Europa.
In völkerrechtlichen Verträgen (z. B. im Westfälischen Frieden von 1648) dominierte Latein bis in das 17. Jahrhundert hinein. Es bildet noch bis ins 20. Jahrhundert den Affixvorrat für die Fachterminologie in den Wissenschaften und verliert durch die fortschreitende Absorption in die englische und andere Sprachen lediglich an direkter, nicht jedoch an indirekter Bedeutung. Es wird noch an vielen Schulen unterrichtet.
Antike
Antike Schreibweise
Die lateinische Sprache wurde ursprünglich als scriptio continua, d. h. als zusammenhängender Fluss von Zeichen ohne Zwischenräume geschrieben. Auch Satzzeichen und Kleinbuchstaben wurden in der Antike nicht verwendet. Auf Wachstafeln war nämlich wenig Platz zum Schreiben, und Papyrus war teuer. Die antiken lateinischen Texte sind für uns heute daher schwer zu lesen.
Vergleiche folgendes Beispiel:
Alte Schreibweise:
AVREAPRIMASATAESTAETASQVAEVINDICENVLLO
SPONTESVASINELEGEFIDEMRECTVMQVECOLEBAT
POENAMETVSQVEABERANTNECVERBAMINANTIAFIXO
AERELEGEBANTVRNECSVPPLEXTVRBATIMEBAT
IVDICISORASVISEDERANTSINEVINDICETVTI
NONDVMCAESASVISPEREGRINVMVTVISERETORBEM
MONTIBVSINLIQVIDASPINVSDESCENDERATVNDAS
NVLLAQVEMORTALESPRAETERSVALITORANORANT
NONDVMPRAECIPITESCINGEBANTOPPIDAFOSSAE
NONTVBADIRECTINONAERISCORNVAFLEXI
NONGALEAENONENSISERANTSINEMILITISVSV
MOLLIASECVRAEPERAGEBANTOTIAGENTES
Heutige Schreibweise:
Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,
sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.
poena metusque aberant nec verba minantia fixo
aere legebantur, nec supplex turba timebat
iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti.
nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem,
montibus in liquidas pinus descenderat undas,
nullaque mortales praeter sua litora norant.
nondum praecipites cingebant oppida fossae,
non tuba directi, non aeris cornua flexi,
non galeae, non ensis erant: sine militis usu
mollia securae peragebant otia gentes.
Auszug aus Ovids Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter)
Details zu den verwendeten Buchstaben finden sich in dem Artikel Lateinisches Alphabet. Siehe zu diesem Thema auch: Paläografie (dort Lateinische Paläografie), Capitalis, Versalschrift und Majuskel.
Antike Aussprache
Auf die antike Aussprache der lateinischen Sprache wird im Artikel Lateinische Aussprache eingegangen.
Literatur
Mit Antiker Literatur des Lateinischen beschäftigt sich u. a. der Artikel Lateinische Literatur.
Gegenwart
Auch heute ist Latein noch an vielen Gymnasien aller Fachrichtungen zu finden. Etwa ein Drittel aller Gymnasiasten im deutschen Sprachraum lernt Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. An humanistischen Gymnasien wird dem Lateinischen, neben dem Griechischen, noch eine herausgehobene Bedeutung zugemessen, was früher auf eine aktive Beherrschung des Lateinischen zielte.
Tatsächlich werden auch heute noch für zahlreiche Studiengänge das Latinum oder Lateinkenntnisse gefordert, insbesondere in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fächern. Das Latinum ist als Studienvoraussetzung für die Fächer Medizin und Jura weitestgehend abgeschafft, häufig aber nicht in Fächern wie Anglistik, Philosophie oder sogar Musikwissenschaften.
Unabhängig von den Studienanforderungen wird von Befürwortern des Lateins betont, dass das Erlernen der lateinischen Sprache weiterhin Basis für die korrekte Verwendung von Fremdwörtern sei, das Erlernen anderer romanischer Sprachen wesentlich erleichtere und erhebliche Transfer-Effekte für die Denkschulung aufträten. Das Übersetzen lateinischer Texte fördere auf Grund der erheblichen Komplexität vieler lateinischer Sätze auch das logische Denken. Von den Gegnern ist hingegen zu hören, dass die Auseinandersetzung mit jeder Art von Grammatik, egal welcher Sprache, das strukturierte Denken fördere, und dass das Erlernen moderner romanischer Sprachen, welche im Gegensatz zu Latein noch gebraucht werden, mindestens ebenso gut dazu geeignet sei, die zahlreichen lateinischen Lehnwörter im Deutschen korrekt zu verwenden und andere romanische Sprachen zu erlernen. In der Tat sind viele gesamtromanische, also in allen romanischen Sprachen auftretende Wörter nicht im klassischen Latein vorhanden und müssen dann neu gelernt werden: guerra „Krieg“, testa „Kopf“, cavallo „Pferd“, mangiare/manger „essen“, andare - „gehen“ , boc(c)a/bouche „Mund“, blanco/blanc „weiß“, die Himmelsrichtungen etc. Viele dieser Wörter erklären sich nämlich aus dem umgangssprachlichen oder dem späten Latein oder stammen aus der Soldatensprache, also aus Varietäten, die nicht in der Schule gelehrt werden.
Aus deutschen und US-amerikanischen Untersuchungen geht hervor, dass zwischen absolviertem Lateinunterricht und der Beherrschung der englischen Sprache in Schrift und vor allem Wort eine signifikante Korrelation besteht. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht nachgewiesen worden – möglicherweise macht eine hohe sprachliche Begabung eines Kindes die Wahl des als schwierig geltenden Latein wahrscheinlicher.
Da auch im modernen Lateinunterricht die Sprachproduktion eindeutig der Rezeption (Leseverstehen) untergeordnet ist, glauben viele, Latein falle Menschen mit ausgeprägter Begabung für Mathematik und formelle Denkvorgänge generell leichter als andere Fremdsprachen, wohingegen Menschen mit ausgeprägter Begabung für intuitives Erlernen von Sprachen andere Fremdsprachen leichter fänden. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nicht häufig verifizieren: Die Erfahrung zeigt, dass die Schülerleistungen in Latein überwiegend Hand in Hand mit denen in der Muttersprache und anderen Fremdsprachen gehen.
Modernes Latein
Auch heute werden deutsch-lateinische Lexika aufgrund neulateinischen Wortgutes herausgegeben, z. B. das „lexicon auxiliare“ oder das vom Vatikan herausgegebene „lexicon recentis latinitatis“, welches erst im Jahre 2004 eine Neubearbeitung erfuhr.
Der finnische Rundfunksender YLE (Yleisradio) verbreitet Wochennachrichten in neulateinischer Sprache. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig die Nuntii Latini in schriftlicher und gesprochener Version. Seit April 2004 veröffentlicht auch die deutschsprachige Redaktion bei Radio Vatikan Nachrichten auf Lateinisch. Dabei handelt es sich um ursprünglich deutsche Meldungen. Gero P. Weishaupt übersetzt sie für die Redaktion ins Lateinische. Sehr beliebt ist auch die lateinische Fassung der Asterix-Comics, die der deutsche Altphilologe Graf v. Rothenburg (Rubricastellanus) verfasst hat.
Der Autor Nikolaus Groß, beruflich seit zehn Jahren Deutsch-Lektor in der südkoreanischen Hauptstadt, hat 2004 eine komplett latinisierte Übertragung von Patrick Süskinds Das Parfum im Brüsseler Verlag der Fundatio Melissa, einem überregionalen Verein zur Pflege des gesprochenen Lateins, veröffentlicht. Dem Buch ist mit dem „Glossarium Fragrantiae“ eine größere Liste aktualisierter Neuschöpfungen beigegeben. Vom selben Wortartisten existiert des weiteren ein Buch über den Baron Mynchusanus (Münchhausen). 2003 erschien bereits der erste Teil der Harry Potter-Bücher von J. K. Rowling auf Latein (Harrius Potter et Philosophi Lapis). Daneben gibt es noch viele weitere Übersetzungen „klassischer“ Werke ins Lateinische, so zum Beispiel Karl Mays Winnetou III, oder Der kleine Prinz (Regulus) von St. Exupéry.
Durch das Internet ist die Verfügbarkeit alter lateinischer Texte sowie das Entstehen neuer lateinischer Texte erheblich begünstigt worden. Inzwischen gibt es sogar lateinische Fassungen von Popsongs. Daneben entstehen auch neue Popsongs in lateinischer Sprache, etwa Cursum Perficio, gesungen von Enya, Liberatio, eines von vielen lateinischen Musikstücken der Gruppe „Krypteria“, oder bei Gruppen der Dark Wave bzw. Gothic (Jugendkultur). Roma Ryan hat neben Cursum Perficio für Enya noch weitere Songs in lateinischer Sprache verfasst. In Internetforen wie Grex Latine Loquentium kommunizieren Teilnehmer aus vielen Ländern ausschließlich in Latein.
In der klassischen beziehungsweise neoklassischen Musik findet Latein ebenfalls Verwendung. So hat etwa der niederländische Komponist Nicholas Lens auf seinem Werk Flamma Flamma ein lateinisches Libretto vertont, für sein Werk Terra Terra hat Lens selbst ein Libretto in lateinischer Sprache verfasst. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Vertonungen lateinischer Gedichte wie z. B. von Jan Novák. Carl Orff unterlegte mehreren seiner Vokal-Kompositionen Texte in Latein oder Griechisch. Igor Strawinski ließ das nach Sophokles von Jean Cocteau in französischen Versen verfasste Libretto zu „Ödipus Rex“ von Jean Daniélou ins Lateinische übersetzen.
