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Wissenschaftstheorie

Wissenschaftstheorie

Die Wissenschaftstheorie (engl.: philosophy of science) ist ein Bereich der Philosophie, der sich mit der Wissenschaft und ihrer Form der Erkenntnisgewinnung beschäftigt.

Kernfragen

# Welche Charakteristika weist wissenschaftliche Erkenntnis auf? (z.B. Erklärung, Vorhersage von experimentellen Ergebnissen) # Was zeichnet wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn aus (Methodologie)? # Gibt es wissenschaftlichen Fortschritt? # Welchen erkenntnistheoretischen Status haben wissenschaftliche Theorien und die von ihnen postulierten Entitäten? Ist Wissenschaft eine Form von Wahrheitsfindung oder muss wissenschaftliche Erkenntnis pragmatischer konzipiert werden?

Wissenschaftstheorien

Realistische Theorien

Wissenschaftlicher Realismus

Hauptvertreter: Hilary Putnam, Richard Boyd, Ernan McMullin, Stathis Psillos
Der Wissenschaftliche Realismus lässt sich auf zwei Hauptaussagen bringen: # Die Begriffe einer wissenschaftlichen Theorie beziehen sich auf reale Entitäten, das heißt auf Objekte, die in der Wirklichkeit existieren. # Die Geschichte der Wissenschaften ist als eine Annäherung an die Wahrheit zu verstehen.

Struktureller Realismus

Hauptvertreter: John Worrall
Dem Strukturellen Realismus zufolge ist Wissenschaft nicht in der Lage, den Inhalt der Realität zu erkennen. Wissenschaft beschreibt vielmehr die Struktur der Realität. Den Beweis, den Worrall in seinem aufsehenerregenden paper "Structural Realism" vorlegt, basiert auf der Kontinuität von mathematischen Gleichungen, die Fresnel durch Theoretisierungen über den Licht-tragenden Äther gewann, hin zu den Maxwellschen Gleichungen, die die Eigenschaften von elektromagnetischen Feldern beschreiben. Der Äther wurde verworfen, aber die Gleichungen sind noch heute von Gültigkeit. Siehe auch: Wissenschaftstheoretischer Strukturalismus

Entitätenrealismus

Hauptvertreter: Ian Hacking, Nancy Cartwright
Der "Entitätsrealist" glaubt nicht an die von der Theorie postulierten Entitäten, sondern nur an solche, die beim Experimentieren eine Rolle spielen. Eine Entität ist real, wenn durch deren Manipulierung neue Phänomene produziert werden können.

Positivistische Theorien

Der Positivismus ist eine Philosophie, die Erkenntnis auf die Interpretation "positiver Befunde" (im naturwissenschaftlichem Sinne) verpflichtet. Eine Untersuchung kann einen "positiven Befund" erbringen, wenn sie vor dem (Experimentier-)Ergebnis die Untersuchungsbedingungen, und somit auch die für einen gelungenen Nachweis definiert.

Empiriokritizismus als Variante des Positivismus

Siehe Empiriokritizismus

Neopositivismus

Siehe Neopositivismus (Rudolf Carnap, Wiener Kreis)

Falsifikationismus

Die in den Wissenschaften vermutlich populärste Position ist die des Kritischen Rationalismus, die von Karl Popper entwickelt und insbesondere von Imre Lakatos ausgebaut wurde. Dem Falsifikationismus zufolge ist das Ziel der Wissenschaft nicht die Verifikation (wie der naive Realist behaupten würde), sondern die Falsifikation von Hypothesen durch Experimente bzw. Beobachtungen. Hypothesen und Theorien gelten solange als wahr, bis sie widerlegt werden. Imre Lakatos verwarf die Auffassung des "naiven" Falsifikationismus, nach der Theorien ganz aufgegeben werden müssen, wenn sie falsifiziert, d.h. von experimentellen oder empirischen Resultaten widerlegt werden. Vielmehr werden bei Falsifikationen in der Regel immer bewusste oder auch unbewusste Grundüberzeugungen, welche den Kern eines sogenannten Forschungsprogrammes bilden, beibehalten, und nur die über diesen Kern hinausgehenden Zusatzanahmen werden modifiziert. Die Grundüberzeugungen, welche den Kern eines Forschungsprogramms ausmachen, können nach Lakatos erst aufgegeben werden, wenn ein besseres, alternatives Forschungsprogramm vorhanden sei.

Relativistische Theorien

Konventionalismus

Hauptvertreter: Henri Poincaré, Ernst Mach
Ernst Mach war der Meinung, dass Theorien nur eine Art Mnemotechnik sind, die Beobachtungen einfacher und weniger umständlich zugängig machen. Diese These wird auch als Denkökonomie bezeichnet
siehe: Konventionalismus, Gestalttheorie

Instrumentalismus

Siehe Instrumentalismus (Pierre Duhem).

Pragmatismus

Siehe Pragmatismus (John Dewey, Charles S. Peirce)

Relativismus

Als Hauptvertreter des wissenschaftstheoretischen Relativismus gilt Paul Feyerabend. Oft wird auch Thomas S. Kuhn als Relativst bezeichnet, obwohl er selbst diese Bezeichnung immer abgelehnt hat.
Zentral für Thomas Kuhn ist der Inkommensurabilitätsbegriff. Wissenschaftliche Paradigmen sind inkommensurabel, also unvergleichbar. Von Wahrheit kann man deswegen immer nur unter Bezugnahme auf ein bestimmtes Paradigma sprechen. Paul Feyerabend rief mit seinem Anything goes! die Anarchie in der Wissenschaft wider den Methodenzwang aus (so die deutsche Übersetzung seines Werkes Against Method). Sowohl Thomas Kuhn als auch Paul Feyerabend waren der Meinung, Beobachtungen seien grundsätzlich "Theorie-beladen" ('theory-laden').

Sozialkonstruktivismus

Hauptvertreter: Bruno Latour, Karin Knorr-Cetina
Sozialkonstruktivisten behaupten, dass auch scheinbar objektive naturwissenschaftliche Tatsachen tatsächlich das Ergebnis von Prozessen der sozialen Konstruktion, und abhängig von der sozialen Situation des Labors, der Forschungseinrichtung etc. sind.

Konstruktiver Empirismus

Hauptvertreter: Bas van Fraassen
Vertreter des Konstruktiven Empirismus sind agnostisch gegenüber theoretischen Begriffen einer Theorie (Atom, Gen o.ä.). Alles woran ein Konstruktiver Empirist glaubt, sind Beobachtungen, die sich mit dem bloßen Auge (mitunter unter Zuhilfenahme von Instrumenten) bewerkstelligen lassen. Der Empirismus schickt sich an, das Ziel der Wissenschaft zu erklären. Dieses ist nach Meinung der konstruktiven Empiristen empirische Adäquatheit.

Methodische Programme

Erlanger oder Methodischer Konstruktivismus

Hauptvertreter: Paul Lorenzen und Wilhelm Kamlah, sowie Jürgen Mittelstraß, Kuno Lorenz, Peter Janich, Friedrich Kambartel, Christian Thiel und Harald Wohlrapp, einst auch Oswald Schwemmer. Der wissenschaftskritische Ansatz Erlanger Ursprungs zielt auf die methodisch einwandfreie Re-Konstruktion der Wissenschaftssprache im allgemeinen und der einzelwissenschaftlichen Terminologien im besonderen, der Logik in Form einer dialogischen Argumentationslehre, der konstruktiv begründbaren Mathematik im engeren (Arithmetik, Analysis) wie im weiteren Sinn (Wahrscheinlichkeitstheorie, Geometrie und Kinematik), der protophysikalischen Meßlehre sowie der ethischen Prinzipien und darauf gründenden politischen Wissenschaft mit dem Ziel einer "Theorie der technischen und politischen Vernunft". Kern des Erlanger Konstruktivismus ist die allgemein lehr- und lernbare und damit von jedermann nachvollziehbare Konstruktion von Begriffen als Grundelementen aller theoriegestützten Praxis.

Operationalismus

Siehe Operationalismus (Percy William Bridgman).

Theorie und Evidenz


- Die Duhem-Quine-These besagt, dass eine Theorie immer als Ganzes und nicht bloß eine einzelne Aussage der Theorie bestätigt bzw. falsifiziert wird.
- Norwood Russell Hanson und Thomas Kuhn waren der Ansicht, Beobachtungen seien grundsätzlich "Theorie-beladen" ('theory-laden'). Fakten sind in diesem Sinne niemals 'nackt'.
- Thomas Kuhn war der Meinung, dass Theorien, die um die Paradigmavorherrschaft streiten, nicht aufgrund von Evidenz ausgewählt werden können. (siehe Unterdeterminierung)
- Francis Bacon prägte den Begriff des Experimentum Crucis, das ein-eindeutig über die Wahrheit der einen oder der anderen Hypothese entscheidet. Diese Idee wird in der heutigen Wissenschaftstheorie angezweifelt.

Erklärungsmodelle

Das bekannteste Modell für wissenschaftliche Erklärungen ist das sog. Deduktiv-nomologische Erklärungsmodell von Carl Gustav Hempel. Dieses Modell wird von Nancy Cartwright (Philosophin) als unzutreffend kritisiert und durch ihr sog. Simulacrum-Erklärungsmodell ersetzt. Eine weitere, aktuell diskutierte, Erklärungsart ist die sog. Inferenz zur besten Erklärung, kurz IBE (oder auch Abduktion).

Context of discovery und context of justification

Der Neopositivist Hans Reichenbach führte diese Unterscheidung 1938 ein. Reichenbach zufolge braucht der Wissenschaftsphilosoph bei der rationalen Rekonstruktion und der Erklärung von Wissenschaft singuläre und subjektive Einflüsse, denen ein Forscher ausgesetzt ist, nicht zu berücksichtigen. Alles, worauf es ankommt, ist, wie der Wissenschaftler seine Behauptungen - normalerweise in der Form von mathematischen Gleichungen und mittels Logik - rechtfertigt. Diese Unterscheidung läuft in letzter Konsequenz auf einen Ausschluss angeblich kontingenter Geschehnisse (insbesondere soziologischer und psychologischer Art) von wissenschaftsphilosophischem Theoretisieren hinaus und wurde von Thomas Kuhn in seinem Buch The Structure of Scientific Revolutions angefochten, das als erfolgreiche Synthese der beiden "Kontexte" angesehen werden kann.

Zwei Sichtweisen in Bezug auf Theorie und Modell


- Syntaktische Sicht bzw. logiko-linguistische Sicht (assoziiert mit Rudolf Carnap und Richard Bevan Braithwaite) :Theorien sind axiomatisch-deduktive Kalküle bestehend aus Symbolen und Regeln. Bedeutung gewinnen die Terme der Theorie durch Referenz auf Beobachtungen bzw. durch sog. Korrespondenzregeln. Modelle haben lediglich heuristische und pädagogische Funktion (Carnap zufolge). Braithwaite jedoch versteht Modelle als weitere mögliche Interpretationen des Kalküls. Die Syntaktische Sicht hält man in der heutigen Diskussion ebenso wie den Logischen Empirismus, auf dem die syntaktische Sicht beruht, für überholt. (Es ist anzumerken, dass der Term "syntaktische Sicht" nicht von deren Proponenten benutzt wurde, sondern eine retrospektive Bezeichnung der sog. "semantischen Sicht" ist)
- Semantische Sicht bzw. modell-theoretische Sicht (assoziiert mit Patrick Suppes, der sich auf Alfred Tarski bezieht. Weitere wichtige Vertreter: Frederick Suppe, Bas van Fraassen, Ronald Giere) :Theorien werden als Mengen von Modellen definiert. Modelle sind grundsätzlich nicht-linguistische Entitäten und werden als Realisierungen von Theorien gemäß von Modellen in der Modelltheorie der Mathematischen Logik verstanden. Realisierungen sind konkrete Verknüpfungen und Objekte, die von der Theorie abstrakt formuliert werden. Ein Beispiel für das mathematische Vorbild dieser Sichtweise ist die mathematische Gruppentheorie. Insgesamt läßt sich im Wechsel von der syntaktischen zur semantischen Sicht ein Wechsel des Fokus auf Theorie hin zu Modellen und deren Hauptproblemfeld der Repräsentation ausmachen.

