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Minnesang

Minnesang

Minnesang nennt man die schriftlich überlieferte, hoch ritualisierte Form der gesungenen Liebeslyrik, die der westeuropäische Adel im Mittelalter pflegte. Im deutschsprachigen Raum kann man ab etwa 1150 von einem Minnesang auf mittelhochdeutsch sprechen. Im Spätmittelalter (ab etwa 1350) lösen andere Gattungen den höfisch-ritterlichen Minnesang ab. Die ersten bezeugten Minnesänger sind Provenzalen. Der südfranzösisch-provenzalische Minnesang der Trobadors, später auch der nordfranzösische der Trouvères hat wesentlichen Einfluss zumindest auf die Anfänge des deutschen Minnesangs. Am klarsten nachweisbar ist dieser Einfluss anhand so genannter Kontrafakturen, also der (deutschen) Neutextierung provenzalischer 'Töne' (unter einem 'Ton' ist die Einheit von Vers metrum und Strophenform plus Melodie zu verstehen). Weniger deutlich als derartige Kontrafakturen wird der französische Einfluss im erkennbaren Bemühen deutscher Minnesänger, mit raffinierten Metren und Reimtechniken ähnlich artifiziell zu glänzen wie die französischen Sänger. Die Sprachkunst am Ende der Minnesang-Entwicklung - etwa bei Frauenlob, (Künstler-Pseudonym für Heinrich von Meißen, † 1318) - bei Wortschatz und Reimtechnik lässt sich auch ohne französischen Einfluss beschreiben.

Soziologie

Minnesang versteht sich wesentlich als "Hobby" und Konkurrenz hochadeliger Ritter. Der Vortrag eines geglückten Minneliedes durch einen Fürsten ist in erster Linie als Kompetenzbeweis in diesem elitären Hobby zu begreifen - ähnlich einem Jagderfolg oder einem Sieg im Ritterturnier. Allerdings kommt durch die in aller Regel unerfüllte Liebe (es gibt auch Ausnahmen sowie parodierende Lieder) die ritterlich-ethische Komponente hinzu, dass der Sänger trotz ihrer Unerfüllbarkeit an seiner Liebe festhält. Eine biografische Authentizität, wie sie die frühere Literaturforschung regelmäßig annahm, ist zwar nie auszuschließen, dürfte aber nur eine geringe Rolle spielen: Minnesang ist kein romantischer Gefühlsausdruck, sondern ein ritterlich-ethisch geprägtes Sprach- und Musik-Ritual.

Überlieferung des Minnesangs

Die frühesten handschriftlichen Zeugnisse des deutschen Minnesangs stammen vom Ende des 12. Jahrhunderts (noch sehr spärlich). Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts wird die Tradition großer Lyriksammlungen in Liederhandschriften greifbar. Möglicherweise hatten diese Sammlungen Vorgänger in Form von nicht erhalten gebliebenen Repertoire-Handschriften von umherziehenden Sängern. Gipfelpunkt der Aufzeichnung ist die reine Lyrik-Sammlung der sogenannten Manesse-Handschrift (Sigle C) Anfang des 14. Jahrhunderts.

Wichtigste Handschriften


- C: Codex Manesse (auch Große Heidelberger Liederhandschrift, Cod. Pal. germ. 848 der UB Heidelberg; Codex Manesse wegen des vermuteten Zürcher Auftraggebers Manesse). Sie ist die größte und prachtvollste Sammlung des deutschen Minnesangs. Zwar entstand sie erst im 14. Jh., aber die enthaltenen Texte reichen bis etwa 1160 in die früheste Zeit des Minnesangs zurück. Die Klassiker Walther, Reinmar, Morungen sind ebenso enthalten wie Spruchdichtung, Leich und Schweizer Epigonen. Auf 426 Pergamentblättern (=852 Seiten) enthält der Codex fast 6.000 Strophen von 140 Dichtern. 137 Sängern ist eine ganzseitige Miniatur gewidmet.
- A: Kleine Heidelberger Liederhandschrift (Cod. Pal. germ. 357 der UB Heidelberg; 13. Jh.; elsässisch)
- B: Weingartner Liederhandschrift (auch Stuttgarter Liederhandschrift, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart; Anf. 14. Jh., geschrieben in Konstanz)
- E: Würzburger Handschrift (UB München, Cod. Ms. 731; geschrieben um 1350 in Würzburg; Hausbuch des Kanzlers Michael de Leone)
- J: Jenaer Liederhandschrift (Mitte 14. Jh.; niederdeutsch)
- t: Kolmarer Liederhandschrift (München, Bayer. Staatsbibl., Cgm 4997). t ist eine sehr späte Hs., um 1460 im Rheinfränkischen geschrieben, überwiegend "meisterliche Lieddichtung" - Sprüche und Lieder in der Tradition der Sangspruchdichter des 12., 13. und frühen 14. Jahrhunderts. Übergang von höfisch-adliger Liedkunst zu städtischem Meistersang. Nahezu alle wichtigen Handschriften beschränken sich auf die Aufzeichnung der Texte. Sie täuschen damit über die Tatsache hinweg, dass Minnesang, wie seine Bezeichnung völlig zurecht wiedergibt, stets Gesangslyrik war - in vielen Fällen wohl mehr als das: Wie diverse Miniaturen belegen, wurden die vortragenden Sänger von Rhythmus-, Streich- und Blas-Instrumenten begleitet. Einige Lieder sind durch Textansagen oder durch die Rubrizierung in der Handschrift als Tanzstücke gekennzeichnet. Von den oben genannten Handschriften bieten nur die Jenaer (J) und Kolmarer (t) auch die zugehörigen Melodien. Wichtig für die Musiküberlieferung des deutschen Minnesang|Minnesangs ist ferner die so genannte Wiener Leichhandschrift (Nationalbibliothek Wien, cvp 2701, Sigle W). Neben diesen drei Handschriften (J, t, W) existiert sporadisches, bruchstückhaftes, nur in vagen Neumen notiertes oder durch Kontrafakturen erschlossenes Melodiematerial. Eine Gesamtsicht dieses Materials kann gemeinsam mit den überlieferten Miniaturen und den Textaussagen zur Aufführungssituation sehr wohl ein sprechendes Gesamtbild vermitteln, wie Minnesang musikalisch realisiert wurde; die historisch authentische Rekonstruktion einzelner Stücke bleibt aber selbst bei zuverlässiger Melodieüberlieferung Illusion. Auch die am besten überlieferten Melodien beschränken sich auf die Wiedergabe der Gesangsmelodie. Rhythmus, Tempo, Dynamik, Begleitunginstrumente, polyphone Techniken - hierzu fehlen alle Informationen.

Gattungen des Minnesangs

Ein großer Teil des 'Minnesangs' (präziser: der mittelhochdeutschen Lyrik) ist genaugenommen kein Minnesang und sollte auch nicht unter diesem Begriff subsumiert werden. Hinsichtlich ihrer Thematik und ihres Sitzes im Lebens müssen zwei große Gattungen unterschieden werden: die ritterlich-adlige Liebeslyrik (Minnesang) und die Spruchdichtung, die ausschließlich von Berufsdichtern und -sängern vorgetragen wurde und die sich mit politischen, moralischen und religiösen Themen aller Couleur befasst. Minnedichtung reflektiert unerfüllte Liebe, preist die Angebetete (dies sind die 'klassischen' Inhalte) oder schildert erotische Erlebnisse (ab Mitte des 13. Jahrhunderts). Kreuzlieder sind eine spezielle Gattung der Minnelyrik, in der der Sänger einen bevorstehenden oder erlebten Kreuzzug zum Thema macht und seinen Dienst für Gott mit seinem Minnedienst kontrastiert. Im Frauenlied wiederum wird der Minnedienst aus der Sicht der angebeteten Frau betrachtet. Sie nimmt den Minnedienst entgegen und drückt ihr Bedauern aus das sie ihn - natürlich - zurückweisen muss. Das 'dramatisch' angelegte Tagelied schließlich schildert das außereheliche Liebespaar beim Morgengrauen vor der unvermeidlichen Trennung. Spruchdichtung fordert zu religiös und ethisch richtigem Handeln auf, propagiert gängige Lebensweisheiten oder kritisiert das Zeitgeschehen. Da der gesellschaftliche Status von Minnesang (hochadelige Repräsentationskunst und Luxus) und Spruchdichtung (auf Bezahlung angewiesene 'Gebrauchs'kunst) völlig verschieden ist, betätigen sich Dichter nur sehr selten zugleich auf beiden Gebieten; die bekannteste Ausnahme dieser Regel ist Walther von der Vogelweide. Die inhaltliche Gattungsdifferenz lässt sich auch in den Bauformen der Lyrik wiederfinden: Formal gibt es die Gattungen Lied, Spruchstrophe und Leich: Das Lied (nur im Minnesang!) hat die bis heute übliche strophische Wiederholungsform, oft mit drei oder fünf Strophen. Die Liedstrophe gliedert sich ihrerseits in den meisten Fällen in zwei gleichgebaute 'Stollen' und einen 'Abgesang' (Kanzonenform). Spruchdichtung verwendet oft komplexere und umfangreichere Strophenformen. Dies wohl nicht zuletzt deshalb, weil die gleiche Form für verschiedene Inhalte immer wieder genutzt und auch ohne strophische Wiederholung eindeutig erkannt und dem Dichter-Komponisten zugeordnet werden sollte (z.B. Walthers Philipps-Ton oder Reichs-Ton). Das Minnelied ist hingegen immer ein festes abgeschlossenes Ganzes mit 2 bis 7 Strophen. Einige Dichter (z.B. Heinrich von Morungen) pflegen aber auch im Minnegenre die einstrophige Form. Der Leich ist die Prunkform der volkssprachigen deutschen Lyrik; er ist erheblich umfangreicher und hat eine komplexere, zum Teil weitaus komplexere Form als das strophische Lied. Während im Lied dieselbe Baustruktur und Melodie mehrmals wiederholt wird (= Strophe), besteht der Leich aus nichtidentischen Bauteilen mit jeweils eigener Melodie, die einzeln oder mehrfach wiederholt hintereinandergeschaltet sind.