Das Lehrbuch Lingua Latina per se illustrata des dänischen Autors Hans H. Ørberg hat die bisher hauptsächlich für den Unterricht in modernen Sprachen eingesetzte einsprachige Lehrmethode auf den altsprachlichen Unterricht übertragen. Das Lehrbuch erfreut sich in verschiedenen Ländern einer steigenden Beliebtheit.
Latein in den Wissenschaften
In der Biologie erfolgt die Namensbildung der wissenschaftlichen Namen lateinisch und griechisch, wobei neuere Vorschläge vorsehen, die Regeln nur aus der lateinischen Sprache zu entnehmen. In der Medizin sind die anatomischen Fachbegriffe lateinisch, für die einzelnen Organe wird zusätzlich auch latinisiertes Griechisch verwendet. Die Krankheitsbezeichnungen leiten sich aus dem Griechischen ab. Zahlreiche Sprichwörter haben einen lateinischen Ursprung und sind teilweise auch in der deutschen Übersetzung zu geflügelten Worten geworden. In den Rechtswissenschaften existieren verschiedene lateinische Lehrsätze und Fachbegriffe (Latein im Recht). Auch in der Geschichtswissenschaft spielt vor allem Latein weiterhin eine große Rolle. In der Meteorologie werden lateinische Begriffe in der Wolkenklassifikation eingesetzt.
Latein in der katholischen Kirche
Latein ist neben Italienisch die Amtssprache des Vatikanstaats. Die katholische Kirche veröffentlicht alle amtlichen Texte von weltkirchlicher Bedeutung in Latein. Das gilt für die liturgischen Bücher, den Katechismus, den Codex des kanonischen Rechts sowie die päpstlichen Rechtsvorschriften (canones, decretales) und Rundschreiben (Enzykliken).
Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war Latein die offizielle Gottesdienstsprache und ist dies (laut Sacrosanctum Concilium) offiziell noch heute, wobei andere Sprachen jedoch gleichfalls erlaubt sind. Tatsächlich werden nur noch sehr wenige Gottesdienste in Latein gehalten. Der gegenwärtig amtierende Papst Benedikt XVI. bevorzugt bei seinen Messen aber das Lateinische vor dem Italienischen.
Siehe auch: Lateinische Kirche
Referenzlisten
- Lateinische Präpositionen
- Liste lateinischer Ortsnamen
- Liste lateinischer Präfixe
- Liste lateinischer Redewendungen
- Liste lateinischer Suffixe
- Liste von lateinischen Palindromen
- Lateinische Zahlwörter
Siehe auch
- Grammatik des Lateinischen
- Lateinische Aussprache
- Lateinische Sprichwörter
- Küchenlatein
- Vulgärlatein
- Mittellatein
- Lateinische Literatur
- Sprachen im Römischen Reich
- Jägerlatein
- Panlatinismus
Weblinks
- [http://www.commtec.de/wb/ Wörterbuch Latein-Deutsch-Latein auxilium online (mit Download-Möglichkeit)]
- [http://www.latein-pagina.de/iexplorer/stil.htm Lateinische Stilblüten]
- [http://www.thelatinlibrary.com/ The Latin Library – klassische Texte im Original]
- [http://www.albertmartin.de/latein/ Latein-Deutsch-, Deutsch-Latein-Wörterbuch mit hilfreichen Extras]
- [http://www.radiobremen.de/online/latein/ Nuntii latini bei Radio Bremen]
- [http://www.latein-pagina.de/ Latein-Pagina]
- [http://www.antikeundeuropa.de/Alte_Sprachen_heute/alte_sprachen_heute.html Alte Sprachen heute]
- [http://www.fh-augsburg.de/~harsch/a_chron.html Sammlung lateinischer Texte/bibliotheca Augustana]
- [http://www.music.indiana.edu/tml/ Lateinische Musiktraktate im Original]
- [http://www.lateinservice.de/index.htm Die deutsche Latein-Seite]
- [http://www.alcuinus.net/GLL/ Grex Latine Loquentium (Internetforum in lateinischer Sprache)]
- [http://www.kreienbuehl.ch/lat/ Latein und Altgriechisch Site]
- [http://www.latein24.de/ Übersetzungen vieler klassischer lateinischer Texte bei Latein24.de]
Kategorie:Einzelsprache
-
als:Latein
ja:ラテン語
ko:라틴어
simple:Latin language
th:ภาษาละติน
zh-min-nan:Latin-gí
Soziales HandelnDer Begriff soziales Handeln meint in der Soziologie ein „Handeln“ (Tun oder Unterlassen), das für den Handelnden (den "Akteur") subjektiv mit Sinn verbunden ist, und es wurde für die Sozialwissenschaften maßgeblich in der Nachfolge von Max Weber geprägt.
Sinn meint also den vom Akteur verstandenen Sinn, für außen Stehende muss die Handlung jedoch nicht unbedingt sinnvoll erscheinen. Aus dem Sinn lässt sich die Motivation zum Handeln erschließen. „Sozial“ ist dieses Handeln dann, wenn es seinem Sinn nach wechselseitig auf das Handeln anderer bezogen wird und sich in seinem Verlauf daran orientiert. Diese Anderen müssen nicht physisch anwesend sein. Wird das Handeln an abstrakten, allgemein verbindlichen Regeln (Normen, Gesetzen) ausgerichtet, also an einer bestehenden Ordnung und nicht an privaten Deutungen, spricht Weber von Gesellschaftshandeln.
Eine Theorie vom "sozialen Handeln" muss wie jede Theorie des „Handelns“ eine (anthropologische, biosoziologische) Theorie des sozialen "Akteurs" axiomatisieren. Ältere Ansätze (so der von Ferdinand Tönnies) benutzen als Sinnstifter für das handelnde Subjekt das Konzept des Willens oder (so Jürgen Habermas) der Reflexion, die meisten jüngeren das Konzept der „Ratio“ (→ Theorie der rationalen Entscheidung (rational choice theory), etwa bei Hartmut Esser) oder die „Autopoiesis“ (so Niklas Luhmann). Siehe im Übrigen dazu den Artikel Handeln.
Der Kontrastbegriff zum „sozialen Handeln“ ist in der Soziologie das „Sozialverhalten“. Dessen Ansatz umgeht die „Sinn“-Kategorie (bzw. ist sie ihm stets eine ideologische Aussage), so dass sich „Verhalten“ mit dem von Tieren, ja Pflanzen und Robotern vergleichen lässt und vor allem der Brückenschlag zur Soziobiologie wenig Mühe macht (weniger Mühe zu machen scheint).
Weblinks
[http://www.socioweb.de/seminar/handeln/verstehen/ Max Weber: " Soziales Handeln" mit Beispielen]
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OrganisationOrganisation (von griech. organon = Werkzeug) lässt sich am treffendsten mit "Bewerkstelligung" übersetzen und meint: Planung und Durchführung eines Vorhabens.
Sowohl im allgemeinen Sprachgebrauch als auch in der Wissenschaft (Soziologie, Politikwissenschaft, Betriebswirtschaftslehre) wird der Begriff sehr vielfältig verwendet, wobei je nach Betrachtungsebene unterschiedliche Aspekte betont werden.
Organisationsbegriffe
Üblicherweise wird der Begriff Organisation streng vom Begriff Institution getrennt. Dies gelingt jedoch nicht immer.
In Bezug auf Institutionen gibt es drei wesentliche Betrachtungsweisen:
- institutionell: ein Gebilde ist eine Organisation (Organisation als konkretes Sozialgebilde)
- instrumental: ein Gebilde hat eine Organisation ("Organisiertheit")
- prozessual: ein Gebilde wird organisiert (Organisation als Tätigkeit)
So gesehen ergibt diese letztere Sichtweise folgende Reihenfolge der Betrachtung:
#den Prozess der Organisation, das "Organisieren" (speziell in der Medizin das selbständige Umwandeln abgestorbenen Körpergewebes in gesundes Gewebe) und
#das Ergebnis, z.B. die Körperschaft, die gesellschaftliche Organisation.
Organisation in der Soziologie
In der Soziologie wird unter "Organisation" ein für bestimmte Zwecke eingerichtetes soziales Gebilde mit einem formell vorgegebenen Ziel, mit formell geregelter Mitgliedschaft, einer Verfassung (institutionellen Regeln, siehe auch Institution) und einem Erzwingungsstab zur Durchführung verstanden.
Die Organisationssoziologie untersucht Organisationen in erster Linie aus institutioneller Sicht. Organisation ist dann eine dauerhafte Anordnung von Elementen, deren Tun durch Regeln so festgelegt ist, dass eine Aufgabenlösung in einer zusammenarbeitenden, koordinierten Weise stattfinden kann. Doch werden auch entstehende Organisationen erforscht.
Organisation wird definiert durch die Festlegung
# ihrer Elemente, die Teil der Organisation sind (wer alles gehört dazu?),
# ihrer Kommunikationsstruktur (welches Element steht mit welchem anderen Element in welcher Weise im Austausch?),
# ihrer Autonomie (bei Max Weber, genauer: Autokephalie) (welche Veränderungen nimmt sie selbst oder ein Element von ihr autonom vor?) und
# ihrer Handlungsregeln gegenüber äußeren Ereignissen (woraufhin wird sie als "kollektiver Akteur" tätig?).
Der Grad der Organisiertheit ist demnach der Grad der Festlegung der Elemente in bezug auf die Verbindung mit anderen Elementen und ihrer Arbeitsweise.
