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Soziale Distanz

Soziale Distanz

Soziale Distanz beschreibt in der soziologischen Proxemik das Verhältnis zweier Akteure zueinander als auf verschiedene Weise distanziert, z. B. als respektvoll (oder abschätzig), kühl, formalisiert - im Gegensatz zu intim, herzlich, ungezwungen. Dieser Gegensatz wird analytisch im Strukturalismus benutzt, z.B. in der Familiensoziologie. Soziale Distanz kann auf Unterschieden in der Zugehörigkeit zu Kasten, Klassen, Schichten, Machteliten oder sozialen Milieus basieren. Üblicherweise wird von den "normalen" Mitgliedern einer Gesellschaft gegenüber Ausgegrenzten wie psychisch Kranken, Behinderten, Bettler, Wohnungslosen usw. eine soziale Distanz eingehalten. Diese beinhaltet das Vermeiden von direkten Kontakten, eine auf formale Situationen (Hilfeleistung, Behörde) beschränkte Kommunikation und im Alltag zur Schau gestelltes Ignorieren und Übersehen. Eine Distanzierungsweise im Sprachlichen (z.B. gegenüber Fremden) ist das Siezen. In der postmodernen Gesellschaft verschwimmen die ehemals krassen Trennungslinien zwischen Klassen und Schichten. Es entwickeln sich indivudualisierte Lebenswelten, die teilweise im Rückgriff auf lokale, regionale oder ethnische Zugehörigkeiten neue, gegen Außenstehende abgegrenzte, 'distanzierte' Identitätsangebote liefern. Ebenso entstehen neue Grenzlinien sozialer Distanz zwischen verschiedenen Berufsgruppen oder gegenüber Fremden oder neuen Randgruppen, wie z.B. Langzeitarbeitslosen. Siehe aber auch al-wala' wa-l-bara'. Kategorie:Soziologie

Soziologie

Die Soziologie beschreibt und untersucht die Struktur-, Funktions- und Entwicklungszusammenhänge der Gesellschaft. Sie ist eine Sozialwissenschaft, die sich nicht auf spezifische Themengebiete (wie etwa die Politikwissenschaft oder die Wirtschaftswissenschaften) festgelegt hat, sondern den Anspruch erhebt, mit einer Reihe von soziologischen Methoden das soziale Zusammenleben in Gemeinschaften und Gesellschaften zu erforschen. Dazu fragt die Soziologie nach dem Sinn und den Strukturen des sozialen Handelns sowie nach den damit verbundenen Normen und untersucht einerseits die Gesellschaft als Ganzes, aber auch ihre Teilbereiche, beispielsweise einzelne soziale Gebilde (bzw. Systeme, Institutionen, Gruppen und Organisationen). Zugleich wirft sie ihren Blick auf den sozialen Wandel, dem diese unterliegen. sozialen Wandel] Der Anspruch der Soziologie kommt in Max Webers Definition einer verstehenden und zugleich erklärenden Soziologie (§ 1, Wirtschaft und Gesellschaft) zum Ausdruck. Demnach ist Soziologie "eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will". Eine hochkomplexe Aufgabe - man verstehe und erkläre nur einmal die abgebildete Wiedergabe sozialer Handlungen auf dem Gemälde Renoirs (rechts) - ganz abgesehen von den Fragen, was über das soziale Zusammenleben die Tatsache verrät, dass es gemalt, ausgestellt und bewundert wurde. Konkrete Themen, mit denen sich die Soziologie beschäftigt, sind beispielsweise Sozialstruktur, Arbeit, Migration, Geschlecht, soziale Netzwerke, Sexualität, Alltag und Lebenswelt. Für viele dieser Themen haben sich spezielle Soziologien etabliert (s.u.), andere -- wie etwa die allgemeine Frage nach den Wechselwirkungen von Handeln und Struktur -- sind Thema der allgemeinen Soziologie. Auch überschneiden sich die soziologischen Fragestellungen hier oft mit denen der Sozialpsychologie und mit anderen Sozialwissenschaften.

Geschichte der Soziologie

Für eine ausführlichere Darstellung siehe Geschichte der Soziologie. Als eine eigenständige Wissenschaft gibt es die "Soziologie" erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Entstehungsgeschichte ist eng mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im Europa des 19. Jahrhunderts sowie mit der fortschreitenden Industrialisierung verbunden. Als Begründer der Soziologie als eigenständige Wissenschaft gilt Auguste Comte. Die Soziologie im heutigen Sinne wird jedoch insbesondere auf Max Weber und Émile Durkheim zurück geführt. Vorläufer der Soziologie sind in der Geschichtswissenschaft, der Nationalökonomie, aber auch im Journalismus und in den Policeywissenschaften zu sehen. Unmittelbare Vorläufer der Soziologie wie Karl Marx werden heute ebenfalls als soziologische Klassiker verstanden. Doch hatten auch schon ältere Autoren Werke stark soziologischen Charakters geschrieben, etwa Xenophón, Polýbios, Ibn Khaldun, Giambattista Vico und Adolph Freiherr Knigge.

Gliederungen der Soziologie

Soziologische Theorien

Soziologie war nie eine Wissenschaft mit nur einem Paradigma. So lassen sich in der heutigen deutschsprachigen Soziologie mindestens vier große Ansätze unterscheiden.
- Der Rational Choice-Ansatz (bekannter Vertreter dieser Richtung: Hartmut Esser), auch als methodologischer Individualismus bezeichnet, führt Aggregatphänomene auf die Entscheidungen und das dementsprechende Handeln einzelner Individuen zurück und geht davon aus, dass hier rationale Wahlen auffindbar sind. Zwischen RC-Ansatz, quantitativer Methodologie und ökonomischer Theorie herrschen gewisse Affinitäten vor.
- Weiterhin einflussreich ist die Kritische Theorie, die inzwischen durch eine Nähe zum (französischen) Poststrukturalismus gekennzeichnet ist.
- Als eine dritte große und insbesondere im deutschsprachigen Raum einflussreiche Schule lässt sich die soziologische Systemtheorie im Gefolge von Talcott Parsons (vgl. zu ihm Strukturfunktionalismus) und Niklas Luhmann nennen. Soziologie moderner Gesellschaften wird hier nicht als eine Wissenschaft verstanden, die individuelles Handeln betrachtet. Gesellschaft wird vielmehr auf Kommunikationen und Nicht-Kommunikationen in sozialen Teilsystemen zugeschnitten.
- Zu nennen ist schließlich eine Vielzahl von Arbeiten, die sich grob einem interpretativen und qualitativ-rekonstruktiven Paradigma zuordnen lassen. Ausgehend von Phänomenologie und Pragmatismus stehen hierbei subjektive Sinnqualitäten und die Rekonstruktion der Entstehungsbedingungen, Verläufe und Konsequenzen sozialer Praktiken im Vordergrund.

Gliederung nach der Ebene sozialer Phänomene

Eine häufig vorzufindende Unterteilung der Soziologie unterscheidet zwischen dem Blick auf Gesellschaften (Makrosoziologie) und dem Blick auf das individuelle Handeln (Mikrosoziologie). Daneben wird teilweise eine Mesosoziologie als Soziologie einer intermediären Ebene, in der Handeln und soziale Systeme zusammentreffen, angeführt.

Mikrosoziologie (Individuum, Interaktion, Handeln)


- Methodologischer Individualismus (auch Rational-Choice-Theorie)
- Symbolischer Interaktionismus
- Phänomenologische Soziologie
- Konfliktsoziologie
- Figurationssoziologie
- Ethnomethodologie
- Situationsdynamik: If men define situations as real, they are real in their consequences. (Thomas-Theorem); zumal in der soziologischen Rollentheorie werden auch situative Rollen behandelt.

Mesosoziologie


- Soziologie der Institutionen, Rituale, Organisationen und sozialen Netzwerke.

Makrosoziologie (Kollektiv, Gesellschaft, System, Struktur)


- Funktionalismus
- Strukturalismus
- Strukturfunktionalismus
- Marxistische Soziologie
- Kritische Theorie (auch Frankfurter Schule)
- Systemtheorie

Soziologische Methoden

Um eine der Soziologie angemessene Methodik wurde seit den Anfängen der Disziplin im so genannten Methodenstreit gerungen. Das methodische Instrumentarium der Soziologie lässt sich wie folgt gliedern:
- Empirische Sozialforschung
  - Qualitative Methoden
    - Biografieforschung
    - Grounded Theory
    - Objektive Hermeneutik
    - Qualitative Inhaltsanalyse
    - Historische Soziologie
  - Quantitative Methoden

Allgemeine und spezielle Soziologien

Schließlich lassen sich Themenbereiche der Soziologie auch danach unterscheiden, ob sie der allgemeinen Soziologie zuzurechnen sind, also generelle Gültigkeit beanspruchen, oder ob es sich dabei um Themen einer speziellen Soziologie handelt.

Allgemeine Soziologie

Der Allgemeinen Soziologie werden die für das Fach wichtigen theoretischen Ansätze und auch Sachgebiete wie das Verhältnis von Akteur und Gesellschaft bzw. Person und sozialem System, sowie die Struktur und der Wandel von Gesellschaften/sozialen Systemen zugerechnet. Themen der Allgemeinen Soziologie sind u.a. soziales Handeln und soziale Beziehung, soziale Ungleichheit, Gruppen, Sozialisation, sozialer Wandel, Soziale Mobilität, Methoden der empirischen Forschung, soziale Rollen, Tausch, Klasse, Elite, Macht und Herrschaft etc.

Spezielle Soziologien

Spezielle Soziologien - informell auch Bindestrichsoziologien genannt - befassen sich mit den Strukturen und Prozessen gesellschaftlicher Teilsysteme oder institutioneller Bereiche der Gesellschaft. Zu den wichtigisten speziellen Soziologien gehören Arbeitssoziologie, Familiensoziologie, Politische Soziologie. Durch die zunehmende Differenzierung auch der Soziologie selbst bilden sich laufend weitere spezielle Soziologien. Eine ausführliche Auflistung gibt die Liste spezieller Soziologien.

