:: wikimiki.org ::
| Jägersprache |
JägerspracheDie Jägersprache oder Weidmannssprache ist keine eigentliche Sprache, sondern setzt sich zusammen aus ca. 3.000 gebräuchlichen und weiteren nahezu 10.000 dem passiven Wortschatz zuzurechnenden Fachwörtern aus dem jagdlichen Brauchtum. Sie zählt zu den ältesten Fachsprachen und Standessprachen überhaupt.
Die Ausdrücke sind oft regionalspezifisch; viele sind schon etliche Jahrhunderte alt und seit ihrer Prägung teilweise auch in die Umgangssprache übernommen worden ("Jemandem eins hinter die Löffel geben").
Zu unterscheiden ist die Jägersprache vom Jägerlatein, das übertriebene Erlebnisgeschichten darstellt, in denen sich der Erzähler meist der Jägersprache bedient. Manchmal verwendet der Jäger das Jägerlatein ähnlich wie der Seemann den Seemannsgarn zum Scherz um den Unkundigen in die Irre zu führen oder unwahre Geschichten zu erzählen. So entstehen denn auch seltsame Wildarten wie unter anderem der Rasselbock oder der Wolpertinger.
Die Jägersprache hat ihre Ursprünge zum einen in der präzisen Beschreibung von Naturbeobachtungen und Zeichen des zu erlegenden Wildes (als reine Jagdsprache), zum anderen in der bewussten Absetzung zum "gemeinen Volk" (insbesondere den weniger zur Verklärung neigenden "Bauernjägern").
Andere Theorien führen die Sondersprache der Jäger auf einen ehemaligen Aberglauben zurück, der in fast allen Völkern herrschte und herrscht. Die eigentliche Sprache wird während der Jagd vermieden, da man glaubte, allzu klare Worte und Absichten würden den Wald und das Wild vorwarnen, weshalb man sich höchstens mit Hilfe von Ersatzworten verständigte (Meister Petz, etc.).
Die Verwendung und Pflege der Jägersprache innerhalb der Jägerschaft gehört zum jagdlichen Brauchtum. Nichtjägern gegenüber verwendet der (rücksichtsvolle) Jäger die Jägersprache nach Möglichkeit nicht, um Verständnisprobleme zu vermeiden.
Beispiele
A
- Aasjäger
- Abbaumen
- Abnicken
- Abwurfstange
- Affe
- Äsung
- Aufbruch
- Aufgang
- Axis
B
- Bache
- Balg
- Bambi-Effekt
- Bast
- Blattzeit
- Bockfieber
- Brand
- Brocken
- Brunft
- Brunst
C
–
D
- Damhirsch
- Decke
- Dublette
- Durch die Lappen gehen
E
- Einlauf
F
- Falkner
- Fährte
- Fang
- Fangschuss
- Feder
- Feistzeit
- Fell
- Fuchsschwanz
G
- Geweih
- Griff
- Großwild
H
- Haarwild
- Halali
- Hatz
- Heil
- Herde
- Hitze
- Horrido
I
–
J
- Jägerlatein
K
- Kalb
- Kammer
- Kanzel
- Kern
- Kette
- Kirre
- Kot
- Kuder
L
- Lager
- Laufen
- Löseplatz
- Losung
- Lichter
- Luder
- Luderplatz
- Lunte
M
- Mast
N
- Nuss
O
–
P
- Pass
- Petschaft
- Platzhirsch
Q
–
R
- Rauschen
- Riegel
- Rotwild
- Rotte
- Rudel
S
- Sau
- Schale
- Schild
- Schlagbaum
- Schmeißfliegen
- Schmelz
- Schnauze
- Schrank
- Schränken
- Schweiß
- Schweißhunde
- Spiegel
- Spiel
- Sprengruf
- Sprung
- Spurlaut
- Standarte
- Stern
- Stoß
- Strecke
- Stück
T
- Teller
U
- Überläufer
- Umgangssprache
V
–
W
- Weidmannssprache
- Welpe
- Witterung
W
–
X
–
Y
–
Z
–
Sprache
Sprache hat zwei eng mit einander verwandte Verwendungen, die Sprache (ohne Plural) oder eine Sprache/Sprachen.
Die Sprache bezeichnet die wichtigste Kommunikationsform des Menschen. Sie wird akustisch durch Schallwellen (Lautketten) oder visuell-räumlich durch Gebärden (vgl. Gebärdensprache) oder Schrift (vgl. Schriftsprache) realisiert. Die Wissenschaft von Sprache als System heißt Allgemeine Sprachwissenschaft.
Exemplarisch sei die Definition von Edward Sapir (1921) zitiert:
:"Sprache ist eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen." (zitiert nach John Lyons, 4. Auflage, 1992, S. 13)
Ferdinand de Saussure hat - einer Tradition folgend - Sprache als Zeichensystem konzipiert und das Sprachzeichen als Verbindung von Lautbild und Vorstellung, also als etwas Mentales gefasst. Karl Bühler sieht Sprache als "geformtes Gerät", als Medium des Verständigungshandelns mit den Grundfunktionen der Darstellung (Bezug auf die Wirklichkeit), des Ausdrucks (Befindlichkeit des Sprechers) und des Appells (Beeinflussung des Hörers). Damit wird die Auffassung von Sprache als Zeichensystem fraglich, denn nur symbolische Ausdrücke lassen sich als Zeichen im eigentlichen Sinn ("etwas steht für etwas") auffassen. Wofür steht der Artikel der, die Abtönungspartikel halt, das Zeigwort da, die Interjektion hm? Für die Pragmatik ist Sprache ein zweckorientiertes Handlungssystem, das mental verankert ist. Für manche Linguisten ist Sprache ein menschentypisches biologisches Organ (Noam Chomsky), für andere das Medium der Gedankenbildung schlechthin (W.v. Humboldt).
Eine Sprache ist jedes einzelne Kommunikationssystem, das der Verständigung dient, also menschliche Einzelsprachen (beispielsweise Deutsch), Fachsprachen (beispielsweise Mathematik und Rechtssprache), Computersprachen (beispielsweise Prolog) etc. (siehe nachstehende Unterkapitel). Die Wissenschaften einzelner Sprachen sind beispielsweise die Philologien (Anglistik, Germanistik). Die Linguistik dagegen beschäftigt sich mit einzelnen Sprachen lediglich als "Beleg" für Theorien über die Sprache im Allgemeinen, die universellen Eigenschaften menschlicher Sprache und die Haupttypen der Sprachen der Welt (Sprachtypologie).
Entwicklung von Sprache
Das Verstehen und das Bilden bedeutungsvoller Lautketten in Echtzeit stellt große Anforderungen an die Planung wie an die auditive beziehungsweise visuelle Verarbeitung im Gehirn. Bei Legasthenikern oder Polterern kann diese Planung gestört sein.
Linguistik
Die Linguistik untersucht die menschliche Sprache. Die vergleichende Sprachwissenschaft und die Sprachtypologie befassen sich mit der genetischen Verwandtschaft von Sprachen, die in Sprachfamilien geordnet werden können. Die meisten Sprachwissenschaftler behandeln Einzelsprachen oder Sprachfamilien.
So befasst sich beispielsweise die Indogermanistik mit der indogermanischen Sprachfamilie.
Annahmen über eine (Ursprache) der Menschheit sind vorwiegend spekulativ, hiermit befasst sich die Paläolinguistik.
Die Struktur und Verwendung von Sprachen wird in Grammatiken, der Wortschatz und Wortgebrauch in Wörterbüchern beschrieben. Die Etymologie ist eine Forschungsrichtung, die sich mit dem Ursprung und der Geschichte der Worte und Namen befasst.
Formale Sprachen sind mit Mitteln von Logik und Mengenlehre beschreibbar (aufzählbare Menge der Basisausdrücke, Regeln der Komposition, wohlgeformte Ausdrücke). Die Beschreibungsprinzipien der formalen Logik werden auch auf die natürliche Sprache angewendet; Pionierarbeit hat dazu der amerikanische Logiker Richard Montague geleistet. Eine vollständige Rekonstruktion ist allerdings nicht möglich. Denn auch die Logik ist aus der natürlichen Sprache abgeleitet. Letztlich müssen wir alles in der natürlichen Sprache austragen (Wittgenstein).
Zu den Disziplinen, die sich besonders intensiv mit Sprache auseinandersetzen, gehören auch die Rhetorik, die Literaturwissenschaft, die Sprachphilosophie und die Ethnologie.
Einzelsprache
Im speziellen Sinn bezeichnet Sprache eine bestimmte Einzelsprache wie Deutsch oder Japanisch. Die gesprochenen Sprachen der Menschheit werden in Sprachfamilien eingeteilt; anhand der Language Codes (nach ISO 639-1 beziehungsweise 639-2) können Sprachen international eindeutig identifiziert werden. Von den heute etwa 6500 auf der Welt gesprochenen Sprachen sind mehr als die Hälfte vom Aussterben bedroht, da sie kaum noch oder gar nicht mehr an Kinder weitergegeben werden. Von einigen Sprachen gibt es nur noch eine kleine Gruppe oft alter Muttersprachler. Dies wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass in den nächsten 100 Jahren Tausende von Sprachen verschwinden werden. Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen unterstützt die Beschäftigung mit und die Dokumentation solcher Sprachen, die zum Erbe der Menschheit zählen und sich zum Teil durch ganz besondere Eigenschaften auszeichnen, die nur an ihnen zu studieren sind.
Eine Sprache ist etwas Lebendiges, das entsteht, sich dauernd verändert und wieder vergeht -
jedoch nicht im biologischen, sondern im übertragenen Sinne; Lebendigkeit steht hier für eine Vielfalt von Funktionen. Nicht mehr gebrauchte, auch tote Sprachen genannt, hinterlassen oftmals Spuren in Nachfolgesprachen; beispielsweise Latein in den romanischen Sprachen (Italienisch, Französisch etc.), aber auch in der englischen und deutschen Sprache sowie den anderen germanischen Sprachen.
Nichtmenschliche Sprachen
Sprachen bei Tieren, beispielsweise die Bienensprache, aber auch die Lautsprachen bei Vögeln, Delfinen oder Primaten unterscheiden sich grundsätzlich von denen des Menschen. Während in den Signalsystemen der Tiere jeder Laut eine feste Bedeutung hat, ist die Sprache des Menschen doppelt (beziehungsweise dreifach) gegliedert. Das heißt, Menschen können aus bedeutungsunterscheidenden, selbst nichts bedeutenden Lauten (erste Gliederungsebene) bedeutungstragende Einheiten (Morpheme, Wortformen) bilden (zweite Gliederungsebene). Aus Wortformen können Wortgruppen (Phrasen) und Sätze aufgebaut werden (dritte Ebene). Wenn ein Tier zwanzig Laute bilden kann, so kann es zwanzig Dinge ausdrücken. In der Sprache des Menschen gibt es durch die Ebenen unbegrenzte Kombinationsmöglichkeiten mit begrenzten Mitteln, so schon Wilhelm von Humboldt. Der Mensch kann verstehen, was er zuvor nie gehört hat.
