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Introversion

Introversion

Allgemein

Introversion

Introversion (von lat. intra »innerhalb« und vertere »wenden«) ist eine nach innen gerichtete seelische Einstellung, bei der die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung eher auf die eigenen Gedanken und Gefühle als auf die Außenwelt gerichtet ist. Introvertierte Menschen gelten als nachdenklich und oft »langsam von Entschluss«, haben meist nur geringen Unternehmungsgeist, schätzen die Ruhe sowie »gute«, tiefe Gespräche und vermeiden es, in laute und spektakuläre »Events« hineingezogen zu werden. Freundschaften kommen in geringerem Umfang zustande als bei extravertierten Menschen, sind aber oft intensiver und dauerhafter. Eine extreme Introversion – ein dauerhafter Rückzug ins eigene Schneckenhaus – kann hingegen zum Verlust von Freundschaften und Beziehungen und im schlimmsten Fall zu Vereinsamung oder Depression führen. Introvertierte Menschen haben nicht alle der genannten "typischen" Eigenschaften gegenteilig, fühlen sich aber im Regelfall in leiseren Gesprächen mit Tiefgang wohler als in lauten oder oberflächlichen Gruppen. Manche Introvertierte reden wenig, andere viel - nur die Art des Redens ist anders, eher tiefschürfend. Vieles wird durch Nachdenken gelöst - oder durch das Bestreben, den Anderen bei Problemen zu verstehen. Rasche Versöhnung - ein häufiges Verhalten Extravertierter - ist Introvertierten eher fremd, aber Versöhnung hält meist länger.

Extraversion

Das Antonym zu Introversion heißt Extraversion (von lat. extrā »außerhalb« und vertere »wenden«) oder Extroversion und bezeichnet eine seelische Einstellung, bei der die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung eher auf die Außenwelt als auf die eigenen Gedanken und Gefühle gerichtet ist. Extravertierte Personen sind gern unter Menschen und reden meistens gern, haben eine lebendige Körpersprache und Gestik, neigen manchmal zu Oberflächlichkeit, lösen vieles mit Humor und zusammen mit anderen. Trotz ausgesprochener Kontaktfreudigkeit sind ihnen tiefere Gespräche häufig unangenehm. Der Begriff Extraversion bezeichnet auch ein faktorenanalytisch ermitteltes Persönlichkeitsmerkmal in der differentiellen Psychologie; vgl. Persönlichkeitstest. Wie immer sind die Definitionen eines nicht "naturwissenschaftlich" greifbaren Thema "verschwommen". Persönliche Erfahrungen haben gezeigt, dass auch extravertierte Personen tiefgehende und hoch emotionale Gespräche suchen; auf ihre persönliche Art. Und über allem steht die Erkenntnis, dass wir Menschen mehr als 90% unserer Entscheidungen intuitiv-emotional treffen. Der Extravertrierte auf seine, der Intovertierte auf die ihm eigene Weise. Eine Pauschalierung ist sicher sehr schwer. Wer das eigene Potenzial kennt und es einsetzen kann, wird beide Seiten in sich wecken und situationsbedingt "einsetzen".

Psychologie

Die Begriffe wurden von C.G. Jung in die Persönlichkeitspsychologie eingeführt. Introversion bezeichnet in der Analytischen Psychologie die Hinwendung der psychischen Energie nach innen, also weg von der Aussenwelt. Von Jung stammt auch der Begriff Extraversion. Die Extraversion bedeutet in der Analytischen Psychologie die Hinwendung der Energie nach aussen. Hans Jürgen Eysenck greift die Begriffe auf und spannt sie als zwei von insgesamt vier Polen in den von ihm konstruierten Persönlichkeitszirkel ein (Introversion vs. Extraversion, emotionale Stabilität vs. Instabilität bzw. Neurotizismus), in dem er die genannten Pole dem klassischen hippokratischen Temperamentenmodell (sanguinisch, cholerisch, phlegmatisch, melancholisch) überlagert. Introversion ist dabei dem melancholischen und phlegmatischen Bereich zugeordnet, mit Eigenschaftszuschreibungen wie pessimistisch, reserviert, ungesellig, eher ruhig und passiv, sorgfältig, bedächtig, friedlich (phlegmatisch). Empirische Erkenntnisse Eysencks legen zudem nahe, introvertierte Personen als leicht konditionierbar zu betrachten, die gegenüber äußeren Reizen nur geringe reaktive Hemmungen aufweisen, also bereits durch schwache Reize leicht erregbar sind. Andere psychologische Erfahrungen sehen Letzteres umgekehrt. In ihrer Eigenschaft als Gegenpol zur Extraversion ist die Introversion auch Kernbestandteil des sog. Fünf-Faktoren-Modells nach Costa und McCrae, das heute als leistungsfähigstes Instrument zur Beschreibung von Persönlichkeits-Eigenschaften gilt. Kategorie:Differentielle und Persönlichkeitspsychologie

Einstellung (Psychologie)

Als Einstellung oder Attitüde wird in der Psychologie die Haltung bezeichnet, regelhaft auf bestimmte Weise zu reagieren bzw. zu handeln. Einstellungen können im einfachsten Fall bloße Gewohnheiten sein, wie sie im Denken etwa als Vorurteile oder Stereotypen zum Ausdruck kommen. Zur Ausbildung bewusster Überzeugungen, persönlicher Grundsätze und begründeter Prinzipien kommt es dagegen nur aufgrund mehr oder weniger gründlicher Auseinandersetzungen mit eigenen Erfahrungen und der dabei kennengelernten Meinungen und Einstellungen anderer Personen. Die Einstellungsforschung ist auf die Klärung der Zusammenhänge von Einstellungen, Verhalten und Handeln ausgerichtet; sie fragt dabei vor allem nach den Bedingungen des Zustandekommens von Einstellungsmustern, ihrer Stabilität und ihres Wandels. Kategorie:Sozialpsychologie Kategorie:Ethische Haltung

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist ein Prozess der Ressourcenzuweisung der beschränkten Verarbeitungskapazität des Gehirns. Die Ziele der Aufmerksamkeitszuwendung sind die Wahrnehmung der Umwelt, Gedanken und Gefühle, sowie des eigenen Verhaltens und Handelns.

Die Kapazität des Gehirns ist beschränkt

Das Gehirn hat eine eingeschränkte Verarbeitungskapazität, es kann nicht unendlich viele Reize gleichzeitig bewußt verarbeiten. Daher muss es selektieren, welche Informationen für den Organismus von Bedeutung sind und mit Aufmerksamkeit bedacht werden müssen und welche Informationen weniger relevant sind und damit ausgeblendet werden können. Wird einer Information nicht innerhalb von 5 Sekunden Aufmerksamkeit geschenkt, geht sie verloren. Nach Neisser (1967) ist das System, das unverarbeitete Informationen behält, das echoische Gedächtnis. Der Prozess der Aufmerksamkeitszuwendung ist dabei gekennzeichnet durch Zuwendung (Orientierung) und Auswahl (Selektivität) der Gegenstände und der damit verbundenen Unaufmerksamkeit gegenüber anderen Gegenständen. Die Zuwendung ist durch eine gesteigerte Wachheit und Aktivierung charakterisiert, während die Selektivität die Funktion eines Filters hat, um wichtige und unwichtige Informationen voneinander zu trennen. Dabei stellt sich nun die Frage, nach welchen Kriterien das Gehirn die Relevanz der Reize beurteilt. So werden einerseits neuartige Reize mit Aufmerksamkeit bedacht (Orientierungsreaktion, Neugier). Andererseits richtet sich die Aufmerksamkeit auf emotional belegte Informationen, die ein indirekter Marker für die Wichtigkeit für den Organismus sind. Je emotionsgeladener ein Ding ist, desto leichter fällt es uns, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten. Bedürfnisse, Interessen, Einstellungen, und Motive spielen daher bei der Entstehung und Verteilung der Aufmerksamkeit eine große Rolle.

Aufmerksamkeit und Bewußtsein

Die Aufmerksamkeit ist eng mit unserem Bewusstsein verbunden, denn die Aufmerksamkeitszuwendung zu einem Reiz oder einem Gedanken ist erst die notwendige Bedingung dafür, dass uns dieser bewusst wird. Dennoch verarbeitet das Gehirn auch die Reize, auf die wir nicht unsere Aufmerksamkeit richten. Diese Verarbeitung findet jedoch unbewusst statt. Während die Aufmerksamkeitszuwendung unseres Gehirns einerseits vollkommen automatisch abläuft, können wir dennoch zusätzlichen bewußten Einfluss darauf nehmen (kontrollierte Prozesse). Diese konzentrierte Aufmerksamkeit unterliegt jedoch starken interindividuellen Unterschieden in der Dauer, Intensität und Breite der bewußt gesteuerten Aufmerksamkeit (Konzentration (Psychologie)). Wenn wir unsere Aufmerksamkeit einem bestimmten Körperteil zuwenden, strömt diesem mehr Energie zu, was an dieser Stelle sogar zu einer Temperaturerhöhung führen kann. Diese Wirkung kann noch erhöht werden, indem gleichzeitig ganz bewusst dort hin "eingeatmet" wird. Regelmäßige bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf einzelne Körperteile oder den Körper insgesamt, führt zu einer besseren Durchblutung, einer Stärkung des Immunsystems und allgemein zu einem verbesserten Gesundheitszustand. Richten wir unsere Aufmerksamkeit regelmäßig auf eine ganz bestimmte Sache, so wird dies mit der Zeit zu einer Gewohnheit. Deshalb ist es angebracht, die Richtungen unserer Aufmerksamkeit regelmäßig zu kontrollieren.

Aufmerksamkeit als Wahrnehmungsfokus

Bestimmte Ereignisse im phänomenalen Erlebnisraum verursachen eine Fokussierung der Wahrnehmung auf einzelne Objekte des Wahrnehmungsbereiches. Zumeist erfolgt diese Aufmerksamkeitsfokussierung, wenn kein eindeutiges Reaktionsmuster auf einen Reiz existiert und bewusste Verarbeitung notwendig wird. Indem die Wahrnehmung sich mit einem reduzierten Wahrnehmungsbereich beschäftigt, ergibt sich zugleich die Abgrenzung gegen andere Aufmerksamkeitstrigger niedrigerer Priorität. Die Aufmerksamkeit wird sich immer mit dem Thema höchster Priorität befassen. Die Priorität selbst wird durch die Intensität der Abweichung von einer Mittellage gesetzt:
- Größe und Reizintensität (heiß-kalt, hungrig-satt)
- Bewegung (Abweichen der Bewegung eines Objekts von anderen Objekten, sich nähernde Objekte, etc.)
- Farbigkeit (Fokussierung auf Kontraste, bestimmte Farbkombinationen)
- Kontrast zur Umgebung
- scharfe und regelmäßige Begrenzung
- auffällige Symmetrie
- eine Position an ausgezeichneter Stelle des Gesichtsfeldes, z.B. links oben In der Werbung werden diese Zusammenhänge genutzt, um optimale Vorlagen eindrucksvoll zu gestalten, z. B. Plakate, Inserate oder Prospekte.

Umfang der Aufmerksamkeit

Der Umfang der Aufmerksamkeit wird durch die Anzahl gleichartiger Gegenstände bestimmt, die mit einem Blick, d.h. in etwa 200 Millisekunden wahrgenommen werden können. Beim Erwachsenen sind das 6 bis 12, im Mittel 8 Objekte, bei Kindern weniger. Der Aufmerksamkeitsumfang hängt auch ab von:
- der Art der wahrzunehmenden Gegenstände
- von der Bekanntheit der Gegenstände
- von der Beleuchtunsgintensität auf die Gegenstände
- dem Kontrast, unter dem die Gegenstände erkennbar sind
- von der subjektiven Einstellung des Beobachters zu den Typen der Gegenstände Es ist nahezu unmöglich, gleichzeitig einen optischen und einen taktilen Reiz zu beurteilen, wie R. Pauli (1924) zeigte. Das stützt auch die als Enge des Bewusstseins bezeichnete Annahme, daß sich die Aufmerksamkeit jeweils nur einem Inhalt zuwenden kann. Mehrfachleistungen beruhen offenbar auf einem schnellen Wechsel der Zuwendung von einer Aufgabe zu einer anderen. Das ist anstrengend und führt rasch zur Ermüdung. Diese Ermüdung der Aufmerksamkeit und der rasche Wechsel verschiedener Aufmerksamkeitstypen (von auditiv zu visuell etc.) machen sich auch die sogenannten Pfänderspiele zunutze, die aber auch ein gutes Training derselben bedeuten.

Beurteilung von Aufmerksamkeitstypen

Bei sehr schwachen Reizen, z.B. beim leisen Ticken einer entfernten Armbanduhr, sind periodische Schwankungen der Aufmerksamkeit nachweisbar. V. Urbantschisch (1875) stellte eine Phasenlänge von 5 bis 8 Sekunden fest. Individuelle Besonderheiten des aufmerksamen Verhaltens führten zur Unterscheidung von Aufmerksamkeitstypen:
- die fixierende Aufmerksamkeit beschränkt sich auf ein Detail, hat einen engen Umfang, ist einseitig, starr und analytisch
- die fluktierende Aufmerksamkeit hat einen weiten Umfang, ist vielseitig, gleitend, ganzheitlich und synthetisch Seit E. Neumann (1913) unterscheidet man bei Bevorzugung bestimmter Sinnesgebiete
- visuelle
- auditive
- motorische Typen.

