:: wikimiki.org ::
| Sozialismus |
SozialismusSozialismus bezeichnet politische und ökonomische Theorien, die die Produktion und Verteilung von Leistungen unter gemeinschaftlicher oder staatlicher Lenkung befürworten.
Verfechter der freien Marktwirtschaft vertreten die Auffassung, dass sich die Produktion im Kapitalismus vor allem am Bedarf der Gesellschaft ausrichte und der Preis für die Produkte sich an den Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage orientiere. Die Unternehmen stellen diejenigen Güter her, die sich auf dem Markt verkaufen lassen, weil genau diese Güter den meisten Profit erzeugen.
Im klassischen Sozialismus hingegen wird die Auffassung vertreten, dass die Profitinteressen der Kapitaleigner die Produktion nicht im Ergebnis nach dem Bedarf der Gesellschaft ausrichten würden.
Profitinteresse bringe privates Kapital dazu, sich in wenigen Händen zu konzentrieren. Diese Entwicklung führe zu einer finanziellen Oligarchie, deren Macht auch von einer demokratischen Gesellschaft immer weniger kontrolliert werden könne. Daraus wird im klassischen Sozialismus der Schluss gezogen, dass es notwendig sei, die Produktionsmittel mittels Vergesellschaftung oder Verstaatlichung (beispielsweise von Industrieunternehmen) der Verfügungsgewalt der Klasse der Kapitalisten zu entziehen. Befürworter der Marktwirtschaft setzen dagegen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes, welche dauerhafte Machtkonzentrationen verhindern würde.
Im Gegensatz zum ideengeschichtlich verwandten Liberalismus bezieht sich der Sozialismus nicht hauptsächlich auf Gleichheit vor dem Gesetz, sondern auf Gleichheit im Ergebnis, im Idealfall mit dem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft. Freiheit wird als Möglichkeit zur Emanzipation verstanden, die sich nur durch eine soziale Integration aller Menschen in die Gesellschaft erreichen lasse. Die Rechte und Freiheiten des Einzelnen werden, insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht, zugunsten des Staates eingeschränkt. Marx und auch Lenin gingen davon aus, dass der Staatsapparat mit der Zeit absterben wird. Der Staat hat die Aufgabe, die erwirtschafteten Güter zum Wohle aller sozial gerecht zu verteilen. Aus liberaler Sicht gelten sämtliche staatskollektivistischen Maßnahmen bereits als Sozialismus (neben dem real existierenden Sozialismus daher auch u.a. der Nationalsozialismus und der moderne westliche Wohlfahrtsstaat).
Die sozialistische Richtung des Anarchismus hingegen lehnt staatliche Strukturen als Herrschaftsinstrument ab. Der Anarchismus baut auf die freiwillige Verbindung der Individuen in Kollektiven, Räten und Kommunen, um dieselben Ziele zu erreichen. Insofern versucht der Anarchismus eine Synthese zwischen individueller Freiheit und kollektiver Verantwortung.
Eine explizit sozialistische Bewegung entwickelte sich erst in Folge von Aufklärung und industrieller Revolution zwischen Ende des 18. Jahrhunderts und Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie war eng verwoben mit der Entstehung der Arbeiterbewegung. Wie bei allen -ismen trat der Sozialismus historisch in vielfältigen Formen auf, deren bekannteste die Sozialdemokratie, die Theorien des Kommunismus in seinen verschiedenen Auslegeungen und der Anarchismus sein dürften.
Frühsozialismus
Thomas Morus (Utopia) und Jean-Jacques Rousseau werden von vielen Sozialisten als gedankliche Vorläufer bezeichnet.
Gerade in der Ausbildung des eigentlichen Sozialismus gab es vielfältige Varianten desselben. Frühsozialisten wie François Noël Babeuf, Claude-Henri Comte de Saint-Simon, Louis-Auguste Blanqui, Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon, William Godwin, Robert Owen oder Moses Hess legten politische Konzepte von quasi-absolutistischen Diktaturen bis hin zu einem anarchistischen Föderalismus vor. Einig waren sie sich einerseits in einer abwehrenden Reaktion gegen Effekte des Frühkapitalismus wie in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, die mittelalterliche Standesunterschiede ebenso überwinden würde wie modernere Klassengegensätze. Oftmals argumentierten sie sehr moralisch, eine sozialwissenschaftlich inspirierte Analyse wie sie von Marx geleistet wurde, fehlte.
Sozialstrukturell gesehen wurde der Frühsozialismus nicht von der Arbeiterklasse getragen, sondern von Handwerkern und Kleinbürgertum. Diese begannen bereits die Verwerfungen der industriellen Revolution zu spüren, ohne dass es schon zur Bildung eines Industrieproletariats gekommen wäre.
Einige wie Robert Owen versuchten den Aufbau abgeschlossener sozialistischer Gemeinschaften in einer so empfundenen feindlichen Umwelt. Die meisten Sozialisten zielten auf eine grundlegende Veränderung der gesamten Gesellschaft.
Sozialistisch inspirierte Aktivisten beteiligten sich an der französischen Revolution von 1789 bis 1799 und an den im wesentlichen als bürgerlich geltenden europäischen Revolutionen bis 1848 / 1849 (siehe Julirevolution 1830, Februarrevolution 1848 und Märzrevolution 1848/49); einen letzten Höhepunkt im 19. Jahrhundert hatten diese frühsozialistischen Bewegungen in der Pariser Kommune von 1871, die als erste proletarische Revolution gilt und die schon nach kurzer Zeit überaus blutig niedergeschlagen wurde.
Durch die historische Entwicklung bedingt wurden die Diskussionslinien danach klarer: Die vielfältigen Ansätze des Frühsozialismus spalteten sich in drei Hauptlinien, den Anarchismus und die vom Marxismus inspirierten kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegungen. Vereinzelt, wie im 20. Jahrhundert bei den russischen Revolutionen von 1905 und der Februarrevolution 1917 (bei der Oktoberrevolution 1917 nur noch sehr bedingt), der Münchner Räterepublik 1919 oder dem spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939 kam es zur Zusammenarbeit der drei Gruppen. Die war jedoch jeweils nur kurzfristig, meist von heftigen internen Auseinandersetzungen geprägt und endeten im Sieg einer Gruppe oder der Niederlage aller.
Siehe auch: Utopischer Sozialismus
Marxistischer Sozialismus
Der Marxismus hatte lange Zeit die Deutungshoheit in der sozialistischen Bewegung. Seit dem Verfall der ersten Internationale 1876, über den größten Teil des gesamten 20. Jahrhunderts, wurden Diskussionen innerhalb des und über den Sozialismus überwiegend mit den von Karl Marx und Friedrich Engels analytischen Begriffen geführt. Wobei ihre Ansätze häufig verkürzt aufgenommen wurden ("Vulgärmarxismus") und bis heute das Bild "des" Marxismus in der Öffentlichkeit prägen.
Die marxistischen Intellektuellen betrachteten den Frühsozialismus als 'Utopischen Sozialismus' und stellten ihm den Marxismus als 'wissenschaftlicher Sozialismus' gegenüber. Aus diesem Anspruch entwickelt sich ein erstes Modell weltgeschichtlicher Entwicklungsmöglichkeit: Da der Kommunismus nicht unmittelbar zu erreichen ist, sei der Sozialismus eine erste (niedere) Phase des Kommunismus. Bei Marx selber – jedoch nicht bei Lenin und anderen Nachfolgern – ist die Entwicklung über den Sozialismus zum Kommunismus unvermeidlich. Ziel des Kommunismus wie des Sozialismus ist die Überwindung des Kapitalismus und die Befreiung des Menschen von der Ausbeutung durch den Menschen. In der ersten Phase (Sozialismus) sind dabei noch nicht alle Merkmale der bürgerlichen Gesellschaft (vgl. Bourgeoisie) überwunden, aber Ausbeutung und das Privateigentum an Produktionsmitteln sind bereits weitestgehend aufgehoben. Dabei wird von einem nebeneinander existieren beider Produktionsweisen ausgegangen, in deren Entwicklung die kapitalistische von der kommunistischen Produktionsweise langsam abgelöst wird. Diese Entwicklung führt letztendlich zum Kommunismus. Marx dazu: „Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assozierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter.“
Der Sozialismus kann mit dem Schlagwort „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“ beschrieben werden, im folgenden Kommunismus soll der Grundsatz „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ gelten.
Während Marx selbst noch eine ausgefeilte sozialwissenschaftliche Methode benutzte, um seine Analysen zu belegen, geriet seine Theorie immer mehr zum politischen Machtinstrument. Der in seinem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit schon gegebene Absolutheitsanspruch wurde nach der Machtübernahme sozialistischer Bewegungen immer mehr zum Mittel, um (politisch gewünschte) wahre Weltanschauung und (politisch unerwünschte) falsche Ideologie zu unterscheiden.
Realsozialismus
Der Begriff des Realsozialismus bzw. auch „Real existierender Sozialismus“ wurde in den sich „realsozialistisch“ nennenden Staaten geprägt, die von der Kommunistischen Partei der jeweiligen Länder in der Regel in Ein Parteien-Systemen regiert wurden. Zu ihnen gehörten insbesondere die UdSSR mit der KPdSU an der Spitze, und die ab Mitte/Ende der 1940er Jahre an ihr ausgerichteten Staaten des so genannten europäischen Ostblocks: Polen, ČSSR, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, DDR; aber auch andere Staaten wie etwa die Mongolische Volksrepublik (Mongolei von 1924 bis 1992). Weiterhin bestehen bis heute einige weitere sehr unterschiedliche, sich teilweise widersprechende von manchen als realsozialistisch bezeichnete Systeme, beispielsweise in der Volksrepublik China (seit 1949), im nach dem Vietnamkrieg vereinigten Vietnam (spätestens seit 1975), Laos (seit 1975), Kuba (seit 1959) oder Nord-Korea (seit 1948). In der Mongolei wurde die reformiert kommunistische MRVP auch unter pluralistisch-demokratischen Vorzeichen von 1992 bis 1996 und erneut im Jahr 2000 wieder an die Regierung gewählt, ebenso die Kommunistische Partei Moldawiens, die unter pluralistischen Vorzeichen seit 2001 in Moldawien regiert.
Mit der Oktoberrevolution 1917 in Russland bot sich die Gelegenheit, die Ideen des Sozialismus in die Praxis umzusetzen. Nach der Oktoberrevolution bildeten sich weltweit kommunistische Parteien, die zumeist aus Abspaltungen von schon bestehenden gemäßigt reformorientierten sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien hervorgingen.
Der Begriff des Realsozialismus sollte erklären, warum viele Vorhersagen der Marxschen Theorie wie zum Beispiel das 'Absterben des Staates' nicht eintraten. Er sollte weiterhin darauf hinweisen, dass sich diese Staaten weiterhin auf dem Weg zum Kommunismus befanden, allerdings mit Problemen der Realpolitik ebenso wie mit feindlicher Einflussnahme durch 'konterrevolutionäre Kräfte' zu kämpfen hatten.