Die Anfänge

Als erster Trobador gilt Herzog Wilhelm IX. von Aquitanien (1071-1127). Die Kunst der Trobadors erreicht in der Mitte des 12. Jahrhunderts durch Bernart von Ventadorn ihre reinste Darstellung und breitet sich nach Norden ("Trouvères") und Osten (deutscher Minnesang) aus. Wichtige Trobadors waren: Jaufré Rudel, Marcabru, Bernart von Ventadorn, Giraut de Bornelh, Beatritz de Dia, Peire Vidal. Wichtige nordfranzösische Trouvères waren: Gace Brulè, Colin Muset, Jean Bodel, Thibaut de Champagne, Conon de Béthune, Blondel de Nesle, Adam de la Halle, aber auch Chrétien de Troyes (der als Artus-Epiker wesentlich bekannter ist denn als Lyriker). Der älteste deutsche Minnesang ist mit dem Dichter "Kürenberger" nachweisbar; berühmt ist das Falkenlied in der 'Nibelungenstrophe': "Ich zoch mir einen falken..." (zur Versform vgl. das Nibelungenlied). Dieser 'donauländische' Minnesang (1150-1170, geographisch: Passau, Linz, der Gegend also, aus der auch das Nibelungenlied stammt), vertreten z.B. durch Dietmar von Aist, hat ältere deutsche Wurzeln und ist von der verfeinerten provenzalischen Trobador-Kunst noch völlig unbeeinflusst. Die Lieder sind geprägt durch eine natürliche und ungekünstelte Auffassung von Liebe. Die Eigenarten, die Frau in Ich-Form sprechen zu lassen, oder im 'Wechsel' Mann und Frau reflektieren zu lassen, werden durch den späteren provenzalischen Einfluss völlig aus dem Minnesang getilgt. Äußeres formales Kennzeichen ist die der epischen Dichtung nahestehenden Langzeile. In dieser Phase hat der deutsche Minnesang gewissermaßen noch keine eigene Form gefunden. Die Wurzeln dieser einheimischen Minnelyrik liegen weitestgehend im Dunkel. Der neue Minnesang nach provenzalischem Vorbild (unter anderem nachweisbar importiert durch den weitgereisten Friedrich von Hausen und vielen anderen) blüht im alemannischen und fränkischen Westen ab 1170 auf. Ab dieser Zeit entsteht eine Lyrik, die formal wesentlich diffenzierter ist und inhaltlich das Ideal der Hohen Minne enthält (und in aller Regel die Verzichtshaltung des Mannes und die Unerreichbarkeit der Frouwe betont). Zu nennen sind hier Vertreter wie Albrecht von Johansdorf, Reinmar und Heinrich von Morungen. Walther von der Vogelweide geht als erster weg vom Ideal der Hohen Minne und singt Lieder der gleichberechtigten Liebe ('niedere Minne'genauergesagt Lieder der "Herzeliebe" auch "Mädchenlieder" genannt, später Ausgleich der 'ebenen Minne'). Allerdings sind die Begriffe 'hohe' wie 'niedere' Minne nicht zeitgenössisch belegt - nur eine Formulierung bei Walther wird von der Literaturwissenschaft als Beleg rezipiert -, sondern Konstruktionen der Romantik, die von späteren Forschergenerationen womöglich oft nicht ausreichend hinterfragt wurden. So muss zumindest fraglich bleiben, inwieweit das von der Germanistik angenommene Ideal der unerfüllten Liebe in der sog. 'Hohen Minne' nicht eine Vorstellung der Romantik darstellt, die auf die Zeit des Hochmittelaters projiziert wurde. Insbesondere die Dichtung Heinrich von Morungens erlaubt nicht nur eine Interpretation. Die neuere Forschung hat jedenfalls das bislang vorherrschende Bild teilweise energisch in Frage gestellt (so etwa Eva Willms in ihrer Habilitationsschrift). Im 13. Jahrhundert verliert sich das zunächst scheinbar klare Bild völlig: Während in der Schweiz noch nach 1300 Hohe Minne in klassischer Tradition (wenn auch weniger originell) besungen wird, greifen andernorts bereits ab 1220/30 parodierende und erotisierende Tendenzen (Neidhart, Tannhäuser). ---- siehe auch Vagantendichtung

Wichtige deutsche Lyriker des Mittelalters (chronologisch)


- Der Kürenberger Mitte 12. Jh.
- Dietmar von Aist
- Heinrich von Veldeke
- Friedrich von Hausen
- Albrecht von Johansdorf
- Hartmann von Aue
- 1170
- Heinrich von Morungen
- Reinmar
- Walther von der Vogelweide
- Wolfram von Eschenbach
- Gottfried von Straßburg
- Otto von Botenlauben
- Neidhart (1. Hälfte 13. Jh.)
- Gottfried von Neifen
- Der Tannhäuser
- Ulrich von Liechtenstein (ca. 1200-1275)
- Reinmar von Zweter (1200-nach 1247)
- Friedrich von Sonnenburg
- Konrad von Würzburg (1220/1230-1287)
- Walther von Klingen, (1240-1286),
- Heinrich von Meißen (Frauenlob) (1250/1260-1318)
- Barthel Regenbogen
- Johannes Hadlaub (Ende 13. Jh. - 1340)
- Hugo von Montfort
- Der Mönch von Salzburg
- Oswald von Wolkenstein
- Muskatblüt

Einige grundlegende Ausgaben sowie Sekundärliteratur


- Thomas Cramer: Die kleineren Liederdichter des 14. und 15. Jhs., 4 Bde., München 1979-1985
- Carl von Kraus: Liederdichter des 13. Jhs., 2. Auflage, Tübingen 1978 ISBN 3-484-10284-5
- Hugo Kuhn: Minnesangs Wende, (=Hermaea; Neue Folge 1), 2. Auflage Tübingen 1967
- Hugo Kuhn: Minnesang des 13. Jhs, Ausgewählt von H. Kuhn, mit Übertragung der Melodien von Georg Reichert, Tübingen 1953
- Minnesangs Frühling, herausgegeben von Hugo Moser, Helmut Tervooren, 38. Auflage Stuttgart 1988 ISBN 3-7776-0448-8
- Harald Haferland: Hohe Minne. Zur Beschreibung der Minnekanzone, Berlin 2000 (Beihefte zur Zeitschrift für deutsche Philologie 10)
- Olive Sayce: The medieval German lyric. 1150 - 1300 Oxford 1982
- Günther Schweikle: Minnesang, 2., korrigierte Auflage, (=Sammlung Metzler; Band 244), Stuttgart/Weimar 1995 ISBN 3-476-10244-0
- Eva Willms: Liebesleid und Sangeslust. Untersuchungen zur deutschen Liebeslyrik des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts, (=Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters; Band 94), Düsseldorf 1990 ISBN 3-7608-3394-2

Weblinks


- [http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/minnesang.htm Minnesänger] - Übersicht über verschiedene Minnesänger
- [http://etext.lib.virginia.edu/etcbin/toccer-old?id=MosMinn&tag=public&images=images/modeng&data=/lv1/Archive/german-parsed&part=0 Des Minnesangs Fruehling, E-Text] Siehe auch: Minne, Höfische Dichtung, Dichtung des Spätmittelalters, Sängerkrieg, Meistersang, Lyrik, Spruchdichtung Kategorie:Mittelalter (Literatur) !

Text

Text (lat. textus: Gewebe, Text) bezeichnet im engeren Sinne einen zusammenhängenden Bereich geschriebener Sprache, im weiteren Sinne auch die nicht geschriebene, aber schreibbare Sprachinformation (beispielsweise eines Liedes, Films oder einer improvisierten Theateraufführung). Text kann einfach oder komplex strukturiert sein. Unstrukturierter Text ist oft schwerer zu verstehen als strukturierter. Mit dem Textzusammenhalt über Satzgrenzen hinaus befassen sich Kohäsion (formaler Zusammenhalt) und Kohärenz (auf Wissen beruhender inhaltlicher Zusammenhalt). Text benötigt zu seiner Darstellung eine Schrift, deren Zeichen Phoneme, Silben oder Wörter bzw. Begriffe kodieren. Im westlichen Kulturkreis werden üblicherweise auf dem lateinischen Alphabet basierende Alphabete zur Darstellung von Text verwendet, in Osteuropa oft das kyrillische Alphabet, im vorderen Orient das arabische. Ostasiatische Sprachen verwenden komplexe Schriftzeichen, um Text darzustellen. Der in Sprache rücktransformierte Text muss keinen Sinn ergeben. Es gibt durchaus Texte, welche aus zusammenhanglosen Worten oder gar Lauten, zum Teil bis zu bloßen Geräuschen reduzierten Klangmalereien bestehen, welche im Ganzen dennoch, wenn auch vielschichtig interpretierbar, einen Sinn ergeben (siehe z.B. Dadaismus). Durch die Einführung der geschriebenen Sprache wurde eine Möglichkeit geschaffen, Texte, wie zum Beispiel Geschichtsschreibung, Erzählungen und Sagen für die Nachwelt zu archivieren. Ein großer Teil unseres Wissens über vergangene Epochen stammt von schriftlichen Aufzeichnungen, die archiviert wurden oder zufällig erhalten blieben. Die ägyptische Hochkultur entwickelte schon knapp 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung eine Schrift, die so genannten Hieroglyphen, die zunächst als Bilderschrift entstand und sich zu einer Silbenschrift entwickelte. Alle weit verbreiteten heutigen Alphabetschriften, mit Ausnahme der koreanischen, stammen vermutlich von der gleichen phönizischen Schriftform ab, oder sind zumindest durch Schriften phönizischer Abstammung inspiriert geschaffen worden. Die einzige größere noch bestehende Schrifttradition nichtphönizischer Herkunft ist die chinesische. Heute wird Text oft elektronisch kodiert und gespeichert. Text kann in verschiedene Sprachen übersetzt werden. Dabei bleibt der Inhalt im wesentlichen erhalten. Sprachklang und verschiedene kulturelle Eigenschaften werden bei der Übersetzung geändert. Schriftlicher Text ist oft urheberrechtlich geschützt. Vom Urheberrecht wird die Form, nicht der Inhalt des Textes geschützt.

Definition aus sprachwissenschaftlicher Sicht

Ein Text ist eine in sich geschlossene, thematische und sprachliche Einheit, die durch verschiedene Eigenschaften der Textualität charakterisiert wird. Dadurch wird eine Texttiefenstruktur erkennbar, die auf eine kommunikative Situation, eine thematische Entfaltung und eine Kommunikationsabsicht schließen lässt. Die sprachwissenschaftliche Untersuchung von Texten ist die Textlinguistik. Siehe auch: Literatur, Orthographie, Grammatik, Textmodus, Gebrauchstext, Textsorte

Weblinks


- http://www.lichtensteiger.de/methoden.html - "Texte haben keinen einheitlichen Sinn, keine geschlossene Struktur, keinen fixierbaren Kontext, Texte sind immer schon Zitate." Das "Anrennen gegen die Grenzen der Sprache" - Methoden des Schreibens und Strategien des Lesens. Eine Diskussion mit Roland Barthes, André Breton, Gilles Deleuze und Raymond Federman, Paris, 18. Februar 1965 / von Ralph Lichtensteiger
- http://www.lichtensteiger.de/schreiben.html - Schreiben/Writing Kategorie:Literarischer Begriff ja:テキスト

Ritual

Ein Ritual ist eine kulturell gebundene menschliche Handlung, die durch strukturierte Mittel die Wandlung eines Lebensbereiches in, über den Alltag hinaus reichende, Zusammenhänge bewirkt. Rituale sind ein menschheitliches Phänomen. Sie ermöglichen durch den Umgang mit Grundfragen der Existenz das menschliche Miteinander. Dazu zählen Sicherheit, Ordnung ebenso wie die Sterblichkeit. Sie vermögen die Welt einfacher und handhabbarer zu machen und erleichtern Entscheidungen. Manchmal verkehren sich ihre Wirkungen aber auch ins Negative, dann setzt Ritualkritik ein. Rituale dienen zumal der Rhythmisierung sozialer Abläufe (vgl. Karl Bücher: Arbeit und Rhythmus). So gibt es
- Zyklische Rituale, die dem tageszeitlichen, wöchentlichen, monatlichen oder jährlichen Kalender folgen, (z.B. das Sonnenwendfest);
- Lebenszyklische Rituale, z.B. Initiationsrituale (bei Geburt, Mannbarkeit etc.).
- ereignisbezogene Rituale, die z.B. bei bestimmten Krisen Anwendung finden (z.B. der Tod, eine Hungersnot etc.);