Angewandte Soziologie

Der Erfolg einer soziologischen Theorierichtung ist nicht nur von ihrer intellektuellen Tüchtigkeit und wissenschaftlichen Bedeutung abhängig, sondern -- wissenschaftssoziologisch gesehen -- durchaus auch von der Nachfrage nach soziologischer Beratung durch den Markt beziehungsweise durch die Politik. Hier wird in der Soziologie am meisten in den Bereichen der Markt- und Wahlforschung verdient, was die Entwicklung der quantitativen Methoden (Statistik) und der an die Naturwissenschaften angelehnten Theorieansätze relativ begünstigt - die Fragen sind meist eingeschränkt und auf die allernächste Zukunft bezogen. Hier kam es (zuerst in den USA, seit den späten 1940er Jahren auch in Deutschland) zur Gründung von Umfragefirmen und Meinungsforschungsinstituten. Mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Prozesse auf die Raumstruktur befasst sich die Stadtsoziologie (vgl. auch Sozialer Raum). (Dabei wird häufig auch mit Methoden der Geographie gearbeitet.) Einige spezielle Soziologien (Militär-, Medizin-, Sport- und Katastrophensoziologie) sind einigermaßen auf Beratung eingestellt, nicht aber mehr die Industriesoziologie, seit ab den 1970er Jahren das Fach aus den "Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen" Fakultäten (Fachbereichen) in die Philosophischen hinüber gewandert ist. Diktaturen haben vor allem vor einer die Mentalität der Bevölkerung berücksichtigenden und darüber Auskunft gebenden Soziologie Angst; bei besonderem (dann oft geheimem) Beratungsbedarf erlauben sie gelegentlich soziologische Fragestellungen (sehr typisch in der DDR im Bereich der Stadt- und Jugendsoziologie).

Einführende Bücher in die Soziologie


- Günter Endruweit / Trommsdorff, Gisela (Hgg.) - Wörterbuch der Soziologie; 2. Aufl., Stuttgart 2002 :Eine kundige und zur Zeit (2004) auch die neueste Übersicht im Handbuchcharakter mit zahlreichen Mitarbeiter/inne/n. Doch bleiben auch die anderen erhältlichen soziologischen Wörterbücher empfehlenswert.
- Wolfgang Eßbach - Studium Soziologie UTB, 1996. :Überblick über die Entstehungsgeschichte der Soziologie, ihre heutigen Anwendungsfelder, das Soziologiestudium und wichtige Grundbegriffe.
- Anthony Giddens: Soziologie; 2. überarb. Auflage; aus dem englischen (Sociology), 1997 Nausner& Nausner : "Das Standardwerk im englischsprachigem Raum vom Cambridgeprofessor ISBN 3-901402-22-5
- Dirk Kaesler (Hg.) - Klassiker der Soziologie; München 2000; C.H. Beck Verlag :Wiederum in zwei Bänden zeigt eine jüngere Generation von Soziologen im Rahmen von jeweils 20 Seiten, wer cum grano salis die Klassiker sind. Einunddreißig von ihnen werden erstens in ihrem Leben und dem zeitgenössischen Kontext, zweitens in ihrem Werk und deren wichtigsten Begriffen und drittens in ihrer Wirkung auf das zeitgenössisches soziologisches Denken und auf die gegenwärtige internationale Soziologie dargestellt. Diese beiden Bände helfen, die Klassiker kurz zu rekapitulieren und in eine Geschichte zu verorten.
- Walter M. Sprondel - Über das Verhältnis der Soziologie zu den Geisteswissenschaften, in: Florian Keisinger u. a. (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte, Frankfurt a. M./New York 2003 ISBN 359337336X
- Annette Treibel - Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart; 6. Aufl. Wiesbaden 2004. VS Verlag :Teil des Einführungskurses in die Soziologie in vier Bänden. In diesem Band werden die soziologischen Theorien in ihrer Struktur aufgearbeitet und vorgestellt.Gleichzeitig werden Verbindungslinien gezogen um das Geflecht der unterschiedlichen Ansätze transparenter zu machen.

Weblinks


- [http://www.soziologie.uni-freiburg.de/fachschaft/studium/wasistsoz.php Was ist Soziologie ]
- [http://www.socioweb.de/seminar/einfuehrung/index.htm Soziologie-Lexikon] mit über 2000 Einträgen
- [http://agso.uni-graz.at/lexikon/ 50 Klassiker der Soziologie]
- [http://www.uni-marburg.de/soziologie/schwerpunkte/nojs.html Universität Marburg], FB Soziologie: Erläuterte Systematik der Forschungsschwerpunkte
- [http://www.soziologie.de DGS - Deutsche Gesellschaft für Soziologie]
- [http://www.bds-soz.de BDS - Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen]
- [http://wwww.gesis.org/ GESIS] Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e.V.
- [http://www.valt.helsinki.fi/esa/ ESA - European Sociological Association]
- [http://www.ucm.es/info/isa/ ISA - International Sociological Association]

Siehe auch

Portal:Soziologie, Liste soziologischer Artikel, Liste von Soziologinnen und Soziologen, Liste bahnbrechender soziologischer Publikationen ! Kategorie:Sozialwissenschaft ja:社会学 ko:사회학 ms:Sosiologi simple:Sociology th:สังคมวิทยา

Akteur

Ein Akteur ist der Autor einer Handlung.

Umgangssprache

Im Alltagsgebrauch wird meist ein Schauspieler (auf der Bühne) als "Akteur" bezeichnet. Die veraltende weibliche Form "Aktrice" wird manchmal auch zur Bezeichnung einer Darstellerin benutzt, deren Können in Frage gestellt wird.

Sozialwissenschaften

In der Soziologie wird "Akteur" (anglisierend auch "Aktor") oft für sozial Handelnde verwandt, und nicht nur für Einzelne. Auch Staaten, Konzerne und NGOs können als national und international "agierend" aufgefasst werden (dann oft: "kollektive Akteure"). Auch innerhalb eines Staates/einer Gesellschaft können beispielsweise als "kollektive Akteure" Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände unterschieden werden.
Anhand der Bedeutung, die dem Willen bzw. den Entscheidungen der Akteure für allen gesellschaftlichen Wandel beigemessen wird, unterscheiden sich akteurzentrierte Theorien der Soziologie von z.B. systemischen oder strukturalistischen Theorien.

Betriebswirtschaftlich

Auch eine engere betriebswirtschaftliche Bedeutung existiert: Bei der Modellierung von Geschäftsprozessen, insbesondere im Rahmen der Unified Modeling Language, verwendet man das Konzept eines "Akteurs" als Modellierungselement. Ein Akteur abstrahiert dabei von realen Benutzern eines IT-Systems, indem er für eine Rolle steht, die von verschiedenen Benutzern im Rahmen eines Geschäftsprozesses eingenommen werden kann. Siehe auch Akteur in der Unified Modeling Language und Anwendungsfalldiagramm.

In der Entwicklungszusammenarbeit

In der Entwicklungszusammenarbeit werden die an Konzeption und Durchführung von Entwicklungsprojekten beteiligten Individuen oder Gruppen Akteure genannt. Eine Möglickeit der Betrachtung dieser Zusammenhänge bietet die Akteursanalyse.

Siehe auch


- Methodologischer Individualismus
- Soziales Handeln Kategorie:Soziologie

Strukturalismus

Der Strukturalismus ist eine Forschungsmethode der Geisteswissenschaft, besonders der Linguistik, der Literaturwissenschaft, der Psychoanalyse, der Psychologie, der Soziologie und der Anthropologie. Außerdem war der Strukuralismus eine wichtige Strömung in Kunst und Architektur, insbesondere in den 1950er bis frühen 1970er Jahren.

Grundprinzipien

Der Strukturalismus beruht auf der Grundannahme, dass Phänomene nicht isoliert auftreten, sondern in Verbindung mit anderen Phänomenen stehen. Diese Verbindungen gilt es aufzudecken; genauer gesagt bilden die Phänomene einen strukturierten (strukturierbaren) Zusammenhang. Dabei wird die Struktur jedoch durch den Beobachter in einem Modell konstruiert. Die Struktur existiert also nicht auf der Ebene der Wirklichkeit, sondern nur auf der Ebene des Modells. Ein Strukturalist geht in der Regel wie folgt vor: # Der Bereich des Beobachtbaren wird eingeteilt in strukturell beschreibbare und strukturell nicht beschreibbare Phänomene; nur erstere sind Gegenstand strukturalistischer Analysen. # Die beschreibbaren Phänomene werden segmentiert. # Zwischen den Segmenten wird ein Zusammenhang (re-)konstruiert. Dabei ist unter Umständen eine den Segmenten zugrunde liegende weitere (abstraktere) Beschreibungsebene anzusetzen, auf der wieder eine Segmentierung ihrer Entität möglich ist.