Modelle zur Erklärung der Aufmerksamkeit

Zur Erklärung der Aufmerksamkeit wurden zahlreiche Theorien aufgestellt. Die Erklärungsversuche durch Gottfried Wilhelm Leibniz (1704), Wilhelm Wundt (1873) gehen von der Annahme aus, die Aufmerksamkeit sei ein innerer Willensprozess und diene der selektiven Ausgliederung von Bewußtseinsinhalten und der Apperzeption von Vorstellungen. Die Theorien von G.E. Müller (1924), H. Hennig (1925) und R. Rohrbacher (1953) nehmen im Zentralnervensystem physiologische Mechanismen an, die eine spezifische Erregbarkeitssteigerung bestimmter Bereiche der Hinrinde und Bahnungseffekte bewirken. Die Gestaltpsychologen negieren die Aufmerksamkeit als eigenständigen Prozess. P. J. Galpernin (1968) betrachtete die Aufmerksamkeit als eine besondere Form der psychischen Tätigkeit, nämlich als Kontrolltätigkeit, die den Vollzug geistiger Handlungen steuert.

Erwecken von Aufmerksamkeit

Weil die mögliche Aufmerksamkeit im Umfang beschränkt ist, gleichzeitig aber einen gesellschaftlichen Wert darstellt, ist das Erreichen der Aufmerksamkeit einer oder mehrerer Personen für viele ein wichtiges Ziel. Möglich wird es auf sehr unterschiedliche Weise, zum Beispiel durch Auftreten in Presse, Rundfunk oder Fernsehen. Sehr schnell erreichen Skandale eine große öffentliche Aufmerksamkeit. Veränderung erweckt schneller Aufmerksamkeit als Bleibendes, bereits die Ankündigung kann Aufmerksamkeit erregen. Das wird zum Beispiel von Politikern im "Sommertheater" genutzt, aber auch von Künstlern, die Skandale nutzen, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Von einigen wird Aufmerksamkeit sogar als neue Währung betrachtet.

Weblinks


- [http://www.enane.de/aufm.htm Was "ist" Aufmerksamkeit?]
- [http://www.wissenschaft.de/wissen/news/256438.html www.wissenschaft.de: Was erotische Bilder mit der Aufmerksamkeit anstellen] Die Ablenkung durch emotionale Darstellung macht kurzfristig blind für andere Reize Siehe auch: Wahrnehmung, Inattentional Blindness Kategorie:Aufmerksamkeit Kategorie:Kognitionswissenschaft

Gefühl

Der Begriff Gefühl kann in der Psychologie bedeuten:
- In der Emotionspsychologie das subjektive Erleben einer Emotion.
- In der Wahrnehmungspsychologie eine Sinneswahrnehmung, siehe haptische Wahrnehmung.
- In der phänomenologischen Psychologie ist Gefühl ein Moment des Erlebens und Erkennens, siehe Wahrnehmungspsychologie.

Gespräch

Als Gespräch wird allgemein die verbale Kommunikation von Menschen bezeichnet. Unterformen des Gespräches sind z. B.:
- der Dialog
- das Geplauder
- die Diskussion. Ein Briefwechsel oder ein Chat sind schriftliche Entsprechungen des Gespräches. Beim Gespräch gibt es die Rolle des Sprechers und die Rolle des Hörers, wobei die Rollen gewechselt werden. Der Rollenwechsel erfolgt dabei nach inneren oder äußeren Regeln des Gesprächs. Ein Gespräch hat einen bestimmten Gesprächsablauf. Es besteht aus einer Anfangsphase, der Gesprächsmitte und der Endphase. Innerhalb dieser Phasen wechseln unterschiedliche kleinere Gesprächsstrukturen einander ab, wie Dialog, Monolog, Geplauder, Sprechen, Zuhören und andere. An der Gesprächsausübung sind alle beteiligt.

Anfangsphase

Die Gesprächseröffnung erfolgt auf unterschiedliche Weise. In jedem Fall findet zunächst eine Kontaktaufnahme statt. Ein normales Gespräch kann zum Beispiel durch Blickkontakt eingeleitet werden, ein Telefongespräch durch die Annahme des ankommenden Signals, ein formales Gespräch durch eine entsprechende Gesprächsorganisation, Einladung. Bei formalen Gesprächen erfolgt eine Festlegung des Gesprächsleiters, zum Beispiel durch Wahl, die Bestimmung eines Protokollführers, gegebenenfalls Maßnahmen, die die Gesprächsatmosphäre günstig beeinflussen sollen, wie das Anbieten von Kaffee oder Tee. Außerdem erfolgt die Einigung auf ein Gesprächsthema. In der Anfangsphase entstehen oder zeigen sich auch die sozialen Beziehungen der Gesprächsteilnehmer und es wird die Grundstimmung des Gesprächs festgelegt. Die Dauer der Eröffnungsphase ist unterschiedlich und kann bis zum kurzen Austausch von Grußfloskeln schrumpfen. Die Anfangsphase hat eine wichtige Funktion und dient der grundlegenden Gesprächsorganisation und der Feststellung oder dem Aufbau der Gesprächsbereitschaft der Gesprächspartner. Das Anbieten von Getränken entspannt die Atmosphäre dadurch, dass der Anbietende (in der Regel der Gastgeber) damit ausdrückt, dass die Bedürfnisse des Gegenübers hier einen Raum haben. In der Annahme dieses Angebots können keine Fehler gemacht werden. Die Ablehnung eines solchen Angebotes wird je nach Stellenwert der Gastfreundschaft als unhöflich gewertet. Die Annahme von Getränken erlaubt es allen Beteiligten ihre Gedanken zu sortieren und sich auf die Gesprächssituation einzustellen. Daher ist es auch für Unternehmen sinnvoll solche Rituale zu untertützen. Diese welchselseitige erste Interaktion eröffnet das Gespräch und setzt damit den Dialog in Gang.

Gesprächsmitte

Die Gesprächsmitte dient dem eigentlichen Thema. Es geht zur Sache. Die Gesprächsmitte ist thematisch orientiert, die Gesprächsorganisation hängt von der Art des Gespräches und vom Thema ab. Sie kann durch einen Gesprächsleiter erfolgen oder durch informale Übergabe des Rederechts von einem zum anderen. Dazu dienen entsprechende Floskeln oder Blickkontakte, Pausen und Ähnliches. Dabei kann es zu Missverständnissen kommen, beispielsweise wenn der Redner eine kurze Pause macht und ein bisheriger Hörer das Wort ergreift, oder wenn zwei gleichzeitig anfangen, zu sprechen. Dafür gibt es Reparaturmechanismen. So kann man vom Gesprächswunsch zurücktreten, oder der Gesprächsleiter bei formalen Gesprächen trifft die entsprechenden Entscheidungen. Im Falle erhitzter Gespräche (Streit) ist die Gesprächsführung teilweise problematisch. Das Thema kann von vornherein festgelegt sein, zum Beispiel bei einem Arbeitsgespräch oder Verkaufsgespräch, oder es kann sich entsprechend der Situation entwickeln. Besonders im zweiten Fall können sich mehrere Themen spontan entwickeln und abwechseln. Die Frage der Themenlenkung spielt dabei eine wichtige Rolle. Zur Themenlenkung kann eine Aufforderung oder eine Frage eingesetzt werden (Auch eine Zwischenfrage). Wichtig ist, dass sich das Thema dabei in den Gesprächsverlauf einpasst, sonst gibt es Probleme bei den Gesprächspartnern und der Gesprächsfaden kann abreißen.

Beendigungsphase

Wenn die eigentlichen Gesprächsthemen abgeschlossen sind, folgt eine Beendigungsphase. Es erfolgt ein Beendigungsangebot. Dieses kann explizit erfolgen (Aufforderung, zum Ende zu kommen, Klingelzeichen) oder durch informale Handlungen, zum Beispiel Blicken nach der Uhr, Einpacken des Schreibzeugs oder ähnlichem. Es wird festgestellt, ob das Thema genügend behandelt wurde, oder ob noch offene Fragen bestehen, weitere Gespräche können vereinbart werden und es erfolgt ein emotionaler und formaler Abschluss des Gespräches. Dafür gibt es in jeder Sprache und Gesprächssituation entsprechende Riten, wie Austausch von Grüßen und Händereichen. Gegebenenfalls kann auch eine Wiederaufnahme oder Weiterführung des Gespräches erfolgen, wenn das Beendigungsangebot abgelehnt wird.

Gesprächssteuerung

Da bei einem Gespräch mehrere Personen teilnehmen, ist es nötig, die Übernahme der Rollen zu synchronisieren, weil sonst alle durcheinander sprechen würden oder Gesprächsteilnehmer nicht zu Wort kommen. Bei formalen Gesprächen dient dazu zum Beispiel die Wortmeldung (zum Beispiel durch Handheben), gegebenenfalls eine Redezeitbegrenzung, oder bei ausschweifenden oder vom Thema abweichenden Äußerungen ein Hinweis durch den Gesprächsleiter. Die Grundregel ist, dass der Sprechende Rederecht hat, bis er mit seinem Gedanken fertig ist. Anschließend ergreift ein anderer das Wort. Wer das ist, ergibt sich aus dem Gesprächsverlauf und wird im Normalfall auf einfache Weise und unproblematisch ermittelt. Bei kleineren Gesprächsgruppen ist eine formale Gestaltung des Gesprächsverlaufs oft nicht notwendig. Die Steuerung erfolgt durch Übergabe des Wortes, manchmal auch durch Übernahme (Dazwischensprechen). Während des Gespräches gibt es oft Aufmerksamkeitszeichen bzw. Zeichen der Zustimmung oder Ablehnung, die aber – zumindest bei nicht formellen Gesprächen – nicht als „Dazwischensprechen“ gewertet werden (Nicken, Kopfschütteln, kurze Äußerungen wie „ja“, „hmm!…“, „Ach nein!“ und andere). Bei Gesprächen am Telefon sind solche Bemerkungen als Zeichen der Aufmerksamkeit notwendig, um dem Partner zu zeigen, dass der Geprächskanal noch offen ist. Aber auch bei normalen Gesprächen sind sie oft hilfreich und dienen der Aufrechterhaltung der sozialen Gesprächsbeziehung. Die Absicht zur Beendigung des Sprechens und zur Übergabe des Wortes an einen anderen wird durch den Sprechenden im Normalfall signalisiert. Dazu können Floskeln dienen: „Was sagst du denn dazu?“, „Ich komme jetzt zum Schluss…“, oder der Sprecher kann einfach aufhören zu reden. Das kann aber leicht mit einer kurzen Pause zum Luftholen oder Gedankenfassen verwechselt werden. Wenn der Redner nicht mit der Gesprächsübernahme durch einen anderen Gesprächspartner einverstanden ist, versucht er, die Situation zu „reparieren“, zum Beispiel mit Floskeln wie „Lasse mich bitte aussprechen“ oder „Ich bin noch nicht fertig“. Daraufhin kann ihm der nunmehr Redende das Wort wieder überlassen, oder versuchen es zu behalten.

Paarigkeit

Oft treten Gesprächsbeiträge paarig auf. Eine Frage erwartet eine Antwort, ein Kompliment eine Reaktion auf das Kompliment, ein Gruß einen entsprechenden Gegengruß, ein Vorschlag erwartet die Annahme oder Verwerfung des Vorschlages. Normalerweise reagieren die Gesprächsteilnehmer adäquat auf solche Wendungen. Das einfache Ignorieren gilt oft als unhöflich. Manchmal, zum Beispiel bei einem Vorschlag, den der Gesprächspartner nicht direkt annehmen will, aber auch nicht ohne Komplikationen ablehnen kann, weicht er aus oder macht Gegenvorschläge. Solche Reaktionen sind vor allem in der Diplomatie häufig.

Siehe auch:


- Telefongespräch
- Selbstgespräch
- Kritikgespräch
- Mitarbeitergespräch

Literatur


- Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann, Studienbuch Linguistik, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2001, ISBN 3-484-31121-5

Weblinks


- [http://gais.ids-mannheim.de Gesprächsanalytisches Informationssystem] Kategorie:Kommunikation

Freundschaft

Unter Freundschaft versteht man eine persönliche, freiwillige und dauerhafte Beziehung zwischen zwei oder mehreren Personen mit emotionaler, in der Regel aber ohne sexuelle Bindung und ohne soziale Kontrolle durch Außenstehende. Die an einer freundschaftlichen Beziehung beteiligten Menschen werden Freundinnen bzw. Freunde genannt. Freundschaft wird heute besonders gegen familiäre Beziehungen abgegrenzt, die zwar ebenfalls dauerhaft und emotional, aber entweder nicht frei gewählt (Verwandte) oder sexuell geprägt (Ehepartner) sind. Im übertragenen Sinne bezeichnet „Freundschaft“ ein gutes und oft vertraglich geregeltes Verhältnis zwischen Völkern oder Nationen (Freundschaftsvertrag). Eine wissenschaftlich korrekte Erklärung im Sinne einer wiederholbaren Messung der Stärke einer Freundschaft ist schwer möglich. Freundschaftsvertrag

Umgangssprachliche Begriffsbestimmung

Umgangssprachlich werden freundschaftliche Beziehungen nach dem Grad ihrer Stärke abgestuft:
- die schwächste Form ist die "Bekanntschaft", wobei vor allem die Aussage getroffen wird, dass eine Person von der Existenz einer anderen weiß und zumindest schon einmal z.B. miteinander geredet wurde. Es kann dabei unterstellt werden, dass dem Bekannten keine ablehnenden Gefühle entgegengebracht werden.
- freundschaftliche Beziehungen sind bedeutend enger.
- sie werden nur noch übertroffen von der Liebe. In der Armee, bei Feuerwehr und THW, bei den Pfadfindern oder Bergsteigern, Sportlern und in den Vereinen spricht man dagegen von Kameradschaft; in der Arbeiterbewegung von Solidarität. Liebe lässt keine weiteren Differenzierungen zu (man liebt oder tut es nicht), bei Freundschaft und Bekanntschaft sind Abstufungen möglich (entfernter Bekannter, guter Bekannter, guter Freund). Herausragend ist "der Freund fürs Leben", eine Formulierung, die eine sehr intensive und bedingungslose Bindung andeutet. Eine weitere Dimension der Freundschaft ist, dass sie auch nach einer Unterbrechung jederzeit wieder aktiviert werden kann, auch wenn die Freunde jahrelang keinen Kontakt hatten. Jemanden einen Geschäftsfreund zu nennen, deutet dagegen eine eher beruflich-geschäftliche Beziehung an, bei der man bislang positive Erfahrungen gemacht hat. Siehe auch Brieffreundschaft.