Zur Technologie des Rituals

Das Ritual weist nach Wallace die Aspekte der Technologie, Therapie und Antitherapie, der Ideologie bzw. sozialen Kontrolle, der Salvation und der Revitalisierung auf. #Das Ritual als Technologie
bezieht sich auf den Umgang mit der Umwelt. So werden durch Weissagungen Hinweise von höchster Instanz erwartet, die zur Entscheidungsfindung beitragen. Das Intensivierungsritual erstreckt sich auf Jagd-, Vieh-, Acker-, und Wetterzauber. Das Schutzritual soll Unglück und Katastrophen abwenden. #Das Ritual als Therapie bzw. Antitherapie
bezieht sich auf die Kontrolle des menschlichen Gesundheitsbereichs. Dabei meint Antitherapie Hexerei: übernatürliche Krankheitsursachen werden gefunden, Personen wird die Fähigkeit zugesprochen, andere negativ beeinflussen zu können. Der Hexenglaube fördert in einer Gesellschaft die soziale Kontrolle: Man vermeidet Anstößigkeit, um nicht verhext zu werden. Man sucht auf der anderen Seite die Unauffälligkeit, um nicht als Hexe verdächtigt zu werden. Antitherapeutischen Rituale der Hexen erhöhen Stress und Krankheitsrisiko, therapeutische Rituale verringern dieselben. #Das Ritual als Ideologie
bezieht sich auf Verhalten, Gefühle, Werte und Moralvorstellungen der Gesellschaft. Dies kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden: Übergangsriten beziehen sich auf die Rollenveränderung einer Person oder Gruppe im sozialen oder territorialen Bereich. #Das Ritual als soziale Intensivierung
betont die Identität einer Gruppe, es befriedet sie. Es ist wiederholbar wie die Kommunion oder der Gruß. Ebenso stabilisiert das Tabu das Miteinander. Rebellionsrituale bieten durch ritualisierte soziale Umkehrung eine "Ventilsitte" (Richard Thurnwald) und stabilisieren somit die bestehende Gesellschaft (vgl. die Saturnalien, den Karneval). Soziologisch gesehen sind Rituale geeignet, Widersprüchliches zu vereinen, wofür typisch ist, dass die Teilnehmer ihm kundig folgen können und wollen, obwohl sie die darin integrierten sozialen Konflikte im Einzelnen gar nicht nachvollziehen müssen; dem kundigen Feldforscher (etwa dem Ethnologen) sind jedoch die Signale des anders als rituell nicht zu Vereinbarenden erkennbar - z. B. verneigen sich (wie in Japan) beim Gruß die Grüßenden voreinander, davon ist der Kaiser nicht ausgenommen, aber der niedriger Stehende verbeugt sich tiefer. Lars Clausen: Das Ritual zeigt, was es verbirgt. #Das Ritual als Salvation ("Heilung")
bietet die Chance, Abweichungen wie Psychosen etc. zu integrieren und zu akzeptieren, da auf diesem Wege neue Schamanen geschaffen werden, welche durch den Kontakt zum Übernatürlichen hohe Bedeutung erlangen. #Das Ritual als Revitalisierung
Bestimmte Gruppen, die gesellschaftliche oder ethnische Unterdrückung und damit das Schwinden ihrer Normen erfahren (religiöse) Erweckungsbewegungen, die mittels Lösungsritualen ein besseres Leben bieten.

Religiöse Rituale

Rituale sind häufig im Bereich der Religion verankert. (siehe Ritus) Rituale fördern den Zusammenhalt religiöser Gruppen. So ergab die Auswertung von Daten über 83 us-amerikanischen Religionsgemeinschaften aus dem 19. Jahrhundert, dass Religionsgemeinschaften umso langlebiger sind je mehr Rituale, Erschränkungen und Anforderungen in ihr praktiziert werden. Für weltliche Gemeinschaften läßt sich ein solcher Zusammenhang nicht feststellen. (Quelle: Gehirn & Geist Nr. 1-2/2005)

In Einzelwissenschaften

Der Begriff "Ritual" findet sich als wissenschaftlicher auch in der Ethnologie und Soziologie, ferner in der Psychotherapie und Pädagogik.

Zur Ethnologie und Soziologie

Ethnologisch sind beobachtbare Rituale ein vielfacher Einstieg in die Erforschung von Stammeskulturen. Doch finden sich, wie es die Soziologie erschlossen hat, Rituale in allen Gesellschaften. Sie sind einem ständigen Wandel unterworfen. Sie erneuern sich und treten in veränderter Gestalt in die gewandelte gesellschaftliche Wirklichkeit. So treten bestimmte Rituale sowohl in den Bereichen Religion, Sport, im Starkult oder in der Werbung auf. In der Jugendkultur oder dem Bereich Esoterik ist ein bemerkenswertes Aufleben von Ritualen zu verzeichnen.

Zur Psychotherapie und Pädagogik

Im Bereich von Therapie spielt Ritualisierung eine wichtige Rolle. Ordnungen sollen wiederhergestellt werden, wo sie nicht mehr als soziale Struktur vorhanden sind. Die Struktur- und Bedeutung gebende Kraft von Ritualen für den sozialen Zusammenhang in Gruppen sollen auch im therapeutischen Raum nutzbar gemacht werden. Auf symbolische Weise wird der Kern der Gesamtproblematik herausgearbeitet. Im Modus der Spieltherapie werden die beteiligten familiären Rollen aufgestellt; Veränderungen werden durch eine symbolische Handlung unterstützt (z.B. mit einer Versöhnungsgeste). Auch in der Schulpädagogik und insbesondere in der Grundschule werden zunehmend Rituale bewusst zur Strukturierung von Unterricht und zur Schaffung eines lebendigen Schullebens eingeführt.

Siehe auch


- Ritus, Passageritus
- Ritualmagie, Ritualität
- Institution, Brauch, Brauchtum, Zeremonie, Umgangsformen
- Religionssoziologie

Literatur


- M. Douglas: Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1981.
- Damon Rigor, Athara Nokei, Pfade in die Anderswelten, ISBN 3-89094-390-X
- Daniel B. Lee: "Ritual and the Social Meaning and Meaninglessness of Religion", in: Soziale Welt, 2005 (LVI), H. 1, S. 5-16
- Roy A. Rappaport: Ritual and Religion in the Making of Humanity. Cambridge Studies in Social and Cultural Anthropology. Cambridge: University Press

Weblinks


- http://www.ritualdynamik.uni-hd.de/ Kategorie:Ritus Kategorie:Ethnologie Kategorie:Soziologie

Liebeslyrik

Als Liebeslied bezeichnet man eine spezielle Form der Lyrik und der Musik, in der die Liebe zwischen Mann und Frau besungen wird. Einige Ausprägungen können unterschieden werden:
- als Gedicht oder als Lied - dieses wieder in mehreren Formen
- als Hymne an die geliebte Person
- über Glück und Küssen, Erfüllung oder Vertrauen
- als Dank oder als Gebet
- über Schmerz oder Verzweiflung des Abgewiesenen
- als Todessehnsucht - z.B. in der Romantik
- Sinnieren über die Bandbreite von Freude bis Angst, Qual und Trauer
- und weitere (seltenere) Formen. Liebeslyrik ist schon aus den Jahrtausenden vor der Zeitenwende überliefert (z.B. aus Sumer, in der Bibel (z.B. Hohes Lied), im Kamasutra) und hat in der Antike - u.a. bei Ovid - einen ersten Höhepunkt gefunden. In der weiteren Entwicklung der europäischen Literatur sind als besondere Stadien des Liebesliedes zu erwähnen: der Minnesang, die Zeit des Barock, die Romantik und das Volkslied. Doch finden sich auch in der Popmusik erstaunliche Texte, wie unlängst die Reprise des Austro-Pop zusammenfassend gezeigt hat. Das verwendete Versmaß ist sehr verschieden, doch hat jede Zeit ihre Moden. So bevorzugt z.B. die Zweite Schlesische Schule (etwa 1650 - 1700) den Jambus: Mit was vor Süßigkeit / o zarter Mund Beküß ich den Rubinen-Grund! Mit was vor Süßigkeit hör ich die Lippen sprechen Die voller Honig-Worte seyn! Ach aber / schöpff ich ein Vergnügen ein So muß ich unterdeß des andern mich entbrechen. Dein Himmels-Geist belebt der Worte Fluß Der Seelen Seele deinen Kuß. Wie soll ich mich der Wahl / der schweren Wahl entbrechen? Ach / könte doch dein edler Mund Dem so viel Gunst der Himmel hat vergunnt Mit Reden küssen / und mit Küssen sprechen! (Hans Assmann von Abschatz, 1646-1699). Aus der Romantik sei etwa das von Schubert vertonte "Ständchen" erwähnt, oder die Trauer um einen Verlust: Ich stand in dunklen Träumen - und starrt ihr Bildnis an, und das geliebte Antlitz / heimlich zu leben begann ... Oft ebenso alt sind die Texte vieler Volkslieder. Stellvertretend seien zwei aus dem bayrisch-oberösterreichischen Sprachraum genannt. Viele gehen auf Texte früherer Dichter zurück. I(ch) liab di so fest - wie der Bam seine Äst' - wia der Him-mel seine Stern - grad so hab i di gern. Das Lieben bringt groß Freud - das wissen alle Leut! Weiss' mir ein feins liebs Mägde-lein mit zweien blau-en Äugelein, die mir, die mir, die mir mein Herz erfreut. Aus dem reichen Werk Goethes sticht ein kurzer Hexameter hervor, der die Grenze zwischen Liebeslyrik und Epigramm aufzeigt: Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen: Hab ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch.

Weblinks


- [http://www.deutsche-liebeslyrik.de schöne Anthologie] (nicht nur) deutscher Liebeslyrik
- [http://www.eurotica24.net/liebesworte/gedichte/klassik/index.asp kleine Auswahl] von erotischen Gedichten Kategorie:Lyrik

Mittelalter

]] Das Mittelalter bezeichnet eine Epoche in der europäischen Geschichte zwischen der Antike und der Neuzeit, die christliche, antike und keltische, germanische und slawische Entwicklungen zusammenführt. Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform ist der Feudalismus. Grundzüge des Mittelalters sind die nach Ständen geordnete Gesellschaft, die gläubig christliche Geisteshaltung in Literatur, Kunst und Wissenschaft, Latein oder Griechisch als gemeinsame Kultur- und Bildungssprache, die Idee der Einheit der christlichen Kirche (die aber faktisch nach dem großen Schisma mit der Ostkirche nicht mehr bestand) und ein recht einheitliches Weltbild.