Modellkonstruktion und Analogien

Modelle werden oft durch einen Analogieschluss mit anderen Systemen konstruiert. Mary Hesse unterscheidet zwischen positiven, negativen und neutralen Analogien. Aspekte zwischen Modell und System sind ähnlich (positiv), verschieden (negativ), oder nicht determinierbar (neutral). Neutrale Analogien motivieren weitere Untersuchungen der Eigenschaften des realen Systems, das durch das Modell repräsentiert werden soll.

Geschichte der Wissenschaftstheorie

Die erste Wissenschaftstheorie liefert Aristoteles mit seiner Schrift Analytica Posteriora. Er unterteilte die Wissenschaft in drei Bereiche:
- Die theoretische Wissenschaft betrachtet das, was unabhängig vom Menschen ist und keinen äußeren Zweck außer der Erkenntnis selbst besitzt. In sie fällt vor allem die Physik und die Metaphysik.
- Die praktische Wissenschaft thematisiert das, was im Bereich der menschlichen Handlungen liegt, was aber nichts außer der Handlung selbst hervorbringt. Hierein fällt vor allem Aristoteles' Ethik und die Politik.
- Die poietische Wissenschaft untersucht das, was im Bereich der menschlichen Tätigkeiten liegt und hierbei ein Objekt hervorbringt. Weitere wichtige Wissenschaftstheoretiker, die heute nur noch von historischem Interesse sind:
- Roger Bacon
- Francis Bacon
- William Whewell
- John Herschel
- John Stuart Mill

Literatur

Einführungswerke


- Alan F. Chalmers: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie, 5. Auflage, Berlin u.a. 2001
- Giere, R., Understanding Scientific Reasoning, New York ; London : Holt, Rinehart and Winston, 1979.
- Seiffert, Helmut; Radnitzky, Gerard (Hrsg.) (1992): Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. 2. unv. Aufl. (Orig. 1989), Berlin: dtv, ISBN 3-423-04586-8

Standardwerke der Primärliteratur


- Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang ISBN 3518281976
- Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen ISBN 3-518-27625-5
- Karl R. Popper: Logik der Forschung ISBN 3161462343
- Carl Gustav Hempel, Philosophy of natural science, Englewood Cliffs, N.J. : Prentice-Hall, 1966; (dt.: Philosophie der Naturwissenschaften, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 1974)
- Imre LakatosThe Methodology of Scientific Research Programmes: Philosophical Papers Volume 1., Cambridge University Press, Cambridge 1977.
- Bas van Fraassen, The Scientific Image, Oxford, 1980

Siehe auch


- Epistemologie
- Erkenntnistheorie
- Methodologie
- Objektivität der Forschung
- Konstruktive Wissenschaftstheorie
- Stammbaum der Wissenschaften
- Parawissenschaft
- Pseudowissenschaft
- Wissenschaftsforschung
- Wissenschaftsgeschichte
- Wissenschaftssoziologie
- Wissenschaftssprache
- Liste Wissenschaftstheoretischer Zentren

Weblinks

Vorlesungsmaterial


- [http://carnap.umd.edu/~parkerdn/250/Positions.htm Wissenschaftstheoretische Positionen im Überblick]
- [http://www.soc.iastate.edu/sapp/phil_sci_lecture00.html Lyle Zynda Lecture on the Philosophy of Science]
- [http://www.st-andrews.ac.uk/~cnm1/PY4815%20Philosophy%20of%20Science Vorlesungsfolien der St.Andrews University]
- [http://individual.utoronto.ca/anjan/handouts.htm Revolutions in Science; handouts zur Vorlesung von Anjan Chakravartty]
- [http://www.univie.ac.at/science-archives/wissenschaftstheorie_1/index.html Einführung in die Wissenschaftstheorie nach Erhard Oeser (Uni Wien)]
- [http://www.univie.ac.at/science-archives/wissenschaftstheorie_2/ System, Klassifikation und Evolution nach Erhard Oeser (Uni Wien)]
- [http://philosophy.hku.hk/courses/200506/phil2130/files/realism_antirealism-2.ppt PowerPoint slides zu der beobachtbar/nicht-bebeobachtbar Problematik, Unterdeterminierung und der Duhem-Quine These]

Literatur


- [http://www.bris.ac.uk/Depts/Philosophy/UG/Studyguide/phil%20sci.html Sehr schöne Literaturliste mit Kurzzusammenfassungen der einzelnen Themengebiete angefertigt von einem der wichtigsten Wissenschaftsphilosophen der Gegenwart, James Ladyman (University of Bristol)]
- [http://www.herts.ac.uk/humanities/philosophy/scibib.html Ausgewählte Bibliographie von Ward E. Jones, Samir Okasha und W.H. Newton-Smith (Oxford University)] ! Kategorie:Erkenntnistheorie ja:科学哲学

Philosophie

. Ausschnitt aus „Die Schule von Athen“ von Raffael (um 1510).]] Die Philosophie (griech. φιλοσοφία, philosophia wörtlich „Liebe zur Weisheit“) hat im Gegensatz zu den einzelnen Wissenschaften keinen klar bestimmbaren, begrenzten Gegenstandsbereich. Allgemein könnte man sie als den Versuch der kritisch-rationalen Selbstüberprüfung des Denkens bezeichnen, als eine methodische Reflexion. Der Versuch, Philosophie zu definieren, ist bereits Gegenstand der Philosophie selbst. Der Beginn des philosophischen Denkens im 6. vorchristlichen Jahrhundert markiert den eigentlichen Beginn der europäischen Geistesgeschichte. Erst im Laufe der Jahrhunderte differenzierten sich die Methoden und Diszplinen der Welterschließung, indem sich die einzelnen Wissenschaften nach und nach aus der Philosophie ausgliederten. Die bis heute gültigen Kerngebiete der Philosophie sind die Logik als die Wissenschaft vom folgerichtigen Denken, die Ethik als die Wissenschaft vom rechten Handeln und die Metaphysik als die Wissenschaft von den ersten Gründen des Seins und der Wirklichkeit; weitere Grunddisziplinen sind die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, die sich mit den Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns im allgemeinen bzw. speziell in den unterschiedlichen Einzelwissenschaften beschäftigen.

Begriffsgeschichte

Der Begriff Philosophie, zusammengesetzt aus griech. φίλος „Freund“ und σοφία „Weisheit“, bedeutet, wörtlich aus dem Griechischen übersetzt „Liebe zur Weisheit“ bzw. einfach „zum Wissen“ – denn sophía besitzt zunächst einmal jemand, der ein Fachmann für etwas ist. Die Wortprägung Philosophie tritt wahrscheinlich das erste Mal bei Platon auf. Zwar wurde in der späteren Antike die Einführung des Begriffes „Philosophie“ Pythagoras von Samos zugeschrieben (vgl. Diogenes Laertios De vita et moribus philosophorum, I, 12; Cicero: Tusculanae disputationes, V, 8-9). Diese Zuschreibung geht zurück auf eine Notiz aus einem verlorenen Werk des Herakleides Pontikos, eines Schülers des Aristoteles. Vermutlich ist diese Notiz aber nicht korrekt: Sie folgt dem Muster der weitverbreiteten Pythagoras-Legenden jener Zeit. Ursprünglich bezog sich der Begriff „Philosophie“ auf eine Denktradition, die vom antiken Griechenland ausging. Er wird heute aber auch für asiatische Denktraditionen (östliche Philosophie) und eher religiöse Weltanschauungen verwendet. Daneben taucht der Begriff in jüngerer Zeit im Wirtschafts-Jargon und in der Technik als Synonym für Strategie oder Gesamtkonzept auf (Unternehmensphilosophie, Designphilosophie).

Was ist Philosophie?

Die Frage, was Philosophie eigentlich ist, ist bereits eine philosophische Frage. Philosophie ist nicht in eine allgemeingültige feste Definition zu bringen. Es ließe sich auch keine finden, der alle Philosophen zustimmen könnten, weil jeder, der philosophiert, eine eigene Sicht der Dinge entwickelt. Daher gibt es beinahe so viele Antworten auf diese Frage, wie es Philosophen gibt. Die Verwendung des Begriffs „Philosophie“ in der Geschichte füllt im Historischen Wörterbuch der Philosophie so viele Spalten, dass dieser Artikel als eigenständiges Buch publiziert wurde. Carl Friedrich von Weizsäcker hat es einmal so formuliert: „Philosophie ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben.“

Selbstverständnis

Carl Friedrich von Weizsäcker (12. Jh.), Detail]] Die ersten Philosophen, die sich selbst so bezeichneten – Platon und Sokrates – verstanden Philosophie als Alternative zur mythischen Religion und ihrer Ordnung. Indem sich der Mensch durch Philosophieren die Welt selbst erklärt, emanzipiert er sich von der Welt des Aberglaubens, der Priesterherrschaft und der Götter. Sokrates wurde deshalb als „Verderber der Jugend“ hingerichtet. Bis in die Gegenwart hinein setzt sich die Philosophie stets kritisch mit der Religion auseinander, grenzt sich von ihr ab und betrachtet sich dieser in der Regel als überlegen. Das Selbstverständnis der Philosophie hat sich im Laufe ihrer Geschichte immer wieder gewandelt. Vor allem in bestimmten Phasen der Neuzeit wurde sie als allen Einzelwissenschaften übergeordnete Universalwissenschaft begriffen, die – um die Wirklichkeit als Ganzes zu erfassen – zu den letzten Ursachen und Prinzipien vordringt und dabei ewiggültige, allgemeine Wahrheiten entdeckt und zugänglich macht (Philosophia perennis). Im Mittelalter wurde der Kern der Philosophie durch die so genannten artes liberales bestimmt, zu denen Grammatik, Dialektik, Rethorik sowie Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik gehörten. Dabei dominierte zeitweise das Bild der Philosophie als einer „Dienerin der Theologie“ (ancilla theologiae), d.h. als Hilfswissenschaft. Noch bis ins 18. Jahrhundert war die Philosophie eine der klassischen Fakultäten neben Theologie, Medizin und Recht. Erst nach einer grundlegenden Ausbildung in Philosophie, die mit dem Magister abschloss, konnten sich die Studenten naturwissenschaftlichen Fragen und Forschungen zuwenden. Im 19. Jahrhundert begann dann immer mehr die Verselbständigung zunächst der Naturwissenschaften und dann auch der philologischen und der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Die moderne Fachwissenschaft Philosophie zieht ihre Rechtfertigung aus dem Anspruch, philosophische Methoden könnten auch für andere Wissens- und Praxisgebiete hilfreich sein. Darüber hinaus betrachten die Philosophen die Erörterung ethischer Themen und Grundsatzfragen als ihr ureigenes Gebiet.