Soziologische und psychologische Begriffsbestimmung

In der Soziologie hat Ferdinand Tönnies „Freundschaft“ als „Gemeinschaft des Geistes“ kategorisiert. Auch gibt es einige wissenschaftliche Untersuchungen zum Verhalten innerhalb einer Freundschaft. So streiten enge Freunde wesentlich mehr als lediglich miteinander bekannte Personen. Der Grund dafür wird von Psychologen und Soziologen darin gesehen, dass sich enge Freunde einander sicher sind und daher nicht übervorsichtig agieren müssen. Außerdem haben sie mehr Kontakt zueinander. Außerdem bedeutet Freundschaft mehr als nur vertrauen. Natürlich kann mal ein Streit vorkommen, doch ist es empfehlenswert, dass man den Streit nicht über Wochen ausbreitet. Georg Simmel beschreibt in "Soziologie der Freundschaft", die Freundschaft als differenzierte Freundschaft. Im Gegensatz zu Aristotele (siehe "Philosophie") sieht er Freundschaft als graduelles Phänomen. Freundschaft fängt für ihn in dem Moment an, wenn sich zwei Menschen bekannt sind. Sie wissen also um ihre gegenseitige Existenz. Von dieser Basis können die Menschen verschieden weit in die "Sphäre" des anderen eindringen. Auf der einen Seite hängt die Tiefe und der Umfang des Eindringens von dem ab, was man preisgeben will und auf der anderen Seite ist diese Grenze in der Freundschaft auch bekannt, so dass der andere diese Grenze nicht einfach überschreiten wird. Bsp: Mit den Fussballkumpels spricht man über Fussball. Die Eheprobleme anzusprechen, wäre eine Grenzüberschreitung. Simmel bezeichnet das, was jenseits diese Grenze liegt als "Reserve" - Das ist positiv und negativ: Auf der einen Seite gebe ich etwas nicht von mir preis, auf der anderen Seite ist da noch etwas, was man der Freundschaft hinzugeben könnte. Auch wenn also im täglichen Umgang diese Grenze nicht überschritten wird, so ist aber die Möglichkeit gegeben, die Freundschaft auch auf andere Dinge auszuweiten und so die Freundschaft zu vertiefen. Einen Sonderfall der Freundschaft sieht Simmel in der Ehe: Das hängt zu einen damit zusammen, dass die Ehe ihren Charakter gewandelt hat: War bei Montaigne die Ehe noch ein Handel, so ist die Ehe heutzutage eher von Liebe gekennzeichnet. Wenn die Ehe also eine Liebesbeziehung ist, so wirken freundschaftliche Element. Simmel warnt davor, die Ehe als sofortige und umfassende Öffnung der Partner zu verstehen. Er sieht den Wert einer Ehe vielmehr in dem Prozess der fortschreitenden freiwilligen Vertiefung der Freundschaft. Wertvoll sind sowohl die geteilten Dinge, als auch die Dinge, die man dem Partner (noch) nicht mitteilen will oder kann. Dazu kommt, dass man sich selbst über viele Dingen nicht so im klaren ist, dass man sie sich selbst überhaupt mitteilen könnte oder wollte. Dieser "blinde Fleck" in der Beziehung zu sich selbst wäre potentiell enttäuschend für eine Ehe, die auf komplette Öffnung ausgelegt ist.

Philosophische Begriffsbestimmung

Schon Sokrates, Platon und Aristoteles haben sich Gedanken zum Thema "Freundschaft" gemacht. So beschreibt Platon in Symposion eine Diskussion mit Sokrates zu dem Thema. Aristoteles widmet der Freundschaft 2 Bücher in seiner Nikomachischen Ethik.

Platon

Die grundlegende Wichtigkeit des Themas "Freundschaft" lässt sich an dem "Mythos vom Überleben" aus dem "Prothagoras" ablesen. Hier beschreibt Platon die Schöpfungsgeschichte des Menschen. Als Tier ohne herausragende Eigenschaften, bekommt der Mensch neben den göttlichen Fähigkeiten des Handwerks und des Feuers, zuletzt auch noch die "Sittliche Scheu und das Rechtsempfinden" - die Staatskunst von Zeus, um ein Zusammen(-über-)leben überhaupt erst möglich zu machen. Siehe auch: Platonische Liebe

Aristoteles

Für Aristoteles ist die Freundschaft wichtiger Bestandteil einer funktionierenden (Polis-)Gesellschaft. Noch höher als die Gerechtigkeit soll der Staat die Freundschaft schätzen. In der griechischen Polis gab es keine offentlichen Dienste wie Polizei und Feuerwehr, so war jeder auf das Wohlwollen des anderen angewiesen. Wer in Ämter gewählt werden wollte, musste sich das Wohlwollen der Menschen sichern. Heutzutage würde man eine Reihe der als "Freundschaft" bezeichneten Verhältnisse nicht mehr unbedingt als Freundschaften bezeichnen. Im Altgriechischen bedeutet das Wort "Philia" allerdings sowohl "Freundschaft" als auch "Liebe" und kann folglich auch in diesem weiteren Sinn benutzt werden. Aristoteles hält Freundschaft nicht für ein graduelles Phänomen, bei dem der eine Mensch mehr Freund ist als der andere, sondern er kategorisiert die verschiedenen Freundschaften. Als erstes teilt er sie in die "Freundschaft unter Gleichen" und die "Freundschaft unter Ungleichen" und schließt gleichzeitig die Freundschaft zu unbeseelten Dingen aus. Die Freundschaft unter Gleichen gilt für gleichgestellte Bürger. Man ist sich alles in allem ebenbürtigt. Diese Freundschaft unterteilt er weiter in Nutzen-, Lust- und Tugendfreundschaft. Die Nutzenfreundschaft bringt die Menschen zu einem Zweck zusammen. Fällt dieser Zweck weg, ist die Freundschaft gefährdet. Ähnliches gilt für die Lustfreundschaft, die rein affektiv begründet ist. Diese beiden Arten sind akzidentiell und labil. Stabil dagegen ist die Tugend- oder Charakterfreundschaft. Sie ist die Freundschaft um des Freundes willen. Aristoteles beschreibt diese Freundschaft als "eine Seele in zwei Körpern". Dazu müssen die "Seelen" - die Charaktere ähnlich sein. Hier kommt Aristoteles' Mesothes-Lehre ins Spiel, deren Maxime das Maßhalten der Weg zu einem tugendhaften und erfüllten Leben ist. Sind sich zwei Personen in ihrer Tugendhaftigkeit ähnlich, so ist das die Vorraussetzung für die vollkommene Freundschaft. Wie für jegliche Tugend gilt auch für die Freundschaft bei Aristoteles, dass sie durch wiederholtes Handeln zur Gewohnheit werden muss ("Êthikê ex Ethous") - Das Wort "Ethik" hat im Altgriechischen den gleichen Wortstamm wie "Gewohnheit". Das Ausüben der Freundschaft geht nur im alltäglichen Umgang. Die Teilhabe am Leben des Freundes und damit die räumliche Nähe sind nach Aristoteles unerlässlich für eine Freundschaft. Die Freundschaft unter Ungleichen bei Aristoteles würde man heute vermutlich eher als Ehrerbietung bezeichnen. Sie beschreibt nicht nur das Verhältnis zwischen den Generationen (Vater/Sohn, alt/jung, Frau/Mann), sondern auch das Verhältnis des Menschen zum Staat. So muss nach Aristoteles die Asymetrie der Hierarchie durch ein Mehraufwand von "Philia" durch den Unterlegenen ausgeglichen werden. Der Sohn muss dem Vater mehr Respekt entgegenbringen als umgekehrt, so wie der Bürger mehr in den Staat investiert, als er unmittelbar zurückbekommt.

Mittelalter

Im Mittelalter war die Freundschaft vor allem durch die Freundschaft zu Gott und eine Freundschaft in Gott (christliche Nächstenliebe) bestimmt. Siehe auch: Plotin, Augustinus

Montaigne

Michel de Montaigne schrieb in seinem Essay "Über die Freundschaft" vor allem aus einer privaten Perspektive: Unter dem Eindruck der Wirren der französischen Bürgerkriege erlebte er in seiner Freundschaft mit Étienne de La Boétie bis zu dessen Tod im Alter von nur 33 Jahren ein absolutes Vertrauen. Montaigne geht es nicht wie Aristoteles um die Freundschaft als gesamtgesellschaftliches Phänomen - er will seiner Freundschaft ein Denkmal setzen und hält diese Art Freundschaft für einmalig, oder höchstens für äußerst rar. Er teilt die Freundschaft in grob zwei Kategorien: In seine Freundschaft zu Étienne de La Boétie und die "gewöhnliche Freundschaft" - Diese gewöhnlichen Freundschaften bestünden nur um eines Nutzen. Sie seien also labil und böten nicht das Vertrauen seiner Freundschaft. Desweiteren hält Montaigne Frauen nicht zur Freundschaft fähig - ihnen fehlten die geistigen Fähigkeiten, um mit dem Mann mitzuhalten. Er räumt allerdings ein, dass die Freundschaft zu einer Frau - so sie denn doch über die geistigen Fähigkeiten verfügt - noch besser sein könnte, weil sie Geist, Seele und Körper umfassen würde. Die Lustfreundschaft zwischen Männern, die bei Aristoteles noch eine starke Rolle spielte, lehnt Montaigne schlichtweg ab.

Kultur- und literaturwissenschaftliche Begriffsbestimmung

Eine Freundschaft ist sehr individuell und auch kulturell abhängig. Ein Deutscher definiert in der Regel nur wenige seiner Mitmenschen als Freunde, meist höchstens einen oder zwei. Ein Nordamerikaner dagegen gewinnt im Laufe seines Lebens immer mehr Freunde. Hier wird eine gute Bekanntschaft meist schon als Freundschaft bezeichnet, im Gegensatz zu der oft tiefgehenden und langfristigen Beziehung, die in Deutschland meist für Freundschaft steht. Kommunikation ist ein wichtiger Teil der Freundschaft; neben der persönlichen Begegnung gehören dazu Telefongespräche und alle Formen schriftlicher Kommunikation. Die Grundlagen für unterschiedliche Freundschafts-Konzepte liegen u. a. in literarischen Traditionen und in den realen Lebensbedingungen, die sich von Kultur zu Kultur oft stark unterscheiden. So ist der Freundschaftsbegriff in Deutschland und Frankreich z. B. vom literarischen Freundschaftskult des 18. Jahrhunderts (z. B. Friedrich Gottlieb Klopstock, Göttinger Hain) geprägt, der den Übergang von der Zwangsbindung ans Geburtsmilieu zur freien Wahl des sozialen Umfelds (Freunde, Sexualpartner) nach dem Prinzip der "Seelenverwandtschaft" markiert. Bei Personen, die räumlich getrennt leben mussten, war hier das wechselseitige Schreiben von Briefen ein wichtiges Mittel zur Pflege von Freundschaft. In Nordamerika, wo ein solches Konzept der Freundschaft kulturgeschichtlich weniger verwurzelt ist als in Deutschland, spielt andererseits auch die extrem hohe räumliche und soziale Mobilität der Bevölkerung - v. a. in den höheren sozialen Schichten - eine Rolle. Die Fähigkeit, in einer neuen Umgebung schnell Kontakte zu schließen und Anschluss zu finden, wird hier als sehr viel wichtiger erachtet als die Pflege "tiefer" Beziehungen, die in Einwanderungsländern wie den USA weitaus stärker als in Europa der Familie vorbehalten ist. Literarisch ist die Freundschaft über die Jahrhunderte immer wieder thematisiert worden:
- Die Ballade Die Bürgschaft von Friedrich Schiller ist ein Musterbeispiel für die Darstellung unbedingten Vertrauens in einer freundschaftlichen Beziehung.