Formale Sprachen
Auch in der Informatik wird von Sprachen gesprochen. Diese Sprachen, Formale Sprachen genannt, sind mathematische Modelle von Sprachen, die besonders in der theoretischen Informatik, insbesondere bei Berechenbarkeitstheorie und dem Compilerbau Anwendung finden.
Bestrebungen eine eindeutige und methodisch korrekte Sprache aufzubauen, haben zum Projekt der Orthosprache geführt.
Sprache als Medium
Viele Medientheorien – vor allem die technischen – fassen Sprache nicht als Medium, sondern als Kommunikationsinstrument auf, d.h. als neutrale Ermöglichungsbedingung für die eigentlichen Medien. Sprache dient solchen Auffassungen nach lediglich der Repräsentation oder auch Übermittlung mentaler Entitäten (Konzepte, Begriffe), wobei letztere als unabhängig von der Sprache gedacht werden. Man spricht deshalb von Repräsentationsmitteln. Die radikalste Form dieser „Sprachvergessenheit der Medientheorie“, wie Ludwig Jäger (2000) formuliert, findet sich im so genannten Diskurs über „postsymbolic communication“, der davon ausgeht, dass die menschliche Kognition und Kommunikation zukünftig nicht mehr auf Sprachzeichen angewiesen seien, weil diese aufgrund der technischen Entwicklungen im Bereich der Forschungen zur Künstlichen Intelligenz obsolet werden. Jäger (2000) zufolge bleiben Debatten über die Wirkungsmacht von „neuen Medien“, wie etwa Computer und Internet, jedoch leer, wenn Sprache nicht als entscheidendes Rahmenmedium erkannt wird. Er plädiert deshalb dafür, den nicht-technischen (anthropologischen) Medienbegriff stärker in den Diskurs über technische Medien einzubeziehen und so die schlichte Dichotomie zwischen „neuen Medien“ und „Sprache“ aufzuweichen.
Jäger (2000/2002) formuliert eine erkenntnistheoretische Medienauffassung, deren Kernaussage lautet, dass Mentalität erst durch die Medialität ermöglicht wird. Das heißt die menschliche Mentalität wird in ihrem heutigen Umfang erst durch Zeichenhandlungsprozesse, die sowohl ein Welt- als auch Ich-Bewusstsein konstituieren, ermöglicht. Die Sprache nimmt hierbei eine konstitutive Rolle ein. Wird also Sprache als Medium begriffen, ist schon die menschliche Mentalität medial geprägt. Es ist daher stets von der Sprache her zu beurteilen, wie sich neue Medien auf den Menschen auswirken können (vgl. Jäger 2000/2002).
Diese Konzeption kann durch die Überlegungen Sibylle Krämers (2000) unterstrichen werden. Krämer meint, dass eine Botschaft, die in einem Medium vermittelt wird, die Spur seiner formalen Konstitution bewahrt – in diesem Fall besitzt die Mentalität des Menschen die Spur seiner semiologischen Performanzen. D.h.: Wird eine Äußerung getätigt, findet keine Reinvermittlung mentaler Konzepte statt, da diese durch die jeweilige Einzelsprache geprägt sind. Weiter stellt Krämer (1998) Medien als Apparate zur künstlichen Erzeugung neuer Welten dar (d.h.: neue Formen der Erfahrung, Vorstellungen), die es ohne das entsprechende Medium nicht geben würde. Die Sprache ermöglicht dem homo sapiens sapiens so gesehen nichts Minderes als die komplexere Erfahrbarmachung der tatsächlichen Welt in der uns heute geläufigen Weise.
Sprache im weiteren Sinne
Manche Leute bezeichnen die Musik als universelle Sprache, da sie von Menschen unterschiedlichster Herkunft verstanden wird. Hierbei dient die Sprache vor allem als Kommunikationsmittel für Gefühle. So werden die meisten Filme mit Musik untermalt, weil dadurch unterschwellig die Gefühlslage der Situation bzw. der Figuren kommuniziert wird. In indischen Filmen geht das sogar soweit, dass die Handlung stehen bleibt und die Gefühle in Liedern ausgedrückt werden, was man bei uns nur aus dem Musical-Genre kennt.
Hier stößt auf eine weitere Ebene der Sprache: Filme, Theaterstücke, Operetten usw. bedienen sich ebenfalls einer bestimmten Sprache. Die hier eingesetzten sprachlichen Mittel findet man im übertragenen Sinne auch in den Laut- und Schriftsprachen wieder.
Siehe auch
Abstandsprache, Amtssprache, analytische Philosophie, Ausbausprache, Babysprache, Dachsprache, Dialekt, Dichtersprache, Etymologie, Europäisches Jahr der Sprachen, Fachsprache, falsche Freunde, Geheimsprache, Gruppensprache, Halsbandsittich in vielen Sprachen, Hochsprache, inklusive Sprache, Jargon, Konstruierte Sprache, Lautsprache, Liste von Sprachen, Liturgiesprache, Mathematik, Medien, Medientheorie, Muttersprache, Neusprech, Orthosprache, Plansprache, Programmiersprache, Seemannssprache, Semiotik, Signalsprachen, Soziolekt, Spiegelneuronen, Standardsprache, Terminologie, Umgangssprache, Universal-Grammatik, Verkehrssprache, Weltsprache, Zeichen, Zungenbrecher, Sprachreisen, Sprachbildung
Literatur
- Ludwig Börne, "Bemerkungen über Sprache und Stil.", 1826, Sämtliche Schriften, Bd. II, Düsseldorf 1964.
- Karl Bühler (1934), Sprachtheorie, Stuttgart: G. Fischer
- Geoffrey Sampson: "Schools of Linguistics." Hutchinson, London (1980), ISBN 0804710848
- David Crystal: "Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache." Campus Verlag, Frankfurt/Main (1995), ISBN 3880599548
- Wilhelm von Humboldt: "Grundzüge des allgemeinen Sprachtypus", 2004, Berlin: Philo, ISBN 3-8257-0068-2
- John Lyons: "Die Sprache." C.H. Beck, München (1992; 4. Auflage) ISBN 3406094007
- Steven Pinker: "Words and Rules: The Ingredients of Language." (1999) (dt. Worte und Regeln: Die Natur der Sprache.), ISBN 3827402972)
- Ludger Hoffmann (Hg.)(2000/2) Sprachwissenschaft. Ein Reader. Berlin, New York: de Gruyter.
- Jäger, Ludwig (2000), „Die Sprachvergessenheit der Medientheorie. Ein Plädoyer für das Medium der Sprache.“ In: Kallmeyer, Werner (Hg.): Sprache und neue Medien. Berlin, New York: De Gruyter, 9-30
- Jäger, Ludwig (2002): Medialität und Mentalität. Die Sprache als Medium des Geistes. In: Krämer, Sybille, König, Ekkehard (Hgg.): Gibt es eine Sprache hinter dem Sprechen? Frankfurt am Main: Suhrkamp, 45-76
- Krämer, Sybille (²2000): „Das Medium als Spur und als Apparat.“ In: dies. (Hg.): Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und neue Medien. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 9-26
Weblinks
- [http://www.rosettaproject.org/ Rosetta-Projekt: Informationen zu Sprachen der Welt] (englisch)
- [http://www.ethnologue.com/ Ethnologue: Informationen zu Sprachen der Welt] (englisch)
- [http://www.vistawide.com/ Sprachen und Kulturen der Welt] (englisch)
- [http://portal.unesco.org/ UNESCO-Projekt:] "Intangible Heritage - [http://portal.unesco.org/culture/admin/ev.php?URL_ID=8270&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201 Endangered Languages]"
- [http://www.tooyoo.l.u-tokyo.ac.jp/Redbook/index.html UNESCO Red Book of Endangered Languages]
- [http://www.georgetown.edu/faculty/ballc/animals/animals.html Tierlaute in verschiedenen Sprachen] (englisch)
- [http://www.netz-tipp.de/sprachen.html Statistik: Verbreitung der Sprachen im Internet]
- [http://home.edo.uni-dortmund.de/~hoffmann/Gruende/10Gruende.html 10 Gründe, Sprachwissenschaft zu studieren]
- [http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/wte/sprache.html Sprache als Gefängnis:] Vortrag im Rahmen der Reihe Wissenschaft, Technik und Ethik an der TU Clausthal
- [http://www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/771860 Es werde Wort - und zwar schnell!] Ein Bericht über die "rasante Entwicklung von Sprache"
- [http://www.bair-sprache-chiemgau.de/texte/pressetexte.htm#1 Etwa 90% aller Sprachen werden bis 2050 wahrscheinlich verschwunden sein] ([http://www.guardian.co.uk/uk_news/story/0,3604,721955,00.html Original auf Englisch])
!
ja:言語
ko:언어
ms:Bahasa
simple:Language
th:Hol
zh-cn:语言
zh-tw:語言
WortschatzAls Wortschatz (auch Vokabular oder Lexik(on)) bezeichnet man
# die Gesamtheit aller Wörter einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt.
# die Gesamtheit aller Wörter einer Sprache, die ein einzelner Sprecher kennt oder verwendet. Man unterscheidet in dieser Bedeutung zwischen passivem und aktivem (präziser: produktivem) Wortschatz.
: - Der passive Wortschatz wird vom Sinn her verstanden, wird jedoch nicht aktiv verwendet.
: - Der aktive Wortschatz wird auch beim Sprechen benutzt, seine Einsatzmöglichkeiten sind so weit bekannt, dass sinnvolle verständliche Sätze damit geformt werden können.
Der Wortschatz der deutschen Standardsprache umfasst ca. 75.000 Wörter, die Gesamtgröße des deutschen Wortschatzes wird je nach Quelle und Zählweise auf 300.000 bis 500.000 Wörter bzw. Lexeme geschätzt. Ein durchschnittlicher Sprecher verfügt dagegen über einen aktiven Wortschatz von nur etwa 8.000 bis 10.000 Wörtern. Zum Vergleich: In einem gewöhnlichen Kaufhaus findet man schon etwa 60.000 unterschiedliche Markennamen.
Im Allgemeinen reichen für Alltagsgespräche 400 bis 800 Wörter aus. Um anspruchsvollere Texte zu verstehen (Zeitschriften, Zeitungen, Klassiker) benötigt man 4.000 bis 5.000 Wörter, in Ausnahmefällen wie bei Goethe (ca. 80.000) oder Joyce (ca. 100.000) auch bedeutend mehr. In letzter Zeit wird beobachtet, dass sich neue Kommunikationsbereiche (Chat, SMS, ...) bilden, in denen ein Wortschatz von nur noch 100 bis 200 Worte benutzt werden.