Durch die koordinierte Zusammenarbeit der Elemente kann die Organisation Aufgaben lösen, die über die Möglichkeiten der Elemente ('als Einzelwesen') hinausgehen. Der Preis dafür ist die Einschränkung der Freiheitsgrade der einzelnen Elemente. Vorteile von Organisation sind Verstärkung (mehr von Demselben), Ergänzung (Kombination von Verschiedenem), Ausdehnung (Koordination im Raum). Nachteile können sein: Trägheit (durch Koordination), Verlust von Interaktion (insbesondere in der Selbstbestimmheit und Wahrnehmung der Elemente).
Organisation in der Betriebswirtschaftslehre
Die BWL interessiert sich hauptsächlich für Organisation in instrumenteller Sicht. Für ein Unternehmen ist Organisation ein Mittel zum Erreichen des Unternehmensziels.
In diesem Sinne kann man die Organisationen dann nach zwei grundsätzlich verschiedenen Zielsystemen unterscheiden:
• Organisationen, deren Ziel darin besteht, Leistungen zu erbringen und/oder Produkte zu fertigen (Produktionsbetriebe und Dienstleistungsunternehmen) oder bestimmte Außenwirkungen zu erzielen (z.B. Verwaltungsbehörden, Polizei, Parteien, Interessenverbände, Gewerkschaften, usw.).
• Organisationen, deren Zielerreichung auf die Veränderung von Personen gerichtet ist (z.B. Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Beratungsstellen, Gefängnisse usw.). Dieser Zieltyp wird meist Non-Profit-Organisation genannt.
In Bezug auf die Binnenstruktur unterscheidet man zwei Begriffe:
- Aufbauorganisation ("Struktur"): Die hierarchischen Strukturen eines Unternehmens. (Wer hat welche Aufgaben und Entscheidungsbefugnisse?)
- Ablauforganisation (früher: "Katallaktik"): Die Prozesse der Leistungserstellung im Unternehmen ("In welcher Abfolge wird wie etwas gemacht?")
Siehe auch: Organisation (Wirtschaft)
Organisation in der Politikwissenschaft
Eine eigene politologische Organisationslehre ist - trotz der Erforschung von z. B. Parteien - noch nicht durchgesetzt. Doch eröffnen sich mit dem 21. Jahrhundert durch die wachsende Bedeutung der NGO (nichtstaatlichen Organisationen) neue Forschungsfelder. Sie reichen - beispielsweise - vom Roten Kreuz bis zu Al-Qaida.
Organisation im Qualitätsmanagement
Im Zusammenhang mit Qualitätsmanagementsystemen ist eine Organisation definiert als eine „Gruppe von Personen und Einrichtungen mit einem Gefüge von Verantwortungen, Befugnissen und Beziehungen“. Dies kann beispielsweise ein(e) Gesellschaft, Körperschaft, Firma, Unternehmen, Institution, gemeinnützige Organisation, Einzelunternehmer, Verband oder Teile bzw. Mischformen solcher Einrichtungen sein.
Organisation ist aber nicht nur ein statisches Gefüge, sondern definiert auch Vorgehensweisen, Handlungsanweisungen, Eskalationsprozesse, Umgang mit Normverstößen usw.. Diese Bedeutung wird mit dem Wort „Prozessorganisation“ klarer bezeichnet.
Organisationstheorien
Wichtige Organisationstheorien sind:
Neo-Institutionalismus
Garbage Can Modell,
Taylorismus,
Human Relations Ansatz,
Property Rights Ansatz,
Transaktionskostentheorie,
Evolutionstheoretischer Ansatz,
Situativer Ansatz,
Bürokratietheorie,
Systemtheorie und
Principal Agent Theorie
Literatur
- Martin Abraham/Günter Büschges: Einführung in die Organisationssoziologie 3.Auflage. Wiesbaden 2004: VS Verlag
- Mayo Elton (1945) Probleme industrieller Arbeitsbedingungen. Frankfurt a.M., 1945--85.180.132.47 19:57, 6. Sep 2005 (CEST)Gianenrico Landi
- Weber, Max, Die legale Herrschaft mit bureaukratischem Verwaltungsstab. In: der., Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1980
- Wieland Jäger/Uwe Schimank (Hrsg.): Organisationsgesellschaft Wiesbaden 2005: VS Verlag
Siehe auch
- Organ - Institution - Körperschaft - Lernende Organisation - Liste von Organisationen - Managementprozess - Nichtstaatliche Organisation - Partei - Prozess - Staat - Struktur - Verein - Einliniensystem - Mehrliniensystem - Organisationsdiagramm
Weblinks
- [http://www.gfuero.org Gesellschaft für Organisation]
- [http://www.bpm-guide.de BPM-Guide.de - umfangreiches Informationsportal zu Themen rund um das Geschäftsprozess- und Workflow-Management]
Kategorie:Planung und Organisation
Kategorie:Soziologie
InstitutionalismusEinleitung
Politische Institutionen haben, nicht nur in der Politikwissenschaft, einen starken Bedeutungszuwachs erfahren. Dies gilt auch und insbesondere für das Fachgebiet der Vergleichenden Politikwissenschaft.
Institutionalismus versus Neo-Institutionalismus
Die Betrachtung politischer Institutionen geht mindestens auf Jean-Jacques Rousseau zurück. Die frühen politischen Theorien sahen politische Institutionen jedoch lediglich als Arenen in denen politische Handlungen statt finden, die jedoch von fundamentaleren Kräften bestimmt wurden. In der vergleichenden Regierungslehre befasste man sich mit der institutionellen Grundlage der verfassungsmäßigen Ordnung, insbesondere der westlichen Welt. Es ging also um formale Institutionen.
Seit Mitte der 70er Jahren begann sich ein neuer Institutionalismus zu entwickeln. Hierbei handelte es sich um eine Gegenbewegung zu herkömmlichen behaviouristischen Theorieansätzen und zu rational choice Ansätzen, die weitgehend als institutionenblind anzusehen sind. Im Neo-Institutionalismus werden, in Abgrenzung zum klassischen Institutionalismus, neben den formalen Institutionen auch nicht-formale betrachtet. Wie weit im einzelnen der Begriff Institution zu fassen ist, bleibt strittig. Wirtschaftswissenschaftlich inspirierte Wissenschaftler definieren den Begriff enger, als soziologisch inspirierte Wissenschaftler, die auch kognitive Regeln des menschlichen Handelns als Institution begreifen.
Als kleinster gemeinsamer Nenner kann gelten, dass eine Institution ein Regelsystem ist, dass eine bestimmte Ordnung hervorruft.
Varianten des Neo-Institutionalismus
Wie bereits erwähnt wird der Begriff Institution von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen unterschiedlich ausgelegt. Analog lassen sich unterschiedliche neo-institutionalistische Ansätze voneinander unterschieden. Auf der einen Seite des Spektrums gibt es die rational-choice Ansatz und auf der anderen Seite der soziologische Ansatz, dazwischen befindet sich der historische Ansatz, der den rational-choice Ansatz und den soziologischen Ansatz integriert.
Bild:Institutionalismus.jpg
Rational-Choice-Institutionalismus
Die Akteure im Rational-Choice-Institutionalismus sind analog zur mikroökonomischen Theorie rationale Egoisten, also Individuen. Im Gegensatz zur von Soziologen viel kritisierten mikroökonomischen Theorie wird jedoch davon ausgegangen, dass eine institutionelle Regulierung notwendig ist um dem Problem des opportunistischen Verhaltens und der damit verbundene Notwendigkeit Vereinbarungen zu überwachen zu begegnen. Institutionen beeinflussen demnach Handlungs- und Entscheidungsstrategien von Akteuren ohne ihre Ziele und Präferenzen zu verändern. Anders als der originale Rational-Choice- Ansatz erkennt der Rational-Choice-Institutionalismus die Diskrepanz zwischen wahren und gezeigten Präferenzen an.
Anders herum ist die Form und Struktur von Institutionen das aggregierte Ergebnis individueller Entscheidungen.
Soziologischer Institutionalismus
Der soziologische Institutionalismus geht davon aus, dass sich Wahlalternativen dem Entscheidungsträger nicht automatisch anbieten, sondern gefunden werden müssen. Zeit und Informationen zur Entscheidungsfindung sind jedoch nicht unbegrenzt vorhanden. Die benötigten Informationen über Konsequenzen der möglichen Wahlalternativen werden über institutionelle Netzwerke kommuniziert. Die letztendlich getroffene Entscheidung hängt von der Struktur des Systems und den akkumulierten Bias sowie Counterbias ab.
Die Struktur des Systems bildet sich integrativ, durch die Befolgung von Normen, wie kulturellen Routinen und Traditionen.
Historischer Institutionalismus
Der historische Institutionalismus nutzt in der Herangehensweise beide oben beschriebenen Ansätze. Institutionen sind formelle und informelle Prozeduren und Normen, die an Organisationen geknüpft sind. Die Pointe des historischen Institutionalismus ist die Zeit und die Pfadabhängigkeit. Beides ist in den vorangegangenen Ansätzen vernachlässigt.
Probleme, Lösungen, Entscheidungen und Wahlalternativen kommen, durch ihre eigene autonome Zeitlinie, in Arenen der Entscheidung zusammen. Sie sind zur gleichen Zeit vorhanden und bilden so Verbindungen, Abhängig von ihrer zeitlichen Existenz im System und den strukturellen Umständen.