Entstehung

Der Strukturalismus geht auf den Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure zurück, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Vorlesungen über Allgemeine Sprachwissenschaft hielt (Cours de linguistique générale), in denen er die Grundlage für eine neue Methode schuf. Seine Vorlesungen wurden erst posthum 1916 veröffentlicht, gelten aber wegen ihres neuartigen Ansatzes, naturwissenschaftliche Prinzipien auf einen vermeintlich geisteswissenschaftlichen Bereich wie den der Sprachwissenschaft anzuwenden, als wahrlich revolutionär und bis heute maßgebend für alle möglichen sprachwissenschaftlichen und semiotischen (zeichenwissenschaftlichen) Teildisziplinen. Die strukturalistische Methode ist in Disziplinen wie der Linguistik, der Anthropologie oder der Psychoanalyse weithin anerkannt. Dagegen waren und sind Versuche umstritten, die Methode auf alle kulturwissenschaftlichen Disziplinen auszuweiten (beispielsweise auf die Literaturwissenschaft durch Tzvetan Todorov und Roland Barthes oder auf die Filmwissenschaft durch Christian Metz). Als Beispiel für die Zweckmäßigkeit der strukturalistischen Methode sei hier die Erarbeitung des Lautschriftsystems der IPA/API (International Phonetic Association/Association phonétique internationale) genannt. Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass sich sämtliche menschlichen Sprachäußerungen einem System unterordnen lassen, das aus einer feststellbaren Anzahl von Konsonanten (gegliedert nach Artikulationsart und -ort) und Vokalen (gegliedert nach Stellung der Sprechwerkzeuge und dem sich gleichzeitig ergebenden Atemausstoß) besteht. Hinzu kommen die sog. Halbvokale, die den Bereich einnehmen, wo die Grenze zwischen Konsonant und Vokal fließend ist. Diesen Kategorien Konsonant, Halbvokal und Vokal wurden sämtliche denkbaren Sprachlaute zugeordnet (mit den dazugehörigen, unabdingbaren diakritischen Zeichen - denn kein Mensch spricht einen Laut zweimal auf dieselbe Weise aus), und den Lauten dann lateinische, griechische u.a. Buchstaben eindeutig zugeordnet ("Lautschrift"). Es wurden also gesprochene Laute für "strukturell beschreibbar" erklärt, sie systematisch beobachtet (siehe oben, Schritt 1), sie segmentiert (Schritt 2) und ein Zusammenhang zwischen ihnen konstruiert (Konsonant–Halbvokal–Vokal-Schema mit seiner inneren Gliederung, Schritt 3). Der Strukturalismus erhebt tatsächlich den provozierenden Anspruch, Sprach-, Zeichen- und Kulturphänomene mit naturwissenschaftlicher Exaktheit zu beschreiben. Dieses Verfahren wurde in der Folge auf kulturelle Phänomene aller Art übertragen und zu differenzierten Analysetechniken weiterentwickelt. In allen Fällen wird versucht, die analysierten Phänomene mit einer Art "Gitternetz" zu erfassen, in dem jedes Element durch die Merkmale, Korrelationen und Oppositionen bestimmt ist, die sich aus dem Verhältnis der Elemente untereinander ableiten lassen. Nachdem der kulturbezogene Strukturalismus totgesagt war (etwa seit 1980), wirkten die strukturalistischen Methoden v.a. in der Semiotik und Literaturtheorie fort. Beziehungen bestehen auch zur Systemtheorie und zur Psychoanalyse. Siehe auch: Poststrukturalismus, Regulationstheorie

Strukturalismus in der Soziologie

Vor allem hat hier der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss mit ethnosoziologischen Materialien wichtige Beiträge zur Struktur von Familie und Clan vorgelegt und deren allgemeine Anwendbarkeit eröffnet (vergleiche auch Schwiegermutter (Soziologie)). Als Antwort zum Strukturalismus wurde der Dekonstruktivismus vom Philosophen Jacques Derrida entwickelt. Kategorie:Wissenschaftstheorie Kategorie:Struktur Kategorie:Linguistik Kategorie:Sprachphilosophie ja:構造主義 ko:구조주의

Kaste

Der Begriff Kaste (portugiesisch casta – Kiste, Schublade, im übertragenen Sinn auch Geschlecht, Stamm) wird in der Völkerkunde und der Soziologie in erster Linie mit einem aus Indien bekannten sozialen Phänomen assoziiert. Er wird aber auch umgangssprachlich oder soziologisch allgemein benutzt und auf einzelne Gruppierungen anderer und sogar moderner Gesellschaften angewandt. Das Kastenwesen i.e.S. ist insbesondere in Indien, auf Ceylon, in Nepal, auf Bali und bei den kurdischen Jesiden, verbreitet.

Indien

Die Kastenzugehörigkeit hatte auf dem indischen Subkontinent bis vor einigen Jahrzehnten Auswirkungen auf das gesamte Leben eines Individuums. Noch heute bestimmt sie weitgehend, wenn auch längst nicht mehr ausschließlich u.a. die Partnerwahl und die Berufswahl. Waren früher grundsätzlich keine gemeinsamen Mahlzeiten erlaubt, weil Hochkastige das gemeinsame Mahl mit Niedrigkastigen als verunreinigend empfanden, ist heute besonders in urbaner Umwelt die traditionelle Trennung zwischen den einzelnen Gesellschaftsgruppen auch in diesem Bereich großteils aufgehoben. In ländlichen Gegenden dagegen findet man die alten Strukturen noch fester verankert, obwohl ihnen auch hier nicht mehr absolute Gültigkeit zukommt. Trotzdem hat diese traditionelle Gesellschaftsordnung im täglichen Leben oft noch heute Einfluss auf alles was "roti aur beti" (Hindi) betrifft: "Brot und Tochter". Die arrangierten Hochzeiten werden meist innerhalb der Kaste organisiert. Das Kastensystem ist eine dynamische, sehr differenzierte Gesellschaftsordnung. Die Kriterien werden regional recht unterschiedlich gehandhabt, darum wäre es richtiger von „Kastenwesen" zu sprechen statt von einem „Kastensystem“. Auch die christlichen und muslimischen Inder z.B. in Kerala haben sich ein ausgeprägtes Bewußtsein ihrer Kastenzugehörigkeit bewahrt. Die vier Hauptkasten der indischen Muslime lauten Shekh, Khan, Beg und Saiyad (auch Säyäd oder Sayid). Die Zuordnung zu einer Kaste sagt nichts über „wohlhabend“ oder „arm“ aus. Es handelt sich weitgehend um eine Einteilung nach ritueller Reinheit und Aufgabenbereich, nicht jedoch um „Oberschicht“ oder Unterschicht“ die sich nach finanziellen Kriterien richtet. Durch jahrhunderte lange Ausbeutung jedoch findet sich Armut tendenziell mehr bei Shudras und Unberührbaren, obwohl auch brahmanische Familien, Angehörige der obersten Kaste, wirtschaftlich sehr schlecht gestellt sein können. Beim "Kastensystem" sind zwei, sich ergänzende Aspekte zu berücksichtigen: # die Zugehörigkeit zur Varna und # die Zugehörigkeit zur Jati

Varna

Varna (वर्ण) ist Sanskrit und bedeutet wörtlich "Klasse, Stand, Farbe". Traditionell nimmt man an, dass damit die Hautfarbe gemeint war, wobei die Kaste desto höher war, je heller die Haut war, worin sich die Rassenzugehörigkeit verschiedener Einwanderer- bzw. Erobererwellen widerspiegele. Diese Theorie ist jedoch umstritten. Andere stellen den Begriff in Zusammenhang mit den 'geistigen' Farben der Gunas, den Qualitäten und Eigenschaften in Mensch und Natur. Diese Ansicht weist jeder Kaste eine bestimmte Farbe zu. Es gibt vier Varnas: die Brahmanas, die Kshastriyas, die Vaishyas und die Shudras. Das System der Varnas lässt sich als die geistig, ideologische Ebene des Kastensystems beschreiben, da es eine Legitimation für die gesellschaftliche Hierarchie bietet. Es ist eine ideale, rein theoretische Ordnung, im täglichen Leben geht es eher um die Jatis. Die Frage nach dem Ursprung ist ungeklärt, keine Institution und keine Schrift hat die Kastenordnung geschaffen oder verordnet. Historisch ist sie wahrscheinlich durch das Zusammenwachsen verschiedener Stämme entstanden, die nun ein Gesamtsystem bilden. Oft wird sie auf den Mythos des Purusha zurückgeführt, dem göttlichen Urmenschen, aus dessen Körperteilen die ersten Kasten entstanden sein sollen (die erste aus dem Kopf, die zweite aus den Armen, die dritte aus den Schenkeln, die vierte aus den Füßen). :मुखं किमस्य कौ बाहू का ऊरू पादा उच्येते || :ब्राह्मणो अस्य मुखमासीद बाहू राजन्यः कर्तः | :ऊरूतदस्य यद वैश्यः पद्भ्यां शूद्रो अजायत || (Rig Veda 10,90,11:12) :Als sie den Purusa (Urmensch) zerlegten, in wie viele Teile teilten sie ihn? Wie nannten sie seinen Mund, wie seine Arme, wie seine Schenkel, wie seine Füße? Sein Mund wurde zum Brahmanen, seine beiden Arme zum Krieger (Rajanya), seine beiden Schenkel zum Vaishya, aus seinen Füßen entstand der Shudra. Das Purushasukta ist die einzige Hymne im Rig Veda, in der die vier Varnas erwähnt werden. In den drei anderen Vedas und den Upanishaden finden die Varnas nur selten Erwähnung. Demnach unterscheidet man in der Sozialordnung von oben nach unten den
- Brahmanen (Priester, Gelehrter)
- Kshatriya (König, Prinz, Krieger, höherer Beamter)
- Vaishya (Landwirt, Kaufmann, Händler)
- Shudra (Knecht, Dienstleistender) Wirklich ausformuliert wurde die Regeln des Kastensystems jedoch erst in der Manusmriti (200 v.Chr und 200 n.Chr.). Alle anderen Hindu-Schriften nehmen das System als erstrebenswerte Tatsache, setzen sich aber auch immer wieder kritisch damit auseinander. Besonders das Mahabharata stellt es einerseits an unzähligen Stellen als wünschenswerte Institution dar, andererseits lehnen andere Aussagen im selben Epos die erbliche Gesellschaftshierarchie eindeutig ab. Nach hinduistischer Vorstellung sind mit der Kastenzugehörigkeit bestimmte kosmische und soziale Pflichten (Dharma) verbunden. Die traditionelle Pflicht eines Kshatriya ist beispielsweise das Studium der Schriften, die Gesellschaft zu führen, zu kämpfen und in den Krieg zu ziehen (vgl. Bhagavadgita), wogegen Brahmanen die Schriften studieren sollen, lehren sowie den Vollzug der Riten sicher stellen. In der frühen vedischen Zeit war die Resitriktionen in Bezug auf Beruf und soziale Mobilität deutlich geringer. Eine Hymne des Rig Veda lautet: :कारुरहं ततो भिषगुपलप्रक्षिणी नना | (Rig Veda 9,112,3) :Ich bin Poet, mein Vater ist Arzt, meine Mutter füllt den Mahlstein auf.