Zum Vergleich: Der Duden enthält ca. 120.000 Stichwörter. Durch Flexion kann in flektierenden Sprachen aus vielen dieser relativ wenigen Grundformen ein mehrfaches an Wortformen entstehen, im Deutschen (ca. Faktor 10) zum Beispiel erheblich mehr als in dem die Flexion langsam verlierenden Englischen (ca. Faktor 4). Die Häufigkeitsverteilung von Wörtern lässt sich mit dem Zipfschen Gesetz beschreiben.
Ein Problem bei dem Messen des Umfangreichtums eines Wortschatzes kann beispielsweise die Frage darstellen, ob zusammengesetzte Wörter mitgezählt werden (z.B. Blumenstrauß — ein neues Wort, oder zwei Wörter?)
In etwa gilt: Je höher der Bildungsstand eines Menschen ist, desto größer ist sein Wortschatz. Ein größerer Wortschatz hilft beim differenzierteren Informationsaustausch. Einfache Boulevardzeitungen nutzen einen Wortschatz von etwa 400 Wörtern, intellektuelle Tageszeitungen dagegen einen Wortschatz von etwa 5.000 Wörtern. Ähnlich kann man Fernsehsendungen kategorisieren. Ein Wortschatz einer Person ist abhängig vom Interessensgebiet dieser Person (u.a. Fachterminologie).
Literatur
- Franz Dornseiff: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, Berlin, 1934 (div. Neuauflagen)
- Duden: Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, Mannheim, 2000
- Ulrike Haß-Zumkehr: Deutsche Wörterbücher, Berlin, 2001 (bes. Kap. 17: Umfang des Wortschatzes)
Siehe auch
- Lexikologie
- Korpuslinguistik
- Terminologie
- Wörterbuch
- Basiswortschatz
- Basic English
- Kommunikative Kompetenz
Weblinks
- [http://wortschatz.uni-leipzig.de wortschatz.uni-leipzig.de: Automatische Relationsanalyse des Deutschen Wortschatzes mit 9 Mio. Einträgen]
Kategorie:Sprache
Kategorie:Wort
ja:語彙
simple:Vocabulary
BrauchtumBrauchtum ist ein Begriff der Volkskunde für die Gesamtheit und für Teile der Bräuche und Sitten einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft. Das Brauchtum wird in der Regel von der Mehrheit der Individuen dieser Gemeinschaft akzeptiert und tradiert.
Brauchtum ist zu unterscheiden einmal vom Ritus, der die soziale mit der religiösen Welt zu verbinden sucht, zum anderen von der Gewohnheit, die eine nüchterne zweckmäßige, nicht notwendigerweise soziale Routine darstellt. Das Ritual ist Teil des Brauchtums.
Ein Brauch (v. althochdt.: bruh = Nutzen) ist eine innerhalb einer festen sozialen Gemeinschaft erwachsene Gewohnheit (=Tradition). Die Gewohnheiten eines Individuums hingegen werden nicht "Brauch" genannt. Aus ethnologischer Sicht bestimmt "Brauch" den Ablauf von Zeremonien, "Sitte" hingegen ist die hinter dem Brauch stehende moralische Ordnung.
Ein Brauch äußert sich als Begleitphänomen bestimmter als Einschnitte wahrgenommener Lebenserfahrungen. Die menschliche Kultur hat ein reiches Brauchtum entwickelt, das sich im Bereich der
- biologischen (Geburt, Sexualität, Tod)
- gesellschaftlichen (Jubiläen, Feste, Feiern) bzw.
- transzendenten (Kultus)
Erfahrung und Entwicklung äußert.
Die Übergangsriten bei Menarche, Geburt und Tod, Mannbarkeit und Hochzeit haben ihr je eigenes traditionelles Brauchtum. Im Jahreskreis bietet dieser Vorrat eine bunte Vielzahl von Höhepunkten, von Advent, Weihnachten, Silvester, Dreikönigstag über Karneval und Ostern bis zum Erntedankfest (siehe auch [http://matriarchat.info/index.php?option=com_content&task=view&id=122&Itemid=158 Schnitterfest]), St. Nikolaus (Nikolaustag). Deren festlicher oder ausgelassener Charakter ermöglicht für einen Moment, sich über den Alltag hinauszuheben.
Bräuche dienen der Sinn-, Identitäts- und Integrationsstiftung.
Sie vereinen und wirken gemeinschaftsbildend. Bei Staatsbesuchen erklingen die Nationalhymnen und in Gestalt der gehissten Flagge wird die jeweilige Nation geehrt. Sport- und Musikvereine, Zünfte und Universitäten, Kindergruppen, Jugendcliquen oder -banden bilden und bewahren regionales wie nationales Brauchtum.
Brauchtum wirkt zudem handlungsorientierend. Es liefert einen Rahmen, einen Satz von Zeichen und Symbolen, Anweisungen und Rollen und passt diese an. Oftmals stellt das Brauchtum eine genaue Formulierung für eine bestimmte Gelegenheit bereit, die durch die Beteiligten erwartet wird.
Im Lauf der Entwicklung können Bräuche ihre Bedeutung verlieren und zum leeren Selbstzweck werden. Hierin sind sie dem Ritual verwandt, bei dem es auch durch die Entkopplung von Form und Inhalt zur Aushöhlung, bzw. Sinnentleerung kommen kann. Bräuche und Rituale werden von den sozialen Akteuren nur dann als sinnerfüllt erlebt, wenn Form und Inhalt zusammengehen.
Die industrielle Revolution des 19. und 20. Jahrhunderts zeitigte den Übergang von einer überwiegend landwirtschaftlich geprägten zu einer städtisch-industriellen, modernen Gesellschaft. Dieses brachte einen Verlust der Bedeutung vieler kollektiver Gewohnheiten und regionaler Bräuche mit sich, die in der vorindustriellen Welt beheimatet waren. Dies wird häufig als Traditionsverlust bezeichnet und kritisiert.
Umgekehrt stellen Volkskundler fest, dass permanent neues Brauchtum entsteht. Dieses Brauchtum hat aber oft nicht die gleiche Bindekraft wie die Bräuche früherer Zeiten. Hintergrund ist, dass die Traditionsketten, die Bräuche überliefern, kürzer werden.
Brauchtum im Jahreslauf
- Nach Jahreszeiten: Neujahrsbrauchtum - Brauchtum im Frühling - Brauchtum im Sommer - Brauchtum im Herbst - Brauchtum im Winter
- Nach Monaten: Brauchtum im Januar - Brauchtum im Februar - Brauchtum im März - Brauchtum im April - Brauchtum im Mai - Brauchtum im Juni - Brauchtum im Juli - Brauchtum im August - Brauchtum im September - Brauchtum im Oktober - Brauchtum im November - Brauchtum im Dezember
- Nach dem Kirchenjahr: Brauchtum zu Weihnachten (inkl. Adventszeit) - Fastnachtsbrauchtum - Karneval - Brauchtum zu Ostern (inkl. Fastenzeit) - Pfingstbrauchtum - Brauchtum zur Kirchweih - Brauchtum zu Allerheiligen
- Nach Tätigkeiten im Bauernjahr: Erntebrauchtum
Religiöses und nationales Brauchtum
Christliches Brauchtum - Jüdisches Brauchtum - Islamisches Brauchtum - Germanisches Brauchtum - Römisches Brauchtum
Brauchtum im Lebenslauf
- Liebesbrauchtum - Verlobungsbrauchtum - Hochzeitsbrauchtum
- Bestattungsbrauchtum
Brauchtum der Berufe und Stände
- Brauchtum zum Abitur - studentisches Brauchtum
- Brauchtum im Bergbau - Brauchtum im Handwerk
- Brauchtum der Schützen - soldatisches Brauchtum
Literatur
- Herbert Schwedt (Hrsg.): Brauchforschung regional. Stuttgart 1988 (Mainzer Studien zur Sprach- und Volksforschung 14)
- Andreas C. Bimmer: Brauchforschung. In: Rolf W. Brednich (Hg.): Grundriss der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. 3. überarb. u. erw. Auflage Berlin 2001, S. 445 – 468
Siehe auch
Tradition
- Folklorismus
- Historizismus
- Ethnologie
- Volkstanz
- Folklore
- Tanzverbot
Weblinks
- [http://www.brauchtumsseiten.de Das Brauchtum von A-Z verständlich erklärt]
!Brauchtum
Kategorie:Volkskunde
Kategorie:Soziologie
Kategorie:Alltagskultur
simple:Custom
FachspracheEine Fachsprache (auch Fachjargon) ist ein Jargon, der in einem bestimmten (meist akademischen) Fachgebiet oder einer Branche benutzt wird. Zur Fachsprache gehören vor allem Fachbegriffe und Fremdwörter (Fachvokabular), die entweder außerhalb des Fachgebietes sehr ungebräuchlich sind oder in diesem eine andere Bedeutung haben. Auch Grammatik und Intonation können sich unterscheiden. In der Soziolinguistik wird die durch eine bestimmte Gruppe (z.B. Altersgruppe) hervorgebrachte linguistische Varietät als Gruppensprache bezeichnet.
Merkmale
Eine Fachsprache unterscheidet sich von der Umgangssprache unter anderem dadurch, dass ihre Begriffe eindeutig bezeichnet sind, aber in der Regel nur innerhalb des betreffenden Faches gelten. In dieser Hinsicht bildet auch jede Fachsprache eine Gruppensprache, nämlich die der Gruppe der jeweiligen Fachleute. Fachsprachen haben meist den Ruf der Unverständlichkeit - was einerseits am Vokabular (Fach- und Fremdwörtern) liegt. Andererseits werden die sprachlichen Besonderheiten vor allem in speziellen Situationen wirksam, die dem Fachfremden oft nicht verständlich sind.
Das führt dazu, daß Experten eines bestimmten Fachgebietes häufig von Laien nicht richtig verstanden werden, weshalb der Fachjargon umgangssprachlich manchmal auch als „Fachchinesisch“ bezeichnet wird. Der Ausdruck kommt vermutlich daher, daß Chinesisch in Europa wegen des völlig anderen Sprachaufbaus allgemein als sehr schwierig gilt und zudem selten erlernt wird.
Einzelne Fachbegriffe einer Fachsprache werden auch als Terminus technicus bezeichnet. Die Gesamtheit aller Termini eines Gebietes bilden eine Terminologie. Terminologien können beispielsweise in einem Wörterbuch, einem Glossar oder einem Thesaurus formuliert sein.