Ordnungsprinzipien des Institutionalismus
Wie bereits erwähnt basiert die aktuelle Sozialforschung im wesentlichen zwischen zwei Polen. Zum einen der Ordnung durch historische Effizienz und zum anderen der Ordnung durch die Rationalität intendierter Entscheidungen. Der Neo-Institutionalismus fordert die Erweiterung um zusätzliche Ordnungsprinzipien. Sie sollen eine bessere Abbildung der Realität gewährleisten und sind als Kritik an den herkömmlichen Theorien zu verstehen. Im folgenden sollen diese Ordnungsprinzipien kurz aufgeführt werden.
1. Die zeitliche Ordnung: Studien haben gezeigt, dass die Beachtung und damit die Lösung eines Problems nicht nur von seiner Wichtigkeit abhängt, sondern mindestens ebenso sehr von seinem zeitlichen Auftauchen.
2. Die normative Ordnung: Das Verhalten von Akteuren beruht nicht nur auf den individuellen Präferenzen, sondern mindestens ebenso sehr auf kulturellen und sozialen Normen. D.h. nicht nur Rationalität sollte zur Erklärung von Entscheidungen herangezogen werden, sondern auch von Präferenzen unabhängige politische Strukturen, in die jedes Individuum eingebettet ist.
3. Die endogene Ordnung: Dieses Ordnungsprinzip ist der neo-institutionelle Gegensatz zu dem Postulat, dass Präferenzen exogen zum Entscheidungsprozess. Viel mehr kann angenommen werden, dass innerinstitutionelle Verteilungen von macht und Ressourcen auch den Entscheidungsprozess beeinflussen.
4. Die historische Ordnung: Hierbei geht es um die Frage inwieweit Institutionen historische Prozesse beeinflussen. Die historische Ordnung sollte, im Gegensatz zur historischen Effizienz, der offensichtlichen Ineffizienz Aufmerksamkeit schenken. Unter welchen Bedingungen findet Anpassung und Lernen in Institutionen statt? Wann kommt es zu optimalen, wann zu suboptimalen Lösungen?
5. Die demographische Ordnung: Bei diesem Ordnungsprinzip geht es, im Gegensatz zur herkömmlichen Ansicht, nicht nur darum, dass kollektives handeln Institutionen beeinflusst.
6. Die Symbolische Ordnung: Die symbolische Ordnung geht davon aus, das Handlungen nicht nur einen bestimmten Zweck haben, sondern auch eine wichtige symbolische Funktion.
Siehe auch
- Neoliberaler Institutionalismus
Kategorie:Soziologie
VolkswirtschaftslehreDie Volkswirtschaftslehre (VWL) ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft.
Betätigungsfeld und Grundannahmen der VWL
Allokation knapper Güter
Die VWL untersucht die Allokation ökonomischer Ressourcen (Güter und Produktionsfaktoren), die der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen. Ausgangspunkt ist also die Grundannahme, dass Güter und Ressourcen knapp sind und die Menschen darum gezwungen sind, sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten von deren Einsatz oder Verbrauch zu entscheiden (Ökonomisches Prinzip). Die Knappheit bedeutet dabei, dass eine einmal gewählte Verwendungsmöglichkeit eine andere ausschließt. Ökonomen bezeichnen das als Opportunitätskosten. Die Wahlentscheidungen von Individuen und Gruppen sind daher in der VWL von zentraler Bedeutung. Die Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass Anreize, Präferenzen und Nutzen diese Entscheidungen bestimmen.
Untersuchungsfelder
In der Volkswirtschaftslehre werden gesamt- und einzelwirtschaftliche Zusammenhänge und Prozesse untersucht. Grundfragen sind Handel, Ressourcenallokation, die Ursachen des Wohlstandes, die Gestaltung der Produktion, die Verteilung des Wohlstandes in einer Gesellschaft, Ursachen von Wirtschaftskrisen sowie die damit verwandten Themen Finanzen, Steuern, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Recht, Armut, Umweltschutz und viele andere.
Menschenbilder
In der Volkswirtschaftslehre wird häufig mit der Modellannahme des homo oeconomicus gearbeitet, nach der der Mensch rational handelt, um sein Wohlbefinden unter gegebenem Informationsstand zu maximieren. Dieses Modell scheint für viele Untersuchungen ausreichend, da sich die irrationalen Vorlieben der einzelnen Individuen in der Summe wieder ausgleichen.
Neuere Forschungsmodelle erweitern zunehmend die Annahmen und beziehen irrationales Verhalten in ihre Denkmodelle der Verhaltensökonomie mit ein, so z. B. in der Spieltheorie. Einige Forscher haben für diese Ansätze schon den Wirtschaftsnobelpreis verliehen bekommen. Des Weiteren berücksichtigen neuere ökonomische Menschenbilder opportunistisches Verhalten (opportunism, Williamson), worunter eigennütziges Denken gepaart mit List und Tücke verstanden wird, und die Begrenztheit der menschlichen Rationalität aufgrund beschränkter kognitiver Kapazitäten (bounded rationality, Simon). So werden solche menschlichen Eigenschaften in der neuen Institutionenökonomik berücksichtigt.
Darüber hinausgehende Entwicklungen wie die des sog. REMM (resourceful, evaluating, maximizing man, Meckling) beziehen zudem die Lernfähigkeit des Menschen in die Betrachtung mit ein.
Werkzeuge und Themen der VWL
Werkzeuge der VWL
Mathematische Modelle spielen eine wesentliche Rolle in der VWL, da sie klare Beweisführung und eindeutig definierte Annahmen verlangen und in der Regel nicht zu vieldeutigen oder "weich" interpretierbaren Ergebnissen führen. Die generellen volkswirtschaftlichen Ansätze lassen sich aber mit einfacher Arithmetik und dem Verschieben von Kurven darstellen, ohne dass man tiefere mathematische Kenntnisse mitbringen muss. Die Österreichische Schule vertritt sogar die Auffassung, dass jedes Modell, das über einfache Logik hinausgeht, nicht nur überflüssig, sondern sogar ungeeignet für ökonomische Analysen sei. In den letzten Jahren zeigt sich eine zunehmende Tendenz hin zu ökonometrischen Arbeiten.
Fachrichtungen der VWL
- Mikroökonomie, die sich mit den Beziehungen von einzelnen Individuen und Firmen untereinander befasst. Die innere Gliederung von Unternehmen ist Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre.
- Makroökonomie, die die Wirtschaft im Gesamtzusammenhang betrachtet, also die Wechselwirkung von Einkommen, Beschäftigung und Inflation
In den letzten zwanzig Jahren gab es immer wieder Versuche, diese beiden Grundrichtungen miteinander zu verzahnen. Heute herrscht weitgehend Einigkeit, dass gute makroökonomische Analysen auf fundierten mikroökonomischen Kenntnissen aufbauen müssen.
Innerhalb dieser breiten Fachrichtungen der VWL finden sich spezialisierte Themenbereiche, die ein breites Spektrum menschlicher Tätigkeiten abdecken. Das quantitative Methodenwissen der VWL ist in einer eigenen Fachrichtung zusammengefasst, der Ökonometrie.
Themen in der VWL
- Allgemeine Mikroökonomie
:Markt -- Allgemeine Gleichgewichtstheorie -- Marktgleichgewicht -- Angebot und Nachfrage -- Preis -- Preiselastizität -- Nutzenfunktion -- Produktionsfaktor -- Produktionsfunktion
- Mikroökonomie der staatlichen Eingriffe
:Entwicklungsökonomie --Öffentliche Finanzen -- Öffentliche Güter und externe Effekte -- Netzwerkeffekte -- Staatliche Regulierung -- Ölflecktheorem
- Spezielle Mikroökonomie für einzelne Bereiche bzw. Branchen
:Arbeitsmarkt -- Bildungsökonomie -- Familienökonomie -- Finanzökonomie -- Gesundheitsökonomie -- Industrieökonomik -- Ökonomie des Rechts -- Regionalökonomie -- Verkehrswirtschaftslehre -- Umweltökonomie -- Innovationsökonomie -- Ökonomie der Kriminalität -- Religionsökonomie
- Makroökonomie
:Gesamtwirtschaftlicher Konsum -- Gesamtwirtschaftliche Investitionen -- Fiskalpolitik -- Geldpolitik -- Preisentwicklung -- Wechselkursentwicklung -- Konjunkturtheorie -- Wirtschaftswachstum -- Arbeitslosigkeit bzw. Gesamtwirtschaftliche Beschäftigung
- Internationale Wirtschaftsbeziehungen
:Güterwirtschaftliche und monetäre Außenwirtschaftstheorie -- Zolltheorie -- Handelspolitik -- Zahlungsbilanz -- Internationale Institutionen -- Wirtschaftliche Integration
- Methodologie
:Entscheidungstheorie -- Evolutionsökonomik -- Experimentelle Ökonomie -- Ökonometrie -- Spieltheorie -- Wirtschaftsgeografie -- Wirtschaftsgeschichte -- Wirtschaftspolitik
Geschichte der Volkswirtschaftslehre
Das Bearbeiten grundlegender ökonomischer Fragestellungen theoretischer Natur wurden nach allgemeiner Auffassung im Merkantilismus begonnen. Eine echte akademische Debatte gab es zu dieser Zeit natürlich noch nicht. Thomas Mun war einer der frühesten ökonomischen Autoren und schrieb bspw. über Handelsbilanzen zweier Länder. Auch Jean-Baptiste Colbert war einer dieser frühesten Autoren, er beschäftigte sich mit Staatseingriffen in die Wirtschaft.
