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Sozialkritik

Sozialkritik

Gesellschaftskritik zielt auf die Analyse (problematischer) gesellschaftlicher Strukturen und (wenn möglich) auch auf praktische Verbesserung durch Einzelmaßnahmen, grundlegende Reformen oder gar durch revolutionäre Umwälzungen. Gesellschaftskritik ist so verschieden, wie die Ausgangspunkte und die Kriterien dieser Kritik, d.h. sie ist oft verbunden mit weltanschaulichen oder gar ideologischen Standpunkten. Das Stereotyp, nur der Marxismus oder der Sozialismus betreibe effektive Gesellschaftskritik, mag zwar in einer bestimmten historischen Situation (mit Einschränkungen) gegenüber einer Immunisierung vor solcher Kritik vonseiten des bürgerlich-liberalen Establishments eine gewisse Berechtigung gehabt haben, ist jedoch auf die gegenwärtige Situation postmoderner Komplexität nur schwer anwendbar. Die heutige Frage lautet nicht mehr, ob es überhaupt Gesellschaftskritik geben solle, sondern es stellt sich gerade in der politischen Demokratie die Aufgabe über die Verständigung über die prozeduralen und inhaltlichen Grundlagen einer fast allseits anerkannten Notwendigkeit von Gesellschaftskritik. Gesellschaftskritische Werke sind klassischer Weise sozialphilosophische, sozioökonomische, soziologische oder sozialpsychologische Werke, doch zählen auch Arbeiten anderer sozialwissenschaftlicher Richtungen wie etwa der Sozialmedizin dazu. Nicht alle Autoren hatten primär die Kritik der Gesellschaft zum Ziel oder verfolgten überhaupt diese Intention. Des Weiteren gibt es auch gesellschaftskritische Romane wie Aldous Huxleys Schöne Neue Welt (Brave New World) von 1932, George Orwells 1984 (Nineteen Eighty-Four) von 1949 oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 von 1953 sowie gesellschaftskritische Filme wie Brazil von 1985. Auch in musikalischer Form wird Gesellschaftskritik ausgedrückt, so z. B. in dem Lied "Gewalt oder Sex" des Hip-Hop-Sängers Torch.

Klassische Werke

Zu den klassischen gesellschaftskritischen Werken gehören unter anderem:
- Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung (1784)
- Karl Marx: Das Kapital (1867)
- Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung (1893)
- Georg Simmel: Philosophie des Geldes (1900)
- Max Weber: Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus (1904/1905)
- Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt, in: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik (1921)
- Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein (1923)
- Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930)
- Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation (1939)
- Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung (1947)
- Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung (1954 bis 1959)
- Erich Fromm: Die Kunst des Liebens (1956)
- Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch (1964, dt. 1967)
- Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (1967)
- Michel Foucault: Überwachen und Strafen (1975, dt. 1977)
- Erich Fromm: Haben oder Sein (1976)
- Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981)
- (Antonio Negri und Michael Hardt: Empire - die neue Weltordnung (2003)) sowie Arbeiten von Pierre Bourdieu.

Siehe auch


- Ideologiekritik, Religionskritik, Kapitalismuskritik, Kulturkritik
- Neue soziale Bewegungen
- Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Konsumgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Risikogesellschaft, Informationsgesellschaft, Netzwerkgesellschaft

Literatur

Primärliteratur
- Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt, in: ders., Sprache und Geschichte. Philosophische Essays, Stuttgart 1992, S. 104-131. ISBN 3-15-008775-9
- Ehrhard Bahr (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland. ISBN 3-15-009714-2 Sekundärliteratur
- Gerhard Gamm/Andreas Hetzel/Markus Lilienthal: Interpretationen. Hauptwerke der Sozialphilosophie, Stuttgart 2001. ISBN 3-15-018114-3

Weblinks


- [http://dispatch.opac.ddb.de/DB=4.1/REL?PPN=040206432 Gesellschaftskritische Literatur und Literatur über Gesellschaftskritik] im Katalog der DDB !

Sozialstruktur

Sozialstruktur ist ein Begriff aus der Soziologie und bezeichnet zumeist die Einteilungsmöglichkeiten von Gesellschaften nach - je nach Theorieansatz sehr unterschiedlichen - sozialen Merkmalen. Er erscheint in einführenden Lehrveranstaltungen des Faches meist als eine locker aufgefasste Übersicht, so wie im Folgenden behandelt. Doch hat sich im Anschluss an einige Theoretiker eine besondere soziologische Ausprägung und Entfaltung des Begriffes "Struktur" entwickelt, auf die hin zu weisen ist.

Begriffliches

Allgemein kann man unter "Sozialstruktur" die Gruppierung des sozialen Beziehungsgefüges einer Gesamtgesellschaft nach Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten in mehreren Dimensionen, im Einzelnen dann nach soziologisch je und je wichtigen Merkmalen fassen, dergestalt, dass sich die dauerhaften sozialen Wechselwirkungen dieser Gruppierungen untereinander erklären und verstehen lassen. Als wichtige und durch Ähnlichkeiten strukturgebende Gruppierungen werden je nach der zu Grunde liegenden Theorie folgende Begriffe und Konzepte gebraucht:
- Gruppierungen vorwiegend nach ‚Oben' und ‚Unten' (vertikal)
  - "Kaste "
  - historisch: "Stand", gegenwärtig: "Sozialer Status"
  - "Klasse"
  - "Soziale Schicht", bzw. besondere Einzelmerkmale der Schichtung ("Stratifikation") wie etwa
    - "Beruf"
    - "Ausbildung" u. a.
- Gruppierungen mit deutlichem Einbezug des ‚Nebeneinander' (horizontal)
  - "Soziales Milieu"; teilweise wird auch dem "Lebensstil" sozialstrukturelle Relevanz zugesprochen; insbesondere auch
    - Gruppierungen nach dem Konsumverhalten
    - Randgruppen
  - Religionsgemeinschaften
  - Ethnien, Sprachgruppen, auch insbesondere
    - Mehr- und Minderheiten, Randgruppen
  - Heiratskreise, Clans, u. ä.
  - sowie die Zugehörigkeit zu in dieser Gesellschaft besonders relevanten Gruppierungen, wie etwa
    - sesshafte und mobile (z. B. nomadische) Gruppierungen
    - Stadt- und Landbevölkerung
    - Bünde
    - Alteingesessene und Zugewanderte
    - Wähler unterschiedlicher Parteien Untersuchungen über die Sozialstruktur interessieren sich zum einen für den sozialen Wandel, also für die Veränderung der Sozialstruktur einer Gesellschaft über die Zeit, zum anderen für den Vergleich der Sozialstrukturen mehrerer Gesellschaften (und die damit verbundenen Einflussfaktoren).

Zur Einzelorientierung

Die nachfolgende Gliederung richtet sich vor allem nach der in der Soziologie am häufigsten auffindbaren Unterteilung in "Schichten" bzw. "Klassen", mit dem Ziel, zunächst zu orientieren. Zu beachten ist dabei: Da im Englischen class sowohl "Klasse" als auch "Schicht" oder gar "Stand" bedeuten kann, ist die wissenschaftliche Befassung geeignet, mehrere "Klassen"- und "Schichten"-Begriffe nebeneinander zu benutzen. Es geht aber immer um eine ganzheitlich nutzbare Übersicht der sozialen Strukturierung der Gesellschaften und um das Aufzeigen der Parallelen zwischen den sonst getrennt gehandhabten Begriffsinstrumenten. Daher finden sich hier auch die Stände des Mittelalters sowie die religiös orientierten Gesellschaftsordnungen der Kasten.

Soziologische Betrachtung

Das Wort betitelt in den Studienplänen häufig Anfängerveranstaltungen in der Soziologie und erscheint so in Studienplänen ("Sozialstruktur der Bundesrepublik" u.ä.), dann geht es zumeist um die Aufschlüsselung einer Gesellschaft nach verschiedenen soziologischen Kriterien (siehe unten) und demographischen Kriterien (wie z.B. Alter, Geschlecht, höchster Ausbildungsstand, Einkommensgruppen, Einteilung Stadt-/Landbevölkerung usw. Mehr dazu siehe unter Bevölkerungsstruktur.) Der folgende Artikelteil bietet eine erste unvollständige Übersicht einiger Theorien zur sozialen Stratifikation, nicht jedoch wird hier der soziologische Begriff der sozialen Struktur behandelt. Wer mehr zur analytischen Auffassung von "Sozialstruktur" zu erfahren sucht, dem sei Georg Simmels Soziologie, sowie Robert Mertons Social Theory and Social Structure empfohlen. Einen kurzen Überblick über die Thematik sozialer Strukturen findet sich auch im [http://en.wikipedia.org/wiki/Social_structure englischen Wikipedia-Artikel].

Unterschiedliche Leitbegriffe

Schicht als Leitbegriff

Die Gliederung der Gesellschaftsmitglieder basiert hier auf ihren typischen Soziallagen und, es wird üblicherweise der "Schicht"-Begriff verwendet. Dabei werden objektive und subjektive Kriterien unterschieden. Zwischen sozialen Schichten ist für die einzelnen Akteure ein Wechsel möglich (sozialer Aufstieg oder Abstieg: soziale Mobilität). Die einzelnen Schichtungsmerkmale bilden oft konträre (gegensätzliche, aber gestufte) soziale Gegensätze ab (z. B. Einkommen, Bildungsstufen, soziales Ansehen und Lebensstandard, -risiken, -chancen, Zufriedenheit etc.) - man hat mehr oder weniger davon. Teils aber auch werden sie kontradiktorisch aufgefasst (gegensätzliche und dichotomische: Eigentum, Herrschaft) - man hat sie entweder oder hat sie nicht. Moderne Modelle berücksichtigen stärker die gesellschaftliche Mobilität und die sozialen Unterschiede innerhalb gesellschaftlicher Milieus. Die jeweilige Gewichtung dieser einzelnen Merkmale wirft schwierige methodische Fragen auf, wenn man mit einem Modell weniger Schichten auskommen will. Einen Ausweg bilden hier Milieustudien. Ur- und frühgeschichtliche Schichtungsmerkmale (Schönheit, Fertilität, Kraft, Ausdauer) werden zur Bestimmung der Sozialstruktur gewöhnlich nicht erhoben und erscheinen allenfalls als Bestimmungsmerkmal von Prominenz, beispielsweise im show business oder im Sport. In der Soziologie dient das Konzept der "Schicht" somit der vertikalen Untergliederung der Gesellschaft. Sowohl soziale Tätigkeitsveränderungen innerhalb einer Gruppe als auch Rangunterschiede bzw. Auf- bzw. Abstieg in andere Gruppen können so modelliert werden. Im Unterschied zum starren Klassenbegriff (s. u.), der sich ausschließlich auf die Stellung im Produktionsprozess bezieht, ist der „Schicht“-Begriff damit weiter gefasst. Das Schichtmodell erweitert die einfache zweipolige Anschauung von ‚oben‘ stehenden "Anführern", den so genannten Eliten, und der ‚unten‘ positionierten "Masse", den "Dominierten", denn zwischen diesen beiden Extremen existieren intermediäre Schichten. Gerade auf diesen Mittelschichten ruht die Stabilität der politischen Ordnung nach Aristoteles. Sie stelle den Großteil der Bevölkerung. Helmut Schelsky hat hier die (umstrittene) Hypothese formuliert, dass moderne Gesellschaften zur "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" tendieren. Methodisch hat jede Schichtenanalyse mit dem Problem der "Statusinkonsistenz" zu kämpfen. Denn nach einem Merkmal kann eine untersuchte Person einer oberen, aber nach einem anderen einer unteren Schicht zugehörig sein. Krasse Beispiele dafür sind im Märchen der Schweinehirt, der die Prinzessin heiratet (Hypogamie) und in der Wirklichkeit der Langzeitarbeitslose als Lottomillionär.