Jati

Die Varnas gliedern sich in hunderte von Jatis (जाति) auf. Der Begriff leitet sich ab aus der Sanskritwurzel "jan" für geboren werden. Dies weist auf die Hauptbedeutung von Jati hin: Geburtsgruppe. Dies ist durchaus auch im Sinne von Großfamilie oder Clan zu verstehen. Die Jatis sind somit die soziale und familiäre Dimension des Kastensystems und erinnern in gewissem Maße an die mittelalterliche Ständeordnung. Dumont geht von etwa 2000 bis 3000 Jatis aus. Die Kastenzugehörigkeit des Individuums wird durch die Geburt bestimmt, wobei Ein- oder Austritt theoretisch nicht möglich sind. Die Jati dient neben der beruflichen auch der ethnischen, sozioökonomischen und kulturellen Differenzierung; sie verbindet eine Volksgruppe durch besondere, gemeinsame, sittliche Normen. Früher war damit eine strenge Heiratsordnung verbunden, bei mehr oder weniger strenger Abschließung gegenüber anderen Jatis. In Indien sind heute jede durch das Kastenwesen bedingte Benachteiligungen gesetzlich verboten. Trotzdem ist es aus dem praktischen Leben nicht völlig verschwunden, besonders da es noch heute wichtige soziale Aufgaben erfüllt. Die Jatis etwa haben in gewisser Weise auch die Funktion eines Sozialversicherungs-Systems, das in der kulturellen und sozialen Tradition verankert ist. So bieten sie etwa in den Millionenstädten für Arbeitsuchende aus anderen Gegenden des Landes oft die einzige Zuflucht, die einzige Möglichkeit Aufnahme, Nahrung und Hilfe zu finden, oder garantieren ein Überleben der Familie bei Arbeitslosigkeit und Krankheit. Die soziale Mobilität innerhalb der Jati ist nicht sehr groß; jedoch können bestimmte Jatis als ganze sozial aufsteigen, wie dies im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Einfluss der britischen Kolonialherrschaft vor allem den Kaufmanns- und Schreiber-Jatis gelungen ist. In der Praxis kommen auch Abspaltungen sozial höher oder niedriger rangierender Teilpopulationen mit Bildung neuer Jatis vor. Die Jatis gliedern sich in Subjatis auf. Den Aufstieg ganzer Jatis hat der indische Soziologe M.N. Srinivas als "Sanskritierung" bezeichnet. Jatis von niedrigem Rang übernehmen den Lebensstil, die Rituale und die Symbole höherer Jatis und steigen dadurch langfristig auf. Dabei werden nicht nur die Elemente der klassischen indischen Kultur übernommen, sondern parallel dazu auch westliche Symbole. Als Vorbilder dienen meist Jatis mit hohem wirtschaftlichen Status. Wenn ein Inder wissen möchte, zu welcher Kaste ein anderer gehört, fragt man in Hindi nach der "Jati" oder im Englischen nach der "community" (nie nach der "caste", da dieser Begriff zu viele unangenehme Konnotationen hat und die gesellschaftliche Relevanz eher in der Jati liegt). Den Begriff "Varna" würde man dafür ebenso nicht verwenden. Neben orthodoxen Hindus, die das Kastensystem noch heute als wünschenswerte Form des Zusammenlebens propagieren und jenen, die Privilegien und Ausbeutung mit dem alten System legitimieren, hat es zu allen Zeiten auch hinduistische Bewegungen gegeben, die Auswüchse und Ungerechtigkeiten angeprangert und eine Überwindung der strikten Kastenschranken gefordert haben. Besonders wichtig waren dabei die Bhakti-Bewegungen, die schon seit einigen Jahrhunderten die indische Gesellschaft beeinflusst haben. Heute lehnen es moderne Hindus vielfach ab, die grundsätzliche Gebundenheit an Kasten aufrechtzuerhalten.

Veda-Studium

Einige Brahmanen betrachten sich als die einzige "reine" Varna und alle anderen als "vermischt". Die ersten beiden Varnas machen ca. 10% der Bevölkerung Indiens aus. Die ersten drei Varnas betrachten sich als "Zweimalgeborene" (dvija). Mit "zweimalgeboren" ist gemeint, dass es nach der natürlichen Geburt noch eine "kulturelle/geistige" Geburt gibt, die in Form eines Initiationsritus (Upanayana) für Männer vollzogen wird. Früher berechtigte nur diese "zweite Geburt" zum Studium der heiligen Texte (Veda), heute steht dies jedem offen, im privaten und akademischen Bereich oder bei einem Guru. Die Zugehörigkeit zu den oberen Varnas war eng gekoppelt mit Kenntnissen des Veda, der heiligen indischen Texte. Man unterschied zwischen "Chaturvedi" (die - theoretisch - alle vier Veden studiert hatten), "Trivedi" (drei Veden) und "Dvivedi" (zwei Veden). Dies sind heute noch häufige Familiennamen. Wissen und das Privileg zu dessen Weitergabe war ein wichtiges Abgrenzungkriterium der ersten zu den übrigen Varnas: Das Studium der Veden betrachteten sie nicht nur als ihre Pflicht, sondern auch als ihr (Vor-)Recht, die Weitergabe dieses Wissens an Außenstehende (nicht "Zweimalgeborene) war lange Zeit tabuisiert.

Beruf

Die ursprünglichen Berufszuordnungen in den Jatis sind heute weitgehend theoretischer Natur, theoretisch kann jeder jeden Beruf ausüben. Lediglich ein Bruchteil der Brahmanen ist heute Priester (beliebt sind die Brahmanen dagegen als Köche in besseren Restaurants, da Höherkastige keine von Niederkastigen zubereiteten Speisen essen würden), wogegen ihre traditionellen Aufgaben, selbst das Priesteramt, in fortschrittlichen Gesellschaftsschichten heute verstärkt auch von Angehörigen anderer Varnas ausgeübt werden. Nur wenige Kshatriyas sind Soldaten (die meisten Berufsoffiziere wurden - jedenfalls bis zur Ermordung Indira Gandhis 1984 - von den Sikhs gestellt). Der vormalige Präsident Kocheril Raman Narayanan (im Amt 1997-2002) war ein ehemals „Unberührbarer“, Mahatma Gandhi, der Indien in die Unabhängigkeit geführt hat, sowie der wichtige religiöse Führer Swami Vivekananda waren Vaishya.

Heirat

Die Jatis dienen nicht allein der beruflichen Zuordnung, sondern auch der sozialen und ethnischen. Sie unterschieden sich innerhalb Indiens je nach Region ganz erheblich. Auf indischen Websites zur Partnersuche finden sich sehr oft Suchfunktionen nach Kastenkriterien, sowohl in Bezug auf die Varna als auch auf die Jati. Auch wenn es im modernen Indien starke Tendenzen zur "love-marriage" gibt und selbst arrangierte Ehen heute Kastenschranken oft überwinden, so haben doch die traditionellen Regeln ihre Bedeutung keineswegs verloren.

Reinheit und Unreinheit

Für die Hierarchie zwischen verschiedenen Jatis spielen die Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit eine große Rolle. Als besonders rein gelten die Brahmanen, die Priesterkaste. Als besonders unrein gelten hingegen jene Jatis, die mit unreinen Berufen zu tun haben, wie z.B. die Wäscher, Friseur und Müllbeseitiger. Die reinen Kasten sind bestrebt, sich möglichst von den unreinen Kasten fernzuhalten, wobei in diesem Zusammenhang auch körperliche Reinheit oder Unreinheit ein Kriterium ist. Aus diesem Grund wird auch heute noch Unberührbaren oftmals der Zugang zu Tempeln verwehrt. Allerdings ist strikte Separation nur in ländlichen Bereichen möglich, da man im städtischen Umfeld über die Kaste einer anderen Person nur informiert ist, wenn man sie persönlich oder wenigstens den Namen, ein wichtiges Kriterium der Jati, kennt. Außerdem folgt das Zusammenleben in Städten anderen Regeln als auf dem Lande und das tägliche Leben dort macht eine stete räumliche Trennung fast unmöglich. Für das Zusammenessen in Betriebskantinen z.B. sind Kriterien wie "rituelle Reinheit" völlig irrelevant. Trennung findet man in Städten eher, wie überall in der Welt, nach wirtschaftlichem Statuts: wer reich ist geht mit Reichen in die Schule, wer arm ist, lebt in Armenvierteln, besucht schlechtere Schulen und bekommt dann die elenden Jobs.

Unberührbare Kasten

Die westlichen Vorstellung von "Kastenlosen" ("Paria") beruhen weitgehend auf veralteten Beschreibungen. Dabei ist in erster Linie das Indienbuch des französischen Abbé Dubois zu nennen, das bis heute immer wieder kritiklos abgeschrieben wird, wiewohl es schon bei seiner Entstehung vor rund zwei Jahrhunderten überholt war. (Der französische Geistliche betrachtete das indische Kastenwesen als Teufelswerk und bemühte sich nicht ernsthaft, ihm gerecht zu werden.) Echte "Kastenlose" gibt es kaum. Die sogenannten "Unberührbaren" sind meist Angehörige der niedrigsten Kasten bzw. Unterkasten, wovon über 3.000 existieren. Seit der indischen Unabhängigkeit werden den Angehörigen unberührbarer Kasten bestimmte Quoten bei der Besetzung von Stellen in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungswesen zugestanden. Dies hat dazu geführt, dass in diesem Bereich Unberührbare nicht mehr benachteiligt sondern bewusst gefördert werden. Auch in der Politik hat sich einiges verändert: der letzte Staatspräsident Shri Kocheril Raman Narayanan (im Amt 1997-2002) war Angehöriger einer unberührbaren Kaste. Der in Indien auch gebräuchliche Begriff "Harijan" für Unberührbare stammt von Mahatma Gandhi. Er bedeutet wörtlich in etwas "Kinder Gottes" oder präziser "Vishnu-geboren". Die offizielle Bezeichnung für Unberührbare ist "scheduled castes". Der von Dr. Ambedkar geprägte Begriff "Dalit" für Unberührbare hat eine eher kämpferische Konnotation und bedeutet "Unterdrückte, Ausgebeutete". Die von Bhimrao Ramji Ambedkar gegründete "neo-buddhistische" Bewegung der "Dalits" ist klar gegen das Kastensystem ausgerichtet. Die meisten Angehörigen des Neo-Buddhismus sind ehemalige Angehörige unberührbarer Kasten. Auch das Christentum ist bei vielen Dalits und der sog. Stammesbevölkerung relativ stark vertreten.

