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Soziales HandelnDer Begriff soziales Handeln meint in der Soziologie ein „Handeln“ (Tun oder Unterlassen), das für den Handelnden (den "Akteur") subjektiv mit Sinn verbunden ist, und es wurde für die Sozialwissenschaften maßgeblich in der Nachfolge von Max Weber geprägt.
Sinn meint also den vom Akteur verstandenen Sinn, für außen Stehende muss die Handlung jedoch nicht unbedingt sinnvoll erscheinen. Aus dem Sinn lässt sich die Motivation zum Handeln erschließen. „Sozial“ ist dieses Handeln dann, wenn es seinem Sinn nach wechselseitig auf das Handeln anderer bezogen wird und sich in seinem Verlauf daran orientiert. Diese Anderen müssen nicht physisch anwesend sein. Wird das Handeln an abstrakten, allgemein verbindlichen Regeln (Normen, Gesetzen) ausgerichtet, also an einer bestehenden Ordnung und nicht an privaten Deutungen, spricht Weber von Gesellschaftshandeln.
Eine Theorie vom "sozialen Handeln" muss wie jede Theorie des „Handelns“ eine (anthropologische, biosoziologische) Theorie des sozialen "Akteurs" axiomatisieren. Ältere Ansätze (so der von Ferdinand Tönnies) benutzen als Sinnstifter für das handelnde Subjekt das Konzept des Willens oder (so Jürgen Habermas) der Reflexion, die meisten jüngeren das Konzept der „Ratio“ (→ Theorie der rationalen Entscheidung (rational choice theory), etwa bei Hartmut Esser) oder die „Autopoiesis“ (so Niklas Luhmann). Siehe im Übrigen dazu den Artikel Handeln.
Der Kontrastbegriff zum „sozialen Handeln“ ist in der Soziologie das „Sozialverhalten“. Dessen Ansatz umgeht die „Sinn“-Kategorie (bzw. ist sie ihm stets eine ideologische Aussage), so dass sich „Verhalten“ mit dem von Tieren, ja Pflanzen und Robotern vergleichen lässt und vor allem der Brückenschlag zur Soziobiologie wenig Mühe macht (weniger Mühe zu machen scheint).
Weblinks
[http://www.socioweb.de/seminar/handeln/verstehen/ Max Weber: " Soziales Handeln" mit Beispielen]
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SoziologieDie Soziologie beschreibt und untersucht die Struktur-, Funktions- und Entwicklungszusammenhänge der Gesellschaft. Sie ist eine Sozialwissenschaft, die sich nicht auf spezifische Themengebiete (wie etwa die Politikwissenschaft oder die Wirtschaftswissenschaften) festgelegt hat, sondern den Anspruch erhebt, mit einer Reihe von soziologischen Methoden das soziale Zusammenleben in Gemeinschaften und Gesellschaften zu erforschen. Dazu fragt die Soziologie nach dem Sinn und den Strukturen des sozialen Handelns sowie nach den damit verbundenen Normen und untersucht einerseits die Gesellschaft als Ganzes, aber auch ihre Teilbereiche, beispielsweise einzelne soziale Gebilde (bzw. Systeme, Institutionen, Gruppen und Organisationen). Zugleich wirft sie ihren Blick auf den sozialen Wandel, dem diese unterliegen.
sozialen Wandel]
Der Anspruch der Soziologie kommt in Max Webers Definition einer verstehenden und zugleich erklärenden Soziologie (§ 1, Wirtschaft und Gesellschaft) zum Ausdruck. Demnach ist Soziologie "eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will". Eine hochkomplexe Aufgabe - man verstehe und erkläre nur einmal die abgebildete Wiedergabe sozialer Handlungen auf dem Gemälde Renoirs (rechts) - ganz abgesehen von den Fragen, was über das soziale Zusammenleben die Tatsache verrät, dass es gemalt, ausgestellt und bewundert wurde.
Konkrete Themen, mit denen sich die Soziologie beschäftigt, sind beispielsweise Sozialstruktur, Arbeit, Migration, Geschlecht, soziale Netzwerke, Sexualität, Alltag und Lebenswelt. Für viele dieser Themen haben sich spezielle Soziologien etabliert (s.u.), andere -- wie etwa die allgemeine Frage nach den Wechselwirkungen von Handeln und Struktur -- sind Thema der allgemeinen Soziologie. Auch überschneiden sich die soziologischen Fragestellungen hier oft mit denen der Sozialpsychologie und mit anderen Sozialwissenschaften.
Geschichte der Soziologie
Für eine ausführlichere Darstellung siehe Geschichte der Soziologie.
Als eine eigenständige Wissenschaft gibt es die "Soziologie" erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Entstehungsgeschichte ist eng mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im Europa des 19. Jahrhunderts sowie mit der fortschreitenden Industrialisierung verbunden.
Als Begründer der Soziologie als eigenständige Wissenschaft gilt Auguste Comte. Die Soziologie im heutigen Sinne wird jedoch insbesondere auf Max Weber und Émile Durkheim zurück geführt.
Vorläufer der Soziologie sind in der Geschichtswissenschaft, der Nationalökonomie, aber auch im Journalismus und in den Policeywissenschaften zu sehen. Unmittelbare Vorläufer der Soziologie wie Karl Marx werden heute ebenfalls als soziologische Klassiker verstanden.
Doch hatten auch schon ältere Autoren Werke stark soziologischen Charakters geschrieben, etwa Xenophón, Polýbios, Ibn Khaldun, Giambattista Vico und Adolph Freiherr Knigge.
Gliederungen der Soziologie
Soziologische Theorien
Soziologie war nie eine Wissenschaft mit nur einem Paradigma. So lassen sich in der heutigen deutschsprachigen Soziologie mindestens vier große Ansätze unterscheiden.
- Der Rational Choice-Ansatz (bekannter Vertreter dieser Richtung: Hartmut Esser), auch als methodologischer Individualismus bezeichnet, führt Aggregatphänomene auf die Entscheidungen und das dementsprechende Handeln einzelner Individuen zurück und geht davon aus, dass hier rationale Wahlen auffindbar sind. Zwischen RC-Ansatz, quantitativer Methodologie und ökonomischer Theorie herrschen gewisse Affinitäten vor.
- Weiterhin einflussreich ist die Kritische Theorie, die inzwischen durch eine Nähe zum (französischen) Poststrukturalismus gekennzeichnet ist.
- Als eine dritte große und insbesondere im deutschsprachigen Raum einflussreiche Schule lässt sich die soziologische Systemtheorie im Gefolge von Talcott Parsons (vgl. zu ihm Strukturfunktionalismus) und Niklas Luhmann nennen. Soziologie moderner Gesellschaften wird hier nicht als eine Wissenschaft verstanden, die individuelles Handeln betrachtet. Gesellschaft wird vielmehr auf Kommunikationen und Nicht-Kommunikationen in sozialen Teilsystemen zugeschnitten.
- Zu nennen ist schließlich eine Vielzahl von Arbeiten, die sich grob einem interpretativen und qualitativ-rekonstruktiven Paradigma zuordnen lassen. Ausgehend von Phänomenologie und Pragmatismus stehen hierbei subjektive Sinnqualitäten und die Rekonstruktion der Entstehungsbedingungen, Verläufe und Konsequenzen sozialer Praktiken im Vordergrund.
Gliederung nach der Ebene sozialer Phänomene
Eine häufig vorzufindende Unterteilung der Soziologie unterscheidet zwischen dem Blick auf Gesellschaften (Makrosoziologie) und dem Blick auf das individuelle Handeln (Mikrosoziologie). Daneben wird teilweise eine Mesosoziologie als Soziologie einer intermediären Ebene, in der Handeln und soziale Systeme zusammentreffen, angeführt.
Mikrosoziologie (Individuum, Interaktion, Handeln)
- Methodologischer Individualismus (auch Rational-Choice-Theorie)
- Symbolischer Interaktionismus
- Phänomenologische Soziologie
- Konfliktsoziologie
- Figurationssoziologie
- Ethnomethodologie
- Situationsdynamik: If men define situations as real, they are real in their consequences. (Thomas-Theorem); zumal in der soziologischen Rollentheorie werden auch situative Rollen behandelt.
Mesosoziologie
- Soziologie der Institutionen, Rituale, Organisationen und sozialen Netzwerke.
Makrosoziologie (Kollektiv, Gesellschaft, System, Struktur)
- Funktionalismus
- Strukturalismus
- Strukturfunktionalismus
- Marxistische Soziologie
- Kritische Theorie (auch Frankfurter Schule)
- Systemtheorie
Soziologische Methoden
Um eine der Soziologie angemessene Methodik wurde seit den Anfängen der Disziplin im so genannten Methodenstreit gerungen. Das methodische Instrumentarium der Soziologie lässt sich wie folgt gliedern:
- Empirische Sozialforschung
- Qualitative Methoden
- Biografieforschung
- Grounded Theory
- Objektive Hermeneutik
- Qualitative Inhaltsanalyse
- Historische Soziologie
- Quantitative Methoden
Allgemeine und spezielle Soziologien
Schließlich lassen sich Themenbereiche der Soziologie auch danach unterscheiden, ob sie der allgemeinen Soziologie zuzurechnen sind, also generelle Gültigkeit beanspruchen, oder ob es sich dabei um Themen einer speziellen Soziologie handelt.
Allgemeine Soziologie
Der Allgemeinen Soziologie werden die für das Fach wichtigen theoretischen Ansätze und auch Sachgebiete wie das Verhältnis von Akteur und Gesellschaft bzw. Person und sozialem System, sowie die Struktur und der Wandel von Gesellschaften/sozialen Systemen zugerechnet. Themen der Allgemeinen Soziologie sind u.a. soziales Handeln und soziale Beziehung, soziale Ungleichheit, Gruppen, Sozialisation, sozialer Wandel, Soziale Mobilität, Methoden der empirischen Forschung, soziale Rollen, Tausch, Klasse, Elite, Macht und Herrschaft etc.
Spezielle Soziologien
Spezielle Soziologien - informell auch Bindestrichsoziologien genannt - befassen sich mit den Strukturen und Prozessen gesellschaftlicher Teilsysteme oder institutioneller Bereiche der Gesellschaft. Zu den wichtigisten speziellen Soziologien gehören Arbeitssoziologie, Familiensoziologie, Politische Soziologie. Durch die zunehmende Differenzierung auch der Soziologie selbst bilden sich laufend weitere spezielle Soziologien.