Viele Termini und Fachsprachen sind durch Fortschritte der Wissenschaft in rascher Entwicklung begriffen. Der Sprachgebrauch in verschiedenen Disziplinen ändert sich auch dadurch, dass immer mehr Fachwörter – vor allem englische – in Gebrauch kommen.
Beispiele
Einige Fachsprachen heben sich besonders deutlich von der Umgangssprache ab. Beispiele hierfür sind:
- medizinische Fachsprache von Ärzten, Krankenschwestern, Masseuren usw. (siehe Nomenklatur (Anatomie))
- "Juristendeutsch" oder "Juristenlatein" der Juristen
- Beamtendeutsch
- Technische Fachsprachen und Fachausdrücke
- Computer-"Slang" und EDV-Vokabeln (Netzjargon, Hackerjargon)
- Die Waidmannssprache der Jäger
- Die Seemannssprache der Seeleute
- Die Bergmannssprache der Bergleute
- Kommandosprachen - etwa beim Militär
- Geheimsprachen wie beispielsweise im Verbrechermilieu (Gaunersprache, Rotwelsch)
- Spezialausdrücke in der Musik (besonders in der Popmusik)
- oder in Diplomatie, Soziologie usw.
Verwandte Begriffe
Eine Nomenklatur ist ein Spezialfall einer Terminologie, in der die Benennung von Objekten in einem bestimmten Themengebiet durch Richtlinien festgelegt ist (beispielsweise die. Nomenklatur der Lebewesen in der Biologie oder die Nomenklatur chemischer Verbindungen).
Als Wortschatz, Vokabular oder Lexikon bezeichnet man die Gesamtheit aller Wörter, deren eine Person mächtig ist oder die zu einer bestimmten Sprache gehören.
Siehe auch: Institut für Deutsche Sprache, Terminologische Datenbank, Kontrolliertes Vokabular
Als Terminologie bezeichnet man die Gesamtheit aller Begriffe und Benennungen (Termini) einer Fachsprache, beziehungsweise die Fachsprache selbst. Die DIN 2342 trifft nähere Festlegungen zur Terminologie.
Weblinks
- [http://linux.infoterm.org/ International Information Centre for Terminology]
- [http://www.rint.org/ Réseau international de néologie et de terminologie (eine Organisation von 20 französischsprachigen Ländern)]
- [http://www.iim.fh-koeln.de/dtp/ Deutsches Terminologie-Portal]
- [http://links-guide.ru/sprachen/lexika/slang.html Wird in jedem Fach eine besondere Sprache gesprochen?]
- [http://www.tekom.de/weiter.jsp?id=412 Unbekannter Fachjargon, verschwommene Formulierung oder literarische Parterreakrobatik?]
Kategorie:Soziolinguistik
UmgangsspracheUmgangssprache (Alltagssprache oder auch Gebrauchssprache) ist die im (all)täglichen Leben verwendete Sprache mit dem breitesten Kommunikationspotenzial. Sie folgt nicht immer den Regeln der normativ (oder präskriptiv) für allgemeinverbindlich erklärten formellen Schriftsprache bzw. normierten Standardsprache, die vor allem in Fachsprachen Verwendung findet oder in der hochstilisierten Form einer Hoch- und Bildungssprache.
Man kann nicht sagen, dass die Umgangssprache dort, wo sie von den präskriptiven Regeln der hochsprachlichen Norm abweicht, falsch ist. Genau genommen stellt sie als Alltagssprache sogar deren eigentliche Grundlage dar; als solche folgt sie zunächst einmal ihren eigenen Regeln. Probleme ergeben sich allein daraus, dass sprachliche Fest-Legungen, wie sie in Gremien von Sprachwissenschaftlern vereinbart, für allgemein verbindlich erklärt und für beispielsweise den staatlich organisierten Unterricht in Schulen vorgeschrieben sowie dann auch in Nachschlagewerken wie z.B. dem Duden gehalten werden, die sprachlichen Regeln im Alltag nicht in ausreichendem Maße berücksichtigen können, zumal diese nicht immer sinnvoll sind und noch dazu dauernder Veränderung unterliegen. Von daher können Eindruck und Meinung aufkommen, Abweichungen der Umgangssprache von der hochsprachlichen Norm seien falsch oder zeugten von Sprachverfall.
Umgangssprache ist nicht mit Mundart (Dialekt) bzw. Regiolekt gleichzusetzen.
Mit Umgangssprache können zwei verschiedene Begriffe bezeichnet werden:
# die Ausgleichsvarietät zwischen Dialekt und Standardsprache, ohne dass diese extreme Dialektismen aufweist.
# die Sprachschicht, die für informellere, private Situationen benutzt wird, als es die auf formelle Sprachsitutationen beschränkte Hochsprache erlaubt.
Allgemeines
Die Abweichungen von der Hochsprache sind gering, so dass die Umgangssprache allgemein verständlich ist.
Umgangssprache redet, wer wie Martin Luther „dem Volk aufs Maul schaut“.
Eine Sprache wird in der Regel nicht von den Sprechern selbst als Umgangssprache bezeichnet.
Umgangssprache unterscheidet sich in dieser Hinsicht von der gehobenen Sprache, von öffentlicher Rede, Drama, Gedicht, aber auch dem Lexikonartikel sowie der Zwischenschicht von populärer gehobener Umgangssprache (Essay, Zeitungsartikel, Rundfunk- oder Fernsehsprache (Fernsehdeutsch)).
Genauso unterscheidet sich die Umgangssprache des Laien von der Fachsprache mit Spezialausdrücken (Termini der Medizinersprache, Technikersprache).
Hier ist nicht die grammatikalische Konstruktion der Sprache, sondern ein ungenaues Benutzen der Fachausdrücke Kennzeichen des Umgangssprachlichen.
(Siehe auch: Jargon). Insofern ist der Begriff Umgangssprache nicht wohldefiniert, sondern hängt vom Zusammenhang ab, in dem er gebraucht wird.
Es handelt sich bei Diskrepanzen zwischen Fachsprache und Umgangssprache aber nicht durchwegs um Ungenauigkeiten oder Kontextabhängigkeiten. Es gibt unzweideutige, klar definierte Unterschiede zwischen Umgangssprache und Fachsprache, die in unterschiedlichen Werten zwischen bestimmten Berufsgruppenangehörigen und Laien begründet sind. Ein solches Auseinanderklaffen von Werten wird abwertend auch als déformation professionnelle bezeichnet.
Beispiele:
Ein medizinischer Befund gilt für die Fachperson als negativ, wenn das Vorliegen einer bestimmten Diagnose aufgrund dieses Befundes nicht zu vermuten ist, und der Befund wird als positiv beurteilt, wenn er das Vorliegen einer bestimmten Diagnose wahrscheinlicher macht oder beweist. Umgangssprachlich ist dagegen das Ergebnis des Vorliegens einer Erkrankung für die betroffene Person zumeist als negativ zu betrachten, während das Fehlen eines Befundes grundsätzlich positiven Charakter hat. Aus dieser Darlegung verständlich nun die Frage des befreundeten Arztes - War der Befund negativ? und die korrekte Antwort - Nein, nein, es ist alles gut!
Im akademischen Sinne gilt eine steile Lernkurve als positiv, wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer bei den Schülern einen Erfolg im Unterricht erzielt, oder wenn ein Psychologe bei einem Versuchstier einen Erfolg im Experiment verzeichnen kann. Wird Lernen aber als grundsätzlich störende Aufwandsgröße betrachtet, was insbesondere umgangssprachlich der Fall ist, so gilt eine steile Lernkurve als negativ.
Umgangssprache und Sprachentwicklung
Jede Sprache ist in einem ständigen Wandel begriffen. Die Sprachentwicklung findet heute im alltäglichen Leben beschleunigt statt -
- unter anderem wegen höherer Mobilität, Fremdenverkehr, Massenmedien, EDV und U-Musik,
- aber in anderer Hinsicht verlangsamt durch die normierende Wirkung des Fernsehens und der Auflockerung von Dialektgrenzen.
Andererseits ist die formelle Beschreibung einer Sprache nicht rein abstrakt, sondern an die Umgangssprache angelehnt. Sie nimmt Elemente der Umgangssprache auf (siehe Sprachgebrauch) und verändert sich, nachdem die Umgangssprache eine erkennbare Veränderung durchgemacht hat.
Beiträge zur Umgangssprache
Die Umgangssprache ist immer durch die Sprache unterschiedlicher Teile der Gesellschaft beeinflusst. Insbesondere Jugendsprache und andere Szenesprachen nehmen Einfluss auf die Umgangssprache der folgenden Generation.
Daneben kennt man noch Sprachen, die auf spezielle Gruppen beschränkt sind und somit eine geringere Bedeutung innerhalb der Gesellschaft haben: Soldatensprache, Sportlersprache, Gefängnissprache, Bergmannssprache, Jägersprache, Fachsprachen.
Regionalsprachen, Umgangssprachen, Dialekte und Mundarten
Durch die gegenwärtig Mobilität und die Massenmedien schwindet die Zahl der Mundarten und Dialekte kontinuierlich. Zugleich schwindet der Regionalcharakter umgangssprachlicher Elemente. Gleichzeitig wächst der Wirkungsbereich der Umgangssprache.
Siehe auch
- Abkürzungen
- Anglizismus
- Hochdeutsch
- Kreolsprachen / Kreolisch
- Mundart
- Pidgin
- Regionalsprache
- Sauglattismus
- Slang
- Standardsprache
- Volksmund
Literatur
- Küpper, Heinz: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache. Stuttgart: Klett 1982. 8 Bde. -- ISBN 3-12-570010-8.
- Küpper, Wörterbuch der deutschen Umgangssprache, 1987, 959 S. ISBN 312570300X
- Lameli, Alfred: Standard und Substandard. Stuttgart 2004, 272 S. ISBN 3515085580
Netzlinks
- [http://www.urbandictionary.com/ Urban Dictionary] - umfangreiche Sammlung von Begriffen und Redewendungen [englisch]
!
ja:俗語
simple:Slang
SeemannsgarnSeemannsgarn hergeleitet von Schiemannsgarn sind Erzählungen der Seeleute über deren (angeblichen) Erlebnisse.