Drei wichtige frühe theoretische Autoren waren vor allem William Petty, John Law und John Locke, die erste theoretische Erkenntnisse über bspw. Geldumlauf und Geld bzw. Banknoten (Assignaten) veröffentlichten.
Nach der merkantilistischen und physiokratischen Epoche entstand mit Adam Smith, David Ricardo, Jean-Baptiste Say und anderen Autoren die Klassische Nationalökonomie.
Vor allem Smiths Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ ist ein bis heute bedeutendes Grundlagenwerk der Volkswirtschaftstheorie. In diesem fasst er bereits (auch von anderen) entwickelte Theorien zusammen und formuliert eine Struktur volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. Smiths bedeutendster Beitrag ist das Konzept der "unsichtbaren Hand", welches das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf einem freien Markt darstellt.
Ricardo entwickelte das Konzept der Arbeitsteilung und der komparativen Kostenvorteile zweier Länder und beschrieb, warum Handel sich positiv auf die Wirtschaft und die Faktorallokation zweier Länder auswirkt.
Ab Anfang des 19. Jahrhunderts schrieben mehrere Wirtschaftstheoretiker relativ unabhängig voneinander wichtige Werke über die Monopoltheorie (Cournot und Dupuit) oder Raumordnung und Standortplanung (Johann Heinrich von Thünen). Auch Karl Marx gehört in diese Epoche, wenngleich behauptet wird, Marx habe lediglich Ricardo weiterentwickelt (Schumpeter behauptete, Marx habe "die Fehler Ricardos zu Ende gedacht").
Mit dem auslaufenden 19. Jahrhundert entstanden drei von einander unabhängige Schulen der Grenznutzentheorie, welche die sogenannte marginalistische Revolution auslösten: Die Österreichische Schule von Carl Menger, die Cambridge-School von William Stanley Jevons und die Lausanner Schule um Leon Walras. Alle drei Schulen entwickelten die Theorien des Grenznutzens und des allgemeinen Gleichgewichts weiter. Allerdings wurden wesentliche Grundlagen der Grenznutzentheorie bereits rund 20 Jahre vorher (um 1850) vom deutschen Ökonomen Hermann Heinrich Gossen entwickelt, was allerdings bis weit nach dessen Tode unbekannt blieb. Gossen fand erst nach seinem Tode größere Beachtung.
Die drei neoklassischen Schulen haben eine Vielzahl wichtiger Ökonomen hervorgebracht, welche bis zum zweiten Weltkrieg die Wirtschaftstheorie entscheidend prägten: Die österreichische Schule bestand neben Carl Menger noch aus Eugen von Böhm-Bawerk, Friedrich von Wieser, Joseph Schumpeter und Ludwig von Mises. Zur Cambridge School gehören neben Jevons der herausragende englische Ökonom Alfred Marshall, welcher als erster den Begriff "Economics" statt "Political economy" verwendete und die Wirtschaftstheorie somit begriffsmäßig in eine eigene Wissenschaft überführte. Weiterhin gehörten zur Cambridge-School Francis Edgeworth, Arthur Cecil Pigou und John Maynard Keynes. Zur Lausanner Schule, welche prägend für eine stärkere mathematische Ausgestaltung der ökonomischen Theorie war, zählt neben Walras vor allem Vilfredo Pareto, Eugenius Slutsky und Irving Fisher, der wohl wichtigste US-amerikanische Ökonom in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zur Lausanner Schule können auch noch Heinrich von Stackelberg sowie Paul Samuelson gezählt werden.
Die neoklassische und die keynesianische Theorie haben derzeit den stärksten Einfluss auf die wissenschaftliche Theoriebildung, der Monetarismus und der Neoliberalismus beeinflussen derzeit am stärksten die Wirtschaftspolitik.
Die Außenseiterpositionen Debitismus und Freiwirtschaftslehre sind zwei Denkschulen, die in der universitären Ausbildung kaum gelehrt werden.
Bekannte Volkswirte
- 18. Jahrhundert
: - Francois Quesnay - 1694 - erste ökonomische Kreislauftheorie
: - Adam Smith - 1723 - "Unsichtbare Hand", Klassik
: - Jean-Baptiste Say - 1767 - Saysches Theorem, Klassik
: - David Ricardo - 1772 - Theorie der komparativen Vorteile, Klassik
- 19. Jahrhundert
: - Luigi Bodio - 1840 - Herausgeber der Statistique internationale des caisses d'épargne
: - Eugen von Böhm-Bawerk
: - Antoine-Augustine Cournot
: - Hermann Heinrich Gossen
: - William Stanley Jevons - Begründer der Cambridge-School
: - Karl Marx - 1818 und Friedrich Engels - 1820 - Sozialismus
: - Carl Menger - Begründer der Österreichischen Schule
: - Marie Esprit Léon Walras - 1834 - Begründer der Lausanner Schule, Gleichgewicht in der Totalanalyse, Neoklassik
: - Friedrich von Wieser
- 20. Jahrhundert
: - Kenneth Arrow - Maß zur Messung der Risikoaversion, zusammen mit John Pratt, deshalb auch bekannt als Arrow/Pratt-Maß
: - George A. Akerlof - Adverse Selektion bei Informationsasymmetrie, Saure-Gurken-Problem (Lemons problem)
: - John Richard Hicks - Kompensationstest, zusammen mit Nicholas Kaldor
: - Arthur Cecil Pigou - Ökosteuer (Pigou-Steuer)
: - Robert Solow - Wachstumstheorie (Solow-Modell)
: - Lenin - Modell der Planwirtschaft
: - Nikolai Iwanowitsch Bucharin - Marxistische Wirtschaftsordnung
: - Gary Stanley Becker - Anwendung der Ökonomik auf alle Lebensbereiche, Neoklassik
: - Karl Bücher - Geschichte der Wirtschaftsformen
: - Ronald Harry Coase - The nature of the firm (Existenz von Transaktionskosten), Das Coase-Theorem, Begründer der Neuen Institutionenökonomik
: - Milton Friedman - Begründer des Monetarismus
: - John Kenneth Galbraith - Wettbewerbspolitik, The Concept of Countervailing Power
: - Silvio Gesell - Begründer der Freiwirtschaftslehre - Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld; Der abgebaute Staat
: - Friedrich August von Hayek - Die Verfassung der Freiheit, Evolutionsökonomik (spontane Ordnung, Nicht-Zentralisierbarkeit des Wissens)
: - Michael Jensen - Institutionenökonomik (Agency-Theorie)
: - Lord John Maynard Keynes - Begründer des Keynesianismus, nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik
: - Robert Mundell - Entwicklung von Konjunktur-Modellen und theoretische Arbeiten zu Währungsgemeinschaften
: - Piero Sraffa - Theorie des Produktwertes, Kritik der Grenznutzentheorie
: - Joseph Alois Schumpeter - Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Konjunkturtheorie
: - Vilfredo Pareto - Begründer des Pareto-Optimums
: - Franz Oppenheimer - Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft, Genossenschaftswesen
: - Amartya Sen - Wohlfahrtsökonomik
: - Oliver Williamson - Markets and Hierarchies, The Economic Institutions of Capitalism, Institutionenökonomik (Theorie der Firma)
: - George Stigler - Chicago School of Antitrust, zeigte empirisch, dass moderne Marktwirtschaften weit intensiverem Wettbewerb unterliegen als ihre Kritiker wahrhaben wollen
Organisationen, Verbände und Vereine
- Verein für Socialpolitik
- Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte
- Berufsverband für Wirtschaftsakademiker und Studierende der Wirtschaftswissenschaften
Siehe auch
- Portal:Wirtschaft
- Liste von Ökonomen
- Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften
- Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften
Literatur
- N. Gregory Mankiw: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2001 ISBN 3-7910-1853-1 (erklärt komplexe Zusammenhänge in leicht verständlicher Sprache und gibt einen ausführlichen Einstieg in die Materie, 868 Seiten)
- Paul A. Samuelson, William D. Nordhaus: Volkswirtschaftslehre. ISBN 3-636-03033-7 (ein bekanntes Standardwerk)
- Ulrich van Suntum: Die unsichtbare Hand. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York 2000 ISBN 3-540-41003-1 (übersichtsverschaffender Einstieg in die Volkswirtschaftslehre, besonders auch für interessierte Fachfremde geeignet)
- Gilberto Granados/Erik Gurgsdies: Ökonomie — Ein systematischer Überblick über die Grundprobleme entwickelter Marktwirtschaften am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland. Besonders geeignet für interessierte Laien. Dietz 1999, ISBN 3-8012-0270-4
- Jochen Schumann: [http://www.wiwi.uni-muenster.de/ecochron/ec-top.htm?tp_wirtschaft1.htm Geschichte der Wirtschaftstheorie]. In: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 19. Jg., Heft 10 (Oktober 1990), S. 586-592.