Charakteristika

gesellschaftswissenschaftlichen (1750)]] Der Beginn aller Philosophie ist das Sich-Wundern, das Staunen. Platon schrieb: „Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen“, und auch Aristoteles stellte fest: „Staunen veranlasste zuerst – wie noch heute – die Menschen zum Philosophieren.“ Menschen, denen alles selbstverständlich erscheint, finden nicht zur Philosophie. Durch ihr Staunen ist die Philosophie die Mutter aller Wissenschaften. Dies gilt sowohl historisch, da aus ihr alle anderen Wissenschaften entstanden sind, als auch systematisch, da sie als Meta-Wissenschaft über die Aufgaben und Möglichkeiten der Wissenschaften reflektiert. Ein ähnlicher Grundzug der Philosophie ist das Fragen, besonders auch das Infragestellen des scheinbar Zweifelsfreien und Selbstverständlichen. Das Fragen ist damit eine weitere Quelle der Philosophie. Aus sich selbst heraus kann die Philosophie dem Fragen keine Grenzen setzen: Sie stellt radikal alles in Frage – sogar sich selbst. Dadurch beginnt die Philosophie gleichsam immer wieder bei Null, da jede einzelne Aussage immer wieder hinterfragt werden darf. Es ist erlaubt, alles zu bezweifeln, außer dem Zweifeln selbst. Der philosophische Diskurs ist daher eine niemals endende, kontroverse Diskussion. Die Philosophie umfasst verschiedene geistige Bemühungen. Dabei handelt es sich um Nachdenken, Analysieren und Überprüfen mit Hilfe der Mittel des vernünftig-rationalen, kritischen Denkens. Philosophie stellt die Fragen, die die Wissenschaften (bisher) nicht beantwortet haben oder grundsätzlich nicht beantworten können. Diese Fragen richten sich auf den Menschen selbst und die ihn umgebende Welt. Philosophie wird also nicht um ihrer selbst willen betrieben, sondern um des Menschen willen. Dabei findet sie nie allgemein anerkannte Antworten, sondern stellt einen endlosen, dynamischen Prozess dar. Philosophisch gebildete Menschen unterscheiden sich darum von den übrigen nicht darin, dass sie mehr (nützliches) Wissen zur Verfügung hätten. Sie besitzen allerdings in der Regel einen besseren Überblick über die Argumente, die in einer philosophischen Debatte über einen bestimmten Diskussionsgegenstand bereits vorgebracht wurden. So kann es etwa hilfreich sein, bei einem aktuell diskutierten Problem (z.B. Euthanasie) danach zu fragen, welche Antwortmöglichkeiten die Philosophie bisher dazu angeboten hat und welche Auseinandersetzungen es um diese Vorschläge bereits gab.

Formen des Philosophierens

Grundsätzlich lassen sich drei verschiedene Arten des Philosophierens unterscheiden: die Philosophie als Streben nach Wissen, die Philosophie als Lebensweise und die akademische Philosophie.

Philosophie als Weltweisheit

Euthanasie Philosophie als Weltweisheit ist diejenige Philosophie, die sich mit den philosophischen Sachverhalten beschäftigt, die jedermann interessieren. Im Alltag können das verschiedene, für den Einzelnen bedeutsame Gegenstände sein, z.B. "Was ist (für mich) das gute Leben?". Meist handelt es sich um allgemein diskutierte oder gesellschaftlich relevante Fragen. Die Probleme stammen dabei in der Regel nicht aus dem philosophischen, sondern aus dem öffentlichen Diskurs. Von anderen Herangehensweisen – wie etwa dem Beantworten dieser Fragen mit gesellschaftlichen oder religiösen Traditionen – unterscheidet sich die Philosophie insofern, als dass sie sich bei der Klärung dabei im weitesten Sinne rationaler, d.h. (allein) auf vernunftgemäßes Denken gestützter Methoden bedient.

Philosophie als Lebensform

In der Antike wurde die Philosophie häufig nicht nur theoretisch betrieben, sondern als eigene, praktische Lebensweise kultiviert. Weisheit und die Verwirklichung des „rechten Lebens“ waren die praktische Ausrichtung etwa der Stoa oder des Epikureismus. Bei der Philosophie als Lebensform geht es darum, sich selber als Mensch auszubilden und ein durch philosophische Erkenntnisse geprägtes Leben zu führen. Bestimmt wird dieses Ideal in der Philosophie traditionell durch das große Vorbild Sokrates, der nicht etwa Bücher schrieb, sondern seine Zeit vornehmlich mit philosophischen Gesprächen zugebracht haben soll.

Philosophie als Wissenschaft

zudecken In der philosophischen Ausbildung an der Universität ist die Philosophie als Wissenschaft heute die einzige der drei Formen, die noch gelehrt wird. Natürlich bietet der akademische Betrieb mit seiner Verwissenschaftlichung auch nicht den Rahmen, um eine umfassende „Erziehung des Menschen zum Menschen“ zu leisten. Das akademische Philosophieren unterscheidet sich vom alltäglichen Philosophieren nicht prinzipiell durch die Fragen, sondern eher durch den Rahmen – in der Regel die Universität – und durch bestimmte Formen der Aus- und Abgrenzung philosophischer Tätigkeit. Es gelten verschiedene Übereinkünfte über die Formen des Argumentierens und der wissenschaftlichen Publikation sowie die zugelassene Fachterminologie. Die Tätigkeiten des akademisch Philosophierenden umfassen dabei die Prüfung der Voraussetzungen einer Position, das Rekonstruieren und Widerlegen von Argumenten, die genaue Analyse und Unterscheidung von Begriffen, die eigene Positionierung und die Argumentation für oder gegen Thesen. Grundsätzlich lassen sich zwei Ansätze bzw. Bereiche des akademischen Philosophierens unterscheiden: die historische und die systematische Vorgehensweise.
- Historisch arbeitet die Philosophie dann, wenn sie versucht, die Positionen und Thesen von Denkern wie Platon, Thomas von Aquin oder Kant zu rekonstruieren, zu verstehen und zu interpretieren. Auch die Herausarbeitung bestimmter philosophischer Strömungen oder Auseinandersetzungen in der Geschichte gehört hierzu.
- Systematisch geht die Philosophie vor, wenn sie versucht, zu einem bestimmten Problemfeld Standpunkte zu vertreten, Fragen innerhalb der verschiedenen philosophischen Disziplinen zu beantworten, die Voraussetzungen oder Implikationen einer bestimmten Frage oder These zu verstehen oder überhaupt erst die verwendeten Begriffe in bestimmten Fragen, Thesen oder Positionen zu klären. Lautet die Frage innerhalb der theoretischen Philosophie „Hat der Mensch einen freien Willen?“, so muss für eine Antwort zunächst die Begriffe des „Willens“, der „Freiheit“ und des „Menschseins“ einer genaueren Analyse unterzogen werden. Die historischen und die systematischen Herangehensweisen bzw. Bereiche sind dabei prinzipiell durch das jeweilige Ziel der philosophischen Untersuchungen voneinander abgrenzbar. Viele Philosophen und Philosophinnen forschen allerdings auf beiden Gebieten, was sich insofern auch ergänzt, als die Schriften herausragender philosophischer Autoren auch für das systematische Philosophieren hilfreiche Überlegungen enthalten. Außerdem können in vielen Fällen die heutigen Fragen nur dann wirklich präzise gestellt und beantwortet werden, wenn der historische Hintergrund für ihr Aufkommen und die relevante Begrifflichkeit verstanden sind.

Gegenstände der Philosophie

Systematische Gegenstände

Begrifflichkeit Man kann die Philosophie in einen theoretischen Bereich und in einen praktischen Bereich unterteilen. Die theoretische Philosophie untersucht die Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens und die allgemeinen Strukturen des menschlichen Bewusstseins. Außerdem wird versucht, grundsätzliche Aussagen über das Sein zu treffen. Disziplinen sind u.a. Ontologie, Metaphysik, Logik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie. Die praktische Philosophie beschäftigt sich hingegen mit Bereichen, die direkte Auswirkungen auf das praktische Leben haben können. Disziplinen sind u.a. Ethik, Rechtsphilosophie, politische Philosophie und Sozialphilosophie. Auch wenn sich der Bereich, den die Philosophie insgesamt umfasst, in gewissem Sinne nicht eingrenzen lässt (da sie „alles“ behandelt), gib es doch bestimmte Domänen, in denen sie hauptsächlich tätig ist. Der Philosoph Immanuel Kant hat diese einmal in den folgenden Fragen zusammengefasst: # Was kann ich wissen? # Was soll ich tun? # Was darf ich hoffen? # Was ist der Mensch? Diese Fragen könnte man auch in etwa so formulieren: # Wie können wir zu Erkenntnis gelangen und wie sind diese Erkenntnisse einzuschätzen? (Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Logik) # Wie sollen wir handeln? (Ethik) # Was ist die Welt? Warum gibt es überhaupt irgendetwas statt einfach nur nichts? (Metaphysik, Ontologie). Gibt es Gott? Steuert die Geschichte auf ein Ziel zu und wenn ja auf welches? (Religionsphilosophie, Geschichtsphilosophie) # Was sind wir für Wesen? In welchem Verhältnis stehen wir zu der Welt, die wir vorfinden? (Philosophische Anthropologie, Kulturphilosophie, Ästhetik) Im Folgenden wird vorgestellt, welche Themenbereiche diese Fragen – und damit auch die Philosophie – berühren. ;Was ist der Mensch? Die philosophischen Anthropologie stellt zunächst die Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier. Was ist Bewusstsein und Selbstbewusstsein, was ist das „Ich“ und wie wird es geschaffen, wie sind Selbsterkenntnis und Selbstidentität möglich? Gibt es einen Geist der vom Körper bzw. Leib verschieden ist? Besitzen wir eine (unsterbliche) Seele bzw. Geist? Wann beginnt und endet das menschliche Leben? Haben wir einen freien Willen oder ist alles bereits vorherbestimmt? Welchen Einfluss haben wir auf die Geschichte und welchen Einfluss hat sie auf uns? Hat alles Sein nur einen Sinn durch den Menschen? Oder ist das menschliche Sein als Ganzes sinnlos? Welche Bedeutung hat die Kunst für den Menschen? Gibt es allgemeine Prinzipien für die Ästhetik? Ästhetik ;Was können wir wissen? Die Erkenntnistheorie fragt nach den Möglichkeiten, Erkenntnisse zu erlangen. So befasst sie sich mit der Frage, wie sich die Wahrheit oder Falschheit von Theorien überprüfen lassen. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit stellt sie ebenso auf den Prüfstand wie den Einfluss von Sprache und Denken auf den Erkenntnisprozess. Außerdem versucht sie, die Grenzen der Erkenntnis abzustecken und zu definieren, was als „wissenschaftlich“ bezeichnet werden kann. ;Was soll ich tun? Die Ethik beschäftigt sich mit dem menschlichen Handeln. Ist der Mensch in seinen Handlungen frei? Gibt es absolute, verbindliche Werte oder ist alles relativ? Gibt es einen Unterschied zwischen subjektiv und objektiv richtigem Handeln? Was ist gut, was ist böse? Kann man richtiges Verhalten mit Hilfe der Vernunft begründen? Gibt es allgemein gültige Tugenden? Was sind Tatsachen, was sind Werturteile? Soll dasjenige zur Regel werden, was die Mehrheit macht? Worauf stützt sich das Recht? Gibt es einen Unterschied zwischen natürlichen Rechten und den Gesetzen, zwischen Recht und Gerechtigkeit? Wie gehen wir mit Schuld, Sühne und Strafe um? Wie soll man sich im Staat verhalten? Was darf man gegen einen Unrechtsstaat unternehmen? Was soll in einer Gemeinschaft an Idealen verwirklicht werden, z.B. mehr Freiheit oder mehr Sicherheit? Was ist der Sinn des Lebens? Wie sollen wir unsere Kinder erziehen? ;Was ist die Welt? Hiermit sind grundsätzliche Fragen der Kosmologie angesprochen, die z.B. die Physik nicht beantworten kann; etwa: warum überhaupt irgendetwas existiert, welchen Sinn und welches Ziel die Welt hat (Teleologie), ob es einen Unterschied zwischen Geist und Materie gibt und ob dem Diesseits ein Jenseits gegenübersteht. Auch geht es um die Unterschiede zwischen der vom Menschen vorgefundenen Natur und der durch den Menschen geschaffenen Kultur. ;Was darf ich hoffen? Die Religionsphilosophie untersucht religiöse Fragestellungen, um Hinweise auf die Existenz göttlichen, überirdischen Seins oder, anders ausgedrückt, das Bestehen einer „Weltvernunft“ (Logos) zu ergründen. Dazu gehört auch, religiöse Auffassungen zu hinterfragen (Religionskritik) und aufklärerisch zu wirken.