Überblick soziologischer Ansätze

Der Schichtenbegriff ist, verglichen mit dem Klassen- und Ständebegriff, verhältnismäßig neu. Als Begründer der Schichtungssoziologie gilt Theodor Geiger, dieser entwickelte Ansätze des Schichtbegriff für die Sozialstrukturanalyse des Deutschen Reiches als eine Auseinandersetzung mit dem "Klassen"-Begriff. Ihm gegenüber ist im Englischen die social stratification (lat. stratum: Schicht) ein relativ spät aus der Geologie entlehnter Alternativbegriff gewesen, als "class" immer erfolgreicher marxistisch interpretiert wurde. Bei dieser Konzeption wird die Gesellschaft in eine unbestimmte Zahl von sozialen Schichten oder Gruppen eingeteilt, die nach Merkmalen wie Beruf, Bildung, Erziehung, Lebensstandard, Macht, Art der Kleidung, Religion, Rasse, politische Meinung und Organisation definiert werden. Der Begriff ist eng mit den Auffassungen über die soziale Mobilität und die Kriterien der Industriegesellschaft verknüpft. Die primitive Dreiteilung in Ober-, Mittel- und Unterschicht wird nicht mehr verwandt. Die bekanntesten Schichtmodelle für Deutschland sind von Ralf Dahrendorf (1965), Karl Martin Bolte (1967) die "Bolte-Zwiebel" und Rainer Geißler (1967). Das Modell Geißlers ähnelt dem von Dahrendorf (zu ihm s. u.), wird jedoch dadurch ergänzt, dass es zu dem Dahrendorfschen "Haus" einen Anbau gibt, in dem spezielle Schichten für Ausländer definiert werden, also horizontal einteilende Schichtungsmerkmale hinzu treten.

Betriebswirtschaftlich beeinflusste Definitionen

Das häufig auch nur "Goldthorpe-Klassenschema" genannte Schema nach Erikson und Goldthorpe, ist weniger in der Soziologie als in der Marktforschung verbreitet. Es stellt eigentlich eher ein Schichtenschema mit milieubezogenen Merkmalen dar. Denn Goldthorpe unterteilt die Bevölkerung in sieben Schichten (die teilweise jedoch weiter untergliedert sind). Er unterscheidet seine Klassen an Hand ihrer Einkommensquellen und ihrer Stellung im Wirtschaftsprozess. #Obere Dienstklasse (etwa Spitzenmanager) und #Untere Dienstklasse mit hohen Qualifikationen, die in einem Angestelltenverhältnis stehen, beispielsweise höhere Beamte, Ärzte, Professoren #Angestellte der ausführenden nicht-manuellen Klasse mit beschränkten Entscheidungsbefugnissen (Klasse 3a) und mit gering qualifizierten Routinetätigkeiten (Klasse 3b, z. B. Kassiererin) #Selbständige außerhalb der Landwirtschaft (4a und 4b) und Landwirte (4c) #Arbeiter(-innen), Techniker, Facharbeiter (5) #qualifizierte ("learned") Arbeiter(6) #unqualifizierte ("unlearned") Arbeiter (7a) sowie in der Landwirtschaft Beschäftigte ohne Ausbildung (7b) Dieses Messkriterium hat den Vorteil, dass es für empirische Marktforschung einfach zu operationalisieren ist. Da bei ihm auch die oberste Klasse noch als „Dienstklasse“ bezeichnet wird, fehlt ihm die (für Massenmärkte unbeachtliche) Spitzenklasse, die empirisch allerdings auch in der Soziologie überhaupt sehr schwer zu erforschen ist, jedoch in einer Sozialstruktur nie fehlen dürfte (superreiche Selbstständige, hohe Politiker u. ä., vgl. Elite). Soziologisch ist dieser Ansatz unbefriedigend, wie es eine Strukturanalyse der Katholischen Kirche wäre, die den Papst ausließe. Doch ist hier auch auf das ähnlich nach Konsumentengruppierungen operierende Klassenmodell nach Engel, Blackwell und Kollat zu verweisen (siehe dort).

Klasse als Leitbegriff

Siehe auch Klasse (Soziologie).

Definition nach Marx

Nach der ursprünglichen Definition von Saint-Simon, die Karl Marx von ihm übernahm, sind "Klassen" durch die Stellung der ihr Angehörigen im Produktionsprozess definiert. Er unterscheidet für jedes historisches Produktionsverhältnis zwei alle anderen Klassen mit deren Spezialproblemen – mit deren „Nebenwidersprüchen“ – dominierenden Klassen: die Nichtbesitzer und die Besitzer der vorwiegenden Produktionsmittel. Für die kapitalistische Produktionsweise sind das die Proletarier und Kapitalisten, in der antiken "Sklavenhaltergesellschaft" aber z. B. sind dies die Sklaven und die Sklavenhalter. Aus der Analyse der ökonomischen Verhältnisse wird deutlich, so Marx, dass die Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft, die rechtlich frei sind, jedoch einzig ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben, kontradiktorisch andere Interessen haben müssen als diejenigen, die über Produktionsmittel verfügen und Arbeitskräfte einstellen. Die Einen wollen beispielsweise ihre Arbeitskraft möglichst teuer verkaufen und möglichst wenig dafür tun, die anderen die Arbeitskraft billigst einkaufen und möglichst lange und intensiv schaffen lassen. In der Volkswirtschaftslehre ist dies als das sog. "MiniMax-Prinzip" bekannt, wonach beide Seiten einander ebenfalls kontradiktorisch gegenüber stehen. Dieser grundsätzliche Antagonismus bestehe unabhängig von den Vorstellungen der Menschen über ihre eigene Lage (siehe auch: Warenfetischismus). Sobald Mitglieder einer Klasse die Gemeinsamkeit ihrer Interessen erkennen und danach zu handeln beginnen, spricht Marx von einem Übergang von der "Klasse an sich" (d. h. einer Klasse, die nur begrifflich durch die Stellung im Produktionsprozess gekennzeichnet ist) zur "Klasse für sich", also zu einer Klasse, die sich ihrer selbst bewusst und willens wird, für ihre Interessen gemeinsam zu kämpfen. Bewusst oder unbewusst befänden sich demnach die beiden analytisch bestimmbaren Klassen "Lohnarbeit" und "Kapital" in einem permanenten Streit, dem sog. Klassenkampf. Beachtliche Ansätze, mit Hilfe einer marxistischen "Klassen"-Analyse auch den 'Realsozialismus' des vormaligen Ostblocks zu kritisieren, waren nicht selten (
vgl. Milovan Djilas, Rudi Dutschke u. a. m.).

Definition nach Weber

Der Begriff der sozialen Klasse wurde innerhalb der Soziologie von Max Weber differenziert und ausgeweitet. Er definierte "Klasse" als die :
Typische Chance ..., welche aus Maß und Art der Verfügungsgewalt (oder des Fehlens solcher) über Güter und Leistungsqualifikationen und aus der gegebenen Art ihrer Verwertbarkeit für die Erzielung von Einkommen und Einkünften innerhalb einer gegebenen Wirtschaftsordnung folgt. Weber unterscheidet im folgenden drei Formen von Klassen: # die Besitzklassen (sie werden durch den Besitz bestimmt), # die Erwerbsklassen (sie werden durch die Erwerbschancen bestimmt) und # die soziale Klassen (sie werden durch ihre Chancen/Risiken des sozialen Auf- und Abstiegs bestimmt).

Definition nach Dahrendorf

Nach Ralf Dahrendorf (
vgl. dort, 1956) sind "Klassen" nicht nur durch Besitz bzw. Nichtbesitz speziell von "Produktionsmitteln", sondern schlechthin von Machtmitteln zu definieren. Damit sind z.B. sogar Gewaltmittel einbezogen. Obwohl Macht überall wirkt, führen bei Dahrendorf ihre Antagonismen doch nicht zu einem universalen Bürgerkrieg, da alle sozialen Akteure unterschiedliche soziale Rollen inne haben (vgl. dazu:homo sociologicus“) und in jeder Rolle in einem anderen Klassen-Antagonismus stehen können. Dies erklärt, warum sie sich ggf. nirgends 100prozentig engagieren, und warum auch ihre Klassengegner innerhalb eines Machtverhältnisses (z. B. im Betrieb) Antagonisten, innerhalb eines anderen (z. B. in der Kirchengemeinde oder Partei) dagegen ihre Machtverbündeten sind, was die Gewaltsamkeit und Intensität sozialer Konflikte mildert.