Sri Lanka

In Sri Lanka wird die Kastenzugehörigkeit nicht nur von der tamilischen Bevölkerungsgruppe beachtet, sondern auch von den buddhistischen Singhalesen. Der Buddhismus bietet jedoch keine religiöse Legitimation des Kastensystems, wie dies beim Hinduismus der Fall ist. Es gibt aber auch keine klare Offensive gegen das Kastensystem. In den Jatakas (Heiligengeschichten aus dem Leben Buddhas) finden sich durchaus noch Details, die den alten Geist des Kastensystems widerspiegeln.

Bali

In Bali wurde zwar das vierteilige Varnasystem übernommen, dennoch gibt es eklatante Unterschiede zum indischen Kastensystem. In Bali gibt es die Brahmana, Satria, Wesia und Sudra. Die Zweimalgeborenen heißen in Bali Triwangsa. In Bezug auf gesellschaftlichen Status spielt die Majapahit-Einwanderungslegende eine gewichtige Rolle (und nicht der indische Dharma-Begriff). Das Pendant zu der indischen Jati bildet die Dadia, die Titelgruppe. Diese Titel haben jedoch im Gegensatz zu Indien nichts mit Berufen zu tun. Im Wettbewerb um Prestige wird der relative Status einer Titel-Gruppe durch Zeremonien signalisiert und etabliert. In Bali gibt es keine Unberührbarkeit, eingeschränkte Kommensalität (zusammen essen) gibt es nur in den höheren Rängen.

Lateinamerika

Analog zum indischen Kastensystem bezeichnete man auch im kolonialen und nachkolonialen Lateinamerika die Angehörigen verschiedener Hautfarben und dementsprechender sozialer Differenzierung als Kasten. Siehe: Krieg der Kasten

Sonstige

Vorwiegend durch Kasten geprägte Gesellschaften sind bei einigen Stämmen im übertragenen Sinne anzunehmen, in der Neuzeit sonst nicht mehr vorhanden. Doch können auch in nach sozialen Schichten und Funktionen reich untergliederten und sehr durchlässigen (mobilen) Gesellschaften einzelne Gruppierungen dennoch ausgeprägte "Kasten"-Züge aufweisen (z.B. im Klerus, im Offiziersstand, als Kader einer Diktatur). Sie werden dann meistens als andere soziale Muster ausgedeutet.

Literatur


- Susan Bayly: Caste, Society and Politics in India from the Eighteenth Century to the Modern Age. Paperback Edition, Cambridge University Press, 2001
- Christophe Jaffrelot: India's Silent Revolution: The Rise of the Lower Castes. C. Hurst & Co, 2003
- Monika Böck, Aparna Rao: Aspekte der Gesellschaftsstruktur Indiens: Kasten und Stämme in Dietmar Rothermund (Hrsg.): Indien, Verlag C.H. Beck, 1995 S.112-131
- L.M. Dumont: Homo Hierarchicus. Chicago, 1980
- M.N. Srinivas, Caste in Modern India and Other Essays. Bombay, 1962

Weblinks


- [http://www.thombar.de Rig Veda] Kategorie:Soziologie (Indien) Kategorie:Hinduismus ja:カースト ms:Sistem kasta

Soziale Schicht

Soziale Stratifikation oder Schichtung ist ein Konzept der Soziologie. Basierend auf der Idee, dass Gesellschaften grundsätzlich Hierarchien bilden, werden diese nach bestimmten Kriterien in vertikale Schichten eingeteilt. Verschiedene Ansätze, wie diese Hierarchien ausgestaltet sind, haben sich im Laufe der Soziologiegeschichte gebildet. Die Forschung interessiert sich dabei insbesondere für die Beschreibung der (Macht-)Beziehungen zwischen den Schichten und ihren Angehörigen, für die Soziale Mobilität, d.h. den Wechsel der Individuen zwischen verschiedenen Schichten (sozialer Auf- und Abstieg), für die Entstehung und Reproduktion dieser hierarchischen Strukturen, aber auch für ihre Veränderung (→ Sozialer Wandel). Ebenfalls oft untersucht werden die Auswirkungen sozialer Schichtung auf die Akteure (→ Soziale Ungleichheit). Benutzt werden die Hierarchien nicht nur, um Gesellschaften zu typologisieren und zu kategorisieren, sondern auch als Werkzeug, um komplexe Gesellschaften anhand einiger weniger Kriterien vereinfacht darzustellen und sie so untersuchen und erklären zu können.

Soziale Schichtung im Bewusstsein

Laut dem französischen Soziologen Georges Balandier gibt es keine Gesellschaft ohne Macht und keine Macht ohne Hierarchie. Diese Vorstellung existiert nicht nur in der Soziologie, sondern hat sich tief in den sozialen Repräsentationen westlicher Gesellschaften verankert. Die Strukturierung der Gesellschaft in Schichten findet sich bereits in der Veda, der Bibel und dem Koran, auch in vielen Mythen von Naturvölkern; Mythen die die gesellschaftliche Schichtung gleichzeitig erklären als auch legitimieren. Andere religiöse/spirituelle Texte versprechen eine Umkehrung der auf der Erde existierenden Verhältnisse (z.B. Lukas 6, 20). Max Weber, der Begründer der Religionssoziologie, hat in seiner Analyse feudaler Gesellschaften auf den Zusammenhang zwischen Religion und Klasse hingewiesen. Bei Weber reflektiert die Religion einerseits die existierenden gesellschaftlichen Hierarchien, andererseits drückt das Individuum durch seine religiöse Praxis auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht aus.

Objektive vs. subjektive Schichtung

Viele der klassischen Schichtungsmodelle (Klassen, Stände usw.) hinterlassen den Eindruck, die Stratifikation wäre in einer Gesellschaft objektiv vorhanden. Bereits Marx wies jedoch mit seinem konzeptuellen Begriff Klassenbewusstsein und der Trennung von Klasse an sich und Klasse für sich auf den subjektiven Aspekt sozialer Schichtung hin. Unabhängig davon, ob Hierarchien objektiv existieren oder nicht, haben Individuen immer das Bedürfnis, ihre soziale Umwelt zu ordnen und zu strukturieren (→ Kategorisierung). Ein Teilbereich der soziologischen Forschung befasst sich deswegen mit den sozialen Repräsentationen gesellschaftlicher Schichten. Mythen und religiöse Texte stellen einen Schwerpunkt der Analyse dar. So hat Stanislas Ossowski darauf hingewiesen, dass Mythen in den meisten Fällen eine vereinfachte Darstellung unserer Sicht des sozialen Raumes sind und diese erstaunlich häufig einfache Dichotomien aufweisen. Auf die Schwierigkeiten, die objektive soziale Schichtung einer Gesellschaft zu untersuchen, hat u.a. der US-amerikanische Soziologe W. Lloyd Warner hingewiesen. Warners Ziel war es, eine Typologie des gesellschaftlichen Raumes in US-amerikanischen Städten zu erstellen. Er legte jedoch stattdessen eine Typologie der subjektiven Vorstellungen der US-Amerikaner über ihren sozialen Raum vor. Warner schloss daraus, das Klasse/Schicht nur dann vorhanden sein kann, wenn sich die Individuen ihr zugehörig fühlen und sich mit anderen Mitgliedern derselben Klasse/Schicht identifizieren. Diese Identifikation beruht auf der Vorstellung, die das Individuum von der bestehenden Sozialstruktur hat. Dort ordnet der Akteur sich und andere ein und weist Positionen zu. Pierre Bourdieu verband das Konzept objektiver sozialer Klassifizierung mit dem der subjektiven Klassifizierung. Er untersuchte anhand einer umfangreichen empirischen Studie mit neu entwickeltem theoretischem Werkzeug, wie diese Klassifizierung vorzunehmen ist. Er stellte dabei fest, dass die Machtverhältnisse zwischen Individuen und Klassen bzw. Schichten ständigem Wandel unterworfen sind und jeweils neu ajustiert werden müssen. Dieser Vorgang ermöglicht es, dass die "hierarchisierte soziale Ordnung innerhalb einer sozialen Formation eine objektive Existenz" bekommt. Diese wird wiederum von den Individuuen verinnerlicht und die "soziale Ordnung brennt sich mit der Zeit in die Hirne ein. So werden soziale Unterschiede zur Grundlage der sozialen Unterscheidung, die die Wahrnehmung der sozialen Welt organisiert" (Bourdieu, 1979, S. 549).

Schichtung als Analysewerkzeug


- Soziale Klasse
- Soziale Schicht (Strata)

Schichtung als Kategorisierungswerkzeug


- Klassengesellschaft
- Ständegesellschaft
- Kastengesellschaft

Quellen und weiterführende Literatur


- Balandier, Georges: Stratifications sociales, in: Balandier, Georges und Bastide, Roger (Hrsg.): Perspectives de la sociologie contemporaine, Paris, PUF, 1968, S. 3-20.
- Bendix, R. und Lipset, S.M.: Class, status and power. New York, The Free Press, 1966.
- Bleuer, Katharina: Les inégalités sociales - Définitions, articulations et conséquences. Université de Neuchâtel, 1995.
- Bourdieu, Pierre: La Distinction. Paris, Editions de Minuit, 1979.
- Cornu, Roger und Lagneau, Janina (Hrsg.): Hiérarchie et classes sociales. Paris, Armand Colin, 1969.
- Ossowski, Stanislas: La vision dichotomique de la stratification sociale, in: Cornu & Lagneau, 1969 (siehe dort), S. 8-20.
- Warner, W. Lloyd: The study of social stratification., in Review of sociology, New York, 1957, S. 221-258.
- Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, 1921.
- Weber, Max: Class and class action. in: Bendix, R. und Lipset, S.M. (siehe dort), S. 21-28 Siehe auch Sozialstruktur. Kategorie:Soziologie

Elite

Unter „Elite“ (lat.: Auswahl) versteht man die Zusammenfassung überdurchschnittlich qualifizierter Personen („Funktionseliten“) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise („Machteliten“) in einer Gesellschaft. Da aber die Begriffe ineinander übergehen, werden sie hier in einem Artikel abgehandelt. Als Gegenbegriff wird häufig „Masse“ benutzt.