Literatur


- Aristoteles: Nikomachische Ethik.
- Cicero, Marcus Tullius: Laelius. - Über die Freundschaft. Hrsg. von Robert Feger. Stuttgart 1995.
- Alberti, Leon Battista: Über die Freundschaft [1441]. In Alberti: Vom Hauswesen (Della Famiglia]. Buch 4. München 1986.
- Montaigne, Michel de: Über die Freundschaft; Dreierlei Umgang: Freunde, Frauen, Bücher. In: Essays. [1580ff.]
- Foucault, Michel: Von der Freundschaft. Foucault im Gespräch. Berlin 1986.
- Eichler, Klaus-Dieter: Philosophie der Freundschaft. Leipzig 1999. Psychologische und Ratgeberliteratur
- Verena Kast: Die beste Freundin, (dtv) 1995
- Ute K. Seggelke: Freundinnen, (Gerstenberg) 2001
- Dale Carnegie: Wie man Freunde gewinnt, (Scherz) 2002
- Horst Petri: Der Wert der Freundschaft, (Kreuz-Verlag) 2005

Zitate


- „Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern“; „Sie ist in Hinsicht auf das Leben (in der Gemeinschaft) höchst notwendig. Denn ohne Freunde möchte niemand leben, auch wenn er die übrigen Güter alle zusammen besäße ... Freundschaft ist Hilfe“ Aristoteles
- „Einen sicheren Freund erkennt man in unsicherer Sache.“ oder „Amicus certus in re incerta cernitur.“ Cicero
- „Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das ist feste Freundschaft“ Sallust
- „Der Freund ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt.“ Elbert Hubbard
- „Freundschaft ist, wenn dich einer für gutes Schwimmen lobt, nachdem du beim Segeln gekentert bist.“ Werner Schneyder
- „Freundschaft ist wie Geld, leichter gewonnen als erhalten.“ Samuel Butler
- „Es gibt nur ein Problem, das schwieriger ist, als Freunde zu gewinnen: sie wieder loszuwerden.“ Mark Twain
- „Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann.“ Ralph Waldo Emerson
- „Freunde in der Not, gehen 1000 auf ein Lot“. Sprichwort Kategorie: Soziologie Kategorie: Ethisches Gut

Beziehung

Eine Beziehung verknüpft zwei oder mehrere abstrakte oder konkrete Dinge oder Personen miteinander. Der Begriff wird in verschiedenen Zusammenhängen gebraucht:
- als Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, siehe Kausalbeziehung
- als Beziehung zwischen mathematischen Objekten wie „größer als“, siehe Relation (Mathematik).
- als Gemeinschaft zwischen zwei Personen, siehe dazu: Partnerschaft (Beziehung), Asymmetrische Beziehung und Fernbeziehung.
- als Adverb beziehungsweise (Abkürzung „bzw.“), welches oft als Füllwort gebraucht wird. Es soll andeuten, dass sich der nachfolgende Gedanke zwar auf das vorher Gesagte bezieht, aber von einem unterschiedlichen Standpunkt aus betrachtet.
- als Fragestellung der Philosophie. Geläufige philosophische Fragen sind, ob die Dinge oder die Beziehungen zwischen den Dingen zu untersuchen sind, und ob diese überhaupt voneinander getrennt betrachtet werden können. Bedeutsam ist diese Frage etwa in den Systemtheorien.
- als Teil eines Entity-Relationship-Modell. Siehe Beziehung (Datenbank). Siehe auch: Assoziation, Relation, Verknüpfung Kategorie:Kommunikation

Depression

Eine Depression (v. lat. depressio „Niederdrücken“), in der Medizin meist als depressive Episode bezeichnet, ist eine psychische Störung, die durch die Hauptsymptome gedrückte Stimmung, gehemmter Antrieb, Interessenlosigkeit und Freudlosigkeit, ein gestörtes Selbstwertgefühl und eine Abschwächung der Fremdwertgefühle (Verlust von Interesse/Zuneigung für früher wichige Tätigkeiten oder Bezugspersonen, Schwund der emotionalen Resonanzfähigkeit, wobei sich der Patient seiner fehlenden Fremdwertgefühle schmerzhaft bewusst wird - von Betroffenen als Gefühl der Gefühllosigkeit bezeichnet) gekennzeichnet ist.

Symptome

Neben den bereits genannten Hauptsymptomen können unter anderem das Gefühl der Minderwertigkeit, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Müdigkeit, verringerte Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit, sinnloses Gedankenkreisen, langsameres Denken, Reizbarkeit, Ängstlichkeit, vermindertes Gefühlsleben bis hin zur Unfähigkeit des Zeigens einer Gefühlsreaktion und verringertes sexuelles Interesse auftreten. Häufig tritt bei einer akuten Depression auch eine völlige Unmotiviertheit auf. Die Betroffenen werden passiv und sind zum Teil nicht in der Lage, einfachste Tätigkeiten wie Einkaufen und Abwaschen zu verrichten. Bereits das morgendliche Aufstehen kann dann Probleme bereiten. Negative Gedanken und Eindrücke werden häufig überbewertet und positive Aspekte nicht wahrgenommen beziehungsweise für zufällig gehalten. Depressionen äußern sich oft auch in körperlichen Symptomen (Vitalstörungen) wie zum Beispiel Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Gewichtsabnahme, Gewichtszunahme, Verspannungen, Schmerzempfindungen im ganzen Körper, Kopfschmerzen und verlangsamten Bewegungen. Auch kann eine verstärkte Infektionsanfälligkeit beobachtet werden. Die Schlafstörungen äußern sich dabei meist in großer Tagesmüdigkeit, Durch- und Einschlafstörungen sowie frühmorgendlichem Aufwachen und Wachbleiben mit Kreisdenken. Je nach Schwere der Depression kann diese mit latenter oder akuter Suizidalität verbunden sein. Es wird vermutet, dass der größte Teil der jährlich zirka 12.000 Suizide in Deutschland auf Depressionen zurückzuführen ist. Demnach würden mehr Menschen in Deutschland an den Folgen einer klinischen Depression sterben als an Verkehrsunfällen.

Diagnose

Eine genaue Diagnose wird aufgrund der Komplexität von psychischen Erkrankungen oft erst vom Experten, das heißt vom psychologischen Psychotherapeuten oder Psychiater gestellt. Ein verbreitetes Diagnosewerkzeug ist die HAMD (Hamilton-Depressionsskala). In einigen Fällen ist die Depression mit anderen Erkrankungen verbunden, so dass sie von den behandelnden Ärzten nicht direkt erkannt wird.

Verbreitung

Die Depression ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Zahlen darüber, wie hoch der wirkliche Anteil derjenigen ist, die davon betroffen sind. Das hängt zum einen mit der hohen Dunkelziffer zusammen (viele Depressionen werden nicht als solche erkannt) und zum anderen mit der Definition der Krankheit. Die meisten Veröffentlichungen gehen jedoch heute davon aus, dass in Deutschland mehr als 10 % der Personen im Laufe ihres Lebens eine behandlungsbedürftige Depression durchleben. Bei Frauen werden Depressionen im Durchschnitt doppelt so oft wie bei Männern diagnostiziert. Dies kann auf eine verstärkte genetische Disposition von Frauen zur Depression hinweisen, aber auch mit den unterschiedlichen sozialen Rollen und Zuschreibungen zusammenhängen, da deutlich mehr Männer an meist depressionsbedingten Suiziden sterben als Frauen. Bei Männern können sich Depressionen auch anders ausdrücken als bei Frauen, da sie aber durchschnittlich seltener in ärztliche Behandlung gehen und weniger über sich erzählen, kommt dies oft nicht zur Kenntnis. In den vergangenen Jahren wurde in den entwickelten Ländern ein starker Anstieg der depressiven Erkrankungen beobachtet, ganz besonders in den hoch industrialisierten Ländern. Die Ursachen dafür sind noch unklar, häufig wird jedoch der Stress in der Gesellschaft (in Form von gestiegener Beanspruchung und Unsicherheit durch die persönliche und berufliche Situation) mit verantwortlich gemacht. So wurde zum Beispiel nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine schlagartige Zunahme von Depressionen und Suiziden in vielen osteuropäischen Staaten beobachtet. Eine weitere Ursache mag sein, dass die Stigmatisierung der Depression in den letzten Jahren weitgehend überwunden wurde und die Patienten heute häufiger ärztliche Behandlung suchen. Dies würde auch mit den Statistiken für Suizid übereinstimmen, nach denen im Jahre 1980 noch 18.000 Deutsche jährlich durch Suizid das Leben verloren, während es im Jahre 2000 nur noch 12.000 waren.

Unterschiedliche Formen

Tiefenpsychologisch und analytisch ausgerichtete Theorien unterscheiden zwischen der endogenen Depression (endogen bedeutet aus sich selber heraus), die ohne erkennbare Ursache auftritt (und bei der auch eine genetische Mitverursachung vermutet wird), der neurotischen Depression -oder auch Erschöpfungsdepression – (verursacht durch länger andauernde belastende Erfahrungen in der Lebensgeschichte) und der depressiven Reaktion (auch: reaktive Depression – als Reaktion auf ein eher kurz zurückliegendes belastendes Ereignis). Neue, eher deskriptiv (beschreibend) ausgerichtete Diagnose-Schemata, wie die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) unterscheiden zwischen Episoden (einzelnen Vorkommen von Depression beziehungsweise Manie) und rezidivierenden Störungen (wiederholtes Vorkommen von Episoden). Die Schwere der Depression wird mit leicht, mittelgradig oder schwer bezeichnet, hinzukommen können psychotische Störungen. Bei der seltener anzutreffenden bipolaren affektiven Störung kommen Depressionen und Manien (die sich durch unkontrollierte Hyperaktivität, übernormal gehobene oder gereizte Stimmung und mangelnde Kritikfähigkeit auszeichnen) in zeitlich unterschiedlich langen Phasen vor, daher auch die ältere Bezeichnung manisch-depressive Erkrankung. In leichter, aber über Jahre andauernder Form wird sie als Zyklothymie bezeichnet. Das langandauernde Pendant zur (nicht manischen) Depression ist die Dysthymie. Statt Manien können bei der bipolaren Störung auch Hypomanien vorkommen, die nicht so stark ausgeprägt sind, und die oft übersehen werden oder bei Ärzten nicht geschildert werden (der Betroffene fühlt sich ja dabei gut). So stecken hinter rezidivierenden Depression oft bipolare Störungen, die anders behandelt werden sollten. Manche Psychiater diagnostizieren eine spezielle Winterdepression (SAD – Seasonal Affective Disorder oder auch saisonabhängige Depression), die durch Mangel an Sonnenlicht begünstigt wird. Eine weitere Sonderform ist die Altersdepression: bei den 70- bis 74-jährigen sind 14 % depressiv, bei über 80-jährigen sind es 42 %, auch hier Frauen doppelt so häufig wie Männer. Allerdings gehen die Alterspsychiater heute davon aus, dass es keine spezielle Altersdepression gibt, sondern alle Formen der Depression auch im höheren Lebensalter vorkommen können. Auch geht man davon aus, dass Depressionen im Alter nicht häufiger sind als in anderen Lebensabschnitten. Bei etwa 10 % der Frauen kommt es nach einer Geburt zu einer postpartalen Depression, für die hormonelle Ursachen vermutet werden. Eine Sonderform der Depression ist die anaklitische Depression (Anaklise = Abhängigkeit von einer anderen Person) bei Babys und Kindern, wenn diese allein gelassen oder vernachlässigt werden. Die anaklitische Depression äußert sich durch Weinen, Jammern, anhaltendes Schreien und Anklammern und kann in psychischen Hospitalismus übergehen. Letztendlich können auch organisch bedingte Depressionen entstehen. (z.B. durch eine Hypothyreose )

Ursachen

Die Ursachen, die zu einer Depression führen, sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Es ist wohl, wie bei vielen Erkrankungen, von einer Multikausalität auszugehen, das heißt, dass sowohl biologische (genetische) Faktoren, wie entwicklungsgeschichtliche Erlebnisse, wie auch schließlich aktuelle Ereignisse eine Rolle spielen können. Im Einzelfall kann dabei die Ursache mehr bei einem der genannten Pole liegen.

Psychische Ursachen

Neben der Möglichkeit einer genetischen Disposition stellt beispielsweise das Erleben von Entwertung, Erniedrigung und Verlust in engen Beziehungen ein hohes Risiko für das Entstehen einer Depression dar. Auch Stresssituationen (siehe unten) scheinen als Ursache eine Rolle zu spielen. Als psychische Ursachen für die Depression werden, besonders von psychoanalytisch orientierten Psychologen, wie Heinz Kohut, Donald W. Winnicott und Jacques Lacan auch dysfunktionale Familien beschrieben. Hier sind die Eltern mit der Erziehungsarbeit überfordert, und von den Kindern wird erwartet, dass sie problemlos "funktionieren", um das fragile familiäre System nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Besonders Kinder, die auf solch eine Überforderung mit der bedingungslosen Anpassung an die familiären Bedürfnisse reagieren, sind später depressionsgefährdet. Als handlungsleitendes Motiv kann nun das ständige Erfüllen von Erwartungen entstehen. Die so entstandenen Muster können lange auf einer latenten Ebene bleiben, und beispielsweise durch narzistische Größenphantasien oder ein Helfersyndrom kompensiert werden. Erst wenn die depressive Überforderung ein nicht mehr erträgliches Maß erreicht, wird aus der latenten eine manifeste Depression. Diese psychischen Ursachen hinterlassen in der Regel physisch nachweisbare Reaktionen im Gehirn.