Stalin vertrat die Theorie, dass anstatt einer Weltrevolution, die in allen Ländern gleichzeitig hätte stattfinden sollen, zuerst der Sozialismus in einem Land, im konkreten historischen Fall der Sowjetunion aufgebaut werden könne und solle.
Spätestens seitdem sich Stalin nach dem Tode Lenins gegen dessen Willen in der Sowjetunion gegen Trotzki durchgesetzt hatte, wurden die utopischen Hoffnungen der sozialistischen Bewegungen in den realsozialistischen Staaten de facto aufgegeben. Der Realsozialismus geriet zu seiner Mischung aus Machtpolitik der Sowjetunion und einem im Westen als diktatorisch-technokratisch bezeichneten Kommunismus, der vielen nur als Scheinkommunismus erschien.
Seit der Wende von 1989 gilt der Realsozialismus, zumal der des europäischen „Ostblocks“ bis dahin, insbesondere bedingt durch die rigorosen Maßnahmen Stalins bis 1954 (vgl. Stalinismus), aber auch seiner Nachfolger nach Chruschtows Entstalinisierung seit 1956, vor allem in Europa und Nordamerika weitgehend als historisch diskreditiert. Insbesondere massive Verstöße gegen die Menschenrechte in den großen realsozialistischen Ländern, neben der UdSSR auch in China und anderen Nationen trugen wesentlich zu einer moralischen Diskreditierung des Realsozialismus bei.
Die Ursachen für das Scheitern des Realsozialismus auf anderen Ebenen, jedenfalls dem des europäischen Ostblocks, sind vielfältig. Als Hauptursachen werden von vielen unter anderen die folgenden Entwicklungen angesehen:
- Entgegen der Voraussagen des Marxismus entwickelten die kapitalistisch geprägten Industriestaaten Europas, Nordamerikas und Ostasiens auf Druck der Arbeiterbewegung ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes soziales Sicherungssystem in einem Sozialstaat, der die schlimmsten sozialen Unterschiede und die Armut in diesen Ländern abfederte und somit auch ein potenzielles revolutionäres Potenzial dort deutlich unterminierte.
- Der Staatsapparat der meisten realsozialistischen Staaten erwies sich aufgrund mangelnder demokratischer Mitbestimmung als zunehmend unflexibel, und aufgrund ideologischer und anderer Hemmnisse kaum fähig, mit dem Komplexitätsgrad moderner westlicher Gesellschaften umzugehen.
- Die Staaten des realen Sozialismus orientierten sich an einem in der Regel kapitalistisch geprägten Modernisierungsmodell, nur konnten sie den Grad der Modernisierung dieser Staaten, von wenigen technologischen Ausnahmen abgesehen, kaum aufholen. Sie versuchten, trotzdem - etwa durch Subventionen in vielen Bereichen (Gesundheitswesen, öffentlicher Verkehr, Grundnahrungsmittelproduktion, Wohnungsbau usw.) - die sozialen Leistungen der kapitalistischen Staaten zu übertreffen, was Ursache für die Aussage „Überholen ohne einzuholen“ wurde.
- Die politischen Systeme realsozialistischer Staaten wurden auf Dauer nur selten von der Mehrheit der jeweiligen Bevölkerung getragen, insbesondere dort nicht, wo das entsprechende System (ohne eigene Revolution) von außen aufgezwungen wurde (vor allem in Ungarn, der ČSSR, Rumänien, Polen, der DDR und Bulgarien). Diese Systeme wurden gegen eine sich regende Opposition von den herrschenden sozialistischen oder kommunistischen Parteien auf Dauer auch durch einen zunehmend ausufernden Polizeistaat (Bespitzelung, Repressionen, Zensur) am Leben erhalten. Der unwillige Teil der Bevölkerung, der zum Teil lieber ausgewandert wäre, wurde oft durch Sperranlagen und strenge Visa-Bestimmungen am Verlassen des Staates gehindert. Realsozialistische Staaten setzten auch Mittel ein, unter denen die Verfechter des Sozialismus im 19. Jahrhundert gelitten hatten, beispielhaft hierfür ist die politische Verfolgung von Trotzkisten.
- Der in den meisten realsozialistischen Staaten umgesetzten staatlich und zentral gelenkten Planwirtschaft fehlte es oft an Übersicht über die Bedingungen und den Bedarf vor Ort. Durch langfristige wirtschaftliche Planung ohne eine Rückmeldung von den Produzenten und Konsumenten ging oft die Flexibilität verloren, kurzfristig auf komplexe Wirtschaftsvorgänge zu reagieren; die Folge war, dass häufig am Bedarf vorbei produziert wurde. Eine weitere wirtschaftliche Ursache für das Scheitern des Realsozialismus war die hohe Verschuldung der entsprechenden Staaten, die insbesondere im Kalten Krieg zunahm, beispielsweise, um in der Rüstungsproduktion mit der militärischen Entwicklung der USA und der NATO Schritt zu halten (vgl. Wettrüsten, Rüstungswettlauf).
Sozialdemokratie
In der Sozialdemokratie setzte sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Auffassung durch, den Sozialismus nicht durch eine Revolution, sondern durch demokratische Reformen erreichen zu können.
Zunächst orientierte sich die Sozialdemokratie im Wesentlichen am revolutionären Ideal des Kommunismus im Sinne der Marxschen Theorien. Eine explizite Abgrenzung zu kommunistischen Positionen trat nach und nach ab dem Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert auf. Exemplarisch für die Diskussion um diese Unterscheidung und die letztlich daraus resultierenden Aufspaltungen der Sozialdemokratie, die sich im Grunde inhaltlich ähnlich in den sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien vieler Länder abspielte, werden im Folgenden die einander entgegengesetzten Entwicklungen in Deutschland und Russland angerissen:
In Deutschland begann die Sozialdemokratie ihre parteipolitische Organisierung mit dem ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein), der 1863 von Ferdinand Lassalle gegründet wurde. 1869 folgte mit der SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei) unter Wilhelm Liebknecht und August Bebel eine weitere Vorgängerpartei der späteren SPD. Radikaler als der ADAV vertrat sie zunächst eine kommunistisch inspirierte Umgestaltung der Gesellschaft. 1875 vereinigten sich der ADAV und die SDAP zur SAP (Sozialistische Arbeiterpartei), aus der 1890, nach Aufhebung der repressiven Bismarckschen Sozialistengesetze, schließlich die bis heute unter diesem Namen firmierende SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) hervorging.
In Deutschland begann die Auseinandersetzung, ob der Weg zum Sozialismus über die Revolution oder über Reformen führen sollte, mit der Revisionismustheorie und der entsprechenden hitzig geführten, nach dieser Theorie benannten Grundsatzdebatte (Revisionismusdebatte) Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Debatte wurde wesentlich vom reformorientierten Theoretiker der SPD, Eduard Bernstein, ausgelöst. Seine Position blieb zunächst noch in der Minderheit. Erst nach dem Tod des Parteivorsitzenden August Bebel 1913 und die Amtsübernahme durch Friedrich Ebert setzte sich die Reformorientierung in der deutschen Sozialdemokratie durch - verstärkt mit der Burgfriedenspolitik der Partei im Ersten Weltkrieg. Während des Krieges spaltete sich die USPD aus Opposition zur kriegsbilligenden Haltung der SPD von der Mutterpartei ab. Aus dem linken Flügel der USPD, dem Spartakusbund, bildete sich im Verbund mit anderen linksrevolutionären Gruppen nach der Novemberrevolution von 1918 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) auf wesentliche Initiative der Anführer des Spartakusbundes, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die kurz nach der KPD-Gründung ermordet wurden.
Damit war die Spaltung der deutschen Sozialdemokratie in zwei Parteien, die reformorientierte SPD und die marxistisch-revolutionäre KPD, unumkehrbar vollzogen. Die USPD wurde bis 1922 zwischen diesen beiden Polen im Grunde zerrieben und spielte nach 1922 nur noch eine unwesentliche Rolle in der Weimarer Republik.
In Russland spaltete sich die Sozialdemokratie schon 1903 in zwei Fraktionen auf, die reformorientierten Menschewiki (= Minderheitler) und die marxistisch-revolutionär orientierten Bolschewiki (= Mehrheitler), deren führender Theoretiker und Leitfigur Lenin war. Nach einer relativ kurzen Phase der neuerlichen Zusammenarbeit kam es 1912 zur endgültigen Spaltung der beiden Fraktionen. In der Februarrevolution 1917, die zur Absetzung des Zaren führte, konnten sich zunächst die Menschewiki mit der Regierung Kerenski durchsetzen. Mit bedingt durch deren fehlende Bereitschaft und Initiative, den ersten Weltkrieg für Russland zu beenden, kamen mit einer erneuten Revolution, der Oktoberrevolution von 1917, die Bolschewiki unter Lenin an die Macht. Sie begründeten nach dem 5-jährigen Russischen Bügerkrieg gegen die verschiedenen zarentreuen so genannten „Weißen Truppen“ (vgl. Weiße Armee) die UdSSR mit der aus den Bolschewiki hervorgegangenen Kommunistischen Partei als herrschender Staatspartei (ab 1952 nach verschiedenen Umbenennungen Kommunistische Partei der Sowjetunion KPdSU). Die zerschlagene Sozialdemokratie hatte darauf in Russland bzw. der UdSSR in den folgenden Jahrzehnten bis fast zum Ende des 20. Jahrhunderts keine machtpolitische Bedeutung mehr.
Im Gegensatz dazu steht die Entwicklung in Deutschland, wo die Macht- und die Systemfrage 1919 zugunsten der reformorientierten Sozialdemokratie entschieden wurde - wenn auch unter Mithilfe von rechtsnationalistischen Militärs und Freikorpsverbänden. Obwohl die SPD in ihrer Programmatik die Überwindung der kapitalistischen zu einer sozialistischen Produktion, also die Vergesellschaftung der Produktionsmittel bis in das Heidelberger Programm von 1925 hinein verfolgte, ging sie in der politischen Alltagspraxis einen anderen Weg, nämlich den der Reformpartei, die ihre Ziele nicht auf revolutionärem, sondern auf parlamentarischem Weg durchzusetzen suchte. In der Weimarer Republik wurde ihr Einfluss auf Regierungsebene jedoch schon sehr bald von konservativen und rechtsnationalistischen Parteien zurück gedrängt; sie blieb aber eine der größten Parteien in der ersten deutschen Republik, bis sie 1933 nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus in der faschistischen Diktatur unter Adolf Hitler (Zeit des Nationalsozialismus), wie alle anderen Parteien auch (sofern sie sich nicht selbst auflösten), verboten wurde.
Erst nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg und dem Ende der NS-Diktatur konnte die SPD sich regenerieren und wurde nach ihrer Wiederzulassung ab 1946 in den westlichen Besatzungszonen neben der CDU zur einflussreichsten politischen Partei in der westdeutschen, 1949 gegründeten, Bundesrepublik Deutschland.