Eine ausführliche Auflistung gibt die Liste spezieller Soziologien.
Angewandte Soziologie
Der Erfolg einer soziologischen Theorierichtung ist nicht nur von ihrer intellektuellen Tüchtigkeit und wissenschaftlichen Bedeutung abhängig, sondern -- wissenschaftssoziologisch gesehen -- durchaus auch von der Nachfrage nach soziologischer Beratung durch den Markt beziehungsweise durch die Politik.
Hier wird in der Soziologie am meisten in den Bereichen der Markt- und Wahlforschung verdient, was die Entwicklung der quantitativen Methoden (Statistik) und der an die Naturwissenschaften angelehnten Theorieansätze relativ begünstigt - die Fragen sind meist eingeschränkt und auf die allernächste Zukunft bezogen. Hier kam es (zuerst in den USA, seit den späten 1940er Jahren auch in Deutschland) zur Gründung von Umfragefirmen und Meinungsforschungsinstituten.
Mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Prozesse auf die Raumstruktur befasst sich die Stadtsoziologie (vgl. auch Sozialer Raum). (Dabei wird häufig auch mit Methoden der Geographie gearbeitet.)
Einige spezielle Soziologien (Militär-, Medizin-, Sport- und Katastrophensoziologie) sind einigermaßen auf Beratung eingestellt, nicht aber mehr die Industriesoziologie, seit ab den 1970er Jahren das Fach aus den "Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen" Fakultäten (Fachbereichen) in die Philosophischen hinüber gewandert ist.
Diktaturen haben vor allem vor einer die Mentalität der Bevölkerung berücksichtigenden und darüber Auskunft gebenden Soziologie Angst; bei besonderem (dann oft geheimem) Beratungsbedarf erlauben sie gelegentlich soziologische Fragestellungen (sehr typisch in der DDR im Bereich der Stadt- und Jugendsoziologie).
Einführende Bücher in die Soziologie
- Günter Endruweit / Trommsdorff, Gisela (Hgg.) - Wörterbuch der Soziologie; 2. Aufl., Stuttgart 2002
:Eine kundige und zur Zeit (2004) auch die neueste Übersicht im Handbuchcharakter mit zahlreichen Mitarbeiter/inne/n. Doch bleiben auch die anderen erhältlichen soziologischen Wörterbücher empfehlenswert.
- Wolfgang Eßbach - Studium Soziologie UTB, 1996.
:Überblick über die Entstehungsgeschichte der Soziologie, ihre heutigen Anwendungsfelder, das Soziologiestudium und wichtige Grundbegriffe.
- Anthony Giddens: Soziologie; 2. überarb. Auflage; aus dem englischen (Sociology), 1997 Nausner& Nausner
: "Das Standardwerk im englischsprachigem Raum vom Cambridgeprofessor ISBN 3-901402-22-5
- Dirk Kaesler (Hg.) - Klassiker der Soziologie; München 2000; C.H. Beck Verlag
:Wiederum in zwei Bänden zeigt eine jüngere Generation von Soziologen im Rahmen von jeweils 20 Seiten, wer cum grano salis die Klassiker sind. Einunddreißig von ihnen werden erstens in ihrem Leben und dem zeitgenössischen Kontext, zweitens in ihrem Werk und deren wichtigsten Begriffen und drittens in ihrer Wirkung auf das zeitgenössisches soziologisches Denken und auf die gegenwärtige internationale Soziologie dargestellt. Diese beiden Bände helfen, die Klassiker kurz zu rekapitulieren und in eine Geschichte zu verorten.
- Walter M. Sprondel - Über das Verhältnis der Soziologie zu den Geisteswissenschaften, in: Florian Keisinger u. a. (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte, Frankfurt a. M./New York 2003 ISBN 359337336X
- Annette Treibel - Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart; 6. Aufl. Wiesbaden 2004. VS Verlag
:Teil des Einführungskurses in die Soziologie in vier Bänden. In diesem Band werden die soziologischen Theorien in ihrer Struktur aufgearbeitet und vorgestellt.Gleichzeitig werden Verbindungslinien gezogen um das Geflecht der unterschiedlichen Ansätze transparenter zu machen.
Weblinks
- [http://www.soziologie.uni-freiburg.de/fachschaft/studium/wasistsoz.php Was ist Soziologie ]
- [http://www.socioweb.de/seminar/einfuehrung/index.htm Soziologie-Lexikon] mit über 2000 Einträgen
- [http://agso.uni-graz.at/lexikon/ 50 Klassiker der Soziologie]
- [http://www.uni-marburg.de/soziologie/schwerpunkte/nojs.html Universität Marburg], FB Soziologie: Erläuterte Systematik der Forschungsschwerpunkte
- [http://www.soziologie.de DGS - Deutsche Gesellschaft für Soziologie]
- [http://www.bds-soz.de BDS - Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen]
- [http://wwww.gesis.org/ GESIS] Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e.V.
- [http://www.valt.helsinki.fi/esa/ ESA - European Sociological Association]
- [http://www.ucm.es/info/isa/ ISA - International Sociological Association]
Siehe auch
Portal:Soziologie, Liste soziologischer Artikel, Liste von Soziologinnen und Soziologen, Liste bahnbrechender soziologischer Publikationen
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Kategorie:Sozialwissenschaft
ja:社会学
ko:사회학
ms:Sosiologi
simple:Sociology
th:สังคมวิทยา
AkteurEin Akteur ist der Autor einer Handlung.
Umgangssprache
Im Alltagsgebrauch wird meist ein Schauspieler (auf der Bühne) als "Akteur" bezeichnet. Die veraltende weibliche Form "Aktrice" wird manchmal auch zur Bezeichnung einer Darstellerin benutzt, deren Können in Frage gestellt wird.
Sozialwissenschaften
In der Soziologie wird "Akteur" (anglisierend auch "Aktor") oft für sozial Handelnde verwandt, und nicht nur für Einzelne. Auch Staaten, Konzerne und NGOs können als national und international "agierend" aufgefasst werden (dann oft: "kollektive Akteure"). Auch innerhalb eines Staates/einer Gesellschaft können beispielsweise als "kollektive Akteure" Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände unterschieden werden.
Anhand der Bedeutung, die dem Willen bzw. den Entscheidungen der Akteure für allen gesellschaftlichen Wandel beigemessen wird, unterscheiden sich akteurzentrierte Theorien der Soziologie von z.B. systemischen oder strukturalistischen Theorien.
Betriebswirtschaftlich
Auch eine engere betriebswirtschaftliche Bedeutung existiert: Bei der Modellierung von Geschäftsprozessen, insbesondere im Rahmen der Unified Modeling Language, verwendet man das Konzept eines "Akteurs" als Modellierungselement. Ein Akteur abstrahiert dabei von realen Benutzern eines IT-Systems, indem er für eine Rolle steht, die von verschiedenen Benutzern im Rahmen eines Geschäftsprozesses eingenommen werden kann. Siehe auch Akteur in der Unified Modeling Language und Anwendungsfalldiagramm.
In der Entwicklungszusammenarbeit
In der Entwicklungszusammenarbeit werden die an Konzeption und Durchführung von Entwicklungsprojekten beteiligten Individuen oder Gruppen Akteure genannt. Eine Möglickeit der Betrachtung dieser Zusammenhänge bietet die Akteursanalyse.
Siehe auch
- Methodologischer Individualismus
- Soziales Handeln
Kategorie:Soziologie
Max Weber
Max Weber ( - 21. April 1864 in Erfurt; † 14. Juni 1920 in München) war ein deutscher Jurist, Nationalökonom und Soziologe. Er ist der Bruder des Kultursoziologen Alfred Weber und Ehemann von Marianne Weber.
Überblick über sein Werk
Max Weber gilt als Mitbegründer der deutschen Soziologie und definierte die Soziologie als "Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will". Wissenschaftstheoretisch trat er also für eine qualitative Methode ein (siehe auch Methodenstreit). Des Weiteren bestand Weber auf einer Soziologie als werturteilsfreier Wissenschaft (siehe auch Werturteilsstreit).
Eine der Grundfragen Webers war, wo die Gründe für die spezifischen Eigenarten des Kapitalismus im Okzident (der westlichen Hemisphäre) liegen. Als Ökonom ging er bei seinen Arbeiten letztendlich von einem sozial-ökonomischen Erkenntnisinteresse aus.
Seine Begriffsbildungen werden bis heute in der Soziologie und der Politikwissenschaft oft als Grundlage genommen, z.B. seine Definitionen von Macht und Herrschaft, der Begriff des Idealtypus sowie die Einteilung des moralischen Handelns in Gesinnungs- und Verantwortungsethik.
Zu seinen bekanntesten und den weltweit wichtigsten Werken der Soziologie zählen die "Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus" und das Monumentalwerk "Wirtschaft und Gesellschaft", das von ihm selbst nie publiziert wurde, aber als eine grundlegende Darstellung seines Begriffs- und Denkhorizontes angesehen werden kann, und dessen Editionen subtile Kontroversen hervor gerufen haben. Seine Arbeiten, die er vor Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus publizierte sowie seine spätere Vorarbeit zur Musiksoziologie wurden und werden in der Soziologie kaum wahrgenommen.
Weber wird als Begründer der Herrschaftssoziologie und neben Émile Durkheim als Begründer der Religionssoziologie betrachtet. Auch auf vielen anderen Soziologiegebieten publizierte Weber grundlegend. Zu Lebzeiten standen Webers Arbeiten jedoch keineswegs im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Diskurses. Auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Weber in Deutschland kaum rezipiert; im Mittelpunkt standen hier etwa die Untersuchungen zur nivellierten Mittelstandsgesellschaft Schelskys oder die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno. In Amerika hingegen wurde die Rezeption Webers durch den damals in der Soziologie weltweit vorherrschenden Strukturfunktionalismus Talcott Parsons' und dessen Übersetzungen der Weberschen Werke Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus sowie Wirtschaft und Gesellschaft ins Englische vorangetrieben. Die deutsche (Wieder-) Entdeckung Webers kam mit dem Heidelberger Soziologentag 1964 ins Rollen, auf dem den deutschen Soziologen zu Webers 100. Geburtstag durch Parsons, Herbert Marcuse, Reinhard Bendix, Raymond Aron und Pietro Rossi der Stand der internationalen Weber-Rezeption vor Augen geführt wurde.