Historische Gegenstände

Siehe auch: Geschichte der Philosophie Natürlich setzt sich die Philosophie auch mit ihrer eigenen Geschichte auseinander. Wer die philosophischen Einsichten und Begrifflichkeiten der Vergangenheit kennt, kann alte Fehler vermeiden und vielleicht einen neuen Gedanken zu den alten Lehren hinzufügen. Der Philosoph Alfred North Whitehead charakterisierte die Geschichte der europäischen Philosophie seit Aristoteles einmal als bloße „Fußnoten zu Platon“. Fußnote Im 6. Jahrhundert v. Chr. wird in Ionien mit den naturphilosophischen Fragen der Vorsokratiker nach dem Urgrund oder Anfang der Welt (arché) die Philosophie der Antike eingeleitet. Mit Sokrates beginnt die Blütezeit der attischen Philosophie. Seine Lebensweise und Kunst der Gesprächsführung – die er „Hebammenkunst“ (Mäeutik) nannte – wirken bis heute fort; das ironische Eingeständnis seines Nichtwissens (gr. oída eídos oudèn „Ich weiß, dass ich nichts weiß“) ist sprichwörtlich geblieben. Da Sokrates nichts Schriftliches hinterließ, schuf sein Schüler Platon eine Reihe von Dialogen, in denen er diesen als literarische Figur auftreten lässt. Platon verfasste ein umfangreiches, für die westliche Philosophie bis heute zentrales Werk, erdachte die Ideenlehre, gründete außerhalb Athens die Akademie, die erst 529 nach über 900 Jahren aufgelöst wurde und war der Lehrer von Aristoteles. Dieser wiederum stützte sich auch auf empirische Forschung. Er führte den Begriff der Substanz und die Metaphysik als „Erste Philosophie“ ein - eine den übrigen Wissenschaften übergeordnete Disziplin - und begründete eine Lehre vom Zusammenhang zwischen „Form“ und „Stoff“ (Hylemorphismus). In der Zeit des Hellenismus folgten die weniger theoretisch, sondern auf das „rechte Leben“, d.h. die Lebenspraxis ausgerichteten Schulen: die Stoa, für die die Tugend (virtus) das höchste Gut darstellte, und der Epikureismus, der eine Glückslehre beinhaltete und eine aufgeklärte Zuwendung zum Diesseits vertrat. In der Spätantike wird die Platonische Lehre im Neuplatonismus wieder aufgegriffen und umgeformt. Die wichtige Rolle, die die „Abstufungen“ des Seins hier spielen, weisen bereits ebenso auf das Mittelalter voraus wie die christlichen Lehren des Kirchenvaters Augustinus, die die kommenden Jahrhunderte entscheidend mitprägen sollten. Die Philosophie des Mittelalters beginnt etwa um 500, nachdem zuvor schon die Patristik die Grundlagen der christlichen Lehre und Kirche gelegt hatte. In der Frühscholastik begründet Abaelard, der die Vernunft in Glaubensfragen höher schätzte als die Autorität, die scholastische Methode der Gegenüberstellung und Auflösung gegensätzlicher Argumente. Der auch naturwissenschaftlich forschende Albertus Magnus und der große Kirchenlehrer Thomas von Aquin führten in der Hochscholastik mit einer Renaissance und Überformung der aristotelischen Lehre die mittelalterliche Philosophie zu einem Höhepunkt. Die philosophische Mystik erlebt mit Meister Eckhart ihren Höhepunkt. Mit Wilhelm von Ockham und Nikolaus von Kues als Vorbereitern zukünftiger Vorstellungen und der modernen Wissenschaft beginnt sich in der Spätscholastik bereits langsam die Neuzeit anzukündigen. Neuzeit In der Philosophie der Renaissance und des Humanismus bildeten sich ab 1450 die Eigenheiten der Neuzeit aus. Die Naturwissenschaften und die Mathematik lösen sich von der Philosophe und gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die Philosophie der Neuzeit setzt mit dem Streit zwischen dem Rationalismus (René Descartes, Leibniz), der die überragende Bedeutung der Vernunft für den Erkenntnisprozess hervorhebt, und dem Empirismus (John Locke, Thomas Hobbes), der letztlich alle Erkenntnis aus Sinneserfahrungen ableiten will, ein. Dieser Konflikt gipfelt in der Zeit der Aufklärung in der Kritischen Philosophie von Immanuel Kant. Dessen Denken, das insbesondere eine grundsätzliche Untersuchung der Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens zum Inhalt hatte, stellt einen Wendepunkt in der Geschichte der neuzeitlichen Philosophie dar. Die Philosophie des 19. Jahrhunderts ist einerseits durch die vermeintliche Weiterentwicklung und Interpretation der Philosophie Kants in den großen metaphysischen Systementwürfen des Deutschen Idealismus mit Fichte, Schelling, Hegel geprägt, andererseits durch das Erstarken des Positivismus im Zuge der Erfolge der Naturwissenschaften. Darüber hinaus finden sich zunehmend eigenständige Denker, wie etwa der Vorläufer der existenzialistischen Philosophie Søren Kierkegaard, der Vermittler buddhistischer Philosophie Arthur Schopenhauer und der „Prophet“ des Nihilismus Friedrich Nietzsche. Von großer historischer Tragweite ist die Philosophie von Karl Marx. Weitere wichtige Phänomene sind der Neukantianismus, der Pragmatismus und die Lebensphilosophie. Mit der Phänomenologie Edmund Husserls, die sich den Dingen über eine Wesensschau zuwenden möchte, begann spätestens die Philosophie des 20. Jahrhunderts, die sich durch eine große Vielfalt der Denkansätze auszeichnete. Besonders bedeutend sind die Existenzphilosophie von Martin Heidegger, der der Philosophie mit dem Rückgang auf das Seinsproblem wieder eine neue Basis zu geben versuchte, der Existenzialismus nach Jean Paul Sartre, der die Frage nach dem Sinn des Daseins stellte und der Logische Empirismus, der die Philosophie auf eine Wissenschaftstheorie verengen wollte. Für die modernen Naturwissenschaften prägend war der von Karl Popper entwickelte Kritische Rationalismus. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gewannen einige die Sprach- und Literaturwissenschaft dominierende Konzepte wie der Strukturalismus, Dekonstruktivismus und Poststrukturalismus an Bedeutung. In der Philosophie der Gegenwart beherrscht die von Ludwig Wittgenstein begründete Analytische Philosophie bzw. Sprachphilosophie, die als Ausgangspunkt die Entlarvung philosophischer Probleme als Scheinprobleme zum Ziel hatte, als Methode das akademische Denken. Gegengewichte hierzu bilden u.a. die umstrittene Philosophie der Postmoderne und die Neuscholastik in der Nachfolge des Thomas von Aquin.

Sinn und Nutzen der Philosophie

Zunächst ist hier festzuhalten, dass die Philosphie auf keinen Zweck abziehlt außer die Erkenntnis des Seins, die Weisheit. Alle hier aufgeführten Nutzen sind lediglich Beiwerk. Die eigentliche Philosophie ergibt sich aus dem Philopsophieren, also dem Nachdenken über und Streben nach Weisheit jedes Einzelnen, das aus Neugierde und nicht aus primitiven Aufwand-Nutzen-Denken geschieht. Zunächst einmal besteht der Nutzen des Philosophierens in der Schulung des Denkens und des Argumentierens, denn sowohl in methodischer Hinsicht als auch im sprachlichen Ausdruck werden strenge Anforderungen an die Philosophierenden gestellt. Desweiteren lernt man durch die Beschäftigung mit der Philosophie die gegenwärtigen und vergangenen philosophischen Probleme und Debatten kennen. In der akademischen Ausbildung wird zudem Wert darauf gelegt, dass die Philosophierenden den Regeln der wissenschaftlich betriebenen Philosophie entsprechend an den unterschiedlichen philosophischen Diskursen teilnehmen können. Der Sinn der systematischen Philosophie besteht vor allem in der Beschäftigung mit zwei Gegenständen:
- Sie thematisiert einerseits die expliziten Begriffe, Fragen, Thesen und Positionen der einzelnen Wissenschaften. So fragt die Philosophie etwa, was den Begriff „Würde“ ausmacht, den die Rechtswissenschaften oder die Soziologie voraussetzen.
- Zum anderen arbeitet sie die impliziten Begriffe, Fragen, Thesen und Positionen heraus, die den anderen Wissenschaften zugrunde liegen. So fragt etwa die Erkenntnistheorie „Was können wir wissen?“ und untersucht dabei auch den Begriff und die Grundlagen und Bedingungen von Wissen überhaupt. So verstanden ist Philosophie also eine Grundlagenwissenschaft. Alle anderen Wissenschaften haben sich mit der Zeit aus der Konkretisierung philosophischer Problematiken heraus entwickelt. Keine Wissenschaft ist ohne eine ihr zu Grunde liegende philosophische Perspektive, sei es die Theorie, dass alle Erscheinungen allgemein gültigen Gesetzen unterliegen in allen Naturwissenschaften oder die Theorie der Bedeutsamkeit historischer Ereignisse für die Gegenwart in den Geschichtswissenschaften, auch nur denkbar. Man kann die Philosophie auch als „Prinzipienwissenschaft“ bezeichnen, d.h. sie behandelt nicht nur die konkreten Gegenstände, sondern auch, wie alles zustande kommt. Am offensichtlichsten kommt dies in der Wissenschaftstheorie zum Tragen, die die Grundlagen aller wissenschaftlichen Erkenntnis behandelt und somit auf alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen Einfluss nimmt. Der Sinn der historischen Philosophie lässt sich etwa so fassen:
- Wenn es von Interesse ist, alte Dinge und Quellen zu sammeln, zu untersuchen und ins Museum zu stellen, um die Fragen beantworten zu können: „Wie haben die Menschen gelebt, die vor langer Zeit in diesen Häusern gewohnt, aus diesen Tellern gegessen, diese Dokumente verfasst haben?“, dann muss es noch vielmehr von Interesse sein, ihre philosophischen Schriften zu lesen, um zu verstehen, wie sie gedacht haben.
- Zweitens ist es Aufgabe der historischen Philosophie, die kulturellen Grundlagen unserer heutigen Zeit zu verstehen.
- Drittens ist die Kenntnis historischer philosophische Fragen, Thesen, Argumente und Positionen sinnvoll und nützlich für das systematische Philosophieren. Ein sozial besonders relevantes Kerngebiet der Philosophie, welches nicht von anderen Wissenschaften übernommen werden kann, ist die Ethik. Die zeitgenössische Philosophie legt dabei einen Schwerpunkt auf die Metaethik, d.h. sie schreibt in einem Bereich „jenseits von Gut und Böse“ nicht Werte vor, sondern ist das Instrument zu einem kritischen Verständnis der Art und Weise, wie sich Werte überhaupt erst bilden. In der Praxis gewinnt die medizinische Ethik immer mehr an Bedeutung. Als Lehrfach an Schulen ist die Philosophie Grundlage des Ethik- oder Werteunterrichts.