Dagegen kam es in der ostdeutschen Sowjetischen Besatzungszone unter sowjetischem Einfluss zur Zwangsvereinigung der SPD mit der dominierenden KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die in der DDR von 1949 bis zu deren Niedergang 1989/1990 an der Macht blieb und sich an der KPdSU und dem politischen System der UdSSR ausrichtete.
Die SPD in der Bundesrepublik kam das erste Mal in einer großen Koalition mit der CDU 1966 an die Regierung. Willy Brandt war Außenminister dieser Regierung. Die SPD stellte danach, zwischen 1969 und 1982, mit den Kanzlern Brandt (1969 bis 1974) und Helmut Schmidt (1974 bis 1982) die Regierungschefs. Seit 1998 ist in der Bundesrepublik erneut eine SPD-geführte Regierung mit Gerhard Schröder als Bundeskanzler an der Macht.
Mit dem Godesberger Programm hatte sich die SPD 1959 von einer Klassenpartei zur Volkspartei gewandelt (vgl. auch Volkspartei (Parteityp)). Damit einhergehend wurde eine Neudefinition des Begriffes „Sozialismus“ erforderlich. Man entledigte sich der bis dahin vorherrschenden marxistisch verstandenen Ausrichtung des Begriffs „Sozialismus“ und wählte als neue Begrifflichkeit „Demokratischer Sozialismus“, um damit die Anerkennung des pluralistischen Systems der westlichen Demokratien zu implizieren.
Demokratischer Sozialismus, Neue Linke
Der Demokratische Sozialismus war daher lange Zeit praktisch ein Synonym für die Sozialdemokratie. In der DDR wurde der demokratische Sozialismus als „Sozialdemokratismus“ verunglimpft. Seit dem Scheitern des Realsozialismus und zunehmender Liberalisierung der Sozialdemokratie bis hin zum modernen Neoliberalismus (in der Sozialdemokratie vor allem von der SPD unter Gerhard Schröder und der britischen Labour Party unter Tony Blair propagiert), für viele eine besonders aggressive Steigerung des internationalen Kapitalismus, nehmen die Bestrebungen nach einem eigenständigen Demokratischen Sozialismus zu. Viele sich explizit nicht als sozialdemokratisch empfindende Sozialisten sind auf der Suche nach neuen politischen Konzepten. Die Sozialdemokratie selbst rückt immer weiter von Marxistischen Gesellschaftsanalysen und dem damit verbundenen Konzept des Sozialismus ab; in der Partei wird darüber diskutiert, ob das Konzept des demokratischen Sozialismus aus dem Parteiprogramm zu tilgen sei.
Demokratischer Sozialismus in entsprechenden neuen Varianten setzt zum einen auf einen Ausbau des Sozialstaats, auf der anderen Seite auf eine stärkere Orientierung des Parlamentarismus hin zu Elementen direkter Demokratie.
In Deutschland sieht sich die 1990 aus der SED hervorgegangene Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), auf der Außerordentlichen Tagung des 9. Parteitages vom 17. Juli 2005 in Berlin umbenannt in Die Linkspartei., diesem Ziel verbunden. In anderen Staaten Westeuropas hatten sich ähnliche Inhalte in einigen Kommunistischen Parteien, die den revolutionären Kurs im eigenen Land abgelegt hatten, mit der ideologischen Richtung des Eurokommunismus schon Mitte bis Ende der 1960er Jahre niedergeschlagen. Beispiele für Vertreter des Eurokommunismus waren etwa die Kommunistische Partei Italiens (KPI, italienisch Partito Comunista Italiano – PCI), die sich 1990 umbenannte in „Demokratische Partei der Linken“ (italienisch Partito Democratico della Sinistra – PDS) oder die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) (französisch PCF).
Als Vertreter des Demokratischen Sozialismus werden auch bestimmte so genannte „undogmatische“ oder „antiautoritäre“ Strömungen der „Neuen Linken“ betrachtet, die aus der APO (Außerparlamentarische Opposition) der Studentenbewegungen seit Mitte der 1960er Jahre hervorgingen. Die Neue Linke trat und tritt in verschiedenen Parteien auf, die in Westdeutschland von den sehr unterschiedlichen, kleinen, als K-Gruppen bezeichneten Splitterparteien über die SPD bis zu der 1980 neu gegründeten Partei „Die Grünen“ (heute „Bündnis 90/Die Grünen“) reichen; WASG - die Wahlalternative für Arbeit und soziale Gerechtigkeit (gegründet 01/2005; ab 18.09.2005 mit 12 Abgeordneten im Bundestag) nicht zu vergessen. Andere blieben weiterhin außerhalb von Parteien, beispielsweise in verschiedenen sozialen Bewegungen (vgl. Neue soziale Bewegungen), politisch engagiert.
Perspektiven
Angesichts des Wandels zur Produktionsweise des High-Tech-Kapitalismus (Wolfgang Haug) und den damit verbundenen Lebensweisen fordern linkspolitische Intellektuelle, aus den historischen Erfahrungen zu lernen und das sozialistische Projekt zu aktualisieren. In der Bundesrepublik lassen sich neue "Unterhaltungen über den Sozialismus" beobachten. Eine kritische Bestandsaufnahme unternimmt unter anderem die Zeitschrift Das Argument und die dort ebenfalls angesiedelte Edition des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus (HKWM).
Kritik
Kritiker des Sozialismus werfen seinen Vertretern vor, sie verfolgten den Aufbau einer totalitären, auf Willkür aufgebauten Gesellschaftsordnung. Sie betrachten die Entwicklung eines korrupten Unterdrückungsstaates als logische Folge einer Gesellschaftsordnung, die Eigentumsrechte missachtet und statt gleichem Recht für alle unterschiedliche Regeln für verschiedene Personen vorsieht. Die Herrschaft einer Klasse würde neue Machtstrukturen begründen, die allein auf dem Gewaltmonopol des Staates beruhten. Aus diesem Machtzirkel ausgeschlossene Individuen seien in einer so organisierten Gesellschaft weitgehend schutzlos. Des weiteren wird aufgrund theoretischer Überlegungen und historischer Erfahrungen kritisiert, dass der mangelnde Schutz des Privateigentums sowie staatliche Beschränkungen Armut hervorrufen, welche üblicherweise die Schwächsten der Gesellschaft am härtesten trifft.
Literatur
- Rudolf Bahro: Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus. 1977 [http://www.umweltdebatte.de/index-die%20alternative.htm Informationen]
- Klaus von Beyme: Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien. 1789-1945. Wiesbaden, Westdeutscher Verlag. 2002. ISBN 3-531-13875-8
- B. Crick: Socialism. Milton Keynes, Open University Press. 1989.
- S. Mukherjee / S. Ranaswamy: A History of Socialist Thought. London. Sage. 2000.
- Eric Hobsbawm: Revolution und Revolte. Aufsätze zu Kommunismus, Anarchismus und Umsturz im 20. Jahrhundert. Frankfurt, Suhrkamp. 1972.
- J.L. Talmon: Geschichte der totalitären Demokratie. Köln, Westdeutscher Verlag. 1961/1963 (2 Bände).
- P. Weber: Sozialismus als Kulturbewegung. Frühsozialistische Arbeiterbewegung und das Entstehen zweier feindlicher Brüder Marxismus und Anarchismus. Düsseldorf, Droste. 2000.
- Ludwig von Mises "Die Gemeinwirtschaft"
Siehe auch
- Anarchistischer Kommunismus
- Anarchosyndikalismus
- Frühsozialismus
- Internationale
- Islamischer Sozialismus
- Kommunismus
- Kommunistische Partei
- Linke Politik
- Neue Linke
- Religiöser Sozialismus (christlich)
- Sozialdemokratie
- Sozialistische Internationale
- Sozialistische Partei
Weblinks
- [http://www.otto-bauer.net/bauer_integraler_sozialismus.html Otto Bauer, Integraler Sozialismus]
- [http://www.sozialismus.info/modules.php?name=incs&inc=canon James P. Cannon, Was ist Sozialismus]
- [http://www.sozialistische-klassiker.org Sozialistische Klassiker]
Kategorie:Politischer Begriff
Kategorie:Sozialismus
Kategorie:Staatsphilosophie
Kategorie:Arbeiterbewegung
ja:社会主義
ms:Sosialisme
simple:Socialism
zh-min-nan:Siā-hoē-chú-gī
TheorieEine Theorie ist eine Gebrauchsanweisung zur Welt, die anpassungsfähig ist. Während Begriffe die Welt bestimmen, richten sich Theorien nach ihr. Eine Theorie, die ihren Zweck verfehlt, gilt dadurch als widerlegt. Während Begriffe Maßstäben gleichen, die zeigen, wieviel ein bestimmter Gegenstand von ihnen enthält oder nicht, entsprechen Theorien Futteralen, die nach ihrem Gegenstand gearbeitet sein wollen.
Das Wort Theorie (griechisch theoró: beobachten, betrachten, schauen; theoría: das Anschauen, die wissenschaftliche Betrachtung) bezeichnete ursprünglich die Betrachtung der Wahrheit durch reines Denken, unabhängig von ihrer Realisierung.
Vermutlich deshalb wird der Begriff auch unbestimmt als Gegenteil von Praxis benutzt.
Definition
Eine Theorie entwirft ein Bild (trifft eine Aussage) über den Lauf der Welt und ist insofern immer eine Prognose, die per Experiment zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das Ergebnis des Experimentes bestätigt (verifiziert) oder widerlegt (falsifiziert) eine Theorie. Nicht falsifizierbare Aussagen, z.B. eine Tautologie oder Definition, können keine Theorien sein.
Eine Theorie muss sinnhaftig sein: das Bild, was sie von der Welt gibt, muss den Vorschriften der Logik und Grammatik entsprechen. Ihre Wahrhaftigkeit kann danach aber nur durch einen Vergleich des Bildes, was sie von der Welt gibt, mit der Wirklichkeit erwiesen werden. Theorien, die etwas über den Lauf der Welt sagen, ohne ein Experiment zu wissen, dass sie gegebenenfalls widerlegt, heißen spekulativ.
Beispiele
# Physik: Die Vorhersagen der klassischen Mechanik und der speziellen Relativitätstheorie unterscheiden sich beispielsweise deutlich, wenn die betrachteten Objekte sich mit Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit bewegen. Im Alltag kann man die Unterschiede nicht feststellen, da die klassische Mechanik der Grenzfall der speziellen Relativitätstheorie ist, wenn die Geschwindigkeit wesentlich geringer ist als die Lichtgeschwindigkeit. Daher ist die klassische Mechanik im Alltag die angemessene Theorie.
# Geometrie: Zu jeweils einer Geraden und einem Punkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, gibt es genau eine Parallele durch diesen Punkt. Diese Aussage hat man lange versucht aus den anderen Axiomen der Geometrie zu folgern. Dadurch, dass man zeigen konnte, dass die Geometrie, in der die Parallelenaussage nicht gilt, zu sinnhaften Modellen führen, hatte man bewiesen, dass die Parallelenaussage ein zu den übrigen Geometrieaxiomen unabhängiges Axiom ist (siehe nichteuklidische Geometrie).