Definition nach Bourdieu

Nach Pierre Bourdieu gibt es drei große Klassenlagen : das Großbürgertum/Bourgeoisie, das Kleinbürgertum und die Arbeiterschaft. Diese verteilen sich im sozialen Raum entlang einer "vertikalen" Achse, auf der mehr oder weniger die Herrschaftsverhältnisse abgebildet sind. Die Klassen differieren unter anderem durch das Distinktionsvermögen ihrer Angehörigen. Innerhalb der einzelnen Klassen unterscheidet Bourdieu - auf einer "horizontalen" Achse - Klassenfraktionen mit einer je spezifischen Position und symbolischen Auseinandersetzungen im Raum der Lebensstile, etwa das Besitzbürgertum (Unternehmer; an Tradition und Luxus orientiert), die neue Bourgeoisie (leitende Angestellte; an Fortschritt orientiert) und das Bildungsbürgertum (Intellektuelle, Lehrkräfte an Universitäten; an Bohème oder (erzwungener) Askese orientiert). Die einzelnen Klassenfraktionen grenzt Bourdieu an Hand der Struktur ihres gesamten Kapitals gegeneinander ab. Dabei unterscheidet Bourdieu ökonomisches Kapital von kulturellem Kapital, sozialem Kapital und symbolischem Kapital. So ist etwa beim Bildungsbürgertum ein hohes "kulturelles Kapital", aber nur ein relativ gering ausgeprägtes "ökonomisches Kapital" vorzufinden. Die verschiedenen Klassenfraktionen werden zum Teil auch als Milieus bezeichnet. Die Bedingungen der sozialen Lage, also der Verortung im sozialen Raum, determinieren einen jeweils unterschiedlichen „Habitus“, während die Handlungsstrategien einen gewissen individuellen Freiheitsspielraum bieten. Der Habitus prägt den spezifischen Geschmack, aber auch die Praxisformen, also die jeweils ausgeübten und präferierten sozialen Praktiken (d. h.: den Lebensstil). Zugleich ermöglicht der Habitus eine Unterscheidung zwischen der Eigengruppe und Fremdgruppen. Der je nach Klasse und Klassenfraktion unterschiedliche Lebensstil wurde von Bourdieu in einer umfangreichen Untersuchung vor allem der Konsumverhältnisse im Frankreich der 1960er und 1970er Jahre empirisch bestätigt
Die feinen Unterschiede. Eine Weiterentwicklung des bourdieuschen Modells der sozialen Gliederung der Gesellschaft findet sich in der Milieutheorie, wie sie von Michael Vester und anderen verwendet wird.

Definition nach Wright

Erik Wright unterteilt eine Gesellschaft in 12 Klassen und ist eng an dem marxschen Klassenbegriff orientiert. Es gibt ein älteres und ein jüngeres Klassenschema von Wright, hier soll nur die (2005) aktuelle Version erklärt werden. In diesem Schema gibt eine Unterteilung in:
- Besitzer von Produktionsmitteln (Unternehmer), die Klassen 1-3 im Schema von Wright
- Nicht-Besitzer von Produktionsmitteln (Arbeitnehmer), die Klassen 4-12 Die Klassen 1-3 (
bourgeoisie, small employers, petty bourgeoisie) dienen dazu, die Unternehmer (Besitzer von Produktionsmitteln) einzuteilen, hierbei gilt: # Bourgeoisie sind Unternehmer die typischerweise mehr als 10 Mitarbeiter beschäftigen, sie besitzen ausreichend Kapital um Arbeiter einzustellen, sie selber müssen hierbei nicht arbeiten # Small employers (Kleinunternehmer) haben typischerweise weniger als 10 Mitarbeiter, können es sich leisten, Mitarbeiter einzustellen, müssen jedoch selber mitarbeiten # Petty Bourgeoisie (Kleinbürgertum), sind eigenständige Unternehmer, die genügend Kapital besitzen um ein eigenes Unternehmen zu gründen, es sich jedoch nicht leisten können, Mitarbeiter einzustellen, und daher gezwungen sind zu arbeiten. Arbeitnehmer (Nicht-Besitzer von Produktionsmitteln), werden bei Wright anhand von zwei Merkmalen unterteilt, nach ihren Qualifikationsressourcen (Bildungsabschlüssen) und nach ihren organisatorische Ressourcen (Verfügungsgewalt über Material und Untergebene).

Milieu als Leitbegriff

Siehe auch Soziales Milieu als Hauptartikel. Als Soziales Milieu wird nach Émile Durkheim die soziale Umgebung beschrieben, in der ein Individuum aufwächst und lebt. Durkheim unterscheidet zwischen innerem und äußerem sozialen Milieu. Rainer Lepsius hat den Begriff später aufgegriffen um Wahlverhalten zu erklären, er unterscheidet innerhalb der Weimarer Republik drei große sozial-moralisches-Milieus, in welchen die Personen "von der Wiege bis zur Bahre" umgeben waren, nämlich
- das liberal-protestantische Milieu,
- das sozial-demokratische Milieu.
- das katholische Milieu. In der Lebensstil- und Ungleichheitsforschung wurde in den 1980er Jahren der "Milieu"-Begriff ausdifferenziert und eine Unterscheidung zwischen sozialer Lage, Lebenszielen und Lebensstilen getroffen, die Handlungsmuster zur Erreichung von Lebenszielen beschreiben. Der "Milieu"-Begriff geht davon aus, dass der Lebensstil von Menschen nicht nur auf Grund äußerer Umstände sondern auch von inneren Werthaltungen geprägt wird. Der Begriff soziales Milieu bezieht sich damit auf Gruppen von Individuen mit ähnlichen Lebenszielen und Lebensstilen und umfasst Mentalität und Gesinnung der Personen. Durch die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaften und die Individualisierung der Lebensstile wird die vormals enge Verknüpfung zwischen sozialer Lage und Milieus entkoppelt, auch wenn soziale Milieus weiterhin nach Status und Einkommen hierarchisch eingeordnet werden können.

Stand als Leitbegriff

Siehe Ständeordnung als Hauptartikel. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaft Europas gliederten sich in mehrere Stände. Das Ständesystem war seinerzeit ein gesellschaftliches mindestens ebenso selbstverständliches Ordnungsmodell, wie es für spätere Zeiten die von Marx beschriebenen Klassen oder die von Helmut Schelsky, Karl Martin Bolte und anderen in die Gesellschaftslehre eingeführten sozialen Schichten wurden. Verbreitet war die Drei-Stände-Ordnung, wie sie insbesondere für Frankreich charakteristisch war:
- Der 1. Stand umfasste die Gruppe aller Geistlichen, d. h. Angehörige der hohen Geistlichkeit wie des niederen Klerus.
- Im 2. Stand wurde der Adel zusammengefasst. Auch hier spielte es keine Rolle, ob man aus einer höheren Adelsschicht oder aus einer niederen kam und etwa dem oft verarmten Landadel angehörte.
- Der 3. Stand umfasste nominell alle Stadtbürger, gelegentlich auch die freien Bauern, jedoch nicht den 'Rest' der Bevölkerung. Denn unterhalb der Stände gab es sehr kopfreiche unterständische Gruppieren der halb- und unfreien Bauern, des Haus-, Hof-, Klostergesindes, die unehrlichen Berufe (z. B. die Müller), das Fahrende Volk, Verarmte, Entlaufene, abgedankte Söldner und Räuber; auch Minderheitenangehörige (Juden, Zigeuner) usf. Gelegentlich waren auch die Bauern standfähig (Schweden, Tirol), in Mitteleuropa war nach dem Bauernkrieg von 1525 aber nicht mehr daran zu denken. Das ständische System galt den Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit als feste gottgegebene Ordnung, in der jeder seinen unveränderlichen Platz habe. In seinen Stand wurde man hinein geboren. Ein Aufstieg war in der Regel nicht möglich (
siehe jedoch Hypergamie). Verdienst oder Reichtum hatten nur wenig Einfluss darauf, welchem Stand man angehörte. So konnte etwa ein Bürger, der als Kaufmann zu großem Vermögen gekommen war, wesentlich reicher sein als ein armer Adliger. Das ständische System ist ein statisches Gesellschaftsmodell. Nicht von ungefähr haben statisch und status, das lateinische Wort für Stand, dieselbe etymologische Herkunft. Die politisch berechtigten Stände (oder Landstände) waren eng mit den gesellschaftlichen Ständen verknüpft, ja letztere waren die Voraussetzung für deren Existenz. Die politische und militärische Macht konzentrierte sich im Mittelalter keineswegs in der Hand des Landesherren bzw. Königs. Vielmehr war dieser bei seiner Herrschaft auf die Mitwirkung der gesellschaftlichen Eliten (Vasallen) angewiesen. Zunächst brauchte er die militärische Leistung seiner adeligen Vasallen, dann finanzielle Abgaben, die er aber nur mit Zustimmung der Grundherren - also den Adligen oder den Klöstern und Stiftern - erheben lassen konnte. Der Höhepunkt ständischer Macht lag in den meisten europäischen Ländern in der Zeit vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. In manchen evangelisch gewordenen Territorien verschwanden die Klöster und Stifte im Laufe des 16. Jahrhunderts aus dem ständischen System, in anderen (z. B. Württemberg) nahmen evangelische Prälaten die Rechte ihrer katholischen Vorgänger wahr.

Kaste als Leitbegriff

Siehe Kaste als Hauptartikel. Der Begriff "Kaste" wird in erster Linie mit einem aus Indien bekannten sozialen Phänomen assoziiert. Der soziologische Bezug wird durch die lebenspraktischen Auswirkungen auf formelle Umgangsrestriktionen deutlich. Der Begriff wird aber auch umgangssprachlich oder soziologisch allgemein benutzt und auf einzelne Gruppierungen anderer und sogar moderner Gesellschaften angewandt. Eine bedeutende Rolle beim "Kasten"-Begriff spielt hier seine hohe, da auch religiös verfestigte Starrheit (vgl. Soziale Mobilität"), die noch diejenige der Ständeordnung übertrifft. Doch ist auch hier sozialer Aufstieg möglich (z. B. oft durch Aufspaltung einer Kaste), was in der indischen Soziologie als sanscritization bezeichnet wird. Auch die Kastenzugehörigkeit des Individuums wird, ähnlich der Ständeordnung durch die Geburt bestimmt, wobei Ein- oder Austritt theoretisch ebenfalls nicht möglich sind (es sei denn, man verließe die hinduistische Religion und werde z. B. Buddhist oder Christ). Die soziale Mobilität innerhalb der Kasten ist tatsächlich jedoch existent. So kann in der Praxis ein Mitglied aus seiner Kaste ausgeschlossen werden, was in etwa der mittelalterlichen Exkommunikation im christlichen Abendland entspricht. Ebenso sinkt ein Mitglied in die Kaste eines niedrigeren Ehepartners ab, und zwar unabhängig davon, ob es sich um den Mann oder die Frau handelt. Das Kastenwesen ist insbesondere in Indien, auf Ceylon, in Nepal und auf Bali, aber auch bei den kurdischen Jesiden verbreitet. Vorwiegend durch Kasten geprägte Gesellschaften sind zudem bei einigen Stämmen im übertragenen Sinne anzunehmen, in der Neuzeit sonst nicht mehr vorhanden. Doch können auch in nach sozialen Schichten und Funktionen reich untergliederten und sehr durchlässigen (mobilen) Gesellschaften einzelne Gruppierungen dennoch ausgeprägte "Kasten"-Züge aufweisen (z. B. im Klerus, im Offiziersstand, als Kader einer kommunistischen Diktatur). Sie werden dann meistens als andere soziale Muster ausgedeutet.