Weber hat auch wichtige Erkenntnisse zum Gebiet der Ökonomie beigesteuert. Von ihm stammt etwa die Theorie des rationalen Handelns gemäß der die Handlungen einer Person durch ein Zweck-Mittel-Kalkül bestimmt sind. Auf derselben Grundlage gründet auch der Begriff des homo oeconomicus.
Leben
Max (eigentlich Emil Maximilian) Weber wird am 21. April 1864 in Erfurt geboren. Seine Eltern sind der Jurist und spätere Reichstags-Abgeordnete der Nationalliberalen Partei Max Weber (Sen.) und Helene (geb. Fallenstein). 1868 wird sein Bruder Alfred (1868-1958) geboren, der später ebenfalls als Nationalökonom und Soziologe Universitätsprofessor werden wird.
Von 1882 bis 1886 studiert Weber Jura, Nationalökonomie, Philosophie und Geschichte und wird 1889 in Jura promoviert. In Heidelberg wird er Mitglied der Studentenverbindung Burschenschaft Allemannia (SK). In Berlin habilitiert er sich 1892 über Römisches Recht und Handelsrecht. Im Jahre 1893 heiratet er in Oerlinghausen seine entfernte Cousine Marianne Schnitger (1870-1954), die später als Frauenrechtlerin und Soziologin aktiv war.
Weber wird 1894 zum Professor für Nationalökonomie an die Universität Freiburg im Breisgau berufen, 1897 wird er Professor für Nationalökonomie an der Universität Heidelberg. Ab 1898 muss er aufgrund einer psychischen Erkrankung seine Lehrtätigkeit einschränken und 1903 ganz aufgeben. 1904 übernimmt er zusammen mit Edgar Jaffé und Werner Sombart die Redaktion des Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik und nimmt er seine publizistische Tätigkeit wieder auf, und 1909 gründet er zusammen mit Ferdinand Tönnies, Georg Simmel und Werner Sombart die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS).
Zu Beginn des 1. Weltkriegs 1914 ist Max Weber Disziplinaroffizier der Lazarettkommission in Heidelberg, wo er allerdings schon 1915 ausscheidet. Auf den Lauensteiner Tagungen 1917 fordert er ein Durchstehen des Krieges, gleichzeitig tritt er aber auch für die Parlamentarisierung ein. Im Jahre 1918 ist er Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Nach Kriegsende wird er 1919 zum Sachverständigen der deutschen Delegation bei der Friedenskonferenz zum Versailler Vertrag unter der Leitung des Reichsaußenministers Graf Brockdorff-Rantzau berufen.
Zwischen 1903 und 1918 fanden auch mehrere regelmäßige Gesprächszirkel im Hause der Webers in Heidelberg statt, zu denen Größen wie Georg Jellinek, Friedrich Naumann, Emil Lask, Karl Jaspers, Werner Sombart, Georg Simmel, Georg Lukács, Ernst Bloch, Gustav Radbruch, Theodor Heuss und andere kamen und welche den "Mythos von Heidelberg" begründeten.
Max Weber stirbt am 14. Juni 1920 in München an den Folgen einer Lungenentzündung, die durch die Spanische Grippe ausgelöst worden war. Sein Grab befindet sich auf dem Bergfriedhof in Heidelberg.
Kritik
Trotz, oder vielleicht auch gerade aufgrund seines Einflusses auf die moderne Ökonomie und Soziologie wurden die Arbeiten Webers immer wieder kritisiert.
Weber stand zu Lebzeiten den neoklassischen Ansätzen von Autoren wie Carl Menger und Friedrich von Wieser, dessen formaler Ansatz sich beträchtlich von Webers Ansatz der historischen Soziologie unterschied, kritisch gegenüber. Die Arbeit dieser Autoren begründete die Österreichische Schule, und so ist es kaum verwunderlich, dass auch heute noch die an Webers Arbeiten geübte Kritik von durch diese Schule beeinflussten Personen herrührt. Zu diesen zählen die Anhänger Friedrich Hayeks und in neuerer Zeit auch die Autoren Daniel Yergin und Joseph Stanislaw. In ihrem Pro-Globalisierungsbuch Staat oder Markt (The Commanding Heights, 1999) attackieren sie Weber unter Hinweis auf die Tigerstaaten Asiens für seine angebliche Aussage, dass nur der Protestantismus zu Arbeitsethos geführt haben könne.
In ähnlicher Weise wurde Webers These der protestantischen Ethik von vielen Historikern seiner Zeit kritisiert. In seiner Biographie Benjamin Franklins (Weber griff in seinem Werk exemplarisch auf Franklin zurück) weist beispielsweise Walter Isaacson Webers These als ein "marxistisches" Argument zurück, dass dieser trotz seiner eigenen Kritik an der Monokausalität vieler der Thesen Marx' aufstelle.
Die Kritik erscheint jedoch trotz der Einseitigkeit seiner Fragerichtung in Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus (die Weber durchaus bewusst war) fraglich, denn Weber weist in der Mitte seines Werkes ausdrücklich darauf hin: "Aber andererseits soll ganz und gar nicht eine so töricht-doktrinäre These verfochten werden, wie etwa die: daß der 'kapitalistische Geist' [...] nur als Ausfluß bestimmter Einflüsse der Reformation habe entstehen können oder wohl gar: daß der Kapitalismus als Wirtschaftssystem ein Erzeugnis der Reformation sei. Schon daß gewisse wichtige Formen kapitalistischen Geschäftsbetriebes notorisch erheblich älter sind als die Reformation, stände einer solchen Ansicht ein für allemal im Wege." Und gegen Ende des Werkes: "...so kann es dennoch natürlich nicht die Absicht sein, an Stelle einer einseitig 'materialistischen' eine ebenso einseitig spiritualistische kausale Kultur- und Geschichtsdeutung zu setzen. Beide sind gleich möglich, aber mit beiden ist, wenn sie nicht Vorarbeit, sondern Abschluss der Untersuchung zu sein beanspruchen, der historischen Wahrheit gleich wenig gedient." Weber behauptet überhaupt kein Bestehen einer echten Kausalität zwischen Protestantismus und Kapitalismus, sondern eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Entstehung eines modernen Kapitalismus bei Zusammentreffen bzw. -wirken von Kapitalismus und Berufsethos bzw. innerweltlicher Askese.
Werke
- 1891 - 1892 Die Studie Die Verhältnisse der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland begründet seinen Ruf.
- 1895 Freiburger Antrittsvorlesung Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B Mohr, Freiburg i. Br. und Leipzig 1895
- 1904 Herausgabe von
- Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis sowie
- Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus
- 1915 - 1919: Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen erscheint in Form von 11 Einzelaufsätzen
- 1919 Erscheinen der Vortragsmanuskripte
- Wissenschaft als Beruf (ISBN 3-15-009388-0) ([http://www.textlog.de/weber_wissen_beruf.html Online Text]) und
- Politik als Beruf (ISBN 3-15-008833-X) ([http://www.textlog.de/weber_politik_beruf.html Online Text])
- 1920 - 1921 Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie erscheinen in drei Bänden, beinhalten neue und korrigierte bereits erschienene Schriften
- Band 1: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus sowie Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen (Teil 1: Konfuzianismus und Taoismus) ISBN 3-8252-1488-5
- Band 2: (Teil 2: Hinduismus und Buddhismus) ISBN 3-8252-1489-3
- Band 3: (Teil 3: Das antike Judentum) ISBN 3-8252-1490-7
- 1922 (nach seinem Tode) erscheint sein Hauptwerk Wirtschaft und Gesellschaft (Studienausgabe: ISBN 3-16-147749-9) ([http://www.textlog.de/weber_wirtschaft.html Online Text, unvollständig und stellenweise fehlerhaft])
Sein Gesamtwerk, die Max Weber-Gesamtausgabe (MWG) ist im Erscheinen.
Die derzeit zuverlässigste (und preiswerteste) Sammlung der wichtigsten Texte von Max Weber, die in bisher sieben Auflagen seit dem Jahr 1956 die Rezeption Webers im deutschsprachigen Raum geprägt hat, ist:
Max Weber Schriften 1894 - 1922. Ausgewählt und herausgegeben von Dirk Kaesler. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2002. (= Kröners Taschenausgabe Bd. 233). Mit ausführlicher Einleitung, Anmerkungen und Erläuterungen, Zeittafel, Vollständiges Verzeichnis der Publikationen Max Webers und ausgewählter Sekundärliteratur. ISBN 3-520-23301-0
Literatur
- Talcott Parsons: The Structure of Social Action, 1937.
- Karl Loewenstein, Max Webers Beitrag zur Staatslehre in der Sicht unserer Zeit, in: Max Weber. Gedächtnisschrift der Ludwig-Maximilians-Universität München zur 100. Wiederkehr seines Geburtstages 1964.
- Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild, Mohr (1984), ISBN 3-16-544820-5 (auch München: Piper, 1989. Serie Piper 984. ISBN 3-492-10984-5)
- Karl Jaspers: Max Weber, Serie Piper, München 1988. ISBN 3-492-10799-0
- Tilman Allert: Die Familie. Fallstudien zur Unverwüstlichkeit einer Lebensform, de Gruyter, Berlin, New York 1998.