# Mathematik: Der Mathematiker Georg Cantor hatte eine Definition für den Begriff Menge vorgeschlagen. Die daraus resultierende Theorie wurde von Bertrand Russell als widersprüchig nachgewiesen mit der Paradoxie: Die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten. Diese "Menge" ist eine Menge im Sinne Cantors. Aber die Aussage bezogen auf diese Menge: Diese Menge ist Element ihrer selbst stellt eine Paradoxie dar. Trotzdem genügt es in der Schulmathematik mit dieser naiven Mengenlehre zu arbeiten. Die Mathematiker verwenden jetzt in der Regel die Zermelo-Fraenkel-Mengenlehre.
Weitere Beobachtungen zum Theoriebegriff
Die methodische Art und Weise, wie Theorien zustandekommen, wie also der Zuwachs an Wissen stattfindet, ist umstritten.
In der Fortentwicklung von Theorien wird gelegentlich zwischen Induktion und Deduktion unterschieden:
:Bei der Theorienbildung durch Induktion geht man davon aus, dass der Wissenschaftler im empirischen Prozess Datenmaterial erarbeitet, in dem schließlich innere Strukturen und Gesetzmäßigkeiten sichtbar werden. Weitere positiv verlaufende Experimente sollen die Theorie bestätigen und sind die Bausteine einer Verifikation (Beweisführung), die letztlich in naturgesetzlicher Sicherheit (Wahrheit) münden soll.
:Bei der Theorienbildung durch Deduktion geht man davon aus, dass der Wissenschaftler durch kreative Akte sinnvolle Hypothesen erzeugt, deren Übereinstimmung mit dem Datenmaterial er anschließend überprüft. Weitere Experimente müssen mit dem ernsthaften Ziel der Falsifikation (Widerlegung) unternommen werden. Nur in dem Ausmaß wie sich Theorien bewähren (der Falsifikation entziehen), kann relative Sicherheit gewonnen werden.
In der Praxis der Wissenschaft mischen sich induktive und deduktive Elemente ohne Probleme, so dass diese Frage mehr eine wissenschaftstheoretische und weltanschauliche Bedeutung besitzt. Bietet die Wissenschaft mit ihren Theorien einen Weg zu absoluter Wahrheit oder zu einer schrittweise stattfindenden Annäherung an die Wahrheit (der man sich jedoch nie ganz gewiss sein kann)? Diese zweite, auf Karl Popper zurückgehende, Position wird derzeit von der Mehrheit der Naturwissenschaftler bevorzugt.
In der Soziologie wurde - für die Sozialwissenschaften allgemein - das Konzept der Theorie mittlerer Reichweite entwickelt.
In der Umgangssprache wird der Begriff meist im Sinne von "nur eine Theorie" verstanden, und bezieht sich dann lediglich auf besonders unsichere Erkenntnisse. Dies hat nicht viel mit der wissenschaftlichen Definition von "Theorie" zu tun, und führt leider häufig zu Missverständnissen: Beispielsweise bedeutet der Begriff "Relativitätstheorie" nicht, wie oftmals (von nicht-Wissenschaftlern) fälschlich angenommen, dass diese im Sinne von "nur eine Theorie" besonders unsicher sei. Selbstverständlich ist sie falsifizierbar, aber das Teilwort "-theorie" besagt nichts über die (Un-)Sicherheit der in ihr enthaltenen Aussagen.
Alltagstheorien
Auch wenn Menschen sich nicht immer dessen bewusst sind: sie handeln im Alltag nach Theorien, die sie sich im Laufe ihres Lebens aufgebaut haben. Im Kleinkindalter werden beim Spielen z.B. unbewusst physikalische Experimente gemacht, die ein schlussfolgerndes physikalisches Denken begründen. Weitere praktische Erfahrungen auch im sozialen und kulturellen Bereich schaffen den Raum für Erkenntnisse, die den Aufbau von persönlichen Alltagstheorien schaffen. Der Grad der Kohärenz ihrer Theorie richtet sich nach dem Stand ihrer Reflexion. So ist davon auszugehen, dass Kenntnisse in Psychologie und Soziologie eine größere Kohärenz beispielsweise bei Erziehungsmaßnahmen oder generell beim Umgang mit anderen Menschen sichern. Alltagstheorien sind in allen Lebensbereichen wirksam und beeinflussen das Wahlverhalten, die Haltung gegenüber Ausländern und gegenüber Minderheiten, die Freizeitgestaltung und die Art und Weise, wie man Werte in der Öffentlichkeit vertritt. Verdeckte Alltagstheorien bewusst zu machen, ist eine Aufgabe des Bildungssystems.
Zitate
Es gibt zahlreiche Zitate zum Thema Theorie, siehe in Wikiquote: [http://de.wikiquote.org/wiki/Theorie de.wikiquote.org/wiki/Theorie]
Siehe auch
- Physikalische Theorie
- Instinkttheorie
- Liste der Theorien / Überholte Theorien
- Wissenschaftstheorie
- Liste griechischer Suffixe
- Liste lateinischer Suffixe
- Thesenpapier, Induktion (Logik), Abduktion, Statistik, Nullhypothese, Rhetorik, Dialektik, Fehler 1. und 2. Art
Literatur
- Stephen Hawking: Die Illustrierte Kurze Geschichte der Zeit. ISBN 3-499-61487-1
- Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. (1793). Neuerer Abdruck in: Schriften zur Geschichtsphilosphie, Immanuel Kant, Stuttgart 1985 (reclam).
- Kurt Lewin: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Bern, Stuttgart: Huber, 1963
- Joachim Ritter: Die Lehre vom Ursprung und Sinn der Theorie bei Aristoteles, in: Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften 1 (1953), S. 32-54.
- Helmut Seiffert und Gerard Radnitzky: Handlexikon der Wissenschaftstheorie, Deutscher Taschebuchverlag (DTV) 1992, ISBN 3-423-04586-8
Weblinks
- [http://www.lsw.uni-heidelberg.de/users/amueller/theorie.html Andreas Müller: Alles graue Theorie?]
- [http://www.ldl.de/material/aufsatz/aufsatz2002-2.pdf Jean-Pol Martin: Weltverbesserungskompetenz als Lernziel? (2002)] (Vorschlag einer praktischen Alltagstheorie)
Kategorie:Wissenschaftstheorie
Kategorie:Logik
ja:理論
Freie MarktwirtschaftMarktwirtschaft bezeichnet die Organisationsform eines arbeitsteiligen Wirtschaftssystems, dessen bedeutendster Aspekt das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf freien Märkten ist.
Die Marktwirtschaft grenzt sich damit von der Subsistenzwirtschaft ab, bei der die Produktion nur direkt für den eigenen Bedarf und nicht zum Zweck des Austausches stattfindet.
Elementar für eine hoch entwickelte Marktwirtschaft ist ein funktionierendes Tauschmittel (Geld), welches den indirekten Austausch von Waren und Dienstleistungen (Ware gegen Geld, Geld gegen andere Ware) gegenüber einem einfachen Tauschhandel (Ware gegen andere Ware) erst ermöglicht..
Im Gegensatz zur Planwirtschaft (Zentralverwaltungswirtschaft) plant in der Marktwirtschaft jedes Wirtschaftssubjekt prinzipiell für sich selbst. Produktion wie Konsum werden dabei über den Markt gesteuert. Der freie Marktzugang für Konsumenten und Produzenten ermöglicht durch Wettbewerb und freie Preisbildung eine effiziente Allokation (Verteilung) von Gütern und Ressourcen. Strittig ist, ob dies auch zu einer optimalen Allokation der Produktionsfaktoren führt.
Geschichte der Marktwirtschaft
Im Mittelalter hatte sich am Rande einer agrarischen Naturalwirtschaft eine effiziente, regional ausgerichtete Marktwirtschaft entwickelt. Der Austausch der von Handwerkern gefertigten Produkte erfolgte auf einem durch Körperschaften (Zünften, Räten etc.) organisierten und durch persönliche Beziehungen geprägten Markt. Diese Körperschaften »planten« das Marktvolumen, indem sie die Zahl der Produzenten strikt begrenzten. So sollte ein Gleichgewicht von Produktion und Konsumation gewährleistet werden. Diese Regulation bezog sich auch auf die Produktionsmethoden, Werkzeuge und deren technische Innovation. In dieser regulierten Marktwirtschaft gab es keinerlei Platz für Konkurrenz.
Die heutige kapitalistische Form der Marktwirtschaft entstand zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Im Absolutismus bildete sich ein moderner Territorialstaat heraus, für dessen bürokratische und militärische Bedürfnisse eine Expansion der Geldwirtschaft notwendig wurde. Im Außenhandel sollten die für den zentralen Staat notwendigen Geldüberschüsse erwirtschaftet werden. Der Merkantilismus versuchte deshalb die durch Zünfte stark regulierten lokalen Märkte für den entstehenden Weltmarkt aufzulösen. Zunehmend wurden die für lokale Märkte produzierenden Handwerker und Kleinbauern der anonymen Konkurrenz überregionaler, weltweiter Märkte unterworfen.
Formen der Marktwirtschaft
Kapitalistische Marktwirtschaft
Die Begriffe Marktwirtschaft und Kapitalismus werden oft synonym verwendet, bezeichnen aber nicht unbedingt das Gleiche. Märkte gab es schon lange vor der Entstehung der kapitalistischen Marktwirtschaft. Außerdem gibt es andere Formen wie z.B. die sozialistische Marktwirtschaft.
Manche betrachten es auch so: während der Begriff der Marktwirtschaft sich auf den Gütertausch auf einem freien Markt unter Wettbewerb (Konkurrenz) konzentriere, ziele der Begriff des Kapitalismus auf Wirtschaftswachstum und Gewinnmaximierung für einzelne Marktteilnehmer. Andere verweisen darauf, dass beide Phänomene fast immer gemeinsam auftreten. Es werden auch Marktwirtschaftsmodelle ohne kapitalistische Einflüsse, wie zB in der Freiwirtschaft, propagiert.
Freie Marktwirtschaft
Bei der freien Marktwirtschaft, deren Prinzip von Adam Smith (1723-1790) beschrieben wurde, bestimmen lediglich Angebot und Nachfrage die Wirtschaftstätigkeiten. Smith ging vom Menschenbild des sogenannten homo oeconomicus aus, nach dem jeder Mensch nur seinen Nutzen verfolgt. Die unsichtbare Hand des Marktes würde daraus einen Nutzen für das gesellschaftliche Ganze und einen Ausgleich zwischen knappen Güter einer vertern und grenzenlosen Bedürfnissen entstehen lassen.
Smith begründete diese Wirtschaftsform wie folgt:
1. Jeder soll die Freiheit haben, selbst Unternehmen zu gründen.
2. Diese Unternehmen nützen sowohl dem Gründer, da er sein Privateigentum vergrößern kann, als auch der Wirtschaft, da das Produkt des jeweiligen Unternehmens genutzt werden kann, und Arbeit geschaffen wird (unsichtbare Hand).