Zeitliche Festlegung

Im Groben ordnet man das Mittelalter in die Zeit von 500 bzw. 600 n. Chr. bis 1500 n. Chr. ein. Wesentlich genauer sind jedoch folgende Merkmale: Das Mittelalter erstreckt sich ungefähr vom Ende der Völkerwanderung (375-568) bzw. vom Untergang des weströmischen Kaisertums 476 bis zum Zeitalter der Renaissance seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bzw. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Bezüglich der Problematik der Datierung des Beginns des Mittelalters siehe Spätantike. Die Datierungen sind nicht immer einheitlich, es kommt oft darauf an, welche Aspekte der Entwicklung bevorzugt werden und von welchem Land man ausgeht. Stellt man zum Beispiel den Einfluss des Islam in den Vordergrund, kann man Mohammeds Hidschra (622) oder den Beginn der arabischen Expansion ab 632 als Beginn sehen. Ebenso gibt es unterschiedliche Datierungsmöglichkeiten für das Ende des Mittelalters, beispielsweise die Erfindung des Buchdrucks (um 1450) oder auch die Reformation (1517). Fokussiert man einzelne Länder, kann man auch zu verschiedenen Eckdaten kommen. So endete die Antike am Rhein oder in Britannien sicher früher als etwa in Syrien. Und so war zum Beispiel um 1420 in Italien bereits das Zeitalter der Renaissance angebrochen, während man zur gleichen Zeit in England mit gutem Grund noch vom Mittelalter spricht. Mittelalter bezieht sich in erster Linie auf die Geschichte des christlichen Abendlands vor der Reformation - der Begriff wird kaum im Zusammenhang mit außereuropäischen Kulturen verwendet.

Die Einteilung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter

Man kann das Mittelalter grob in 3 Phasen gliedern:
- Frühmittelalter (Mitte 6. Jahrhundert bis Anfang 11. Jahrhundert)
- Hochmittelalter (Anfang 11. Jahrhundert bis ca. 1250)
- Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500)

Frühmittelalter

In das Frühmittelalter fällt unter anderem auch die Zeit der Völkerwanderung, wobei die Forschung aber mittlerweile dazu tendiert, diese aus dem Mittelalter herauszunehmen, sie als Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter zu sehen und der Spätantike zuzurechnen. Weitere einschneidende Entwicklungen sind die weitgehende Christianisierung Europas, der Aufstieg des Fränkischen Reiches, der Einfall der Wikinger, der Beginn des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Kämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum. Außerdem wirkt der Aufstieg des Islam und sein schnelles Ausgreifen bis nach Europa prägend. Wirtschaftlich stellt das Frühmittelalter eine Zeit der Naturalwirtschaft dar, wobei besonders das System der Grundherrschaft herauszustellen ist. Wesentliche Kulturträger sind das Byzantinische Reich, die Klöster, insbesondere die des Benediktinerordens, sowie die Gelehrten des arabisch-muslimischen Kulturkreises. Siehe auch Hauptartikel: Frühmittelalter.

Hochmittelalter

Das Hochmittelalter ist die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen Kaiserreichs, des Lehnswesens und des Minnesangs. Es ist auch die Epoche der Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Macht im Investiturstreit, welcher die Einsetzung mehrerer Gegenpäpste zur Folge hatte. Innerhalb der Scholastik wird Aristoteles zur wichtigsten nicht-christlichen Autorität. Der Einfluss der Kirche zeigt sich vor allem an den Kreuzzügen gegen den Islam, denen auch Juden zum Opfer fallen. Im Zuge der Kreuzzüge entwickelt sich ein Fernhandel mit der Levante, von dem insbesondere die italienischen Stadtstaaten profitieren. Die Geldwirtschaft gewinnt gegenüber der Naturalwirtschaft immer stärker an Bedeutung. Die wichtigsten Orden des Hochmittelalters sind neben den Zisterziensern die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner. Im Hochmittelalter entsteht das Zunftwesen, das die sozialen und wirtschaftlichen Vorgänge in den Städten stark prägt. Siehe auch Hauptartikel: Hochmittelalter.

Spätmittelalter

Hochmittelalter]] Das Spätmittelalter ist die Zeit des aufsteigenden Bürgertums der Städte und der Geldwirtschaft. In dieser Zeit steigt die Hanse zur Handelsmacht auf. Seit etwa 1280 bis einige Jahrzehnte nach der "Großen Pest" (Schwarzer Tod) in der Zeit von 1349 bis 1351 macht die europäische Geschichte einige krisenhafte Entwicklungen, die zu einem starken Bevölkerungsrückgang (Wüstung, Pest) führen, aber auch zu starken Veränderungen der Gesellschaftstruktur, die allmählich zur Neuzeit überleiten (siehe auch: Krise des 14. Jahrhunderts). Siehe auch Hauptartikel: Spätmittelalter.

Ende des Mittelalters

Als wesentlich für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit betrachtet man im Allgemeinen die Zeit der Renaissance (je nach Land spätes 14. Jahrhundert bis 16. Jahrhundert), die Entdeckung insbesondere der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus 1492, die Erfindung des Buchdrucks 1450 und die damit beschleunigte Verschriftlichung des Wissens, den Verlust des Einflusses der institutionalisierten katholischen Kirche und den Beginn der Reformation. Diese Ereignisse sind alle rund um die Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert anzusiedeln. Auch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) wird als ein Ereignis genannt, das das Ende des Mittelalters markiert. Dies ist nicht nur eine zeitlich passende Vereinfachung, sondern hat einige Berechtigung, weil mit dem Untergang des Byzantinischen Reiches das letzte lebendige Überbleibsel der Antike unterging. Des Weiteren war der dadurch ausgelöste Strom byzantinischer Flüchtlinge und Gelehrter nach Italien hauptverantwortlich für den Beginn der Renaissance. Darüber hinaus wurden die Handelsrouten nach Asien durch die Ausbreitung des Osmanischen Reiches blockiert, so dass westeuropäische Seefahrer neue Wege erkundeten. Dabei wurde unter anderem Amerika entdeckt – zumindest war es das erste Mal, dass die Existenz Amerikas innerhalb weniger Jahre in ganz Europa bekannt wurde. Auf musikalischem Gebiet ist das Ende des Mittelalters am besten mit der Umstellung von Quint-Oktavklängen zu terzhaltigen Harmonien zu bestimmen. Die englischen Komponisten waren hier sehr früh (Anonymus 4 spricht bei dieser Entwicklung auf dem Kontinent sogar direkt von englischem Einfluss); vor allem Dunstable ist hier zu nennen. Ab ca. 1430 lässt sich dieser Wandel in Italien dingfest machen, wobei terzhaltige Klänge nicht sofort die reinen Intervalle als Ruhepole der Komposition ablösten und vor allem am Schluss einer Komposition das ganze 15. Jahrhundert hindurch noch der Klang ohne Terz bevorzugt wurde.

Der Begriff Mittelalter

Der Begriff Mittelalter, erstmals im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten benutzt, hatte schon von Beginn an eine negative Bedeutung, weil sie das Mittelalter als „dunkle“ Epoche zwischen der Antike und ihrer Zeit ansahen, in der antike Traditionen wiedergeboren wurden. Aber erst im 17. Jahrhundert wurde diese Einteilung endgültig vorgenommen. Demnach begann das Mittelalter mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahre 476 und endete mit der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch die Osmanen. Im Englischen spricht man für den Zeitraum nach Ende der römischen Besatzung bis etwa zur Zeit König Alfreds von Wessex, also für die Zeit der Einwanderung der Angeln, Sachsen und Jüten, aufgrund der mangelhaften schriftlichen Quellen von „The Dark Ages“. Noch heute bezeichnen wir eine Denkweise als „mittelalterlich“, wenn wir sie als starr und veraltet kritisieren wollen. Auch die umgangssprachliche Wendung „Rückkehr ins Mittelalter“ ist negativ besetzt. In der Romantik wurde das Mittelalter allerdings auch wieder positiver gesehen, teilweise auch systematisch verklärt. In der modernen Forschung werden die originären Leistungen des Mittelalters und die wenigstens teilweise vorhandene Kontinuität der antiken Kultur betont. Der bekannte und angesehene französische Mediävist Jacques Le Goff betonte erst jüngst die Geburt Europas im Mittelalter.

Sonstiges

In der japanischen Geschichte wird die Zeit von ca. 1200 bis ca. 1600 als Mittelalter bezeichnet. Diese Epoche zeichnete sich durch eine starke Dominanz des Buddhismus und des Feudalismus aus.

Siehe auch


- Portal:Mittelalter

Literatur

Wichtige Quellen sind im großen Umfang gesammelt in der Monumenta Germaniae Historica. Siehe auch die dt.-latein. Ausgaben der Freiherr-vom-Stein Gedächtnisausgabe (FSGA). Wichtige Quellen stellen u.a. neben der Geschichtsschreibung auch Constitutionen und andere Aktenquellen sowie Regesten dar. Eine hervorragende Bibliographie findet sich [http://www.histsem.uni-bonn.de/proseminar/lsma15.htm hier (erstellt vom Historischen Seminar der Uni. Bonn)] sowie [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/tutorium/literatur/literatur.htm hier (Uni. Tübingen; umfangreiche Liste mit Quellen- und Literaturangaben)]. Ansonsten sei auf die Angaben im Lexikon des Mittelalters oder den Bibliographien der unten aufgeführten Werke verwiesen.

Nachschlagewerke


- The New Cambridge Medieval History, Cambridge 1995 ff. Noch im Entstehen begriffen, mit hervorragender Bibliographie.
- Lexikon des Mittelalters, 9 Bde., Ausgabe des dtv-Verlags, München 2002 (in Hardcover München-Zürich 1980-1998). Grundlegendes Werk

Sekundärliteratur


- Hartmut Boockmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters, mehrere Neuauflagen, München 2001. Wohl die beste strukturelle Einführung ins Mittelalter, mit guten bibliographischen Angaben.
- Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt/M., Berlin 1988 ISBN 3-548-34004-0
- Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten: Welten des Mittelalters, München 1988 ISBN 3-492-03152-8
- Fischer Weltgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit (4 Bände) ISBN 3596507324
- Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter, Verlag C. H. Beck, München 1987 ISBN 3-406-32052-X
- Horst Fuhrmann: Überall ist Mittelalter : von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, Verlag C. H. Beck, München 1996 ISBN 3-406-40518-5
- Friedrich Heer: Mittelalter. Von 1100 bis 1350, Zürich 1964

Weblinks


- [http://www.erlangerhistorikerseite.de/ma_resso.html Virtuelle Bibliothek – Geschichte / Mittelalterliche Geschichte (Internet-Ressourcen der Erlanger Historikerseite)]
- [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/indexstart.htm Historisches Seminar der Universität Tübingen, Abteilung für Mittelalterliche Geschichte (zahlreiche Links und Materialsammlungen)]
- [http://netzwerk.wisis.de/text/42.htm Mittelalter - SUSAS Netzwerk für Wissensweitergabe - Ausführliche Texte und zahlreiche Erklärungen zu Wirtschaft, Gesellschaft und Ereignisgeschichte]
- [http://www.genealogie-mittelalter.de/ Genealogie Mittelalter] Mittelalterliche Genealogie im Deutschen Reich bis zum Ende der Staufer
- DER SPIEGEL: [http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltraum/0,1518,381627,00.html Wie die Erde zur Scheibe wurde] - das Bild vom rückständigen Mittelalter als moderner Mythos !Mittelalter Kategorie:Zeitalter ja:中世 simple:Middle Ages