Siehe auch


- Portal:Philosophie, Geschichte der Philosophie, Philosophieren, Liste wichtiger philosophischer Werke, Philosophiebibliographie, Didaktik der Philosophie, Philosophie und Universität, Stimmen über die Philosophie, Wikipedia:Die Wikipedianer/nach Wissensgebieten/Philosophie

Literatur

Einführungen


- Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie. Nachdr. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-008637-X (Kurze, dichte Einführung anhand philosophischer Alltagsprobleme: Sinn des Lebens, Gerechtigkeit usw.)
- Reinhard Brandt: Philosophie. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2001, ISBN 3-15-018137-2 (Philosophisches Selberdenken auf Grundlage historischer Texte)
- Arno Anzenbacher: Einführung in die Philosophie. 10. Aufl. Herder, Freiburg i.Br. u.a. 2004, ISBN 3-451-27851-0 (Solide Einführung, die historische und systematische Aspekte verbindet)
- Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe. 2 Bde. Beck, München 2003, ISBN 3-406-45654-5 (Einführung in die zentralen Begriffe der Philosophie wie z.B. Wahrheit, Sein)
- Jay F. Rosenberg: Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger. Klostermann, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-465-01718-8 (Eine "professionelle" Anleitung zum Philosophieren)
- Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen im Alltag und Denken. 24. Aufl. Nymphenburger (u.a.), München 2003, ISBN 3-485-00863-X (Leicht lesbare Hinführung zur Philosophie in Anekdoten)

Hilfsmittel/Nachschlagewerke


- Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart. 5. Aufl. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, ISBN 3-499-55453-4 (preiswert, zum schnellen Nachschlagen)
- Georgi Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch. 22. Aufl. Kröner, Stuttgart 1991, ISBN 3-520-01322-3 (handlich, zuverlässig, aber etwas in die Jahre gekommen)
- Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Grundwerk in acht Bänden. 2. Aufl. Metzler, Stuttgart 2005, ISBN 3-476-02108-4 (umfangreich, wissenschaftsorientiert, stark im Bereich Logik und Mathematik)
- Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. 4 Bde. Meiner, Hamburg 1990, ISBN 3-7873-0983-7 (umfangreich, nur umfassende Artikel, eher „idealistisch“ ausgerichtet)
- Edward Craig (Hrsg.): The Routledge Encyclopedia of Philosophy. 10 Bde. Routeledge, London 1998. (Das vielleicht beste Nachschlagewerk; auch als einbändige, allerdings sehr knappe Kurzfassung erschienen; außerdem auf CD-ROM erhältlich)
- Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 12 Bde. Schwabe, Basel u.a. 1971-2004. (Das umfassendste Werk seiner Art; 2005 abgeschlossen)
- Franco Volpi, Julian Nida-Rümelin: Lexikon der philosophischen Werke. Kröner, Stuttgart 1988, ISBN 3-520-48601-6 (handlich und informativ)
- Franco Volpi: Großes Werklexikon der Philosophie. Kröner, Stuttgart 2004, ISBN 3-520-83901-6 (umfangreich und fundiert)
- Norbert Retlich: Literatur für das Philosophiestudium. Metzler, Stuttgart u.a. 1998. ISBN 3-476-10308-0
- Annemarie Pieper, Urs Thurnherr: Was sollen Philosophen lesen? Schmidt, Berlin 1994, ISBN 3-503-03079-4 Siehe auch die Literaturangaben im Artikel Geschichte der Philosophie

Weblinks


- Hilfsmittel
  - [http://plato.stanford.edu/ Hauptseite] der Stanford Encyclopedia of Philosophy
  - [http://www.phillex.de Phillex – Lexikon der Philosophie]
  - [http://www.philolex.de/philolex.htm Philolex – Ein Online-Lexikon zur Philosophie]
  - [http://www.textlog.de/6088.html Karl Vorländer – Geschichte der Philosophie (1902)]
  - [http://www.pyrrhon.de Pyrrhon.de – Philosophische Lexika und Suchmaschinen]
  - [http://www.uni-erfurt.de/philosophie/allgemein-literaturhinw.pdf Kommentierte Literaturliste der Universität Erfurt (PDF)]
- Allgemeine Informationen
  - [http://www.philosophie.de Philosophieportal der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaft e.V]
  - [http://www.philo.de/Philosophie-Seiten/ Die Philosophie-Seiten, Informationen von Dieter Köhlers]
  - [http://www.information-philosophie.de/ eZine Information Philosophie im Internet mit Nachrichten und Informationen]
  - [http://www.shef.ac.uk/~ptpdlp/newsletter/index.html Philosophy Pathways – Philosophiemagazin (engl.)]
- Sonstiges
  - [http://www.philos.de Studienführer Philosophie – sortiertes Verweisverzeichnis philosophischer Institute (mit Karte)]
  - [http://www.philopage.de philoSOPHIA e.V. – Philosophische Seminare für junge Menschen]
  - [http://buecherei.philo.at/ Philosophische Bücherei – Kommentierte Internet-Ressourcen zur Philosophie]
  - [http://audiothek.philo.at Sammlung von Mitschnitten von Vorträgen u.ä. in der Philosophischen Audiothek (MP3)] Kategorie:Geisteswissenschaft ! ja:哲学 ko:철학 ms:Falsafah simple:Philosophy th:ปรัชญา

Erkenntnistheorie

Die Erkenntnistheorie, auch Gnoseologie und Epistemologie ist der Zweig der Philosophie, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Wissen, Erkenntnis und Wahrheit prinzipiell zu erlangen und zu nutzen sind und welche natürlichen Grenzen der Erkenntnis gesetzt sind.

Begriff

Der Begriff Erkenntnistheorie wurde im Gedankenkreis der Kantianer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebildet (z.B. bei Wilhelm Traugott Krug und Christian Ernst Reinhold). In die philosophische Terminologie wurde der Begriff endgültig erst durch Eduard Zeller 1862 eingeführt. Im angelsächsischen Raum hat sich neben 'Epistemology' auch der Terminus 'Theory of Knowledge' eingebürgert. Dieses Teilgebiet beschäftigt sich eingehender mit der Explikation des Wissensbegriffs und versucht, die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Wissen anzugeben. Im Französischen wird zwischen Epistemologie und Erkenntnistheorie unterschieden. Gelegentlich wird unter Erkenntnistheorie im umfassenden Sinne auch Wissenschaftstheorie verstanden. Die vollständige Ersetzung der philosophischen Disziplin Erkenntnistheorie durch die Wissenschaftstheorie wurde von Philosophen wie Jürgen Habermas als eine Reduktion auf eine reine Methodologie kritisiert.

Gegenstand

Erkenntnistheorie kann durch folgende Problemkomplexe charakterisiert werden:
- Grundlagen und Triebkräfte des Erkenntnisprozesses
- Zweck und Ziel des Erkennens
- Wesen und Struktur der Erkenntnistätigkeit
- Verhältnis von Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt
- Verhältnis von Erkenntnis und objektiver Realität, Erkenntnis und Wahrheit
- Verfahren und Methoden des Erkennens (Empirik)
- Gesetzmäßigkeiten des Erkenntnisprozesses und der Erkenntnisentwicklung

Teilgebiete


- Wie nehmen wir unsere Umgebung wahr?
  - "Die fünf Sinne"
  - Täuschungsmöglichkeiten der Sinne
  - Grundlagen der Sinnesphysiologie
- Unbewusste Filterung der Sinneseindrücke
- Speicherung von Sinneseindrücken im Gehirn (Gedächtnis)
- Welche vorgegebenen Strukturen gibt es in einem Gehirn, um Sinneseindrücke zu ordnen und zu nutzbarem Wissen umzuwandeln?
- Wie bilden sich Begriffe und Kategorien des Denkens?
- Wie bzw. kann man überhaupt objektive Erkenntnis gewinnen?
- Welche Methoden gibt es, Erkenntnisse zu überprüfen?
- Evolutionäre Erkenntnistheorie (Wie hat die biologische Evolution die Verarbeitung von Sinneseindrücken und die Gewinnung von Erkenntnissen verbessert?)
- Welche Einflüsse hat unsere Herkunft und unser Standort in der Gesellschaft auf unsere Erkenntnisgewinnung? (siehe auch: Standpunkt-Theorie, Wissenschaftssoziologie)
- Feministische Erkenntnistheorie: Geschlecht und Wissen (siehe auch Feministische Standpunkttheorie)

Geschichte

Erkenntnistheoretische Überlegungen durchziehen die Geschichte der Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Antike

Parmenides

Als Begründer der Erkenntnistheorie kann Parmenides von Elea (ca.
- 515 v. Chr.) angesehen werden. Er erklärte Wahrnehmung und Denken aus der Mischung der Stoffe im Körper; im Denken sah er eine natürliche Tätigkeit des menschlichen Körpers. Man findet bei ihm eine klare Unterscheidung von Sinneserkenntnis und Denken, der beiden Grundformen der Erkenntnis, die er allerdings unvermittelt gegenüberstellt. Nach seiner Auffassung kann nur das Denken zur Erkenntnis des wahren Seins führen.

Heraklit

Heraklit (ca. 540-475 v. Chr.) dagegen erkennt die Berechtigung sowohl der Sinneserkenntnis als auch des Denkens an und kommt damit zu einer Einschätzung des Verhältnisses von sinnlicher und rationaler Erkenntnis. Empedokles versucht, das Wesen der Sinneserkenntnis durch seine Theorie der Poren und Ausflüsse näher zu erklären. Er nahm an, dass die Sinnesorgane Poren besitzen, in welche die Ausflüsse, die sich von allen Körpern in Form unsichtbarer Teilchen absondern, eindringen. Die Auffassungen Demokrits bilden den Höhepunkt in der Entwicklung der materialistischen Erkenntnistheorie innerhalb der antiken griechischen Philosophie. Demokrit sieht alle Körper durch die Vereinigung der ewigen, unteilbaren Atome gebildet. Die verschiedenen materiellen Gegenstände mit ihren Eigenschaften sind der sinnlichen Wahrnehmung unmittelbar zugänglich. Die Wahrnehmung und die sich darauf gründende Meinung ist nur eine dunkle Erkenntnis; um das Wesen der Dinge, die Atome und das Leere zu erkennen, muss das Denken, die echte Erkenntnis hinzutreten. Demokrit versuchte, den unmittelbaren Charakter der Sinneswahrnehmung zu erklären, indem er alle Wahrnehmungen auf eine Art Berührung der Atome zurückführte. Er schuf damit die erste Gestalt der Abbildtheorie, nach der alle Körper ständig Atome aussenden, die Bilder (eidola), welche die Sinnesorgane berühren und dadurch die Wahrnehmung ermöglichen.

Platon

Die idealistische Linie der Erkenntnistheorie innerhalb der antiken griechischen Philosophie fand ihren klarsten Ausdruck in den Werken Platons (428-347 v. Chr.), vor allem im Phaedon, im Theätet und im Staat (Politeia). Platon vertrat eine objektiv-idealistische, eng mit der Religion verbundene Weltanschauung, nach der wahres Sein nur den ewigen und unveränderlichen Ideen zukomme, während die Gegenstände der materiellen Welt lediglich Abbilder, Nachbildungen, Abschattungen der Ideen seien und eine Mittelstellung zwischen Sein und Nichtsein einnähmen. Die Erkenntnis der Ideen wird bei ihm durch eine immaterielle Seele vollzogen, die ihr Werk am besten verrichten kann, wenn sie von den Einflüssen des Körpers befreit ist. Alles Erkennen ist nur ein Wiedererinnern, denn die Seele besitzt bereits alle Erkenntnisse; vgl. Ideenlehre. Sie erinnert sich der Ideen, die sie früher, in ihrer körperlosen Existenz schaute. Diese Erkenntnis der Ideen, die in Form der Begriffe, des begrifflichen Wissens erfolgt, ist für Platon allein wahre Erkenntnis. Daneben unterscheidet er noch die mathematische Erkenntnis, die zwischen Vernunft und bloßer Meinung steht, und die Sinneswahrnehmung, die kein Wissen, sondern nur Meinungen ergibt. Platons Erkenntnistheorie ist die erste bekannte Form des Apriorismus.

Aristoteles

Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Erkenntnistheorie sind die Lehren des Aristoteles (384-322 v.Chr.) . Aristoteles kritisierte eingehend die Ideenlehre Platons, die das Allgemeine verselbständigt und verabsolutiert, und kehrte zu der im Grunde realistischen Auffassung zurück, dass der Gegenstand der Erkenntnis in der sinnlich gegebenen Realität zu suchen sei bzw. bei ihr beginnt. Er suchte im Gegensatz zu Platon das Allgemeine in den Einzeldingen, erklärte es aber für die ewige Form, die der Materie gegenüber primär sei, ihr Gestalt und Bewegung verleihe und ihr Wesen bilde. Die Form (forma) oder Gestalt des menschlichen Körpers ist die Seele bzw. der Geist. Mit ihrem Wahrnehmungsvermögen erkennt sie die einzelnen Gegenstände und Eigenschaften, mit dem Denkvermögen, das vom Körper unabhängig ist, die Formen, das Wesen, wobei sie die Vorstellungsbilder, die aus der Wahrnehmung zurückbleiben, benutzt. Die Erkenntnis muss aber mit der sinnlichen Wahrnehmung beginnen und dann zum Denken übergehen, welches das Sinnenmaterial verarbeitet. Die Wahrheitsauffassung des Aristoteles ist ihrem Wesen nach realistisch, denn die Wahrnehmung soll in der Übereinstimmung des Urteils mit der Realität bestehen. Wahr ist ein Urteil dann, wenn es das verbindet, was in der Wirklichkeit verbunden ist, und das trennt, was in der Wirklichkeit getrennt ist.