- Hans Norbert Fügen: Max Weber., Verla 2000. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. ISBN 3-499-50216-X
- Nicolaus Sombart: Rendevous mit dem Weltgeist, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2000. ISBN 3-10-074422-5, darin Zweiter Teil, Kapitel "Max Weber"
- Guenther Roth: Max Webers deutsch-englische Familiengeschichte 1800 - 1950, Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2001. ISBN 3-16-147557-7
- Dirk Kaesler: Max Weber. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung. 3. aktualisierte Auflage. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37360-2
- Volker Heins: Max Weber zur Einführung, 3.Auflage, Hamburg 2004. ISBN 3-88506-390-5
- Gregor Schöllgen: Max Weber, Beck´scheReihe, Orig. Auflage, München 1998. ISBN 3-406-41944-5
- Joachim Radkau: Max Weber, Hanser Verlag, München, 2005; umfassende Biographie
Siehe auch
- Arbeitssoziologie, Stadtsoziologie, Rationalität (Philosophie), Autokephalie, Gewaltmonopol, Sozialstruktur, Marxistische gegenüber "bürgerlicher" Soziologie, Neo-Gramscianismus, Bürokratieansatz
Weblinks
-
- [http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/WeberMax/index.html Biographie Max Webers]
- [http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/weber/49bio.htm Biografie und Bibliografie Max Webers]
- [http://www.geocities.com/Athens/Delphi/2094/maxweber.htm Weber-Fibel]
- [http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html Bildergalerie Dirk Kaeslers]
- [http://www.textlog.de/weber.html Einige Werke Webers auf textlog.de] (nachbearbeitet, nicht immer vollständig und teilweise fehlerhaft)
- [http://www.uni-potsdam.de/u/paed/Flitner/Flitner/Weber/index.htm Max Weber - Ausgewählte Schriften (Potsdamer Internet Ausgabe)]
- [http://gallica.bnf.fr/ Gallica] Unter anderem "Wirtschaft und Gesellschaft" in zwei Bänden
- [http://www.mohr.de/cgi-bin/search.pl?lang=d&feld_val=%22Max%20Weber-Gesamtausgabe%22&vg=v&sid=&range=4&show=mtv&sid= Übersicht zur Max Weber-Gesamtausgabe bei Mohr Siebeck]
- [http://www.maxweberstudies.org/ Max Weber Studies (kostenloses eJournal, 1.2000 ff., 2 Ausgaben pro Jahr)]
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
Weber, Max
ja:マックス・ヴェーバー
ko:막스 베버
th:มักซ์ เวเบอร์
Sinn (Metaphysik)Mit Sinn im teleologischen Sinne ist die mit Hilfe des Verstehens zugängliche Bedeutung einer Handlung oder eines Zeichens beziehungsweise Symbols gemeint.
Wenn von Sinn die Rede ist, geht es nicht um Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zwecks, sondern um den Zweck selber, der mit Hilfe der Mittel erreicht werden soll – so, wie Immanuel Kant forderte, den Menschen niemals nur als Mittel (zur Erfüllung der eigenen Zwecke), sondern immer auch als Zweck zu betrachten (in: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785). Auf den Zweck einer Sache zielt das Interrogativpronomen wozu.
Um eines der wohl prominentesten Beispiele für die Verwendung des Wortes Sinn in diesem Sinne geht es, wenn vom Sinn des Lebens die Rede ist. Um Sinn im teleologischen Sinne geht es aber auch, wenn gesagt wird, eine Sache sei sinnlos oder zwecklos. Meistens wird mit dieser Redensart jedoch fälschlicherweise gar nicht die Einsicht zum Ausdruck gebracht, dass sich ein bestimmtes Ziel nicht lohnt, sondern die Einsicht, dass man sich zur Erreichung eines bestimmten Zwecks (bislang zumindest) eines falschen Mittels bedient hat.
Viktor E. Frankl und die von ihm gegründete Logotherapie hat Sinn als den zentralen Begriff. Logos heisst Sinn, Weg u.a., Tao..., auch Gewissen als Sinn-"Organ"
Gottlob Frege hat in die Sprachphilosophie die Unterscheidung von Sinn (Intension) und Bedeutung (Extension) eingebracht.
Elisabeth Lukas, literarische Zentralfigur der Logotherapie nach Viktor Frankl, beschreibt Sinn in vielen (Fall-)Beispielen als Bibliotherapie.
Niklas Luhmann meint, Sinn ist […] eine raffinierte evolutionäre Errungenschaft. (Walter Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung, Hamburg: Junius 1992, 207 S., zit. S. 50)
Siehe auch:
- Synchronizität, Serendipity, Sinnwidrigkeit, Niccolò Machiavelli
Literatur
Eifler, G./O. Saame/P. Schneider (Hrsg.): Sinn im Wissenschaftshorizont, Mainz 1983
Kategorie:Metaphysik
SozialDas Wort sozial (von lat. socius = gemeinsam, verbunden, verbündet) taucht in mehreren Bedeutungen auf:
- Umgangssprachlich ist sozial die Eigenschaft (zumeist) einer Person, auch das Wohl Anderer im Auge zu behalten (Altruismus, Gegensatz Egoismus), fürsorglich auch an die Allgemeinheit zu denken (Gegensatz: Eigennutz), umgekehrt die Fürsorge oder das Mitgefühl einer Gemeinschaft oder Gesellschaft für das Individuum ("Einer für alle, alle für einen!"); dazu gehört ferner, gegenüber Untergebenen großmütig oder leutselig zu sein, gegenüber Unterlegenen ritterlich, gegenüber Gleich- und Nichtgleichgestellten hilfreich, höflich und taktvoll. Unsozial in diesem Sinne handelt, wem all das abgeht.
- Rechtlich ist "sozial" eine grundgesetzliche Staatszielbestimmung der Bundesrepublik Deutschland: Sie ist ein "sozialer" Bundesstaat (Art. 20, Abs. 1). Dem zu Folge hat jeder Mensch in Deutschland (nicht nur jeder deutsche Staatsangehörige) einen Grundanspruch darauf, dass sich der Staat um ihn (in äußerster Not) kümmert. (Vgl. auch die Sozialgesetzgebung.)
- Soziologisch ist das soziale Handeln und Verhalten Gegenstand der Soziologie.
- Politisch ist es - von der Umgangssprache her, aber auch, aufbauend auf politischen Lehren (z. B. auf dem Sozialismus) - eine Zielangabe, die etliche deutsche Parteien auch im Namen führen, z.B. die (alphabetisch:) CSU, PDS und SPD. Politische Zentralprobleme (oft ganze Problemkomplexe) über längere Zeit (ganze Generationen) hinweg werden oft als die (oder eine) "Soziale Frage" behandelt.
- In der Psychologie ist der Begriff sozial synonym zum Begriff zwischenmenschlich, wie in Soziale Beziehung.
- In der Biologie bezeichnet man die Kooperation zwischen Individuen als sozial. (siehe auch Staat (Biologie))
- In der Volkswirtschaftslehre ist davon der statistische Begriff des Sozialproduktes abgeleitet.
- Organisatorisch - meist in den "Freien Berufen" - ist davon der Begriff von Zusammenschlüssen abgeleitet (z.B. eine "Anwaltsozietät").
- Religiös wird der Begriff "sozial" in diesem Sinne gelegentlich als zu weltlich empfunden und lieber durch "fromm" oder gar "christlich" ersetzt (vgl. das Verständnis von "Weltfrömmigkeit" oder "christlicher Nächstenliebe" u. ä.).
Siehe auch: Asozialität, Dissozialität, Sozius
Kategorie:Soziologie
Kategorie:Sozialpsychologie
Kategorie:Staats- und Verfassungsrecht
Kategorie:Sozialrecht
Kategorie:Politik
BiosoziologieDie Biosoziologie ist derjenige Teilbereich der allgemeinen Soziologie, der sich mit der sozialen Formung – der „Institutionalisierung“ – der sozial reflexiv formbaren Mitbringsel des Menschen aus dem Tier-Mensch-Übergangsfeld empirisch und theoretisch befasst.
Biosoziologie und Soziobiologie
Der Unterschied der Biosoziologie zur Soziobiologie ist umstritten und die Debatte nicht selten mit wechselseitigen Ideologie-Vorwürfen belastet.
Der anfänglich von Edward O. Wilson geprägte Begriff der Soziobiologie vermutete bei sozialem Verhalten auch beim Menschen einen starken biologischen Einfluss. Diese Vermutung stieß zumal in den Geistes- und Sozialwissenschaften auf großen Widerstand. Erst der von Richard Dawkins eingeführte Begriff des Mems und einer damit verbundenen eigenständigen kulturellen Evolution schaffte eine gemeinsame Diskussionsbasis. Ähnlich wie Dawkins geht die Biosoziologie nicht von rein biologischen Vorteilen von sozialem Verhalten aus, sondern nimmt ebenfalls eine unabhängige Entwicklung der Kultur vom Genotyp des Menschen an.
Die Sozialwissenschaften besitzen jedoch im Vergleich zur Biologie ein unterschiedliches Begriffssystem. Demnach soll in der Biosoziologie nicht etwa ein soziales Verhalten (der Begriff ist abhängig von metaphysischen – entweder moralischen/ethischen oder monistisch-physiologischen - Vorstellungen), sondern das soziale Handeln biologisch fixiert werden. Zentral hierbei ist der Begriff der Institution, welcher hier vor Allem soziale Regeln und damit verbundene Durchsetzungsmechanismen meint.
Instinkt-Bauprinzipien
Bereits Arnold Gehlen (vgl. dort) hat philosophisch-anthropologisch den Satz aufgestellt, dass der „Mensch“ (mit Friedrich Nietzsche) „das nicht festgestellte Tier“ sei, nämlich ein Tier ohne Instinkte, die ihn in festen Reaktionsbahnen halten könnten. Deswegen fehle ihm die (bei Tieren instinktförmig mit gegebene) Sicherheit des Verhaltens. Er habe aber, und das sei seine menschliche Besonderheit, an Stelle der Instinkte die „Institutionen“ entwickeln können. Institutionen gäben ihm ebenfalls Sicherheit, aber nicht für alle Menschen einförmig, sondern - je nach der sozialen Ausprägung der Institutionen - von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. Insofern genüge eine biologische Instinktlehre für ihn nicht.
Vertiefend hat Dieter Claessens (s. dort) angenommen, dass der Mensch diesseits des Tier-Mensch-Übergangsfeldes seine Instinkte keinesfalls restlos verloren habe, sondern dass noch „Instinktstümpfe“, d. h. Instinkt-Bauprinzipien, erhalten seien. Durch die besondere menschliche Gabe, nicht instinktgepeitscht z.B. fliehen oder angreifen zu müssen, sondern sein eignes Tun innehaltend (es nach eigenem Urteil verzögernd) ins Auge zu fassen (es, wie in einem Spiegel‘ zu reflektieren), könne er gewisse Wahlen treffen. Aus denen entstehen erste Institutionen (z. B. „das Erzählen“), die sich dann aber biologisch-anthropologisch ihrerseits verfestigen könnten, so dass Instituiertes wieder instinktähnlich funktioniere und vmtl. nicht mehr rückgängig gemacht werden könne (Gleichnis des point of no return).