Spätmittelalter

Als Spätmittelalter wird in der Mediävistik der Zeitraum von Mitte des 13. Jahrhunderts (Ende des Hochmittelalters) bis zum Ende des 15. beziehungsweise dem Beginn des 16. Jahrhunderts (Reformation) bezeichnet (also grob die Zeit von 1250-1500). Während des Spätmittelalters herrschte zeitweise eine krisenhafte, teilweise gar apokalyptische Stimmung, die die Menschen beherrschte. Ursachen waren Missernten, Hungersnöte, Pestepidemien (Schwarzer Tod) und die Krise des Papsttums (siehe unten). Aufgrund dieser Krisenerscheinungen ergaben sich auch regionale Judenverfolgungen (besonders im Zusammenhang mit der Pestwelle) und Aufstände in Städten und unter den Bauern. Das noch in der älteren Forschung vertretene Bild des Spätmittelalters als eine reine Verfallszeit, ist inzwischen jedoch aufgegeben worden. Es war vielmehr sowohl eine Herbst- als auch eine Frühlingszeit der Geschichte. Denn gleichzeitig war das Spätmittelalter eine Übergangszeit zur Moderne, die keineswegs nur negative Züge trug: Es entwickelte sich bereits in diesem Zeitraum die Vorläufer der modernen Staatlichkeit, mit Verwaltung und Ämterwesen. Der Nationalstaat rückt an die Stelle der alten Staatengebilde (außer in Deutschland, wo weiterhin konföderale Gebilde aus Kaisertum und den deutschen Kleinstaaten vorherrschend war). Es entstanden vermehrt Universitäten, nun auch in Deutschland. In Italien begann die die kulturelle Blütezeit der Renaissance, während dem Bürgertum der endgültige Durchbruch gelang. Allerdings war es auch die Zeit des hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich, während im Heiligen Römischen Reich es zu einer Reihe von Umbrüchen kam (Goldene Bulle) und das Kaisertum seine Rolle als universale Institution rechtfertigen musste (wie in der Zeit Heinrichs VII. oder Ludwigs des Bayern). 1453 fiel derweil Konstantinopel, was den Untergang des byzantinischen Reiches und den endgültigen Einbruch der Türken nach Europa bedeutete. In Norddeutschland entstand die Hanse, zunächst als Kaufmannsgilden, dann als Städtebund. Sie beherrscht bald den Handel zwischen Norwegen und Schweden im Norden und den deutschen Landen mit Flandern im Süden, zwischen England und Frankreich im Westen und den russischen Fürstentümern und dem Baltikum im Osten. Die in Abschnitten, aber keineswegs insgesamt, herrschende gefühlgedrückte Stimmung führte vielfach zum Wunsch der direkten Erfahrung von Gott, wie generell in bestimmten Phasen des Mittelalters und der Neuzeit. Das Bibelstudium vermittelte den Menschen das Bild der einfachen Lebensweise von Jesus Christus und den Aposteln, ein Vorbild, dem die existierende Kirche nicht gerecht wurde, gerade weil das Papsttum seit 1309 in Avignon (Avignonesisches Papsttum) residierte und sich immer mehr von den Menschen entfernte. Hinzu kam das abendländischen Schismas von 1378, welches erst durch den Konziliarismus beendet wurde (Konzil von Konstanz). So entstanden auch vermehrt Bettelorden und apostolische Gemeinden, die sich dem einfachen Leben widmen wollten. Viele davon wurden als Ketzerei verfolgt, so beispielsweise die Waldenser, Katharer oder die Brüder vom freien Geist.

Literatur


- Ulf Dirlmeier und andere: Europa im Spätmittelalter 1215-1378 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 8), München 2003. Die zur Zeit beste wissenschaftliche Einführung mit umfangreicher Bibliographie und Begriffserklärungen.
- Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters, Stuttgart 1975.
- Malte Prietzel: Das Heilige Römische Reich im Spätmittelalter, (Geschichte kompakt), Darmstadt 2004. Grundsolide, wenn auch knappe Darstellung der Ereignisgeschichte, aber auch der politischen Strukturen.-.-

Weblinks


- [http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/personen/frauenknecht/repetitorium01/start.htm Repetitorium Spätmittelalter (Uni Tübingen)]

Siehe auch


- Deutschland im Spätmittelalter Kategorie:Zeitalter Kategorie:Mittelalter

Provence

Die Provence ist eine Landschaft im Südosten von Frankreich. Sie liegt am Mittelmeer zwischen Rhônetal und Italien. Im Norden liegt die Landschaft Dauphiné in der Region Rhône-Alpes.

Geographie

Die größten Städte sind Marseille (880.000 Einwohner), Nizza (345.000), Toulon (166.000) und Aix-en-Provence (137.000). Weitere wichtige Städte sind Avignon (90.000 Einwohner), Arles (50.000) und Orange (29.000). Historische Hauptstadt ist Marseille. Die Departements Alpes-de-Haute-Provence, Var, Vaucluse und Bouches-du-Rhône gehören zur historischen Region Provence. Zusammen mit den Departements Hautes-Alpes und Alpes-Maritimes bilden sie die heutige Region Provence-Alpes-Côte d'Azur..

Sprache und Brauchtum

Gesprochen wurde in der Landschaft die Provenzalische Sprache (französisch: occitan oder langue d'oc), die von den französischen Königen und Regierungen lange Zeit unterdrückt wurde. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird sie wieder vermehrt gesprochen. Mit der Sprache lebten auch viele alte Bräuche wieder auf. So beispielsweise die provenzalische Volksmusik. Eine Besonderheit sind die bei Touristen und der lokalen Bevölkerung beliebten Santons, provenzalische Krippenfiguren.

Landwirtschaft

Bekannt sind die Gewürzkräuter (Kräuter der Provence), die Küche, einige Weine und Parfüm aus der Provence. Die Landschaft um das Städtchen Grasse, nahe Nizza ist das Zentrum der französischen Parfüm-Herstellung. Einige Rosé-Weine werden als Côtes de Provence AOC aus den typischen Rebsorten von Südfrankreich produziert. Diese Weine sind meist sehr jung, nach kurzer Lagerung, am besten. Der Weinbau ist verbreitet und profitiert vom milden Mittelmeer-Klima. Weitere Landesprodukte sind Lavendel, Obst (Kirschen aus der Gegend von Apt) sowie Oliven.

Sehenswürdigkeiten

Die Provence ist reich an natürlichen Sehenswürdigkeiten und Baudenkmälern. Auf der Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit:
- Die römischen und romanischen Denkmale von Arles
- Das Amphitheater und der Triumphbogen von Orange
- Die Altstadt von Avignon Sehenswerte Städte und Dörfer:
- Aigues-Mortes
- Fontaine-de-Vaucluse (Quelle der Sorgue)
- Glanum bei Saint Rémy de Provence
- Les Baux-de-Provence
- Les Saintes-Maries-de-la-Mer
- Vaison-la-Romaine Landschaften:
- Camargue
- Luberon mit dem Gipfel des Mourre Nègre
- Mont Ventoux

Geschichte

Der Name Provence stammt aus der Zeit der römischen Herrschaft, vom lateinischen provincia, da es eine der ersten und am stärksten romanisierten Regionen war.

Hellenisierung

Um 600 v. Chr. begann die systematische Kolonisation der Küste der Provence durch Griechen aus der kleinasiatischen Stadt Phokäa. Die Phokäer waren durch die Perser unter Druck geraten und hatten bei ihren Fahrten entlang der Mittelmeerküste das von der Natur geschaffene Hafenbecken der späteren Stadt Marseille entdeckt. Es gibt eine Sage nach der der Keltenkönig Nann für seine Tochter Gyptis einen Mann suchte und seiner Tochter die freie Wahl ließ. Sie entschied sich für einen schönen griechischen Fremdling. Darauf sollen sie die Stadt Marseille, das damalige Massalia (später Massilia) gegründet haben. Diese Stadt erlebte einen enormen Bevölkerungszuwachs. Die Stadt begann sich langsam zu einer großen Handelsniederlassung zu entwickeln, die sogar mit dem weitentfernten Germanien Handel betrieb. Vor allem die gute Lage am Meer machte Massalia so erfolgreich. Entlang der Küste entstanden zahlreiche Stützpunkte und Tochtergründungen, unter ihnen Antopolis (Antibes), Nikäa (Nizza) und Glanon (St. Rémy, Glanum). Die Glanzzeit Massilias fiel in das 4. Jh. Eine keltische Invasion im späten 2. Jh. v. Chr. beendete dann die Epoche der weitgehend aggressionsfreihen Koexistenz von Griechen und Ureinwohnern. Massilia geriet zunehmend unter Druck und war gezwungen seinen Verbündeten, Rom, um Hilfe zu bitten. Hiermit begann die Zeit der Romanisierung.