Weblinks
- [http://www.vwler.de Portal für Volkswirte - Der VWLer.de]
- [http://www.wagner-berlin.de/leit.htm Leitfaden Volkswirtschaftslehre]
- [http://www.oeffentliche-finanzen.de/zeit/Inhalt.htm ZEIT-Bibliothek der Ökonomen]
- [http://www.wiwi.uni-muenster.de/ecochron/ec-top.htm?tp_wirtschaft1.htm Geschichte der Wirtschaftstheorie]
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ja:経済学
ko:경제학
simple:Economics
BetriebswirtschaftslehreDie Betriebswirtschaftslehre (BWL) ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft und damit in weiterem Sinne eine spezielle Form der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften. Wie Wirtschaftswissenschaft grundsätzlich beruht sie auf der Tatsache, dass für den Menschen die meisten Güter knapp sind und von den Akteuren bewirtschaftet werden müssen. Sie beschreibt die ökonomischen Funktionen des Betriebes innerhalb einer Volkswirtschaft. Dazu gehört neben den Unternehmenszielen und den betriebswirtschaftlichen Funktionen vor allem die optimale Organisation der Produktionsfaktoren. Im weiteren Sinn sind auch alle Haushalte Betriebe.
Gliederung
Die Betriebswirtschaftslehre gliedert sich in zwei Hauptbereiche (a und b) und überschneidet sich außerdem mit anderen Wissenschaften (c):
a) Allgemeine Betriebswirtschaftslehre
Die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre (ABWL) befasst sich mit planerischen, organisatorischen und rechentechnischen Entscheidungen in Betrieben und ist dabei funktionsübergreifend und branchenübergreifend ausgerichtet. Die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre soll Studenten den Überblick über die Wissenschaft der Betriebswirtschaftslehre vermitteln und dabei funktions- sowie branchenübergreifende Zusammenhänge darlegen. Ziel ist es, das fachübergreifende Denken und Entscheiden zu fördern.
b) Spezielle Betriebswirtschaftslehre
In der Vergangenheit wurde die BWL nach Besonderheiten einzelner Betriebe aufgegliedert, so dass die "Institutionelle Spezielle Betriebswirtschaftslehre" (SBWL) einzelner Branchen entstand. Beispiele hierfür sind:
- Industriebetriebslehre
- Bankbetriebslehre bzw. Bankwirtschaft
- Handelsbetriebslehre
- Versicherungsbetriebslehre
- Medienbetriebslehre
- BWL der Genossenschaften
- BWL der Gesundheitsbetriebe
- Verkehrsbetriebslehre
Diese Unterteilung hat sich als unzweckmäßig erwiesen, da in den Branchen immer wieder dieselben funktionellen Probleme auftauchen und somit Dopplungen in Forschung und Lehre vorlagen. Deshalb hat sich in den letzten Jahrzehnten die funktionelle Aufteilung der "Speziellen Betriebswirtschaftslehre" (SBWL) durchgesetzt. Beispiele hierfür sind:
- Absatz und Marketing
- Controlling (Internes Rechnungswesen)
- Finanzen | Finanzwirtschaft (Investition und Finanzierung, Kapitalmärkte)
- Internationale Betriebswirtschaftslehre/Außenhandel
- Logistik
- Organisation
- Personal
- Produktionswirtschaft und Logistik
- Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Wirtschaftsprüfung (Externes Rechnungswesen)
- Ökologieorientierte Betriebswirtschaftslehre
- Unternehmensführung und Management
- Konzernmanagement
- Unternehmensgründung/Entrepreneurship
- Wirtschaftsinformatik
- Öffentliche Betriebswirtschaftslehre
An einigen Hochschulen wird die Spezielle BWL auch "Besondere Betriebswirtschaftslehre" (BBWL) genannt.
c) Schnittmengen mit anderen Wissenschaften
Die BWL bildet mit anderen Wissenschaften Schnittmengen. Diese Schnittmengen bilden wiederum eigenständige Lehr- und Forschungsbereiche, können oft aber auch als SBWL bzw. BBWL gewählt werden:
- Wirtschaftsinformatik
- Wirtschaftsingenieurwesen
- Wirtschaftsmathematik
- Wirtschaftspädagogik
- Wirtschaftsgeographie
Von diesen Bereichen ist die Wirtschaftspädagogik zumeist den wirtschaftswissenschaftlichen, erziehungswissenschaftlichen oder philosophischen Fakultäten der Hochschulen zugeordnet. Die Wirtschaftsinformatik und das Wirtschaftsingenieurwesen ist uneinheitlich entweder den BWL- oder den jeweiligen technischen Fakultäten zugeordnet. Je größer die Auswahl an unterschiedlichen ingenieurwissenschaftlichen Vertiefungen ist, um so eher ist es den BWL-Fakultäten zugeordnet. Wirtschaftsmathematik und Wirtschaftsgeographie befinden sich, i.d.R., in naturwissenschaftlichen Fakultäten, wie z.B. Mathematik- und Geographiefakultäten.
Akademische Ausbildung
Das Studium der Betriebswirtschaftslehre ist an Universitäten und Fachhochschulen möglich und endet mit dem akademischen Grad eines Diplom-Kaufmann, Diplom-Betriebswirt (FH), Diplom-Kaufmann (FH), Diplom-Wirtschaftswissenschaftler, Diplom-Volkswirt (mit Wahlpflichtfächern im Bereich der BWL) oder Diplom-Ökonom, im Bereich der Wirtschaftspädagogik wird der akademische Grad eines Diplom-Handelslehrers oder eines Diplom-Wirtschaftspädagogen erlangt. An Fachhochschulabsolventen wird der Grad mit dem Zusatz "(FH)" vergeben, wobei der Grad Diplom-Betriebswirt ausschließlich von FHs vergeben wird. Durch die Einführung konsekutiver Studiengänge entstehen vermehrt auch Bachelor- und Masterstudiengänge.
Ein guter universitärer Diplom- und Mastergrad sowie sehr gute Fachhochschulabschlüsse mit entsprechendem fachlichem Bezug sind Zugangsvoraussetzung zur Promotion.
Nichtakademische Ausbildung bzw. betriebswirtschaftliche Weiterbildung
Das Studium der Betriebswirtschaftslehre an einer staatlich anerkannten Berufsakademie endet mit dem Abschluss als (Diplom-)Betriebswirt (BA), wobei der Abschluss kein akademischer Grad ist.
Für weitere Informationen zur nichtakademischen Ausbildung, insbesondere nichtakademische Weiterbildung siehe auch den Artikel Betriebswirt.
Organisationen, Verbände und Vereine
bdvb e.V. Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebwirte e.V. (bdvb) - Berufsverband für Wirtschaftsakademiker und Studierende der Wirtschaftswissenschaften
Literatur
- Wöhe, Günter / Döring, Ulrich: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 21. Auflage. München, Verlag Franz Vahlen, 2002, ISBN 3800628651.
- Bestmann, Uwe: Kompendium der Betriebswirtschaftslehre, 10. Auflage. München, R. Oldenburg Verlag München Wien, 2001, ISBN 3486253638
- Albach, Horst: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 2. Auflage, Gabler-Verlag Wiesbaden, 2000, ISBN 3409229353
- Jean-Paul Thommen/Ann-Kristin Achleitner: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Umfassende Einführung aus managementorientierter Sicht, 4. Auflage, Gabler-Verlag Wiesbaden, ISBN 3409430164
- Johannes M. Waidfeld: Wachstum, der Irrtum; Wohlstand, eine gesellschaftliche Betrachtung, Fischer & Fischer Medien AG, Frankfurt 2005, ISBN 3-89950-076-8
- Domschke, Wolfgang / Scholl, Armin: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre - Eine Einführung aus entscheidungsorientierter Sicht, 3. Auflage, Berlin, Heidelberg, New York, Springer-Verlag, 2005. ISBN 3-540-25047-6
Siehe auch
Wirtschaftswissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Controlling, Rechnungswesen, Treasury,
Wirtschaftsingenieurwesen
- Portal:Wirtschaft
- Wirtschaft
- Managementlehre
- Erich Gutenberg
Weblinks
- [http://www.bdvb.de bdvb] Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte e.V.
- [http://www.bwl-studium.org Bwl Portal und Community rund um das Bwl-Studium]
- [http://www.mba-studium.net MBA Portal - Master of Business Administration]
-
ja:ビジネス
th:ธุรกิจ
Familie (Soziologie)
Unter einer Familie versteht die Soziologie eine engere Verwandtschaftsgruppe. (Im weiteren Sinn umfasst sie auch Schwiegerfamilien.)
Das Wort entstammt dem lateinischen Begriff familia (von famulus, Haussklave), wo es zunächst nicht das Ehepaar und dessen Kinder bezeichnete, sondern Name für die Gesamtheit der zum Hausstand des Pater familias gehörenden Familienangehörigen, Freigelassenen und Sklaven war.
Die alte Redewendung ein Mann ohne Familie besagte, dass der Gemeinte von Haus aus kleinen Verhältnissen entstamme.
Funktionen der Familie
Die Familie bündelt biologisch und sozial viele Funktionen:
Ob die biologische Reproduktions-Funktion der Spezies "Mensch" der Institution "Familie" bedarf, ist bereits umstritten. Zur biologischen Basis gehören jedoch die Gebärfähigkeit der Frau und die Zeugungsfähigkeit des Mannes, das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen und die extreme Dauerpflegebedürftigkeit der Säuglinge.
Als soziale Funktionen sind zu nennen:
Für in ihr geborene Kinder erbringt sie rechtlich eine legitime Platzierung in der jeweiligen Gesellschaft.
Bei mächtigen Familien besonders auffällig ist die politische Funktion (z.B. die Bündnisfunktion im Adel).