Andere Leitbegriffe

Die Ethnologie hat, vor allem bei Stammesgesellschaften, weitere Leitbegriffe heraus gearbeitet (
siehe dort), z. B. Verwandtschaft, Clan oder Phratrie. Arbeitsmigranten bringen solche Vorstellungen auch in Industriebetriebe mit und 'übersetzen' dortige Organisationsstrukturen in ihre eigeen Stammesstrukturen und 'verstehen' sie dann von daher. Dabei beobachten und urteilen sie sehr differenziert, weil dafür ihre mitgebrachten Kategorien durchaus komplex genug erscheinen, wie es beispielsweise Bruce Kapferer bei den Bergarbeitern in Kabwe (Sambia) erforscht hat.

Datenquellen

Eine Analyse der Sozialstruktur bedient sich nicht selten auch der Daten aus der demografisch und statistisch orientierten Bevölkerungsstruktur und der volkswirtschaftlich orientierten Wirtschaftsstruktur. Sie sind für die Querverbindungen zwischen Soziologie, Verwaltung und den Wirtschaftswissenschaften wichtig. Doch werden dort andere Daten nach anderen Merkmalen, unter anderen rechtlichen Voraussetzungen und für andere Zwecke als die soziologische Analyse erhoben und präsentiert. Im Übrigen
siehe dort.

Literatur


- Ulrich Beck:
Jenseits von Klasse und Stand? in: R. Kreckel (Hg.) Soziale Ungleichheiten, Sonderband 2 der Sozialen Welt, Schwartz, Göttingen 1983, S. 35-74
- Pierre Bourdieu:
Die feinen Unterschiede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987.
- Nicole Burzan:
Soziale Ungleichheit. 2. Auflage. VS Verlag 2005
- Theodor Geiger:
Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Enke, Stuttgart 1932
- Günter Endruweit:
Milieu- und Lebensstilgruppe - Nachfolger des Schichtenkonzepts?, Hampp, München/Mering 2000
- Rainer Geißler:
Die Schichtungssoziologie von Theodor Geiger. Zur Aktualität eines fast vergessenen Klassikers. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. 37.Jg., 1985, S. 378-410
- Rainer Geißler:
Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung. 3. Auflage. Westdeutscher Verlag 2002. ISBN 3531329235
- Stefan Hradil:
Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich. VS Verlag 2004
- Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dietz, Berlin 1962 (3 Bände, MEW Bd. 23-25)
- Paul Mombert:
Die Tatsachen der Klassenbildung. Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich 44 (1920), Heft 4, S. 93-122.
- Wolfgang Teckenberg:
Klassen als Kontexte im europäischen Gesellschaftsvergleich. Soziale Welt 55 (2004), Heft 4, S. 389-424
- Michael Vester, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann und Dagmar Müller:
Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001.
- Max Weber:
Wirtschaft und Gesellschaft (diverse Ausgaben)
- Erik Wright:
Classes (1985)

Weblinks


- [http://www.bmgs.bund.de/deu/gra/themen/sicherheit/armutsbericht/index.cfm Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2001]

Siehe auch


- Struktur (Soziologie) - Strukturalismus - Strukturfunktionalismus
- Soziale Ungleichheit - Differenzierung (Soziologie) -Sozialer Aufstieg - Hypergamie - Sozialer Raum - Statussymbol
- Sozialgeschichte -Soziale Schichten im Mittelalter - Ebenbürtigkeit - Bürgertum - Großbürger - Berufsstand - Bildungsparadox
- Marketing - Zielgruppe
- Klassismus ! Kategorie:Wirtschaftstheorie Kategorie:Struktur


Revolution

Revolution (v.frz.: révolution Umwälzung; aus lat.: revolvere zurückwälzen) wird in unterschiedlichen Wissenschaften behandelt.

Revolution (Soziologie)

Allgemein

Eine Revolution bezeichnet in der Soziologie immer einen radikalen und meist, jedoch nicht immer einen gewalttätigen Umsturz(-versuch) der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, der von einer organisierten (nicht notwendig geheimen) Gruppierung von Neuerern getragen wird und die Unterstützung größerer Bevölkerungsteile findet (vergleiche: Elite, Masse (Soziologie), Massenbewegung). Doch auch „Friedliche Revolutionen“ sind möglich (siehe unten). Oft wird der Begriff der Emanzipation hinzu genommen, die Idee eines sozialen oder politischen Freiheitsgewinns für den Einzelnen. Der Stellenwert der einzelnen Kriterien für die Definition einer Revolution ist durchaus umstritten. Wenn ohne radikalen sozialen Wandel nur eine Organisation oder ein eng verknüpftes soziales Netzwerk (gegebenenfalls mit relativ geringfügiger Massenbasis) die Revolution unternimmt, bezeichnet man dies als Staatsstreich oder, insbesondere unter Beteiligung des Militärs, als Putsch. Hier wird der »Revolutions«-Begriff oft anschließend als Rechtfertigung genutzt. Der Begriff »Revolution« wird auch verwandt, wenn dem sozialen Wandel die Schnelligkeit (Rapidität) abgeht, etwa für die global mehrere tausend Jahre dauernde »Neolithische Revolution« (vgl. Steinzeit), für den Siegeszug des Kapitalismus oder für die Industrielle Revolution (s. a. Industrialisierung).

Soziologische Theoretiker/innen der »Revolution«

# Vilfredo Pareto (Revolution als eine besondere Form der Elitenablösung), # Max Weber (in Europa / Nordamerika bedurfte der Kapitalismus anfangs einer radikalen nichtwirtschaftlichen – religiösen – Mentalitätsänderung, und zwar in Gestalt des Protestantismus), # Eugen Rosenstock-Huessy (die europäischen Revolutionen als Abfolge von Ständerevolutionen, beginnend mit der »papalen Revolution« des Papsttums gegen das mittelalterliche Kaisertum und endend mit der »proletarischen Revolution«), # Ralf Dahrendorf (»Revolution« als radikaler und rapider sozialer Wandel, bedingt durch intensive beziehungsweise gewaltsame soziale Konflikte), # Theda Skocpol (nachhaltige Revolutionen sind vor allem Bauernrevolutionen)

Theoretisch innovativ argumentierende Revolutionäre und Revolutionärinnen

# Karl Marx (jede Gesellschaft, in der eine Form des »Besitzes an Produktionsmitteln« es erlaubt, sich menschliche Arbeit zu unterwerfen, endet zwangsläufig durch Revolution oder Untergang; zu unterscheiden sind »Revolutionen der Produktivkräfte« von den durch sie ausgelösten »Revolutionen der Produktionsverhältnisse«), # Friedrich Engels (Arbeit und deren Beherrschung durch Eigentum löste die erste Revolution aus, die die »Wildheit« (menschliche Urzeit) beendete und die der Beginn der Geschichte war, und werden durch die letzte Revolution optimal disponiert werden, in der das Ende der Geschichte – das Ende »des Reiches der Notwendigkeit« – und der Beginn des »Reiches der Freiheit« möglich werden wird), # Rosa Luxemburg (der Imperialismus ist dabei die letzte Verteidigungsmöglichkeit des Kapitalismus – im Bündnis mit dem Proletariat der Kolonialmächte – vor der abschließenden weltweiten proletarischen Revolution), # Lenin (die letzte Revolution kann durch den Aufbau einer Kaderpartei der proletarischen Revolutionäre vorverlegt werden), # Anton Pannekoek (Parteien und Gewerkschaften – einschließlich der leninistischen – sind untaugliche Formen für den Kampf der Arbeiterklasse um ihre Emanzipation, alles kommt auf die Selbstorganisation der Arbeiterinnen und Arbeiter an) sowie Danton, Marat, Saint-Just, Robespierre, Símon Bolívar, Bakunin, Mahatma Gandhi, Leo Trotzki, Mao Zedong, Camilo Torres, Kwame Nkrumah, Ho Chi Minh, Che Guevara, Ali Schariati, Guy Debord und andere Revolutionäre des 18. bis 20. Jahrhunderts.

Praktiker der Revolution

Radikaler und rapider sozialer Wandel (»Revolutionen«) knüpfte sich auch an erfolgreiche politische, oft auch charismatische Persönlichkeiten, deren soziologische Urteilskraft sich eher nur implizit erschließt, deren soziale Wirkung jedoch bewusst und gewollt revolutionär war, wie bereits in der Antike zum Beispiel Solon oder Cäsar, im Mittelalter zum Beispiel Harald Schönhaar oder Otto der Große und in der Neuzeit zum Beispiel Pombal, Cromwell oder Atatürk.

Soziale Revolutionen im weiteren Sinne

Politische Revolutionen


- Der erste als »Revolution« bezeichnete Umsturz war 1688 die Glorious Revolution in England.
- Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg 1775-1783 (Unabhängigkeitserklärung der USA 1776)1776
- Französische Revolution 1789
- Julirevolution (Frankreich 1830)
- Novemberaufstand in Polen 1831 und Folgejahre
- Februarrevolution und Juniaufstand (Frankreich 1848)
- Revolutionen in Ungarn, Italien, Deutschland (Märzrevolution) 1848
- Pariser Kommune
- Russische Revolution 1905
- Mexikanische Revolution 1910 und Folgejahre
- Russische Revolutionen 1917: (Februarrevolution und Oktoberrevolution)
- Novemberrevolution in Deutschland 1918/1919, einschließlich der Räterepubliken in Bayern (Münchner Räterepublik) und Bremen (Bremer Räterepublik)
- Kubanische Revolution 1956 - 1959
- Nelkenrevolution in Portugal 1974
- Revolution in Laos 1975 (vgl. auch Pathet Lao)
- Nicaraguanische Revolution 1979
- Islamische Revolution im Iran 1979
- Die spontane und gewaltlose Revolution in der DDR 1989/1990
- Die Samtene Revolution in Georgien 2003
- Die Orangene Revolution in der Ukraine 2004

Geistige Revolutionen


- Die »Kopernikanische Revolution« (Ersetzung des geozentrischen durch das heliozentrische Weltbild anfangs der Neuzeit – der Heliozentrismus selbst war bereits in der Antike von Aristarchos von Samos erfolgert worden)
- Die Darwinsche Revolution, in der der Mensch seine Sonderstellung in der Natur verlor (s. a. Darwinismus)
- Die »sexuelle Revolution«, oft mit der Entdeckung des Unbewussten durch Sigmund Freud gleichgesetzt
- Die »Kulturrevolution« 1967 und Folgejahre in China, Deutschland, aber auch in Frankreich, den USA und anderen westlichen Ländern Inflationierte »Revolutions«-Begriffe im Feld der öffentlichen Meinung bezeichnen oft nur einen Stilwandel (Moderevolutionen). Siehe auch: Paradigmenwechsel.