Romanisierung

Das Eindringen der Römer in die Provence hatte mehrere Hintergründe. Nachdem Rom begann seinen Einfluss über Italien hinaus auszudehnen, musste es zwangsläufig zur Konfrontation mit der damals größten Handelsmacht, Karthago, kommen. Von 264-241 v. Chr. verlief der 1. Punische Krieg, der wegen des Streites um Sizilien entbrannte, wo die siegreichen Römer schließlich ihre erste Provinz gründeten. Die Allianz, die Rom mit dem südlich des Ebro gelegenen Sagunt schloss, löste den 2. Punischen Krieg aus (218-202), in dessen Verlauf sich Massalia als treuer Bündnispartner Roms auszeichnete. Die massiliotische Flotte besiegte bereits 1 Jahr nach Kriegsausbruch die karthagische Seestreitmacht und deren Führer Himilcon. Hannibal selbst war bei seinem Zug von Spanien nach Italien gezwungen, das starke Massalia zu umgehen. Als die Punischen Kriege schließlich beendet waren, wurde der Konsul Lucius Baebius und sein ihn begleitender Heereszug nahe Massalia überfallen und bis auf den letzten Mann vernichtet. Massalia geriet schon bald selbst unter massiven Druck. 181 v. Chr. rief man die Römer zur Hilfe. Es erfolgte zwar eine siegreiche Gegenwehr der Römer, jedoch mussten diese sechzig Jahre später erneut um Hilfe gebeten werden. Dem Hilferuf der Hafenstadt kam Rom diesmal mit mehreren rasch aufeinanderfolgenden militärischen Unternehmungen nach. Als Konsul des Jahres 125 v. Chr. wurde Marcus Fulvius Flaccus vom Senat beauftragt, Massilia gegen die Plünderungen der Salluvier zu unterstützten. Flaccus nutzte den Auftrag, um große Teile des Landes zu erobern, und kehrte 123 v. Chr. mit einem Triumphzug nach Rom zurück. Zwei Jahre später wurde die Provinz Gallia ulterior, das entferntere Gallien (das später nur noch Gallien hieß) im Gegensatz zu Gallia citerior, dem näheren Gallien in Norditalien (auch Gallia cisalpina genannt) eingerichtet, die später in Gallia Narbonensis umbenannt wurde. Hauptstadt wurde erst Aquae Sextiae (Aix-en-Provence), später dann die 118 v. Chr. gegründete Colonia Narbo Martius (Narbonne). Darüber hinaus wurde die Via Domitia als Verlängerung der Via Aurelia angelegt, um Italien auf dem Landweg mit Spanien zu verbinden. Die folgenden 100 Jahre mussten darauf verwandt werden, diesen neuen Besitz zu sichern. Bald kam ein weiterer Gegner auf die Römer zu: Die Germanenvölker der Kimbern und Teutonen, die den Rhein überschritten hatten und im Rhônetal südwärts vorrückten. Die Römer erlitten bei Aurasio (Orange) im Herbst 105 v. Chr. eine Niederlage gegen die Kimbern. Erst in Spanien konnten sie aufgehalten werden. Die Teutonen fielen im Rhônedelta ein. Marius war es dort gelungen eine gewaltige Streitmacht zusammenzuziehen und besiegte schließlich die Germanen 102 v. Chr. in einer entscheidenden Schlacht im Südosten von Aquae Sextiae. In den folgenden Jahren gab es wiederholt Aufstände der Gallier, die mit rücksichtsloser Härte niedergeschlagen wurden. Im Jahre 58 v. Chr. begann Caesar seine Eroberungsfeldzüge in Gallien und die Narbonensis diente ihm als eine feste Ausgangsbasis. Mit der Niederschlagung der letzten großen nationalen Erhebung unter dem Arvenerfürst Vercingetorix (52 v. Chr.) waren das Keltentum in Gallien endgültig besiegt. Caesar wandte sich nun gegen Pompeius, seinen einstigen Mitstreiter, der inzwischen in Rom zum Alleinherrscher – consul sine collega – hatte aufsteigen können. Massilia hatte sich in dieser Auseinandersetzung auf die Seite des späteren Verlierers, Pompeius, geschlagen. Fast ein halbes Jahr musste Caesar darauf verwenden, den Widerstand der unbotmäßigen Hafenstadt zu brechen. Schließlich wurde Massilia erobert und die massilianische Flotte vernichtet.

Mittelalter und Neuzeit

Nach fast 600 Jahren als römischer Provinz wurde das Land 470/477 von den Westgoten erobert. 509 - nachdem die Franken die Westgoten in der Schlacht von Vouillé geschlagen hatten - übernahmen die Ostgoten die provincia, 536 dann, nachdem die Franken auch die Burgunder unterworfen hatten, wurde das Land für 320 Jahre fränkisch. 855 (Prümer Teilung) bis 879 bildete die Provence zusammen mit Südburgund ein selbständiges karolingisches Königreich unter Karl, danach ab 879 das Königreich Niederburgund, bis 933 mit der Hauptstadt Arles - daher auch die Bezeichnung Arelat. Von 934 an gehörte die Provence zum vereinigten Königreich Burgund, ab 1032 aufgrund eines sich realisiernden Erbvertrages zum deutschen Kaiserreich, ohne jemals völlig integriert zu werden: 1365 erfolgte die Krönung Karls IV. in Arles, obwohl die tatsächlichen Herren längst andere waren. Die Grafen von Arles hatten früh die faktische Macht in der Provence ergriffen, galten Ende des 10. Jahrhunderts bereits als Grafen der Provence, teilten sich aber sehr schnell in zwei Linien, was 1112, nachdem die ältere Linie durch die Grafen von Toulouse beerbt worden war, und sich das Aussterben der jüngeren Linie und die Übernahme ihrer Ländereien durch die Grafen von Barcelona abzeichnete, zu einer Festschreibung der bereits realisierten Dreiteilung der Provence führte. Das Land südlich der Durance ging an Barcelona, 1246 durch Heirat an Anjou, 1382 durch Testament an einen jüngeren Zweig der gleichen Familie und 1481 wiederum durch Testament an den französischen König, womit die Provence aus dem Heiligen Römischen Reich ausschied. Die wichtigsten Regenten dieser Zeit waren drei Grafen von Provence, die gleichzeitig auf Könige von Neapel waren:
- Karl von Anjou, der die Staufer erfolgreich aus Süditalien vertrieb,
- Johanna I., die ihren Ehemann ermorden ließ und im folgenden Kirchenprozess freigesprochen wurde, nachdem sie dem Papst die Stadt Avignon verkauft hatte,
- René, Herzog von Lothringen und Graf von Provence, le bon roi René des provenzalischen Volkstums und einer der wichtigsten Förderer der Troubadoure Das Land nördlich der Durance wurde zur - seit 1053 bereits bestehenden - Grafschaft Forcalquier, die 1209 wieder durch Erbschaft an die Provence zurückfiel. Im Westen schließlich, um Avignon, entstand die Markgrafschaft Provence, die als Erbe der älteren Linie seit längerem in der Hand der Grafen von Toulouse war und im Zusammenhang mit den Kreuzzügen gegen die Ketzer 1274 unter die Herrschaft des (seit 1309 dann in Avignon residierenden) Papstes geriet. Dieser päpstliche Machtbereich schrumpfte im Lauf der Jahre immer mehr, im Norden spaltete sich das Fürstentum Orange ab, das 1713 von Frankreich annektiert wurde, bis der verbliebene Rest, die Grafschaft Venaissin, 1791 im Zuge der Französischen Revolution ebenfalls übernommen wurde. 1498 wurde der zu diesm Zeitpunkt zu Frankreich gehörende Teil der Provence in die Domaine royal eingefügt, ab 1660 das Gebiet wie eine Provinz verwaltet und 1789 im Zuge der Französischen Revolution in Départements aufgeteilt. Lediglich die in den Meeralpen gelegenen Teile der Provence, die sich im Laufe der Zeit selbstständig gemacht hatten (z.B. die Grafschaft Nizza und das Fürstentum Monaco), verblieben beim Heiligen Römischen Reich, und kamen zum Teil erst später zu Frankreich - die Grafschaft Nizza endgültig erst 1860.

Grafen und Markgrafen von Provence


- Boso I. Graf von Provence († 935 nach 13. September) (Buviniden), ∞ um 928 Berta († nach 18. August 965), Tochter des Grafen Boso von Avignon und Vaisin, Markgraf von Tuszien († nach 936) (Bosoniden)
- Hugo der Schwarze, Markgraf der Provence 936-948, Bruder Bosos I. (Buviniden)
- Boso II. († 965/967) Graf von Avignon und Arles, d.h. Graf in Provence

Ältere Linie


- Rotbald II. († wohl 1008), Sohn Bosos II., Graf von Provence 961/1005
- Rotbald III. († 1014), dessen Sohn
- Wilhelm V. († 1037), dessen Sohn
- Emma († nach 1063), dessen Schwester, verheiratet mit Wilhelm III. Taillefer Graf von Toulouse († 1037) Der Besitz der älteren Linie geht in den Besitz der Grafen von Toulouse über

Jüngere Linie


- Wilhelm II. († 994), Sohn Bosos II., Graf von Provence 970, Markgraf von Provence 979, ∞ 984/um 986 Adelheid von Anjou, Tochter des Grafen Fulko II., Witwe des Grafen Stephan (Étienne) von Gévaudan, geschieden von König Ludwig V.
- Wilhelm III. († 1018), dessen Sohn, Graf von Provence 994/1018
- Wilhelm IV († 1019/30), dessen Sohn, Graf von Provence 1018
- Fulko Bertrand I. († wohl 1051) dessen Bruder, 1018 Graf von Provence,
- Bertrand II. († 1090/1094), dessen Sohn Graf von Provence
- Gerberga († 1112/1118), dessen Schwester, verheiratet mit Gilbert, Graf von Gévaudan, Vizegraf von Carlat, Graf von Arles (Provence)
- Dulcia von Gévaudan († 1127/30), deren Tochter, Erbin von Provence, verheiratet mit Raimund Berengar III., Graf von Barcelona 1112-1130 (siehe unten)

Linie Forcalquier


- Gottfried I. († wohl 1061/62), Sohn Wilhelms III., Graf von Arles, um 1057-1060 Markgraf von Provence
- Wilhelm VI. Bertrand († vor 1067), dessen Sohn, 1044 Graf von Provence (Forcalquier), 1065 Markgraf von Provence - Nachkommen: die Grafen von Forcalquier
- Gottfried II. († 1065/67), dessen Bruder, Graf von Forcalqueir

Haus Barcelona


- Berengar Raimund, Graf von Provence 1130-1144, Sohn Dulcias und Raimund Berengars III. (siehe oben) (nicht zu verwechseln mit seinem älteren Bruder Raimund Berengar IV., Graf von Barcelona 1130-1162)
- Raimund Berengar II., dessen Sohn, 1144-1166,
- Dulcia II. 1166-1167, dessen Tochter, abgesetzt, † 1172
- Alfons I. 1167-1196, Graf von Barcelona (Alfons II.), Urenkel Dulcias von Gévaudan und Raimund Berengars III. von Barcelona.
- Raimund Berengar III., Mitgraf von Provence 1168-1181, dessen Bruder
- Sancho, Mitgraf von Provence 1181-1185, dessen Bruder, ab 1185 Graf von Roussillon
- Alfons II. Mitgraf von Provence 1185, alleine 1196-1209, Sohn Alfons’ I., verheiratet mit Garsende II., der Erbin der Grafschaft Forcalquier
- Raimund Berengar IV., Graf von Provence 1209-1245, dessen Sohn
- Beatrix, Gräfin von Provence 1245-1267, dessen Tochter, verheiratet mit Karl von Anjou

Haus Anjou


- Karl I., Graf von Anjou, König von Neapel 1265-1285, Graf von Provence 1267-1285, Ehemann der Beatrix von Provence
- Karl II. 1285-1309, deren Sohn, unterwirft 1306 Piemont
- Robert 1309-1343, dessen Sohn
- Johanna 1343-1382, dessen Enkelin, verliert 1345 Piemont, verkauft 1348 Avignon an den Papst
- Ludwig I. Graf von Anjou, Graf von Provence 1382-1384 als Testamentserbe, wobei er auf Piemont verzichtet
- Ludwig II. 1384-1417, dessen Sohn
- Ludwig III. 1417-1434, dessen Sohn
- René 1434-1480, le bon roi René, dessen Bruder
- Karl IV., 1480-1481, dessen Neffe Testamentserbe ist Ludwig XI. von Frankreich,

Weblinks


- [http://home.arcor.de/sura/provence/provence.html Fotos von Landschaften, Städten ...]
- [http://www.crt-paca.fr/deu/accueil_flash.jsp?LNGID=deu Offizielle Seite der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur] Kategorie: Historische Landschaft Kategorie: Frankreich Kategorie:Historisches Territorium