Mittelalter

Die mittelalterliche Philosophie (Scholastik) befasste sich im Anschluss an Platon und Aristoteles sehr ausführlich mit erkenntnistheoretischen Problemen, besonders zu nennen ist hier Thomas von Aquin. Neben den Fragen des wissenschaftlichen Erkennens wurde auch die Vereinbarkeit von theologischen und philosophischen bzw. allgemein wissenschaftlichen Erkenntnissen bearbeitet. Mit der Herausbildung der technischen Produktionsweise im Kapitalismus und dem damit verbundenen Aufschwung der Naturwissenschaften wurden erkenntnistheoretische Untersuchungen dann erneut erheblich verstärkt. Die materialistische Erkenntnistheorie wurde von englischen Philosophen wie Francis Bacon (Philosoph), Thomas Hobbes und John Locke unter Anknüpfung an die Ideen Demokrits weiter ausgearbeitet; die französischen Materialisten P.H.D. Holbach, Claude Adrien Helvétius, Denis Diderot u. a. setzten diese Entwicklung fort, wobei sie sich auf die Resultate und die Praxis der Naturwissenschaften stützten.

Empirismus

Francis Bacon

Francis Bacon (1561-1626) begründete den materialistischen Empirismus, die Lehre, dass der Ursprung allen Wissens in der Sinneserfahrung liegt und letztlich nicht über diese hinauskäme. Er stellte sich die Aufgabe, "die Stufen der Gewissheit zu bestimmen, die sinnliche Wahrnehmung durch Rückführung auf ihre Gründe zu sichern, aber das den Sinnen folgende Spekulieren des Geistes zu verwerfen, um so dem Verstande einen neuen, unfehlbaren Weg von der sinnlichen Wahrnehmung aus zu eröffnen und zu sichern" (Quelle ??). Die Erkenntnis ist nach Bacon darauf gerichtet, die Eigenschaften und Gesetze der Natur zu erfassen, um durch dieses Wissen die Macht des Menschen über die Natur zu vermehren. Dabei sah er in dieser Bestrebung keinen Gegensatz, sondern ein Handeln des Menschen im Sinne der Gesetze der Natur. Das Handeln des Menschen müsse von den Sinnen und vom Einzelnen ausgehend, durch Vergleich und Experiment stufenweise zu immer höheren Verallgemeinerungen aufsteigen, so dass man erst auf dem Gipfel zu den allgemeinsten Sätzen gelangt. Die wahre Methode der Erkenntnis sei die Induktion, die mit planmäßig durchgeführten Experimenten zu verbinden ist.

Thomas Hobbes

Bacons erkenntnistheoretische Anschauungen wurden durch Thomas Hobbes (05.04.1588 - 04.12.1679) fortgeführt. Auch er sieht in der sinnlichen Wahrnehmung die Grundlage allen Wissens. Die Wahrnehmungen im menschlichen Bewusstsein sind Abbilder der Dinge, allerdings seien solche Sinnesqualitäten wie Farbe, Wärme, Ton usw. nicht in den Objekten, sondern nur im wahrnehmenden Bewusstsein, obgleich sie durch die Einwirkung der Objekte auf die Sinne erzeugt werden. Um die Vorstellungen und Ideen von den Dingen im menschlichen Bewusstsein zu bezeichnen und das Wissen anderen Menschen mitteilen zu können, hätten die Menschen in Form der Worte Namen geschaffen, welche Zeichen für die Gedanken und mittelbar auch für die Gegenstände sind. Das Denken besteht nach Hobbes darin, dass die Namen miteinander verbunden oder getrennt werden; es ist ein Rechnen mit Zeichen.

John Locke

John Locke (1632-1704) hat als erster das Erkenntnisproblem in systematischer und umfassender Weise behandelt und damit die Erkenntnistheorie als eine relativ selbständige und abgegrenzte Disziplin der Philosophie begründet. Er stellte sich die Aufgabe, den Ursprung, die Sicherheit und die Ausdehnung des menschlichen Wissens zu untersuchen. Er begründete ausführlich den Empirismus (Sensualismus), den erfahrungsgemäßen Ursprung aller Erkenntnisse, setzte sich mit der idealistischen Theorie der angeborenen Ideen auseinander und versuchte, eine umfassende und detaillierte Analyse der Bewusstseinsprozesse beim Erkennen zu geben. Lockes Werk wurde dadurch zu einem Markstein der weiteren Entwicklung der Erkenntnistheorie. Wie Bacon und Hobbes sah Locke in der Sinneserfahrung die Quelle aller Erkenntnis. Er traf jedoch den Unterschied zwischen Sinneswahrnehmung (sensation) und Selbstwahrnehmung (reflection). Diese beiden Formen der Erfahrung seien die Quelle aller Ideen. Die Annahme der inneren Erfahrung als Quelle der Erkenntnis bedeutete eine Abweichung vom Materialismus, weil sie die grundlegende These, dass die uns in den Sinnen gegebene Realität die einzige Quelle unserer Erkenntnis bildet, in einem bestimmten Maße einschränkt und eine zweite Erkenntnisquelle zulässt. Locke unterschied zwei Arten von "Ideen", nämlich einfache und zusammengesetzte. Die einfachen Ideen entstehen unmittelbar aus der äußeren und inneren Erfahrung, die zusammengesetzten sind Kombinationen von einfachen Ideen, die der Verstand schafft. Die einfachen Ideen der äußeren Erfahrung, die Wahrnehmungen der Gegenstände, haben einen objektiven Ursprung und sind teils Abbilder der Eigenschaften der Gegenstände, teils aber haben sie keine Ähnlichkeiten mit den Eigenschaften, durch die sie verursacht werden. Die ersten Eigenschaften nennt Locke primäre Qualitäten; dazu rechnet er Solidität, Ausdehnung, Gestalt, Bewegung und Ruhe und Anzahl. Die zweiten nennt er sekundäre Qualitäten, wozu er Farben, Töne, Geschmack, Geruch usw. rechnet. Die sekundären Qualitäten sind keine Abbilder, aber sie entstehen durch die Wirkung der primären Qualitäten der unsichtbaren Teilchen auf die Sinnesorgane und hörten auf, sekundäre Qualitäten zu sein, wenn wir die primären ihrer kleinsten Teilchen entdecken könnten. Die einfachen Ideen bilden das einzige Material, das dem Verstand für seine Tätigkeit zur Verfügung steht. Es ist nichts im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. Die Verstandestätigkeit besteht im Unterscheiden, Vergleichen und Zusammensetzen der einfachen Ideen. Durch Abstraktion bildet der Verstand allgemeine oder zusammengesetzte Ideen, d. h. er fasst die einzelnen Ideen einer Reihe von Gegenständen zusammen, wodurch sie zu Repräsentanten für viele Dinge und ihre Namen zu allgemeinen Namen werden. Die allgemeinen Ideen werden nur gebildet, weil wir sonst unendlich viele Namen brauchen, um jede Idee gesondert zu bezeichnen. In der Realität entspricht den allgemeinen Ideen und Namen nichts. Alle Erkenntnis beschränkt sich darauf, die Eigenschaften der Einzeldinge zu erfassen. Die Erkenntnis des Allgemeinen, der gesetzmäßigen Beziehungen der Dinge fiel aus dem Gesichtskreis dieses einseitigen Empirismus, dem ein gewisses Maß an Skeptizismus eigen ist, heraus, da er das Wesen der Dinge für unerkennbar hält. Die besondere Qualität des Denkens gegenüber der Sinneserfahrung wurde von Locke - wie vom gesamten Empirismus - nicht erfasst. Das Denken bestehe im Vergleichen und Unterscheiden der einfachen Ideen, und die Erkenntnis reduziert sich auf Wahrnehmung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Ideen im menschlichen Bewusstsein. Diese Wahrnehmung kann auf verschiedene Weise erfolgen, und entsprechend unterscheidet Locke drei Arten der Erkenntnis: die intuitive, die demonstrative und die sensitive. Die intuitive Erkenntnis ist die klarste und sicherste; sie besteht darin, dass der Geist die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zweier Ideen unmittelbar durch die Anschauung erfasst. Bei der demonstrativen Erkenntnis stellt der Geist die Übereinstimmung der Ideen nicht unmittelbar, sondern unter Zuhilfenahme anderer Ideen, durch Schlussfolgerung und Beweis fest; die sensitive Erkenntnis schließlich ist unsicherer, doch vermittelt sie ein sicheres Wissen von der Existenz der einzelnen sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände.

George Berkeley

George Berkeley (1685-1753) knüpfte in seinen erkenntnistheoretischen Auffassungen direkt an Locke an, nutze dessen Inkonsequenzen geschickt aus und kritisierte seine Schwächen scharfsinnig. Locke hatte in seinem Essay die vom materialistischen Standpunkt inkonsequente Formulierung verwendet, dass unmittelbares Objekt des Wissens und Erkennens die Ideen (Wahrnehmungen, Vorstellungen, Begriffe) in unserem Bewusstsein seien. Berkeley akzeptierte diese These und zog daraus den Schluss, dass alle Objekte nur im Bewusstsein existieren, dass folglich Existieren gleich Wahrnehmen sei. So wird die ganze objektive Realität in eine Anhäufung von Bewusstseinsinhalten aufgelöst, und die Erkenntnis beschränkt sich dementsprechend auf ein Ordnen der Bewusstseinsinhalte. Von der gleichen subjektiv-idealistischen Position ging auch Hume aus.

David Hume

Auch für David Hume (1711-1776) stammen alle Bewusstseinsinhalte aus der Erfahrung, doch zum Unterschied zu Berkeley, für den sie alle "Ideen" sind, unterscheidet er zwischen Gedanken oder Vorstellungen (ideas) und Eindrücken (impressions). Die Eindrücke, die Wahrnehmungen sind die unmittelbaren Gegebenheiten, sie sind daher stark und eindringlich, die Gedanken oder Vorstellungen aber sind nur Abbilder der Eindrücke und daher schwach und weniger eindringlich. Die Gedanken beruhen also sämtlich auf unmittelbaren Wahrnehmungen, und soll unseren Begriffen ein Sinn zukommen, dann muss man die zugrunde liegenden Wahrnehmungen zeigen können. Lässt sich nicht zeigen, dass einem Begriff eine Wahrnehmung entspricht, dann ist er einfach sinnlos, dann ist das Wort nur eine Zusammensetzung von Lauten ohne Inhalt. Diese Auffassung wurde später die unmittelbare theoretische Quelle der "Sinntheorie" und des "Verifikationsprinzips" des Neupositivismus. Aus Humes Standpunkt folgt notwendig, dass alle Begriffe, die etwas Allgemeines widerspiegeln, keinen Sinn haben, denn für das Allgemeine lässt sich keine Wahrnehmung zeigen. Erkennen besteht für Hume in der Assoziation von Bewusstseinsinhalten, wobei die assoziative Verknüpfung nach bestimmten Regeln erfolgt, die auf die Relationen zwischen den Vorstellungen zurückgehen. Diese Relationen sind teils unveränderliche, teils veränderliche. Die ersten, die relations of ideas, ergeben sich intuitiv durch bloße Vergleichung der Ideen im Bewusstsein, sie bilden den Gegenstand der Geometrie, Algebra und Arithmetik und werden durch reine Tätigkeit des Verstandes entdeckt. Die zweiten dagegen, die matters of fact, sind nicht gewiss, denn sie entstammen der Erfahrung. Hume spricht aber den mathematisch-logischen Erkenntnissen eine von der Erfahrung unabhängige Geltung und Gewissheit zu, womit er sich auch in diesem Punkt als unmittelbarer Vorläufer des Neopositivismus erweist. Alle Verknüpfung von Tatsachen gründet sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung, denn nur vermögens dieser Vorstellung können wir über die Evidenz unseres Gedächtnisses und unserer Sinne hinausgehen. Die Beziehung von Ursache und Wirkung lässt sich aber durch Denken nicht erkennen, sie stammt aus der Erfahrung, und das bedeutet, dass sie lediglich eine Folge unserer Gewohnheit ist. Die wahre Erkenntnis beschränkt sich also auf die - so Hume - von der Erfahrung unabhängige Mathematik, in allen anderen Bereichen aber ist der menschliche Verstand schwach, und die "letzten Grundkäfte und Prinzipien" sind der menschlichen Wissbegierde und Forschung ganz und gar verschlossen.