Technische Revolutionen (marxistisch: »Revolutionen der Produktivkräfte«)


- Neolithische Revolution (Übergang vom Wildbeutertum zu Ackerbau und Viehzucht ca. 15.000 v. Chr. – der Übergang zur Jungsteinzeit)
- Industrielle Revolution im 18./19. Jahrhundert (siehe auch Industrialisierung)
- Elektronische Revolution oder Digitale Revolution) ab etwa 1980 Siehe auch: Bürgerkrieg, Dialektik, Evolution, Katastrophe, Reform, Revolution (Jugendorganisation), Sozialer Wandel, Staatsstreich, Zweite industrielle Revolution, Kondratjew-Zyklus

Revolution (Politologie)

Beispiel eines Ansatzes:
Die heutige Revolutionstheorie stellt fünf Hauptfaktoren besonders heraus, die wesentliche Voraussetzungen zur Entstehung einer Revolution darzustellen scheinen. Dabei ist vom Sonderfall der Entwicklungsländer abzusehen. # eine plötzliche Rezession nach einer Zeit wirtschaftlicher Blüte, steigenden Wohlstands und steigender Erwartungen in die Zukunft. # ein Bewusstsein, das die bestehenden Institutionen in Frage stellt. # die Solidarisierung verschiedener Gruppen der Gesellschaft, die unterschiedliche Motive haben, mit dem bestehenden Zustand unzufrieden zu sein, und die sich zum Umsturz der alten Ordnung vorübergehend verbünden. Eine einzelne Gruppe, Schicht oder Klasse der Gesellschaft bringt keine Revolution zustande. # eine Ideologie. # Schwäche, Uneinigkeit und Ineffektivität auf Seiten der Gegenkräfte, des Staates.
Nach: E. Weis, Der Durchbruch des Bürgertums. 1776–1847. Propyläen Geschichte Europas, Bd. 4, Berlin 1978, 96f. Siehe auch: Revolution (Politik)

Revolution (Astronomie)

In der Astronomie (veraltet) ist eine Revolution die Umlaufbewegung der Planeten um die Sonne – von hier wurde der Ausdruck Revolution generell übernommen.

Revolution (Spiel)


- beim Skatspiel die Variante »Null ouvert Hand«, bei dem die gegnerischen Spieler die Karten austauschen dürfen. Nur bei Hobbyrunden, nicht in den offiziellen Skatregeln (da es sowieso nur angesagt wird, wenn es nicht verloren werden kann).
- Alternative zu bekannten Quizsendungen: [http://www.wer-wird-revolutionaer.de/ Wer wird Revolutionär?]

Siehe auch


- :Kategorie:Revolution
- Anarchismus,Generalstreik, Klassenkampf, Marxismus, Politisches Theater, Rätekommunismus, Sabotage, Situationistische Internationale, Subversion, Sozialismus, Kommunismus
- Bürgerliche Revolution, Frühbürgerliche Revolution
- Différance

Literatur


- Hobsbawm, Eric: Europäische Revolutionen. 1789 bis 1848. Zürich, 1962
- Hannah Arendt: Über die Revolution, München, 1963

Weblinks


- [http://home.bawue.de/~mauss/revo.html So geht Revolution] Kategorie:Politischer Begriff Kategorie:Soziologie ! Kategorie:Marxismus ja:革命

Marxismus

Marxismus ist eine philosophische, historisch-politische und ökonomische Gesellschaftstheorie mit wissenschaftlichem Anspruch. Sie bezieht sich auf die Schriften von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) und versucht, deren Ideen in ein schlüssiges Gesamtkonzept zu integrieren, das dem Aufbau einer sozialistischen und darauf aufbauend einer kommunistischen Gesellschaftsordnung dient. Seit ihrer Entstehung hat die marxistische Theorie verschiedene Richtungen entwickelt, die jeweils das Erbe der "Klassiker" beanspruchten und sich voneinander abgrenzten. Die bekanntesten davon sind die Sozialdemokratie, der Marxismus-Leninismus und verschiedene Formen des Neomarxismus: darunter der Austromarxismus, der Postmarxismus oder die Frankfurter Schule. Der Terminus Marxismus wurde zunächst von politischen Gegnern pejorativ verwendet. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde er von Anhängern dieser Weltanschauung selbst verwendet.

Überblick

Die Grundgedanken von Marx wurden erst nach seinem Tod systematisiert. Ihre Einordnung in eine konsistente Theorie steht unter einem doppelten Vorbehalt: 1. Marx verstand sein Werk zunächst als ständig überprüf- und revidierbare Analyse der jeweiligen Verhältnisse und als eine daraus abgeleitete Zukunftsprognose. 2. Engels wollte die Theorie in allgemeinverständlicher Form verbreiten und trug damit - nach Auffassung seiner Kritiker - zu ihrer Schematisierung und Vulgarisierung bei. Andererseits erhoben beide spätestens seit dem "Kommunistischen Manifest" von 1848 Anspruch auf eine allgemeingültige, wissenschaftliche Geschichtserklärung und politische Perspektive, sodass man den "Marxismus" als theoretisches und praxisorientieres System und damit als Weltanschauung betrachten kann. Marx bevorzugte für seine Theorie den Begriff „Wissenschaftlicher Sozialismus“. Damit grenzte er sich von anderen Staats- und Gesellschaftsentwürfen ab, die er dem Utopischen Sozialismus oder dem Anarchismus zuordnete. Er warf diesen Vorläufern und Zeitgenossen vor, eine gerechte und den Idealen der Französischen Revolution verpflichtete Gesellschaft nur zu „erträumen“, ohne die Bedingungen für ihre Verwirklichung wissenschaftlich zu erforschen und sie mit praktikablen Erfolgsaussichten anzustreben. Die marxistische Theorie unterscheidet verschiedene Kernbereiche, welche die Entwicklung der Ideen von Marx und Engels widerspiegeln:
- Die umfassende Abgrenzung von der herkömmlichen Philosophie und deren "Aufhebung" im dialektischen Materialismus. Ausgangspunkt hierfür waren die Religionskritik und die Ideologiekritik der Marxschen Frühschriften, die sich vor allem auf den deutschen Idealismus von Hegel und den Materialismus von Ludwig Feuerbach beziehen. Marx drückte das Ergebnis seiner Studien folgendermaßen aus, er habe die dialektische Methode weiter entwickelt und dabei den Idealismus "vom Kopf auf die Füße" gestellt. Kerngedanke seines Materialismus war der Satz: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
- Die wirtschaftlichen Produktionsverhältnisse bedingen nach Marx als Basis das kulturelle und geistige Leben einer Gesellschaft, den sogenannten Überbau. Die Herrschaftsverhältnisse lassen sich demnach auf klassengebundene Interessen zurückführen.
- Die Kritik der Ideen durch ihren Bezug auf die ökonomische Basis ist eingebettet in eine historisch-materialistische Geschichtstheorie. Danach wird die Geschichte der Menschheit maßgebend von Interessengegensätzen, zyklischen Wirtschaftskrisen und Klassenkämpfen bestimmt, die notwendigerweise zu Revolutionen führen und eine Höherentwicklung der Gesellschaft implizieren. Auch die Entwicklung der Staatsformen von der Antike bis zum modernen Nationalstaat ist für Marx Ergebnis solcher Kämpfe.
- Herzstück seines Werkes bildet die „Kritik der politischen Ökonomie“, vor allem in den drei Bänden des "Kapitals". Die Gesetzmäßigkeiten der Ausbeutung im herrschenden Kapitalismus, die Entstehung der modernen Klassengesellschaft und der Konzentrationsprozess des Kapitals werden sowohl mikro- wie makroökonomisch differenziert analysiert. Dabei griff Marx auf Vorarbeiten der Nationalökonomie von Adam Smith und Ricardo zurück. Werttheorie, Verelendungs- und Krisentheorie sind wichtige Ergebnisse dieser Analyse.
- Der Übergang vom Kapitalismus zur klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft im Kommunismus - über ein Zwischenstadium des Sozialismus - ist Gegenstand der Marxschen Revolutionstheorie. Praktische Anwendung fand der Marxismus zuerst in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, vor allem der deutschen Sozialdemokratie, welche die Theorien von Marx und Engels zur Grundlage ihrer ersten Programme und Mitgliederschulungen machte. Sodann entwickelte Lenin im Anschluss an Marx seine Imperialismustheorie, die nach der Oktoberrevolution 1917, zusammen mit den Ideen von Marx und Engels, zur neuen Staatsideologie der Sowjetunion wurde. Dieser Marxismus-Leninismus bestimmte den sogenannten real existierenden Sozialismus nach 1945 in weiten Teilen der Welt, darunter in Osteuropa, China (in modifizierter Form des Maoismus), Kuba, Nordkorea und in Nordvietnam. Die praktische Politik dieser Länder wurde jedoch weitgehend vom Stalinismus beherrscht. Ob und wie weit dieser sich noch aus den Grundideen der "Klassiker" herleiten lässt oder eine "Fehlentwicklung" darstellt, ist eine der umstrittensten Fragen innerhalb der marxistischen Theoriebildung. Im Gegensatz zu Stalin und Mao beansprucht auch der Trotzkismus mit seiner Theorie der "permanenten Revolution" das wahre Erbe von Marx. In Abgrenzung zu Stalinismus und Faschismus entstanden seit den frühen 1930er Jahren die Arbeiten der Frankfurter Schule, die versuchten, die Ideen von Marx auf die veränderten politisch-ökonomischen Bedingungen der Moderne anzuwenden und mit der Psychoanalyse zu verbinden. In den 1960er Jahren entstanden besonders im Zusammenhang mit der weltweiten Studentenbewegung, den westeuropäischen Arbeiterstreiks und den sogenannten Befreiungsbewegungen in der 3. Welt verschiedene Formen des Neomarxismus und des Eurokommunismus. Die Kritik am Marxismus begann zeitgleich mit dessen Entstehung. Sie hat sich gegenüber den sich auf Marx berufenden Staatssystemen verschärft und lehnt häufig angesichts von deren inhumaner Politik und ökonomischem Scheitern die Grundideen von Marx selber ab. Eine andere Form der Kritik hält an der Richtigkeit seiner Grundideen fest, kritisiert ihre Realisierungsversuche als Abweichung davon und erklärt die Bedingungen für ihr Scheitern wiederum mit Hilfe der Marxschen Gesellschaftsanalyse.