Das Schiemannsgarn wurde aus alten Tauen gewonnen und von den Seeleuten benutzt, Leinen und Trossen zu umwickeln. Schiemannsgarn drehen oder Schiemannsgarn spinnen war auf Segelschiffen eine untergeordnete Arbeit, die bei Schönwetter erledigt wurde. Weil sie recht langweilig war, erzählten sich die Seeleute unterdessen, was sie erlebt hatten und worüber sie sich Gedanken machten, Sagen, Schwänke und Döntjes gehörten dazu. Auf diese Weise bekam Schiemannsgarn spinnen mit der Zeit eine andere Bedeutung: Das Erzählen wurde Hauptsache, die Arbeit Nebensache, bis man das Erzählen allein so bezeichnete. In jüngerer Zeit ersetzte Seemannsgarn spinnen oder kurz Garn spinnen die alte Redewendung und unter echtem Seemannsgarn versteht man jene Erlebnisberichte von Seeleuten im Grenzbereich zwischen Wahrheit und Phantasie, die alle etwas undurchsichtig, aber glaubhaft-eindrucksvoll sind: Allerdings weiß der Zuhörer nie genau, ob er auf den Arm genommen wird oder nicht.
Oft wird der Wahrheit soviel hinzugedichtet, dass aus einem kleinen Fisch ein Monsterhai wurde oder Riesenkraken ganze Schiffe ins Verderben ziehen.
Zum Seemannsgarn gehören auch die Erzählungen über den Klabautermann und unheimliche Geschichten, z.B. über "Magnetberge", die die Schiffe anziehen und zerschellen lassen oder Schiffsfriedhöfe im offenen Meer (entstanden durch die Sargassosee im Atlantik mit ihren Schlingpflanzen). Modernes Seemannsgarn bezieht sich oft auch auf Geschichten über UFO-Sichtungen und Verschwinden von Schiffen im Bermuda-Dreieck.
Für Kinder ist ein berühmter Erzähler von Seemansgarn Käpt’n Blaubär in der Fernsehsendung "Die Sendung mit der Maus".
Siehe auch:
- Brötchentütennavigation
- Anglerlatein
- Urban legend
- Yarn (englische Literaturuntergattung)
- Liste seemännischer Fachwörter
Kategorie:Humor
Kategorie:Sprache
Kategorie:Täuschung
Kategorie:Seeschifffahrt
Scherz
Ein Scherz wird im deutschen Sprachraum auch als Jux, Ulk oder Witz bezeichnet. Es steht im Gegensatz zum Ernsthaften, zum Wahren, der Realität entsprechendem.
Ironischerweise wird oft in einer skurrilen oder absurden Situation gefragt:
"Ist das ein Scherz?" bzw. "Das ist doch ein Scherz, oder?"
Hier wird an der Wahrhaftigkeit einer Handlung oder Worten gezweifelt.
Bei klassischen Komponisten findet sich zuweilen die Bezeichnung Ein Musikalischer Scherz, siehe auch das Scherzo als Satzform.
Zitat
- Man braucht einen Scherz nicht weniger komisch zu finden, weil man ihn nicht versteht. – Marcel Proust (aus: Im Schatten der jungen Mädchen, ISBN 3-51857875-8, S. 151)
Siehe auch:
- Humor
- Jux
- Ulk
- Witz
- Schlagfertigkeit
- Streich
Weblinks
[http://www.bundestag.de/mdb15/mdb14/bio/M/miersja0.html MdB] Jakob Maria Mierscheid - Auch der Bundestag ist in der Lage zu scherzen, wie man anhand einer fiktiven Biographie erkennen kann.
Kategorie:Humor
als:Witz
Wolpertinger
Der Wolpertinger ist ein bayerisches Fabelwesen. Volkstümliche Fabelwesen mit ähnlichen Eigenschaften gibt es auch in anderen Regionen, deren mythische Verwandtschaft mit dem Wolpertinger ungeklärt sind.
Etymologie
Es gibt zahlreiche Theorien über die Etymologie des Wolpertingers. Eine ist z. B., dass das Wort aus Namensteilen besteht: Woid (bairisch für Wald), Alpen, Erde und tinger (soviel wie Ding). Eine andere Theorie besagt, dass das Tier aus Wolpadingen im südlichen Schwarzwald stammt.
Weitere gängige Bezeichnungen:
- der Kreißl, (seit 1753, Brüder Grimm)
- "Hirschbockbirkfuchsauergams" Ludwig Ganghofer
- Wurzeltiger (Schreibweise allerdings amtlicherseits verneint)
Die bayrischen Namen des Wolpertingers können leicht variieren, je nach Dorf unterschiedlich kann er auch Wolperdinger, Woipertinger, Woiperdinger oder Volpertinger heißen.
Darstellungen
Ludwig Ganghofer
In bayrischen Wirtshäusern (oder Wirtshäusern anderer Bergregionen) werden oft präparierte Fälschungen ausgestellt. Es gibt in den besagten Gaststätten sehr unterschiedliche Meinungen, ob der Wolpertinger tatsächlich existiert.
Im Wolpertinger-Museum in Mittenwald oder im Deutschen Jagd- und Fischereimuseum in München können einige Exemplare begutachtet werden. Dort wird auch versucht, eine Systematik in die verschiedenen Arten des Wolpertinger (Gemeiner Steßprotzerl, Oberpfälzer Rammeschucksn, etc.) zu geben.
"Jagd"
In vielen Berichten ist die Jagd nach dem Wolpertinger romantisch verklärt. Eine bekannte Jagdregel lautet: "Wolpertinger können ausschließlich von jungen, gutaussehenden Frauen gesichtet werden, wenn diese sich in der Abenddämmerung bei Vollmond der Begleitung eines rechten, zünftigen Mannsbildes anvertrauen, das die richtigen Stellen an abgelegenen Waldrändern kennt."
Andere Fabelwesen
Andere geographisch nahe verwandte Arten sind vermutlich der thüringische Rasselbock, der österreichische Raurackl sowie der schweizer Dilldapp. In Sachsen ist der Wolpertinger auch unter dem Namen "Ichneumon" oder "Ychneumon" bekannt.
Die Verwandtschaft zum mittel- bzw. norddeutschen Elwetritschen bzw. deren Population ist zur Zeit noch nicht nachgewiesen.
Siehe auch
Liste von Fabelwesen, Elwetritsch, Jackalope, Skvader
Literatur
Auch in der Literatur findet der Wolpertinger seinen Platz:
Walter Moers beschreibt in seinen Zamonien-Romanen Wolpertinger als hundeähnliche Wesen mit kleinen Geweihen. (siehe Zamonien)
- Schweiggert, Alfons (Verf.), Kaut, Angelika (Fotos): Und es gibt sie doch! Die Wahrheit über die Wolpertinger, Pfaffenhofen/Ilm: Ludwig, 1988, Broschiert, 56 Seiten, ISBN 3778733257
- Schweiggert, Alfons: Der Wolpertinger oder der gehörnte Hase. Eine ernsthafte Untersuchung eines bayerischen Phänomens, München, 1994.
Weitere Titel (nicht alle dem Autor bekannt):
- Mit dem Wolpertinger leben. Ein Verhaltensratgeber / M. Heim; H. Reiser
- Das endgültige Wolpertinger Handbuch / von Alfons Schweiggert
- Alles über den Wolpertinger oder Bayerns heimliches Wappentier ist unter uns / Alfons Schweiggert, (...)
- Schallweg: Der Wolpertinger
- Der Wolpertinger lebt. Warum die Bayern mehr Haare haben. Ein Beitrag zur Jagdkunde / Kirein, Peter
- Paul Schallweg: Der Wolpertinger. ISBN 3475527952
- Reginald Huber: Vom Adler bis zum Wolpertinger - Das bairische Bestiarium. Bayerland VA, ISBN 3892511888
- Michael Heim: Der Wolpertinger lebt. Lipp, ISBN B0000BRIVD
- Peter Kirein: Der Wolpertinger lebt. Lipp, ISBN 3874905012
Weblinks
- [http://www.roberge.de/tour.php?swo=wolpertinger&id=335 Der Wolpertinger - der gehörnte Hase]
- [http://ww2.lafayette.edu/~hollidac/jacksforreal.html Bilder von Papillomavirus Hasen]
- [http://www.sebastianschule.de/dackelwolf/dackelwolf.htm Dackelwolf - Zitat aus "Gretemüllers Jagdlexikon"]
- [http://www.diebachhubers.de/der_wolpertinger.htm Wolpertinger-Fang / Kulturgut Wolpertinger]
- [http://www.travelwriter.at/ueber/sehenswuerdigkeiten/in-deutschland/bayern/muenchen/muenchen-jagdmuseum.shtml Wolpertinger im Fischerei- und Jagdmuseum Münschen - kein offizieller Link]
- [http://www.br-online.de/land-und-leute/thema/wolpertinger/ Wolpertingerseiten des Bayerischen Rundfunks]
- [http://www.bayerwaldshop.de/startseite/wolpertinger/wolpertinger.htm Zum Wolpertingervorkommen im ... Wald hald]
Kategorie:Fabeltier
Kategorie:Bayern
TheorieEine Theorie ist eine Gebrauchsanweisung zur Welt, die anpassungsfähig ist. Während Begriffe die Welt bestimmen, richten sich Theorien nach ihr. Eine Theorie, die ihren Zweck verfehlt, gilt dadurch als widerlegt. Während Begriffe Maßstäben gleichen, die zeigen, wieviel ein bestimmter Gegenstand von ihnen enthält oder nicht, entsprechen Theorien Futteralen, die nach ihrem Gegenstand gearbeitet sein wollen.
Das Wort Theorie (griechisch theoró: beobachten, betrachten, schauen; theoría: das Anschauen, die wissenschaftliche Betrachtung) bezeichnete ursprünglich die Betrachtung der Wahrheit durch reines Denken, unabhängig von ihrer Realisierung.
Vermutlich deshalb wird der Begriff auch unbestimmt als Gegenteil von Praxis benutzt.
Definition
Eine Theorie entwirft ein Bild (trifft eine Aussage) über den Lauf der Welt und ist insofern immer eine Prognose, die per Experiment zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das Ergebnis des Experimentes bestätigt (verifiziert) oder widerlegt (falsifiziert) eine Theorie. Nicht falsifizierbare Aussagen, z.B. eine Tautologie oder Definition, können keine Theorien sein.
Eine Theorie muss sinnhaftig sein: das Bild, was sie von der Welt gibt, muss den Vorschriften der Logik und Grammatik entsprechen. Ihre Wahrhaftigkeit kann danach aber nur durch einen Vergleich des Bildes, was sie von der Welt gibt, mit der Wirklichkeit erwiesen werden. Theorien, die etwas über den Lauf der Welt sagen, ohne ein Experiment zu wissen, dass sie gegebenenfalls widerlegt, heißen spekulativ.
Beispiele
# Physik: Die Vorhersagen der klassischen Mechanik und der speziellen Relativitätstheorie unterscheiden sich beispielsweise deutlich, wenn die betrachteten Objekte sich mit Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit bewegen. Im Alltag kann man die Unterschiede nicht feststellen, da die klassische Mechanik der Grenzfall der speziellen Relativitätstheorie ist, wenn die Geschwindigkeit wesentlich geringer ist als die Lichtgeschwindigkeit. Daher ist die klassische Mechanik im Alltag die angemessene Theorie.