Rationalismus

Rene Descartes

Die Erkenntnistheorie von René Descartes (1596-1650) beruht auf einer Weltanschauung, die im Bereich der Physik durch einen konsequenten mechanischen Materialismus, außerhalb der Grenzen der Physik jedoch durch einen idealistischen Standpunkt charakterisiert ist, nach dem die Welt dualistisch in zwei einander ausschließende Substanzen zerfällt, die ausgedehnte und die denkende Substanz (res extensa und res cogita). Die wichtigste erkenntnistheoretische Aufgabe bestand für Descartes in der Ausarbeitung einer allgemeinen Methode, die es gestattet, zu sicheren und beweisbaren Erkenntnissen zu kommen, die einen solchen Grad an Klarheit und Gewissheit haben wie die Mathematik. Unter der Methode verstand er sichere und einfache Regeln, mit denen jeder, der sie peinlich genau beachtet, zu wahrer Erkenntnis gelangen kann. Der Hauptinhalt der Methode besteht aus vier Regeln, die Folgendes besagen: # Nur das als wahr anzuerkennen, was klar und ohne jeden Zweifel ist; # alle Schwierigkeiten in möglichst viele Teilprobleme zerlegen, um sie nacheinander zu lösen; # stets bei den einfachsten und am leichtesten zu erkennenden Gegenständen beginnen; # überall vollständige Übersichten und Aufzählungen anzufertigen. Der Erkenntnisbegriff Descartes' ist an der Geometrie orientiert: Erkennen bedeutet, einen Gegenstand in seine einfachsten Elemente zu zerlegen und ihn daraus aufzubauen. Daher ist das Wichtigste zunächst das Erfassen des Einfachsten; darin besteht das Geheimnis der ganzen Methode. Die einfachsten Elemente werden intuitiv erkannt, und von ihnen werden alle weiteren Erkenntnisse deduktiv abgeleitet. Intuition und Deduktion sind die beiden Erkenntnisweisen, die zur Wahrheit führen; alle anderen, wie die Erfahrung, sind als verdächtig und irreführend zurückzuweisen (in: Regeln zur Leitung des Geistes). Die einfachen, intuitiv erfassten Wahrheiten aber, die das Fundament aller weiteren deduktiven Erkenntnis bilden, sind von Natur in unseren Seelen, es sind angeborene Ideen, die der Verstand bereits in sich vorfindet. Nach der rationalistischen Auffassung Descartes' besteht alles Erkennen in reiner Verstandestätigkeit, im intuitiven Erfassen der angeborenen Ideen und in der deduktiven Ableitung. Nur der Verstand ist befähigt, die Wahrheit zu erkennen, die Sinneswahrnehmung ist keine Quelle der Erkenntnis, kann aber den Verstand in gewissen Fällen unterstützen. Wenn sich aber die ganze Erkenntnis in der Konstruktion geistiger Gebilde erschöpft und sich lediglich im Geist, in der denkenden Substanz abspielt, die keine Beziehung zur materiellen Welt hat, bleibt die Frage offen, wie sich die Erkenntnis zur objektiven Realität verhält. Aus allen Verstandeserkenntnissen folgt noch nicht einmal, dass es eine materielle Welt gibt, sondern nur, dass es sie geben kann. Um die Existenz der objektiven Realität zu beweisen, macht Descartes den komplizierten Umweg über den Beweis der Existenz Gottes, und aus Gottes Wahrhaftigkeit leitet er dann ab, dass die sinnlichen Wahrnehmungen Wirkungen der materiellen Gegenstände seien, weil Gott den Menschen nicht betrügen könne. Diese Schwierigkeiten ergeben sich vor allem aus dem dualistischem Standpunkt Descartes', der zur Folge hat, dass seine erkenntnistheoretischen Anschauungen im wesentlichen idealistisch bleiben.

Baruch de Spinoza

Einen materialistischen Rationalismus vertrat Baruch Spinoza (1632-1677). Er kritisierte und überwand den Dualismus Descartes' und die daraus folgenden idealistischen Inkonsequenzen. Seine pantheistische Weltanschauung geht von der einen unteilbaren Substanz aus, die durch sich selbst existiert, deren Wesen zugleich die Existenz einschließt. Das Wesen der Substanz - die Spinoza auch Gott oder Natur nennt - kommt in ihren Attributen zum Ausdruck, deren es unendlich viele gibt. Attribute der Substanz sind Ausdehnung und Denken, die Substanz ist zugleich ein ausgedehntes und denkendes Ding. Die Substanz mit ihren Attributen tritt in Erscheinung in Gestalt der Modi. Die materiellen Körper sind Modi des Attributs Ausdehnung, und die Ideen sind Modi des Attributs Denken, die beide miteinander übereinstimmen, da sie die gleiche Ursache haben (Identität von Denken und Sein). Erkennen bedeutet für Spinoza ein Abbilden oder Widerspiegeln der Dinge und ihrer Ordnung in den Ideen und deren Ordnung: Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge lautet ein Lehrsatz, der für die Erkenntnistheorie Spinozas grundlegend ist. Dadurch, dass die Ideen mit den Dingen übereinstimmen, sind sie wahr. Das Erkennen ist auf die Dinge gerichtet, nicht auf die Ideen, es soll ein getreues Bild der Natur liefern. Spinoza unterscheidet drei Gattungen der Erkenntnis: # Die Erkenntnis der ersten Gattung umfasst die unsichere Erfahrung, die verworrene sinnliche Wahrnehmung der Einzeldinge und die Erkenntnis aus Zeichen, d. h. aus Lernen oder Mitteilung. Die Ideen dieser Erkenntnisarten sind inadäquat und verworren, sie sind die einzige Quelle der Falschheit. # Die Erkenntnis der zweiten Gattung ist das Vernunftwissen aus den Gemeinbegriffen (notiones communes) und adäquaten Ideen, und # die dritte Gattung ist die anschauende oder intuitive Erkenntnis. Nur die zweite und dritte Gattung der Erkenntnis führen zur Wahrheit. Ausgangspunkt der Erkenntnis sind die einfachen Begriffe, die klar und deutlich und folglich wahr sind. Mit Hilfe der Definitionen und der klaren und deutlichen Gemeinbegriffe können die weiteren Ideen in der Ordnung abgeleitet werden, die der Ordnung der Dinge entspricht.

Gottfried Wilhelm Leibniz

Der Standpunkt des Rationalismus wurde auf idealistischer Grundlage auch von Leibniz (1646-1716) vertreten. Er verfasste zu Lockes Werk "Über den menschlichen Verstand" eine ausführliche Gegenschrift: "Neue Versuche über den menschlichen Verstand", in der er die Einwände Lockes gegen die rationalistische Auffassung der Erkenntnis zu entkräften suchte. Auf Lockes programmatische Feststellung, dass nichts im Verstand sei, was zuvor nicht in den Sinnen war, erwiderte Leibniz, dass dieser Satz einer Ergänzung bedürfe: Es ist nichts im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war, mit Ausnahme des Verstandes selbst. Der Verstand aber enthalte Prinzipien, die von der Erfahrung unabhängig seien, und ebenso die Anlagen, aus sich die notwendigen Wahrheiten zu entwickeln. Diese sind also nicht angeboren wie bei Descartes, sondern sie sind nur virtuell angeboren. Während bei Descartes Gott anlässlich jedes Erkenntnisaktes eingreifen musste, um die Übereinstimmung zwischen Körper und Geist herzustellen, hat Gott nach Leibniz eine prästabilierte Harmonie sowohl zwischen allen Dingen als auch zwischen dem Körper und dem Geist geschaffen, so dass sie wie zwei gleich große Uhren immer übereinstimmen.