Grundelemente des Marxismus

Dialektischer Materialismus

Dialektischer Materialismus Philosophisch ist der Marxismus von zwei wesentlichen Elementen geprägt: von der idealistischen Dialektik Hegels und vom philosophischen Materialismus, in dessen Vorstellung alles (auch Gedanken, Empfindungen usw.) auf Manifestationen der Materie beruht (Gegensatz zum Idealismus). Nach der Hegelschen Dialektik ist unsere Welt von Gegensätzen geprägt (These <--> Antithese) die, wenn sie "verschmelzen", eine "absolute Wahrheit" ergeben, in der keine Widersprüche mehr vorhanden sind (dialektischer Dreischritt: These -> Antithese -> Synthese). Diese Synthesen treiben die "objektive Wirklichkeit" voran und "bestimmen" damit die Zukunft. Da Hegel dem Idealismus angehört, war für ihn dieses Geschehen, wie die materielle Welt insgesamt, Produkt des menschlichen Geistes. Marx betrachtet nun die Hegelsche Dialektik aus Sicht des Materialismus. Er stellt sie "vom Kopf auf die Füße" und postuliert, dass sich die Welt - die objektive Wirklichkeit - aus ihrer materiellen Existenz und deren Entwicklung erklären lässt und nicht als Verwirklichung einer göttlichen "absoluten Idee" (Idealismus) oder als Produkt des menschlichen Denkens. Das heißt, objektive Realität existiert auch außerhalb und unabhängig des menschlichen Bewusstseins. Dies ist der Kern von Marx' berühmtem Satz: "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein" (im Gegensatz zu Hegelschem Denken, demzufolge das Bewusstsein das Sein bestimmt), der als Grundthese des Marxismus gelten kann. In der marxistischen Philosophie wird das Universum als Ganzes gesehen. Es besteht aus untereinander in Beziehung stehenden, gegenseitig voneinander abhängigen und sich in ständiger Bewegung befindenden Materien (objektiver Zusammenhang). Diese Bewegung ist aufsteigend, d. h. vom Einfachen zum Komplexen fortschreitend und durchläuft dabei bestimmte Ebenen, wobei jeder Ebene bestimmte qualitative Veränderungen entsprechen. Das Fortschreiten geschieht dabei durch - dem dialektischen Dreischritt ähnelnde - Synthesen, die aus immer stärkeren Gegensätzen ("Grundwidersprüchen") resultieren. Diese Weltanschauung brachte Marx dann konkret mit der (menschlichen) Geschichte in Zusammenhang und schuf damit den Historischen Materialismus.

Theorie von der Entstehung der Klassengesellschaft

Laut Marx entstand die in Klassen geteilte Gesellschaft durch den technischen Fortschritt und die damit immer mehr gesteigerte Produktivität. Zu Beginn der Menschheitsgeschichte produzierte der Mensch soviel er brauchte, er lebte quasi "von der Hand in den Mund". Nach der Neolithischen Revolution, dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit, konnten die Produktivkräfte genügend Überschuss produzieren, um Vorräte anzulegen. Dieses Mehrprodukt wurde anfangs für Notfälle gespeichert. Laut Marxismus machte dies dann auch die Klassengesellschaft möglich, da das Mehrprodukt dazu dienen konnte, eine herrschende Klasse, die selbst am unmittelbaren Produktionsprozess nicht beteiligt war, zu ernähren. So wurde das Mehrprodukt für Notzeiten in besonderen Speichern aufbewahrt, die dann aber auch bewacht werden mussten, und gerade wenn eine Notzeit ausbrach waren Leute notwendig, die gegen die unmittelbaren Ängste der Bevölkerung diese Vorräte verteidigten, damit nicht in der ersten Not gleich alles aufgegessen wurde. Diese Leute mussten also notfalls auch entscheiden, ob welche nicht durchgefüttert werden konnten. Sie mussten mächtig sein, mächtiger als die Masse der Bevölkerung. Die herrschende Klasse und die Klassengesellschaft war geboren. Sie grenzte sich vor allem durch die benötigte Macht und den daraus resultierenden materiellen Besitz ab. Auch bildeten sich durch die nun mögliche Überschussproduktion Hierarchien, in deren Rahmen wenige Personen viele Arbeiter - evtl. unter Bezahlung - "zwangen" oder zumindest drängten, den Überschuss für eine andere Person zu vergrößern. Aufgrund dieser Klassenunterschiede und -beziehungen entstünden dann Klassenkämpfe.

Historischer Materialismus“ (Entwicklungsstufentheorie)

Nach marxistischer Auffassung ist eine Gesellschaft ein sich ständig entwickelnder Organismus. Die Individuen stehen in vielfältigen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Beziehungen zueinander. Dabei dominieren materielle Produktionsbeziehungen, die Produktionsweisen; von ihnen werden alle anderen Beziehungen bestimmt. Der übergeordnete Begriff Produktionsweise bezeichnet das Verhältnis der Produktivkräfte, die in die drei Bereiche Menschen, technisches Wissen und materielle Güter unterschieden werden, zu den Produktionsverhältnissen. Menschen produzieren dabei Güter unter Verwendung von Produktionsmitteln, die eine bestimmte Eigentums- bzw. Besitzform haben. Das Verhältnis der Produktionsmittelverteilung auf die produzierenden Menschen dient nun als Kriterium zur Klassenbildung. Während die Produktivkräfte stetig wachsen, sind die Produktionsverhältnisse beharrend-stabil. In der Geschichte kommt es dadurch immer wieder zu Widersprüchen zwischen beiden. Die Beseitigung des Widerspruchs könne nur durch eine "revolutionäre" Umwälzung der Produktionsverhältnisse geschehen (z. B. Anwachsen einer bürgerlichen Handels- und Unternehmerklasse, die sich der gesellschaftlichen Vorrangstellung des Adels entgegenstellt und so zum Träger der französischen Revolution von 1789 wird). Die Produktivkräfte steigen stetig an, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie an ihre durch die Produktionsverhältnisse gesetzten Grenzen stoßen. Marx begreift die Produktionsverhältnisse an dieser Stelle als "Fesseln", welche die Produktivkräfte an der Weiterentwicklung hindern. Daraus resultiere eine revolutionäre Umwälzung, die in eine nächst höhere Gesellschaftsstufe münde. Im Kommunismus, für Marx die höchste Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, würde es keine Ausbeutung und Verelendung der Arbeiter mehr geben, da hier der Grundwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital und das Missverhältnis zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen beseitigt sei. Die einzelnen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung: # Die Urgesellschaft, der Urkommunismus # Die Sklavenhaltergesellschaft # Der Feudalismus # Der Kapitalismus # Der Kommunismus Einfach ausgedrückt, stehen sich nach der Urgesellschaft und vor dem Kommunismus immer mindestens zwei grundlegende Gesellschaftsschichten gegenüber: Herren <--> Knechte; Arbeiter <--> Kapitalbesitzer/Kapitalisten, usw. Im Verlauf des zunehmenden (technisch-wissenschaftlichen und materiellen) Fortschritts löst die arbeitende Klasse, nach einer Reihe von Klassenkämpfen, die bis dahin jeweils herrschende Klasse ab. Teile der ehemals unterdrückten Schichten bilden nun eine neue Herrschaftsschicht (oft zugleich mit einer neuen Gesellschaftsform). Dieser Prozess wiederholt sich bis zur finalen Gesellschaftsform, dem Kommunismus. Die Reihenfolge der aufeinanderfolgenden Gesellschaftsformen folgt dabei laut Marx festen Bahnen, was die Frage aufwirft, inwieweit das Marxsche Geschichtsbild determiniert ist. Von diesem Schema ist Marx allerdings mit seiner Theorie von der „asiatischen Produktionsweise“ selber abgewichen. Mit diesem Begriff muss er zugestehen, dass es - beispielsweise in den asiatischen Wasserbaukulturen - verschiedene kulturelle Ausformungen von Produktionsweisen gibt, die nicht eins zu eins in die aus der europäischen Geschichte abgeleiteten Periodisierungen passen. Insbesondere Neomarxisten betonen daher die "Kontingenz", das heißt die Zufälligkeit oder Offenheit der Geschichte. Es folgt also nicht automatisch ein Stadium dem anderen, sondern die Übergänge sind das Ergebnis von Klassenkämpfen mit immer offenem Ausgang: „Sozialismus oder Barbarei“ oder, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, gemeinsamer Untergang der kämpfenden Klassen. So untersucht die Regulationstheorie auf dieser Grundlage die verschiedenen historischen und regionalen Ausprägungen der kapitalistischen Produktionsweise. siehe auch: Basis und Überbau (Marxismus)

Wissenschaftstheorie

Wissenschaftstheoretisch ging es seinerzeit wesentlich um zwei Punkte: Erstens galt es, dem im Deutschland des 19. Jahrhundert herrschenden Idealismus eine materialistische Weltsicht gegenüber zu stellen, nach der die Welt aus sich selbst heraus erklärbar ist. Im Bereich der Naturwissenschaften hatte - unabhängig von Marx und Engels - gleichzeitig Charles Darwin begonnen, mit seiner Entwicklungsgeschichte der biologischen Arten eine solche Weltsicht durchzusetzen. Zweitens wurde versucht, die Gesellschaftswissenschaften an die Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaften anzubinden und die gesellschaftlichen Prozesse theoretisch im Gesamtzusammenhang der Welt - als „Totalität“ (Hegel) - erfassen zu können. Marx zitiert zustimmend eine Rezension, in der soziale Organismus analoge Erscheinungen in der Biologie für die jeweilige Epoche besitzt.