Begriffsgebrauch und Begriffsgeschichte

Im 17. Jahrhundert tauchte das Wort erstmalig auf und wurde zur Bezeichnung von hochwertigen und teuren Waren, vor allem von Stoffen („Elitegarn“), verwendet. Erst langsam, innerhalb eines Prozesses von zweihundert Jahren, begann man den Begriff auch auf soziale Zusammenhänge hin auszuweiten. Gut belegt ist die Verwendung von Elite, und übrigens auch von Kader, im militärischen Bereich. Eliteeinheiten galten – und gelten auch heute noch – als besonders ausgebildete und bewaffnete Truppenteile, während mit dem Wort „Kader“ der erfahrene Stamm eines Heeres, jene Gruppe militärischer Ranginhaber gemeint ist, die Rekruten ausbilden, organisieren und in die Rahmen, in die Kader, der Armee eingliedern. Im Alltagsleben und in den Massenmedien wird das Wort „Elite“ Personen zugeschrieben, die sich in politischen, wirtschaftlichen, sportlichen, künstlerischen, akademischen usw. Spitzenpositionen befinden. Daneben haftet es organisierten Sozialsystemen an, etwa dann, wenn einer „Eliteuniversität“ (Harvard University) oder einem „Eliteinstitut“ (Massachusetts Institute of Technology, Salzburg Seminar) eine große Autorität in Wahrheitsfragen eingeräumt wird. Wahrheit (Mitte) in Sanssouci mit Voltaire (links) und den führenden Köpfen der Berliner Akademie, 1850, ehemals Nationalgalerie, Berlin, 1945 im Flakturm Friedrichshain verbrannt.]]

Elite - Qualifikation, Begabung und Herrschaft

Angehörige einer Elite haben meist eine besondere Ausbildung und heben sich so in ihrer Leistungsfähigkeit vom Bevölkerungsdurchschnitt deutlich ab. In diesem Sinn ist Elite ein Synonym für „die Besten“ (griech.: aristoi); diese bilden daher, wenn sie herrschen, eine Aristokratie im normativen Sinn des Worts. Gesellschaftspolitisch kontrovers diskutiert wird die Frage, ob besonders Begabte aktiv gefunden werden sollen bzw. ob die Elitebildung über die üblichen Ausbildungs- und Karrierewege verlaufen soll. Konservative und eher „rechte“ Denker neigen dazu, Elitebildung als Suchprozess zu verstehen, bei dem besondere, z. B. durch Vererbung bereits vorhandene, Begabungen „entdeckt“ und dann zur Entfaltung zu bringen sind. Sie stehen im allgemeinen der Elitebildung positiv gegenüber. Sozialistische und eher „linke“ Denker gehen von einer prinzipiellen Gleichheit aller aus und sehen in der Elite das Ergebnis von Sozialisations- und Lernprozessen. Sie sehen in der Elitebildung keinen Wert an sich. Aus marxistischer Sicht handelt es sich bei dem Wort "Elite" um einen Euphemismus für die herrschende Klasse. Deren Leistungsideologie dient danach dazu, Privilegien, die auf der Aneignung des Mehrwerts und der Unterdrückung der Massen beruhen, zu rechtfertigen. Die meisten Wissenschaftler sehen das Leistungsspektrum eines Individuums als Zusammenspiel von Erbanlagen, dem sozialen Umfeld sowie der erworbenen Bildung an. Umstritten ist jedoch der Anteil dieser Determinanten. Hinzu kommen in vielen Gesellschaften Faktoren, wie beispielsweise Geschlecht, die den Zugang zur jeweiligen Elite begrenzen.

Elite als soziologischer Begriff

In der Soziologie wird der Begriff sowohl wertneutral als auch in gesellschaftskritischer Absicht gebraucht. Dies gilt sowohl für empirische Ansätze in der Eliteforschung als auch für die Elitetheorie. Die soziologische Eliteforschung beschreibt den Prozess des Aufstiegs in die Elite, des Verbleibs in ihr, der Durchlässigkeit der Schichten sowie des Elitewechsels. Auch die Zusammensetzung der Elite, etwa nach Konfession, Volkszugehörigkeit, sozialer Herkunft usw. ist Gegenstand soziologischer Forschung. In den USA galt z. B. über lange Zeit das Ideal, dass die Angehörigen der Führungsschicht „WASP“ sein mussten (WASP = weiß, angelsächsisch, protestantisch). John F. Kennedy war – als Katholik – der erste US-Präsident, der nicht dieser Gruppe zugehörte. Darüber hinaus werden die Privilegien untersucht, die mit der Zugehörigkeit zu einer Elite verbunden sind. Ein Wechsel der Elite kann vergleichsweise unauffällig oder revolutionär erfolgen. Als einer der ersten hat dies der Soziologe Vilfredo Pareto erkannt und mit reichhaltigem historischen Anschauungsmaterial eine Theorie des Kreislaufs der Eliten gebildet. Er unterscheidet zunächst statisch zwischen der Elite und der Reserve-Elite. Dynamik erlangt seine Theorie in der Zeitdimension. In der Reserve-Elite schlummert das Potenzial zur neuerlichen Elitebildung. Die der herrschenden Elite gegenüber stehende Gegenelite vermag durch Mobilisierung der Masse jene abzulösen. Die Masse selbst kommt nie an die Macht, sondern eine neue Elite herrscht. Sowohl die herrschende Elite als auch die nicht-herrschende Gegenelite bedienen sich Pareto zufolge Erfolg versprechender Derivationen, d.h. "politischer Formeln" (G. Mosca), um die indolente Masse zu täuschen und zu ideologisieren. In Anlehnung an Niccolò Machiavelli konstruiert Pareto mit den „Löwen“ und „Füchsen“ zwei extreme Typen der Macht, die sich im Kampf um die Führung gegenüber stehen. Die personelle, intellektuelle und moralische Zusammensetzung der Elite ist ein Indikator für das Niveau sozialer Integration. Seiner Theorie zufolge unterliegen allem gesellschaftlichen Handeln so genannte „Residuen“; in der Elitebildung dominieren vor allem deren zwei: entweder gesellschaftsweit rigide und die Gewalt nicht scheuende, persistente Strukturen (das Residuum der „Persistenz der Aggregate“ - Elite der Löwen) oder liberale Einstellungen, die kombinatorische Freiheitsgrade („Instinkt der Kombinationen“ - Elite der Füchse) zulassen und fördern. Gaetano Mosca und Robert Michels haben als Zeitgenossen Paretos die Unvermeidbarkeit der Herausbildung einer „politischen Klasse“ (Mosca) bzw. einer innerorganisatorischen „Oligarchie“ (Michels) dargestellt. Aus ihren Überlegungen folgt, dass es auch in demokratisch verfassten Systemen notwendig zur Elitebildung kommt. Spuren hat der Elitebegriff auch in der amerikanischen Soziologie hinterlassen. Die strukturfunktionalistische Theorie der Schule um Talcott Parsons betont die Leistungen, die von Personen in wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen, militärischen, künstlerisch-intellektuellen usw. Spitzenpositionen für die Gesellschaft erbracht werden. Entsprechend verwendet der Strukturfunktionalismus das Konzept der „Funktionseliten“, die jeweils „ihre“ Institutionen in idealer Weise repräsentieren. Dem Gemeinwohl verpflichtet vereinigen sich die gesellschaftlichen Leistungsträger zu einer „strategischen Elite“, die Konsens in zentralen Fragen des Lebens und Überlebens herstellen soll. Theoretiker der „Machtelite“ wie C. Wright Mills kritisieren diesen soziologischen sowie den politologischen pluralismustheoretischen Ansatz und werfen den Strukturfunktionalisten vor, ein allzu harmonisches Bild der gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu zeichnen. In Wirklichkeit steht einer manipulierten Masse ein omnipotenter „Militärisch-Industrieller-Komplex“ gegenüber, der seine Herrschaftsinteressen in einem Regime der „organisierten Unverantwortlichkeit“ durchzusetzen weiß. Der Nicht-Entscheidungsansatz in der amerikanischen Politologie erweitert diese Perspektive dadurch, dass anhand von Fallbeispielen aufgezeigt wird, dass die Elite bestimmte Themen, etwa ökologische Probleme und Minderheitenfragen, durch bewusstes Unterlassen gar nicht erst zum Gegenstand der politischen Agenda werden lässt.

Zitate


- Elite sind diejenigen, die bei dem höchsten Einkommen die geringsten Steuern zahlen. (Carl Schmitt)
- Elite sind wir. (Carl Schmitts Tochter Anima auf die Frage ihres Vaters, was Elite sei.)
- „Die juristische Form, welche sich eine nationale Gemeinschaft gibt, mag so demokratisch, ja kommunistisch sein wie immer, ihre urwüchsige, präjuridische Verfassung besteht dennoch in der Wechselwirkung zwischen einer Elite und einer Masse.“José Ortega y Gasset (Aufbau und Zerfall Spaniens)
- Ja, es ist mithilfe von Netzwerken möglich, in bestimmte Positionen zu kommen, ohne die dafür nötige Leistung zu erbringen. Das funktioniert aber vor allem in Ländern, in denen derlei Elite-Netzwerke seit langem bestehen. Die Musterbeispiele sind Frankreich mit den Grandes Ecoles, die USA mit der Ivy League oder Großbritannien mit den Board and Public Schools. - Michael Hartmann, Soziologe und Elitenforscher
- Die Elite der Wissensgesellschaft wird weder aus pubertierenden Cyberjunkies noch kalifornischen Dotcom-Milliardären bestehen, sondern aus all denen, die durch kritischen Umgang mit den neuen digitalen Medien zu ihren mündigen Nutzern geworden sind: die neuen Bildungsbürger. Malte Herwig (Eliten in einer egalitären Welt)
- Ich habe schon von Elite gesprochen, als das andere noch ganz schlimm fanden. Wir brauchen Eliten. Wer sie gezielt fördern will, muss sich um exzellente Bedingungen für exzellente Leute kümmern. - (Annette Schavan, CDU, im August 2005 gegenüber dem SPIEGEL)
- Die Fähigkeit zu unterscheiden und auszuwählen ist eines der Merkmale von Eliten, wie die Beispiele Rechtschreibreform und neue Medien gezeigt haben. In diesem Sinne ist Elitehandeln die tätige Aufklärung des autonomen Subjekts, das selbstbewusste Navigieren durch eine Vielfalt von Informationen und Konventionen - Malte Herwig (Eliten in einer egalitären Welt)