# Geometrie: Zu jeweils einer Geraden und einem Punkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, gibt es genau eine Parallele durch diesen Punkt. Diese Aussage hat man lange versucht aus den anderen Axiomen der Geometrie zu folgern. Dadurch, dass man zeigen konnte, dass die Geometrie, in der die Parallelenaussage nicht gilt, zu sinnhaften Modellen führen, hatte man bewiesen, dass die Parallelenaussage ein zu den übrigen Geometrieaxiomen unabhängiges Axiom ist (siehe nichteuklidische Geometrie).
# Mathematik: Der Mathematiker Georg Cantor hatte eine Definition für den Begriff Menge vorgeschlagen. Die daraus resultierende Theorie wurde von Bertrand Russell als widersprüchig nachgewiesen mit der Paradoxie: Die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten. Diese "Menge" ist eine Menge im Sinne Cantors. Aber die Aussage bezogen auf diese Menge: Diese Menge ist Element ihrer selbst stellt eine Paradoxie dar. Trotzdem genügt es in der Schulmathematik mit dieser naiven Mengenlehre zu arbeiten. Die Mathematiker verwenden jetzt in der Regel die Zermelo-Fraenkel-Mengenlehre.
Weitere Beobachtungen zum Theoriebegriff
Die methodische Art und Weise, wie Theorien zustandekommen, wie also der Zuwachs an Wissen stattfindet, ist umstritten.
In der Fortentwicklung von Theorien wird gelegentlich zwischen Induktion und Deduktion unterschieden:
:Bei der Theorienbildung durch Induktion geht man davon aus, dass der Wissenschaftler im empirischen Prozess Datenmaterial erarbeitet, in dem schließlich innere Strukturen und Gesetzmäßigkeiten sichtbar werden. Weitere positiv verlaufende Experimente sollen die Theorie bestätigen und sind die Bausteine einer Verifikation (Beweisführung), die letztlich in naturgesetzlicher Sicherheit (Wahrheit) münden soll.
:Bei der Theorienbildung durch Deduktion geht man davon aus, dass der Wissenschaftler durch kreative Akte sinnvolle Hypothesen erzeugt, deren Übereinstimmung mit dem Datenmaterial er anschließend überprüft. Weitere Experimente müssen mit dem ernsthaften Ziel der Falsifikation (Widerlegung) unternommen werden. Nur in dem Ausmaß wie sich Theorien bewähren (der Falsifikation entziehen), kann relative Sicherheit gewonnen werden.
In der Praxis der Wissenschaft mischen sich induktive und deduktive Elemente ohne Probleme, so dass diese Frage mehr eine wissenschaftstheoretische und weltanschauliche Bedeutung besitzt. Bietet die Wissenschaft mit ihren Theorien einen Weg zu absoluter Wahrheit oder zu einer schrittweise stattfindenden Annäherung an die Wahrheit (der man sich jedoch nie ganz gewiss sein kann)? Diese zweite, auf Karl Popper zurückgehende, Position wird derzeit von der Mehrheit der Naturwissenschaftler bevorzugt.
In der Soziologie wurde - für die Sozialwissenschaften allgemein - das Konzept der Theorie mittlerer Reichweite entwickelt.
In der Umgangssprache wird der Begriff meist im Sinne von "nur eine Theorie" verstanden, und bezieht sich dann lediglich auf besonders unsichere Erkenntnisse. Dies hat nicht viel mit der wissenschaftlichen Definition von "Theorie" zu tun, und führt leider häufig zu Missverständnissen: Beispielsweise bedeutet der Begriff "Relativitätstheorie" nicht, wie oftmals (von nicht-Wissenschaftlern) fälschlich angenommen, dass diese im Sinne von "nur eine Theorie" besonders unsicher sei. Selbstverständlich ist sie falsifizierbar, aber das Teilwort "-theorie" besagt nichts über die (Un-)Sicherheit der in ihr enthaltenen Aussagen.
Alltagstheorien
Auch wenn Menschen sich nicht immer dessen bewusst sind: sie handeln im Alltag nach Theorien, die sie sich im Laufe ihres Lebens aufgebaut haben. Im Kleinkindalter werden beim Spielen z.B. unbewusst physikalische Experimente gemacht, die ein schlussfolgerndes physikalisches Denken begründen. Weitere praktische Erfahrungen auch im sozialen und kulturellen Bereich schaffen den Raum für Erkenntnisse, die den Aufbau von persönlichen Alltagstheorien schaffen. Der Grad der Kohärenz ihrer Theorie richtet sich nach dem Stand ihrer Reflexion. So ist davon auszugehen, dass Kenntnisse in Psychologie und Soziologie eine größere Kohärenz beispielsweise bei Erziehungsmaßnahmen oder generell beim Umgang mit anderen Menschen sichern. Alltagstheorien sind in allen Lebensbereichen wirksam und beeinflussen das Wahlverhalten, die Haltung gegenüber Ausländern und gegenüber Minderheiten, die Freizeitgestaltung und die Art und Weise, wie man Werte in der Öffentlichkeit vertritt. Verdeckte Alltagstheorien bewusst zu machen, ist eine Aufgabe des Bildungssystems.
Zitate
Es gibt zahlreiche Zitate zum Thema Theorie, siehe in Wikiquote: [http://de.wikiquote.org/wiki/Theorie de.wikiquote.org/wiki/Theorie]
Siehe auch
- Physikalische Theorie
- Instinkttheorie
- Liste der Theorien / Überholte Theorien
- Wissenschaftstheorie
- Liste griechischer Suffixe
- Liste lateinischer Suffixe
- Thesenpapier, Induktion (Logik), Abduktion, Statistik, Nullhypothese, Rhetorik, Dialektik, Fehler 1. und 2. Art
Literatur
- Stephen Hawking: Die Illustrierte Kurze Geschichte der Zeit. ISBN 3-499-61487-1
- Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. (1793). Neuerer Abdruck in: Schriften zur Geschichtsphilosphie, Immanuel Kant, Stuttgart 1985 (reclam).
- Kurt Lewin: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Bern, Stuttgart: Huber, 1963
- Joachim Ritter: Die Lehre vom Ursprung und Sinn der Theorie bei Aristoteles, in: Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften 1 (1953), S. 32-54.
- Helmut Seiffert und Gerard Radnitzky: Handlexikon der Wissenschaftstheorie, Deutscher Taschebuchverlag (DTV) 1992, ISBN 3-423-04586-8
Weblinks
- [http://www.lsw.uni-heidelberg.de/users/amueller/theorie.html Andreas Müller: Alles graue Theorie?]
- [http://www.ldl.de/material/aufsatz/aufsatz2002-2.pdf Jean-Pol Martin: Weltverbesserungskompetenz als Lernziel? (2002)] (Vorschlag einer praktischen Alltagstheorie)
Kategorie:Wissenschaftstheorie
Kategorie:Logik
ja:理論
AberglaubenDer Begriff Aberglaube wird meist abwertend für einen Glaubenssatz oder ein Glaubensgebilde gebraucht, das – dem eigenen gegenübergestellt – als irrational, unvernünftig, nutzlos (manchmal auch unmenschlich), und deswegen als unterlegen betrachtet wird. Häufig wird er im Zusammenhang mit mangelnder Bildung, dem Mittelalter (Aufklärung), oder auch nicht-monotheistischen Religionen und Kulten gebraucht. Für einen Atheisten oder Marxisten kann jedoch auch etwa der christliche Glaube Aberglauben darstellen. Aberglaube ist demnach die Summe alles Nicht-Rationalen.
In der Psychologie ist Aberglaube eng verwandt mit Begriffen wie Magisches Denken, Selbsterfüllende Prophezeiung, Mythos der eigenen Unverletzbarkeit (siehe Arbeitssicherheit), Glaube an das "todsichere System" beim Glücksspiel (siehe Wahrscheinlichkeit). Er entsteht z.B. bei nichtdeterministischen Experimenten (z.B. die abergläubische Ratte, Belohnungssysteme, die der Lernkurve folgen, siehe Paul Watzlawick). Aberglaube und magische Praktiken sind auch entwicklungspsychologisch relevant, da Kinder in einer so genannten Phase des Egozentrismus sich einem magisch-abergläubischen Weltbild zuwenden können.
Außerdem können (Wander-)Sagen zum Aberglauben beitragen, wenn sie uns glaubwürdige Ereignisse schildern und wir damit deren Eintrittswahrscheinlichkeit überschätzen.
Verwendung
Meist besitzt ein als abergläubisch bezeichnetes Weltbild eine weniger in sich geschlossene logische Struktur, als sie beispielsweise von den Scholastikern für die katholische Kirche aufgebaut wurde. Es gibt starke regionale Unterschiede – die aber durch moderne Medien und die neueren Möglichkeiten der Kommunikation immer mehr verwischen – und die einzelnen Spielarten grenzen sich gegeneinander weniger stark ab, als dies bei den Weltreligionen der Fall ist. Dies bedeutet aber nicht unbedingt, dass zwischen konkurrierenden Formen des Aberglaubens unbedingt eine größere Toleranz bestehen muss.
Der Grund für das fehlende Grundgerüst ist häufig in der Christianisierung des ursprünglichen Volksglaubens zu sehen, wodurch der Unterbau verloren ging und nur Rituale wie das Silvesterschießen oder einzelne Zeremonien z.B. bei Totenfeiern erhalten blieben oder sich als katholisch gebilligter Heiligenglauben versteckten.
Geschichte
Der Begriff Aberglaube taucht in der christlichen Religion am Ende des Mittelalters auf, er sollte Abweichungen von der geltenden Kirchenlehre anprangern und ins Abseits stellen.
Die Bekehrung der Heiden war in Europa zwar abgeschlossen, doch die lokalen Volksglauben lebten in gewissen Grenzen weiter. Zauber, Amulette, Böser Blick, heilige Bäume und heilige Haine, nichts sollte die Christen von dem wahren Glauben und der Heilsbotschaft ablenken, kein anderes Heil sollte der einzig gültigen Religion konkurrieren dürfen. Die Gnade, den Ablass der Sünden und die Erlösung sollte es nur innerhalb der einzig gültigen Kirche geben.
Andererseits wollte man mit der Bezeichnung Aberglaube auch all den neuen, vorreformatorischen und sektiererischen Einflüssen entgegenwirken. Alle Kirchenkritiker und Abweichler, die Ketzer, sollten damit in die gleiche Position wie die Hexen und Zauberer gebracht werden. Und auch auf sie wartete die Inquisition.