Stress als Ursache

Als natürlicher Schutzmechanismus wird im Gehirn in Gefahrensituationen die Produktion von Serotonin gehemmt. Dieser Vorgang ist nachweisbar, während der hochkomplexe individuelle Sozialisationsprozess und das charakterlich-affektive Verhalten im Erleben des Menschen nicht so einfach nachzuweisen ist. Die Serotoninproduktion ist eine mögliche Reaktion des Gehirns auf interpersonelle (zwischenmenschliche) oder intrapersonelle (selbstreflektierte) Stressinteraktionen des Menschen. Sie spielt eine Schlüsselrolle bei weitsichtigem Denken, was aber in Gefahrensituationen nicht sinnvoll ist. Normalisiert sich die Situation wieder, so wird beim gesunden Menschen die Serotoninproduktion wieder aufgenommen – der Betreffende denkt wieder klar. Besonders wenn mehrere Stresssituationen über einen Zeitraum von einigen Jahren anhalten, kann es vorkommen, dass sich die Serotoninproduktion nicht mehr normalisiert, wenn schließlich doch wieder eine ruhigere Phase im Leben eintritt. Depressionen werden im Alter von etwa 30 Jahren verstärkt beobachtet, zu einem Zeitpunkt also, da bei manchen Menschen nach einer stressreichen Jugendzeit das Leben in ruhigeren Bahnen verläuft. Das Serotoninniveau bleibt niedrig, und nun wird nicht mehr Stress im Leben bewältigt, sondern ein normaler, nicht übermäßig aufregender Alltag gedämpft. An dieser Stelle setzt die Depression ein. Das weitsichtige Denken ist gestört, was aber notwendig ist, um sich auf künftige Ereignisse freuen zu können. Viele psychologische Selbstschutzmechanismen (etwa der Gedankengang, dass an einem Problem auch andere schuld sein könnten, und nicht man selbst) sind bei Depressionserkrankten offenbar „ausgehebelt“ oder konnten sich gar nicht erst ausbilden. Eine anfängliche Krise kann einen Kranken in einen Teufelskreis reißen, den er allein nur sehr schwer wieder durchbrechen kann: Im Verlauf der Erkrankung zeigt sich, dass – gerade bei lange andauernden Depressionen – die Krankheit so stark in das Leben der Betroffenen eingreift, dass zwischenmenschliche Beziehungen und auch zum Beispiel schulischer und beruflicher Erfolg darunter zu leiden haben. Das durch die Krankheit bedingte Ausbleiben von Erfolgserlebnissen beziehungsweise das häufigere Erleben von Rückschlägen im eigenen Fortkommen führt dann wieder in das die Depression bestimmende Denkmuster von Hilfs- und Hoffnungslosigkeit. Im Blut und Urin von Depressiven lassen sich in der Regel überhöhte Mengen des Stresshormons Kortisol nachweisen.

Physische Ursachen

Insbesondere in älteren Diagnoseansätzen der Schulmedizin wird diesen neuronalen Veränderungen an sich die auslösende Ursache für die Krankheit zugeschrieben. Andere Diagnoseansätze fokussieren mehr auf die Auslöser der biochemischen Veränderungen in der Umwelt und den Lebensgewohnheiten des Patienten. Ein weiterer exogener beziehungsweise biogener Auslöser ist die Lichtaufnahme. Bei der so genannten saisonalen, auch: Winter- oder Herbstdepression (siehe oben) treten durch den Mangel an Sonnenlicht regelmäßig über die Wintermonate depressive Symptome auf, die im Frühjahr wieder abklingen. Auch die Antibabypille kann schwere Depressionen auslösen, da einige Frauen sehr empfindlich auf die chemischen Hormone reagieren. Auslöser sind hierbei vor allem die Gestagene.

Depression als Begleiterscheinung anderer Erkrankungen

Verschiedene körperliche Zustände oder Erkrankungen können die Ursache einer symptomatischen Depression sein. Dazu zählen viele Hormonstörungen, beziehungsweise Veränderungen im Regelkreis der Hormone, zum Beispiel Umstellung der Sexualhormone nach der Schwangerschaft oder während der Pubertät, bei Schilddrüsenfunktionsstörungen und Hypophysen- oder Nebennierenerkrankungen. Auch Umweltgifte wie z. B. Schwermetalle aus Zahnfüllmaterialien oder Holzschutzmittel stehen in Verdacht, eine Depression verursachen zu können. Ebenso stehen bestimmte Viren wie z. B. das Borna Virus in Verdacht zu funktionellen Störungen des Gehirns beizutragen, welche letztendlich zu Depressionen führen. Auch können medikamentöse Therapien Depressionen auslösen, so etwa Betablocker aber auch viele andere Medikamente, etwa die Therapie mit gewissen Immunmodulatoren bei Hepatitis. Bei korrekter Anamnese und fachgerechter Behandlung der Grunderkrankung ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch die Depression verschwindet. Beispielsweise leiden Personen mit stark schwankenden Blutzucker häufig unter depressiver Verstimmung. Wenn durch geeignete Maßnahmen wie Ernährungsumstellung, Sport oder ggf. Diabetesbehandlung der auslösenden Zustandes Blutzuckerschwankung beseitigt wird, mildert sich auch die vermeintlich psychisch bedingte Depression ab. Betrachtung aus physiologischer Sicht Die Depression gehört zu den affektiven Störungen, wie auch die Manie und die manisch-depressive Erkrankung. Als gesichert gilt, dass bei jeder bekannten Form der Depression das serotonale und/oder noradrenale System gestört ist, das heißt, der Spiegel dieser Neurotransmitter ist zu hoch oder zu niedrig, oder die Resorption/Reizbarkeit der Synapsen ist verändert. Vollkommen unklar ist jedoch, ob die Veränderung im Serotoninspiegel eine Ursache oder eine Folge der depressiven Erkrankung ist. Die medikamentöse Behandlung mit modernen Antidepressiva setzt bei der Veränderung des Serotonin- und/oder des Noradrenalinspiegels an.

Genetische Ursachen

Aus der Zwillingsforschung ist bekannt, dass eine genetische Komponente bei der Neigung zu Depressionen wahrscheinlich ist. Vermutlich sind mehrere Gene für eine Anfälligkeit gegenüber Depressionen verantwortlich, so hat man etwa bei Depressiven eine relevant häufige Mutation auf dem Gen 5-HTT entdeckt. Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien legen nahe, dass bei manchen Menschen eine genetisch bedingte Empfindlichkeit für Depression besteht. Zwillingsstudien weisen darauf hin, dass im Vergleich zu Effekten der gemeinsamen familiären Umgebung genetischen Faktoren die entscheidende Bedeutung zuzukommen scheint (1). So sei das Risiko für Kinder, bei denen ein Elternteil depressiv erkrankt ist, bei 10-15%, ebenfalls zu erkranken und bei vorhandener Erkrankung beider Elternteile von 30-40%. Die Zwillingsstudien zeigen umgekehrt aber auch, dass der genetische Faktor nur ein Teilfaktor ist. Selbst bei identischer genetischer Ausstattung erkrankt der Zwillingspartner des depressiven Patienten in weniger als der Hälfte der Fälle. Beim Entstehen einer Depression spielen immer auch Umweltfaktoren eine Rolle. Darüber, wie die mögliche genetische Grundlage der Depression allerdings aussehen könnte, besteht keine Einigkeit. Einvernehmen herrscht im Moment nur darüber, dass es ein isoliertes "Depressions-Gen" nicht gibt. Zu bedenken ist, dass zwischen genetischen Faktoren und Umweltfaktoren komplizierte Wechselbedingungen bestehen können. So können genetische Faktoren z.B. bedingen, dass ein bestimmter Mensch durch eine große Risikobereitschaft sich häufig in schwierige Lebenssituationen manövriert (2). Umgekehrt kann es von genetischen Faktoren abhängen, ob ein bestimmter Mensch mit einer psychosozialen Belastung gut zurecht kommt oder depressiv erkrankt. Referenzen 1 McGuffin, P., Katz, R., Watkins, S., & Rutherford, J. (1996). A Hospital-Based Twin Register of the Heritability of DSM-IV Unipolar Depression. Archives of General Psychiatry, 53, 129-136. 2 Kendler, K.S., Karkowski, L.M., & Prescott, C. A. (1999). Causal Relationship Between Stressful Life Events and the Onset of Major Depression. American Journal of Psychiatry, 156, 837-841.

Behandlung

Depressionen können durch Psychotherapie, durch physikalische Maßnahmen und medikamentös (Antidepressiva) oftmals wirksam behandelt werden. Häufig wird auch eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung angewandt.

Psychotherapie

Zur Behandlung der Depression werden verschiedene psychotherapeutische Verfahren eingesetzt. Häufig wird heute die kognitive Verhaltenstherapie angewandt. Dabei geht es vor allem darum, die depressionsauslösenden Denkmuster zu erkennen, um sie dann Schritt für Schritt zu verändern. Vorreiter dieser Therapieansätze waren unter anderem Albert Ellis und Aaron T. Beck. Neben der kognitiven Therapie hat sich in klinischen Studien, die nach streng wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt worden sind, die interpersonelle Therapie nach Weissman/Klerman, welche auf der Neo-Psychoanalyse Sullivans basiert, als überdurchschnittlich wirksam erwiesen, sodass insbesondere diesen beiden Therapieformen eine nachweisliche Bedeutung zukommt. Auch tiefenpsychologisch orientierte, psychoanalytische und humanistische Verfahren werden in der Therapie der Depression mit nachgewiesenem Erfolg eingesetzt. Bei diesen Verfahren wird versucht, an den oft schon in der Kindheit entstandenen psychischen Problemen und daraus resultierenden Haltungen zu arbeiten. Dabei geht es auch darum, unbewusste aus der Kindheit stammende Verhaltensmuster auf eine bewusste Ebene zu bringen. In gruppentherapeutischen Verfahren wird versucht, die Tendenz zum Rückzug zu überwinden, die verringerten Interaktionsmöglichkeiten zu bessern und die oft reduzierte Fähigkeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen, zu fördern. Rollenspieltechniken (zum Beispiel Psychodrama) können unter anderem helfen, den eigenen, oft eingeengten und festgefahrenen Blick zu überwinden. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die Verarbeitung unterdrückter Gefühle auch durch eine Selbsttherapie funktionieren kann. Die psychotherapeutischen Verfahren können sowohl als einzige Therapie, als auch in Kombination mit einer Pharmakotherapie eingesetzt werden.

Pharmakotherapie

Auch in der medikamentösen Behandlung der Depression gab es in den letzten Jahren enorme Fortschritte. Die bekanntesten Antidepressiva lassen sich in drei Gruppen einteilen:

Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI)

Die Selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer werden bei Depressionen heute am häufigsten eingesetzt. Sie haben meist weniger Nebenwirkungen als trizyklische Antidepressiva und wirken bereits nach einer Einnahmedauer von 2-3 Wochen. Die bekanntesten Präparate sind Fluoxetin (Fluctin), Sertralin (Zoloft, Gladem), Paroxetin (Seroxat) und Citalopram (Cipramil).
Sie beruhen auf dem Wirkungsmechanismus der relativen selektiven Wiederaufnahme-Hemmung von Serotonin im Synapsenspalt, wodurch eine "relative" Erhöhung des Botenstoffs Serotonin erzielt wird. Serotonin wird bei seiner Erniedrigung in den Stoffwechselvorgängen im Gehirn für die Pathogenese von Depressionen aber auch von Manien und Obsessionen – sprich Zwangshandlungen – verantwortlich gemacht. Daher werden SSRIs auch erfolgreich gegen Zwangs- und Angstzustände eingesetzt bzw. bei Kombinationen mit Depressionen. Da Serotonin auch bei anderen nerval vermittelten Prozessen im ganzen Körper eine Rolle spielt, wie zum Beispiel Verdauung und Gerinnung des Blutes, resultieren daraus auch die typischen Nebenwirkungen, durch Interaktion in andere nerval gesteuerte Prozesse.
SSRIs werden erst seit den 1990er Jahren eingesetzt, wodurch Langzeiterfahrungen fehlen, doch durch ihr nebenwirkungsärmeres Profil, vor allem in Bezug auf Kreislauf und Herz, sind sie sehr beliebt. Häufige, meist jedoch unter den Tisch gekehrte Nebenwirkungen sind jedoch sexuelle Dysfunktion und/oder Anorgasmie. Diese bilden sich zwar einige Wochen nach Absetzen oder Wechsel des Medikaments fast immer vollständig zurück, können jedoch zu zusätzlichem (Beziehungs-)Streß führen. Manche Ärzte schlagen deshalb vor, von Anfang an ein Antidepressivum zu wählen, welches kaum sexuelle Nebenwirkungen hat. Bei Depressionen im Rahmen bipolarer Störungen sind SSRI in der Regel ungünstig.

Trizyklische Antidepressiva

Die trizyklischen Antidepressiva wurden bis zum Aufkommen der Serotoninwiederaufnahmehemmer am häufigsten verschrieben. Hauptnachteil sind deren Nebenwirkungen (z.B. Mundtrockenheit, Verstopfung, Müdigkeit, Muskelzittern und Blutdruckabfall). Bei älteren und bei durch Vorerkrankungen geschwächten Menschen ist daher Vorsicht geboten. Zudem wirken die Trizyklika häufig zunächst antriebssteigernd und erst danach stimmungsaufhellend, wodurch es zu einem höheren Suizidrisiko in den ersten Wochen der Einnahme kommen kann. In den USA müssen seit kurzem aber auch SSRIs einen diesbezüglichen Warnhinweis tragen.
Bekannte Präparate bei den trizyklischen Antidepressiva sind Amitriptylin (Saroten), Clomipramin (Anafranil), Imipramin (Tofranil), Doxepin (Aponal), Nortriptylin (Nortrilen) und Desipramin (Pertofran).