Trobador

Ein Trobador war ein Komponist und Sänger von Liedern unterschiedlicher Art besonders im mittelalterlichen Europa. Das Wort Trobador stammt von dem provenzalischen Wort trobar (vgl. franz. trouver), "dichten". Die ursprüngliche Bedeutung von trobar ist "finden"; in dieser Bezeichnung spiegelt sich somit die Selbstauffassung der gesamten mittelalterlichen Dichtung als ein Finden von Ausdruck und sprachlicher Form für vorgegebene Inhalte (vgl. die inventio der Rhetoriklehre). Bei der Lyrik der Trobadors ist mit trobar außerdem das Finden einer jeweils neuen Melodie für ein neues Lied gemeint. Die Trobador-Kunst kam im Okzitanien des 11. Jahrhunderts auf; Wilhelm IX. von Aquitanien hält man häufig für den erste Trobador. Viele Trobadors unternahmen weite Reisen und trugen so zur grenzüberschreitenden Vermittlung von Informationen und Kultur bei. Durch Wilhelms Enkelin, Eleonore von Aquitanien, wurde die Kunstform in den 1130er Jahren an den nordfranzösischen Adel vermittelt. Die Trobadors verarbeiteten hauptsächlich Themen des Rittertums und der höfischen Liebe, aber auch sonstige Themen aller Art. Die wahrscheinlich berühmtesten Gesänge waren die, die der Sänger an eine verheiratete Geliebte gerichtet hatte. Offenkundig wegen der festen ehelichen Strukturen war das Thema der wahren (normalerweise tugendhaften) Liebe außerhalb ehelicher Bindungen beim Publikum von hoher Resonanz. Die Aubade bildete das populäre Genre. Ähnliche Rollen wurden zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Regionen von den Menestrels und Spielleuten ausgefüllt. So hängt der deutsche Minnesang eng damit zusammen, der teilweise durch Trobadors inspiriert wurde. Trobadors, deren Werk erhalten ist, sind (unter vielen anderen) Bernart de Ventadorn, Jaufré Rudel und Martim Codax. Im okzitanischen Sprachraum existierten im 12. und 13. Jahrhundert auch einige weibliche Trobadors, die als Trobairitz bezeichnet wurden. Kategorie:Musikgeschichte Kategorie:Mittelalter (Literatur) Kategorie:Lyrik !

Kontrafaktur

Die Kontrafaktur (aus lat. contra = gegen und facere = machen) ist die Umdichtung eines weltlichen Gedichts für geistliche (kirchliche, religiöse) Zwecke – ein Verfahren, das besonders häufig im Kirchenlied, meist unter Beibehaltung der Melodie, angewendet wurde. Der Begriff wird auch für den umgekehrten Vorgang benutzt: die Umdichtung bzw. die (banale, triviale) Verwendung religiöser Texte zu "weltlichen" Zwecken. Verwandte Begriffe: Parodie, Palinodie und Travestie siehe auch Musiktheorie, Literaturgattung, Genre, Rhetorik Kategorie:Musiktheorie Kategorie:Literaturgattung

Vers

Vers (lat.: versus, von vertere "umwenden") bezeichnet 1. in der Poesie eine Reihe metrisch gegliederter Rhythmen. Die rhythmische Gliederung, zu welcher nach Umständen der Reim, die Assonanz oder die Alliteration kommt, ist mithin die Hauptbedingung des Verses; die regelmäßige Wiederkehr eines gleichen Rhythmus im Vers heißt das Versmaß (Metrum), die einzelnen Teile, aus welchen dasselbe besteht, sind die Versfüße (Takte). Die Anwendung der verschiedenen Versmaße lehrt die Verskunst (s. Metrik und Prosodie). Je nachdem in einem Vers das Metrum oder Versmaß ein- oder mehreremal enthalten ist, heißt der Vers Monometer, Dimeter, Trimeter, Tetrameter, Pentameter und Hexameter (Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-, Fünf-, Sechsmaß). Weil aber das letzte Metrum des Verses nicht immer vollzählig ist, teilt man die Verse in katalektische oder unvollzählige u. akatalektische oder vollzählige. Schließt der Vers in der Mitte des letzten Metrums, so heißt er brachykatalektisch oder halbvollzählig, wird er aber um eine Silbe länger, hyperkatalektisch oder überzählig. Zitat
Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird. - Friedrich Schiller (Brief an Goethe vom 24. November 1797) 2. eine in sich abgeschlossene und regelmäßig wiederkehrende Linie oder Zeile, die Strophe eines Liedes oder Gedichts (→ Lyrik). Das Ganze der einzelnen verbundenen Verse nennt man Vers, daher spricht man von Liederversen. 3. den kleinsten Abschnitt des Bibeltextes. Die Verszählung wurde von den Juden im Mittelalter für das Alte Testament entwickelt, im Christentum aber erst im 17. Jahrhundert eingeführt und dann auch auf das Neue Testament übertragen. ---- Textvorlage aus Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl. 1888/89

siehe auch


- leoninischer Vers
- saturnischer Vers
- Versnovelle
- Versroman
- Bibelvers Kategorie:Verslehre

Melodie

Der Begriff Melodie (v. griech.: melos = Lied + odé = Ode) bezeichnet in der Musik
- eine singbare in sich geschlossene Folge von Tönen,
- die Weise bzw. Vertonung eines Liedes und
- ein Hauptthema eines größeren Musikstückes. Die klassische Musik stellt oft eine oder mehrere thematische Melodie(n) an den Anfang eines Werkes, die dann im weiteren Verlauf verarbeitet werden (motivische Arbeit). Die meisten Tonfolgen, die im allgemeinen Sprachgebrauch Melodie genannt werden, werden in der Musikwissenschaft mit dem Terminus Thema versehen. Im Jazz bildet die Melodie nach den Harmonien den Ausgangspunkt für die Improvisationen. Die Sprachwissenschaft kennt 'Melodie' im übertragenen Sinne als die Satzmelodie, die Modulationen der Stimmhöhe während der Äußerung eines Satzes Siehe auch: Liedtext, Portal:Musik Kategorie:Musiktheorie ja:メロディ Melodie [griechisch] eine in sich geschlossene Folge von Tönen, die u. a. durch ihre Harmonik, Rhythmik, Dynamik und ihr Tempo bestimmt wird und an die in der Musiklehre des 18. und 19. Jahrhunderts eine Reihe von Forderungen gestellt wird, wie Überschaubarkeit und Sanglichkeit. Die Melodielehre untersucht daher, von formal-analytischer Betrachtung ausgehend, den gesetzmäßigen Aufbau der bestimmten Regeln unterworfenen Melodie, wobei sie sich der Tatsache bewusst bleibt, dass damit entscheidende Faktoren, die vor allem die Entstehung einer Melodie oder ihre Wirkung auf den Hörer betreffen, auch von anderen Zweigen einer Kompositionslehre beurteilt werden.

Reim

Allgemeines

Der Reim ist im weiteren Sinne eine Verbindung von Wörtern mit ähnlichem Klang. Im engeren Sinne ist der Reim der Gleichklang eines betonten Vokals und der ihm folgenden Laute bei verschiedenem Anlaut. Beispiel: lauf – sauf; laufen – saufen; laufender – saufender. Der Ursprung des Wortes liegt im germanischen (altfränkischen) rim, wo es Reihe oder Zahl bedeutet, das Wort ist über das französische rime in die übrigen europäischen Sprachen gelangt, die englische Schreibung rhyme beruht auf einer gelehrten, aber unzutreffenden Herleitung aus dem griechischen rhythmos. Das Wort bezeichnete bis ins 17. Jahrhundert den ganzen gereimten Vers, Martin Opitz legte die heutige Bedeutung fest; aber die ursprüngliche Bedeutung wird noch sichtbar in Kinderreim und Kehrreim. Das Kunstmittel des Reims wird seit dem Ende der Antike in der christlichen Dichtung des lateinischen Mittelalter verwendet, vielleicht in bewusster Abgrenzung von der heidnischen Antike und der stabreimenden heidnischen Dichtung der Germanen. Das alte Testament kennt den Reim ebenso wenig wie die Dichter der griechischen und römischen Antike, die den Gleichklang der Laute als unschön ablehnten. Das Mittelalter hindurch ist die geistliche und weltliche lateinische Dichtung entweder akzentuierend und reimend, oder sie ist reimlos und quantifizierend d. h. sie verwendet die antiken Metren, vor allem den Hexameter. Eine Ausnahme bildet der leoninische Vers. Die erste in Reimen verfasste deutsche (althochdeutsche) Dichtung ist das Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg (um 870). Seit dem 12. Jahrhundert tritt der Reim den Siegeszug in der Dichtung aller europäischen Volkssprachen an, und er behält seine Dominanz, bis diese sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark abschwächt. Die moderne Lyrik verzichtet häufig auf die klassischen poetischen Mittel von [http://www.reinhardschmidt.de/reim.htm Reim und Versmaß] und verwendet den freien Vers, der im 19.Jahrhundert in Frankreich als vers libre entwickelt wurde. Durch den völligen Verzicht auf die Regeln der Metrik nähert sich der freie Vers der Prosa an. Versuche deutscher Dichter im 18. Jahrhundert, den Reim durch den Blankvers und antike Metren zu ersetzen (Klopstock, Voss, Goethe, Schiller, Hölderlin), bleiben - wenn auch eine sehr bedeutsame – Episode. Die Funktion des Reims ist vielfältig. Er schmeichelt unserm Ohr und wirkt nach dem ästhetischen Prinzip der Einheit in der Vielfalt vor allem überzeugend, wenn die Reimwörter als solche originell sind, zu unterschiedlichen Wortarten gehören und in ihrer Bedeutung und ihren Konnotationen weit auseinander liegen. Als Echo des Gedankens, wie man gesagt hat, haben reimende Wörter oft für die Sinngebung der Dichtung ein besonderes Gewicht. Gereimtes bleibt zudem besser im Gedächtnis haften, daher haben Sprichwörter, Wetterregeln, Merkverse, Werbesprüche und dergleichen oft die Form des Reims. Die wichtigste Funktion des Reims im Gedicht ist, stärker als das Metrum die Struktur des Gedichts beziehungsweise der einzelnen Strophe „ohrenfällig“ zu machen.
- Der Endreim markiert das Ende der Zeile und setzt die einzelnen Zeilen zueinander in Beziehung. Diese Funktion ist besonders wichtig in französischen Gedichten, in denen die Verszeile nur durch die Silbenzahl (im Alexandriner zwölf oder dreizehn Silben) bestimmt wird.
- Der Stabreim (Alliteration) setzt Wörter innerhalb eines Verses in Beziehung, indem er ihren Anfang markiert.
- Der Binnenreim markiert Wörter innerhalb eines Verses und setzt sie in Beziehung zueinander.