"Kritik der politischen Ökonomie" (Kapitalismusanalyse)

Charles Darwin In seinem Hauptwerk : Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie kritisiert Marx den Kapitalismus, insbesondere die kapitalistische Produktionsweise und die damit verbundenen Wirtschaftswissenschaften (besonders die Volkswirtschaftslehre), scharf. Diese Ökonomie, so Marx, führe fast zwangsläufig zu einer Klassengesellschaft und damit zur Konzentration von verhältnismäßig viel Kapital in den Händen genau der wenigen Personen, die Arbeitern Lohnarbeit anboten, sie aber nur in dem Maße entlohnen wie es ihre Arbeitsleistung notwendig macht. So sind gerade die eigentlichen Träger des kapitalistischen Systems, das Proletariat, unumgänglich vom Großteil des Kapitals, und damit von den Erleichterungen des Fortschritts, weitestgehend ausgeschlossen. Außerdem werden - durch die lebensnotwendige Ausrichtung des individuellen Handelns auf Kapital - kapitalistische Gesellschaften zu großen Teilen von einem Warenfetischismus bestimmt, also einer Konzentration auf materielle Dinge. Daran anknüpfend richtet sich die Kritik auch gegen die politische Herrschaft, die ihre Gewalt ganz in den Dienst des Kapitals stellt und die Abhängigkeit der arbeitenden Klasse vom Privateigentum durch "Recht und Ordnung" absichert. Aus dieser Kritik heraus entwickelte er zusammen mit Engels eine alternative Gesellschaftsform, den Kommunismus, in der es kein Geld gibt und jegliche Besitztümer allen Menschen gemeinsam gehören. Als Wirtschaftsordnung schlug er die - schon von Platon erwähnte - Planwirtschaft vor. Genaue Wirtschaftsstrukturen deutete Marx jedoch nur an. In der Planwirtschaft werden jegliche Betriebe verstaatlicht und deren Produktion zentral koordiniert. Die Entscheidungen über Produktion und Verteilung der Güter sollte nach Marx im Konsens aller Gesellschaftsteilnehmer gemeinsam gefällt werden (Rätekommunismus). So könnte die verrichtete Arbeit effizient zur Verbesserung der Lebensumstände aller anstatt hauptsächlich zur Kapitalbeschaffung genutzt werden. Ebenso wären große (Klassen-)Unterschiede ausgeschlossen, da es unmöglich wäre, Besitz anzuhäufen. Auch merkte Marx an, dass eine solche Wirtschaftsordnung um so besser funktioniere, je größer ihr Wirkungsbereich (gerade im Gegensatz zum Kapitalismus) sei. Aufgrund der großen Unterschiede zum Kapitalismus sollte als Übergangslösung zunächst der Sozialismus geschaffen werden. In dieser Zwischenstufe werden schon alle Betriebe verstaatlicht, jedoch existiert Geld noch als Zahlungsmittel.
Die politisch-ökonomischen Ideen von Marx haben ihren Ursprung, mit den ersten Erwähnung von Konzepten zu einem kollektiven Eigentum, schon in der Antike sowie der Bibel. Praktiziert wurde es z.B. im Mittelalter von den Franziskanermönchen. Auch konnte Karl Marx den dritten Teil des als Trilogie gedachten Werkes nicht mehr fertig stellen. Friedrich Engels veröffentlichte daraufhin aufgrund von Manuskripten die letzten beiden Bücher.

Wert- und Geldtheorie

In Das Kapital stellt Marx sehr detaillierte Theorien zum Wert einer Ware und dessen Zusammenhang mit Geld auf. Dabei unterscheidet er zunächst zwischen dem Gebrauchswert und dem Tauschwert. Während der Gebrauchswert den subjektiven Nutzen für den Benutzer darstellt ("Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert", Marx, Das Kapital: Band 1) ist der Tauschwert ein abstrakter Wert, der erst durch (Tausch-)Handel an massiver Bedeutung gewinnt. So hat eine Ware, kommt es zu einem Handel, einen bestimmten Wert, der es ermöglicht sie (auch gegen anderes Produkt aus völlig anderem Material) aufzuwiegen (Ware X tauscht sich in soundsoviel Ware Y). Diesen Wert sah Marx in der abstrakten Arbeit - dem Arbeitsaufwand, der zur Herstellung der Ware benötig wird - begründet, wobei er dabei an David Ricardo anknüpft. Wird nun der Tauschwert in Geld aufgewogen (Ware X tauscht sich in soundsoviel Geldeinheiten), stellt er den Preis dar. Wird nun aus Waren etwas Neues geschaffen (Produktion), entsteht ein Neuwert, der sich aus der benötigten Arbeitsleistung, dem variablen Kapital v und dem "Gewinn", dem Mehrwert m zusammensetzt --> Neuwert = v + m. Da der Mehrwert einer Ware - speziell bei der Entwicklung neuer Waren, die einen potentiell höheren Mehrwert "abwerfen" können - maßgeblich von der menschlichen Arbeit bestimmt wird, entwickelte Marx sein Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Dieses besagt, dass durch die Konzentration auf den vergleichsweise sinkenden Mehrwert im kapitalistischen Produktionsprozess die Arbeitsproduktivität mit Hilfe von Maschinen schnell vorangetreiben wird (also weniger Menschen für die Produktion benötigt werden). Nun kann laut Arbeitswertlehre nur Lohn-Arbeit gemäß ihrer Arbeitszeit Wert schaffen. Wenn Maschinen Lohnarbeiter verdrängen, wird also insgesamt weniger Wert im Verhältnis zum Wert der eingesetzten Maschinen geschaffen. Daraus schließt Marx, dass auf lange Sicht der gesamtwirtschaftliche Gewinn im Verhältnis zum eingesetzten Kapital (die "Profitrate") “tendenziell“ fallen müsste. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Unternehmen durch bessere Maschinen seinen Gewinn steigert, da dieser Profit zulasten der Konkurrenz geht und sich so an der grundsätzlichen Tendenz nichts ändert. siehe auch: Wertschöpfung

Theorie vom Übergang zur klassenlosen Gesellschaft (Zusammenbruchstheorie)

Dieses "Gesetz" wird oft zusammen mit anderen Ansichten und Aussagen von Marx als "Zusammenbruchstheorie" angesehen. Er selber hat nie eine konkrete Theorie zu einer sozialistischen Revolution verfasst und es gibt widersprüchliche Aussagen darüber, ob eine sozialistische Revolution zwingend in einem hochentwickelten kapitalistischen Land stattfinden muss, oder ob die Phase des Kapitalismus nicht sogar unter besonderen Umständen übersprungen werden kann, wie Marx in seinem Brief an Wera Iwanowna Sassulitsch schreibt.

Geschichte des Marxismus

Wera Iwanowna Sassulitsch

Grundlagen/Entstehung

Da der Marxismus auf den Schriften von Marx (und Engels) beruht, kann man die Jahre seiner ersten Veröffentlichungen als Entstehungszeit des Marxismus ansehen. Nachdem er bis 1843 eine stark oppositionelle Zeitung leitete (die in Preußen verboten wurde) und das Pamphlet Gegen Bruno Bauer & Consorten 1845 mit Engels zusammen veröffentlichte brachte er 1847 das kapitalismusfeindliche Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“ heraus. 1848 verfasste er mit Engels das Kommunistische Manifest für den Bund der Kommunisten, dem sie beide angehörten. Dieses erste wirklich wichtige marxistische Werk enthält zunächst Beschreibungen der damaligen Lebensverhältnisse, besonders zwischen der arbeitenden und der herrschenden Klasse. Darauf aufbauend fordert es die Abschaffung des Kapitalismus und die Schaffung neuer kommunistischer Lebensverhältnisse durch unumgängliche Klassenkämpfe: der "Sturz der Bourgeoisherrschaft" sollte erfolgen. Auch erschienen von 1872 bis 1892 Neuauflagen mit neuen Vorworten, in denen meist ergänzende Bemerkungen gemacht wurden. 1859 wurde das Buch Zur Kritik der politischen Ökonomie veröffentlicht, dem 1867 dann der erste Teil der knapp 3000 Seiten starken Trilogie Das Kapital folgte. Band 1: Der Produktionsprozeß des Kapitals enthält die Definition einer "Ware" und das Zustandekommen des Wertes dieser Ware ( --> Wert- und Geldtheorie) sowie umfangreiche Theorien zu Geld und Arbeit (abstrakte Arbeit). Teil 2 und 3 tragen die Namen Band 2: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals sowie Band 3: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion.
--> politisch-ökonomische Theorien Schon zu Lebzeiten von Marx bildete sich eine Gruppierung von Sozialisten, die sich „Marxisten“ nannte, aber bereits um die Jahrhundertwende inhaltlich schon stark divergierte.