3. Der Preis des Produktes ist gerecht, weil er durch Angebot und Nachfrage gesteuert wird und somit zu einer stabilen Wirtschaft beiträgt.
4. Die gegenseitige Konkurrenz der verschiedenen Unternehmer, trägt zur Verbesserung des Preis-Leistungsverhältnisses und der Qualität bei.
5. Um sein eigenes Produkt besser zu verkaufen, wird der Unternehmer automatisch versuchen, seine Produktion zu verbessern. Die Wissenschaft wird so vorangetrieben.
Gesellschaftliche beziehungsweise staatliche Eingriffe, bei der Angebot und Nachfrage gewissen Regeln unterworfen werden, finden nicht statt. Die freie Marktwirtschaft existiert in ihrer reinen Form nur in der Theorie.
Als weitere Grundlage für das Modell der freien Marktwirtschaft gilt die Theorie des rationalen Handelns von Max Weber. Den Handlungen des Menschen liegt ausschließlich ein Zweck-Mittel-Kalkül zugrunde.
Soziale Marktwirtschaft
Überblick
Zur Abgrenzung einer sozialverantwortlichen Form der Marktwirtschaft von seiner reinen Ausprägung wurde 1947 der Begriff Soziale Marktwirtschaft geprägt. Die Ökonomie der Bundesrepublik wird diesem Begriff zugeordnet. Unter Einbindung des Umweltschutzes prägten Josef Riegler und andere um 1986 den Begriff ökosoziale Marktwirtschaft - zwar noch wenig gebräuchlich, aber in seinen Inhalten als Leitlinie anerkannt.
Die soziale Marktwirtschaft (manchmal auch als Gegenstück zum Manchester-Kapitalismus des 19ten Jahrhunderts "Rheinischer Kapitalismus" genannt) wurde in den 1950er Jahren unter Konrad Adenauers Regierung durch Wirtschaftsminister Ludwig Erhard als Alternative zur damaligen Mehrheitsmeinung der CDU -Mitglieder, doch insbesondere zu dem von der SPD geforderten Sozialismus entworfen. Gleichzeitig wurde er auch in anderen Staaten entwickelt. Wichtige Schritte in Österreich waren beispielsweise Kartellverbote und Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb.
Um 1960 war die zunächst heftige Kritik an der sozialen Marktwirtschaft versiegt. Die Marktwirtschaft hatte ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt, und die Devise "Wohlstand für alle" von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard schien keine Utopie mehr zu sein: Das enorme Wirtschaftswachstum der fünfziger Jahre ermöglichte zugleich die Eingliederung der Flüchtlinge, Heimatvertriebenen und Donauschwaben und den Ausbau der Sozialpolitik. Doch das nächste "heiße" Thema wartete schon: der (teilweise oder vermeintliche) Widerspruch zwischen Familien- und Frauenpolitik. Immerhin meinten Ende 1963 über 62 % der Deutschen, es ginge ihnen "im Moment am besten".
Geistige Väter der Idee waren Franz Oppenheimer und nach dem Zweiten Weltkrieg Alfred Müller-Armack, sowie der erste Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Während Armack eher der "Denker" war, musste Erhard innerhalb und außerhalb seiner eigenen Partei, der CDU, jahrelang für die Umsetzung der Idee einer nicht staatlich gelenkten Allokation von Waren und Dienstleistungen kämpfen - obwohl anfangs längst nicht alle Preise auf einmal freigegeben worden sind. Erhard hat die Idee der Marktwirtschaft insbesondere in seinem Werk "Wohlstand für alle" propagiert.
Karl von Vogelsang (1818 - 1890) hat als einer der wichtigsten
Sozialreformer der Gründerzeit die christliche Soziallehre geprägt, während fast gleichzeitig die sozialistische Bewegung den "Dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus entwickelte (erste Parteigründungen England 1883 Hyndman, Deutsches Reich Bebel und Liebknecht 1869/75).
Ansätze der sozialen Marktwirtschaft gehen auf den Kathedersozialismus (siehe Verein für Socialpolitik und Historische Schule) zurück.
Wesentliche Namen sind Adolph Wagner, Gustav von Schmoller und besonders Lujo Brentano, sowie außerhalb dieser direkten Tradition Wilhelm Röpke.
Interpretation von "sozial"
Das Adjektiv "sozial" wurde und wird unterschiedlich interpretiert:
Erhard ging - ganz im Sinne von Adam Smith und den Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts - davon aus, dass Marktwirtschaft immer sozial wäre, da eigennütziges Handeln des Einzelnen zur Steigerung des Gemeinwohls führe; 'soziale Marktwirtschaft' wäre demnach ein Pleonasmus.
Adenauer ließ aus politischen Gründen den Begriff 'freie Marktwirtschaft' zugunsten des Begriffs 'soziale Marktwirtschaft' fallen und benutzte die Instrumente der Umverteilung (Steuerprogression, Sozialversicherungssystem, Sozialhilfe, sozialer Wohnungsbau) als Argumente für das 'Soziale' in der bundesdeutschen Wirtschaftsform. So sollte die damals weit verbreitete Forderung nach einer - angeblich sozialeren - "planwirtschaftlichen" Wirtschaftsform (richtiger:
Zentralverwaltungswirtschaft, analog zur DDR) entkräftet werden.
Kritik am Begriff der 'sozialen' Marktwirtschaft übte von nicht-sozialistischer Seite insbesondere Friedrich A. Hayek, der vor allem im Begriff 'sozialer Rechtsstaat' einen inneren Widerspruch sah.
Während die Praxis der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland weitgehend unumstritten ist und mit der Sozialstaatsgarantie ihren Niederschlag im Grundgesetz gefunden hat, bestehen gravierende Unterschiede in der Auslegung von Begriff und Zielsetzung einer so benannten Wirtschaftsform. Wiederholt bricht beispielsweise der alte Streit zwischen Monetaristen und Keynesianern auf und findet seinen Niederschlag auch in der Berufung oder Nichtberufung von Wirtschafts-Wissenschaftern in die Kreise der so genannten Wirtschaftsweisen.
Kritik
Die von Smith entwickelte theoretische Grundlage für die freie Marktwirtschaft mit dem Bild von der "unsichtbaren Hand des Marktes", die aus den egoistischen Handlungen des Einzelnen automatisch das Beste für den allgemeinen Wohlstand erzeugen würde, wird angezweifelt. Smiths Theorie sei ein Modell und damit eine unvollständige Abbildung der Wirklichkeit. Auch der Soziologe Max Weber gestand selbstkritisch ein, daß seine Theorie des rationalen Handelns ein Modell sei, das die Wirklichkeit nur verkürzt darstellen könne.
Als Hauptkritikpunkte werden angeführt:
- Die Marktwirtschaft kann zu Kartellen und Monopolbildungen führen. Diese Wettbewerbsbeschränkungen verhindern die idealisierend angenommene perfekte Ressourcenallokation. Als Gegenmaßnahmen installieren Staaten Aufsichtsbehörden und erlassen Kartellgesetze
- Kartellgesetz zum Schutz der Umwelt.
- in der Zukunft sich auswirkende Handlungen werden nicht ausgeführt (warum soll ich einen Baum pflanzen, der erst in 100 Jahren auf den Markt gebracht werden kann) (Nachhaltigkeit).
Man spricht in diesem Zusammenhang von Marktversagen. Die Hauptaufgabe eines Staates ist es nun, Marktversagen zu verhindern. Gelingt dies nicht im gewünschten Maß, so spricht man von Staatsversagen.
Schon Jeremy Bentham und seine Nachfolger haben solche Einschränkungen erkannt. Der an sich liberal eingestellte Utilitarist Bentham entwickelte aus sozialen Gründen den felicific calculus. Diese Philosophie beruht auf der Grundlage, dass das größte zu erreichende Gut dasjenige wäre, welches zum "größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl" führt (greatest happiness for the greatest number). Der praxisnahe Sozialreformer schränkte allerdings später das zweite Prinzip zum greatest happiness principle ein.
Siehe auch
- Marktgleichgewicht, Vollkommener Markt, Liberalismus, Neoliberalismus, sozialliberal, Sozialethik, Sozialpolitik, Konsumentenfreiheit, Katholische Soziallehre, Soziale Gerechtigkeit
Literatur
- Erhard, Ludwig: Wohlstand für alle. 1957.
- Hayek, Friedrich A.: Freiburger Studien. 1969.
- Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft ISBN 3-548-36308-3
- Müller-Armack, Alfred: Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft.
- Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen; ISBN 342330149-X
- Ulrich van Suntum: Die unsichtbare Hand ISBN 3540410031
Weblinks
- [http://www.opp.uni-wuppertal.de/oppenheimer/eh53a.htm Soziale Marktwirtschaft - Die Flucht noch vorn]
- [http://www.dhm.de/lemo/html/DasGeteilteDeutschland/JahreDesAufbausInOstUndWest/WirtschaftlicherAufbau/sozialeMarktwirtschaft.html Artikel über "Soziale Marktwirtschaft" beim DHM]
- [http://www.ilexikon.com/Marktwirtschaft.html Marktwirtschaft - Definition und Bedeutung]
Kategorie:Wirtschaftsordnung
ja:市場経済
Kapitalismus
Kategorie:Wikipedia:Neutralität
Als Kapitalismus wird eine Wirtschaftsordnung verstanden, die sich durch Privateigentum an Produktionsmitteln sowie Produktion für den Markt auszeichnet. Der Begriff wurde im deutschsprachigen Raum von Werner Sombart in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt.
Als kapitalistisch wird weiterhin eine Gesellschaft bezeichnet, wenn die durch den Markt geregelte Arbeitsteilung dominierendes und strukturierendes Prinzip dieser Gesellschaft ist. Produktionsweisen, die auf Sklaverei, bäuerlicher Subsistenzwirtschaft oder feudalen Arbeitsverpflichtungen gegründet sind, werden daher nicht als kapitalistisch bezeichnet.
Der Kapitalismus begann mit dem Fernhandel im ausgehenden Mittelalter und löste in Europa den Feudalismus und die bürgerlich-handwerkliche Stadtwirtschaft ab. Zur Entfaltung kam der Kapitalismus mit der Industrialisierung.
Wortherkunft
Ethymologisch kommt das Wort ursprünglich von lat. capitalis (Haupt-), was wiederum von caput (Kopf) kommt. Einer Deutung zufolge bemaß sich ursprünglich das „Kapital“ nach der Größe der Viehherden, also nach der Anzahl der Köpfe in einer Rinderherde usw. Im Lateinischen machte aber caput, capitalis ebenfalls schon einen Bedeutungswandel durch, der im deutschen durch „Haupt-“ nachvollzogen wird. „Summa capitalis“ war die Hauptsumme in Wirtschaftsrechnungen, woraus dann „Kapital“ entstanden sein soll. In Europa erschienen die Wörter „capitaliste“ und „capitalisme“ erstmalig im 18. Jahrhundert in Frankreich. Im Deutschen wurde das Wort „Kapitalismus“ nicht, wie viele glauben, von Marx oder Engels eingeführt, sondern es tauchte erst 1902 in Werner Sombarts „Der moderne Kapitalismus“ auf und dann 1904 in Max Webers Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus.