Grundlegende Studien


- Peter Bachrach (1970). Die Theorie demokratischer Elitenherrschaft. Frabkfurt/M.
- Klaus von Beyme (1984). Die politischen Theorien der Gegenwart. München
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- Gottfried Eisermann (1962). Vilfredo Paretos System der allgemeinen Soziologie. Stuttgart
- Günter Endruweit (1986). Elite und Entwicklung. Frankfurt/M.
- William J. Goode (1978). The Celebration of Heroes. Berkely
- Heinz Hartmann (1964). Funktionale Autorität. Stuttgart
- Michael Hartmann (2004). Elitesoziologie, Frankfurt/M.
- Malte Herwig, Eliten in einer egalitären Welt, Berlin: wjs-Verlag 2005. ISBN 3937989110 [http://www.malteherwig.com/buch.html]
- Dietrich Herzog (1982). Politische Führungsgruppen. Darmstadt
- Ronald Hitzler u.a. (Hrsg.) (2004). Elitenmacht. Wiesbaden
- Suzanne Keller (1963). Beyond the Ruling Class. New York
- Karl Loewenstein (1973). Kooptation und Zuwahl. Frankfurt/M.
- Robert Michels (1911). Zur Soziologie des Parteiwesens. Stuttgart
- Gaetano Mosca (1950). Die herrschende Klasse. München
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- Winfried Röhrich (Hrsg.) (1975). Demokratische' Elitenherrschaft. Darmstadt
- Wolfgang Schluchter (1963).
Der Elitebegriff als soziologische Kategorie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 15, S. 233-256
- Otto Stammer/Peter Weingart (1972).
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Deutschland


- Klaus von Beyme (1993).
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- Dietrich Herzog (1991).
Brauchen wir eine Politische Klasse? In: Aus Politik und Zeitgeschichte B50, S. 3-13
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Frankreich


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Russland


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USA


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Sozialistische Systeme


- Bálint Balla (1972).
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Lokale Elitestudien


- Edward O. Laumann/Franz U. Pappi (1976).
Networks of Collective Action. New York
- Robert A. Dahl (1989).
Who Governs? New Haven, Conn.

Siehe auch


- Aristokratie, Oligarchie, Meritokratie, Militärjunta
- Adel, Gelehrtenfamilie, Gründerfamilie, Oberschicht, Kader, Akademiker, Intellektuelle, Bildungsbürgertum
- Qualifikation, Eliteuniversität, Kaderschmiede
- Hochbegabung, Begabung, Intelligenz
- Systemtheorie, Gleichheit
- Leetspeak

Weblinks


- [http://oe1.orf.at/highlights/32460.html Der Mythos Elite (ORF)]
- [http://www.manager-magazin.de/koepfe/karriere/0,2828,240406,00.html Interview mit Michael Hartmann im Manager-Magazin]
- [http://www.elitenetzwerk-bayern.de Elitenetzwerk Bayern]
- [http://www.eliteakademie.de Bayerische Elite-Akademie]
- Salzburg Seminar [http://www.salzburgseminar.org] http://plan-nine.de/soz_elite_2005.html (Heidelberger Elitestudie 2004/2005) Kategorie:Soziologie Kategorie:hierarchie


Duzen

Duzen bedeutet, jemanden mit "Du" anzureden. Es ist eine grammatikalische Form der Anrede, die in der deutschen Sprache Nähe und Vertraulichkeit signalisiert. Der Gegensatz (Distanz und Förmlichkeit) wird im heutigen Deutsch durch die Anrede mit „Sie“, das Siezen, signalisiert.

Zur Geschichte des Duzens, Ihrzens, Erzens und Siezens

Das Lateinische, Altgriechische, Hebräische, Arabische und Gotische kennen ausschließlich das Duzen. Schon im 8. und 9. Jahrhundert werden Fürsten und andere hohe Würdenträger dann mit "Ihr" angesprochen. Im höfischen Zeitalter war dieses "Ihrzen" schon allgemein verbreitet, auch im Stadtbürgertum. Beispiel: „Vater, ich wollte, Ihr ließet mich hinaus ziehen, um mein Glück zu versuchen.“ Es kam in Sprachinseln, etwa bei den Wolgadeutschen, auch noch im späten 20. Jahrhundert vor. Im berndeutschen Dialekt wird heute noch geihrzt. Im 17. Jahrhundert war das "Erzen" die Anrede durch Vorgesetzte und Standeshöhere, z.B. Kerl, hat Er überhaupt Pulver auf der Pfanne?. Diese Formen waren im Deutschen noch bis ins 20. Jahrhundert üblich. In einigen Dialekten, etwa der Kurpfalz, sind bis heute noch alle vier Formen (Duzen, Siezen, Ihrzen, Erzen) möglich.

Zur Soziologie

Für die Soziologie wurde folgende Hypothese aufgestellt (Clausen/Clausen, Zu allem fähig, 1985): Für Formen der sozialen Gleichheit habe es gar keine Anredeform gegeben, soziale Ungleichheit sei normal gewesen und nur für diese Fälle seien in der Sprache eigene Sitten vonnöten gewesen:
Hohe soziale Distanz sei durch die grammatikalische „Dritte Person" signalisiert worden, und das habe bedeutet, dass von oben nach unten (im Singular) geerzt worden sei, von unten nach oben (im Plural) gesiezt - nicht selten sogar in der verschärften Form: „Erlauben Durchlaucht mir, eine Ehe einzugehen?
Bei sozialer Nähe sei hingegen die „Zweite Person“ zuständig gewesen, es sei dann von oben nach unten geduzt worden (wieder im Singular), von unten nach oben geihrzt (wieder im Plural).
Damit sei also für die Anrede von 'oben' nach 'unten' der Singular, für die Anrede von 'unten nach 'oben' der Plural zuständig gewesen.

Internationaler Vergleich

Die fiktive soziale Gleichheit aller habe dann im 21. Jahrhundert nur das „Du“ für die Nähe, das „Sie“ für die Ferne übrig gelassen. Wird jetzt auch noch die Nähe Aller zueinander fingiert, so bleibt nur noch das „Du“ übrig (bekannt als 'Bruder-Du' in Schulklassen, in studentischen Verbindungen, in Arbeiterparteien, ehedem im österreichisch-ungarischen Offizierskorps). Es nimmt heute noch im Deutschen zu und ist beispielsweise im Schwedischen, Dänischen und Norwegischen schon seit Anfang der 1970er allgemein durchgesetzt. Auch im Niederländischen ist das Duzen weiter verbreitet als im Deutschen. Im Englischen setzte sich früh das Nähe signalisierende, gleichzeitig jedoch respektvolle „You“ (Zweite Person Plural) durch. Das altertümliche „Thou“ hingegen ist hoch intim (obwohl ursprünglich Nähe ausdrückend) und dem Gebet zu Gott vorbehalten, aber zum Beispiel unter Quäkern gezielt wieder eingeführt worden. Dennoch gibt es auch im modernen Englischen den kommunikativen Unterschied des Du/Sie, er wird mit der Verwendung des Vornamens bzw. des Nachnamens bzw. durch Verwendung oder Nichtverwendung von "Ma'am" und "Sir" ausgedrückt.

Situationsabhängiges Duzen

Es gibt Situationen, in denen die Grenzen zwischen Duzen und Siezen aufgehoben bzw. verschoben werden. So ist es durchaus üblich, dass Personen, die im ungezwungenen sozialen Kontakt per Du sind, sich im offiziellen Sprachverkehr siezen, insbesondere wenn diese Gespräche beobachtet und protokolliert werden. Auch führt die Benutzung des "Du" auf der sprichwörtlichen Betriebsfeier nicht zwangsläufig dazu, dass dieselbe Vertrautheit am nächsten Tag noch Bestand hat. In bestimmten Situationen ist ein "Siezen" auch zwischen Personen, die sich noch nie gesehen haben, unüblich und unangemessen, zum Beispiel
- in akuten Gefahrensituationen
- zwischen Hafen- oder Bauarbeitern (da zu dem oft rauen Umgangston ein "Sie" einfach nicht passt),
- in der Tradition der Arbeiterbewegung: Sogenanntes Genossen- oder Kollegen-Du (bis heute in der PDS und weiten Teilen der SPD üblich)
- unter Studenten
- in Gesprächen in "subkulturellen" Kreisen, also z.B. zwischen Rock- oder Jazzmusikern auf Festivals
- in weiten Bereichen der Internetkommunikation (Usenet, Foren, Chats, etc.) :Zu Beginn der massenhaften E-Mail-Nutzung war es auch hier üblich, sich zu duzen (um auf diese Weise die Zugehörigkeit zu einer den zum damaligen Zeitpunkt modernen Medien aufgeschlossenen Gruppe zu verdeutlichen). Inzwischen ist aber der E-Mail-Verkehr förmlicher geworden, und das ursprüngliche Prinzip "Schnelligkeit vor Förmlichkeit" hat erheblich an Bedeutung verloren. Mittlerweile scheint auf "ernsthafteren" Diskussionsforen (wie www.politikforum.de) und in anspruchsvollen, vor allem französischen, Diskussionsgruppen (Usenet) das Siezen salonfähig zu sein, es wird oftmals sogar das unerbetene "Du" -ganz im Gegensatz zur Situation vor einigen Jahren- als unhöflich empfunden, oft sogar bemäkelt. Dies wird mancherorts als eine notwendige Folge des Reifeprozesses des Internets verstanden, auch in der Wikipedie ist das "Sie" gegenüber ausgewiesenen Fachleuten oder Professoren (bsp. Volkmar Weiß) Normalität und lässt sich auch schon im gewöhnlichen Diskurs, wenn auch noch spärlich, als Zeichen für Hochachtung und nicht etwa Geringschätzung belegen (z.B. Diskussion ü. die Wikipediahauptseite).