Entwicklung bis heute / Strömungen

abstrakte Arbeit Obwohl eines der mächtigsten Länder der Welt, war das zaristische Russland bis ins ausgehende 19. Jahrhundert noch überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Vielerorts herrschten noch vorkapitalistische Feudalstrukturen (Feudalismus). Eine verstärkte Industrialisierung setzte vor allem seit der Regierung von Zar Nikolaus II. (ab 1894) ein. Das darauf schnell anwachsende Proletariat litt unter miserablen sozialen Verhältnissen. Eine linke Opposition gegen den Zarismus war im 19. Jahrhundert in Russland stärker als in den meisten anderen europäischen Ländern von sozialrevolutionären und anarchistischen Strömungen geprägt, wohingegen die organisierte marxistische Sozialdemokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erst noch in ihren Anfängen steckte. 1898 wurde die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) als Bund von drei marxistischen Organisationen gegründet, der jedoch schnell wieder verboten wurde. 1903 spaltete sich die Partei im Exil in die Bolschewiki ("Mehrheit"), unter der Führung von Lenin und Menschewiki ("Minderheit"). Nachdem die Februarrevolution 1917 unter Führung der sozialdemokratischen Menschewiki nicht zum Austritt Russlands aus dem 1. Weltkrieg führte, wurde Lenin mit Hilfe des Deutschen Reiches über Finnland nach St. Petersburg gebracht um von dort eine weitere Revolution zu initieren und einen Waffenstillstand auszuhandeln. Daraufhin begann dann mit der Oktoberrevolution 1917 die Existenz des real existierenden Sozialismus und damit der Revisionismus des Marxismus in Form des Leninismus (siehe weiter unten). Die Revolution war von Lenin und Leo Trotzki angeführt worden, wobei Lenin sich mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 endgültig in der Führungsspitze der Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) gegen Trotzki durchsetzte und bis zu seinem Tod am 21. Januar 1924 die unbestrittene Führungsperson der Partei blieb. Er schuf mit dem Leninismus eine totalitäre Interpretation des Marxismus, nach der die Partei "Instrument der Diktatur des Proletariats" und ein straff "organisierter Trupp" sein solle, die keinerlei Fraktionsbildung zulässt. Josef Stalin, der schon seit Beginn der Revolution an Macht gewann definierte den Leninismus 1924 als "Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution... die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen." ("Über die Grundlagen des Leninismus"). Trotzki entwickelt hingegen als Reaktion auf Lenin und später auch Stalin den Trotzkismus. Dieser enthält zwei wesentliche Bestandteile: zum einen die Theorie der "permanenten Revolution", derzufolge der Sozialismus als Übergangsgesellschaft zum Kommunismus nur auf internationaler Ebene funktionieren kann, weswegen die ganze Welt durch eine Revolution vom Kapitalismus befreit werden muss. Zum anderen die Theorie der "langen Wellen", die den "tendenziellen Fall der Profitrate" nach Marx kritisiert. langen Wellen Die Revolution wirkte sich stark auf die internationale Marxismusbewegung aus: ab 1918 wurden in ganz Europa kommunistische Parteien gegründet, die Mitgliedszahlen stiegen rapide und es entstand bald ein offener Konflikt mit den Faschisten. Vor allem in Deutschland (Weimarer Republik) und Italien kam es zu teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen, bis Benito Mussolini 1922 in Italien und Adolf Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernahmen und jegliche marxistische Organisation zerschlugen oder in den Widerstand drängten. Schon um 1920 bildeten sich eine neomarxistische Denk)-Richtung, die sich später hauptsächlich am Realsozialismus orientierte und eine Dogmatisierung des Marxismus (z.B als "proletarische Weltanschauung) ablehnte. "Neomarxismus" ist jedoch schwer zu definieren, da es kaum Personen gibt, die sich "Neomarxisten" nennen. Vielmehr wird der Begriff als Sammelbegriff für verschiedene Denkrichtungen verwendet. Dogmatisierung Nach dem Tod von Lenin entbrannte innerhalb der KPdSU ein Machtkampf zwischen Stalin und Trotzki, der die Linke Opposition anführte. Stalin entschied diese Auseinandersetzung für sich und konzentrierte bald genug Macht in seiner Person, um Trotzki 1927 sogar aus der KPdSU auszuschließen. Später verlor dieser noch die sowjetische Staatsbürgerschaft und floh über Umwege nach Mexiko, wo er nach unzähligen anti-stalinistischen Veröffentlichungen 1940 von einem russischen Agenten ermordet wurde. Von 1929 bis 1953 war Stalin quasi Alleinherrscher über das Sowjetreich, in dieser Zeit setzte er große Teile seiner Interpretation des Leninismus, den Stalinismus mit paranoider Angst vor Verschwörungen von innen durch. Dieser basierte zum einen auf dem Sozialismus und der Verstärkung von Klassenkämpfen, wobei Stalin auch die kompromisslose Parteiführung von Lenin übernahm. Die Klassenkämpfe sollten die Entwicklung der Gesellschaft zum Kommunismus möglichst schnell herbeiführen und so das Proletariat befreien. Praktisch war dieser Grundsatz Legitimation für Säuberungswellen und Konzentrationslager (Gulag-Lager). 1941 invasierte die Armee Adolf Hitlers trotz eines Nichtangriffspaktes die Sowjetunion (2. Weltkrieg), doch konnte Stalin nach großen Anstrengungen zurückschlagen und schließlich im Mai 1945 Berlin besetzen. Er blieb danach noch ca. acht Jahre Diktator der UdSSR. Nach Stalin folgten mit Nikita Chruschtschow erste Ansätze der Entstalinisierung, wobei der Stalinismus als theoretisches Grundgerüst (und damit auch die Parteistruktur) bis zum Ende bestehen blieb. Der letzte mächtige Politbürochef Michail Gorbatschow leitete die endgültige Abkehr vom Personenkult um Stalin sowie tiefgreifende Reformen (Perestroika und Glasnost) ein, worauf dann der Verlust der Satellitenstaaten und damit der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1992 folgte. Die UdSSR war bis dahin die letzte auf dem Marxismus aufbauende politische Großmacht gewesen. Mit dem Ende des Faschismus in Europa fand auch der Marxismus zunächst wieder viele Anhänger, die Italienische PCI etwa hatte 1945 circa 1,8 Millionen Mitglieder. Doch diese Größenordnungen wurden bald unerreichbar und viele Marxisten waren sich - erst recht nach dem Tod Stalins - uneins, wie man mit dem Erbe des Diktators (dem Stalinismus und Marxismus-Leninismus) umgehen sollte. Viele italienische und französische Marxisten z.B. distanzierten sich von der Sowjetunion. Als dann Mitte der 60er Jahre die Studentenbewegung einsetzte und es ab 1963 eine Wiederbelebung des Neomarxismus stattfand, zersplitterte der Marxismus endgültig in eine Vielzahl von Gruppierungen unterschiedlichster Ausrichtungen. Bisher war von vielen Marxisten eine "Revolution" nach bestimmten Mustern gefordert worden, doch mit dem Ende des realen Sozialismus in der UDSSR arrangierte man sich weitestgehend mit der Sozialdemokratie und beschränkte sich auf Reformvorschläge. In Italien sitzt momentan die PRC im Parlament (2005). PRC 1949 errang Mao Zedong mit der Kommunistischen Partei die Macht in China. Der Diktator, dessen einziger Verbündeter bis 1965 die UDSSR war, herrschte auf Basis des Maoismus bis 1976. Der Maoismus war für Mao eine ebenso totalitäre Weiterentwicklung des Leninismus und Stalinismus, wo der Fortschritt eine zentrale Rolle einnahm. Die Menschen sollten sich ihm unterordnen und nicht zur Erleichterung nutzen. Auch im Gegensatz zur „Assoziation der freien Produzenten“ nach Marx waren die Arbeiter unter Mao Zedong starken Zwängen unterworfen. Praktisch versuchte Mao Zedong seine Vorstellungen eines maoistischen Staates durch die 1966 ins Leben gerufene Kulturrevolution in die Tat umzusetzen. Diese "Revolution" bestimmte bis Mao Zedongs Tod das politische Geschehen in China und führte zu fatalen Fehlschlägen wie dem " Großen Sprungs nach vorn" sowie (in der Hochphase) exzessiven Morden, Misshandlungen, Zerstörungen und Restriktionen gegenüber dem Volk. Nach dem Tod des Diktators öffnete sich China wieder mehr und mehr westlichem Kapital und damit dem Kapitalismus. Großen Sprungs nach vorn Nachdem 1959 die Kubanische Revolution erfolgreich in Kuba beendet wurde erklärte Diktator Fidel Castro erst 1961 seine Revolte zu einer sozialistischen. Als am 2. Dezember 1961 dann die Proklamation der Sozialistischen Republik stattfand, wurde Kuba eindeutig als ein marxistisch-leninistischer Staat definiert. Im Kalten Krieg beschränkten sich die Politik- und Wirtschaftsbeziehungen auf sozialistische Staaten wie die UDSSR oder China, wobei es während der Kubakrise fast zu einen offenen Konflikt zwischen den Weltmächten gekommen wäre. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte eine schwere Wirtschaftskrise und dann eine Öffnung gegenüber Großkonzernen und Touristen. Momentan wird das Land noch immer von Castro beherrscht. Kim Il-sung führte von 1948 bis 1994 eine Diktatur auf Basis des Realsozialismus mit Orientierung am Maoismus in Nordkorea an. Nordkorea wurde und wird wirtschaftlich von China unterstützt. Der große Verbündete half auch im Koreakrieg (1950-1953) aus. Nach dem Tode Kim Il-sung's übernahm sein Sohn Kim Jong-il alle Macht und führt die Demokratische Volksrepublik Korea im Stil seines Vaters weiter.

Geschichte marxistischer Organisationen

Die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels sind bis heute theoretisches Gerüst für verschiedene marxistische Organisationen und Parteien in allen Teilen der Welt. In Europa, wo alle marxistische Organisationen ihren Ursprung haben, finden sie auch am meisten Zuspruch. In vielen Staaten Europas formierten sich erst kleinere Organisationen und daraus später, um das Jahr 1920, Parteien. Deren Geschichte weist europaweit starke Parallelen auf. Viele Parteien orientierten sich zumindest an der KPdSU, bis der real existierende Sozialismus mit dem Untergang der UDSSR als gescheitert gilt. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus wurden viele Organisationen aufgelöst und in den Widerstand gedrängt, viele gingen jedoch nach 1945 gestärkt aus der Neuordnung hervor. Doch das hielt nicht lange, denn die Sozialdemokratie fand unter den europäischen Marxisten bald starken Zuspruch und spaltete und schwächte viele Organisationen. Hinzu kommt, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion kaum eine einflussreiche Organisation noch von einer "Revolution" spricht und auch sonst viel mehr Kompromissbereitschaft (oft zulasten eigener Grundsätze) signalisiert wird. Die politische Bedeutung marxistischer Organisationen hat so bis in die heutige Zeit, Ausnahmen ausgenommen, stetig abgenommen. Die vielen kleinen über den Erdball verstreuten Organisationen versuchen möglichst eng miteinander zu kooperieren. Im Rahmen des Europäischen Parlaments haben auch viele marxistische Politiker in der im Mai 2004 gegründeten Europäischen Linkspartei zueinandergefunden.

Deutschland

Europäischen Linkspartei Während der Revolution 1848/1849 versuchten Marx und Engels über die "Neue Rheinische Zeitung" in Köln mit sozialistischen und kommunistischen Inhalten Einfluss auf den Ausgang der Unruhen zu nehmen. Sie hatten wenig Erfolg und so organisierten sich die Arbeiter im Zuge der Liberalisierung erstmals in gewerkschaftlichen Organisationen. Daraufhin bildeten sich erst verschiedene Arbeiterorganisationen, die Vorläufer der Gewerkschaften und schließlich sozialdemokratische und sozialistische Parteien, wie 1869 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) oder die marxistisch orientierte Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) um Wilhelm Liebknecht und August Bebel als deutsche Sektion der ersten Internationale. --> international ersten Internationale ADAV und SDAP vereinigten sich dann 1875 in Gotha unter dem Namen Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) auf Basis des Gothaer Programms, welches von Marx wegen seiner kompromisslerischen Anpassung gegenüber dem reformorientierten ADAV kritisiert wurde. Unterdrückung, juristischer Verfolgung und zeitweiliger Verbote sowie die Sozialistengesetze zwischen 1878 und 1890 unter Reichskanzler Otto von Bismarck konnten die Mitgliederzuwächse von marxistischen Organisationen in diesem Zeitraum kaum stoppen und so ging dann 1890 aus der SAP die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) hervor, die sich mit dem Erfurter Programm wieder stärker am Marxismus orientierte. Sie war zum damaligen Zeitpunkt die größte, ideologisch von Marx geprägte Partei vereinigte Anhänger verschiedener marxistischer Strömungen in sich. In ihren Anfängen wurde die Partei durch einen starken linken/marxistischen Flügel, teils um die Person Rosa Luxemburgs versammelt, beeinflusst. Es gab um die Jahrhundertwende eine sehr kontroverse Diskussion über die politische Zielsetzung innerhalb der SPD, die u.a. durch den Aufsatz Sozialreform oder Revolution von Rosa Luxemburg zugunsten der Marxisten und der „Revolution“ entschieden wurde. Jedoch verlief der praktische politische Kurs der Partei, auch nach dem Aufsatz Die Aufgaben der Sozialdemokratie (1899) von Eduard Bernstein, in Richtung Sozialdemokratie. Während der Novemberrevolution 1918 widersetzte sich die SPD-Führung einer Initiative zur Umwälzung des Kaiserreiches in einen sozialistischen Staat, woraufhin sich die Arbeiterbewegung endgültig in Reformisten (Sozialdemokraten) und Kommunisten spaltete. Jedoch orientierte sich ein Großteil der verschiedenen kommunistischen Strömungen an Lenin (Leninismus) oder Stalin (Stali