Nähere wirtschaftswissenschaftliche Bestimmung
Der Kapitalist bekommt durch die Rendite seines Eigenkapitals das Risiko, das er mit dem Einsatz seines Kapitals auf sich genommen hat, sowie den vorläufigen Verzicht auf das investierte Kapital abgegolten (Opportunitätskosten, vgl. auch Unternehmerlohn) – in durchaus unterschiedlicher Höhe (diese hängt sowohl von seiner Verhandlungsgeschick als auch von der nicht beeinflussbaren generellen Preisentwicklung auf dem Arbeitsmarkt und Absatzmarkt ab). Er strebt also nach Maximierung seiner Eigenkapitalrendite.
Eigenkapitalrendite
Wo der nach dem Modell des "homo oeconomicus" handelnde Kapitalist nicht eine Rendite größer der Liquiditätsprämie für sein Geld zu erzielen glaubt, wird er dieses Geld nicht investieren (da es dann günstiger ist, dies Geld zu horten, also zu behalten und stets verfügbar zu haben). Vor diesem Hintergrund ist auch der Spruch „Das Kapital ist wie ein scheues Reh.“ zu verstehen, es kommt maßgeblich auf die erwartete Rendite an. Der Kapitalist wird desto waghalsiger, je höher ihm die erwartbare Eigenkapitalrendite erscheint. Der Kapitalist wird außerdem sein Kapital dort anzulegen streben, wo er die höchste Rendite (Profitrate) zu erwarten hat. Dabei spielen auch politische Rahmenbedingungen eine Rolle, was der einst auf den damals noch hessischen Politiker Joschka Fischer gemünzte Spruch "Wo in Turnschuhen regiert wird, kriegt das Kapital Beine" auf den Punkt bringt.
Tritt der Kapitalist seine Funktionen an ein angestelltes Management ab, so dringt ein hochspekulatives Element in die kapitalistische Wirtschaft ein, weil hier relativ straflos Wagnisse eingegangen werden können.
Kapitalismus und Marktwirtschaft
Kapitalismus ist als Schlüsselbegriff des Marxismus heutzutage längst kein neutraler Begriff mehr, der daher in den Wirtschaftswissenschaften eher gemieden und durch den nicht völlig deckungsgleichen und weitläufiger zu verstehenden Begriff der Marktwirtschaft ersetzt wird. Diese Generalisierung ist aber nur als Abgrenzung von der Planwirtschaft (Zentralverwaltungswirtschaft) sinnvoll und verständlich. Ansonsten kann durchaus zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus unterschieden werden – Märkte gab es bereits vor der Erfindung des Münzgeldes.
Wesentliche Elemente
Privateigentum und dezentrale Entscheidung
Durch private Eigentumsrechte an den Produktionsmitteln (Kapital) werden die Entscheidungsbefugnisse der Politik weitgehend entzogen und in Märkten dezentralisiert, da jeder Eigentümer (Kapitalist) rechtlich (nicht unbedingt tatsächlich) über seine eigene Planung verfügt.
Die privaten Produktionsmittel werden heute nur noch in seltenen Fällen direkt vom Eigentümer, sondern mehrheitlich von einer Personen- oder Kapitalgesellschaft verwaltet. Deren Geschäftsführer (Manager) entscheidet im Auftrag der übrigen Eigentümer, was nach der Prinzipal-Agent-Theorie zu Konflikten führen kann. Diese Interessenkonflikte zwischen Eigentümer und Manager sollen durch klare rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen (Corporate Governance) begrenzt werden.
Koordination durch den Markt
Die Planung des Einzelnen wird durch den Marktmechanismus koordiniert. Der Markt ist definiert als der (ggf. virtuelle) Ort, an dem Angebot und Nachfrage aufeinander treffen. Dabei bewirkt der Austausch von Angebot und Nachfrage idealtypisch eine Koordination über den Preis, die Menge und die Art der Güter
Aspekte kapitalistischer Ökonomien
Privatwirtschaft
Im Kapitalismus werden viele Dienstleistungen als wirtschaftliche Güter auf Märkten angeboten. Öffentliche bzw. staatliche Dienstleistungen (sogenannte Daseinsvorsorge) als auch private unentgeltliche Leistungen unterliegen dem Druck, ebenfalls in auf Märkten gehandelte wirtschaftliche Güter umgewandelt zu werden (Kommodifizierung). Beispiele sind soziale Dienstleistungen, Kultur- und Bildungsangebote.
Befürworter des Kapitalismus argumentieren, dass nur in dieser Wirtschaftsform ein selbstbestimmtes Leben möglich ist, da nur im Kapitalismus alle Wirtschaftsbeziehungen auf Freiwilligkeit, und nicht auf staatlichem Zwang basieren. Dieses Argument wird vor allem von Anhängern des Liberalismus vertreten.
Kritiker wenden ein, dass rein altruistische Verhaltensweisen nach Marktgesetzen unrentabel seien, am Markt tendenziell nicht bestehen könnten, und so zugunsten von Gewinnmaximierungs-Strategien verdrängt würden, ebenso wie menschliche Tätigkeiten, die keine am Markt nachgefragten und handelbaren Waren oder Dienstleistungen darstellen: Die dafür verwendete Zeit bringt keinen (finanziellen) Gewinn, während die Lebenshaltungskosten weiterhin gedeckt sein müssen. Es bestehe eine starke Tendenz zur Rationalisierung aller Lebensbereiche, die durchwegs im Hinblick auf Nutzen und Rentabilität organisiert würden. Jedermann solle das eigene Leben auf diese Weise nach den Anforderungen des Marktes gestalten, „sich gut verkaufen“. Einzelschicksale gerieten dabei oftmals in den Hintergrund. Kritiker des Kapitalismus fordern deshalb, dass die Wirtschaft für den Menschen dasein müsse, nicht umgekehrt.
Wirtschaftswachstum
Durch die kapitalistische Wirtschaftsform ist in der Vergangenheit enormes Wirtschaftswachstum generiert worden. Allerdings ist der Kapitalismus einem Wechsel von Konjunkturen und Krisen unterworfen, und in einzelnen Epochen, Regionen und/oder Wirtschaftsbereichen kam bzw. kommt es zum Rückgang der Wirtschaft. Besonders ausgeprägt war der deflationäre Zusammenbruch vieler Volkswirtschaften im Zuge der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Während manche Kritiker des Kapitalismus behaupten, dass nur die Intervention von Seiten des Staates es ermögliche, einen Kollaps der kapitalistischen Ökonomien anzuhalten, sind andere der Meinung, dass die Krisen durch staatliche Interventionen (Fiskalpolitik, Geldpolitik, Währungspolitik) überhaupt erst ausgelöst oder verstärkt werden.
Die tendenzielle Kontinuität des Wachstums der kapitalistischen Marktwirtschaft kann als etablierte Mehrheitsmeinung der Volkswirtschaftslehre und z.T. der öffentlichen Meinung der 'Ersten Welt' angesehen werden. Die dem entgegen stehende Revolutionslehre von Karl Marx wird von dieser Mehrheitsmeinung als widerlegt betrachtet.
Abweichend wird von einer Minderheit eingewandt, dass der Kapitalismus das Wirtschaftswachstum drosseln oder gar umkehren könne. Dies knüpft sich an die unternehmerische Kapitalkonzentration, als deren Folgen u. a. abgeleitet werden: (1) Hohe Preise und beschränkte Marktversorgung, sinkende Investitionen in Research and Development, Patentstillegungen (G. von Eynern, Monopol, Wb. d. Soz. 1969:720), (2) Anstieg innerorganisatorischer Machtkämpfe auf Kosten der Marktorientierung und -versorgung (vgl. R. Michels’ “Ehernes Gesetz der Oligarchie”), (3) außerökonomische Machtpolitik der Managements mit darauf antwortenden politischen Eingriffen (s. V. O. Key, Politics, Parties and Pressure Groups, 1950).
Stabilität
Die Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler hält den Kapitalismus für ein stabiles System, das nur durch temporäre Wirtschaftskrisen beeinträchtigt werde. Allerdings wird ihm auch von verschiedenen Kritikern der Untergang prophezeit oder prognostiziert: Marxistische Kritiker gehen davon aus, er werde durch Mehrwertanhäufung und daraus resultierende Monopolbildung unerträglich und durch Revolution beendet (vgl. das Kommunistische Manifest von 1848). Auch manche nichtmarxistische Volkswirte und Soziologen gehen davon aus, dass er untergehen werde oder könne, zum Beispiel Joseph Schumpeter.
Technischer Fortschritt
Hauptartikel dazu: Technischer Fortschritt
Durch die Konkurrenz der Unternehmen gibt es für die marktorientierten Produzenten den permanenten Zwang, ihre Produkte zu verbessern bzw. neue Produkte zu entwickeln, sowie Verfahren zu optimieren. Dies führt zu Investitionen in Forschung und Entwicklung (R&D, „research and development“) und in deren Folge zu immer neuen Techniken, sofern diese Absatz versprechen. Nutzen und Gefahren vieler neuer Techiken werden allerdings sehr kontrovers diskutiert, siehe zum Beispiel Kernkraft, Transrapid oder Gentechnologie. Auch sind die Folgen der allgemeinen Automatisierung und Kybernetisierung ökonomisch nicht abschätzbar. Kritiker dieser Entwicklung (Club of Rome) argumentieren, dass Wachstum (selbst ein Wachstum, das von Demokratien gelenkt werden würde) von einer bestimmten Grenze an prinzipiell der menschlichen Gesellschaft Schaden bringe, etwa wenn eine Wirtschaftsbasis (d. h. die Güterproduktion) ihrerseits die Umwelt nachhaltig zerstöre.
Wohlstand
Der Kapitalismus hat in den sogenannten Industrienationen breiten Bevölkerungsschichten Wohlstand gebracht. Kritiker bemängeln jedoch die ungleiche Verteilung des Wohlstands. Durch Ausgleichsmechanismen, wie sie die Soziale Marktwirtschaft vorsieht, kann die Verteilung reguliert werden (vgl. Ordoliberalismus). Eine ungleiche Verteilung wird jedoch nicht generell als negativ angesehen, da Kapital, das sich in einigen Händen sammele, wieder investiert werden könne, und da sie vor allem einen Zwang in Richtung auf Leistung bedeute – im Gegensatz zu vielen vorkapitalistischen Gesellschaften, wo Reichtum zu Leistungsreduzierung verlockt habe, oder wo Vorstellungen eines „angemessenen Gewinns“ (wie im in Zünften organisierten Handwerk) den technischen Fortschritt bremste.