Duzen als Beleidigung

Juristisch wird von deutschen Gerichten ein nicht ausdrücklich erlaubtes Duzen immer als Beleidigung gewertet, auch bei Privatpersonen und nicht nur dann, wenn Amtsträger wie beispielsweise Verkehrspolizisten geduzt werden. Doch wird dieses Vergehen nur auf Antrag des sich beleidigt Sehenden strafrechtlich verfolgt. Im Gegensatz dazu wäre ein überraschendes Siezen wohl kaum als Beleidigung anzusehen; allerdings drückt die Rückkehr zum "Sie", wo vorher das "Du" herrschte, den zu Grunde liegenden Vertrauensverlust und die wiederhergestellte Distanz unmissverständlich aus.

Siehe auch


- Duzfreund, Direkte Anrede, Indirekte Anrede, Hamburger Sie, Münchner Du

Literatur


- Werner Besch: Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-34009-5 Kategorie:Freundschaft Kategorie:Umgangsform

Lebenswelt

Der Begriff der Lebenswelt geht auf Edmund Husserl zurück. Der Begriff besitzt hier im Kontext der phänomenologischen Philosophie eine eigentümliche Doppeldeutigkeit. Lebenswelt meint einerseits das Universum des Selbstverständlichen, als anthropologisches Fundament jeder Bestimmung des Verhältisses des Menschen zur Welt und bezeichnet andererseits die praktische, anschauliche und konkrete Lebenswelt. Diese Doppeldeutigkeit spannt den Lebensweltbegriff ein in die Gegensatzspannung zwischen Ahistorischem und historisch Wandelbarem, Universellem und Konkretem, zwischen Singulärem und historisch Vielfältigem. So wird er zur Basis der Kritik und zum Gegenstand der Aufklärung zugleich. Auf dieser Basis entwickelten sich vor allem durch Übertragung und Anwendung in der Soziologie verschiedene Bedeutungsvarianten des Begriffes. Die Lebenswelt kann erkenntnistheoretisch eine ontologische Bedeutung besitzen oder aber die Welt bezeichnen, die wir individuell erleben, den Bereich des selbstverständlichen, traditionalen Handelns oder auch eine umfassende historisch gegebene sozio-kulturelle Umwelt meinen. Wissenssoziologisch kann die Lebenswelt auch als Basis für jegliche Wissenschaft betrachtet werden und entweder in ihrer Struktur als den historischen Lebenswelten zugrunde liegende untersucht werden oder als kulturell vorgeformte und von allen Menschen geteilte Sinnwelt Erfahrung und Wahrnehmung strukturieren. Alfred Schütz greift auf den Lebensweltbegriff Husserls zurück und führt das Konzept für die soziologische Analyse ein. Die ursprüngliche Doppeldeutigkeit setzt sich in seinem Alltagsbegriff fort. Der Alltag, die Welt des "Jedermann" ist als die "ausgezeichnete Wirklichkeit" (Schütz) zu verstehen, in der jeder Mensch lebt, denkt, handelt und sich mit anderen verständigt. Die Alltagswelt ist jedem einfach vorgegeben und wird fraglos und selbstverständlich hingenommen, sie ist der unbefragte Boden aller Geschehnisse. Die Alltagwelt ist von Anfang an eine intersubjektive Kulturwelt, in der alle Tatsachen immer schon interpretierte Tatsachen sind, die auf Sinnzusammenhänge und Deutungsmuster verweisen, die Erfahrung und Handeln in der alltäglichen Welt ermöglichen. Die Erfahrungsweise des alltäglichen Verstehens bezeichnet Schütz als "common sense", das Leben in der "natürlichen Einstellung". Alltag, bzw. Lebenswelt sind auch hier einerseits als kulturell geformte Sinnwelt und andererseits als Basis jeden Wahrnehmens und Verstehens einer sozio-kulturell gegebenen Umwelt und somit auch der darin entwickelten Wissensbestände überhaupt zu verstehen. Alltag ist damit sowohl Gegenstand der Aufklärung als auch ontologische Basis der Kritik von Sonderwissensbeständen.

Literatur

Quellen


- Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main 1981.
- Edmund Husserl: Die Krisis des europäischen Menschentums und die Philosophie (Vortrag in Wien 1935) (Husserliana Band VI S. 314-348).
- Edmund Husserl: Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge. Hrsg. von S. Strasser. Den Haag 1950 (Husserliana Band 1).
- Edmund Husserl: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Den Haag 1954 (Husserliana Band VI).
- Edmund Husserl: Phänomenologie der Lebenswelt. Ausgewählte Texte Band II. Stuttgart 1986.
- Edmund Husserl: Arbeit an den Phänomenen. Ausgewählte Schriften. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Bernhard Waldenfels. Frankfurt am Main 1993.
- Alfred Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Frankfurt am Main 1974.
- Alfred Schütz, Thomas Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. Darmstadt und Neuwied 1975 (Neuaufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979).

Aufsätze, Monographien


- Blumenberg, Hans: Lebenswelt und Technisierung unter Aspekten der Phänomenologie in: Wirklichkeiten in denen wir leben. Stuttgart 1981 (Turin 1963).
- Blumenberg, Hans: Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt am Main 1986.
- Coenen, Herman: Diesseits von subjektivem Sinn und kollektivem Zwang. Schütz – Durkheim – Merleau-Ponty. Phänomenologische Soziologie im Feld des zwischenleiblichen Verhaltens. München 1985.
- Fellmann, Ferdinand: Gelebte Philosophie in Deutschland. Denkformen der Lebensweltphänomenologie und der kritischen Theorie. Freiburg/Br.; München 1983.
- Grathoff, Richard: Milieu und Lebenswelt. Einführung in die phänomenologische Soziologie und die sozialphänomenologische Forschung. Frankfurt am Main 1989.
- Kiwitz, Peter: Lebenswelt und Lebenskunst. Perspektiven einer kritischen Theorie des sozialen Lebens. München 1986.
- Orth, Ernst Wolfgang: Edmund Husserls Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Werkinterpretation. Darmstadt 1999
- Sommer, Manfred: Lebenswelt und Zeitbewußtsein. Frankfurt am Main 1990
- Ströker, Elisabeth (Hrsg.): Lebenswelt und Wissenschaft in der Philosophie Edmund Husserls. Frankfurt am Main 1979.
- Waldenfels, Bernhard: In den Netzen der Lebenswelt. Frankfurt am Main 1985
- Waldenfels, Bernhard: Lebenswelt zwischen Alltäglichem und Unalltäglichem in: Pöggeler/ Jamme (Hrsg): Phänomenologie im Widerstreit. Zum 50. Todestag Edmund Husserls. Frankfurt am Main 1989.
- Welter, Andreas: Der Begriff der Lebenswelt. Theorien vortheoretischer Erfahrungswelt. München 1986.

Aktuelle Auseinandersetzungen


- Jörg Rössel: Vom Lebensstil zu kulturellen Präferenzen - Ein Vorschlag zur theoretischen Neuorientierung, in: Soziale Welt, Jg. 55, 2004, H. 1, S. 95-114 (ausgehend von der Theorie des sozialen Handelns) Kategorie:Phänomenologie

Ethnie

Ethnie oder Ethnische Gruppe, früher auch Ethnos (von griech.: ἔθνος ethnos = Volk), bezeichnet einen Stamm oder ein Volk. Ethnologen verstehen unter diesem Begriff eine Gruppe von Personen, welche derselben Sprachgruppe, Kultur oder Religion angehören, und sich selber auch als Einheit definieren, oder eine Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren annehmen. Die zugehörigen Wissenschaften heissen daher Ethnologie (Völkerkunde), Europäische Ethnologie (Volkskunde) und Ethnosoziologie. Der Begriff Ethnie wird in neuerer Zeit auch meist als Synonym zu Volk, Stamm, oder Volkszugehörigkeit verwendet. Jedoch sollte der Begriff nicht in Zusammenhang mit Nation gebraucht werden. Vielfach bezeichnet Ethnie bereits eine Art Oberbegriff einer höheren Ordnung einer Gruppe. Beispiele dazu sind die Sprachgruppen der Indoeuropäer (früher auch Indogermanen genannt) oder Turkvölker, die manche Forscher auch als ethnische Einheiten begreifen, ohne dass hier irgend eine Art von Zusammengehörigkeitsgefühl nachzuweisen wäre. Sowohl Ethnien als auch Stämme werden oft aus mehreren Klans gebildet, die wiederum meist aus mehreren Lineages bestehen. Auf das genannte Beispiel der Indoeuropäer bezogen spricht man dann von der ethnischen Gruppe der Slawen, Germanen, Kelten, usw. Als ethnozentrisch werden Historiographie und Kulturtheorien bezeichnet, welche die Welt (zu) stark von einem bestimmten Ethnos her sehen. Ein noch relativ neuer Ansatz für eine weitere Verwendung dieses Wortes besteht in der Idee den Begriff Ethnische Gruppe als Ersatz für den in den meisten Bereichen diskreditierten Begriff „Rasse“ zu verwenden. Vor allem von politischer Seite wird dies oft gefordert, so sollen die Vereinten Nationen bereits eine entsprechende Regelung verabschiedet haben. Zuspruch erhält dieser Vorschlag, durch die Tatsache, dass jedwede Art von Rassentheorie, in keiner Weise wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, und somit schlicht falsch sind. So konnte das bekannte Humangenomprojekt lediglich eine definitive Klassifizierung in eine ursprüngliche „afrikanische Menschengruppe“ sowie eine „nicht-afrikanische Menschengruppe“ nachweisen. Siehe auch: Portal:Ethnologie Kategorie:Anthropologie Kategorie:Ethnologie Kategorie:Volkskunde ms:Etnik

Kategorie:Soziologie

Kategorie:Sozialwissenschaft Kategorie:!Hauptkategorie Kategorie:Thema ja:Category:社会 th:Category:สังคมวิทยา

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