Sie hat auch religiöse Funktionen, was in modernen Kleinfamilien wenig auffällt (Beispiele: Vater spricht das Tischgebet; er schmückt den Weihnachtsbaum), früher aber in vielen Bräuchen verdeutlicht wurde (Beispiele: Der Vater bestimmte, ob ein Neugeborenes lebensfähig sei oder ausgesetzt werde; die Aussaat mit der Hand darf nur der Bauer selber vornehmen).
Ihre wirtschaftliche Funktion ist hingegen deutlich: So erbringt sie Schutz und Fürsorge (auch materielle) für Säuglinge, aber auch für kranke und alte Familienangehörige, ernährt, kleidet und behaust sie.
Ihre erzieherische Funktion wird durch ihre Fähigkeit zur sozialen Kontrolle, zur Erleichterung der Sozialisation und der Formierung von Motivationen und Fähigkeiten von Heranwachsenden erleichtert (vgl. hier z.B. Gelehrtenfamilie); sie bildet ein erstes dichtes Soziales Netzwerk bereits für den Säugling und bildet Kinder und Jugendliche auch primär aus.
In modernen Gesellschaften werden rechtliche, politische, religiöse, wirtschaftliche und erzieherische Funktionen der Familie oft weitgehend auf andere gesellschaftliche Institutionen (z.B. Staaten, politische Gemeinden, Versicherungsanstalten, Schulwesen, Sport) übertragen und treten im Familienalltag dann stark zurück, was sich in Notzeiten durchaus rasch ändern kann. Damit verliert die Familie vordem alltägliche Fertigkeiten der Erziehung, so dass sie z.B. eigens aufgefordert wird, erzieherisch den Kindern Umgangsformen, außerschulische Bildung und Bildungsmotive zu vermitteln und auch dazu auch wirtschaftlich beizutragen, so dass die wirtschaftliche Funktion stärker als geldliche Belastung erscheint.
Einzelterminologie
Unterschieden wird, ob ein junges Ehepaar nach der Hochzeit zur Familie der Frau zieht (Uxorilokalität) oder zu der des Mannes (Virilokalität), oder ob es sich an einem dritten Wohnort niederlässt (Neolokalität). Auch wird unterschieden, ob materielle, kulturelle und spirituelle Ressourcen in einer Familie vom Vater auf den Sohn übergehen (Patrilinearität), oder ob sie über die Mutter laufen (Matrilinearität), was nicht ausschließen muss, dass Männer in der Familie herrschen (dann vererbt ein Mann auf die Männer seiner Töchter oder auf die Söhne seiner Schwester - vgl. dazu auch Stiefmutter) ).
Diese Begriffe sind nicht mit den Bezeichnungen für inner- oder außerfamiliären Formen der Herrschaft von Frauen bzw. Männern zu verwechseln - vgl. dazu Matriarchat und Patriarchat, auch Paternalismus; sowie Heiratsregel.
Familienformen
Im westlichen Kulturkreis wird heute unter "Familie" meist die so genannte Kernfamilie verstanden, d.h. Vater, Mutter und deren Kinder. Die Kernfamilie erscheint in der Tat in den meisten modernen Gesellschaften als überwiegend vorkommendes Modell. Moderne Formen, wie Wohngemeinschaften oder das Zusammenleben zweier Elternteile mit je eigenen Kindern (ob verheiratet oder nicht) bleiben minoritär. Gleichwohl können sie die historische Dynamik bezeichnen und vieles, was diese neuen Familienformen prägt, mag auch in "normalen" Ehen gültig geworden sein. Begrifflich darf die "Kernfamilie" in diesem Sinn nicht mit der "Kleinfamilie" verwechselt werden, die wenig Mitglieder umfasst; eine "Kernfamilie" mit zwölf ehelichen Kindern ist keine "Kleinfamilie".
Historisch betrachtet gibt es in Europa eine ganze Reihe von Familienformen. Gegenstand der Diskussion waren insbesondere das "Ganze Haus" und die "Große Haushaltsfamilie". Beide Formen der Großfamilie gibt es in erheblichen Variationen, sowohl, was die Zahl der Mitglieder, die einbezogenen Generationen oder Seitenlinien, als auch, was den Einbezug Nicht-Blutsverwandter (Mündel, Gesinde, Haussklaven) angeht. Auch die Interpretation von "Abstammung" unterscheidet sich vgl. z.B. die Institutionen der Adoption und Pflegekindern / -eltern).
In matriarchalischen Gesellschaften wurde die Familie von der Mutter geleitet, in patriarchalischen Familien vom Vater.
Als "Ganzes Haus" wird nach Wilhelm Heinrich Riehl die seit dem Mittelalter vor allem in "Westeuropa" entstandene Familienform der Bauern und Stadtbürger bezeichnet, die neben der Kernfamilie primär durch den Einbezug von Gesinde und unverheirateten Verwandten ausgezeichnet ist. Wenn auch von der Zahl der Haushalte her minoritär (grob um ein Drittel), lebten in ihnen doch zum Stichtag um 50% der sesshaften Menschen. Und sehr viel mehr Menschen haben Zeiten ihres Lebens im "Ganzen Haus" gelebt, das mit der Industrialisierung sehr stark zurück trat. Umstritten ist die "ideologische" Bedeutung dieser Lebensform: Einerseits gilt sie als harmonischer Hort unterschiedlicher sozialer Stände, als vorbildhaftes Modell patriarchaler Lebensform, andererseits wird seine soziale Kluft zwischen Herrschaft und Gesinde betont und die Bedeutung des "Ganzen Hauses" gegenüber der Kernfamilie relativiert - die zahlenmäßig immer überwiegt, aber in einer mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Gesellschaft kaum mit der heutigen Kernfamilie gleichgesetzt werden kann. Erst ab dem 18. Jh. liegen Quellen vor, die Haushalte mit allen in ihr lebenden Mitgliedern verzeichnen (Kameralistik; Steuer- und Zensuslisten); zuvor weisen Quellen oft ausschließlich Großfamilien der Oberschichten aus. René König hat darauf verwiesen, dass die Geschichtsschreibung deswegen oft die frühere Bedeutung von Kleinamilien vernachlässigt habe.
Die "Große Haushaltfamilie" bezeichnet Lebensformen, bei denen mehrere Generationen und u. U. mehrere parallele Ehen (z. B. von Brüdern) inclusive Gesinde unter einem Dach in einem Lebens- und Wirtschaftsverband lebten. Sie kam eher in Süd-Osteuropa vor (von anderen Welt-Regionen abgesehen - vgl. z.B. den nordfriesischen Haubarg).
Wandel der Familienstruktur in jüngerer Zeit
Mit dem Wachstum der Städte und der Entwicklung des Bürgertums und der Verbürgerlichung des Industrieproletariats in Europa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht auch die Vorstellung der sogenannten 'Normalfamilie'. Diese wandelt sich ihrerseits und bot in den 1950er Jahren noch etwa folgendes Bild: Verheiratet mit eigenen Kindern, beide leibliche Eltern im Haushalt, lebenslange Ehe (auch Monogamie und heterosexuelle Ehe), der Mann als Haupternährer und "Familienvorstand", die Frau mit hausfraulicher Arbeit. Heute (2004) kennt die Familiensoziologie mehrere typische Formen.
Zwar hat die Familie nach wie vor eine hohe Wertigkeit und gehört fest in den Lebensplan vieler junger Menschen, doch die Formen der Familie entsprechen immer seltener dem Familienideal der bürgerlichen Familie. Empirisch ist der Wandel der Familienstrukturen an einer Schrumpfung der Haushaltsgröße (zahlreiche kinderlose oder Ein-Kind-Familien), einem Rückgang der Eheschließungen (nicht notwendig aber der Paarbindungen), der Zunahme der Scheidungen, einem Rückgang der durchschnittlichen Geburten pro Frau und einer Zunahme der Frauenerwerbsarbeit feststellbar.
Familienbezogene Wissenschaften
Wegen ihrer Funktionenvielfalt befassen sich zahlreiche Wissenschaften mit der Familie. Zu nennen wären:
- die Medizin (z.B. siehe Hausgeburt)
- die Pädagogik (z.B. siehe Hausaufgabe)
- die Rechtswissenschaft (besonders im Familien- und Erbrecht)
- die Psychologie (z.B. die Familientherapie)
- die Soziologie (besonders die hier bereits herangezogene Familiensoziologie)
- die Ethnologie (besonders ihre Studien zur Verwandtschaft)
- die Geschichtswissenschaft (besonders im Rahmen ihrer Hilfswissenschaften Genealogie und Heraldik)
- die Volkskunde (besonders die Subdisziplin volkskundliche Familienforschung)
- die Volkswirtschaftslehre (besonders innerhalb der Sozialpolitik die Familienpolitik)
- die Ökotrophologie (Haushaltswissenschaft)
Erinnert sei auch an familienbezogene Berufsspezifikationen, wie z. B. in der Sozialarbeit.