Kritiker meinen ferner, marktbeherrschende Oligopolisten und Monopolisten tendierten zur Risikovermeidung bei Luxusgütern zu überhöhten Preisen, bei Basisgütern zur Unterversorgung des Marktes (so z. B. in der Pharmaindustrie). Die Nachfrageseite, die der Verbraucher, versuche dann, durch Vermeidung von Solidaritätsabgaben (Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit, „Bremsen“ und Sabotage) die für sie negativen Folgen dieser Entwicklung abzumildern.
Netzwerkstruktur
In kapitalistischen Ökonomien können Unternehmen und Personen freie Vereinbarungen miteinander treffen (Prinzip der Vertragsfreiheit). Die Ökonomie reagiert auf Veränderungen in der Technik, auf Entdeckungen und auf andere neue Situationen mit Hilfe der Firmen und ihres Managements (ihrer Akteure), die ihre Arrangements untereinander wieder neu bewerten. Demgemäß scheinen sich die Kontrollmechanismen der Ökonomie und die sie betreffenden Informationsflüsse immer wieder zu verändern. Analysen der Netzwerke und Arrangements im Kapitalismus haben einen Grad von Ähnlichkeit zu anderen Netzwerken, wie etwa zum Telefonsystem oder Internet gezeigt.
Beschäftigung
In einer kapitalistischen Gesellschaft erhalten viele Individuen die finanziellen Mittel für ihren Lebensunterhalt durch entlohnte Arbeit an einem Arbeitsplatz. Viele andere (Familienangehörige) werden indirekt über diese Erwerbsarbeit mitfinanziert. Dies kann sich umkehren, sobald menschliche Arbeitskraft zunehmend maschinisiert wird.
In den Krisen der kapitalistischen Gesellschaften kommt es häufig vor, dass Menschen keinen Arbeitsplatz finden, also niemanden, der ihr Angebot von Arbeitskraft „kauft“, etwa weil in ihrem Umfeld kein Bedarf vorhanden ist, oder weil sie nicht gewillt sind, ihre Arbeitskraft für den von den Unternehmen gebotenen Preis (das Entgelt) anzubieten.
In kapitalistischen Volkswirtschaften werden bestimmte Arbeiten, die keiner besonderen Qualifikation bedürfen, oft zu Niedriglöhnen angeboten, die als zu gering angesehen werden, um den Lebensunterhalt des Werktätigen decken zu können. Als Ausweg werden daher oft staatlich garantierte Mindestlöhne angesehen. Allerdings werden durch sie ebenso wie durch staatliche Ersatzleistungen wie Arbeitslosengeld finanzielle Anreize zum Annehmen einer schlecht bezahlten Arbeit verringert. Auch Steuerumverteilung (von 'oben' nach 'unten') kann diese Anreize schmälern. All diese Mittel widerstreben zwar der theoretischen Nullarbeitslosigkeit, werden aber oft als mehr oder weniger gerecht oder fair empfunden. Staatliche Eingriffe sind aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit und der inneren Sicherheit sogar notwendig. Sie geben eine zusätzliche Sicherheit und fangen kranke, alte und schwache Gesellschaftsmitglieder auf, auch wenn auf diese Weise eine systembedingte gewisse Arbeitslosigkeit toleriert wird.
Planung
Durch private Eigentumsrechte an den Produktionsmitteln (Kapital) werden die Entscheidungsbefugnisse dezentralisiert. Jeder Eigentümer (Kapitalist) verfügt über seine eigene Planung. Diese wird durch den Marktmechanismus koordiniert.
Kritiker bemängeln unbekannte und ungeprüfte Planung im gesellschaftlichen Maßstab: Obwohl es innerhalb der Unternehmen und auch anderen Organisationen einen großen Aufwand an Planung gibt, gebe es – infolge der durch Unwissen und Eigennutz begrenzten Horizonte der Planer – keine generelle wirtschaftsweite Richtung, keine zuverlässigen wirtschaftlichen Vorhersagen, oder ein Wissen, wie sich eine Firma kurzfristig in den nächsten Jahren orientieren soll. Während heute beinahe jede Transaktion von den Akteuren geplant und bestätigt werden muss, die daran teilnehmen, erscheinen viele gesellschaftliche Phänomene, die sich von Geschehnissen eines Marktes ableiten lassen und die selten geplant, vorhergesehen oder von jemanden autorisiert wurden. Hier sucht die Volkswirtschaftslehre, Antworten zu geben.
Die Frage nach dem Zusammenhang mit Demokratie und Frieden
Von Befürwortern des Kapitalismus wird die These vertreten, kapitalistische Gesellschaften tendierten langfristig zu Rechtsstaat und Demokratie, und sie verweisen dabei auf die demokratischen Entwicklungen in Europa, Amerika und Teilen von Asien. Eine weitere These ist, dass Demokratien untereinander signifikant weniger Kriege führen als gegen Nichtdemokratien und als diese untereinander. Daraus wird insgesamt gefolgert, dass der Kapitalismus dem Frieden diene.
Kritiker betonen, dass der Kapitalismus die unabhängige Rechtsprechung gefährde (sie korrumpiere). Etliche verweisen auf die Vielzahl kapitalistischer Diktaturen, wie sie vor allem in den weniger entwickelten Staaten Asiens und Afrikas zu finden sind, sowie die ihrer Ansicht nach große Zahl der durch demokratische Staaten geführten Kriege. Insbesondere eine fortschreitende und globale Monopolisierung des Kapitals führe zu einer Erhöhung der Kriegsgefahr.
Theoretiker
Adam Smith
Ein bedeutender Theoretiker des Kapitalismus ist der schottische Nationalökonom und Moralphilosoph Adam Smith mit seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ (1776). Er begründet den Eigennutz als einen wichtigen Motor für Wohlstand und gerechte Verteilung und meint, dass die Selbstregulation des Marktes durch Gleichgewichtspreise mehr Vertrauen verdient (die „Unsichtbare Hand“). In seinem Werk „Theorie der ethischen Gefühle“ schreibt er: „Trotz der natürlichen Selbstsucht und Raubgier der Reichen und obwohl sie nur ihre eigene Bequemlichkeit im Auge haben, obwohl der einzige Zweck, welchen sie durch die Arbeit all der Tausende, die sie beschäftigen, erreichen wollen, die Befriedigung ihrer eitlen und unersättlichen Begierden ist, trotzdem teilen sie doch mit den Armen den Ertrag aller Verbesserungen, die sie in der Landwirtschaft einführen. Von einer unsichtbaren Hand werden sie dahin geführt, beinahe die gleiche Verteilung der zum Leben notwendigen Güter zu verwirklichen, die zustande gekommen wäre, wenn die Erde zu gleichen Teilen unter alle ihre Bewohner verteilt worden wäre, und so fördern sie, ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen, das Interesse der Gesellschaft und gewähren die Mittel zur Vermehrung der Gattung. Als die Vorsehung die Erde unter eine geringe Zahl von Herren und Besitzern, verteilte, da hat sie diejenigen, die sie scheinbar bei ihrer Teilung übergangen hat, doch nicht vergessen und nicht ganz verlassen.“
Karl Marx und Friedrich Engels
Gleichgewichtspreis
Der Begriff der „kapitalistischen Produktionsweise“ wurde maßgeblich von Karl Marx und Friedrich Engels geprägt (als Begriff benutzten sie “Kapitalismus” nicht). Jede Ware habe einen Doppelcharakter, sie sei sowohl Tausch- als auch Gebrauchswert (siehe auch Warenfetischismus). Die Vermehrung des Kapitals erfolge über die Ausbeutung fremder Arbeitskraft als Lohnarbeit, indem die Ware Arbeitskraft zwar einerseits grundsätzlich zu ihrem Wert bezahlt wird, dieser Wert liegt jedoch andererseits systematisch unter dem insgesamt neu geschaffenen Wert, da die Arbeiter nicht den Wert der Produktion erhalten, sondern lediglich soviel, wie sie brauchen, um sich als Arbeiter zu erhalten. Dies ist der Wert der Arbeitskraft, welche die Arbeiter an die Kapitalisten verkaufen. Die Differenz zwischen Neuwert (Wertschöpfung) und Wert der Arbeitskraft ist der Mehrwert – der erzielbare Mehrwert werde aber gleichzeitig im Verhältnis zum eingesetzten Kapital (Profitrate) „tendenziell“ immer weniger (vgl. Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate).
Marx meinte, angesichts dessen, wie die kapitalistische Dynamik von ihrem eigenen inneren Antagonismus voran getrieben werde, sei die letzte Grenze des Kapitalismus, der kapitalistischen, sich selbst vorantreibenden Produktivität, das Kapital selbst, das heißt, der irre Tanz ihrer bedingungslosen Produktivitätsspirale sei letztlich nichts als eine verzweifelte Flucht nach vorn, um dem ihr selbst inhärenten und sie schwächenden „Widerspruch“ zu entkommen. Dies sei unausweichlich die Stunde der kommunistischen Revolution durch das Proletariat.
Max Weber
Der Soziologe Max Weber stellte in seinem Buch Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus die These auf, dass der Kapitalismus in Europa aus religiösen Gründen entstanden sei und eine -im geistigen Sinne- Weiterentwicklung der Reformationsbewegung darstelle (vgl. das „protestantische Arbeitsethos“ und die protestantische Ethik allgemein). Da dies für Japan nicht haltbar war, untersuchte Weber die (funktional entsprechende) Rolle der Samurai.
Joseph Schumpeter
Der Volkswirt Joseph Schumpeter urteilte, die „Maschine Kapitalismus“ funktioniere nicht schlecht. Ihr Antrieb sei das freie Unternehmertum; gerade der Erfolg, der sich auch in Monopolen zeige, bringe es jedoch mit sich, dass der Kapitalismus seine eigene soziale Struktur zerstört, die ihn schützt und stützt, immer wieder zerstört und neu errichtet.
Er sah ihn zunächst als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Jedoch produziere er zunehmend einen Wasserkopf bürokratischer Strukturen und eine „Krise des Steuerstaats“ (indem er den Staat zu schwächen unternehme), der dessen Ende bedeuten könne, wie auch das der Demokratie.
Von Schumpeter stammt auch die Idee der Kreislauf-Marktwirtschaft.