Die meisten Kulturen außerhalb Europas, besonders diejenigen, die nicht mit monotheistischen Religionen leben, kennen auch den Begriff "Aberglaube" nicht. Da wird meistens die Vorstellung der Andersgläubigen als gleichwertig betrachtet, auch wenn man sich ihr selbst nicht anschließen möchte. Die Infragestellung konventionsabhängiger Glaubensinhalte durch 'Outcasts' wird hingegen oft als Bestätigung der Rechtmäßigkeit ihrer Ausgrenzung betrachtet.
Aberglaube liefert aufgrund der narrativen Einbettung seiner Inhalte noch heute viele Hinweise auf das sozio-kulturelle Vorwissen alter Kulturen und ist Objekt zahlreicher volkskundlicher Forschungsarbeiten. Aus volkskundlicher Sicht kann man sagen, dass der Glaube dann zum Aberglauben wird, wenn er mit der sozio-kulturellen Entwicklung nicht mehr Schritt halten kann.
Beispiele
Heutzutage finden sich noch Reste in europäischen Kulturkreisen,
wie etwa die Zahlenmystik, der Glaube, dass schwarze Katzen
beim Vorübergehen aus einer bestimmten Richtung Pech bringen,
oder dass es unvorteilhaft für das Lebensglück ist, unter einer
Leiter hindurch zu gehen. Gleichzeitig vermittelt ein 4-blättriges
Kleeblatt Glück (evtl. allein nur es gefunden zu haben), genauso
wie sich der Ruß eines Schornsteinfegers zum persönlichen Glück wendet.
Daneben finden sich noch eine Unzahl Bauernregeln, die besonders auf
die bäuerliche Wetterprognose sowie auf Tätigkeiten rund um Haus und Hof (germanischer Stabreim) beziehen. Daran angelehnt kann man
den so genannten Mondkalender sehen, wie er auch heute noch zur
optimalen Bestimmung von Pflanz-, Gieß- und Erntetätigkeiten, aber
auch zur persönlichen Hygiene wieder vermehrte Verbreitung in den
Massen erfährt.
Häufig entsteht auch ein persönlicher Aberglaube wie zum Beispiel die "Glückssocke", die ihrem Träger zu bestimmten Anlässen beisteht, wenn er sie nur trägt. Diese Art Aberglaube entsteht durch die falsche Zuordnung von Ursache und Wirkung und ist eine der häufigsten Arten des nicht-religiösen Aberglaubens. Seltener entspringt Aberglaube einem überlieferten Handlungswissen, für das sich bislang keine Erklärung fand.
Aber auch eine Vielzahl der Angebote auf dem Esoterik-Markt stellen nichts anderes als Aberglauben dar.
Bewahrheiteter Aberglaube
Für bäuerlichen Aberglauben hielt man z.B. die Auffassung, dass dort, wo Berberitzen wachsen, die Getreide-Krankheit Schwarzrost auftritt, bis man wissenschaftlich nachweisen konnte, dass die Berberitze Zwischenwirt des Pilzes ist, der die Krankheit auslöst.
Siehe auch: Gewitterkerze, Glückskatze, Holunder, Schluckbildchen, Glückshaube, Hubertusschlüssel
Literatur
- Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bände. De Gruyter, Berlin und Leipzig 1929-1942 (unveränderter Nachdruck 2000: ISBN 3-11-016860-X)
Weblinks
- [http://www.eurasien.net/antworten/?aktion=antwort&text=idole Aberglaube im Buddhismus]
- http://www.zum.de/Faecher/kR/BW/wagner/abergl1.htm
- http://members.aon.at/konrad.unger/chronik/aberglaube.htm
Kategorie:Religion
Kategorie:Volksglaube
ja:迷信
ko:미신
th:ความเชื่อโชคลาง
AasjägerEin Aasjäger ist in der Jägersprache jemand, der die Jagd unweidmännisch betreibt und sich entsprechend nicht an die Konventionen der Weidgerechtigkeit hält. Zu den Aasjägern zählt man insbesondere diejenigen, die alles ohne Unterschied jagen und zu töten versuchen, was ihnen vor die Flinte kommt.
Darüber hinaus werden auch diejenigen zu den Aasjägern gezählt, die das Wild leichtsinnig beschießen und dabei nur ungenau treffen, so dass es erst nach längerer Zeit verendet und dann meist zu Aas wird, also nicht verwendet werden kann.
Kategorie:JagdKategorie:Jägersprache
AbnickenAbnicken ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für konsensuale Entscheidungen in Sitzungen oder Kommissionen. Das allgemeine Einverständnis mit einem Vorschlag wird durch Kopfnicken kundgetan, und der Vorsitzende kann bei weniger wichtigen Punkten der Tagesordnung auf eine Abstimmung verzichten.
Ähnliche nonverbale Verhaltensweisen kommen in den Bezeichnungen "Durchklopfen" (für lange Sitzungen z.B. von Hochschul-Gremien) oder beim "Durchwinken" an Staatsgrenzen zum Ausdruck.
In der Jägersprache bedeutet Abnicken das schmerzlose Töten eines schwer verletzten Tieres (etwa eines Rehs) durch einen Stich zwischen die obersten Halswirbel und die Schädelbasis. Das Rückenmark ist dort - oberhalb des Atlas oder Axis - relativ leicht zu durchtrennen. Das "Abnicken" ersetzt auf einfache und unblutige Art den Genick- bzw. Fangschuss.
Der Name kommt daher, dass der Kopf des Tieres nach vorne gebeugt werden muss, um an die sensible Stelle zwischen Halswirbel und Hinterhauptloch zu kommen. Seit der Hutnadelmörderin ist auch in der Kriminalistik eine ähnliche, raffinierte Tötungsmethode bekannt.
Siehe auch:
- Nicken, Körpersprache
- Genick, Halswirbelsäule
Weblinks
- [http://home.snafu.de/l.moeller/Abnicken.html Jagdlexikon] Zwei Abbildungen vom Abnicken eines Rehbocks
- [http://www.medizinfo.de/ruecken/anatomie/wirbelsaeule.shtml Hals- und gesamte Wirbelsäule]
Kategorie:Soziologie
Affe
]]
Unter Affen im weiteren Sinn werden alle Mitglieder der Ordnung der Primaten verstanden. Affen im engeren Sinn, auch Echte A. oder Eigentliche A. genannt, bildeten eine traditionelle Unterordnung (Simiae oder Anthropoidea) der Primaten, die im Gegensatz zu den Halbaffen stand und zur der man auch den Menschen zählte.
Jüngere Forschungen fassen die Echten Affen mit den Koboldmakis zur Unterordnung der Trockennasenaffen (Haplorhini) zusammen, während die übrigen Halbaffen als Feuchtnasenaffen (Strepsirhini) bezeichnet werden.
Heute werden als "Eigentliche Affen" (Anthropoidea) manchmal die beiden Teilordnungen der Neuweltaffen und der Altweltaffen bezeichnet, die das Schwestertaxon der Koboldmakis bilden.
Affen in der Mythologie und Symbolik
Affen spielen in einigen Kulturen eine wichtige mythologische Rolle. In Indien wird der Affengott Hanuman angebetet. In Ägypten galten Paviane als heilige Tiere. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass im vordynastischen Ägypten sogar Affen einbalsamiert und bestattet wurden.
Auch im mitteleuropäischen Raum bestens bekannt ist das buddhistische Symbol der drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.
Kategorie:Primaten
ko:원숭이
th:ลิง
Sung
Song-Dynastie () war von 960 bis 1279 die herrschende Dynastie im Kaiserreich China. Man unterscheidet "Nördliche" und "Südliche" Song-Dynastie. Die "Nördliche" regierte 960-1126 in der Hauptstadt Kaifeng (北宋, Bei-Song), die "Südliche" von 1126-1279 mit der Hauptstadt Hangzhou (南宋, Nan-Song).
Diese Dynastie ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen (frühen) Song-Dynastie der Zeit der Nord- und Süd-Dynastien.
Nördliche Song 960 - 1126
Staatsgründung
Gegründet wurde die Nördliche Song-Dynastie 960 von einem General namens Zhao Kuangyin, der den siebenjährigen Thronerben der Späten Zhou-Dynastie (後周, Hou-Zhou: 951 - 960) stürzte und postum Taizu genannt wurde. Damit endete die Zeit der Fünf Dynastien. Kaifeng wurde Hauptstadt eines wieder weitgehend geeinten Chinas, dessen Grundlagen schon zur Späten Zhou-Zeit gelegt worden waren (Wiedervereinigung der Provinzen, Ordnung der Steuerlast, Kanal- und Dammbau, Bepflanzung von Brachland, Militärstützpunkte).
Große Teile des Nordens waren aber bereits in der Gewalt der Kitan bzw. der Liao-Dynastie, welche das Land in mehreren Siegen (979, 986) und im Frieden von 1004 behaupteten. Die Song zahlten ihnen schließlich Tribut.
Wirtschaft
Die Zeit der Song-Dynastie sicherte China ein schnelles wirtschaftliches Wachstum (erkennbar an einer mehr-als-Verdopplung der Münzprägung trotz Einführung des Papiergeldes) und im Zusammenhang eine damals einzigartige gesellschaftliche Blütezeit. Die Handelsbeziehungen nach Südostasien und Indien wurden mit der Entwicklung der Wirtschaftskraft und Hochseeschifffart intensiver.
Wir verzeichnen den Buchdruck mit beweglichen Lettern um 1041-48, das Papiergeld 1024, eine Weiterentwicklung des Schiffbaus (viele techn. Details bis hin zum Schaufelrad und wasserdichten Schotten) und der Schifffahrt (ca. 1090 Nutzung des Kompass), bessere Kartographie, Militärtechnik (Schießpulver spätestens 1044) und weiteres. Mit der Weiterentwicklung des Block- und Buchdrucks kam es zu einer Flut von Werken in allen Bereichen (Enzyklopädien, Technik, Medizin, Romane, Architektur, Religion, fremde Länder) und analog dazu zu einer Zunahme öffentlicher wie privater Schulen und Bibliotheken.
Eine Voraussetzung für den Erfolg der alten chinesischen Wirtschaft war der Überschuss an Arbeitskräften, der durch die Abwanderung von Bauern in die Städte des 12. Jahrhunderts gegeben war. In den staatlich betriebenen Manufakturen arbeiteten bis zu 7000 Arbeitskräfte; und in privaten Manufakturen, -auf dem Bereich der Ziegel-Brennereien, Lack- und Porzellanherstellung- arbeiteten zumindest bis zu 1200 Arbeitskräfte. Diese privaten Manufakturen arbeiteten aber stets den großen staatlichen Manufakturen zu. Wenn sie zu einflussreich werden drohten, griff der Staat ein. Eine weitere Ausdehnung dieser frühkapitalistischen Entwicklung wurde also durch den Staat verhindert.