Reichweite der neuen Eigenschaften
Claessens vermutet (1980, in „Das Konkrete und das Abstrakte“), dass diese sekundär vom Frühmenschen erworbene Handlungssicherheit nur so weit reiche, wie die Herausforderungen eines Jäger- und Sammlerlebens. Der überwältigenden Menge von Abstraktionen, die sich seither, d.h. seit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht, heraus gebildet hätten, stünde der Mensch weitaus handlungsunsicherer gegenüber.
Deutungen des „Handelns“
Was ‚wirklich‘ aus dem „Innehalten“ (aus der momentanen Befreiung von Verhaltenszwängen) hervor gegangen sein mag, ist (z.B.) philosophisch vielfach untersucht bzw. postuliert worden. Ob hier eine – immer als ‚typisch menschlich‘ anzusehende – Genese des „Willens“ oder der „Reflexion“ oder des „Gewissens“ oder der „Wesensschau“ oder gar der (bzw. einer) „Seele“ vorliege, ist strittig. In der Soziologie des sozialen Handelns wird axiomatisch oft von der Reflexion ausgegangen (vgl. z.B. die Theorie der rationalen Entscheidung (rational choice theory) oder die Frankfurter Schule), selten vom „Willen“ (vgl. z.B. Ferdinand Tönnies) oder von der Genese der Moral (vgl. z.B. Zygmunt Bauman).
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Kategorie:Verhaltensbiologie
Axiom
Axiom (v. griech.: tà tôn progónon axiómata = als wahr angenommener Grundsatz) nennt man eine Aussage, die grundlegend ist und deshalb nicht innerhalb ihres Systems begründet werden kann bzw. muss. Sie dient als Grundlage für eine deduktive Theorie (vgl. auch Prinzip) und kann deshalb nicht selbst durch diese Theorie begründet werden. Wenn eine Theorie aus begründeten Sätzen bestehen soll, so muss es notwendigerweise solche Axiome geben, denn sonst würde die Argumentation in einem unendlichen Regress enden: Jeder Satz, den ich zur Begründung anführte, bedürfte wieder einer Begründung, usw. Daher ist ein Axiom etwas ganz anderes als eine Vermutung.
Ausnahmen:
- der Logizismus, vertreten von Gottlob Frege, der zumindest die elementare Arithmetik rein logisch zu begründen suchte. (Aber dann stellt sich - nicht für ihn, aber für uns - die Frage nach der Begründung der Logik).
- die Protokollsatzlehre, vertreten speziell vom logischen Positivismus. Demnach können Sätze der empirischen Wissenschaften auch logisch auf Wahrnehmungserlebnisse zurückgeführt werden, deren Evidenz unmittelbar klar ist. Insbesondere Popper kritisiert diese Position aufgrund der in den wissenschaftlichen Sätzen auftretenden Universalien.
Mehrere Axiome können zu einem Axiomensystem gehören, wenn sie in keinem Widerspruch zueinander stehen. So definieren z.B. die Körperaxiome in Verbindung mit den Anordnungsaxiomen und dem Vollständigkeitsaxiom die reellen Zahlen: Alle wahren Aussagen über reelle Zahlen lassen sich aus diesen Axiomen ableiten.
Wenn eine deduktive Theorie irgendeinen Anspruch auf Plausibilität haben soll, so müssen ihre Axiome wohlbegründet sein (nur eben nicht mit den Mitteln dieser Theorie). Sie müssen "selbstverständlich" und "offenbar" sein. Mit Gödel u.a.: Axiomata in einer logischen Sprache können nur außerhalb ihrer selbst, in einer "Metasprache" begründet werden. Die Axiome dieser Sprache also nur in einer "Meta-meta-Sprache", und so fort. Die allerletzte Sprache (das 'allererste Kettenglied') ist auch für Logiker dann die sog. Umgangssprache.
Der Versuch, mathematische Sachverhalte auf Axiome zurückzuführen, wird als Axiomatisierung bezeichnet.
Beispiele
# Parallelenaxiom: "Zu jeder/m Geraden / Punkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, gibt es genau eine Parallele durch diesen Punkt." Dieses Axiom der euklidischen Geometrie war immer als weniger klar und einleuchtend erschienen als die anderen und es gab viele Versuche, es aus den anderen abzuleiten. Schließlich wurden um die Wende zum 19. Jahrhundert nichteuklidische Geometrien konzipiert, die bewiesen, dass es logisch unabhängig ist.
# "Zu jedem Prädikat P gibt es die Menge aller Dinge, die dieses Prädikat erfüllen." Dies ist das ursprüngliche Komprehensionsaxiom der Mengenlehre Georg Cantors, das so klar und einfach, so selbstverständlich ist, dass es einen großen Schock bedeutete, als sich herausstellte, dass es nicht widerspruchsfrei zu den anderen Axiomen hinzugefügt werden konnte.
# "Jede natürliche Zahl n hat genau einen Nachfolger n' ." ist ein Axiom der Arithmetik. Es ist plausibel, weil es die Zählbewegung simuliert (man kann es mit Streichhölzern schreiben), deren protomathematische Evidenz klar ist.
# "Der Raum in einem Inertialsystem ist homogen", d.h. es darf keine Rolle spielen, an welcher willkürlich gewählten Stelle im Raum ein Vorgang stattfindet, solange nur alle anderen Rahmenbedingungen gleich sind. Sollte dieses Axiom nicht erfüllt sein, gäbe es auf irgendeine Weise ausgezeichnete Stellen im Raum, deren Eigenschaften und Herkunft nur noch im Rahmen einer Religion erklärbar sind (tatsächlich definieren fast alle Religionen so etwas wie ein Jenseits, also einen Ort im Raum, an dem die sonst üblichen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gültig sind). In der klassischen Physik folgt direkt aus diesem Axiom die Erhaltung des Impulses.
# "Wahr ist Falsch", ein Axiom muss keine Konsequenz einer übergeordneten Schlussfolgerungskette sein. Aus einer Theorie, die ein solches Axiom enthält, lassen sich aber beliebige Schlussfolgerungen ziehen.
# Ein Axiom einer Religion oder Weltanschauung wird Dogma oder Paradigma genannt.
Kategorie:Logik
ja:公理
ko:공리
Ferdinand TönniesFerdinand Tönnies ( - 26. Juli 1855 bei Oldenswort; † 9. April 1936 in Kiel) war Soziologe, Nationalökonom und Philosoph.
Arbeitsgebiete
Ferdinand Tönnies hat 1887 mit "Gemeinschaft und Gesellschaft" als erster deutscher Wissenschaftler ein Grundlagenwerk ausdrücklich zur Soziologie vorgelegt und ist daher der Begründer (bzw. mit den jüngeren und später als er soziologisch hervorgetretenen Autoren Georg Simmel und Max Weber ein Mitbegründer) der deutschen Soziologie. Erkenntnistheoretisch der Vertreter einer Einheitswissenschaft ("Monist"), trug er bedeutend zur soziologischen Theorie und Feldforschung bei. Am geläufigsten ist seine (aus heutiger Sicht hoch problembeladene Alternativsetzung, aber zu seiner Zeit akademisch und außerakademisch populäre) Einführung der zwei Begriffe „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ geworden. Seine publizistische Aktivität war thematisch weit gespannt und großen Umfangs, sowohl in den Bereichen der Soziologie, der Statistik und der Forschung zu Thomas Hobbes, als auch – mit republikanischer Grundüberzeugung – zu aktuellen politischen Themen (so zur Schuldfrage beim Ersten Weltkrieg und scharf gegen den Nationalsozialismus).
Hervorzuheben sind seine Studien zum Voluntarismus (er prägte diesen Begriff), zur Typologie, zum sozialen Wandel (der "Sozialen Frage", der "Neuzeit"), zur öffentlichen Meinung, zu den Themen der Sitte, der Kriminalität und des Suizids, zur Methodologie der Statistik (Tönnies’ Korrelationskoeffizient), sowie seine Neubelebung der internationalen Hobbes-Diskussion (mit Herausgabe von dessen ungedruckten Manuskripten).
Leben
Ferdinand Tönnies ist der einzige Klassiker der deutschen Soziologie, der nicht aus großstädtischem Milieu, sondern aus einer (groß)bäuerlichen Familie kommt - daher auch sein realistisches Verhältnis zur "Gemeinschaft". Er wurde auf dem Haubarg Op de Riep bei Oldenswort (auf Eiderstedt im damals dänischen Herzogtum Schleswig) als Sohn des Marschbauern August Tönnies und der Pastorentochter Ida Mau geboren. Die Familie verzog dann ins nahe Husum. Damit kommt ein zweites Element seiner sozialen Herkunft hinein: Nordfriesland (auch die Reederstadt Husum) war damals durch Walfang und Überseehandel stärker als heute der Seefahrt zugewandt, also keinesfalls bäuerlich oder kleinstädtisch 'eng'.
In Husum arbeitete der hochbegabte Gymnasiast als Korrekturgehilfe von Theodor Storm, mit dem ihn später Verehrung und Freundschaft verbanden. Storms Einfluss ("auch bleib' der Priester meinem Grabe fern") begünstigte sein lebenslang distanziertes Verhältnis zur Religion, das sich annäherungsweise als monistisch und spinozistisch kennzeichnen lässt - ein Frühaufklärer in der Spätaufklärung, der kundig auf die Antike zurückzugreifen wusste.
Bereits mit 16 Jahren bestand Tönnies die Abiturprüfung (mit den Fremdsprachen Latein, Griechisch, Hebräisch, Englisch, Französisch und Dänisch). 1872 begann er ein Studium der Philologie und Geschichte in Jena, Leipzig, Bonn, Berlin und Tübingen, veröffentichte unter den Pseudonymen "Julius Tönnies" und "Normannus" einige Schriften und promovierte 1877 (noch auf Latein) über das Orakel des Zeus Ammon in der ägyptischen Oase Siwa zum Dr. phil. Die bis zur großen Nachkriegs-Inflation wohlhabenden Vermögensverhältnisse seiner Familie erlaubtem ihm ein privates Studium der Philosophie und Staatswissenschaften. Auf Anregung seines älteren Freundes Friedrich Paulsen wandte er sich Thomas Hobbes zu und machte 1878 in England wichtige Archiventdeckungen zu dessen Leben und Werk. Er kann als Hobbes europäischer Wiederbeleber angesehen werden. 1878 bis 1879 war er eifriges Mitglied des "Statistischen Bureau" in Berlin und Schüler von Ernst Engel, Richard Böckh und Adolph Wagner. 1881 habilitierte er sich an der Universität Kiel. Nach 1883 reiste er viel. 1887 brachte er sein - für die Soziologie nicht nur in Deutschland - fundamentales Werk "Gemeinschaft und Gesellschaft" (GuG) heraus.