Reimtypen

Stabreim oder Alliteration


- Gleiche Anlaute der betonten Stammsilben, meist Konsonanten, dienen zur Betonung wichtiger Worte im Versfluss. Bei Vokalen bilden alle Vokale untereinander Alliterationen. Bei Konsonanten wird gegebenenfalls auch der Konsonant der Stammsilbe für die Alliteration betrachtet. Im Neuhochdeutschen ist die Verwendung von Alliterationen selten geworden, hielt sich aber in Redewendungen: ... mit Mann und Maus, heute und hier usw. Es alliterieren allerdings nur betonte Silben, also beispielsweise nicht "Vernunft und Verstand". Es alliterieren in einer Reihe von Sprachen, wie zum Beispiel in Althochdeutsch und in vielen hochdeutschen Dialekten unterschiedliche Vokale, wie "e" und "a" in "ein und alles", da sie in der Aussprache mit einem Konsonanten beginnen (Knacklaut).

Endreim


- Gleicher betonter Vokal und gleiche darauf folgende Konsonanten und Vokale im Wortauslaut (gleicher Reim im linguistischen Sinne der betonten Silbe plus gleiche darauf folgende unbetonte Silben). - Dabei ist die Aussprache (nicht die Schreibung) maßgebend. "Sache" reimt sich auf "lache", aber "Sprache" reimt sich nicht (sauber) auf "lache", da die Vokallänge unterschiedlich ist. "Neige" reimt sich in einigen Gegenden auf "reiche". Homophone (Wörter mit gleicher Aussprache, d.h. auch mit gleichen Anfangslauten) werden im Deutschen nicht als Reime betrachtet.

Unterscheidung nach der Länge des Reims


- Männlicher oder stumpfer = einsilbiger Reim: Beide Reimzeilen enden auf eine betonte Silbe. Beispiel: Stand / Wand. Beispiel von Wilhelm Busch: Es stand vor eines Hauses Tor Ein Esel mit gespitztem Ohr.
- weiblicher oder klingender = zweisilbiger Reim: Beide Zeilen enden auf zwei reimende Silben. Deren erste ist jedenfalls betont, die zweite meist unbetont. Beispiele: machte / lachte. Beispiel von Wilhelm Busch: Womit man denn bezwecken wollte, dass sich der Esel ärgern sollte.
- Gleitender oder reicher = dreisilbiger Reim: Beide Zeilen reimen auf drei Silben, deren erste betont ist. Beispiel: gleitende / reitende. Beispiel aus einem Kirchenlied: Wunderschön prächtige, hohe und mächtige ...

Unterscheidung nach der klanglichen Genauigkeit des Reims

Reiner Reim: Im reinen Reim stimmt die hörbare Lautfolge der Reimsilben genau überein. Es kommt auf die gesprochene Sprache an, die Schreibweise ist unbeachtlich. Beispiele: geht / fleht, schlau / Kakao, zwei / Schlosserei, richtet / dichtet, merken / stärken, Ohren / verloren. Unreiner Reim: Im unreinen Reim stimmt die hörbare Lautfolge der Reimsilben annähernd überein, kleine Abweichungen sind zulässig. Auch hier kommt es auf die gesprochene Sprache an, die Schreibweise ist unbeachtlich. Beispielsweise bilden die Wörter Sprache / lache einen unreinen Reim, weil das a im einen Wort lang, im andern kurz gesprochen wird. Häufig werden die Umlaute ä oder ö mit dem Vokal e gereimt, auch der Umlaut ü mit dem Vokal i, ebenso ähnlich klingende Vokalverbindungen wie ei mit eu/äu (zulässig, aber unrein). Beispiel aus Schillers "Glocke": Wie ein Gebild aus Himmelshöh´n sieht er die Jungfrau vor sich steh´n.
- Mitunter lassen unreine Reime mundartliche Anklänge erkennen. Beleg für Goethes Herkunft aus Frankfurt am Main: Ach neige, du schmerzensreiche ...
- Wenn ein Reimeschmied die Lizenz des unreinen Reims gar zu großzügig auslegt, so spottet man mit der Redensart: Reim dich, oder ich fress´ dich. Beispiel: Es ruht die Schildkröte unter der Aloë.
- Auch Homonyme bzw. Homophone, bei denen alle Laute einschließlich des Anlauts übereinstimmen, werden im Deutschen als unreine Reime betrachtet. Ein unreiner Reim liegt auch vor, wenn sich eine betonte und eine unbetonte Silbe reimen. Beispiel: Ich warte und seh
- Sinnspruch zum Reim, natürlich von Goethe: Ein reiner Reim ist sehr begehrt. Doch den Gedanken rein zu haben, die edelste von allen Gaben, das ist mir alle Reime wert. Assonanz:
- Lediglich die Vokale stimmen überein. Beispiel: Dach Fahrt
- Lediglich die Konsonanten stimmen überein. Beispiel: Schlamm schlimm

Doppel- und Mehrfachreim

Doppel- und Mehrfachreime ergeben sich, wenn in nur zwei Reimzeilen gleich zwei oder mehr Reimpaare ineinandergeschichtet sind. Beispiel für einen Doppelreim: Ich kose deinen lieben Busen, vergesse alle sieben Musen. Beispiel für einen Dreifachreim: Im Acker saß ein Häslein, und wacker fraß es Gräslein. Beispiel für einen Vierfachreim: Yes, I've lost my mind. [...] Guess, I've crossed the line. (aus: All the things she said von t.A.T.u)

Schüttelreim

Ein Schüttelreim ist ein Doppelreim mit nur zwei Anfangslauten oder -lautgruppen, welche den Platz miteinander tauschen. Beispiel: Bleich erglühen/gleich erblühen. (Oft wird das ganze Gedicht als Schüttelreim bezeichnet.) Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald. Ich steige in die Badewanne, dass ich den Schmerz der Wade banne.

Reicher Reim

Beim reichen Reim, der besonders in französischer Dichtung vorkommt, reimt sich bereits die Silbe vor der letzten betonten Silbe. Beispiel: "maison / saison". Ein deutscher Reim mit dieser Eigenschaft erscheint oft als "unreiner" Reim. Beispiel: Ich gehe an die Tankstelle, wo ich mich auf die Bank stelle. (falls hier die Hauptbetonung auf der vorletzten und nicht der drittletzten Silbe liegt).

Reimformen

Paarreim


- aa bb cc Beispiel:
(a) Ich geh' im Urwald für mich hin...
(a) Wie schön, dass ich im Urwald bin:
(b) man kann hier noch so lange wandern,
(b) ein Urbaum steht neben dem andern.
(c) Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
(c) hängt Urlaub. Schön, dass man ihn hat!
(Quelle: Heinz Erhardt: Noch 'n Gedicht und andere Ungereimtheiten 1. Aufl. - Hameln: Niemeyer, 1991)

Kreuzreim


- abab cdcd Beispiel:
(a) Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter
(b) Des Buchenganges beinah bis zum Tore
(a) Und sehen außen in dem Feld vom Gitter
(b) Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore.
(c) Wir suchen nach den schattenfreien Bänken.
(d) Dort wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten
(c) In Träumen unsre Arme sich verschränken.
(d) Wir laben uns am langen milden Leuchten.

Umarmender Reim


- abba Beispiel:
(a) ich esse
(b) ich liebe dich
(b) ich liebe mich
(a) ich messe

Haufenreim


- aaaa Beispiel:
(a) Hallo du
(a) Ich bin ne Kuh
(a) mit großem Schuh
(a) und mache muh!

Schweifreim


- aa b cc b Beispiel:
(a) Ja, ich weiß, woher ich stamme,
(a) Ungesättigt gleich der Flamme
(b) Glühe und verzehr' ich mich.
(c) Licht wird alles, was ich fasse,
(c) Kohle alles, was ich lasse,
(b) Flamme bin ich sicherlich.
(Friedrich Nietzsche: "Ecce Homo")

Kettenreim


- aba bcb cdc d Beispiel:
(a) Wir sind so gut
(b) Wir sind so fein
(a) Wir haben Glut
(b) Wir haben Wein
(c) Wir lieben Bäume
(b) Und auch den Rhein
(c) Und wenn ich träume
(d) So nur von Dir
(c) Ich überschäume
(d) Das lob ich mir

Binnenreim


- Der Binnenreim ist ein Reim innerhalb einer Verszeile. Oft sind Binnenreime mit anderen Reimen gekoppelt, so dass ein dreifacher Reim entsteht.
Beispiel:
Er lief und schlief
und lachte sich schief.
Die englischen Operettenschreiber Gilbert und Sullivan verwendeten neben Wortspielen auch gerne Binnenreime in ihren Liedtexten.

Schlagreim

Echoreim

spezielle Reimformen

Limerick


- Ein Limerick ist ein scherzhaftes Gedicht in der Form aabba.

Klapphornvers


- Ein Klapphornvers ist ein Vierzeiler, meist in der Form aabb, aber auch abab.

Beispiele für die Anwendung von Reimen

In der Werbung


- Willst du viel, spül mit Pril
- 1-2-fly. Bei diesen Preisen muss man reisen.
- Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso.

Siehe auch

Portal:Sprache, Abzählreim

Weblinks


- http://www.2rhyme.ch/ Reimgenerator
- http://www.netschool.de/deu/schulw/oberst/gloss_r.htm
- http://www.weinreichpeter.de/wissen/germanistik/mediaevistik/mittelalterlichedichtung.htm
- http://www.brgzell.salzburg.at/faecher/deutsch/Lyrikweb.htm
- http://www.einzelhandelspoesie.de (Beispiele für Reime in der Werbung)
- [http://www.reinhardschmidt.de/reim.htm Reim und Versmaß oder freier Vers?] Kategorie:Verslehre ja:韻文 nb:Rim

Frauenlob

Heinrich Frauenlob von Meißen (
- etwa zwischen 1250 und 1260, † 29. November 1318 in Mainz) war ein deutschsprachiger Minnesänger, der sich als Künstler nach dem Hauptthema seines Dichtens Frauenlob nannte. Minnesänger Der aus Meißen stammende Dichter hielt sich um 1276/78 in Böhmen auf, 1299 diente er - urkundlich bezeugt - dem Herzog Heinrich von Kärnten. Frauenlob dichtete für König Rudolf I. von Habsburg, König Wenzel II. von Böhmen, den König von Dänemark, Fürst Wizlaw III. von Rügen, Erzbischof Giselbert von Bremen und andere. Einige Sprüche sind dem Rostocker Ritterfest von 1311 gewidmet. Zuletzt lebte er als Schützling von Peter von Aspelt, einem Erzbischof und früheren Kanzler Wenzels II., in Mainz. Nach seinem Tod wurde er im östlichen Kreuzgang des Mainzer Doms beigesetzt. 1774 wurde sein Grabstein zerstört, 1783 ersetzt. Frauenlob war sowohl als gebildeter Dichter als auch als Musiker sehr begabt. Er schrieb wenigstens 450 Sprüche in 15 Tönen, deren Authentizität allerdings nicht in allen Fällen feststeht. Überliefert sind ebenfalls 13 Minnelieder sowie ein Minne-, Kreuz- und ein Marienleich. Sein Stil zeichnet sich durch blumige Rhetorik, Bildfülle, syntaktische Extravaganz und einen erstaunlichen Wortschatz aus. Er ähnelte in allen diesen Punkten (dem "geblümten Stil") seinem erklärten Vorbild Konrad von Würzburg, dem er anläßlich seines Todes das Gedicht "Ge