Immanuel Kant

Einen großen Beitrag zur weiteren Entwicklung und Begründung der materialistischen Erkenntnistheorie leisteten die französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts, insbesondere Holbach, Helvetius und Diderot. Einen Höhepunkt in der Geschichte der Erkenntnistheorie nach Locke stellt die Lehre Kants (1724-1804) dar. Kant versuchte in seiner Erkenntnistheorie, Materialismus und Idealismus miteinander zu vereinigen. Kant ging von der Existenz der objektiven Realität, der "Dinge an sich" aus. Die "Dinge an sich", die außerhalb des Bewusstseins existieren, affizieren die Sinne und bewirken dadurch die sinnliche Anschauung. Durch diese würden den Menschen Gegenstände gegeben. Doch die Anschauung allein bleibe blind, wenn nicht das begriffliche Denken hinzutritt. Alle Erkenntnis entspringe aus der sinnlichen Anschauung und dem Verstand. Es ist aber zu beachten, dass sich der Begriff der sinnlichen Anschauung bei Kant wesentlich von dem der englischen Empiristen unterscheidet. Während bei diesen die empirische Erfahrung mit der Sinneswahrnehmung zusammenfällt, unterscheidet Kant in der sinnlichen Anschauung ebenso wie im Denken reine und empirische Elemente. Die reine Anschauung enthält lediglich die Anschauungsform, die empirische Anschauung dagegen das Sinnesmaterial; die reinen Begriffe seien Denkformen, der empirische Inhalt der Begriffe stamme dagegen der Anschauung. Die empirischen Elemente der Anschauung und des Denkens haben ihren letzten Ursprung in den "Dingen an sich", die reinen Elemente dagegen im menschlichen Bewusstsein, im Erkenntnisvermögen - die ersteren sind a posteriori, die letzteren a priori. Kants Erkenntnistheorie unterscheidet sich vom Empirismus dadurch, dass sie auch in der sinnlichen Anschauung apriorische Elemente (Raum und Zeit als Anschauungsformen), und vom Rationalismus dadurch, dass sie in das Denken ein empirisches Element (die Begriffe erhalten ihren Inhalt aus der Anschauung) einführt. Nach Kant steuert die sinnliche Wahrnehmung (und damit die objektive Realität) nur einen geringen Teil zur Erkenntnis bei. Sie liefert nur die "Materie" der Erkenntnis, ein "Gewühl von Empfindungen", das erst Ordnung und Sinn erhält, wenn es durch die apriorischen Anschauungsformen des Raumes und der Zeit aufgenommen, unter die apriorischen Kategorien des Verstandes subsumiert und mit Hilfe der apriorischen Schemata des Verstandes auf Gegenstände bezogen wird. Aus der Sinneserkenntnis entspringt nur ein formales "Gewühl von Empfindungen", das erst durch die "transzendentale Einheit der Apperzeption" zu einem Begriff vom Gegenstand verarbeitet wird. Der Verstand steuert also einen wesentlich größeren Teil zur Erkenntnis bei als die Sinnlichkeit, denn seine unabhängig von aller Erfahrung gegebenen Anschauungsformen und Kategorien sind Bedingungen jeder möglichen Erfahrung (Erkenntnis). Da die "Dinge an sich" die menschlichen Sinne lediglich affizieren und durch die Empfindung die formlosen "Materie" der Erkenntnis liefern, seien die Gegenstände, die wir kennen, nicht die "Dinge an sich", sondern nur Erscheinungen, denen zwar "Dinge an sich" korrespondieren, die aber dem Menschen gänzlich unerkennbar bleiben sollen. Alle Gegenstände der Erfahrung müssen für den Menschen unvermeidlich zu "Sinneswesen" oder Erscheinungen werden. Die Welt der Erscheinungen wird ihrer Form nach durch den Verstand a priori hervorgebracht, und daher ist sie auch erkennbar. Wenn man bisher annahm, die Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten, so nahm Kant an, dass die Gegenstände sich nach der menschlichen Erkenntnis richten müsssen, so dass die Menschen von den Dingen nur das a priori erkennen, was der Mensch selbst in sie hineinlegt, was man als kopernikanische Wende des Erkenntnisproblems bezeichnet. Die Beschränkung der menschlichen Erkenntnis auf die Erscheinungswelt, auf die Welt der möglichen Erfahrung, soll ihr in diesen Grenzen Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit sichern. Da die apriorischen Anschauungsformen und Kategorien von aller Erfahrung unabhängig sind und die Bedingungen jeder möglichen Erfahrung bilden, erhalten nach Kant alle Erkenntnisse, die durch den richtigen Gebrauch des Verstandes zustande kommen, Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit. Damit glaubte Kant, den Skeptizismus von David Hume, der außerhalb der Mathematik jede allgemeingültige Erkenntnis bestritt und sie lediglich für gewohnheitsbedingte Erwartung erklärte, überwunden zu haben. Diese Konstruktion war jedoch ein Trugschluss. Kant hatte die Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, die er ebensowenig wie Hume aus der Erfahrung ableiten konnte, nur in den Verstand verlegt, der nun der Erscheinungswelt seine Gesetze vorschreibt. Das eigentliche Problem aber, wie das menschliche Bewusstsein zu allgemeingültigen Erkenntnissen nicht über eine von ihm selbst bestimmte Erscheinungswelt, sondern über die vom Bewusstsein unabhängige objektive Welt kommen kann, blieb bei Kant ungelöst. Mehr noch: durch seine metaphysische Trennung von Erscheinung und "Ding an sich" und die Begrenzung der Erkenntnis auf die Erscheinung begründete Kant eine Variante des Agnostizismus, welche die Erkenntnis des Wesens der objektiven Realität prinzipiell für unmöglich erklärte. Von positiver Bedeutung in Kants Erkenntnistheorie ist die Hervorhebung der Spontanität des Verstandes, d. h. seiner aktiven Rolle im Erkenntnisprozess. Kant hat als erster versucht, die Funktion der Kategorien in der Erkenntnis zu bestimmen und zu untersuchen, wie das empirische Material mittels der Kategorien, über die der Verstand bereits verfügt, verarbeitet wird. Unter dem apriorischen Charakter der Kategorien will Kant jedoch nicht verstehen, dass sie eine Art angeborener Ideen sind. Er glaubte, dass die Kategorien im menschlichen Verstand im Keime und der Anlage nach vorbereitet liegen und durch die Erfahrung entwickelt werden. Kant trennte durch seinen Apriorismus Form und Inhalt der Erkenntnis scharf voneinander und stellte sie einander metaphysisch gegenüber. In der Unterscheidung von Form und Materie der Erkenntnis steckt ein rationaler Kern, und die Untersuchung der Form der Erkenntnis ist ein großes Verdienst. Doch hat Kant diese berechtigte Unterscheidung verabsolutiert und verfiel dadurch dem subjektiven Idealismus und Agnostizismus. Andererseits enthält Kants Erkenntnistheorie viele rationelle Gesichtspunkte und positive Ansätze, die auch für die Ausarbeitung einer materialistischen Erkenntnistheorie bedeutungsvoll waren (siehe Kritizismus).

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Die Philosophie Hegels (1770-1831) ist ein System des objektiven Idealismus, in dem der Geist, die "absolute Idee", Schöpfer der ganzen Welt und zugleich ihr wahres Wesen ist. Denken und Sein fallen für Hegel zusammen, weil die ganze Entwicklung der Welt nur die stufenweise Entfaltung des Geistes vom Sein bis zur "absoluten Idee" ist. Diese dialektische Entwicklung erfolgt in der Form des Begriffs, und die Entwicklugsstufen des Geistes sind Etappen seiner Bestimmung und Konkretisierung und zugleich seiner fortschreitenden Selbsterkenntnis. Indem der Geist sich, dialektisch von Begriff zu Begriff fortschreitend, bestimmt und konkretisiert, erkennt er sich zugleich immer tiefer und umfassender, bis er in der "absoluten Idee" zur vollen Selbsterkenntnis, zum absoluten Wissen seiner selbst gelangt. Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Erkentnistheorie ist Hegels Kritik des Subjektivismus und Agnostizismus bei Kant. Wie Engels bemerkte, ist das "Entscheidende zur Widerlegung dieser Ansicht ... bereits von Hegel gesagt, soweit dies vom idealistischen Standpunkt möglich war". Hegel wandte sich gegen Kants Auffassung, dass die Verstandesbegriffe oder Kategorien formal und subjektiv seien, und behauptete demgegenüber, dass die Begriffe einen objektiven Inhalt und Wahrheit besitzen, dass die Begriffe zur Realität übergehen, weil sie die Realität aus sich erzeugen. So klar die Kritik an Kant ist, so zweifelhaft ist Hegels eigene Auffassung, dass die Begriffe die Realität hervorbringen. Scharfe Kritik übte Hegel auch an Kants adialektischer (d. h. metaphysischer) Trennung von Wesen und Erscheinung und der agnostizistischen Beschränkung der Erkenntnis auf die Welt der Erscheinungen. Hegel hatte in seiner Lehre wesentliche Seiten der Dialektik des Erkentnisprozesses erfasst, wenn auch noch in einer idealistisch geprägten Form. Neben der Anwendung des Entwicklungsgedankens auf die Erkenntnis ist eines seiner großen Verdienste in dem Versuch zu sehen, das Leben, die Tätigkeit in die Logik und Erkenntnistheorie einzubeziehen. Hegel lässt den Begriff in seiner letzten Entwicklungsetappe, als Idee, drei Stufen durchlaufen: # das Leben # das Erkennen # die "absolute Idee" In das Erkennen bezog Hegel auch das Handeln in Gestalt der praktischen Idee ein. Die Tätigkeit des Begriffs verändert die Wirklichkeit, so dass das Erkennen sich mit der praktischen Idee vereinigt und in die "absolute Idee", welche die Identität der praktischen und theoretischen ist, übergeht. Wenn die Praxis bei Hegel auch nur in der "Tätigkeit des Begriffs" auftritt, so bedeutet das doch, dass die Praxis als Kettenglied in der Analyse des Prozesses der Erkenntnis steht, und zwar als Übergang zur objektiven (bei Hegel zur "absoluten") Wahrheit.

Ludwig Feuerbach

Ludwig Feuerbach (1804-1872) betrachtete sich anfangs als Anhänger des Hegelschen Idealismus, entwickelte aber später eine eigene materialistische Philosophie, die - durch die kritische Überwindung Hegels vermittelt - in mancher Hinsicht über den englischen und französischen Materialismus hinausreichte. Feuerbach setzte sich gründlich mit Hegels von der Identität von Denken und Sein auseinander. Er wies ihren idealistischen Charakter nach und gelangte zu einer verallgemeinerten Fassung und klaren materialistischen Beantwortung der Grundfrage der Philosophie. Das reale Sein, die objektive Realität, die dem Menschen in den Sinnen gegeben ist, bildet für Feuerbach den Gegenstand der Erkenntnis, und Gegenstand ist nur, was außer dem Kopfe existiert. Der Gegenstand ist dem Menschen nur in den Sinnen gegeben, daher ist die Sinnlichkeit Inbegriff aller Wirklichkeit und daher kann es ohne Sinnestätigkeit kein Denken und keine Erkenntnis geben. Feuerbach braucht "zum Denken die Sinne, vor allem die Augen", gründet seine Gedanken "auf Materialien, die wir in uns stets nur mittels der Sinnestätigkeit aneignen können". Sein Sensualismus ist nicht agnostizistisch. Er sieht in den Sinnen zuverlässige Zeugen, deren Material zu einer fortschreitenden Erkenntnis der Welt genügt, um so mehr, als die Natur sich nicht versteckt, sondern sich dem Menschen mit Gewalt, sozusagen mit Unverschämtheit aufdrängt. Da er den Menschen samt seinen Sinnesorganen für ein Ergebnis der natürlichen Entwicklung hält, sind diese an die Natur und ihre Qualitäten angepasst und zu deren Erkenntnis befähigt. Ganz im Gegensatz zu John Locke, der meinte, dass dem Menschen viele Eigenschaften verborgen bleiben, weil der Mensch nicht mehr als fünf Sinne hätte, stellte Feuerbach fest, der Mensch hätte keinen Grund zu der Einbildung, dass, "wenn der Mensch mehr Sinne oder Organe hätte, er auch mehr Eigenschaften oder Dinge der Natur erkennen würde. Es ist nicht mehr in der Außenwelt, in der unorganischen Natur, als in der organischen. Der Mensch hat gerade soviel Sinne, als eben notwendig sind, um die Welt in ihrer Totalität, ihrer Ganzheit zu fassen". Das Denken ist ebenso eine natürliche Tätigkeit eines wirklichen Wesens, und daher ist ganz erklärlich, dass es die wirklichen Dinge und Wesen auch erfassen kann. Nur, wenn man das Denken vom Menschen absondert und für sich fixiert, entstehen die peinlichen, unfruchtbaren und von diesem Standpunkt aus auch unlöslichen Fragen, wie das Denken zum Objekt komme. Zwischen dem Denken und der Wirklichkeit herrscht Übereinstimmung, denn die Gesetze der Wirklichkeit sind auch des Denkens, das Denken darf nicht aus der Natur herausgelöst werden. Feuerbach bemühte sich auch, die Rolle des Denkens, des rationalen Moments in der Erkenntnis zu klären. Er wies auf den untrennbaren Zusammenhang des Denkens mit der Natur, deren Produkt es ist, und mit der Sinnestätigkeit hin. Er verwahrte sich dagegen, dass nur dem Denken das Wesen, der Kern, den Sinnen hingegen bloß das Äußere, die Schale, zugeschrieben werde.

Empiriokritizismus

Der Empiriokritizismus mit den Hauptvertretern Richard Avenarius und Ernst Mach ist wie der Materialismus eine Kampfansage an den idealistischen Ansatz der Philosophie. Sowohl eine subjektivistische als auch eine objektivistische Theorie der Erkenntnis wird abgelehnt. Das Bewusstsein wird monistisch gesehen. Physik und Psychologie haben denselben Gegenstand, allerdings gebe es auch keine von Empfindungen unabhängige objektive Realität. Empfindungen seien nicht auf Bewegungen zurückzuführen, sondern Eigenschaften empfindender Substanzen. Hier ergibt sich eine gewisse Nähe zu den Monaden von Leibniz. Wirklichkeit besteht demnach nur aus Empfindungen. Dinge seien nur Gedankensymbole für Empfindungskomplexe relativer Stabilität wie Farben, Töne, Drücke, Räume, Zeiten etc. Abstrakte Ideen wie Kategorien (Kausalität, Notwendigkeit) seien nur Symbole.

Zitate


- „Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu“ („Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war“) (John Locke)
- „Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu, nisi intellectus ipse.“ („Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war, außer dem Verstand selbst.“) (Gottfried Wilhelm Leibniz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand)
- „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B75)

Siehe auch


- Erkenntniskritik, Wahrnehmungspsychologie
- weitere Artikel zum Thema finden sich in der Kategorie Erkenntnistheorie

Werke


- Platon: Sämtliche Dialoge. Bd. II Phaidon/Bd. IV Theätet, Meiner, Hamburg 1998
- Platon: Der Staat, Reclam, Stuttgart 1989
- Aristoteles: Metaphysik, Rowohlt, Reinbek, 4. Aufl. 2005
- Thomas von Aquin: Fünf Fragen übe