Er war mit der Schwabinger Malerin und Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow noch von Husum her befreundet, war den Quellen nach von Lou Andreas-Salomé zeitweise sehr angezogen, heiratete jedoch 1894 die holsteinische Pächterstochter Marie Sieck (1865-1937), mit der er in lebenslanger Ehe fünf Kinder haben sollte und zog mit ihr nach Hamburg. Seine dortigen Studien zu den Ursachen des Hamburger Hafenarbeiterstreiks von 1897 trugen ihm das dauernde Misstrauen der preußischen Hochschulaufsicht ein. 1898 zog das Paar ins damals noch preußische Altona um, 1901 nach Eutin. 1904 bereiste er anlässlich der Weltausstellung in St. Louis die USA und wurde für den Beraterkreis des American Journal of Sociology gewonnen. 1909 wurde die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) von ihm mitbegründet. Die zweite Auflage von GuG von 1912 wurde ein bedeutender Erfolg.
Erst 1909 wurde er a.o. Professor der Universität Kiel, 1913 dann Ordinarius, 1916 auf eigenen Wunsch emeritiert (entpflichtet), 1917 Geheimrat. Das Familienvermögen geriet nun jedoch durch die galoppierende Inflation völlig in Verfall, Tönnies musste 1920 sein Eutiner Haus verkaufen, zog nach Kiel und nahm an der dortigen Universität - bis 1933 - einen besoldeten Lehrauftrag für Soziologie auf. 1921 verlieh ihm Hamburg den juristischen Ehrendoktor. 1922 wurde die im Weltkrieg ruhende DGS wieder belebt, deren einziger Präsident er bis zu seiner Amtsentfernung durch die NS-Machtergreifung 1933 blieb. Der Ehrendoktor (Dr.rer.pol. h.c.) der Universität Bonn folgte 1927. Tönnies war inzwischen in Europa und Nordamerika in seinem Fach, der Soziologie, hoch angesehen und wurde Mitglied und Ehrenmitglied vieler ausländischer soziologischer und philosophischer Gesellschaften und Institute.
Am schärfsten unter den etablierten deutschen Soziologen kritisierte er hoch beunruhigt und öffentlich ab 1930 die 'Bewegung' Hitlers. 1933 vom nationalsozialistischen Regime aus dem Beamtenstand unter Streichung seiner Emeritenbezüge entlassen, verarmte er rasch vollends und musste seine Bibliothek großenteils verkaufen. Seine wichtigsten Schüler und vier seiner Kinder verließen das Deutsche Reich. Am 9. April 1936 starb er in Kiel. (Zahlreiche Lexika geben den falschen Todestag "11.4." an.)
Dort auf dem Friedhof "Eichhof" steht sein und Marie Tönnies' Grabstein und in Oldenswort und Husum je ein Denkmal für ihn. Sein umfangreicher Nachlass wird von der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel betreut.
Zur Wirkung
Tönnies wirkte ab etwa 1900 auf die Intelligenz des späten Kaiserreiches und der Weimarer Republik stark, vor allem, weil mit der Jugendbewegung der Begriff "Gemeinschaft" Viele zu beschäftigen begann. Unmittelbar war er auf Soziologen wie z.B. Herman Schmalenbach, Max Graf Solms und Rudolf Heberle einflussreich. Insgesamt lebte er jedoch in der englischsprachigen (USA, Australien, Neuseeland) und der japanischen Soziologie auffälliger als in der deutschen weiter.
In den USA hat namentlich Talcott Parsons die normaltypischen Eigenschaften von "Gemeinschaft" bzw. "Gesellschaft" idealtypisch für seine fünf pattern variables benutzt. Rudolf Heberle hat Tönnies' Ansatz für seine Studien über Massenbewegungen verwandt, Werner J. Cahnman ihn mit dem von George Herbert Mead verbunden. In Japan ist Shoji Kato zu nennen, in Russland jüngst Rimma Shpakova, in Spanien Ana Isabel Erdozain.
Anders in Deutschland: Max Webers Ruhm begann schon in der Weimarer Republik, den seinen zu überstrahlen. Im 'Dritten Reich' war Tönnies als Gegner selbstverständlich persona non grata, sein "Geist der Neuzeit" erschien 1935 fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und er wich mit Publikationen u.a. nach Frankreich und in die Niederlande aus. Seine Rezeption in der deutschen Soziologie riss Jahre lang ab (ähnlich wie die Georg Simmels).
In der Bundesrepublik Deutschland griff nach dem Zweiten Weltkrieg (nach dem Missbrauch des "Gemeinschafts"-Begriffs im Nationalsozialismus alarmiert) der zunächst einflussreiche René König den tönniesianischen Ansatz früh, energisch, mit Verzeichnungen, aber erfolgreich an, während der ebenfalls wirkungsstarke Helmut Schelsky ihn überging. Die Frankfurter Schule würdigte Bewunderer von Karl Marx nicht, die keine Marxisten waren; so auch die Soziologie in der DDR (Ausnahme: Günther Rudolph). Erst 1980 brach das (erste) "Tönnies-Symposion" in Kiel wieder das Eis, 1982 wurde die Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle am Institut für Soziologie der Universität Hamburg gegründet (Alexander Deichsel), so dass er in die deutsche soziologische Theoriedebatte zurückkehrte (vgl. neben den Herausgebern der TG - s. u. - zumal (alphabetisch) Arno Bammé, Stefan Breuer, Dieter Haselbach, Michael Günther, Klaus Lichtblau, Peter-Ulrich Merz-Benz, Arno Mohr, Frank Osterkamp, Rainer Waßner, Jürgen Zander). Der Forschungsfortgang wird von der Zeitschrift "Tönnies-Forum" begleitet.
Über den Bereich der Soziologie hinaus entfaltete sein Werk auch relative Wirkung in andere Wissenschatsbereiche. So ist GuG für die Theologie des jungen Dietrich Bonhoeffers von Bedeutung, der in Auseinandersetzung mit Tönnies seinen bis heute bedeutenden Beitrag zur Ekklesiologie entwickelte.
Werk
Tönnies war ein ungemein fleißiger Autor, seine theoretischen und empirischen Schriften, seine Rezensionen, seine vielfältigen Stellungnahmen zu Zeitproblemen - stets deutlich wissenschaftlich fundiert, obgleich er auch eine gute Klinge zu schlagen wusste - füllen die im Erscheinen begriffenen 24 Bände der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe (TG, im Auftrag der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft (FTG) kritisch ediert von Lars Clausen, Alexander Deichsel, Cornelius Bickel, Rolf Fechner und Carsten Schlüter-Knauer, Berlin/New York (Walter de Gruyter) 1998 ff.).
Im Einzelnen seien genannt:
- Gemeinschaft und Gesellschaft, 1887, zahlreiche Auflagen.
- Der Nietzsche-Kultus, 1897, neu 2005 im "Tönnies-Forum", H. 1
- Thomas Hobbes, der Mann und der Denker, 1910.
- Kritik der öffentlichen Meinung, 1922, neu 2002. (als TG 14)
- Soziologische Studien und Kritiken, 3 Bde., 1924, 1926, 1929.
- Einführung in die Soziologie, 1931.
- Geist der Neuzeit, 1935, neu 1998 (in TG 22)
- Ferdinand Tönnies - Harald Höffding. Briefwechsel, hrsg. u. komm. von Cornelius Bickel und Rolf Fechner, 1989.
Sekundärliteratur
Generell
- Als Bibliografie unverzichtbar ist: Rolf Fechner, Ferdinand Tönnies. Werkverzeichnis, in: [Tönnies im Gespräch 1], Berlin/New York: Walter de Gruyter 1992.
- Einführend siehe z.B.: Dirk Kaesler (Hrsg.): Klassiker der Soziologie, München 2000.
- Zweimal jährlich erscheint das Tönnies-Forum.
Untersuchungen
- E. G. Jacoby: Die moderne Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Denken von Ferdinand Tönnies, Stuttgart: Enke 1971.
- Alexander Deichsel: Von Tönnies her gedacht, Materialien der Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle, Band 5, Hamburg: Fechner 1987.
- Cornelius Bickel: Ferdinand Tönnies. Soziologie als skeptische Aufklärung zwischen Historismus und Rationalismus, Opladen: Westdt. Verlag 1991.
- Lars Clausen / Carsten Schlüter (Hrsg.): Hundert Jahre "Gemeinschaft und Gesellschaft". Ferdinand Tönnies in der internationalen Diskussion, Opladen: Leske + Budrich 1991.
- Günther Rudolph: Die philosophisch-soziologischen Grundpositionen von Ferdinand Tönnies, Hamburg: Fechner 1995.
- Peter-Ulrich Merz-Benz: Tiefsinn und Scharfsinn. Ferdinand Tönnies' begriffliche Konstitution der Sozialwelt, Frankfurt am Main 1995. Der Band erhielt im gleichen Jahr den Amalfi-Preis für Soziologie.