Monoaminooxidasehemmer (MAO-Hemmer)

MAO-Hemmer wirken durch das Blockieren des Enzyms Monoaminooxidase. Dieses Enzym spaltet Amine wie Serotonin und Noradrenalin – also Botenstoffe im Gehirn – und verringert dadurch deren Verfügbarkeit zur Signalübertragung im Gehirn.
MAO-Hemmer werden in selektive und nicht-selektive MAO-Hemmer unterteilt. Selektive reversible Inhibitoren der MAO-A (z.B. Moclobemid) hemmen nur den Typ A der Monoaminooxidase. MAO-B hemmende Wirkstoffe (z.B. Selegilin) werden in erster Linie als Parkinson-Mittel eingesetzt. Nichtselektive irreversible MAO-Hemmer (z.B. Isocarboxazid, Phenelzin, Tranylcypromin), hemmen MAO-A und MAO-B.

Monoaminooxidasehemmer gelten als gut wirksam. Allerdings müssen Patienten, die nichtselektive irreversible MAO-Hemmer einnehmen, eine strenge, tyraminarme Diät halten. In Verbindung mit dem Verzehr bestimmter Lebensmittel wie z. B. Käse und Nüsse kann die Einnahme von nichtselektiven irreversiblen MAO-Hemmern zu einem gefährlichen Blutdruckanstieg führen.

Weitere Antidepressiva

Weitere Präparate sind Noradrenalin-Serotonin-selektive Antidepressiva (NaSSA, Wirkstoff Mirtazapin - ein tetrazyklisches Antidepressivum wie Mianserin; ferner Maprotilin), Duales Serotonerges Antidepressivum (DSA, Wirkstoff Nefazodon), Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI, Wirkstoffe Venlafaxin und Duloxetin; ferner Milnacipran), Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI, Wirkstoff Reboxetin; ferner Atomoxetin), Serotonin-Wiederaufnahmeverstärker (SRE, Wirkstoff Tianeptin), Serotonin-Modulatoren (Wirkstoff Trazodon). Speziell bei manisch-depressiven Störungen und als Wirkungsverstärker anderer Antidepressiva wird zudem Lithium eingesetzt. Nachteil der Lithiumtherapie ist die nötige ständige Überwachung des Lithiumspiegels im Blut, da Über- und Unterdosierung hier nahe beieinander liegen.

Johanniskraut

Lithium] Seit mehreren Jahren wird auch Johanniskraut häufig für leichte bis mittelschwere Fälle angewandt. Die Wirksamkeit von Johanniskraut in der Therapie der Depression ist aber umstritten. Es gibt sowohl klinische Studien, die eine Wirksamkeit belegen, als auch solche, die keine Überlegenheit gegenüber Placebo zeigen. Wesentlich mag hier auch die Dosis sein: Einige Studien gehen von mindestens 900 mg Extrakt bis hin zu 1800 mg Johanniskrautextrakt aus. Solche Dosen sind mit Johanniskrauttee, aber auch mit freiverkäuflichen Medikamenten aus dem Supermarkt, praktisch gar nicht zu erreichen. Typische Präparate enthalten hier etwa 180 mg pro Dragee, man müsste also zehn Dragees nehmen, um eine wirksame Dosis von 1800 mg zu erreichen. Andere Präparate erwecken den Eindruck, sie würden besonders viel Johanniskraut enthalten, indem z. B. von "300 mg Johanniskraut" auf der Packung die Rede ist – es handelt sich hier aber um gemahlenes Johanniskraut, dessen Wirkstoffmenge gegenüber dem Johanniskrautextrakt nur etwa ein Fünftel beträgt. Auch ist unklar, ob Präparate empfohlen werden können, die anstatt des üblichen Alkoholauszugs einen öligen Auszug (Rotöl) als Arzneimittelbasis benutzen, weil sich die bisherigen positiven Studien alle auf den alkoholischen Extrakt beziehen. Höher dosierte Johanniskrautpräparate sind inzwischen wieder apothekenpflichtig, es ist daher sinnvoll, Johanniskrautpräparate aus der Apotheke zu kaufen. Johanniskraut ist nicht nebenwirkungs- und wechselwirkungsfrei! Bei gleichzeitiger Einnahme anderer Mittel sollte man vorher Rücksprache mit dem Verordner halten. Besondere Erwähnung verdienen Interaktionen von Johanniskraut (engl.: St John's wort) mit anderen – potenteren – Antidepressiva: so konnte gezeigt werden, dass Johanniskraut die Wirkung von z. B. SSRIs durch Beschleunigung ihres Abbaus deutlich verringert. Durch die Enzyminduktion in den Leberzellen werden auch viele andere Medikamente schneller abgebaut und in ihrer Wirkung abgeschwächt. Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, dass sich die Lichtempfindlichkeit durch die Einnahme von Johanniskrautextrakt erhöht. In Studien wird geprüft, den Wirkstoff Hyperizin (einer der Wirkstoffe des Johanniskraut) auch als Sensitizer für die Photodynamische Therapie einzusetzen.

Allgemeines

Angesichts der Vielfalt an Antidepressiva bietet sich bei störenden Nebenwirkungen oder unzureichender Wirkung der Wechsel auf ein anderes Präparat an. Das sollte aber in jedem Fall mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Lichttherapie

Bei der saisonalen Depression (siehe auch Saisonkrankheiten) hat sich die Lichttherapie bewährt. Einige Stunden unter einer Kunstlichtlampe, die Sonnenlicht nachempfindet, helfen bei dieser speziellen Erkrankung, dass während der Wintermonate keine depressiven Symptome auftreten.

Elektrische/elektromagnetische Stimulationen

Insbesondere bei schweren und über lange Zeit gegen medikamentöse Behandlung resistenten Depressionen kommen gerade in jüngerer Zeit wieder stärker nicht-medikamentöse Behandlungsverfahren zum Einsatz, deren Wirkprinzipien jedoch weitgehend unklar sind. Das häufigste diesbezüglich eingesetzte Verfahren ist die Elektrokrampftherapie, ein Verfahren, das ursprünglich aus der Epilepsie-Behandlung stammt. Dieses wurde sehr früh entdeckt, als bei Patienten mit Depression nach einem epileptischen Anfall bei anschließender Elektrokrampftherapie auch eine Verbesserung der Stimmung auftrat. Derzeit in einigen Studien befindlich ist die Vagusnerv-Stimulation, bei der eine Art Herzschrittmacher im Abstand von einigen Minuten jeweils kleine elektrische Impulse an den Vagusnerv schickt. Diese Therapie, die ansonsten insbesondere bei Epilepsie-Patienten Anwendung findet, scheint bei etwa 30 bis 40 Prozent der ansonsten therapieresistenten Patienten anzuschlagen. Ebenfalls getestet wird derzeit die transkranielle Magnetstimulation (TMS), bei der das Gehirn der Patienten durch ein Magnetfeld angeregt wird. Die Anzahl der mit den letztgenannten Verfahren behandelten Studienteilnehmer ist jedoch noch recht gering, so dass derzeit (2004) keine abschließenden Aussagen zu machen sind.

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen sind kein Ersatz für Therapien, sondern sie können eine begleitende Hilfe darstellen. Selbsthilfegruppen können als lebenslange Begleitung und Rückzugsorte dienen. Einige Gruppen erwarten keine Voranmeldung, sodass Betroffene spontan bei akuten depressiven Phasen Hilfe suchen können. Hier können Betroffene das Gefühl bekommen, unter Gleichen zu sein und verstanden zu werden. Als niedrigschwelliges Angebot haben sich Selbsthilfegruppen im ambulanten Bereich etabliert und leisten einen wichtigen Beitrag. In Krankenhäusern und Reha-Kliniken helfen sie Betroffenen, ihre Eigenverantwortung zu stärken und Selbstvertrauen zu erlangen.

Ernährung

Immer mehr Studien weisen darauf hin, dass eine ausgewogene, kohlenhydratreiche Ernährung mit reichlich Fisch Depressionen lindern kann. Allerdings halten die meisten Wissenschaftler die Wirkung der Nahrung auf das Gehirn für zu schwach, um bei schweren Depressionen eine Heilung zu erzielen. Die „antidepressive“ Kost sollte viel Obst, Gemüse und Olivenöl, jedoch wenig Fleisch oder Nüsse enthalten. Das für die Ernährung notwendige Protein sollte weitgehend aus Fisch stammen. Die kohlenhydratreiche Ernährung führt im Körper zu einer besseren Verfügbarkeit von Tryptophan, aus welchem im Gehirn der Botenstoff Serotonin aufgebaut wird. Serotonin wiederum spielt eine wichtige Rolle bei der Stressbewältigung und vermittelt auch Glücksgefühle. Depressionen stehen häufig in Zusammenhang mit einem Serotoninmangel im Gehirn. Nicht nur die Kohlenhydrate, sondern auch das Fischöl bzw. die darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren des Fisches sollen einen positiven Einfluss bei schweren Depressionen haben. Eine Studie der Sheffield University mit 70 depressiven, therapieresistenten Patienten, denen hohe Dosen einer Omega-3-Fettsäure verabreicht wurde, zeigte bei mehr als zwei Drittel der Patienten eine Verbesserung des Zustands. Auf gängige Antidepressiva hatten diese Patienten dagegen nicht angesprochen. Der Wirkungsmechanismus der Omega-3-Fettsäure ist noch nicht aufgeklärt, jedoch wird eine Interaktion von Fettsäure und dem Neurotransmitter Serotonin vermutet: ein Mangel an Serotonin wird häufig von einem Mangel an Omega-3-Fettsäure begleitet, umgekehrt scheint die Gabe der Fettsäure zur Erhöhung des Serotoninspiegels zu führen. Siehe auch: Ernährung

Andere Hilfsmittel

Schlafentzug kann antidepressiv wirksam sein und wird in seltenen Fällen zum kurzfristigen Durchbrechen schwerer Depressionen im therapeuthischen Rahmen eingesetzt (allerdings nicht bei einer manisch-depressiven Erkrankung). Andere Hausmittel - wie körperliche Bewegung an der frischen Luft, Entspannungstechniken, kalte Güsse nach Sebastian Kneipp, Kaffee oder Schokolade - bieten an Depressionen Erkrankten keine Hilfe, sondern können höchstens Menschen mit leichten depressiven Verstimmungen Linderung verschaffen.

Literatur


- Selbsthilfe-Bücher und Ratgeber:
  - Blum, D., Dauenhauer, M. (2004, 2.Aufl.). Und wo bleibe ich? Leben mit depressiven Menschen. Ein Leitfaden für Angehörige. DVG, Ostfildern, ISBN 3-929976-03-X
  - Hegerl, U., Althaus, D., & Reiners, H. (2005). Das Rätsel Depression: Eine Krankheit wird entschlüsselt. München: Beck. ISBN 3406528996
  - Merkle, Rolf (2001). Wenn das Leben zur Last wird: Ein praktischer Ratgeber zur Überwindung seelischer Tiefs und depressiver Verstimmungen (9. Aufl.). Mannheim: PAL. ISBN 3923614470 [basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie]
  - Merkle, Rolf (1995). Nie mehr deprimiert: Selbsthilfeprogramm zur Überwindung negativer Gefühle (4. Aufl.). München: mvg-Verlag. ISBN 3636070320
  - Niklewski, Günter, & Riecke-Niklewski, Rose (2003). Depressionen überwinden: Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Helfer (2. Aufl.). Berlin: Stiftung Warentest. ISBN 3931908836
  - Schwartz, Dieter (2004). Vernunft und Emotion: Die Ellis-Methode (4. Aufl.). Dortmund: Borgmann. ISBN 3861451654 [Darstellung der rational-emotiven Verhaltenstherapie von Albert Ellis]
- Fachbücher zur Psychotherapie der Depression:
  - Beck, A. T., Rush, A. J., Shaw, B. F., Emery, G. (2001). Kognitive Therapie der Depression (2. Aufl.). Weinheim: Beltz.
  - Hautzinger, Martin (2003). Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen (6. Aufl.). Weinheim: Beltz.
  - Schramm, Elisabeth (2003). Interpersonelle Psychotherapie (2. Aufl.). Stuttgart: Schattauer.
  - Mentzos, Stavros (1995). Depression und Manie. Psychodynamik und Therapie affektiver Störungen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
- Bücher zur Pharmakotherapie:
  - Benkert, Otto (2001). Psychopharmaka: Medikamente, Wirkung, Risiken (2. Aufl.). München: Beck.
  - Benkert, O., & Hippius, H. (2003). Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie. Berlin: Springer.
  - Laux, Gerd (2002). Psychopharmaka (7. Aufl.). München: Urban&Fischer.
- Bücher von Betroffenen:
  - Josuran, R., Hoehne, V., (& Hell, D.). (2003). Mittendrin und nicht dabei: Mit Depressionen leben lernen. Düsseldorf: Econ.
  - Kuiper, Piet C. (1996). Seelenfinsternis: Die Depression eines Psychiaters. Frankfurt a. M.: Fischer.
  - Naef, Adrian (2003). Nachtgängers Logik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  - Noy, Gisela (2000). Grauzeit: Mein Weg aus der Depression. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
  - Solomon, Andrew (2001). Saturns Schatten: Die dunklen Welten der Depression (H. G. Holl, Übers.). Frankfurt a. M.: Fischer.
  - Styron, William (1991). Sturz in die Nacht: Die Geschichte einer Depression (W. Winkler, Übers.). Köln: Kiepenheuer&Witsch. (Orig. ersch. 1990)
- Weitere Bücher:
  - Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H., Schulte-Markwort, E. (Hgg.). (1994). Internationale Klassifikation psychischer Störungen / ICD-10 Kapitel V (F): Forschungskriterien (E. Schulte-Markwort & W. Mombour, Übers.). Bern: Huber.
  - Flach, Frederic F. (2000). Depression als Lebenschance: Seelische Krisen und wie man sie nutzt (N. Th. Lindquist, Übers.). Reinbek b. Hamb.: Rowohlt. (Orig. ersch. 1974)
  - Giger-Bütler, Josef (2003). Sie haben es doch gut gemeint: Depression und Familie. Weinheim: Beltz.
  - Gmür, Pascale (2000). MutterSeelenAllein. Erschöpfung und Depression nach der Geburt Zürich: verlag pro juventute. ISBN 3-7152-1013-3
  - Hell, Daniel (1994). Welchen Sinn macht Depression?. Reinbek b. Hamb.: Rowohlt.
  - LeDoux, Joseph E. (2001). Das Netz der Gefühle. München: dtv., ISBN 3423362537
  - Nuber, Ursula (2000). Depression – die verkannte Krankheit: Wissen, behandeln, mit der Krankheit leben. Zürich: Kreuz.
- Artikel in Zeitschriften:
  - Brigitta Bondy: Das Krankheitsbild der Depression. Pharmazie in unserer Zeit 33(4), S. 276–281 (2004),
  - Michael M. Berner: Die Behandlung der Major Depression. Pharmazie in unserer Zeit 33(4), S. 304–310 (2004),