Zitate
Die Vorstellung, dass die Familie die gesellschaftliche Zelle und der Staat eine Art aufgeblähter Familie sei, ist ein Hindernis für den Fortschritt der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Politik und noch manches anderen. José Ortega y Gasset (Aufbau und Zerfall Spaniens, 1921)
Literatur
Einführend
- Paul B. Hill/Johannes Kopp: Familiensoziologie. Grundlagen und theoretische Perspektiven, 3. überarbeitete Auflage, Wiesbaden (VS Verlag) 2004
- Rosemarie Nave-Herz: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Weinheim / München (Juventa) 2004
- Rüdiger Peuckert: Familienformen im sozialen Wandel, 5. überarbeitete Auflage, Wiesbaden (VS Verlag) 2004
Darstellungen und Spezialuntersuchungen
- A. Burguière, C. Klapisch-Zuber, M. Segalen, F. Zonabend (Hrsg.): Geschichte der Familie, 4 Bde., Campus Verlag, Frankfurt a.M. 1997 [Original: Histoire de la famille, Armand Colin, Paris, 1986]
Kritische Aspekte
- Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt a.M.: Suhrkamp-Verlag
- Max Horkheimer: Studien über Autorität und Familie
Weitere Stichworte
Alleinstehender, Amme, Ehe, Einelternfamilie, Familie (Recht), Familiäre Integration, Familiärer Lebenszyklus, Familienpflegepotential, Familienstrukturen, familiäre Beziehung, Familientherapie, Familienserie, Geschwister, Klan, Kleinfamilie, Mündel, Mutterliebe, Patchworkfamilie, Pflegekind, Pflegeeltern, Phratrie, Regenbogenfamilie, Schwiegermutter (Soziologie), Single, Sippe, Stieffamilie, Vaterliebe, Verschwägerung, Verwandtschaft
siehe auch
- Familiengeschichte
Weblinks
!Familie (Soziologie) Kategorie:Lebensgemeinschaft Kategorie:Pädagogik Kategorie:Volkskunde
ja:家族
ms:Keluarga
simple:Family
BundestagAls Bundestag bezeichnet man
- das Parlament der Bundesrepublik Deutschland, siehe Deutscher Bundestag
- den Bundestag des Deutschen Bundes, siehe Bundestag (Deutscher Bund)
- das höchste Gremium des Deutschen Fußballbundes
ja:連邦議会
ReichssicherheitshauptamtDas Reichssicherheitshauptamt (RSHA) wurde am 27. September 1939, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges von Reichsführer SS Heinrich Himmler durch Zusammenlegung von Sicherheitspolizei (SIPO) und Sicherheitsdienst (SD) gegründet. Das Amt stellte die zentrale Behörde dar, die alle Polizei- und Sicherheitsorgane in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus leitete.
Seinen Sitz hatte es in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße 8 (heute: Niederkirchnerstraße in Berlin-Kreuzberg). Das Gelände gehört zur derzeit (2004) entstehenden Gedenkstätte Topographie des Terrors.
Geschichte
Mit der Gründung des RSHA erreichte die von Heinrich Himmler seit 1933 vorangetriebene Verselbständigung des nationalsozialistischen Gewaltapparates ihren Höhepunkt. Die Zuständigkeiten von staatlichen Organen und Gliederungen der NSDAP wurden dabei immer mehr vermischt. Chef des RSHA, das seinerseits ein Hauptamt der Schutzstaffel (SS) bildete, war SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich. Nach dessen Tod am 4. Juni 1942 führte Heinrich Himmler als Chef der Deutschen Polizei zunächst persönlich das RSHA. Am 30. Januar 1943 wurde Ernst Kaltenbrunner neuer Chef der Sicherheitspolizei und des SD, ein enger Mitarbeiter Heydrichs, Walter Schellenberg, hatte sich vergeblich bemüht, Nachfolger zu werden. Nach dem Kriege wurde Kaltenbrunner im ersten Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wegen seiner Tätigkeit im RSHA zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Das RSHA sorgte im Deutschen Reich und den von ihm besetzten Gebieten für Terror, Gewalt und Vernichtung. Die dem RSHA unterstellten SS-Einsatzgruppen verübten nach dem Angriff auf Polen und später auf die Sowjetunion planmäßige Massaker an der Elite der betroffenen Länder, zumal an katholischen Priestern und kommunistischen Funktionären, an Sinti und Roma und vor allem an Juden und setzte durch gezielte Hasspropaganda Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Gang. Über 500.000 Menschen fielen diesen Aktionen zum Opfer. Im Referat IV B 4 des RSHA organisierte SS Obersturmbannführer Adolf Eichmann als Synonym des Schreibtischtäters den bürokratischen Teil der "Endlösung der Judenfrage". Auch innenpolitisch verfügte das RSHA über umfassende Vollmachten und nutzte vor allem die gerichtlich nicht kontrollierbare "Schutzhaft" zur Bekämpfung politischer wie "rassischer" Gegner. Die sogenannten "Meldungen aus dem Reich" lieferten detaillierte Berichte über die Stimmung der intensiv bespitzelten Bevölkerung.
Die von Hitler durchaus beabsichtigten Rivalitäten zwischen den einzelnen Ämtern, namentlich zwischen SD und SIPO, trugen zu einer Radikalisierung gerade der antijüdischen Politik bei. Es mangelte häufig an Abstimmung zwischen den einzelnen Stellen, so dass selbstverursachte, institutionalisierte soziale Dynamiken, wie die zunehmend unhaltbare Situation in den zunächst ohne exakte Zweckbestimmung, nur generell auf die "Endlösung" hin eingerichtete Ghettos, zu immer radikaleren Maßnahmen führten.
Aufbau
Der Aufbau des RSHA im Jahr 1941: (7 Ämter mit untergeordneten Stellen)
Chef Sipo und SD: Obergruppenführer Reinhard Heydrich
- Amt I (Personal): Chef Standartenführer Bruno Streckenbach
- I A (Personalabteilung): Ministerialrat Dr. Walter Blume
- I B (Erziehung, Ausbildung und Schulung) Sturmbannführer Erwin Schulz
- Amt II (Organisation, Verwaltung, Recht): Chef Standartenführer Dr. Hans Nockemann
- II a -Org/Recht: Sturmbannführer Dr. Rudolf Bilfinger
- II a 1 (Org): Hauptsturmführer Dr. Schweder
- II a 2 (Gesetzgebung): Stubaf Dr. Neifeind
- II a 3 (Justitiar): Stubaf Suhr
- II a 4 (Reichsverteidigung): Stubaf Renken
- II a 5 (Beschlagnahme): Stubaf Richter
- II B (Passwesen): Ministerialrat Krause
- II C a (Haushalt SIPO): Staf Dr. Siegert
- II C b (Haushalt SD): OStubaf Brocke,
- II D (Tech. Fragen): OStubaf Walter Rauff (u.a. Gaswagen)
- Amt III (SD Inland): Chef Staf Otto Ohlendorf
- III A (Rechtsordnung): OStubaf Dr. Gengenbach
- III B (Volkstum): Staf Dr. Ehrlich
- III C (Kultur): Stubaf Dr. Spengler
- III D (Wirtschaft): Stubaf Seibert
- Amt IV (Gestapo) Chef Gruppenführer Heinrich Müller "Gestapo-Müller" (Vertreter: Staf Krichbaum)
- IV A (Gegnerbekämpfung): OStubaf Panzinger
- IV A 1 (Kommunismus): Stubaf Vogt
- IV A 2 (Sabotagebekämpfung): Hstuf Horst Kopkow
- IV A 3 (Liberalismus usw.): Stubaf Litzenberg
- IV A 4 (Attentate): Stubaf Schulz
- IV B: (Sekten): Stubaf Hartl
- IV B 1 (Katholizismus): Stubaf Erich Roth
- IV B 2 (Protestantismus): Stubaf Erich Roth
- IV B 3 (Freimaurer): ohne Besetzung
- IV B 4 (Juden): OStubaf Adolf Eichmann
- IV C (Karteiwesen): OStubaf Dr. Rang
- IV D (Besetzte Gebiete): OStubaf Dr. Erwin Weinmann
- IV E (Abwehr): Stubaf Walter Schellenberg; ab Juli 1941 Stubaf Walter Huppenkothen
- IV E 1 (Landesverrat): HStuf Lindow
- Amt V (Kripo) Chef Brigadeführer Arthur Nebe
- V A (Kriminalpolitik): Staf Werner
- V B (Einsatz): RR Galzow
- V C (Erkennungsdienst): ORR Berger
- V D (Kriminalinstitut): Stubaf Dr. Ing. Heeß
- Amt VI (SD Ausland) Chef Brigadeführer Heinz Jost
- VI A (Allgemeines): Ostubaf Filbert
- VI B: unbesetzt bis 1943, ab 1943 Eugen Steimle
- VI C und D: unbesetzt bis 1943
- VI E (Erkundung): Stubaf Dr. Helmut Knochen
- VI F (Techn. Hilfsmittel): Ostubaf Walter Rauff
- Amt VII (Weltanschauung) Chef Standartenführer Prof. Dr. Franz Six
Siehe auch
- SS-Dienstgrade
Literatur
- Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition 2002, ISBN 3930908751.
- Buchheim, Hans u.a. Anatomie des SS-Staates. 2 Bde. München: 1979.
- Delarue, Jacques. Geschichte der Gestapo. Königstein: Athenäum, 1979.
- Döscher, Hans-Jürgen. SS und Auswärtiges Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der »Endlösung«. Frankfurt a.M., Berlin: Ullstein, 1991.
- Gellately, Robert. Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933-1945. 2. Aufl. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 1994.
- Gessner, Klaus. Geheime Feldpolizei. Berlin: Militärverlag der DDR, 1986.
- Graf, Christoph. Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur. Die Entwicklung der preußischen politischen Polizei vom Staatsschutzkorps der Weimarer Republik zur Geheimen Staatspolizei des Dritten Reiches. Berlin: 1983.
- Höhne, Heinz. Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS. Bindlach: Gondrom, 1990.
- Krausnick, Helmut und Hans-Heinrich Wilhelm. Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und | | |