- Rolf Fechner / Lars Clausen / Arno Bammé (Hrsg.): Öffentliche Meinung zwischen neuer Religion und neuer Wissenschaft. Ferdinand Tönnies' "Kritik der öffentlichen Meinung" in der internationalen Diskussion, in: [Tönnies im Gespräch 3], München/Wien: Profil 2005, 303 S. ISBN 3-89019-590-3
Biografie
- Uwe Carstens: Ferdinand Tönnies. Friese und Weltbürger, 2005. ISBN 3-8334-2966-6
Weblinks
-
- [http://www.ftg-kiel.de Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft]
- [http://www.shlb.de Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (sein umfangreicher Nachlass)]
Tönnies, Ferdinand
Tönnies, Ferdinand
Tönnies, Ferdinand
Tönnies, Ferdinand
Tönnies, Ferdinand
Tönnies, Ferdinand
Tönnies, Ferdinand
Tönnies, Ferdinand
SubjektDas Wort Subjekt bezeichnet
- in der Umgangssprache eine Person (oft abwertend verwendet);
- in der Philosophie eine der beiden Seiten eines Subjekt-Objekt-Verhältnisses, siehe Subjekt (Philosophie);
- in Psychologie, Soziologie und verwandten Wissenschaften ein mehr oder weniger bewusst handelndes Individuum;
- in der Rechtswissenschaft Personen, die Träger von Rechten und Pflichten sein können: siehe Rechtssubjekt;
- hier wiederum speziell für das Völkerrecht: siehe Völkerrechtssubjekt;
- in der Sprachwissenschaft eine Wortgruppe oder ein Wort, siehe Subjekt (Grammatik);
- in der Volkswirtschaftslehre eine handelnde wirtschaftliche Einheit, siehe Wirtschaftssubjekt;
- in der Russischen Föderation die Verwaltungseinheit zwischen der Rajonsebene und der Ebene der Föderationskreise (z.B. Oblast, autonome Republik u.ä.), siehe Verwaltungsgliederung Russlands
WillenDas Wort Willen hat folgende Bedeutungen:
- Es bezeichnet einen Ortsteil der Stadt Wittmund; siehe Willen (Wittmund)
- Es ist identisch mit dem Wort Wille; siehe dort.
Reflexion (Philosophie)Allgemein könnte man Reflexion als prüfendes und vergleichendes Nachdenken über etwas bezeichnen. Im engeren Sinne, insbesondere in der von einem Subjekt ausgehende Erkenntnistheorie, meint Reflexion das Denken des Denkens.
Normaler- oder oberflächlicherweise wird dieser Ausdruck nur für die Fähigkeit des Menschen zur theoretisch-ausdrücklichen Selbstbesinnung verwendet, die sich am elementarsten in seinem Ich-Denken und -Sagen manifestiert. Fundamental für Reflexionstheorie ist aber, daß nach der “Bedingung der Möglichkeit” (Kant) für diese ausdrückliche Reflexion gefragt wird. Diese Bedingung der Möglichkeit ist seit dem Sozialphilosophen Johannes Heinrichs eine konstitutive oder implizite, gelebte Reflexion, demgegenüber die ausdrückliche Reflexion nur Folge, Symptom und theoretische Abzweigung ist. Diese letztere wird daher von ihm auch konsekutiv genannt. Heinrichs unterscheidet daher erstmals die konsekutive Reflexion, fast gleichbedeutend, auch theoretische Reflexion von der konstitutiv-praktischen oder gelebten Reflexion. Eine besondere Form der praktischen Reflexion ist die in dem Grundlagenwerk von Heinrichs‚ Logik des Sozialen, Woraus Gesellschaft entsteht (ISBN 9544491996), geltend gemachte soziale Reflexion, also das interpersonale und soziale Handeln als Prozess einer praktischen Reflexion, die zudem soziale Systeme als reflexive Wesenheiten begründet, weshalb der ursprüngliche Titel des o.g. Buches von Heinrichs von 1976 auch “Reflexions-Systemtheorie der Gesellschaft” lautete.
Im Denken des Denkens bestätigt sich ein Subjekt selbst. Es lernt also in der Reflexion (im Denken des Denkens) "Ich" zu sagen. Ein Denken, das sich in der Programmatik der Erkenntnistheorie auf eine Einheit bezieht. Die Reflexion bezeichnet also vereinfacht das "in sich gehen", "über Erlebtes nachdenken/reflektieren", "etwas Revue passieren zu lassen", "zu einer Erkenntnis zu kommen".
Anders in der Systemtheorie. Das Selbst, auf das sich etwas bezieht, ist ein System von Beobachtungen, in dem gefragt wird, wie es möglich ist, dass ein Beobachter, der beobachtet, wie ein Beobachter beobachtet, was er beobachtet.
Im Unterschied zur klassischen Erkenntnistheorie ist die Systemtheorie, ausgehend vom radikalen Konstruktivismus, differenzorientiert und nicht einheitsorientiert. Denn die Beobachtung unterscheidet, was sie unterscheidet. Sie geht so gesehen blind vor, da sie im Moment der Unterscheidung nicht sagen kann, wie sie das macht.
Zitate:
Johann Gottfried Herder, aus "Abhandlung über den Ursprung der Sprache":
"Der Mensch in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum ersten Mal frei wirkend, hat Sprache erfunden. Denn was ist Reflexion? Was ist Sprache?
Diese Besonnenheit ist ihm charakteristisch eigen und seiner Gattung wesentlich: so auch Sprache und eigne Erfindung der Sprache.
Erfindung der Sprache ist ihm also so natürlich als er ein Mensch ist! Laßt uns nun beide Begriffe entwickeln! Reflexion und Sprache -
Der Mensch beweist Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei wirkt, daß sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinne durchrauscht, eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke. Er beweist Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammeln, auf einem Bilde freiwillig verweilen, es in helle, ruhigere Obacht nehmen und sich Merkmale absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein anderer sei. Er beweist also Reflexion, wenn er nicht bloß alle Eigenschaften lebhaft oder klar erkennen, sondern eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaften bei sich anerkennen kann: der erste Aktus dieser Anerkenntnis gibt deutlichen Begriff; es ist das erste Urteil der Seele - und - wodurch geschah diese Anerkennung? Durch ein Merkmal, das er absondern mußte und das, als Merkmal der Besinnung, deutlich in ihn fiel. [..]
Dies erste Merkmal der Besinnung war Wort der Seele! Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden![..]"
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Siehe auch: Portal:Philosophie, Reflexion (Physik), Reflexionstheorie, Selbstbewusstsein, Güntherlogik
Kategorie: Philosophie des Geistes
Kategorie:Erkenntnistheorie
Kategorie:Denken
Theorie der rationalen EntscheidungRational Choice /'ræʃənl tʃɔɪs/ oder Rationale Entscheidung ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene Ansätze in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Generell schreiben diese Ansätze handelnden Subjekten (Akteuren) rationales Verhalten zu, wobei diese Subjekte aufgrund gewisser Präferenzen ein nutzenmaximierendes (oder kostenminimierendes) Verhalten zeigen.
Ziel und Methode
Historisch orientieren sich die Theorien der Rationalen Entscheidung an der klassischen Ökonomie Adam Smiths und der erklärenden Soziologie Max Webers. Sie versuchen, komplexe soziale Handlungen mit Hilfe möglichst einfacher Modellannahmen zu fassen. Das angestrebte Ziel der Theoretiker liegt darin, soziale Gesetze zu finden, die einfach und klar wie die der Newtonschen Physik sind. Darüber wie dieses Ziel zu erreichen ist, herrscht Uneinigkeit.
Menschenbilder der Rationalen Entscheidung reichen vom klassischen Homo oeconomicus bis zum RREEM (Restricted Resourceful Expecting Evaluating Maximising Man) der modernen Soziologie. Über den Rationalitätsbegriff des rationalen Entscheiders gibt es ebenso wie über die Gewichtung und Entstehung der Präferenzen keine Einigkeit.
Umstrittene Punkte
Während Rationale Entscheidung in den Wirtschaftswissenschaften das dominante Paradigma ist, ist sie in Soziologie und Politikwissenschaft stärker umstritten. Einer der Hauptstreitpunkte ist der verwendete methodologische Individualismus; es ist in der Debatte, ob sich soziales Verhalten und soziale Gesetze wirklich durch das Verhalten vieler einzelner Individuen bestimmen lasse, oder ob das soziale Handeln eigene Gesetzmäßigkeiten aufweise. Eine schwächere Version dieser Kritik wirft dem Ansatz der Rationalen Entscheidung vor, soziale Probleme strukturell bedingt unterkomplex zu fassen.
Zum anderen steht die starke Modellhaftigkeit des Ansatzes in der Kritik: Es lässt sich empirisch einfach beweisen, dass Menschen nur begrenzt rational handeln. Die meisten Theoretiker der Rationalen Entscheidung räumen das ein, machen aber geltend, dass rationale Nutzenmaximierung eine plausible Grundannahme darstelle, von der aus die Modelle bestimmten Situationen angepasst werden könnten.
Trotz der teilweise sehr heftigen Diskussionen ist aber unübersehbar, dass Ansätze, die auf Rationaler Entscheidung basieren, einen immer stärkeren Einfluss sowohl auf die globalen als auch auf die deutschen Sozialwissenschaften haben.
Spezielle Anwendungsgebiete
- Wahlforschung
- Public Choice Theory
- Spieltheorie
- Prinzipal-Agent-Theorie
- Religionssoziologie
- Managerialism (Stadtsoziologie)
Bekannte Vertreter
- Robert Axelrod
- Gary S. Becker
- James M. Buchanan
- James S. Coleman
- Anthony Downs
- Jon Elster
- Hartmut Esser
- Siegwart Lindenberg
- Mancur Olson
- George C. Homans
- Karl-Dieter Opp
Literatur
- Karl-Dieter Opp: Methodologie der Sozialwissenschaften; 6.Auflage. Wiesbaden, VS Verlag 2005.
- M. Baurmann: Der Markt der Tugend. Recht und Moral in der liberalen Gesellschaft. Tübingen, J.C.B. Mohr 1996.
- H.B. Schäfer und K. Wehrt (Hrsg.): Die Ökonomisierung der Sozialwissenschaften; Frankfurt a.M., New York 1989.
- Amartya Sen: Rational Fools. A Critique of the Behavioural Foundations of Economic Theory in: ders. Choice, Welfare and Measurement; Oxford, Blackwell 1982. (Kritik: Eine schlechte deutsche Übersetzung ist als Rationalclowns. Eine Kritik der behavioristischen Grundlagen der Wirtschaftstheorie in: K.P. Markl (Hrsg.): Analytische Politikphilosophie und ökonomische Rationalität, Bd. 2, Opladen (Westdeutscher Verlag) 1984, erschienen.)
- Herbert A. Simon: Homo rationalis. Die Vernunft im menschlichen Leben. Frankfurt/ New York 1993.
Siehe auch
- Neoliberaler Institutionalismus
Kategorie:Handlung und Verhalten
Kategorie:Soziologische Theorie
Kategorie:Wirtschaft
Hartmut EsserHartmut Esser ( - 1943 in Elend, Sachsen-Anhalt) ist Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim.