Weblinks


- [http://www.kompetenznetz-depression.de Kompetenznetz Depression]
- [http://www.depri.ch/ Depri.ch – Informationen, Community, News]
- [http://www.psychotherapiesuche.de/ Psychotherapeutensuche des BDP]
- [http://www.psychotherapeuten-liste.de/ Psychotherapeutensuche des Deutschen Psychotherapeutenverbands]
- [http://www.legasthenietherapie-info.de/depression.html Kompakter Grundlagenartikel über Depression bei Kinder und Jugendlichen]
- [http://www.neuro24.de/depression.htm Viele Links und Ergebnisse von Studien]
- [http://web4health.info/de/answers/bipolar-menu.htm Informationen zu Depressionen und Behandlung]
- [http://www.dgbs.de Deutsche Gesellschaft für bipolare Störungen e.V.] (bei Wechsel von Manien oder Hypomanien und Depressionen)
- [http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/051-023.htm Psychotherapie der Depression] Forschungsergebnisse: Leitlinien der DGPM. Diagnostik, Behandlung, Wirksamkeit von Psychotherapie. (2002)
- [http://www.ahrp.org/risks/usSSRIuse0604.pdf An Analysis of Use of Prozac, Paxil and Zoloft in USA 1988--2002]
- http://www.shg-depression.at Ausführliche Grundinformationen und Aktuelles zu den Themen Depression, Manie, Angst- und Panikstörungen, umfangreiche Literatur- und Linkliste Kategorie:Affektive Störung ja:うつ病 simple:Depression

Regelfall

Der oft zitierte "Regelfall" kann viele - auch widersprüchliche - Aspekte umfassen. Das Wort leitet sich von lat. Regula ab und bedeutet primär: # den am häufigsten auftretenden Fall (Situation, Bedingung usw.) # oder der vermeintlich häufigste Fall (v.a. bei ethischen Fragen) # die Richtschnur - z.B. für Verhaltens- und Denkweisen # die übliche Lösung (Problem) einer Frage oder einer Berechnung # die zu erwartende Eigenschaft eines Gegenstandes oder eines Lebewesens # die gewohnheitsmäßige Betrachtung, und anderes mehr. Man verwendet das Wort einerseits
- für Objekte, deren Attribute, Bedingungen usw., andererseits
- für Subjekte und deren Gedanken, Gefühle oder Verhalten, sowie
- für Situationen, Umweltbedingungen, Probleme und für Aspekte des gesellschaftlichen Lebens. Aus dieser Vielfalt wäre zumindest ein Schluss zu ziehen: was der Regelfall im einzelnen ist, sollte bei wichtigen Angelegenheiten möglichst einvernehmlich geklärt werden.
Eine andere Möglichkeit wäre, nach meiner Meinung statt im Regelfall zu sagen.

Nachdenken

Mit Nachdenken ist gewöhnlich ein intensiviertes Denken gemeint, das eine verstärkte Konzentration auf den Gegenstand des Nachdenkens beabsichtigt. Konzentriert gedacht werden kann überall, mancher kann es nur hinter dicken Klostermauern oder an abgeschiedenen und unbelassenen Naturorten, anderen gelingt es während eines Bruckner- Adagios, und nicht wenige betreiben es mit Intensität beim Glotzen in die Glotze. Der Nachdenkende zieht sich ein Stück in sich zurück, wendet sich teiweise oder überwiegend ab von unmittelbaren Sinneseindrücken, sitzt mit abwesendem Blick in einer Gesprächsrunde oder versucht Abstand zu gewinnen von persönlich stark bedrängenden Erlebnissen: Beziehungsstreß, eigener und fremder Krankheit, Lebensniederlagen. In der Konzentration auf verstärktes Denken sucht er Distanz, bemüht sich um Ordnung und Überblick. Ob er bis zum reinen Denken (denken-denken) - s.a. Reflexion (Philosophie) - vorstößt, ist nicht zwingend erforderlich, um die positiven Wirkungen gelungenen Nachdenkens zu spüren. So wie die Motive zum Nachdenken verschieden sind, sind es auch seine Inhalte. 1.Nachdenken kann einen meditativen Grenzraum anstreben und von dort sich so vertiefen wollen - s.a.Versenkung - dass dabei neue(höhere) Erkenntnisse über sich und den eigenen Bezug zur Welt als Ertrag gesucht werden . Die neugewonnenen Begriffe enthalten viel "Über" "Außer" "Jenseitig" "Trans" "Hinter-" usw. Der Nachdenkende kehrt aus einer in diesem Sinn erfolgreichen Session mit einem veränderten Blick auf die Welt zurück - alles erscheint wunderbarer, geheimnisvoller, sinnbezogener, weise geplanter, als es sonst im üblichen Gewusel des Altags zum Bewußtsein kommen konnte. 2.Nachdenken kann aber auch die vorhandene Realität auf ihre Begreifbarkeit hin prüfen und dabei nach Gemeinsamkeiten in zunächst verwirrenden Abläufen suchen, Regeln entdecken, Gesetzmäßigkeiten formulieren, Hypothesen aufstellen oder wenigstens begründbare Vermutungen äußern. 3.Nachdenken kann aber auch nichts anderes wollen, als Ordnung in sich selbst zu schaffen. Eine besonders hilfreiche Bedeutung kann die Fähigkeit zum Nachdenken, Innehalten und Rückbesinnen in anhaltend chaotischer und strukturloser Umgebung bekommen. Dazu zählt auch intensiver Umgang mit dem Internet, seiner Unüberschaubarkeit und zeitlichen Allverfügbarkeit einschließlich der unerfreulichen Folgen, die sich daraus gelegentlich für eine sinnvolle Tages- (und Nacht-)einteilung des Users ergeben können. In Extremsituationen (Entführung, Geiselnahme, Einzelhaft u.a.) mit ihren massiven Angriffen auf die personale Integrität des Opfers wird die Befähigung zu intensivem (Nach)Denken entscheidend für die spätere Bewältigung des Traumas. Im Einzelnen ergeben sich unterschiedliche Gebrauchsweisen von Nachdenken, die alltagssprachlich geläufig sind und von einander abgrenzbar.
- Nachdenken als Problemlösungsstrategie
- als formal verschiedenes Nachdenken: stilles, schriftliches, laut monologisches.
- als methodisches Nachdenken - schrittweises Hinterfragen
- als insceniertes Nachdenken - missionarisch- sendungsbewußtes, zur Aufhebung von Verdrängungen wie die von Tod und Sterben angestoßenes
- Nachdenken als Vorausdenken, Planen und Probehandeln
- Nachdenken als Stilmittel und nützliche Denkfigur beim Schreiben
- die dringende Aufforderung zum Nachdenken im Rahmen einer Verführungsstrategie zur Aufrechterhaltung des Anscheins freier Willensbildung
- Nachdenken als Lückenfüller - bei trübem Wetter, Stromabschaltung, Streik der Verkehrsbetriebe
- Appellatives Nachdenken - nach Erdbeben, Tsunamis, Windhosen, Pisaschocks, Seuchen, Arznei- und Lebensmittelskandalen, heftigen Klimaschwankungen, fatalen Wahlentscheidungen. Motto: "Was will uns die Katastrophe sagen?" Kategorie:Denken

Verhalten

Verhalten kann, je nach Zusammenhang, folgende Bedeutungen haben:
- In der Systemtheorie spricht man ganz allgemein vom Verhalten eines Systems, wenn es von einem Zustand in einen anderen übergeht: siehe Systemverhalten;
- Die Soziologie bezeichnet mit Verhalten jede Interaktion, die sich zwischen einem Organismus und seinen Artgenossen in Form einer Austauschbeziehung abspielt: siehe Sozialverhalten;
- In der Pädagogik spricht man häufig von sozialem Verhalten, da Verhalten von seinen gesellschaftlichen Folgen abhängig ist und in der Umwelt selbst etwas bewirkt;
- In der Psychologie hat die einflussreiche Schule der Gestaltpsychologie beziehungsweise die Gestalttheorie eine ganzheitlich-phänomenologische Auffassung von Verhalten entwickelt. Hier ist insbesondere die psychologische Feldtheorie von Kurt Lewin zu nennen. Ihr zufolge ist das menschliche Verhalten eine psychologische Funktion von erlebter Person und erlebter Umwelt. Abraham Maslow unterscheidet bewältigendes, erlerntes und bewusstes Verhalten und spontanes, unkontrolliertes expressives Verhalten.
- In der Verhaltensforschung umfasst biologisches Verhalten alle Aktivitäten und körperlichen Reaktionen eines Menschen oder Tieres, die sich beobachten oder messen lassen. Eine Übersicht über wichtige Fachbegriffe der Verhaltensforschung findest Du HIER, und eine Übersicht über bedeutende Verhaltensforscher findest Du HIER.
- In der Unified Modeling Language 2.0 bezeichnet Verhalten/UML2 die dynamischen Aspekte eines modellierten Systems. Siehe auch: Konditionierung, Verhaltensexzess, Gedächtnistransfer

Versöhnung

Versöhnung (engl.: reconciliation) ist ein theologischer und philosophischer Fachbegriff. Er ist etymologisch verwandt mit Sühne und nicht mit Sohn, obwohl die Vorstellung einer Aussöhnung von Vater und Sohn naheliegt. In der christlichen Theologie ist die durch die Sünde entstandene Kluft zwischen Gott und Mensch zu ver-sühnen. Das ist durch das Heilsgeschehen des Leidens und Auferstehens Jesu Christi zwar durchgeführt, muss aber im Glauben und in der Liebe nachvollzogen werden. Versöhnung ist eng verknüpft mit der aus Beichte und Buße folgenden Absolution. In Hegels Philosophie ist mit Versöhnung die Vermittlung gemeint, die am Ende der Dialektik die Widersprüche in einer Synthese aufhebt. Die Einheit von Begriff und Realität soll erreicht werden. Besonders hervorzuheben ist der große jüdische Feiertag Yom Kippur, an dem - etwas verkürzt dargestellt - die Versöhnung mit dem Ewigen dadurch erreicht wird, dass wir uns mit einander versöhnen: Das reuevolle Eingeständnis von Sünden ist eine Bedingung zur Sühne. "Der Versöhnungstag befreit von Sünden gegen Gott, jedoch von Sünden gegen den Nächsten erst, nachdem die geschädigte Person um Verzeihung gebeten worden ist" heißt es im Talmud.

Siehe auch

Allaussöhnung Kategorie:Religionsphilosophie Kategorie:Dialektik Kategorie:Theologie Kategorie:Soziales Handeln

Antonym

Antonyme (auch Gegenwörter; griech. anti „gegen “und onoma „Name“) werden Paare von lexikalischen Zeichen in der lexikalischen Semantik genannt, deren Bedeutungen in einer Gegensatzbeziehung zueinander stehen. Die Art der Bedeutungsbeziehung (Antonymierelation) kann genauer spezifiziert werden. Die Antonymie ist eine Beziehung zwischen Wortbedeutungen, nicht zwischen Wörtern. Deshalb können Wörter, die mehrdeutig sind (Polysemie), in jeder Bedeutung ein oder mehrere Antonyme haben.