Die meisten Handwerker waren im Verlagssystem von einem Verleger abhängig (wie in England im 16. Jhrd.). Größere Handwerker konnten bis zu 40 Lohnarbeiter haben. Zünfte waren für Arbeitsvermittlung, Waisenheime und Feuerwehren zuständig, auch allgemein schufen Stiftungen diverse Wohlfahrtseinrichtungen in den Städten. In den Häfen gab es Maklerbüros und Hafenarbeitergilden.
Eine weitere Voraussetzung für den Erfolg der chinesischen Wirtschaft zur Song-Zeit war eine wachsende Nachfrage im Inneren. Das städtische Bürgertum (Grundeigentümer, Kaufleute) wurde wohlhabend und wünschte seinen Anteil am Luxus, egal ob es nun um Möbel, Kleidung oder Küche ging.
Verwaltung
Die Zentralverwaltung gliederte sich zur Song-Zeit in die großen Abteilungen a) Wirtschaft und Finanzen (Ämter: Staatsmonople, Budget, Bevölkerung), b) Heer und c) Sekretariat (d.h. Gerichts- und Personalverwaltung). Es gab sogar drei Ämter für die unabhängige Entgegennahme von Beschwerden und Anregungen von Seiten der Beamten und Bevölkerung.
Nach 1065 hielt man Beamtenprüfungen alle drei Jahre ab und machte sie zur Pflicht. Dazu gab es inzwischen drei Ebenen von Beamtenprüfungen (in der Präfektür, Hauptstadt und vor dem Kaiser). Auch die Fächer der Beamtenprüfungen wurden (unter Wang An-schi) praktischer ausgerichtet, so dass wir verzeichnen: Allgemeinbildung, Schrift und Schriftstücke, Recht, Mathe, Militär und wie immer die Klassiker. Prüfungsbögen wurden anonym behandelt.
Unter Kaiser Shenzong kam es 1069 zu den Reformen des Wang Anshi. Das Hauptanliegen Wang Anshis bestand darin, durch den Erlass von Gesetzen die Unterdrückung der Kleinbauern zu regulieren, welche die Hauptlast der direkten Steuern und der Frondienste zu tragen hatten. Das gleiche betraf die kleinen Handwerker, die von o.g. Verlegern und von Handelsgilden (hang) abhängig waren.
Wang Anshi konnte sich bei Hofe nicht halten und wurde 1076 verbannt, 1078 wieder eingesetzt und 1085 erneut entmachtet. An seine Stelle trat der Konservative Sima Guang, der die Großgrundbesitzer und reichen Kaufleute vertrat und die „neuen Gesetze“ wieder rückgängig machte. Nach dem Tod der beiden Rivalen 1086 setzte sich der Kampf ihrer Parteien fort. Wang Anshis Reformen sicherten so noch ein halbes Jahrhundert die innere Stabilität des Staates.
Südliche Song 1126 - 1279
Jurchen & Dynastiewechsel
Entscheidend für den Untergang der nördlichen Song-Dynastie (北宋, Bei-Song) war die 1126 erfolgte Gefangennahme des Kaisers Hui-tsung und seines Sohnes durch die Jurchen (Jin-Dynastie). Kao-tsung, ein anderer Prinz entkam und gründete südlich des Jang-tse die südliche Song-Dynastie (南宋, Nan-Song). Ein Sieg über den Jurchen-General Wu-chu am Jang-tse sicherte 1130 den Bestand der Dynastie.
Im Jahr 1138 marschierte der chinesische Volksheld Yo-Fei bereits auf Kaifeng, als der kriegsmüde Kaiser Kao-tsung einen Tribut-Frieden schloss. Yo-Fei wurde bald durch den Hof verhaftet und hingerichtet. Song-China hatte in Zukunft zwar die Macht, aber nicht den Willen, die Jurchen aus Nordchina zu vertreiben und sicherte den Frieden stattdessen durch hohe Tribute (Kanzler Qin Gui, † 1155). Im Jahr 1161 scheiterte ein weiterer Angriff der Jurchen -diesmal unter Jin-Kaiser Tikunai persönlich- am Jang-tse-kiang. Bei den Kämpfen der kaiserlichen Truppen mit den Jurchen sowie mit Piraten wurde übrigens eine Radpaddelflotte auf dem Jang-tse und seinen Nebenflüssen eingesetzt, ebenso wie Gas- und Explosivwaffen, Vorläufer der Kanonen.
Ferner ist die Existenz des Tanguten-Reiches in Kansu und die des Staates Nanchao (Thai, Tibeter, Chinesen mit Hauptstadt Tali) in Yunnan zu verzeichnen.
Krise und Untergang
Der Großgrundbesitz dehnte sich zunehmend u.a. am Huai aus, die Steuerflucht dicker Geschäftemacher (meist Großgrundbesitzer, solche Steuerflucht wurde von Wang An-schi noch bekämpft) nahm zu und Zahlungsschwierigkeiten des Schatzamtes
resultierten daraus. Es kam zu einer nicht zu bremsenden Inflation. Veruntreuung und Vetternwirtschaft in der Mandarin-Verwaltung wurde zur Schattenseite des Song-Staates im 12./13. Jhrd.
Um 1263 wurde die innenpolitische Lage in den Ackerbauzentren südl. des Jang-tse so explosiv und das Einziehen der Steuern so schwierig, dass Reformen unumgänglich waren. Zwangsmaßnahmen des Kanzlers Kia-se-tao (hingerichtet 1275) waren die Folge. Und zwar wollte Kia-se-tao den Großgrundbesitz auf 27 ha beschränken, das überschüssige Land aufkaufen und mit dessen Einkünften die Steuerausfälle bzw. Kriegskosten decken.
Kia-se-tao war dabei ein rücksichtsloser Intrigant. Die resultierenden Auseinandersetzungen in der Zentralverwaltung und dem Staatsrat untergruben die Loyalität der Beamtenschaft und schließlich der Armeeführung am Vorabend des Mongolen-Angriffs. Nach dem Fall der Festungen am Han-Fluss 1273 (Belagerung von Xiangyang, Provinz Szechuan - von welcher der untätige Kaiser Tu Tsung dank Kia-se-tao jahrelang nichts erfuhr) drangen die Mongolen der Yuan-Dynastie nach Hangzhou vor.
Die Hauptstadt Hangzhou kapitulierte 1276, letzte Anhänger der Song hielten sich bis 1279, als der kleine Thronerbe in einer Seeschlacht ertrank.
Verweise
- Kaiser der Song-Dynastie
Literatur
- Jacques Gernet: Die chinesische Welt, Frankfurt, Insel Verlag 1979. ISBN 3458155031
- Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas bis zur mongolischen Eroberung 250 v. Chr. - 1279 n. Chr., München, Oldenbourg Verlag 1999. ISBN 3486564021
Weblinks
- [http://www.sino-liedtke.de/Chin__Geschichte/Song_Dynastie/song_dynastie.html Text über die Song-Dynastie 1]
- [http://www.jaduland.de/asia/china/text/sung.html Text über die Song-Dynastie 2]
Kategorie:Song-Dynastie
ja:北宋
AufbruchDer Ausdruck Aufbruch bezeichnet
- das Aufbrechen, den Beginn einer Reise, eines Unternehmens
- eine aufgebrochene Stelle in einer Fläche (Frostaufbruch)
- in der Jägersprache die Eingeweide
- in der Bergmannssprache ein unter der Erdoberfläche endendende senkrechter Blindschacht
- die Kurzbezeichnung einer politischen Partei, siehe Aufbruch für Bürgerrechte, Freiheit und Gesundheit (AUFBRUCH)
- (gehoben) ein politisch-geistiger Neubeginn
Axis
Das Wort Axis stammt aus dem Griechischen (Αξις) und bedeutet Achse - siehe auch axis (englisch und spanisch).
Axis oder Dreher heißt der zweite Halswirbel des Menschen. Zusammen mit dem ersten Halswirbel - dem Atlas oder "Nicker" - bildet er die Kopfgelenke und ermöglicht vor allem die Drehung des Kopfes.
Atlas
Form
Der Axis unterscheidet sich durch seine Form von allen anderen Wirbeln. Der Wirbelkörper ist relativ groß und massiv. Hervorstechendes Merkmal ist der Dorn oder Zahn des Axis (Dens axis) auf der Oberseite des Wirbelkörpers. Er stellt ontogenetisch den Wirbelkörper des Atlas dar und liegt auch genau dort, wo diesem fast ringförmigen Wirbel der Körper fehlt. Der Dens geht von der Oberseite des Wirbelkörpers gerade nach oben, besitzt auf seiner Vorder- und Rückseite eine Gelenkfläche und endet mit einer abgerundeten Spitze.
Auf beiden Seiten des Axis geht je ein kurzer Processus transversus ab, der halswirbeltypisch eine runde Öffnung (Foramen transversarium) für die Arteria vertebralis umschließt. Nach dorsal hin schließt sich der ebenfalls recht massive Wirbelbogen an, dessen dorsales Ende den kurzen, gegabelten Dornfortsatz (Processus spinosus) trägt.
Auf der Ober- und Unterseite liegen je zwei Gelenkfortsätze (Processus articularis superior bzw. inferior) für die Verbindung mit den beiden angrenzenden Wirbeln.
Gelenke
Das Gelenk zwischen Axis und Atlas ist das untere Kopfgelenk. Nach unten hin artikuliert der Axis mit seinen beiden Processus articulares inferiores mit den Processus articulares superiores des dritten Halswirbels und bildet ein normales Zwischenwirbelgelenk (Articulatio zygapophysialis).
Verletzungen
Auch hier sei auf den Artikel zum Atlas (Halswirbel) verwiesen.
Jäger machen sich beim Genickschuss - dem schmerzlosen Töten eines schwer verletzten Tieres - die Besonderheit des Axis zunutze, weil dort das Rückenmark leicht zu durchtrennen ist. Dasselbe (aber unblutig) ist auch mit einem Jagdmesser möglich und wird beim Reh "[http://home.snafu.de/l.moeller/Zielwirkung/Kopfschuss.html#Genickschuss Abnicken]" genannt.
Siehe auch:
- Genick, Halswirbelsäule, Jägersprache
- Genickbruch, Kopfstütze, Schädelbasis
Kategorie:Knochen
Weblinks
- [http://www.medprax.ch/ Beschreibungen/AtlasAxis.htm Bilder des Atlas-Wirbels]
- [http://www.medizinfo.de/ruecken/anatomie/wirbelsaeule.shtml Hals- und gesamte Wirbelsäule]
- [http://www.frettchentreff.com/anatomie/skelett.htm Form von Atlas/ Axis beim Frettchen]
Bache
Das Wildschwein (Sus scrofa) gehört zur Familie der altweltlichen oder | | |