In seinem sechsbändigen Werk "Soziologie. Spezielle Grundlagen" von 1993 stellt er seinen an der Rational Choice-Theorie orientierten Ansatz mikrofundierter Methodologie in den Sozialwissenschaften vor. In diesem Gebiet ist er international anerkannt und gilt als Vorreiter.
Esser, Hartmut
Esser, Hartmut
Esser, Hartmut
Esser, Hartmut
Wichtige Werke
- Soziologie. Allgemeine Grundlagen, 2., durchgesehene Auflage, Frankfurt am Main, 1996, ISBN 3-593-34960-4.
- Soziologie. Spezielle Grundlagen in sechs Bänden:
- Band 1: Situationslogik und Handeln, Frankfurt am Main, 1999, ISBN 3-593-36335-6.
- Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft, Frankfurt am Main, 2000, ISBN 3-593-36383-6.
- Band 3: Soziales Handeln, Frankfurt am Main, 2000, ISBN 3-593-36384-4.
- Band 4: Opportunitäten und Restriktionen, Frankfurt am Main, 2000, ISBN 3-593-36385-2.
- Band 5: Institutionen, Frankfurt am Main, 2000, ISBN 3-593-36386-0.
- Band 6: Sinn und Kultur, Frankfurt am Main, 2001, ISBN 3-593-36423-9.
Weblinks
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- [http://www.sowi.uni-mannheim.de/lehrstuehle/lssw/ Homepage des Lehrstuhls Esser] an der Universität Mannheim]
AutopoieseDer Begriff Autopoiesis bzw. Autopoiese (zu altgr. αυτός, "selbst" und ποιειν, "machen") wurde von den chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana ( - 1928 in Santiago de Chile) und Francisco Varela ( - 7. September 1946, Santiago de Chile; † 28. Mai 2001, Paris) erfunden.
Begriffserklärung
Autopoiesis tritt als funktionaler Begriff an die Stelle der wissenschaftlich schlecht fassbaren Idee des "Lebens". D.h., ein Ding wird als lebendig eingestuft, sobald es unter den Begriff der Autopoiesis fällt.
Der Autopoiesisbegriff wurde als die Eigenschaft aller Organismen metaphorisiert, sich "aus sich selbst heraus zu schaffen". Was in dieser Form blasphemisch bzw. metaphysisch anmutet, bezeichnet jedoch nur die Tatsache, dass Organismen bzw. biologische Systeme zum einen ihre Grenze zur Außenwelt und zum anderen ihre inneren Komponenten selbst produzieren. Dabei stellt sich ein logischer Zirkel ein: Der Organismus produziert seine Grenze. Die Grenze ist es jedoch, die den Organismus von seiner Außenwelt abtrennt und ihn somit erst als etwas von der Umwelt verschiedenes definiert.
Humberto Maturana und Francisco Varela wollten mit diesem Konzept die Tatsache betonen, dass Organismen zwar Substanzen aus der Umwelt in sich aufnehmen, diese dabei jedoch sofort in verwertbare Baustoffe umwandeln. Substanzen dagegen, die für die Selbstreproduktion des Organismus keine Bedeutung haben, werden quasi "ignoriert", vom Organismus gar nicht erst "wahrgenommen".
Das Nervensystem wird von Maturana und Varela als autopoietisches System im autopoietischen System aufgefasst. Jedoch abstrahieren Maturana und Varela an dieser Stelle von dem neurophysiologischen Substrat und behandeln das Nervensystem als operational abgeschlossenes System. Die erkenntnistheoretischen Konsequenzen sind auch unter der Erkenntnistheorie des radikalen Konstruktivismus bekannt.
Anwendungsfelder
Soziologie
Autopoiesis ist ein Schlüsselbegriff in der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann ( - 1927, †1998). Luhmann übernahm den Begriff Autopoiesis in den frühen 80er Jahren und übertrug das Konzept auf die Betrachtung sozialer Strukturen.
Seine zentrale These lautet, dass soziale Systeme
- ausschließlich aus Kommunikation bestehen (nicht aus Subjekten, Akteuren, Individuen o.ä.),
- sich in einem ständigen, nicht zielgerichtetem autokatalytischen Prozess quasi aus sich selbst heraus erschaffen - daher bezeichnet Luhmann sie auch als autopoietische Systeme.
Luhmann beobachtete, dass Kommunikation in sozialen Systemen ähnlich abläuft wie die Selbstreproduktion lebender Organismen: Ähnlich wie diese nur Stoffe aus der Umwelt aufnehmen, die für ihre Selbstreproduktion relevant sind, nehmen auch Kommunikationssysteme in ihrer Umwelt nur das wahr, was zu ihrem "Thema passt", was an den Sinn der bisherigen Kommunikation "anschlussfähig" ist. "Sinn" ist für Luhmann ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität: In der unendlich komplexen Umwelt wird nach bestimmten Kriterien nur ein kleiner Teil herausgefiltert; die Grenze eines sozialen Systems markiert somit eine Komplexitätsdifferenz von außen nach innen.
(Statt von einem "autopoietischen System" mit einer "Grenze" spricht Luhmann gelegentlich auch von einer "Form" mit einer "Innen-" und einer "Außenseite", wobei er das sehr abstrakte "Kalkül der Form" des Logikers George Spencer-Brown heranzieht.)
Die Kommunikation bezieht sich nur scheinbar direkt auf die Umwelt. Tatsächlich bezieht sie sich nur auf die von ihr nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommene innere Abbildung der Umwelt, also letztlich auf sich selbst. Diese Selbstbezüglichkeit, auch als Selbstreferenzialität oder Autoreferenzialität bezeichnet, betrachtet Luhmann als typisch für jede Kommunikation und analog zum Phänomen der Autopoiesis in der Biologie. Die Begriffe selbstreferenzielles System und autopoietisches System sind daher in den meisten Fällen austauschbar.
Luhmann definiert soziale Systeme seit der Übertragung des Autopoiesis-Begriffs auf seine Theorie in den frühen 80er Jahren (in der Rezeption auch als Luhmanns "autopoietische Wende" betrachtet) nicht mehr als "offen" (d.h. im direkten Austausch mit der Umwelt), sondern als "autopoietisch geschlossen" bzw. "operativ geschlossen". Die Wahrnehmung der Umwelt durch ein System ist daher laut Luhmann immer selektiv. Ein System kann seine spezifische Wahrnehmungsweise der Umwelt nicht ändern, ohne seine spezifische Identität zu verlieren.
In der Geschlossenheit und ausschließlichen Selbst-Interessiertheit der Systeme unterscheidet sich die Luhmann'sche Systemtheorie grundsätzlich von der strukturfunktionalistischen Systemtheorie Talcott Parsons', laut der in jeder Gesellschaft vier Systeme vorhanden sind, die jederzeit in einem intensiven Austausch miteinander stehen, und zudem jeweils einen eigenen wichtigen Beitrag zur Integration und dem Fortbestehen einer überwölbenden Gesamtgesellschaft leisten (siehe AGIL-Schema).
:"Ein soziales System kommt zustande, wenn immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen" (Luhmann 1986: 269).
Typisch für jedes autopoietische System ist laut Luhmann, dass es sich selbst jeweils mithilfe eines zweiwertigen (binären) Codes von der Umwelt abgrenzt und so seine Identität im Prozess der Selbstreproduktion aufrechterhält. Als binäre Codes von einigen gesellschaftlichen Großsystemen schlägt Luhmann vor: Wirtschaft - zahlen/nicht-zahlen; Politik - Macht/keine Macht; Moral - gut/böse; Religion (von Moral zu unterscheiden!) - Immanenz/Transzendenz; u.a.
Da diese Systeme jeweils nach eigenen Gesetzmäßigkeiten arbeiten, hält Luhmann Eingriffs- bzw. Steuerungsversuche eines Systems in ein anderes grundsätzlich für problematisch: Die Wirtschaft kann etwa von der Politik nur sehr bedingt gesteuert werden; die Moral kann die Politik nur bedingt steuern usw. Das Gesetz der Autopoiesis setzt laut Luhmann den Bemühungen einer rationalen, ethischen, gerechten Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse enge Grenzen - daher gilt Luhmann etwa im Vergleich zu Jürgen Habermas oder Ulrich Beck als politisch ausgesprochen konservativ.
siehe auch Systemtheorie, soziales System, Soziologische Systemtheorie und Niklas Luhmann
Literaturwissenschaft / Medien
Als Autopoietisierung bezeichnet man im Journalismus und in der neueren Medientheorie eine Reihe von Phänomenen und Beobachtungen, die auf eine zunehmende Selbstreferentialität des Journalismus' schließen lassen: Der Journalismus bezieht sich immer mehr auf den Journalismus selbst, d.h. auf endogene Quellen, und weniger auf die medienexterne Umwelt.
Folgende Einzelphänomene werden dabei unterschieden:
- Autologisierung,
- Virtualisierung,
- Metamedialisierung,
- Kybernetisierung und
- Fiktionalisierung
Siehe auch
- Wikipedia:Humorarchiv/Philosophisches
Literatur
Kognitionsbiologie
- Francisco J. Varela, Humberto R. Maturana, and R. Uribe "Autopoiesis: The organization of living systems, its characterization and a model", Biosystems, Vol. 5 (1974), pp. 187-196. Eine der ursprünglichen Veröffentlichung zum Thema 'Autopoiese'. Enthält auch die Beschreibung eines konkreten Simulationsmodells eines autopoietischen Systems.
- Humberto R. Maturana & Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens; Goldmann Taschenbuch; 1990; ISBN 3442114608
- H. Maturana und F. Varela: Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living, Boston: D. Reidel, 1980
- [http://www.enolagaia.com/M70-80BoC.html Biology of Cognition (Link auf den Text)], 1970
Soziologie
- Niklas Luhmann (1984): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 3518282662
- Niklas Luhmann (1986): Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen: Westdeutscher Verlag ISBN 3531117750
- Klaus Bendel (1993): Selbstreferenz, Koordination und gesellschaftliche Steuerung. Zur Theorie der Autopoiesis sozialer Systeme bei Niklas Luhmann, Pfaffenweiler: Centaurus ISBN 389085804X
- Gábor Kiss (1990): Grundzüge und Entwicklung der Luhmannschen Systemtheorie. Stuttgart: F. Enke ISBN 3432960921
Weblinks
- [http://beat.doebe.li/bibliothek/ | | |