Arten

Man kann verschiedene Arten von Antonymie unterscheiden:
- Graduelle Antonymie: Zwei Wörter sind antonym, wenn sie zwar einen Gegensatz bezeichnen, es aber zwischen den Polen noch Abstufungen gibt. Aus der Verneinung des einen Wortes des Wortpaars folgt nicht, dass das zweite Wort des Wortpaars zutrifft Diese Art der Antonymie wird auch Antonymie im engeren Sinn genannt.
  - Beispiel: Die Wörter heiß und kalt sind graduell antonym, weil es dazwischen auch noch Abstufungen wie z. B. kühl, warm gibt. Adjektive, die in der Beziehung der graduellen Antonymie zueinander stehen, sind steigerbar.
- Inkompatibilität: Zwei Wörter, die in der Beziehung der Kohyponymie zueinander stehen, sind inkompatibel. Diese Art der Antonymie wird auch Antonymie im weiteren Sinn genannt.
  - Beispiel: Die Wörter Pudel, Dackel und Schäferhund sind Kohyponyme des Oberbegriffs Hund. Im konkreten Satzzusammenhang schließen diese drei Wörter einander aus. Die Aussage Karlchen ist ein Dackel schließt, wenn sie wahr ist, die Wahrheit der Aussage Karlchen ist ein Pudel aus. Die Aussage Karlchen ist kein Dackel impliziert aber nicht die Aussage Karlchen ist ein Pudel (s. unten, Komplementarität).
- Komplementarität: Zwei Wörter sind komplementär (in einem bestimmten Zusammenhang), wenn ein Bedeutungsgegensatz zwischen den Wörtern besteht und gleichzeitig aus der Verneinung des einen Wortes folgt, dass das andere Wort zutrifft.
  - Beispiel: Wenn eine Person nicht lebend ist, folgt automatisch, dass die Person tot ist.
- Konverse Relation: Zwei Wörter sind konvers, wenn sie sich auf denselben Vorgang beziehen, ihn aber aus zwei verschiedenen Blickwinkeln beschreiben.
  - Beispiel: Die Wörter kaufen und verkaufen beschreiben beide einen Verkaufsvorgang, unterscheiden sich aber in ihrem Blickwinkel.
- Reverse Relation: Zwei Wörter stehen in einer Reversitätsrelation zueinander, wenn sie inkompatibel sind, beide Wörter Geschehen bezeichnen, und der Anfangszustand des ersten Geschehens den Endzustand des anderen Geschehens benennt und umgekehrt.
  - Beispiel: beladen und entladen, Einbau und Ausbau.

Auto-Antonyme

Autoantonyme sind Wörter, die gleichzeitig in gegenteiliger Bedeutung verwendet werden können (siehe z.B. [http://linguistlist.org/issues/6/6-74.html] Linguist List). Das Wort verfügt also über zwei Bedeutungen (Polysemie), die eine antonymische Opposition bilden. Im Deutschen trifft dies beispielsweise bei dem Ausdruck in Massen auf, das als 'Überfülle' oder auch als 'Kleinteiligkeit' gedeutet werden kann. Allerdings tritt diese Mehrdeutigkeit eher bei der typographischen Großschreibung auf (Überschriften) in der das 'ß' als doppeltes 's' geschrieben wird. Das Englische overlook kann sowohl 'überwachen' als auch 'nicht beachten' bedeuten.

Beispiele


- Das Antonym von Antonym ist Synonym.
- Das Antonym von groß ist klein oder unbedeutend.
- Das Antonym von jung ist alt.
- Das Antonym von hell ist dunkel.
- Das Antonym von gut ist böse oder schlecht.
- Das Antonym von Loch/Fehlstelle ist Überschuss.
- Das Antonym von durchlöchert ist plan oder eben!

Literatur


- Agricola, Christiane / Agricola, Erhard: Wörter und Gegenwörter. Antonyme der deutschen Sprache. Leipzig 1984 (besonders die 'Einführung')
- Bulitta, Erich und Hildegard: Wörterbuch der Synonyme und Antonyme. Taschenbuch. Frankfurt: Fischer Verlag, 2003
- Müller, Wolfgang: Das Gegenwort-Wörterbuch: ein Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen. Berlin/New York:de Gruyter, 1998
- Lutzeier, Peter Rolf: Lexikologie. Ein Arbeitsbuch. Tübingen: Stauffenburg 1995.

Siehe auch


- Synonym
- Homonym
- Polysemie
- Antinomie
- Antagonym
- das Stilmittel Oxymoron Kategorie:Semantik Kategorie:Rhetorischer Begriff ja:対義語 simple:Antonym

Latein

Als Latein bzw. Lateinisch (lat. lingua Latina: „lateinische Sprache“) bezeichnet man die Sprache, die ursprünglich vom Volksstamm der Latiner gesprochen wurde, der Bewohner von Latium mit Rom als Zentrum. Innerhalb der indogermanischen Sprachen gehört Latein zur Gruppe der italischen Sprachen. Es bildete die Grundlage für alle heutigen romanischen Sprachen.

Entwicklung

romanischen Sprachen Ursprünglich in Rom und dem umliegenden Gebiet (Latium) gesprochen, wurde Latein später an humanistischen Gymnasien unterrichtet. Neben Griechisch war Latein die Amtssprache des römischen Reiches. Wegen der kulturellen Überlegenheit des Ostens verlor es dabei zeitweise in Nordafrika und selbst in Rom seine Vorrangstellung. So war die Liturgiesprache der römischen Christen bis um 300 das Griechische. In dieser Zeit drangen viele griechische Lehnwörter ins Lateinische ein. Während der Spätantike begannen sich verschiedene Volkssprachen, aus denen im Mittelalter die romanischen Sprachen entstehen sollten, phonetisch und grammatikalisch von der lateinischen Hochsprache wegzuentwickeln. Doch noch im 6. Jahrhundert entstanden hochsprachliche lateinische Werke. Im Oströmischen Reich war Latein bis ins frühe 7. Jahrhundert neben Griechisch eine der beiden Amtssprachen. Im Westen übernahmen die Germanen mit den Grundelementen der spätrömischen Verwaltung auch die lateinische Sprache, die in der Administration bis in die frühe Neuzeit vorherrschend blieb. Seit der Völkerwanderung und der Christianisierung der (zunächst zumeist arianischen) Germanenvölker wurde Latein im Westen des früheren Römischen Reiches und in den römisch-katholischen Folgestaaten die Sprache des Klerus (Kirchenlatein), der Rechtswissenschaft (Glossatoren) und der sich bildenden Hochschulen (studia generalia). Es bildete somit die Schriftsprache, vor allem für das kirchliche und weltliche Urkundenwesen (Diplomatik) im frühen Europa. In völkerrechtlichen Verträgen (z. B. im Westfälischen Frieden von 1648) dominierte Latein bis in das 17. Jahrhundert hinein. Es bildet noch bis ins 20. Jahrhundert den Affixvorrat für die Fachterminologie in den Wissenschaften und verliert durch die fortschreitende Absorption in die englische und andere Sprachen lediglich an direkter, nicht jedoch an indirekter Bedeutung. Es wird noch an vielen Schulen unterrichtet.

Antike

Antike Schreibweise

Die lateinische Sprache wurde ursprünglich als scriptio continua, d. h. als zusammenhängender Fluss von Zeichen ohne Zwischenräume geschrieben. Auch Satzzeichen und Kleinbuchstaben wurden in der Antike nicht verwendet. Auf Wachstafeln war nämlich wenig Platz zum Schreiben, und Papyrus war teuer. Die antiken lateinischen Texte sind für uns heute daher schwer zu lesen. Vergleiche folgendes Beispiel: Alte Schreibweise: AVREAPRIMASATAESTAETASQVAEVINDICENVLLO SPONTESVASINELEGEFIDEMRECTVMQVECOLEBAT POENAMETVSQVEABERANTNECVERBAMINANTIAFIXO AERELEGEBANTVRNECSVPPLEXTVRBATIMEBAT IVDICISORASVISEDERANTSINEVINDICETVTI NONDVMCAESASVISPEREGRINVMVTVISERETORBEM MONTIBVSINLIQVIDASPINVSDESCENDERATVNDAS NVLLAQVEMORTALESPRAETERSVALITORANORANT NONDVMPRAECIPITESCINGEBANTOPPIDAFOSSAE NONTVBADIRECTINONAERISCORNVAFLEXI NONGALEAENONENSISERANTSINEMILITISVSV MOLLIASECVRAEPERAGEBANTOTIAGENTES Heutige Schreibweise: Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo, sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat. poena metusque aberant nec verba minantia fixo aere legebantur, nec supplex turba timebat iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti. nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem, montibus in liquidas pinus descenderat undas, nullaque mortales praeter sua litora norant. nondum praecipites cingebant oppida fossae, non tuba directi, non aeris cornua flexi, non galeae, non ensis erant: sine militis usu mollia securae peragebant otia gentes. Auszug aus Ovids Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter) Details zu den verwendeten Buchstaben finden sich in dem Artikel Lateinisches Alphabet. Siehe zu diesem Thema auch: Paläografie (dort Lateinische Paläografie), Capitalis, Versalschrift und Majuskel.

Antike Aussprache

Auf die antike Aussprache der lateinischen Sprache wird im Artikel Lateinische Aussprache eingegangen.

Literatur

Mit Antiker Literatur des Lateinischen beschäftigt sich u. a. der Artikel Lateinische Literatur.

Gegenwart

Auch heute ist Latein noch an vielen Gymnasien aller Fachrichtungen zu finden. Etwa ein Drittel aller Gymnasiasten im deutschen Sprachraum lernt Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. An humanistischen Gymnasien wird dem Lateinischen, neben dem Griechischen, noch eine herausgehobene Bedeutung zugemessen, was früher auf eine aktive Beherrschung des Lateinischen zielte. Tatsächlich werden auch heute noch für zahlreiche Studiengänge das Latinum oder Lateinkenntnisse gefordert, insbesondere in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fächern. Das Latinum ist als Studienvoraussetzung für die Fächer Medizin und Jura weitestgehend abgeschafft, häufig aber nicht in Fächern wie Anglistik, Philosophie oder sogar Musikwissenschaften. Unabhängig von den Studienanforderungen wird von Befürwortern des Lateins betont, dass das Erlernen der lateinischen Sprache weiterhin Basis für die korrekte Verwendung von Fremdwörtern sei, das Erlernen anderer romanischer Sprachen wesentlich erleichtere und erhebliche Transfer-Effekte für die Denkschulung aufträten. Das Übersetzen lateinischer Texte fördere auf Grund der erheblichen Komplexität vieler lateinischer Sätze auch das logische Denken. Von den Gegnern ist hingegen zu hören, dass die Auseinandersetzung mit jeder Art von Grammatik, egal welcher Sprache, das strukturierte Denken fördere, und dass das Erlernen moderner romanischer Sprachen, welche im Gegensatz zu Latein noch gebraucht werden, mindestens ebenso gut dazu geeignet sei, die zahlreichen lateinischen Lehnwörter im Deutschen korrekt zu verwenden und andere romanische Sprachen zu erlernen. In der Tat sind viele gesamtromanische, also in allen romanischen Sprachen auftretende Wörter nicht im klassischen Latein vorhanden und müssen dann neu gelernt werden: guerra „Krieg“, testa „Kopf“, cavallo „Pferd“, mangiare/manger „essen“, andare
-
„gehen“ , boc(c)a/bouche „Mund“, blanco/blanc „weiß“, die Himmelsrichtungen etc. Viele dieser Wörter erklären sich nämlich aus dem umgangssprachlichen oder dem späten Latein oder stammen aus der Soldatensprache, also aus Varietäten, die nicht in der Schule gelehrt werden. Aus deutschen und US-amerikanischen Untersuchungen geht hervor, dass zwischen absolviertem Lateinunterricht und der Beherrschung der englischen Sprache in Schrift und vor allem Wort eine signifikante Korrelation besteht. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht nachgewiesen worden – möglicherweise macht eine hohe sprachliche Begabung eines Kindes die Wahl des als schwierig geltenden Latein wahrscheinlicher. Da auch im modernen Lateinunterricht die Sprachproduktion eindeutig der Rezeption (Leseverstehen) untergeordnet ist, glauben viele, Latein falle Menschen mit ausgeprägter Begabung für Mathematik und formelle Denkvorgänge generell leichter als andere Fremdsprachen, wohingegen Menschen mit ausgeprägter Begabung für intuitives Erlernen von Sprachen andere Fremdsprachen leichter fänden. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nicht häufig verifizieren: Die Erfahrung zeigt, dass die Schülerleistungen in Latein überwiegend Hand in Hand mit denen in der Muttersprache und anderen Fremdsprachen gehen.

Modernes Latein

Auch heute werden deutsch-lateinische Lexika aufgrund neulateinischen Wortgutes herausgegeben, z. B. das „lexicon auxiliare“ oder das vom Vatikan herausgegebene „lexicon recentis latinitatis“, welches erst im Jahre 2004 eine Neubearbeitung erfuhr. Der finnische Rundfunksender YLE (Yleisradio) verbreitet Wochennachrichten in neulateinischer Sprache. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig die Nuntii Latini in schriftlicher und gesprochener Version. Seit April 2004 veröffentlicht auch die deutschsprachige Redaktion bei Radio Vatikan Nachrichten auf Lateinisch. Dabei handelt es sich um ursprünglich deutsche Meldungen. Gero P. Weishaupt übersetzt sie für die Redaktion ins Lateinische. Sehr beliebt ist auch die lateinische Fassung der Asterix-Comics, die der deutsche Altphilologe Graf v. Rothenburg (Rubricastellanus) verfasst hat. Der Autor Nikolaus Groß, beruflich seit zehn Jahren