Zitate
- „Ich sehe in naher Zukunft eine Krise heraufziehen. In Friedenszeiten schlägt die Geldmacht Beute aus der Nation, und in Zeiten der Feindseligkeiten konspiriert sie gegen sie. Sie ist despotischer als eine Monarchie, unverschämter als eine Autokratie, selbstsüchtiger als eine Bürokratie. Sie verleumdet all jene als Volksfeinde, die ihre Methode in Frage stellen und Licht auf ihre Verbrechen werfen. Eine Zeit der Korruption an höchsten Stellen wird folgen, und die Geldmacht des Landes wird danach streben, ihre Herrschaft zu verlängern, bis der Reichtum in den Händen von wenigen angehäuft und die Republik vernichtet ist.“ Abraham Lincoln, US-Präsident, 21. November 1864
- „Dem Kapitalismus wohnt ein Laster inne: Die ungleiche Verteilung der Güter. Dem Sozialismus hingegen wohnt eine Tugend inne: Die gleichmäßige Verteilung des Elends.“ – Sir Winston Churchill (1874–1965), britischer Journalist und später Premierminister
Siehe auch
- Das Kapital, Monopolkapitalismus, Kulturkapitalismus, Kapitalismuskritik, Organisierter Kapitalismus, Spätkapitalismus
- Kommunismus, Liberalismus, Manchesterkapitalismus, Neoliberalismus, Regulationstheorie, Globalisierung, Freiwirtschaft
- Geld, Kapital, Wert, Entfremdung
Literatur
- Milton Friedman: Kapitalismus und Freiheit ISBN 3821839600
- Georg Fülberth:Kleine Geschichte des Kapitalismus, Köln 2005, ISBN 3894383151
- Friedrich Hayek: Die Verfassung der Freiheit ISBN 3161458443
- Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, theorie.org, 2004, [http://www23.brinkster.com/buttelflink/paul/K.htm].
- Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, Münster: Dampfboot, 2001, Verlagsinfo: [http://www.dampfboot-verlag.de/buecher/454–5.html].
- Christoph Keese: Rettet den Kapitalismus, Hoffmann und Campe 2004 ISBN 3455094236
2004 ISBN 3-258-06683-3
- Jürgen Kromphardt: Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus ISBN 3825210170
- Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, ISBN 3548363083, online: [http://www.sozialistische-klassiker.org/Kurz/Kurz01.pdf].
- Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politische Ökonomie, Berlin: Dietz, 1962, online: [http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_000.htm].
- Robert W. McChesney/Ellen Meiksins Wood/ John Bellamy Foster: Capitalism and the Information Age. The Political Economy of the Global Communication Revolution, New York: „Monthly Review Press“, 1998, ISBN 0-85345-988-6.
- Thomas K. McCraw (Hg.): Creating Modern Capitalism. How Entrepreneurs, Companies, and Countries Triumphed in Three Industrial Revolutions, Cambridge, MA und London: Harvard University Press, 3. Aufl., 2000, ISBN 0-674-17556-5.
- Johan Norberg: Das Kapitalistische Manifest ISBN 3821839945
- Ayn Rand: Capitalism: The Unknown Ideal, ISBN 0451147952
- Erwin K. Scheuch/Ute Scheuch: Manager im Größenwahn, ISBN 3-499-61481-2
- Ulrich van Suntum: Die unsichtbare Hand ISBN 3540410031
- Shiro Takebayashi, Die Entstehung der Kapitalismustheorie in der Gründungsphase der deutschen Soziologie. Von der historischen Nationalökonomie zur historischen Soziologie Werner Sombarts und Max Webers. Berlin: Duncker & Humblot 2003
- Lester C. Thurow: Die Zukunft des Kapitalismus ISBN 3896232096
- Roland Wirth: [http://www.inwo.de/modules.php?op=modload&name=PostKart&file=index&req=itemview&IID=40| Marktwirtschaft ohne Kapitalismus], [http://www.haupt.ch Haupt-Verlag] Bern
- Daniel Yergin, Joseph Stanislaw: Staat oder Markt ISBN 354870056X
- (Siehe auch:)Der Spiegel (Spiegel-Serie über Kapitalismus, 10-teilig ab Nr.17/25. April 2005)
Weblinks
- Einführung in den Kapitalismus: http://www.sociologicus.de/lexikon/lex_soz/k_n/kapitali.htm.
- Einführung in den Frühkapitalismus: http://www.sociologicus.de/lexikon/lex_soz/f_j/fruehkap.htm
- Plädoyer für den Kapitalismus: http://www.liberalismus.at/Texte/kapitalismus.php
- Zeit-Artikel von Heiner Geißler: http://www.zeit.de/2004/47/Ohnmacht_2fArbeiter
- Zeit-Reihe „Die Zukunft des Kapitalismus“ – Fegefeuer des Marktes: http://www.zeit.de/2005/30/Kapitalismusserie
- [http://www.gegeninformation.de/9227.html Versuch einer komprimierten Kritik am Kapitalismus]
- [http://www.sysserv24.de/landtax.htm Praktische Analyse des jetzigen Systems]
!Kapitalismus
Kategorie:Volkswirtschaftslehre
Kategorie:Soziologie
Kategorie:Marxismus
ja:資本主義
th:ทุนนิยม
AngebotDer Begriff Angebot bezeichnet
- in der Volkswirtschaftslehre die Gesamtheit aller in einem bestimmten Markt zum Verkauf stehenden Güter, siehe Angebot (Volkswirtschaftslehre),
- im Einzelhandel die Marketing-Maßnahme, Güter zeitlich begrenzt zu besonderen Konditionen zum Verkauf zu stellen, siehe Sonderangebot,
- in der Betriebswirtschaftslehre die einseitig bindende Zusammenstellung von Gütern und Preisen, welche im gemäß § 145 BGB als Willenserklärung des Anbietenden zum Vertragsabschluss zu verstehen ist, siehe Kostenvoranschlag, Angebot (Willenserklärung).
KapitalKapital ist ein Begriff, der in den Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, aber auch in der Umgangssprache unterschiedlich verwendet wird.
Kapital in der Volkswirtschaftslehre
In der Volkswirtschaftslehre ist "Kapital" einer der drei Produktionsfaktoren, neben "Arbeit" und "Boden".
Man unterscheidet folgende "Kapitale" einer Volkswirtschaft:
- Realkapital (Kapitalstock)
- Humankapital
- Natürliche Ressourcen
- Technologisches Wissen
Kapital ist ein Besitzverhältnis. Es besitzt - wie andere Wirtschaftsgüter - die Eigenschaft der Knappheit. Aus der Eigenschaft der Knappheit entsteht der Kapitalzins. Der Kapitalzins ist die Nutzungsgebühr des Kapitals. Die Knappheit des Kapitals kann natürlichen Ursprungs sein oder künstlich erzeugt worden sein. Das Kapital wird nur gegen eine Nutzungsgebühr, den Kapitalzins weitergegeben. Der Nicht-Kapitalbesitzer muss Arbeit gegen den Kapitalzins tauschen. Ist dieses Tauschverhältnis gestört, entstehen Wirtschaftskrisen.
Der Kapitalbesitzer kann die Nutzung seines Kapitals auch verweigern. Er kann eine zu hohe Nutzungsgebühr verlangen oder die Nutzung völlig verweigern.
Da Kapital betriebswirtschaftlich (siehe unten ) Vermögen ist, kann es am Markt auf der Angebotsseite in wenigen Händen oder in einer einzigen Hand konzentriert sein ("Kapitalkonzentration"), tritt dann also als Oligopol oder sogar Monopol auf. Diese günstige Position kann als ein zusätzliches "Kapital" aufgefasst werden.
In der VGR wird in der Regel vom Vermögen, weniger von Kapital gesprochen (z. B. Reinvermögen, Anlagevermögen, aber auch Kapitalstock, Brutto- und Nettogeldvermögen). Sucht man gesamtwirtschaftliche Daten über "Kapital", muss man also in der VGR nach Daten über "Vermögen" suchen.
Bei Marx ist Kapital ein Betrag von Geld G, der investiert wird, um mehr Geld G’ zurückzubekommen. Die Kapitalformel nach Marx ist:
G - W - W' - G'
Geld G wird in Waren W investiert, denen in einem Produktionsprozess Wert zugesetzt wird, so dass diese Waren mit mehr Wert W’ gegen mehr Geld G’ verkauft werden können.
Für den Profit p gilt: p = G' - G
und für die Profitrate p' gilt:
In der Kapitalismusanalyse von Karl Marx wird Kapital auch als "geronnene Arbeit" bezeichnet, wenn man darauf abhebt, dass Kapital der Wert der Produktionsmittel wie Gebäude, Maschinen, Materialien usw. ist. Der Wert dieser Produktionsmittel bestimmt sich wie der Wert aller Waren gemäß der Arbeitswertlehre nach der zu ihrer Herstellung notwendigen Arbeitszeit. Insofern kann man von "geronnener", "toter" usw. Arbeit sprechen, die in diesen Produktionsmitteln drin steckt.
"Lohnarbeit schafft Kapital, d.h. es schafft Eigentum, welches die Lohnarbeit ausbeutet und nur unter dieser Bedingung vermehren kann, dass es neue Lohnarbeit erzeugt, um sie von neuem auszubeuten".Marx' Hauptwerk Das Kapital ist wohl das berühmteste zur politischen Ökonomie.
Kapital ist ein gemeinschaftliches Produkt und wird privat angeeignet im Kapitalismus. Die Lohnarbeit ist die Grundlage von Kapital. Die Lohnarbeit schafft Mehrwert, dieser teilt sich auf in individuelle Konsumtionsfonds der Kapitalisten und in einen sog. Akkumulationsfonds. Kapital ist also beides: "Ein Teil des Mehrwerts wird vom Kapitalisten als Revenue verzehrt, ein anderer Teil als Kapital angewandt oder akkumuliert." (Kapital Bd. I 7. Absch. Akkumulationsprozeß des Kapital) Obwohl das Kapital von den Menschen gemacht ist, das Produkt menschlicher Arbeit ist, scheint es doch gegenüber den Menschen eigene Kräfte zu haben, ähnlich wie ein Fetisch gegenüber den Menschen, die an ihn glauben, besondere Kräfte aufweist. Marx spricht deshalb vom Kapitalfetisch neben dem Geld- und Warenfetisch.
Im einzelnen unterscheidet Marx noch
- konstantes Kapital von variablem Kapital und
- fixes Kapital von zirkulierendem Kapital
sowie verschiedene Zusammensetzungen des Kapitals:
- technische Zusammensetzung des Kapitals.
- Wertzusammensetzung des Kapitals
- Von letzterer ist die organische Zusammensetzung des Kapitals, von Marx in Das Kapital auch kurzweg nur Zusmmensetzung des Kapitals genannt, ein besonderer Fall.
Eine weitere Unterscheidung verschiedener Arten von Kapital:
- Industriekapital (Profit des Industriekapitals)
- Handelskapital (Profit des Handelskapitals)
- Geldkapital, zinstragendes Kapital (Zinsen als Teil des Mehrwerts)
Wichtige Tendenzen des Kapitals sind bei Marx die
- Zentralisation sowie die
- Konzentration
Kapital in der Betriebswirtschaftslehre
Im engeren betriebswirtschaftlichen Sinne ist "Kapital" eine werthaltige Sache, die zur Vergrößerung ihres eigenen Wertes eingesetzt wird (Geld kauft Arbeit und Produktionsmittel, um das Produkt mit Gewinn zu verkaufen; oder es wird als Kredit vergeben um ein ebensolches Geschäft in Gang zu setzen). In der Bilanz wird es dem entsprechend auf der Haben-Seite verbucht.
Kapital kann man demnach unterteilen in:
- Geldkapital (Bargeld oder Buchgeld)
- Sachkapital auch Güter genannt (beispielsweise | | |